Skip to main content

Full text of "Philologus"

See other formats


| 


I 


ΠΠΠ 


OLNOHOL 40 ALISH3AINN 


'g 


Cd 
” 
G 
P 
P- 
77 


* PHILOLOGUS 


ZEITSCHRIFT 
DAS CLASSISCHE ALTERTHUM 
BEGRÜNDET 


von F. W. SCHNEIDEWIN vum ἢ. v. LEUTSCH 
HERAUSGEGEBEN 


VON 


OTTO CRUSIUS 


IN MÜNCHEN 


Supplementband X. 
De un) 


LEIPZIG 
DIETERICH’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG. 
THEODOR WEICHER 
1907. 


Ν 


m 


P| u 


13 


y z 


Π 
; 


1. 
_ 


HT 


0 Druck von H, Laupp jr in 2 


ru, 


ΓΔ 


er 
ν 
f 
ie 
: 


ῖ 


εἰ 
nn 


AN, 


Inhalt des zehnten Supplementbandes. 


Seite 
Untersuchung zur Geschichte von Eran. Von J. Marquart. 11 

Bee)... . . Bat re δ 1 
Die Be okisferunppsgeschichte di on, Von Fr. Vollmer . . 259 
‘ De Senecae Hercule Oetaeo. Scripsit Aemelius Ackermann . . . 323 
Das Ausleben des Clauselgesetzes in der römischen Kunstprosa. 

Won In Ziehnsn  . . . u EEE nr FR 
Die Philostrate. Von Karl Mimscher Bir rc 
Untersuchungen über die Lucianische Vita REN Kan 

EN τς . [561 


Zum Sprachenkampf im aber: Baish ‚Yon oda Hakıl . 699 


fi} > ἢ τ Mn 
R 
{ ι « ᾿ - 
) δὲ ᾽ ι N ΤᾺ 
IN δ᾽ 
2 . EN Ρ νὴ .Ὡ 
»hiadtnamelgunt naar 
0 a Er) ae 
᾿ 2 ᾿ Ἧ y ἡ 
Υ. X an [ ‚wis ΓΕ εἰ οὐ > 
5 ΤΣ 
nat se ae er | 
" Ἵ ἐν KM 
Ν τ ΝΣ, νε ‚Ir 
id AV αι μι} ah 
δε Υ 5 . 4 εν ͵ 
ἵν } ΤῊ! Auen m’; | 
ἢ ἯΙ ΗΝ 4: 
ἢ 
je ja 
᾿ 


ΝῊ ' x A u εν N WATT 
eh 5 - f 11 u 1 er 


I. Die Namen der Magier. 


In der syrischen Schatzhöhle wird erzählt, wie die Magier 
bei der Erscheinung des wunderbaren Sternes voll Bestürzung in 
ihren gelehrten Büchern forschten und nun im Orakel des 
Nimrod!) fanden, dass ein König in Juda geboren werden 
würde. Sofort verliessen sie den Osten und zogen mit Geschenken 
an Gold, Weihrauch und Myrrhen, die sie in den Bergen von 
Nod geholt hatten, zum neuen Könige, um ihm ihre Huldigung 
darzubringen. „Die folgenden aber sind diejenigen, welche Opfer 
darbrachten, Könige und Söhne von Königen: Hormeizkar (Hor- 
mizdaö)?) von Mayözde‘ ἢ, der König von Persien, der den Titel 
‚König der Könige‘ führte und in Adorwigan‘) unten) resi- 
dierte; Azdeger Ὁ, der König von Saba, und Farwazd”?), der 


᾿ König von Schebä, das im Osten liest. Und als sie sich an- 


ge ea 


ἵν 
ΑΗ 


schickten hinaufzusteigen, geriet in Bestürzung und Schrecken das 
Reich der Riesen®) — es war aber ein sehr starkes Heer — so 
dass auch alle Städte des Ostens vor ihnen in Furcht gerieten. 

. Magier aber wurden sie genannt wegen der Maeiertracht, 


1) Die arabische Übersetzung 5. }*o, 5: „in dem Orakel, welches 
Jönton, der Sohn des Nüh, dem Nimrod gegeben hatte, als er mit ihm 
zusammentraf“. 


2) BA φμοδοοι, S 03094, V DWI0Q. 

ὅ BS uJJan!0, Ar. RD, Thatsächlich ist der Ausdruck 
“J)QA209 unübersetzbar. S. u. S. 6 f. 

4 SV weil; A «Ὁ, Β RL SE vgl. Lagarde, 
Mitteil. III 73. 

PER kl: Ar. Mean yo 155)» Ir d. i. 2031. 

Ὁ BJ0,9, Ar. lad vl ad 59. 

8) D.i. Kana‘an, wo einst die Riesen gehaust hatten. ὃ. u. 8. 3. 


Marquart, Untersuchungen. ΤΙ, 1 
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 


ῶ J. Marquart, 


mit welcher die Heidenkönige bekleidet waren, welche, wenn sie 
ein Opfer veranstalteten oder ihren Göttern Spenden darbrachten, 
zwei Trachten anlegten, die des Königtums innen und die des 
Masiertums aussen“). 

Diese Erzählung geht natürlich aus von der messianischen 
Psalmstelle 72, 10: 


and) ma DIR) Bd ΞΡ 
ΣΡ. NIER ΝΕΒΟῚ Na 1990 


Hier ist also das den Spätern unverständliche Tars2$ auf Persien 
(Pärs) bezw. das Partherreich bezogen worden. 

Vom dritten Könige erzählt die erweiterte Recension A noch 
folgendes: „Als der Sohn des Könies von Schebä noch ein kleiner 
Knabe war, brachte ihn sein Vater zu einem Rabbi, und er lernte 
die Schriften der Hebräer besser als alle seine Gefährten und 
Volksgenossen; und er sagte zu Seinen Dienern, dass auch in allen 
Geschlechtsregistern geschrieben stehe, dass der König in Bethlehem 
geboren werden solle“?). Und als die Magier dem Messias Opfer 
darbrachten und den Lobgesang der Engel hörten, die bei ihm 
auf- und niederstiegen, sagt Parwazdadö zu seinen Gefährten: 
„Jetzt weiss ich, dass die Prophezeiung des Jesaias wahr ist. 
Denn als ich in der Schule der Hebräer war, las ich im Jesaias 
und fand darin folgendes: „denn ein Kind ist uns geboren“ etc. 
(9.68.0: Ὁ} Ἶ 

Drei Magier mit ganz ähnlichen Namen kennt die Schatz- 
höhle schon zur Zeit des Nimrod. Es heisst nämlich von Salomo: 
„Er baute Tadmor in der Wüste?), und führte dort grosse 
Wunderwerke aus. Und als Salomo an den Fuss des Gebirges 
sekommen war, das Säir heisst, fand er dort den Altar, welchen 
Parwarzkar?), Paiwarzani®) und Jazdwär) erbaut hatten. Diese 
hatte nämlich Nimrod der Riese zu Balfam, dem Priester des 
Berges geschickt, weil er von ihm gehört hatte, er verlege sich 
auf die Sternbilder; als sie nun an den Fuss des Sä'ır gekommen 

1 Die Schatzhöhle hrsg. u. übers. von C. Bezold S. ἢ, 8 ff. 
Ma, 10 ff. — 8. 57. 58 der Übersetzung. 


Ey 

3, 8. Pf, 10 — 8. 59 d. Übs. 

*) 2 Chron. 8, 4. Jos. aox. 8 ὃ 154. 

1 B SS, SV IJ)uD, Ar. sr vi: sr Dr 
d. 1: ἘΠ οΙ Η 

Ὁ BSV PD, fehlt bei Ar. 

) B 909L, VA joop, S ον, Ar. lol, v1 gar) 


Bee ——— B > al. 


Be 


ΡΥ Zn 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 3 


waren, bauten sie dort einen Altar der Sonnet); und da ihn 
Salomo sah, baute er dort eine Stadt, und nannte sie Heliopolis 


ἃ. 1. Sonnenstadt“?). Diese eigentümliche Kombination wird da- 


durch verständlich, dass der Moabiterkönig Balaq als König der 
Riesen galt (Ja‘qubi, Hist. I ἣν; Qazwinı I ff) und mit der 
Landschaft Belga’ sLsl.)} zusammengebracht wurde?). Auch liest 


wohl eine Verwechselung des Gebirges Seir mit dem Sanir “si 
(Hohel. 4, 8), einer Kette des Antilibanos nördlich von Damaskus, vor. 
Diese Stelle steht mit einer früheren im Zusammenhang, wo 
es heisst: „In den Tagen des Ara (94, Payav) machten sich 
die Megräer d. i. die Ägypter den ersten König, namens Pontos, 
der über sie 68 Jahre herrschte. In den Tagen des Ar'ü herrschte 
(gleichfalls) ein König in Schebä und Öphir und in Hawilä. Es 
regierten nun in Schebä 60 Töchter von Schebäa, und viele Jahre 
lang herrschten in Scheba Weiber, bis zur Regierung des Salomo, 
des Sohnes Davids. Über die Söhne Ophirs®) herrschte aber der 
König Lephörön ὅ), der Ophir aus goldenen Steinen erbaute; 
denn. alle Steine in Ophir sind von Gold. Und über die Söhne 
Hawilä’s herrschte der König Hawsl*®), der Hawilä erbaute“ ®). 
Unter Re‘ü herrschte also noch ein König in Schebä, später 
aber Frauen bis auf Salomo, zu welchem die Königin von Schebä 
kam (ὃ. ja., 4. Unter Schebä versteht der Verfasser nicht 


Südarabien, das alte Reich von Saba, sondern Indien, wie 
aus dem Beisatz „welches im Osten liegt“ (5. p4, 12) hervor- 


geht. Man bezeichnete Südarabien und das gegenüberliegende 
Abessinien als „äusseres an) (ἡ ἔξω ᾿Ινδία, India citerior) im 
Unterschiede vom „inneren“ oder eigentlichen Indien (ἡ ἐνδοτέρω 
Ἰνδία, India ulterior). Schon bei Rufinus (h. e. I 9) begegnen 
wir aber einer Verwechselung dieser beiden Begriffe. Er behauptet, 
nach India ulterior sei vor den Zeiten Konstantins noch keine 
apostolische Predigt gekommen und definiert dasselbe als zwischen 
India citerior (dem glücklichen Arabien) und Parthien in der 
Mitte gelegen, sed longo interior tractu. Allein gleich nach- 


1) Vgl. Num. 23, 1 ff. 7. 14. 28 Β΄; 24, 17. 
2) Vgl. Ivan, 10 δ᾽ — 8. 48 d. Übs. 


τὴ ἫΝ Grünbaum, Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde 
S. 181, 


δ Ψ am Rande: „das ist Zind (Indien)“. 

Ar ap vl 0) +22. Im äthiopischen Klemens heisst der 
König von Sebä, der auch Ophir erbaut, Farnös = "5553 aus ..). 55 12. 
Als ursprüngliche Form vermutet deshalb Bezold 8.77 Anm. 112 der 


Übersetzung mit Recht «οὐαϑ statt HADN, also ein Eponymos 


von Do. 
6) 5, Pa, 5—14. 199, 6-13 = 5. 30/31. 
| “= 


4 J. Margquart, 


her wird Frumentius als der erste Apostel jener Länder genannt, 
der aber vielmehr in Abessinien das Evangelium gepredigt hat. 
Dasselbe wird dann von Sokrates, Sozomenos und Theodoret wieder- 
holt. Kosmas Indikopleustes in seiner Topographia Christiana ver- 
steht unter dem „inneren Indien“ immer "Südarabien, wogegen 
Johannes von Ephesos den König der Homeriten 0,3 (1. 10,3 
— Aiuvov, 866.) richtig als König der oyaman/ — τῶν ἔξω 
Ἰνδῶν bezeichnet!). In den apokryphen Apostelgeschichten aber 
begegnet uns jene Verwechselung auf Schritt und Tritt). 

Man sieht nun unschwer, dass die Namen „ya. S® und 
90,8 (so die vollständigere Form) auf dieselbe Grundform zurück- 


2341 


gehen. Beide lassen sich ohne Mühe in 9,50,9 bezw. 9.1.0, 
Farr-windaö?) „vom Glück erlangt“ oder „Glück erlangt habend‘ 
verbessern, dies ist aber nur eine Art Übersetzung von Gundafarr, 
in den Thomasakten „Qı9o Ri: Dr) gr. Γουνδάφορος, auf 
den Münzen "Yvdog&oong, Τονδοφάρης, ind. Gomdafarna, Guda- 
phara, Gadaphara ete.’), ap. Winda(h)-farnä, gr. ᾿Ινταφρένης für 
᾿Ινταφέρνης (Her. y 70. 78. 118 ff.), Ktes. Arap£gvng statt Avre- 
φέρνης, aw. *Windat-hwaronanh „die Majestät erlangend* 6). 
Der Name Gundaphar ist noch nack der Kompositionsweise der 
alten Sprache gebildet und war deshalb gleich sehr vielen anderen 
parthischen Namen, besonders der älteren Zeit, den Persern der 
Sasanidenzeit noch weit weniger verständlich als der grösste Teil 
der altgermanischen Namen den Deutschen im 13. und 14. Jahr- 
hundert. Man suchte sich .deshalb dieselben mundgerecht zu 
machen, indem man sie etymologisierte, wobei es natürlich bei der 
grossen Verschiedenheit der Wortbildung und Kompositionsweise 
der alten bildungsreichen Sprache von derjenigen der modernen 


1) Assemani, B. 0.1359. Vgl. Gutschmid bei Nöldeke, 
Gesch. der Perser und Araber 186 N. Gemeint ist νυ 8 οὖ, 

2) Vgl. R. A. Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 285. 
II 2, 59. 64. 132 £. 

®) Der Name ist belegt bei Tab. I }iv., 11. 14. 16 (a. 13 H.) mit 
der Var. SAse],5 Farr-a-windäd bei Ibn al Agir III jo, 23, die mit 
SA bei Ist. Ifa, 4. Ibn Haug. Y,1, ann. ὅ identisch ist. Vgl. 
G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer 297; F. Justi, 
Iranisches Namenbuch 5. 90a. 91b. 98 Ὁ. 

4) Wright, Apocryphal acts of the Apostles I S. 7.29: 

5) Die Münzen bieten im griechischen Texte bald PNAO®BEPPOT, 
bald TONdJO®APOT, TONJA®APOT. 5. Perey Gardner, The 
coins of the Greek and Seythie kings of Bactria and India in the British 
Museum p. 105—106, Pl. XXII, 5—13. Die Kharosthilegende zeigt 
neben Gradapharasa (gen.), Gudapharasa d.i. *Gudapharrassa auch die 
genauere Namensform Gomdafarna. Vgl. Otto Franke, ZDMG. 50, 
603; G. Bühler, Indian Antiquary, May 1896. p. 141 N. 5. 

©) Vgl.G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer 287. 


τὰς ον ΒΟ ΡΨ = 
ü , 5 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 5 


Dialekte, die den Flexionsreichtum jener zum grossen Teil als 
unnützen Ballast über Bord geworfen hatten, an mannigfachen 
Missverständnissen nicht fehlen konnte. 

Der in Farr-windäö steckende Gundaphar, der Herrscher des 
Sakenreiches im westlichen Indien und in Ariana, stammte aus 
dem parthischen Adelshause der Sür&n und war ein Zeitgenosse 
des Partherkönigs Gotarzes II., der sich nach seiner Vertreibung 
im Jahre 42 n. Chr. in sein angestammtes Fürstentum Hyrkanien 
und Karmanien zurückgezogen hattet). Während in den Thomas- 
akten der indische König Gundaphar als Beschützer des Apostels 
Thomas gepriesen wird, erscheint Gotarzes als hartnäckiger Feind 
der neuen Lehre und eifriger Verteidiger des alten Glaubens, wes- 
halb er schlechtweg den Namen Mazdaz führt, der ihn als eifrigen 
Mazdaverehrer bezeichnet?). Gundaphar ist auch in den syrischen 
Alexanderroman verflochten worden. In einem im griechischen 
Texte (Pseudo-Oallisthenes ed. Ὁ. Müller 3, 17) fehlenden Stücke 
des Briefes Alexanders an Aristoteles wird erzählt, wie Alexander 
von Prasiak& nach 10 Tagen zu einem hohen Berge kommt, wo an 
einem Flusse ein mächtiger Gott in Gestalt eines Drachen (näga) 
hauste. Alexander vernichtet den Drachen mit Hilfe derselben 
List, die Daniel gegen den Drachen angewandt hatte, und kommt 
dann zu einem hohen Gebirge, von welchem der Fluss Dzrastös 


(p. 196,2 gaolmS, p. 193, 13 a,A09,D, lies ana. 
Βιδάστης, Ptol. VII, 1 p. 447,18 Bıdaonng) entspringt. Der ganze 
Berg bestand aus Saphir und hatte Überfluss an Quellen und Wasser- 
sprudeln. Hier gründete Alexander die Stadt „Alexandria, die Königin 
der Berge“ — ohne Zweifel ᾿4λεξανδρεια ἡ πρὸς Kavzaow?) — 
und liess seine Truppen da zurück, er selbst aber zieht mit zwanzig 
seiner Freunde aus und gelangt zunächst nach Yaton oL|o, wo er 


drei Tage rastet. Ich vermute, dass dies derselbe Ort ist wie 
Cartana oppidum sub Caucaso, quod postea Tetragonis dietum 
Plin. ἢ. n. 6, 92. Von da marschiert er 10 Tage auf gebirgigem 
Pfade durch wasserreiche Gegenden und dann weitere 15 Tage 
durch eine Wüste, bis er zu den Grenzen von Gin gelangt. Als er 
den Hof des Königs von Qin erreicht, gibt er sich für Pithaös, den 
Gesandten des Königs Alexander aus und wird von Gundaphar, 
dem Heerführer des Königs verhört (S. 195, 5). Reich beschenkt 
kehrt er alsdann wieder zu seinem Heere zurück. Die vorliegende 
Erzählung versteht unter dem König von Gin offenbar den Kaiser 


!) Siehe meine Beiträge zur Geschichte und Sage von Eran 
ZDMG. 49, 641. 

?) Siehe vorläufig meine Chronologie der alttürkischen Inschriften 
S. 67 Anm. 3 

ὅ Wie der Fluss Bidastes zeigt, hat hier eine Vermischung zwi- 
schen Alexandreia Bukephalos am Hydaspes (Vitasta) und Alexandreia 
am Kaukasos stattgefunden. 


6 J. Marquart, 


von China. Ursprünglich war aber wahrscheinlich nicht dieser 
gemeint, sondern der König der Kusan, der, wie Sylvain 
Levi aus chinesischen Übersetzungen buddhistischer Legenden 
nachgewiesen hat!), in Nachahmung des chinesischen Kaisertitels 
„Himmelssohn“ (£en-tzö') sich den Titel devaputra oder voll- 


ständiger Cenasthana-devaputra, chinesisch abgekürzt Cen-tan, 
pers. ‚„u% daypür, sogdisch ‚„ax; fayfür?), arm. Uen-bakur?) 
beilegte.e. Der Sakenkönig Gundaphar wurde also zunächst zum 


Heerführer des Grosskönigs der KuSan (Jüe-li) degradiert, welcher 
das Reich der Saken vernichtet hatte. 


Der Name „9jJJa,® ist augenscheinlich von den Schreibern 
nach dem bereits verdorbenen „9a, S (aus 9,1,.0,9) gemodelt und 
zunächst aus ‚2).[0]5001 verstümmelt worden, Er entspricht offen- 
bar dem ersten der drei Magierkönige 9.090094 oder NUNDIOH. 
Mit dem diesem Namen beigegebenen Zusatz )a209 ist nichts an- 
zufangen ; er ist schlechterdings unübersetzbar. Ich vermute, dass 


1) Sylvain Levi, Deux peuples meconnus. Melanges de Harlez 
182 5. Notes sur les Indo-Sceythes. Journ. as. 1896, 2, 452. 457. 469. 
472; 1897, 1, 23 Note 2. Zuerst findet sich der Titel devaputra auf 
Münzen des Kusankönigs Kujula Kara Kaphsa (Cunningham. Num. 
Chron. 1892, 66. Pl. IV, 9), der wohl mit Kozulo-Kadphizes identisch ist. 
?) Dies ist im Persischen der ständige Titel des Kaisers von China. 


Vgl. al Chuwärizmi, Mafätih al ‘ulüm ed. van Vloten S8. }1, 2. IP., 7 
(wo zu lesen ist a RAR: aD 59 ,gule). Bei Tab. 1 "7", 11 
heisst es: „Fr&dün machte den TüC zum König über die Gegend der 
Türken, Chazaren und Cin, und man nannte dieselbe ἰδ (pw Cin 


baya“, wofür cod. Spr. 30 richtiger \4>\25 (no = Cin bayapuhr hat. 
Der Kaisertitel ist also irrtümlich als Landesname aufgefasst worden. 
Die Form πὸ fay wird von den Wörterbüchern für feryanisch er- 
klärt; 5. Horn, Neupersische Schriftsprache ἃ 35, 2 8. 78 (SA. aus 
dem Grundriss für iranische Philologie Bd. I, 2, Lieferung 1). 

Nach Ernst Kuhn, Barlaam und Joasaph S. 37 hätten schon 
die Vorfahren der Arsakiden in ihrer östlichen Heimat den chine- 
sischen Kaisertitel „Himmelssohn“ angenommen und ihn als daypuür, 
fayfüur nach dem Westen übertragen. Erst von letzterem wäre das 
devaputra der Kusankönige und weiterhin das δῦ 12 nz 2 — 


ἐκ γένους ϑεοῦ der Sasaniden ausgegangen. Diese Auffassung ist in- 
dessen völlig unhistorisch. 


3) Moses Xor. Geogr. ed. Soukry p. 46, 12 = 62 der Übersetzung. 
Bakur ist die armenische Form des parthischen Namens J/«xooos, den 


man sich als ‚„„%; zurechtlegte und daher, da &: in manchen Dia- 


lekten auch König bedeutete (al Chuwärizmi 14, 1. 1}., 7; Berüni, 
Chronologie FT, 9), mit Sahpuhr „Königssohn“ übersetzte. So heisst 


z. B. der persische König Säpür II. bei Prokop Pers. 1,5 p. 26 Ha xov- 
o:os, in der entsprechenden Stelle des Faustos Byz. 4, 20 dagegen Sapuh. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran, 7 


der ursprüngliche Text lautete: „910 099 „(Hormizkar) d.i. Mazda“. 
Die Lesart ᾿-ομοϑοο, Hormizkar lässt sich vom iranischen Stand- 
punkte aus nicht rechtfertigen, wogegen zSJo.® Ferözkar = 
np. “1 9542 „Victor“ einen guten. Sinn gäbe. Das Ursprüngliche 
wird aber „S,sjog% Hormizdfarr „von Hormizd Glück besitzend* 


sein, wovon Hormizdaö lediglich erleichternde Korrektur ist. Man 
hat sich also nicht daran gestört, dass Mazdai in den Thomasakten 
als Feind des Christentums erscheint, und ihn ganz naiv 
unter die drei Magier aufgenommen. Ein .ı1:2,9 oder :».9 er- 


scheint auch in den arabisch-persischen Arsakidenlisten, unter 
welchem, wie später gezeigt werden soll, gleichfalls Gotarzes II. zu 
verstehen ist. Die Residenz des Königs in Adorbaigän würde aller- 
dings besser auf Gotarzes’ Vorgänger und Schwager Artabanos II. 
passen, einen Sprössling des alten Königshauses von Atropatene, der 
aber in weiblicher Linie von den Arsakiden abstammte. Nachdem 
er zunächst die Krone seines Erbreiches Medien gewonnen hatte, 
wurde er später auf den Thron des Königs der Könige berufen, 
und ward so der Begründer der weiblichen Arsakidenlinie. Freilich 
war Atropatene gerade dasjenige Land, das — abgesehen von 
Pärs — unter einer altpersischen Dynastie am längsten von der 
unmittelbaren Herrschaft der Parther freiblieb. Seitdem aber 
Artabanos den Thron von Ktesiphon bestiegen, ward es ein gut- 
parthisches Land und erscheint in der arabisch-persischen Über- 
lieferung als ein Hauptgebiet der Pahlawik’s. Wie lange es nachher 
noch ein eigenes Königreich geblieben ist, lässt sich bis jetzt nicht 
bestimmen; ebensowenig vermögen wir zu sagen, ob in der That 
jemals Ganzak, die Hauptstadt von Atropatene, den Grosskönigen 
als zeitweilige Residenz gedient hat, da unsere Quellen sich nur 
auf die Periode vor dem Aufkommen der weiblichen Arsakiden- 
linie beziehen!). Der Ausdruck „in Adorwigän unten“ [NND ©] 


ist vielleicht mit Nöldeke (briefliche Mitteilung) durch die 
Annahme zu erklären, dass dem Verfasser eine Karte vorlag, in 
welcher Süden (mit Indien) oben und Norden (mit Adorbaigän) 
unten war, wie in den arabischen Karten. 


Über das oben erwähnte Orakel des Nimrod | erhalten wir 


. II ip“, 16— Pd = 1 33 Auskunft?): „In den Tagen Nimrods des 


Riesen wurde ein Feuer gesehen, das aus der Erde aufstieg. 
Und Nimrod stieg hinab, sah es und betete es an und setzte 
Priester ein, die dort dienen und Weihrauch hineinwerfen sollten. 


1ὴ Strab. τὰ 13, 1 p. 522 sagt, dass die Partherkönige im Sommer 
in Ekbatana und im Winter in Seleukeia am Tigris residierten. 


2) Die folgende Erzählung ist benutzt von Ja‘qubi, Hist. I },, in 


der arabischen Catene bei Lagarde, Materialien zur Geschichte und 
Kritik des Pentateuchs I S. 96, sowie bei Eutychius ed. Pocock I 62. 64. 


Vgl. Grünbaum, Neue Beiträge zur semit. Sagenkunde 94 ἢ, 


8 | J. Marquart, 


Seit dieser Zeit begannen die Perser das Feuer anzubeten (138) 
bis auf den heutigen Tag. [Es fand aber der König S2san') 
eine Wasserquelle in Adorbigan?), und machte ein weisses Pferd 
und stellte es daran auf; und diejenigen, welche sich badeten, 
beteten dieses Pferd an. Von da an begannen die Perser dieses 
Pferd anzubeten.]) Nimrod aber ging nach Nögdora®), d. 1. Nod, 
und als er zum See Okras®) kam, fand er dort den Jonton®), den 
Sohn des Nöh. 

Er stieg nun hinab und wusch sich in jenem See, und opferte 
und betete den Jontöon an. Jöntoön sprach zu ihm: Du bist 
König und betest mich an? Nimrod erwiderte ihm: Deinetwegen 
bin ich hierher herabgekommen. Er verweilte nun bei ihm drei 
Jahre, und Jontön lehrte den Nimrod Weisheit und das Buch der 
Offenbarung und sprach zu ihm: Komm nicht wieder zu mir! Und 
als er vom Osten heraufgekommen war und begann, dieses Orakel 
anzuwenden, verwunderten sich viele über ihn. Als aber JazSar”), 
jener Priester, der jenem Feuer diente, das aus der Erde hervorkam, 
sah, (140) wie Nimrod in jenen alten Bahnen der Offenbarungen sich 
bewegte, bat er jenen Dew, der um jenes Feuer erschien, sie 
möchten ihn die Weisheit Nimrods lehren. Und wie es die Ge- 
wohnheit der Dewe ist, diejenigen welche sich ihnen nahen, durch 
die Sünde zu verderben, sprach jener Dew zu jenem Priester: 
Kein Mensch vermag Priester und Magier zu sein, ehe er sich 
nicht mit seiner Mutter und mit seiner Schwester begattet. Jener 
Priester aber that, wie ihm der Dew gesagt hatte®). Von da an 
begannen die Priester und Magier und Perser, ihre Mütter und 
Schwestern und Töchter zu nehmen. Und dieser Priester Jazsar 
begann zuerst die Stellung des Horoskops anzuwenden und die 
Schicksale und Lose und Zufälle und die Zuckungen der Glieder 


Dar url, ν. 1. ὦ “λα ὥΥ λλλὴνν im Clem. Aeth. Säs, im 
äthiopischen Adambuch (Trumpp, Abh. der bair. Ak. XV, III.) Sachan. 

) Aus 0%, Ar. „Up, v. L „use 
Vgl. Lagarde, Mitteil. III 63. 

ὃ Nur A und Ar. 

Ὁ. So B; die übrigen Jj0,00,, J5,00., Ar. „Ass, als ὦ), 
RT 

5) SoB; Ar. οὐ], . 1} (P), Um) > wm); die übrigen Pl, 
Clem. Aeth. Teräwes — | ws ol 

6) A am Rande: Diesen Jöntön zeugte Nöh nach der Sintflut und 
ehrte ihn hoch und schickte ihn nach Osten, dass. er dort wohne. 

Ὁ So B; S yap, V zap/; A auf, Ar. ah, ve a, 
alu); Lagarde, Mat. 96 Alu ol „st, 

® A: „Und Idäser der Priester that so“. 


h 
4 
1 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 9 


und derartige Dinge der Chaldäerkunst. Dieses ist aber eine Trug- 
lehre der Dämonen, und jene welche ihr dienen, werden mit den 
Dämonen ihre Strafe empfangen am Tage des Gerichtes. Jenes 
Orakel des Nimrod aber hat (142) keiner von den rechtgläubigen 
Lehrern verworfen, denn auch diese haben es benutzt. Die Perser 
aber nannten es Orakel, und die Römer Astronomia*. 

Den Inhalt jenes Orakels selbst erfahren wir aus Salomon, 
dem Metropoliten von Bacra (um 1222), der vielfach aus sehr 
alten Quellen schöpfte und in seiner „Biene“ Kap. 37 folgende 
„Prophezeiung des Zaräööst über unsern Herrn* mitteilt): 

„Dieser Zarädost ist Barüy der Schreiber. Als er an der 
Wasserquelle GlöSa von Hörin 5855, wo das königliche Bad errichtet 
worden war, sagte er zu seinen Schülern, dem König Gusnasp 
und Sasan?) und Mahimad: Höret, meine Söhne und Geliebten, 
denn ich will euch ein Geheimnis offenbaren über den grossen 
König, der künftig in der Welt aufstehen wird. Am Ende der 
Zeit und bei der Endzerstörung wird ein Kind im Schosse einer 
Jungfrau empfangen und in ihren Gliedern gebildet werden, 
ohne dass ihr ein Mann genaht ist“. Es wird alsdann seine 


Kreuzigung, Erhöhung und Wiederkunft verkündet. Darauf fragt 


Gusnasp: „Dieser, von dem du diese Dinge sagst, woher hat er 
seine Macht? Ist er grösser als du? oder bist du grösser als 
er?“ Zarädust erwidert: „Er ist aus meinem Geschlecht ent- 
sprossen. Ich bin er, und er ist ich, und er ist in mir und ich 
in ihm. Wenn sich der Beginn seiner Ankunft zeigt, werden 
Zeichen am Himmel gesehen werden, und sein Licht wird das 
des Himmels übertreffen“. Er ermahnt seine Schüler sodann, auf 
diese Zeichen zu achten, und wenn der Stern erscheine, Gesandte 
mit Geschenken an ihn zu schicken. „Dieses sind die Dinge, 
welche von diesem zweiten Bal’am gesagt wurden, und Gott hat 
ihn nach seiner Gewohnheit gezwungen, dies zu verdolmetschen ; 
oder er stammte aus einem Volke, das mit den Prophezeiungen 
über unsern Herrn Jesus Christus bekannt war, und zeigte sie 
vorher an“. 

Die geheimnisvolle Prophezeiung des Zarädust bezog sich also, 
wie man sieht, auf die Geburt des SauSjant vor der Welterneuerung 
am Ende der Tage?).. Am Ende eines jeden der drei letzten Jahr- 
tausende der Welt wird eine im See Käsava in Sagistän badende 
Jungfrau schwanger von dem dort aufbewahrten Samen ZaraduStras. 
So werden Uxsjat-ar?ta, Uxsjat-nomö und Saosjant geboren wer- 
den, von denen jeder am Ende seines Jahrtausends die in Ver- 


ἢ The Book of the bee, ed. E. A. Wallis Budge S. AO = 
81 der UÜbs. 

τ... “SI, 

3) 8. bereits Ernst Kuhn, Eine zoroastrische Prophezeiung in 
christlichem Gewande. Festgruss für Roth 8. 217 ff. 


10 J. Μαγηυδτί, 


fall geratene Mazda-Religion wiederherstellen wird. Der letzte, 
Saosjaft, wird die Auferstehung und das mit der Welterneuerung 
und der Ausrottung des Bösen beginnende selige Zeitalter herbei- 
führent). Diese Lehre der Magier kannte schon Theopompos (ΟῚ 
bei Laert. Diog. prooem. p. 2), und es spricht nichts dagegen, 
dass die Sage von der wunderbaren Geburt des Saosjait ebenso 
alt ist. Die Christen haben diese Kunde, wie schon E. Kuhn 
(a. a. Ὁ. 219 f.) vermutet hat, wohl der apokryphen Schrift 
Hystaspes entnommen, welche, wie wir aus Justin und Lactantius 
schliessen dürfen , sicher die Prophezeiung vom Ende der Welt 
enthalten hat ?). Wie die Schatzhöhle selbst angibt, war jenes 
Orakel des Nimrod schon früher auch von orthodoxen Theologen 
benutzt worden. Seine Aufnahme durch die Christen setzt aber 
voraus, dass zur Zeit derselben noch chiliastische Hoffnungen und 
Erwartungen weite Kreise beherrschten. 

Unter dem König GuSnasp ist natürlich Gustäsp (lies 
DcohNao,. ) oder Wistäspa, der Beschützer Zaradustras zu ver- 


stehen. Die Quelle Glösa@ de- Hörin ist offenbar identisch mit 


dem See Okras, an welchem Nimrod den Jöntön traf und dessen 
Unterweisungen genoss. Wahrscheinlich ist davon aber auch die 
Quelle, welche Sisan nach dem nur in A sich findenden Zusatz 
in Adorbaigän entdeckt, nicht verschieden. Das an derselben auf- 
gestellte und göttlich verehrte weisse Ross ist ohne Zweifel ein 
Symbol des Feuers Atur-gusnasp (Hengstfeuer), d. i. des Blitzes, 
das in Ganzak (Tacht-i Sulaimän) östlich vom Urmiasee, der süd- 
lichen Hauptstadt von Adorbaigän verehrt wurde. Die genannte 
Quelle kann also kaum etwas anderes sein, als der innerhalb der 


Stadt Ganzak gelegene See (aelasta (Össt), nach welchem τ 
Stadt bei den Arabern πὴ genannt wird ?). 


Wie hier erscheint Wißtäspa auch in der romantischen Ge- 
schichte aus Chares von Mitylene (bei Athen. 13, 35 p. 575) als 
König von Medien bis zu den kaspischen Thoren. Mahimad 
ist ohne Zweifel Zaradustras leiblicher Vetter und erster Schüler 
Maidjör-mänha, der Spitäma (Jas. 51, 19; jt. 13, 95). Man hat 
also 0,90 zu schreiben für „ao. Unter an oder 
kann dann nur (Οἵ dmäspa (J asna D5jamäspa) der Sohn des Hwogwa 
verstanden werden, der weise Minister des Wistäspa, der erste am 
Hofe des Wistäspa, der die neue Lehre annahm und welchem 


1) Vgl.Darmesteter, Le Zendavesta II 521 n.112, Ip. LXXIX; 
Bundah. KXXII, 8—). 

2) Justin. apol. 1, 20. 44; Lactant. Inst. VII 16. Vgl. Windisch- 
mann, Zoroastrische Studien 298. 


3) Vgl. G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer 
248. 250 ff. Bei Tab. I 1, 12 cod. ΤῊ heisst der See vunml> er 
War-i Co. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 14 


Zaradustra seine Tochter Pourutista vermählte (Jasna 46, 17. 
49, 9. 51,18.; jt. 5, 68. 18, 103. 23,2. 24,3). In der Schatz- 
höhle S. 1a, 2 = 31 erscheint Sisan!) als Minister des Nimrod 
und erhält den Beinamen J3ja©9) „der Weber“. Wie Sisän in der 
erweiterten Recension der Schatzhöhle in Adorbaigän auftritt, so 
lässt Mas‘üdi (Murüg II 127) den Gämäsp aus ÄAdorbaigän stammen: 
„Nach dem Tode des Zarädust nahm der weise Gämäsp?) seine 
Stelle ein, der aus Adorbaigän stammte. Er war der erste 
Möbad, der nach Zarädust unter ihnen auftrat, indem ihn der 
König Bistäsp für sie bestellt hatte“. 

Jetzt ist es auch möglich, den Namen des dritten Maeier- 
königs zu erkennen. Der Priester „a ist natürlich kein anderer 


als Zara ustra, und die Änderung in anf, ταν und il 


bei A und dem Araber rein willkürlich. Die nächstliegende Ver- 
besserung ist a9), vgl. die armenische Form Zradast aus *Zura- 


dast und die Verderbnis von a Dax Abdagases in PR VI (Vater 
des ‘Awida) und; δ, ΑΞ, wen, DN in der Addailegende ed. Phillips 


‚p. 18, 4. Allein mit diesem Namen hängt der des dritten Magiers 
aufs engste zusammen: 


SI A ul: 
S. Ivan, 13 B yoyu, 5 joyp, VA ὅρῳμ. 
S. In, 13 Byap, S gap, Van, Α μαρύ. 


Nun hat bereits Cureton (Spicil. Syr. 81) bemerkt, dass Theodoret 
den Urheber des λισαδέινααα ϑα (der Ehe mit den nächsten Bluts- 
verwandten) Ζαράδης nennt: “λλὰ χατὰ τοὺς Ζαράδου πάλαι 
Πέρσαι πολιτευόμενοι. νόμους, χαὶ μητράσι χαὶ ἀδελφαῖς 
ἀδεῶς χαὶ μέντοι καὶ ϑυγατράσι μιγνύμενοι, καὶ ἔννομον 
τὴν παρανομίαν νομίζοντες 4). Die Namensform Ζαράδης für 
Ζετυϑυδίγα begegnet aber auch sonst, so z. Β. in den Anathema- 
tismen gegen die Manichäer: ἀναϑεματίζω Ζαράδην, ὃν ὁ Μάνης 
ϑεὸν ἔλεγε πρὸ αὑτοῦ φανέντα παρ νδοῖς χαὶ Πέρσαις, καὶ 
ἥλιον ἀπεχάλει" σὺν αὐτῷ δὲ καὶ τὰς Ζαραδείους ὀνομαζο- 
μένας εὐχαςὅ). Das Ursprüngliche ist also vielleicht 209). 


Möglicherweise hat aber die ursprüngliche Quelle mit verschiedenen 
Namensformen abgewechselt: WI (a) ?), 09) (90) ?) und AN]. 


2) Ar. mim. 

2) cod. L? und D  »Lul>, ed. „UL, lies „ul, 

3) Die Varr. des Arabers führen auf „> ΡΠ Be | 

ὑφ 
4) Ἕλλην. παϑημ. ϑεραπευτική. Περὶ νόμων I ed. Gaisford p. 351. 
5) 5. Windischmann a.a. O. 264 N. 8. 


19 , ᾿ J. Marquart, 


de Lagarde, Mitteil. III 72 ἢ, hat also mit Recht gegen 
die Identifikation der drei Magiernamen mit denen der sasanidischen 
Könige Jazdegerd 11., Hormizd III. und Peröz (438—484) ἢ 
protestiert. Freilich sind seine eigenen Winke noch viel bedenk- 
licher und reine Irrlichter. Er erwartet für „Jazdegerd“ einen 
äthiopischen Namen-, und sieht in den Magiern die Vertreter von 
Sem, Cham und Japheth. 

Jetzt kann es uns nicht mehr schwer fallen, auch die übrigen 
Magierverzeichnisse zu analysieren und in ihre Elemente zu zer- 
legen. Man findet sie zusammengestellt bei Albr. Wirth, Aus 
orientalischen Chroniken ὃ. 202 ff. und E. Nestle, Marginalien 
und Materialien 8. 67 ff. 

Nach dem syrischen Lexikographen Bar Bahlül?) stammten 
die Magier aus Persien, von den Söhnen des ‘Elam, Sohnes des 
Sem. Sie waren berühmte Fürsten und vornehme Männer des 
Landes Persien, hatten aber auch viel Volk und eine Geleitstruppe 
von mehr als 1000 Mann bei sich, so dass Jerusalem in Be- 
stürzung geriet, als sie anlangten®). Bar Bahlül gibt nun zunächst 
zwei Gruppen von Namen der Magier: 


T: SD ‘Arüfan 
W001 Hormen 
ET wol Tahses ; 

nach andern 


ΤΙ. POS Güdafarhöm 


Nana)’ Artahsast 
j;2No JyaaS Lepüda und Alperä. 

Hier ist ohne weiteres deutlich, dass Ss auf HADN 
(ursprünglich SH), den König von Ophir (oben 8.3 u. Anm. 5) 
zurückgeht. ‚Dasselbe gilt für JJasS (aus [2 9.) und ON. 

509 ist einfach Verschreibung für „0509 = Hormizd, 
eine Abkürzung von Hormizdäd; aa], ist lediglich Verstümmelung 
von Naal3/ Artahsast, und unter diesem Könige ist der Freund 
des „Gottesvolkes“, der Gönner des Ezra und Nehemja zu ver- 
stehen. Den Namen θα haben wir wohl in zwei Namen 


ἢ Nöldeke, Lit. ΟΡ]. 1888 Sp. 234. — Als ich die thörichte 
Anmerkung 2 bei Wirth, Aus oriental. Chroniken 203 schrieb, war 
mir die Schatzhöhle nicht zugänglich, und ich kannte die Namen nur 
aus Budge, The book of the bee 8. 84 n. 2. 

2) Ed. Rubens Duval col. 1002 £. 

>) Dieser Passus findet sich wörtlich schon bei Jakob von Edessa 
(f 708. 8. Eb. Nestle, Marginalien und Materialien 71/72. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 13 


2.999 und )909 zu zerlegen. Der letztere erinnert an das 
)o9y00) im vierten Verzeichnis, ist aber vielleicht gleichfalls nur 
eine Verstümmelung von Hormizd. 


II. Auf persisch sollen die Namen der Magier lauten: 
DBeh-amad (er kam gut), Zuöd-amaö (er kam schnell)!), und 
Drust-amad (er kam heil). 

IV. Zum Schluss gibt Bar Bahlül eine Liste von zwölf 
Namen, die sich auch bei Ps. Dionysius von Telmahr®, Dionysius 
Bargalibi (F um 1171), Michael Syrus und Salomo von Bacra und 
in einer „Weissagung des Propheten Daniel* findet?). Sie wird 
etwa foloendermassen herzustellen sein: 

DR = wor "μο οὐ 
m 5. ἢ γγμμοῖοο [ DH > 350901 
Zahrwendad bar Artaßan \ Ahdujad 
Hormizdaö bar Sanatrüg J Haöwendad bar Artaßan 


δ en,» N) oachao Westasp bar Gundefar 
10) SID 5 ?) ya Arsal bar Mihrög 


ΠῚ ΕΓ ΤΣ 


Diese vier brachten Gold. 


) Var. φῸ 50). 
5) Dionysii Telmahharensis Chronicon ed. Tullberg, Upsala 
1849 p. 74. Nestle, Porta linguae syr.!.p. 85. The book of the bee 
p- 93 (= 84 der Ubs.). Die armenische Übersetzung des Michael war 
mir nicht zugänglich. Die Liste in der „Weissagung des Propheten 
Daniel“ teilt Budge, The book of the bee p. 84 n. 2 der Ubs. mit. 
Ich bediene mich folgender Abkürzungen: 
1) — Dionysius Bargalibi. 
Dion. — Ps. Dionysius von Telmahre. 
Dan. — Weissagung des Daniel. 
BB —= Bar Bahlül. 
S — Salomo von Bagra. 


») 8 94509), Dan. 995049, D 9.0991. 
)D 15, Dan. ορϑϑ]αο. 
5) Dion. 890%, D om. 


6) So S eod. C; v. 1. SO, NO, Dan. NO, 


om. D. 
) DBB SNao, Dion. «ϑιδαού, 5 Amıaa 
| DIENTE | 
8) D Dion. AN Dan. Ιϑρμας,. 
8) Dan. “κού. : 
Ὁ) Dion. 009990, BB 90999, Ὁ ορϑορο. 


NT Dan. 


14 J. Marquart, 


ἤ) 90) 0 > 1)y05) Zarwandad bar Warzüd 
οἱ > οομϑ «Ἄγ bar Xesrö 
ὭΣ 539 λδδω δ Artahsast bar Παιοϊίαϑ' 
) ua 5. N) yanssoha/ Astön‘abödan bar Sisron 
Diese vier brachten Myrrhen. 
)yo909y „> διϑοθομοο Mihrög bar Höham 
a IK 10) auan/ Ahsöres bar (ahban 
Re RR (ardenäh bar Baladan 
ee) 90,0 Meröday bar Baladan 
Diese vier brachten Weihrauch. | 


Woher Wistäsp (GuStäsp) und Gundafar stammen, haben wir 
bereits gesehen, ebenso kann über die Herkunft des Hormizdäd 
kein Zweifel bestehen: es ist der erste der drei Magier in der 
Schatzhöhle. Dann erkennt man aber unschwer, dass 9,5099) zu- 


nächst nach Nr. 5 zurechtgemacht ist aus 9,5099) (BB) und dieses 


') Dan. 943050), Dion. BB 450%), D .109). 

») 8 v. 1. 99090» 90)090, Dan. J030, Ὁ 90, Dion. 9090, BB 
090, zul 090. 

ὃ 5 09. /. 

*) 5. Dan. Dion. Nuan))/, D Nail. 

ὃ 5 .hSa,, DBBNNca,, v1. Man, Dan. dm. 

Ὁ 5. ν. 1. «Ορνα, anısoha/, Dan. SrasNa/, Dion. D 
BB ‚JanıNa/. 

ΒΒ ν. 1. Sau, D oa, Dan. KAsoua. 

δ) Dion. 9009949, BB Ἰϑοϑόμο, D 00999. 

ὃ) Dion. A009, S yoyaw, Dan. υο)α,». 

10). Ὁ ayn/, Dion: azar/. 

11) Ὅδη. το D ae BB v. 1. Sun S ap 

29) 5 Dan. „Ss, Dion. u. oder N. 

=) Dan: «1.5. 

Ὁ D BB 099. | 

1) 5 385, v.l. 9842, ID, Dion. BBDNS, 


Untersuehungen zur Geschichte von Eran. 15 


.. 


dem 990,9 bezw. φῳιος Ὁ Farr-windäöd der Schatzhöhle entspricht. 


Die Willkür, mit der diese Namen mit einander in ein genealogisches 
Verhältnis gesetzt werden, darf uns nicht irre machen. Artaban 
ist wohl der historische König Artabanos I., der Zeitgenosse des 
Gundaphar; Sanatrüg aber ist der armenische König, unter welchem 
die Apostel Thaddaeus!) und Bartholomaeus das Martyrium er- 
litten haben sollen. Sein Name wird in den apokryphen Apostel- 
geschichten meist in greulicher Weise verunstaltet, z. B. Asireges, 
Astriages und gar Astyages?), bei Salomon von Bagra 3. AuO, 


δοσῖοο, u.ä. Er regierte nach Mar Abas von 167—196 n. Chr, 


und erbaute sich einen Palast in Mcur oder Mcurk‘ am Euphrat?), 
in dessen Trümmern späterhin, als man die Pfeiler jenes Palastes 
für die Pforte des Königs der Perser verlangte, eine Säule ge- 
funden worden sein soll mit einer griechischen Inschrift, welche 
ein Verzeichnis der armenischen und parthischen Könige enthielt?). 
Diese Erzählung knüpft an den grossen Streifzug des ‚Königs 
apüur II. nach dem westlichen Armenien im Jahre 359 an, auf 
welchem derselbe bis nach Mzur, Daranal® und Eketeac‘ ge- 
kommen sein soll?). Das Grabmal des Königs befand sich in der 


1) Mos. Xor. 2, 34; Faust. Byz. 3,1. Vgl. Dashian, Die edesse- 
nische Abgarsage. WZKM. 1890, 5. 144 ff. 

2) Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 147. 210 ff.; 
II 2, 55. 66 Ε. 104. Vgl. auch Justi, Iran. Namenbuch 282. 

ὃ) Faust. Byz. 4, 14 S. 115. 

4 Mar Abas bei Sebeos ed. Patkanean ὃ. 1, wo Ζ. 9 für 
fh Welt geogupl zu lesen ist ᾽ν WSpbt gunguph „in der Stadt 
Meur“. Erst dem Ps. Moses 2, 36 S. 113 ist es vorbehalten geblieben, 
ihm die Wiederherstellung von Mebin (Nisibis) zuzuschreiben, das er 
aus Mar Abas (ὃ. 9, 2.9, wo zu lesen 'ῥ 1} διεἥμαω für ᾽ν Wpdwty) als 
Residenz des ersten armenischen Arsakiden Ar$ak des Jüngeren kannte. 
„Aber was immer für 'Thaten des Sanatruk geschehen sein mögen, so 
haben wir doch keine der, Erwähnung wert gehalten ausser den Grün- 
dungen der Stadt Mebin (Überarbeitung von Faust. 4, 14 S. 115). Denn 
nachdem sie von einem Erdbeben verschüttet war, liess er sie zerstören 
und prächtiger wieder auibauen und von neuem mit einer Mauer und 
einem Vorwerk umgeben. Sich selbst liess er in der Mitte als Bild- 
säule aufstellen, eine Drachme in der Hand halterid, was etwa andeutet, 
dass zur Erbauung dieser Stadt alle Schätze aufgebraucht wurden und ᾿ 
nur diese einzige übriggeblieben war“. 

V Febr ist also im Auszuge aus Mar Abas nachträgliche Korrektur 
nach dieser Stelle des Moses. Damit fällt die Schwierigkeit, für Sanatruk 
den Besitz der Festung Nisibis zu erweisen (ΖΜΟ. 49, 650 f.), weg. 
Über Mecur, arab. ‚;2 \u>, welches dem östlich vom Euphrat 
gelegenen Teile des Landes Mugrs bei Salmanassar II. entspricht, vgl. 
H. Gelzer, Georgius Cyprius p. 183 5. Kiepert, Die Landschafts- 
grenze des südlichen Armeniens. Monatsber. ἃ. Berl. Akad. 1873, 5. 201. 
Ibn Serapion ed. Guy le Strange. JRAS. 1895, 13. 64. 

Ν 5) Faust. 4, 24 5. 141. Vgl. Amm. Marcell. 19, 6, 1, wonach 
Sapür auf diesem Zuge unter andern befestigten Plätzen auch Ziata 


eastellum einnahm, syr. A) Land, Anecd. Syr. II 61, 12 (Nöldeke, 


16 J. Marquart, 


Festung Ani (Kamach) am Euphrat, der Nekropole der armenischen 
Könige!), und war so fest, dass es allein der Zerstörung durch 
die Perser entging. 

Suidas hat aus einem unbekannten griechischen Historiker?) 
eine Notiz über Bu König aufbewahrt, die ihn in sehr ‚günstigen 
Lichte darstellt: “Ξανατρούκχης ᾿Αρμενίων βασιλεύς, ὃς τὸ μὲν 
σῶμα ξύμμετρον εἶχε, τὴν γνώμην δὲ μέγας ἐτύγχανεν εἰς 
ἅπαντα, οὐχ ἥκιστα δὲ εἰς τὰ ἔργα τὰ πολέμεα. 
ἐδόκει δὲ χαὶ Tor δικαίου φύλαξ ἀκριβὴς γενέσϑαι, καὶ τὰ 
εἰς τὴν δίαιταν ἴσα χαὶ τοῖς κρατίστοις ᾿λλήνων τε καὶ 
“Ῥωμαίων χεχολασμένος. 

Ps. Moses Chor. 2, 36 lässt den Sanatruk auf der Jagd durch 
einen Pfeil getötet werden zur Strafe für die Martern, die er 
seiner Tochter Sanducht bereitet hatte. In der That aber fiel er 
im Jahre 196 n. Chr. im Kampfe gegen die Alanen oder Mazk’ük‘, 
die unter ihrem König Wsnasp Surhap einen Einfall in Armenien 
gemacht hatten ?)., Es ist übrigens zu beachten, dass hier Sanatruk 
nicht selbst als einer der Magier erscheint, sondern nur als Vater 
eines derselben. 

Der Vater von Nr. 5, 90)90 mit mannigfachen Varianten, 
verdankt seinen Namen dem Magier 909), der Schatzhöhle, d. 1. 


ursprünglich Zarädust, aber auch der scheinbar ganz tadellos 
persische Name 9,305) Zarwandadt) ist lediglich aus einer hand- 


schriftlichen Variante jenes 909%, 095) zurechtgemacht. Hawila# 
ist natürlich der König des goldreichen Hawıla (oben 8. 5), 
als dessen Produkte Gen. 2, 11 ausserdem nb=3 und der 3oham- 
Stein genannt werden. Von den Späteren (schon Jos. &ey. 1, 147) 
wird Hawila ebenso wie Ophir nach Indien verlegt. Im zweiten 
Teil des Namens gaasıoha/, anı bezw. „ans erkennen 
wir dann leicht ἀν König von Ophir, ‚gjaD@N bezw. «οὐοθο 
wieder). ᾿ 

δεδγῦη ist dem König San Sirsön®) von Bela‘ ent- 


WZKM. X 169), später „9 Jun, arab. ol; Guam, arm. Karberd, 
das heutige Charput. 

1) Faust. 4. 24 3.112. Vgl. 3, 12. Agathang. bei Langlois1167b. 

5) Petros Patrikios, an den man zunächst denkt, kann es wegen 
des ξύμμετρον nicht sein, ebensowenig Kassios Dion. 

°®) S. meine Chronologie der alttürkischen Inschriften 5. 92. Bei- 
träge zur Geschichte von Eran. ZDMG. 49, 649 f. 

) Vgl. Justi, Namenbuch 383/84. 

5) Doch wäre es auch möglich, dass der in Verbindung mit dem 
Satrapen Sisines von Arbäja genannte TINO Σαϑραβουζάνης (eig. 
Tann) Ezra 5, 3 zu Grunde läge und die LA. Jasıha/ vor- 


zuziehen wäre. 
9) Van, A ρου, Ar. als, 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 17 


nommen, der nach der Schatzhöhle 8. jo., 8 (= 36 der Übs.) sich 


mit dem König Bera‘ von Sodom, Bar$a‘ von Gomorrha, Jebüs, 
dem König von Damaskus (Darmesug), Bogtor, dem König der 
Wüste und andern Königen bei Melchisedek versammelte und 
demselben die Stadt Jerusalem erbaute (vgl. Gen. 14, 2). Wir 
werden uns also nicht mehr wundern, wenn wir nicht bloss 
Artach$aSt, den Beschützer Ezras und Nehemjas, sondern auch eine 
Reihe anderer Freunde des „Gottesvolkes“ unter die Magier ver- 
setzt sehen, wie Achsires (Achsawars), den Judenfreund des 
Estherbuches, (ardenäch ἃ. i. Iaysodovog (Asarhaddon), unter 
welchem der Jude Achikar assyrischer Finanzminister wurde und 
dessen Oheim Tobit nach Ninive kam (Tob. 1, 21. 22 ed. Swete), 
und vor allen Merodakh bar Baladän, d.i. 77853 73 712 53 T77n 
Jes. 89, 1 = 2K. 20, 12, den chaldäischen König Marduk-abal- 
iddina, den Zeitgenossen des Messiaspropheten Jesaja, welcher an 
den judäischen König Chizqlja eine Gesandtschaft mit reichen 
Geschenken schickte und ihm eine Allianz gegen Assyrien anbot. 
Die Lesart Mardüx bar Bel denkt dagegen an den Gott Bel- 
Marduk selbst und passt nicht in den Zusammenhang dieser Liste. 

In 039.0 Nr. 9 habe ich schon vor Jahren Mahrawäk 


— aw. Mädrawaka erkannt!). Vielleicht haben wir als ur- 
sprüngliche Lesart og Manharwäk anzunehmen, was der 


gewöhnlichen Transskription des aw. mädra im Pahlawi, mandar, 
noch, näher käme. Die richtige Etymologie von Yo hat 


Justi gefunden?): es ist AZu-wahm = aw. *hu-wahma „sehr 
fromm*. Das Awesta kennt einen Mädrawäka, Sohn des Säimuzi, 
der als a&drapaiti (herpat) und hamiöpaiti bezeichnet und als 
Bekämpfer der Ketzer gepriesen wird jt. 13, 105, ausserdem wird 
ein Wahmae-däta, Sohn des Mädrawäka genannt 70. 13, 115. Diese 
beiden Personen sind in späterer Legende offenbar zusammen- 
gefallen, der Name Huwahm entspricht dem aw. Wahmasöäta „in 
Lobpreis (Gottes von Seiten der Eltern) geschenkt“ (Justi). Es 
steht nichts der Annahme im Wege, dass in apokryphen Evangelien 
so gut wie Madjamäh (Maidjoimänha) auch der Asrapaiti MäYra- 
wäka in Verbindung mit messianischen Prophezeiungen Zoroasters 
genannt war. 

In 09,3/ möchte ich den Namen des Ahnherrn der edesse- 


nischen Königsfamilie, a,5/ Arjü „Löwe“ erkennen?) Dann 
stünde oa» Xesrö für ᾿Οσρόης (sonst gleich Xoogong, Chosrau), 


wie nach Prokop. Pers. I 17 p. 85 ein alter König von Edessa 
in der Partherzeit hiess, nach welchem die Landschaft Osroöne 


1!) Bei Albr. Wirth, Aus orientalischen Chroniken 206/7. 

35) Iran. Namenbuch 140 a. 

8) The doctrine of Addai ed. Phillips p.47. Vgl. meine Assyriaka 
des Ktesias S. 515. 


Marquart, Untersuchungen. II. 2 


18 J. Marquart, 


benannt wurde!). Freilich lautet der syrische Name von Edessa 
„0930/ Orhäl, und Ps. Dionysios von Tellmahre 8. 65 nennt 


deshalb als Eponymos der Stadt den Orhäi bar Hewja. Allein 
dies brauchte den Verfasser unserer Liste nicht zu stören. 

Der Name Arsak bot sich natürlich von selbst. Dagegen 
möchte ich im Namen seines Vaters 059.0 Mihrög nicht den 


awestischen Magiernamen Mäyrawaka erkennen. Vielmehr er- 
blicke ich darin nur eine der vielen Verschreibungen des Namens 
DO, vielleicht auf eine Nebenform sojyuno *Sanahrük 


zurückgehend ?). 

Es hat sich also herausgestellt, dass der historische König 
Gundafarr in sämtlichen Verzeichnissen den Mittelpunkt bildet, 
auch in demjenigen, welches im Westen die Oberhand gewonnen 
hat und nachweisbar zuerst in den Excerpta Latina Barbari er- 
scheint?), während die übrigen Namen aus verschiedenen Legen- 


1) Vgl. Gutschmid, Untersuchungen über die Geschichte des 
Königreichs Osroene 8. 10. 

2) Etymologie und Lautverhältnisse dieses Namens sind noch un- 
klar. Der erste Partherkönig dieses Namens (76—67 v. Chr.) wird von 
Ps. Lukian, Makrob. 15 Σινατροκλῆς, von -Phlegon fr. 12 bei Phot. 
cod. 97 — Müller, FHG. III 606 Σινατρούκης, von Appian Mithr. 104 
Σιντρίκης genannt. Der zweite Partherkönig $., der beim Partherfeld- 
zug des Trajan regierte und a. 116 n. Chr. vertrieben wurde, heisst bei 
Malalas S. 270 Σανατρούκιος (aus Arrian).. Der König von Armenien 
endlich, von welchem oben die Rede ist, Σανατρούκης, wird von Kass. 
Dion 75, 9, 6 als Vater des Οὐολόγαισος (Watars) bezeichnet. Die Syrer 


schreiben 00,109 oder 0,109, die Armenier Sanatruk und die 


persisch-arabischen Quellen 5 in (mit ἃ) Tab. I a}., 6, arabisiert 
Br ρων. Vgl. Justi, Namenbuch 282. Ps. Mos. Chor. 2, 36 8. 114 


leitet Sanatruk vom Namen seiner Amme Sanot und dem arm. turk‘ 
„Geschenk“ ab. Die ursprüngliche Sage sprach aber offenbar von 
einer von den Göttern gesandten weissen Hündin, welche das Kind in 
Obhut nahm, woraus erst der Rationalismus des Moses eine Frau ge- 
macht hat, wie Her. « 110. Dies setzt eine Nebenform *san- ‚Hund‘ zu 


aw. span- (gen. suno) voraus, wie np. &\w zu med. σπάκα, spah (Hamza 
bei Jägüt III f}, 17. = I}, 21 84), skythisch σπάγα bei Hesych.: 


παγαίη κύων σκυϑιστί, wofür zu lesen: (o)ndya' ἡ κύων σκ. 

ὅ Bei Schöne, Eusebii Chron. I App. p. 228: Magi autem voca- 
bantur Bithisarea Melichior Gathaspa. In diesem Gathaspa hat be- 
kanntlich zuerst Gutschmid, Die Königsnamen in den apokryphen 
Apostelgeschichten. Rh. Mus. 1864 5. 162 = Kl. Schr. TI 334 den Gunda- 
farr erkannt. Der Armenier Wardan folgt derselben Tradition; bei 
ihm heissen die Magier: 

Metk‘on der Perser; 

“μενα αν Daspar (ν. 1. pwpwunywp Daraspar) der Inder; 

Batdasar Arab. 

Es ist zu lesen pogzwinywp Gadaspar = Γαδασπαρ. Vgl. Baum- 
gartner, ZDMG. 40, 508 N.1. Da in anderen Verzeichnissen einer 
der drei Könige Malachath, Malgalat, Magalach heisst, was nuntius 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 19 


den, namentlich aber aus der Schatzhöhle, zusammengetragen und, 
soweit sie ursprünglich historisch sind, den verschiedensten Zeit- 
altern angehören. Viele Namen sind aber auch reine Erfindung, 
und sämtliche dieser angeblichen Magier sind sehr willkürlich 


‚geordnet und miteinander verbunden worden. 


Sehr merkwürdig ist es, dass die Addailegende auf die Zu- 
sammenstellung dieser Verzeichnisse gar keinen Einfluss ausgeübt 
hat: weder von Narse, dem König der AdYöräje, d. 1. dem jüdischen 
König Izates von Adiabene und seinen Fürsten, noch dem später 
an seine Stelle getretenen Abgar Ukkaämä von Orhäi findet sich 
in den Verzeichnissen die geringste Spur. Die Erklärung für diese 
auffällige Thatsache muss ich einer andern Gelegenheit aufsparen. 
Soviel aber ist ohne weiteres klar, dass die Thomasakten in Edessa 
weit früher bekannt gewesen sein müssen als die Edessa ursprüng- 
lich fremde Addailegende. | 

Hoffentlich bleiben nun die vielgereisten Magier von den 
Geisterbeschwörungen der Theologen und Orientalisten etwas ver- 
schont und dürfen sich der wohlverdienten Ruhe in der rheinischen 
Kathedrale erfreuen. 


2. Alexanders Marsch von Persepolis nach Herat. 


Nach der Verbrennung von Persepolis und der Ernennung 
eines neuen Satrapen von Pärs rückte Alexander nach Medien 
vor, wo Dareios, wie er hörte, sich aufhielt. Dareios hatte be- 
schlossen in Medien (Ekbatana) zu bleiben, so lange Alexander 
bei Susa oder Babylon verweilen würde, und dort abzuwarten, 
ob etwa ein Umschwung des bisherigen Glückes Alexanders ein- 
treten würde, aber nach Parthyaia und Hyrkanien und weiter 
nach Baktrien zu ziehen, wenn jener gegen ihn anrücken sollte. 
Während er nun die Frauen und den Tross zu den Kaspischen 
Thoren vorausgesandt hatte, war er selbst mit der Truppen- 
macht, die sich wieder um ihn gesammelt hatte, in Ekbatana 
geblieben. Auf die Nachricht davon zieht Alexander gegen 
Medien und unterwirft auf dem Marsche dahin die Zlaouı- 
τώχαι und setzt über sie einen Satrapen. Als er aber auf dem 
Marsche die Nachricht erhält, Dareios habe beschlossen ihm zum 
Kampfe entgegenzuziehen, da er Verstärkungen von Skythen und 
Kadusiern erhalten habe, lässt er den Tross nachfolgen und das 
übrige Heer gefechtsbereit vorrücken. Am 12. Tage kommt er 
nach Medien (d. h. von Persepolis aus zur Grenze von Medien 


NDn) bedeuten soll, so wird man den Namen Melichior, Melchior 
damit zusammenzubringen und als NX">857 „Bote des Lichtes“ (des 
durch den Stern angekündigten Messias) oder „mein Bote ist das Licht‘ 
aufzufassen haben. Bei letzterer Auffassung würde der Name des 
Magiers eine Art Programm des Lichtkönigs enthalten. 

Fee 


20 | J. Marquart, 


und Paraitakene). Dort erfährt er, Dareios besitze keine schlag- 
fähige Streitmacht, noch seien Hilfsvölker der Kadusier oder 
Skythen eingetroffen, sondern Dareios habe sich zur Flucht ent- 
schlossen. Darauf rückt Alexander mit noch grösserer Eile vor, 
und als er noch drei Tagemärsche von Ekbatana entfernt ist, 
kommt Bistanes, ein Sohn des Ochos zu ihm und meldet, Dareios 
sei seit fünf Tagen auf der Flucht. 

Dareios hatte also Ekbatana bereits verlassen, als Alexander 
noch acht Tagemärsche von demselben entfernt war, und als 
dieser an der medischen Grenze von dem Entschluss des 
Dareios, zu fliehen, Kunde erhielt, war derselbe bereits seit drei 
Tagen aus der medischen Hauptstadt entwichen. Die medische 
Grenze war also fünf Tagemärsche von Ekbatana entfernt und 
der gesamte Marsch von Persepolis bis Ekbatana betrug 17 Tage- 
märsche. Wie wir unten sehen werden, befand sich die medische 
Grenze wahrscheinlich bei der Stadt Rapsa.. Von hier bis nach 
Persepolis rechnet nun die Karte des Castorius 86 Parasangen oder 
12 Tagereisen ἃ 7 Parasangen, bis Ekbatana aber nur 30 Par. 
oder fünf schwache Tagereisen ἃ 6 Par.!) Alexander kann also 
bei der Unterwerfung der Paraitaken keinen irgendwie nennens- 
werten Umweg gemacht haben, vielmehr führte seine Route direkt 
durch ihr Gebiet. 

In Ekbatana entlässt Alexander die thessalischen Reiter und die 
übrigen Bundesgenossen in die Heimat und befiehlt dem Parmenion 
mit den Söldnern, den Thrakern und der übrigen Reiterei, ausser 
den Hetairen, am Lande der Kadusier entlang nach Hyrkanien zu 
ziehen. Für Kleitos, der krank in Susa zurückgelassen worden 
war, hinterliess er die Ordre, sobald er von Susa nach Ekbatana 
käme, mit den 6000 Makedonen, die zur Bewachung der in der 
Burg von Ekbatana hinterlegten Schätze aus den persischen Königs- 
schlössern zurückgelassen wurden, nach Parthien zu ziehen. Er 
selbst aber zog mit der Reiterei der Hetairen, den Aufklärungs- 
und Söldnerreitern unter Erigyios, sowie der makedonischen Pha- 
lanx und den Bogenschützen und Agrianern in Eilmärschen gegen 
Dareios, und erreichte am 11. Tage Ragai, von wo die Kaspischen 
Thore in diesem Tempo in einem Tagmarsch zu erreichen waren. 
Dareios hatte jedoch den Pass bereits hinter sich, doch hatten ihn 
schon viele verlassen und sich aufgelöst, um ihre Heimat zu er- 
reichen, nicht wenige ergaben sich auch dem Alexander. Da dieser 
die Unmöglichkeit einsieht, den Dareios sofort zu ergreifen, so 
hält er in Ragai fünf Tage Rast, um seinen erschöpften Truppen 
Ruhe zu gönnen. 

Plutarch, der hier einer Quelle folgt, weiche die Ergreifung 


1) Über die genaueren topographischen Details kann ich für vor- 
liegenden Zweck auf Tomascheks Abhandlung Zur historischen Topo- 
graphie von Persien I, SBWA. Bd. 102, S. 145 ff. (1883) verweisen. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 1 


des Dareios durch Bessos schon in Ekbatana erfolgt sein liess, 
und sich auch sonst mit der romantischen Gruppe berührte, in 
Einzelheiten aber noch viel genauer war als diese, erzählt (Alex. 42), 
dass Alexander auf die Nachricht von der Ergreifung des Dareios 
durch Bessos die Thessaler in die Heimat entliess und ihnen noch 
2000 Talente über den schuldigen Sold auszahlen liess, dann aber 
die Verfolgung fortsetzte, die langwierig und beschwerlich ge- 
wesen sei, da er in 11 Tagen 3300 Stadien durchritten habe. 
Die meisten aber wären ermattet, zumal in der wasserlosen Wüste 
(vgl. Arr. y 20, 1). Allerdings hat die Quelle Plutarchs die 11 Tage 
von Ekbatana bis Ragai und den Marsch von da bis zur Auf- 
findung der Leiche des Dareios zusammengeworfen und rechnet 
jene 11 Tage bis zur Katastrophe des Dareios. Es kann aber 
nicht zweifelhaft sein, dass die Angabe sich ursprünglich nur auf 
den Marsch von Ekbatana bis Ragai bezogen haben kann. Alexander 
hätte also damals täglich 300 Stadien zurückgelegt; der ganze 
Weg von Ekbatana nach Raj hätte, wenn man den Parasang nach 
seinem Normalwert zu 30 Stadien rechnet, 110 Parasangen oder 
151!/, Tagereisen ἃ 7 Par. betragen. 

Allein die arabischen Itinerare bemessen die Entfernung von 
Hamadän nach Raj auf nur 62 (Ibn Rusta Ἵν, 11 ff.) oder 


64—65 Par.!) = 9 Tagereisen ἃ 7 Par. Alexander müsste also 
einen ganz ungeheuren Umweg, zuerst in nördlicher Richtung etwa 
bis Zängän, und weiter über Kazwin gemacht haben, was um so un- 
erklärlicher wäre, da er doch das grösste Interesse daran hatte, den 
Dareios auf der geradesten und schnellsten Route zu erreichen. Wir 
müssen also zuerst einen festen Massstab für die Märsche Alexanders 
gewinnen. Es ist hier auszugehen von der Lage der Stadt Heka- 
tompylos. Diese lag nach dem Geschichtsschreiber der Parther, 
Apollodoros von Artamita, 1260 Stadien östlich von den Kaspischen 
Thoren (Strab. ı« 9, 1 p. 514), und diese Angabe wird gestützt 
durch die Lage von T&yn (so ist zu lesen für TAP’H), welches 
nach demselben Schriftsteller ?) 1400 Stadien von den Kaspischen 
Thoren entfernt war (Strab. ı@ 7,2 p. 508), also 140 Stadien nörd- 
lich von Hekatompylos lag. Tage war nach Strabon (d.i. Apollodor) 
eine hyrkanische Königsburg?); Antiochos d. Gr. rückt von 
Hekatompylos, das mitten in Parthyene lag, nach Hyrkanien vor 
und kommt zuerst nach Tayai (Polyh. ı 28, 7. 29), das demnach 
bereits zu Hyrkanien gehörte. Hekatompylos muss also in der 
Nähe von Tayai gelegen haben. Die Burg Ta&yn, arab. Slot, 


war noch in der ältern Chalifenzeit berühmt: es war ein ungemein 


1) Ibn Chordadbih Pi, 3 ff. Qod. P.., 6 ff. 


39) Dass diese Notiz aus Apollodor, nicht, wie Behr, De Apollo- 
dori Artamiteni reliquiis p. 11s. meint, aus Eratosthenes stammt, be- 
weist schon das Verhältnis zu der Entfernung von Hekatompylos. 


3) Uber den Beisatz μικρὸν ὑπὲρ τῆς ϑαλάττης ἱδρυμένον 5. unten, 


22 J. Marquart, 


festes Schloss in Tabaristän, in welchem sich der Spähpet im 
Jahre 141 H. (758/59) vor den Arabern verschanztet!), und das 
den persischen Königen als γαζοφυλάκιον gedient haben sollte: 
Manös£ihr soll es zuerst dazu gemacht haben ?). 

Die Lage des Schlosses T&yn ist uns nun bekannt: es ist 
unzweifelhaft das heutige Täk (bei Melgunoff, Das südliche 
Ufer des Kaspischen Meeres 143 f. 70%), 5 miles nördlich von 
Dämyän auf dem Wege in das ‘Alitäsmä-Thal, 51/, Farsang sw. 
von Deh-i Mollä®?). Daraus muss sich auch die Lage von Heka- 
tompylos ungefähr feststellen lassen: 140 Stadien oder 4?/, Par. 
südlich von Täk führen uns genau zu den Ruinen zwischen Frät 
und Dämyän (16 +5 miles s. von Täk), wo General Houtum- 
Schindler (Zeitschr. der Gesellschaft für Erdkunde 1877, 217) 
das alte Hekatompylos ansetzt. ’ 

Völlig abweichend von Apollodor gibt aber Eratosthenes die 
Entfernung der Stadt Hekatompylos von den Kaspischen Thoren, 
ἃ. h. offenbar vom Beginn derselben, auf 1960 Stadien an (Strab. ı« 
8,9 p. 514). Diese Zahl lässt sich kontrollieren durch eine andere 
Angabe, wonach man von den Kaspischen Thoren bis Alexandreia 
im Areierlande ἃ. 1. Herät (in runder Summe) 6400 Stadien zählte. 
Da Eratosthenes von Hekatompylos bis Herät 4530 Stadien rechnet, 
so ergäbe sich als Gesamtsumme 6490 Stadien, d. i. gerade um 100 
zu viel. Plin. h.n. 6, 44 (vgl. 61) gibt die Entfernung zwischen 
Hekatompylos und den Kaspischen Thoren nach Diognetos und 


Baiton, den Bematisten Alexanders auf OXXXII p. an. Da sich 
nun aus dem Verhältnis der weiteren Angaben des Plinius zu 
denen des Eratosthenes ergibt, dass derselbe bei der Reduktion in 
normaler Weise ὃ Stadien auf die römische Meile rechnete®), so 
folgt notwendig, dass die Zahl 133 falsch sein muss. Schreibt man 


dagegen CCXXXII p., so erhält man genau 1864 Stadien): 
1860 + 4530 — 6390. Bei Eratosthenes ist also 1860 herzustellen, 
und es ist klar, dass er hier einfach den Bematisten gefolgt ist, 


1) Tab. III iv, 3. Ibn al Fag. ”i., 8. 


2) Ibn al Faq. i., 8. Wil, 3. Börünı ff, 3 ff. Manoflihr ent- 


spricht in dieser Sage dem Partherkönig Mithradates I. der Geschichte, 
welcher in Hyrkanien residierte und dort an seinem Hofe den ge- 
fangenen Demetrios 1. Nikator in freier Haft hielt. 


ὃ. 5. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 82. 


4) Genau acht Stadien auf die römische Meile ergeben die Strecken 
Alexandreia Areion — Prophthasia (1600 Stadien, 199 mp.) und Ara- 
cehotoi — Ortospana (2000 Stadien, 250 mp.). Für die Strecke Heka- 
tompylos — Alexandreia Areion (4530 Stadien, 575 mp.) dagegen würde 
man 565 mp. erwarten, und die 565 mp. von Prophthasia nach Ara- 
chotoi setzen 4520 statt 4120 Stadien voraus. 

5) Dagegen sagt Ammian 23, 6, 48: et Hecatompylos, a cuius 
finibus per Caspia litora adusque portarum angustias stadia quadra- 
ginta numerantur et mille. Diese würden 130 mp. entsprechen. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 23 


Für dieselbe Strecke, d. h. vom Beginn der Kaspischen Thore 
bis Dämayän, rechnen nun die arabischen Geographen 46 Para- 
sangen (s. u.) oder 61/, Tagereisen zu 7 Par. Stellt man also 
beide Angaben einander gegenüber, so ergibt sich, dass hier der 
arabisch-persische Parasang —= 40,435 Stadien der Bematisten 
ist. Das hier zu Grunde geleste Stadion kommt also dem des 
Eratosthenes (— 157,5 m.), welcher 40 Stadien auf den ägyptischen 
Schoinos von 6300 m. rechnete!), äusserst nahe. 

Die 1260 Stadien des Apollodoros von Artamita dagegen er- 
geben genau 42 Parasangen zu 30 Normalstadien. Wendet man 
nun diese Erkenntnis auf den 1iltägisen Marsch von Ekbatana 
nach Ragai mit einer Länge von 3300 Stadien an, so ergibt sich 
als dessen wirkliche Länge 81!/, Par. d. 1. 11!/, gewöhnliche 
Tagereisen ἃ 7 Par. gegenüber den 62 oder 64—65 Par. der 
arabischen Geographen. Die heutige Route von Hamadan nach 
Teherän beträgt sogar nur 188 Miles = 47 Par. (Houtum- 
Schindler, Zeitschr. d. Ges. für Erdkunde 1879, S. 114). Die 
damalige Route müsste also thatsächlich einen beträchtlichen Um- 
weg von 16—19 Par. gemacht haben, da man sogar von Hamadäan 
über Qazwin nach Raj nur 40 -- 27 = 67 Par. rechnete.?) 

Die Karte des Castorius rechnet von Hecantopolis ἃ. 1. ’Ex- 
(Bar)ave 1) πόλις nach Europos (Raj), wenn die Zahlen richtig 
überliefert sind, 92 Masseinheiten. Tomaschek sieht darin 
Parasangen ‚ allein schon Konrad Miller, Die Weltkarte des‘ 
Castorius 109 hat Zweifel hieran geäussert und vermutet, dass 
wir vielleicht den Schoinos des Isidor von Charax — 25 Stadien 
— 3 röm. Meilen zu Grunde zu legen haben. Gehen wir nun 
mit Tomaschek davon aus, dass die 80 Schoinen des Isidoros 
für die Strecke von X&A« (Holwän) bis Hamadän den 61 Para- 
sangen der arabischen Itinerare®) für dieselbe Strecke entsprechen, 
welch letztere Zahl auch die Quelle der Karte des Castorius ge- 
boten hatte, so ergeben 92 Schoinen gerade 70 Parasangen = 
2835 Stadien, oder 10 gewöhnliche arabische Tagereisen ἃ 7 Par., 
11!/, kleine Tagereisen ἃ 6 Par. Damit ist Millers Vermutung 
aufs glänzendste bestätigt. Die Route führte wohl zuerst nord- 
östlich durch die Landschaft «Συγριανη, 4), im Mittelalter Charrakän 


1 Vgl. Fr. Hultsch, Griechische und römische Metrologie? 60 ἢ, 
und N. 6. 

2) Ibn Chord. P1,12. ἢ, 9. Ibn Rusta ᾿Ἵν, 11. 111, 2. 

3) So Ibn Chord. j1, 8 Εἰ P}, 8ff. Bei Ibn Rusta Mo, 7 ff. sind 
mehrere Zahlen in Unordnung, 

*) Vgl. Strabon ιὰ 13, 8 p. 525: donet δὲ μέγιστον εἶναι μῆκος 
τῆς Μηδίας τὸ ἀπὸ τῆς τοῦ Ζάγρου ὑπερϑέσεως, ἥπερ καλεῖται Μηδικὴ 
πύλη. εἰς Κασπίους πύλας διὰ τῆς Σιγριανῆς σταδίων τετρακισχιλίων 
ἑκατόν. Die ganze Entfernung vom Passe von Holwän bis zu den 
Kaspischen Thoren wird also hier auf 4100 Stadien — 136 Parasangen 
zu 30 attischen Stadien geschätzt, wovon nach Apollodoros von 


24 J. Marquart,.. 


(jetzt Karayän), nach Kazwin, und von da sö. nach Ragai. Die 
auf der Tabula 50 (σχοῖνον) ἃ. i. 38 Par. von Hamadän ver- 


Artamita 500 Stadien — 16 Par. a 30 Stadien auf die Strecke von 
Ragai bis zu den Kaspischen Thoren entfallen (s. ὁ... Die arabischen 
Geographen rechnen für diese Strecke 18 Parasangen oder zwei Tage- 
reisen (s. u.)! Da nun an der zweiten Stelle Apollodoros von Artamita 
ausdrücklich eitiert wird, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass auch 
die erstere Angabe über Poseidonios auf ihn zurückgeht, was schon 
aus dem angewandten Massstabe zu schliessen wäre. Die nach Abzug 
jener 500 Stadien übrigbleibenden 3600 Stadien ergeben 120 Parasangen, 
die sich aufs genaueste mit den Angaben der arabischen Geographer 


decken: von Mäh-Druwäspän .‚umf» öls (nach einem Perser Mah- 
Druwäsp lo, SW, Dihgän von Bäbil Mahrüd a. 76/77 H. benannt, 
Tab. II 94, 10. 9}, 4), dem ersten Orte jenseits des Passes von Holwän, 
bis Raj rechnet Ibn Chordädbih 57 + 64 = 121 Par. (Ibn Chord. 11,8 ft. 


vgl. Qod. 11a, 4 ff. Ibn Rusta |1o, 7 ff. Mogq. Io, 6 8). Apollodor 
kannte also bereits dieselbe Strasse, welche später die arabischen Geo- 
graphen beschrieben haben. 

Die Landschaft Σιγριανή wird bei Ptol. 6,2 p. 391f. Σιγριανική 
genannt. Es heisst hier in der Beschreibung Mediens: (κατέχουσι) τὰ 
μὲν ἀνατολικώτερα τοῦ Ζάγρου ὄρους Σαγάρτιοι, μεϑ' οὺς ἐκτέταται 
μέχρι τῆς Παρϑίας ἡ Χωρομιϑρηνὴ ἀρχτικωτέραν ἔχουσα τὴν ᾿Ελυμαΐδα 
(l. ΖΔελυμαΐδα), ἧς τὰ μὲν πρὸς ἀνατολὰς κατέχουσι Τάπουροι" ἀπὸ δὲ 
μεσημβρίας εἰσὶ τῆς Χωρομιϑρηνῆς οἵ τε Σίδικες καὶ ἡ Σιγριανικὴ 
καὶ ἡ 'Ραγιανή. Die Σιαγάρτιοι stammen aus veralteter Quelle und sind 
richtig bei Arbela und weiter östlich anzusetzen (s. meine Untersuchungen 
z. Gesch. von Eran I 60 N.). Unter Χωρομιϑρηνή kann im Sinne des 
Ptolemaios nur die Elburzkette verstanden werden, die sonst den Namen 
Παραχοάϑρας (bei Ptol. Παρχοάϑρας) führt. Ζελυμαΐς ἃ. 1. Delum bildet 
eigentlich nur einen Teil derselben. Σιγριανική entspricht wohl un- 
gefähr der heutigen Provinz Kazwin, dem Dastabü (pers. Dast-” ρα) 
„Ebene am Gebirgsfuss“) der Sasaniden- und älteren Chalifenzeit. Die 
Σίδικες sind dann wohl weiter westlich zu suchen. 

Die Landschaft Σιγριανή bezw. Ziygıavırn verdankt ihren Namen 
wohl ebenfalls einem Volksstamme. Plinius h.n. 6, 118 erwähnt nämlich 
in anderer Gegend zwei Volksstämme Szliers und Sitrae nebeneinander, 
deren Namen unmittelbar an die Σίδικες und die Landschaft Σιγριανή 
erinnern. Der Text lautet: „Gurdiaeis vero iuncti Azoni, per quos Zerbis 
fluvius in Tigrim ceadit, Azonis Szlöces montani et Orontes, quorum ad 
oceidentem oppidum Gaugamela, item Suae in rupibus. Supra Silicas 
Sitrae, per quos Lycus ex Armenia fertur, ab Sitris ad hibernum 
exortum Azochis oppidum, mox in campestribus oppida Diospege, 
Polytelia, Stratonicea, Anthemus“. 

Die Sitze dieser beiden Stämme lassen sich nun mit einiger 
Sicherheit bestimmen. Der Zerbis ist der kleine Zäb, kurdisch Zerd 
(Kiepert, AG. 8 123 N. 3. Nouvelle carte generale des provinces 
asiatiques de l’Empire ottoman, 1883), dessen beide Hauptquellflüsse 
weit von einander entspringen. Der eine, Kelur genannt, kommt aus 
der Landschaft Lähigän, fliesst südöstlich und vereinigt sich unweit 
Alot mit dem Fluss von Bäanä (Berözä), und strömt nun nach Westen. 
Der südlichste Hauptarm entspringt auf der Ostseite des Awroman-dagh 


und vereinigt sich mit dem nördlicheren Cämi-Qyzyl$ik, der einen nörd- 
lichen Nebenfluss, den Sirwänfluss, aufnimmt, in der Nähe von Machüd; 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 25 


zeichnete Station Spane fällt wohl in die Nähe von Kazwin. Was 
nun die für den Marsch Alexanders angenommene Summe von 
3300 Stadien anlangt, so ist zunächst zu betonen, dass Plutarch 


der vereinigte Südarm, auch Siwäbfluss genannt, vereinigt sich alsdann 


mit dem Kelur oder Altun-su bei Sinek (α. Hoffmann, Auszüge aus 
syr. Akten pers. Märtyrer 257 f.. Uber den Azoni sitzen die Silices 
und ÖOrontes, und westlich von diesen ist Gaugamela am GÖmalfluss, 
dem westlichen Hauptarm des Chäzir, bei den Alexanderhistorikern 
Βούμωδος (Arr. y 8,7) oder Bumelus (Curt. 4, 9, 10). Der Gömalfluss ist 
benannt nach einem grossen Dorfe Gaumal der Provinz Margä im NO. 


des Elfefgebirges, bei Jägqüt δον bei Thomas von Marga, The Book 


of Governors ed.E. A. Wallis Budge p. 164, 1 (mir nicht zugänglich) 
Gögmal (vgl. G. Hoffmann, Auszüge 194. Th. Nöldeke, Lit. ΟΡ]. 


1893. Sp. 1752). Es ist ohne Zweifel identisch mit Tel &ömel, nördlich 


vom Gebel Maglüb, auf Kieperts Karte. Die Orontes und Silices 
sind also östlich vom Chäzir anzusetzen, und zwar letztere wohl noch 
über den grossen Zaäb hinaus. Suae ist. wie der Satzbau an die Hand 
gibt, ebenfalls eine Stadt, und wohl identisch mit Zode« bei Ptol. 6, 1 
p. 389, 14 unter 83° L. 46° 40’ Br. 

Der Lycus ist der grosse Zäb (Arr. y 15, 4). Derselbe fliesst zuerst 
südlich durch die Landschaft Albag, nimmt dann den Nehib-tai auf 


und fliesst nun sw. an Gülamerk vorbei. In der Landschaft Tijärı 
wendet er sich östlich, nimmt den von Amadija kommenden Ghärafluss 


und bei Rizän den durch die Vereinigung der Flüsse von Semdinän 


und Nauta gebildeten Fluss von Sirwän, endlich im Gebiete der Zibäri- 
Kurden den Rawändiz-Cai auf, dann schlägt er wieder eine südwestliche 
Richtung ein. Die Sitrae sind also nach Plinius in dem thatsächlich 
ehemals zu Armenien gehörigen Ursprungsgebiet des Grossen Zäb, der 


Landschaft Albäg (armen. Gross-Atbak, dem heutigen türkischen ge 


entsprechend, und Klein-Atbak mit dem Hauptorte Gülamerk) zu suchen. 

Die Namen Zidixes und Σιγριανική südlich von Χωρομιϑρηνή 
sind offenbar von den Silices und Sitrae des Plinius (d. 1. ZIAIKEL& 
und ZITPAI, verlesen für ZIJIKE2 und ZII’PAI) nicht verschieden. 
Wir haben aber nicht den geringsten Anhalt zu der Annahme, dass 
die Sitze dieser beiden Völkerschaften sich ununterbrochen vom Strom- 
gebiete des Grossen Zab bis an den Elburz erstreckt hätten. Vielmehr 
werden wir uns daran erinnern müssen, dass nach Strabons Aussage 
Abteilungen der Amarder, Tapuren, Kverioı und anderer Nomaden- 
stämme sowohl im nördlichen Atropatene als im Zagros und Niphates 
(armen. Npat) sowie in Pärs zersprengt wohnten (νὰ 13, 3 p. 523). 
Marder kennt auch Ptolemaios in Armenien (5, 12 p. 360, 12) und nach 
ihnen ist die Landschaft Mardastan in der Provinz Waspurakan be- 
nannt (Ps. Moses Geogr. ed. Soukry p. 32). Ebenso gab es Asagarta 
in der Gegend von Arbela und im Osten. Und in welcher Weise die 
ehemals weit verbreitete Nation der Matiener, nach denen der See von 
Urmia im Altertum den Namen „der mantianische‘“ erhielt, in histori- 
scher Zeit zersprengt war, hat jüngst Th. Reinach lichtvoll aus- 
einandergesetzt (Revue des etudes greeques 1894, 313—318). Wir werden 
also in den Silices und Sitrae (r. Σιίγραι) des Plinius am Grossen Zäb 
und den Σίδικες und den Einwohnern von Σιγριανική südlich von 
“Χωρομιϑρηνή (Elburz) je zwei von einander räumlich getrennte Ab- 
teilungen derselben Völkerschaften zu erkennen haben. 


26 J. Marquart, 


hier einer Quelle der romantischen Klasse folgt, die jene Zahl 
wohl kaum aus den βθηματισταί geschöpft haben wird. Sie wird 
vielmehr einfach auf die Weise entstanden sein, dass der Verfasser 
den Tagemarsch durchschnittlich zu 300 Stadien annahm. Viel- 
leicht sind aber in jenen 11 Tagen auch noch mehrere Rasttage 
enthalten. Noch einfacher wäre die Differenz zwischen Plutarch 
und der Tabula zu erklären, wenn wir annehmen dürften, dass 
Alexander unterwegs noch Kämpfe zu bestehen gehabt hätte, wo- 
durch Abweichungen von der Heerstrasse unvermeidlich gewesen 
wären. Freilich ist davon nichts berichtet. Ich glaube aber trotz- 
dem, dass wir an der Identität der Route Alexanders mit der der 
Tabula nicht zu zweifeln brauchen. 

Fassen wir nun das Resultat unserer bisherigen Untersuchung 
zusammen, so ergibt sich uns, dass Alexanders Marschleistungen 
wohl den Hellenen, die an Märsche von nur 150 Stadien und 
Tagereisen von 200 Stadien gewöhnt waren (Her. e 53. δ᾽ 101))), 
als Wunder der Schnelligkeit erscheinen mussten, und auch uns 
noch in Anbetracht des zu durchziehenden schwierigen Terrains — 
der Weg führte teilweise durch wasserlose Wüste — und der 
Jahreszeit hohe Achtung abnötigen. Allein vom Standpunkt des 
heutigen preussischen Infanteristen oder gar der arabischen Reiter- 
geschwader müssen sie beträchtlich von ihrem bisherigen Nimbus 
verlieren. 

Kehren wir nunmehr zu Alexander zurück, den wir in Ragai 
verlassen hatten. Hier, in der letzten Stadt Mediens, ernennt er 
den Perser Oxodates (ap. Warsudata „von Wachsu geschaffen)“ ?) 


τσ Fr. Hulisch’a. 20.9122 

2) Bei Curt. 6, 2,11 und 8,3, 17 Oxydates. Justi, Iran. Namenbuch 
233 übersetzt „zum Wachstum geschaffen“. Das Wort waxsu enthalten 
auch die Namen Ὀξυάρτης — *Waxsu-warta „von Wachsu beschützt“ 
(von W.war „wehren‘“), sowie der auf einer Goldmünze vorkommende 


Name eines Satrapen "77077 Wazsu-war;a (Num. Chron. 1879, 8. 
P1.I,2, von P. Gardner ganz falsch gelesen), der unter Antiochos HI. 


Theos (um 250 v. Chr.) wahrscheinlich in Hyrkanien (72, Abkürzung 


von 7271 Wrkäan) den Königstitel angenommen haben muss. Der Name 
Waxsu-warja bedeutet „erwünschtes Wachstum besitzend“. Wachsu war 
der Name des Genius des Wassers (Apäm napät oder Ardwisüra?) und 


besonders des Oxusstromes bei den Chwärizmiern (Berüni ἢν) und er- 


scheint als OAXPO Oax3o auf einer Kusänmünze bei Cunningham, 
Coins of the Kushans. Num. Chron. 1892, p. 121. Pl. XXIH, 12. Vgl. 
die Beschreibung p. 156: „This figure differs entirely from OXPO [Ox3o] 


als well as from OKPO [ok$%o — skt. uksan, der Nandistier des Siva], 
so that there is no possibility of the legend being blundered. The 
figure is that of an old man holding a long sceptre in his right hand, 
and carrying what looks like a dolphin or fish in his left 
hand. If I could be sure as to the fish or dolphin, I should be 
inclined to accept the figure as the god of the „Ocean“ 
[von mir gesperrt. — Den Namen des Oxus tragen auch die von 
Ptol. 6, 12 p. 422, 28 an die sogdischen Berge versetzten Ὀξυδραάνοι 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. vr 


zum Satrapen von Medien, das ja nun im Grossen und Ganzen 
für unterworfen gelten konnte, worauf er selbst ὡς ἐπὶ Ilao- 
Üveiovg zieht. Am ersten Tage soll er bis zu den Kaspischen 
Thoren gekommen sein, welche von jeher die Grenze zwischen 
den Provinzen Medien und Parthien gebildet hatten, am zweiten 
passiert er das Defile und durchzieht das Kulturgebiet von Chwär 
jenseits desselben, das bereits zur Provinz Parthien gehörte). 

Ibn Chord. fr, 12 ff. rechnet von Raj nach Mufaddaläbäd 
4 Par., dann _„\s‘ Käsp 6 Pars., dann Afridin 8 Par., dann 
Chwär 6 Par. Istachri Yo, 3 ff. nennt folgende Stationen: Raj 
1 Tag Afrıöin 1 Tag Kuhandih (das alte Dorf) 1 Tag Chwär. 


Auch Ibn Rusta nennt Afridün unmittelbar hinter Raj. Es 
ist nach ihm 9 Par. von Raj entfernt. Daraus folgt zunächst, 


dass bei Ibn Chord. herzustellen ist: Χαθί 3. („eat N al εχ 
a amp. Die Summe von 24 Par. bei Ibn Chord. stimmt zu 


Istachri’s 3 Tagereisen, nur dass bei Ibn Chord. grosse Tagereisen 
ἃ 8 Par. angenommen werden. 
Ibn Rusta 114, 6 fi. beschreibt den Weg folgendermassen : 


„Von Raj nach Afridun „us, 9 Par. Der Weg führt durch 


das Kulturland von Raj, bis man zum Dorfe Karmäna (Garmäba 
δα Ὁ) kommt; rechts und links vom Wege sind Berge, und 


man kommt an laufenden Kanälen, gegen 80 an der Zahl, vorbei 
— (daher) der Name Hastäd-rödan (die 80 Flüsse) — die man 
sämtlich überschreitet, bis man zum Dorfe Afridun kommt. Von 
Afrıdun nach Chwär sind zweimal 8 Par. (ἃ. h. 2 Tagereisen & 
8 Par.)?). Der Weg führt eine Zeit lang durch Kulturland, dann 
durch Wüste, bis man zu einem Dorfe am Eingange eines Passes 
kommt, das Kesp (l. mus) heisst und wo früher die Station 


war. Heutzutage wird aber dort nicht mehr Halt gemacht, sondern 
die Karawanen gehen daran vorbei nach Chwär und marschieren 
durch einen Engpass von 5 Par. Länge“. 

Die Entfernung von zweimal 8 Par. zwischen Afridün und 
Chwär stimmt mit dem wiederhergestellten Texte des Ibn Chordädbih 
überein. Das Dorf _mus (ebenso Jaq. IV ri, 2) oder Kasp 


am Eingange der 5 Par. langen Kaspischen Thore°) entspricht 


(so 1. mit codd. BE Pal. 1) ἃ. 1. *Waxsu-drajana „Anwohner des 
ÖOxussees“, sowie die Oxyttagae Plin. h. n. 6, 48, bei Solin c. 49, 1 
ÖOxistacae am See Oaxus. 

1) Plin. 6, 44; Mox eiusdem Parthiae amoenissimus situs qui 
vocatur Choara. Uber Strab. ı« 9, 1 p. 514 5. u. 


τὴ Cod. £ up Kaslas Kasles Be 5 δῖα 9) ὌΝ Der 
Ausdruck ist schlecht, kann aber nicht anders aufgefasst werden. 


3) Nach Isidor von Charax, σταϑμοὶ Παρϑικοί $ 7, hatten die 
Thore ihren Namen von dem Gebirgszug, durch den sie führten. Das 


28 J. Marquart, 


völlig dem Kuhan-dih εἰπε, des Istachri, sowie dem heutigen 


Aiwän-i Keif, das von Qysläq, dem alten Chwär 22 miles oder 
51/, Par. entfernt ist. Zur Zeit des Ibn Rusta hielten aber die 


hier genannte Dorf Käsp oder K2sp hatte noch in der älteren Chalifen- 
zeit den alten Namen bewahrt. Plin. 5, 99 leitet den Namen des Kaspi- 
schen Gebirges von einem Volke der Kaspier her. Dies sind gewiss 
die Κάσπιοι Her. y 92 und Plin. 6, 114: habet ergo ipsa (Media) ab 
ortu Caspios et Parthos. Bei Herodot stehen die Κάσπιοι neben den 
Ζαρεῖται, die nach Ptol. 6, 2 p. 392, 4, wo ἡ Jugeirıs χώρα unter dem 
᾿Ιασόνιον ὄρος ὃ. von ἱΡαγιανή verzeichnet wird, ebenda anzusetzen sind, 
und den Παυσίκαι ἃ. i. den ᾿Ζ“πασιάκαι, die wir schon um 230 v. Chr. 
in den Steppen westlich vom Oxos finden Polyb. ı 48, Strab. ı« 8, ὃ 
p. 513 (wo auch für ATTAZIOI zu lesen ist ATTAZI|AK]AI), Steph. 
ΒΖ. 8. v. 4πασιάκαι, bei Ptol. 6, 12 p. 422, 25 (wo sie aber ganz falsch 
an die oxischen Berge versetzt sind, wie die ᾿ἰάτιονι und Τάχοροι d. i. 
die Jüe-Ci an den nördlichen Abschnitt des Jaxartes) Πασίκαι, bei 
Plin. 6, 50 und Mela 3, 39 Pestici, Mela 3, 42 Paesicae. Spuren jenes 
ehemals weitverbreiteten Urvolkes finden wir ferner an der Südwestküste 
des nach ihnen benannten Meeres, am Unterlauf des Araxes, von wo 
sie sich später mehr nach dem Binnenland in die Gegend der Stadt 


P‘aitakaran (arab. et) zurückzogen (s. K. J. Neumann, Patrokles 


und der Oxos. Hermes Bd. 19, 173); ebenso weist der Name des Kasp- 
röt, des Flusses von Tös-Mäshäd, Bundahisn p. 53, 3 (West, PT. 1 


81 f.), jetzt Käfäf-rüd, im Epos Käsak-röt (arab.-pers. ὃς LS Tab. I 
4.1, 9. Ἵλ., 7) auf jenes Volk. Wir finden sie aber insbesondere östlich 


von Baktrien: Her. y 93 steuern sie mit den Saken, n 67 werden sie 
hinter Gandärern und Ζαδίκαι (d.i. *Dadika, Darden) aufgeführt. Sie 
trugen Pelzröcke und führten einheimische Rohrbogen und kurze 
Schwerter als Waffen. Nach n 86 dienten sie auch als Reiter und 
folgen auf die Baktrier. Sie müssen also damals noch im Besitz von 
Ebenen gewesen sein, und wir werden sie nicht allzuweit von Baktrien 
suchen dürfen. Aus Ktesias erfahren wir, dass sie eine besondere 
Rasse von Kamelen züchteten, deren Haare der milesischen Wolle 
an Zartheit gleichgeachtet wurden, so dass die daraus hergestellten 
Stoffe den Priestern und Vornehmen als Kleidung dienten (Apollon. 
hist. mirab. 20 aus Ktesias’ 10. Buche. Aelian hist. an. 17, 84). Toma- 
schek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen Norden 
1 35 (SBWA. Bd. 116, 15, 1888, S. 749) will auch bei Plin. 6, 55 (ab 
Attacoris gentis Thuni et Focari, et iam Indorum Casiri introrsus ad 
Seythas versi humanis corporibus vescuntur) CASPII für CASIRI lesen, 
obwohl letzteres auch 6, 64 in der Schreibung Cosirö wiederkehrt, und 
sieht in den heutigen Buris in den Hochthälern Hunza und Nagar 
nördlich von Gilgit den einzigen Überrest dieser Urbevölkerung. Viel- 
leicht dürfen wir auch in den bei Her. ἡ 86 neben den Parikaniern 
genannten Κάσπιοι, falls die LA. richtig ist, einen nach SO. ver- 
schlagenen Rest derselben Bevölkerung erblicken. 


Ein ebenso versprengtes vorarisches Volk sind die Zapuren. Der 
Alexanderzug zeigt sie uns im Elburz etwa nördlich von Semn‘'n. 
Später nehmen sie auch die Sitze der Marder beim heutigen Amul 
ein (s. u.). Eine andere Abteilung dieses Volkes sass zwischen den 
Hyrkaniern und Areiern (Strab. ı« 8, ὃ p. 514), und an diese erinnerte 
wohl noch der Rustäk Tabarän bei Sarachs, sowie Zabaran oder 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 99 


Karawanen nicht mehr in Käsp, sondern in einem Karwänseräi 
2 Par. weiter westlich, 8 Par. von Afridüun, so dass die ganze 
Strecke folgendermassen lautet: 


Ibn Chord.: Ibn Rusta: 
Raj Raj 
Afridün 8 Bar. Afridün 9 Par. 
Mufaddal äbad Als Neue Station 8 „ 
Käsp (Kuhan-dih) 6 „ Kösp (2) \ 8 
Chwär ©, Chwär (6) Ἶ 
24 Par. 25 Par. 


Mugaddasi *.., 11 nennt folgende Stationen: Raj 1 Tae 
Kilin („us 1 Tag Kes „5 (= Kesp) 1 Tag Chwär. Hier ent- 
spricht also Kılın dem Afridün der älteren Geographen. Jener 
Ort ist aber heute noch bekannt und liegt gegen Warämin zu, 
woraus sich auch für Afridün eine benachbarte Lage ergibt. Bis 
zum Orte Käsp am Eingange der Kaspischen Thore rechnete man 
also 18 bezw. 19 Par. oder zwei (starke) Tagereisen. Damit stimmt 
die Angabe des Apollodoros von Artamita fast völlig überein, wo- 
nach Ragai von den Kaspischen Thoren 500 Stadien = 16?/, Par. 
entfernt war (Strab. ı« 13, 6 p. 524 fin). Heute rechnet man 
allerdings von den Ruinen von Raj bei Saäh ‘Abdul ‘Azim bis zum 
Beginn des Sär-darra-Passes nur 52 miles = 14 Par. oder zwei 
Tagereisen!. Die Differenz erklärt sich daraus, dass die von 


Tabarän, die Hauptstadt der Provinz Tös (beim heutigen Mäshäd). 
Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 614 N. 383. Unters. zur Gesch. von 
Eran S. 70 N. 76 (Philologus Bd. 55, 238). Sie waren aber ohne Zweifel 
in historischer Zeit überall von den Ariern aus den Ebenen in die ent- 
legeneren Gebirgsthäler zurückgedrängt worden. Auch östlich von der 
üste von Margiana waren sie verbreitet (Ptol. 6, 10 p. 418. Dionys. 
περιηγ. 732 ff.), wohl im heutigen Bädchiz. Nach Strabon νὰ 13, 3 
p. 523 gab es sogar im nördlichen Atropatene Horden dieser räuberischen 
Nomaden, wie auch der Amarder und Kyrtier (Kurden), und es scheint, 
dass auch der Zagros und Niphates versprengte Abteilungen dieser 
Nationen beherbergten, wenn Strabons Ausdruck nicht auf die speziell 
genannten Κύρτιοι und Μάρδοι zu beschränken ist: ἡ δὲ προσάρκτιος 
ὀρεινὴ καὶ τραχεῖα καὶ ψυχρά, Καδουσίων κατοικία τῶν ὀρεινῶν καὶ 
᾿Δμάρδων καὶ Ταπύρων καὶ Κυρτίων καὶ ἄλλων τοιούτων, οἱ μετανάσται. 
εἰσὶ καὶ λῃστρικοί. καὶ γὰρ ὃ Ζάγρος καὶ ὃ Νιφάτης κατεσπαρμένα 
ἔχουσι τὰ ἔϑνη ταῦτα. καὶ οἱ ἐν τῇ Περοίδι Κύρτιοι καὶ Μάρδοι (καὶ 
γὰρ οὕτω λέγονται οἱ "Aucodoı) καὶ οἱ ἐν τῇ ᾿Δρμενίᾳ μέχρι νῦν ὁμω- 
νύμως προσαγορευόμενοι τῆς αὐτῆς εἰσιν ἰδέας. Darnach wird man es 
wagen dürfen, auch die von Ptolemaios 6, 14 p. 427, 19 östlich von den 
Τάπουρα ὄρη und den Σύηβοι Σκύϑαι angesetzten Ταπουραῖοι als einen 
weit nach Osten verschlagenen Bruchteil derselben Nation aufzufassen. 
Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen 
Norden II 51 (SBWA. 1888 Bd. 117, 1) versetzt die Τάπουρα ὅρη nörd- 
lich vom Sir-darjä, vom Kurama-tau bis zum Catgal-tau. 
1 Tomaschek ἃ. ἃ. O. 12. S. 79 dagegen gibt derselbe nur 
44 Miles an. 


30 J. Marquart, 


den arabischen Geographen beschriebene Route eine mehr südliche 
Richtung hatte. Allein schon a priori werden wir anzunehmen 
haben, dass die Route Alexanders eher mit der des Apollodoros 
und der arabischen Geographen als mit der heutigen überein- 
stimmte. Behalten wir nun im Auge, dass des Apollodoros 
1260 Stadien ἃ !/s, Par. von den Kaspischen Thoren bis Heka- 
tompylos nur 42 Par. gegenüber den 46 der arabischen Geographen 
und der Bematisten ergeben, so muss auch zwischen den 500 Stadien 
— 16?/, Par. gegenüber den 18 (19) Par. der Araber ein be- 
stimmtes Verhältnis obwalten. Wir dürfen also für die Bematisten 
18 Par. zu Grunde legen und erhalten so für die Entfernung 
Ragai — Kaspische Thore eine Länge von 720 Stadien. Dass 
Alexander diese an einem Tage durcheilt haben sollte, ist ganz 
undenkbar, und wir müssen anerkennen, dass hier die Angabe 
Arrians falsch ist. Aus den vorangehenden wie aus den folgen- 
den Untersuchungen ergibt sich, dass wir uns von den Märschen 
Alexanders keine gar zu übertriebenen Vorstellungen machen dürfen. 
Auch wenn Alexander diese Strecke in zwei Tagen zurücklegte, 
war dies für eine Armee eine ganz anerkennenswerte Leistung. 
Der zweite (richtig dritte) Marschtag führte nach Tomaschek 
über Chwär bis Aradan und hatte eine Länge von 34 Miles = 
9 Parasangen. 

An der Grenze des Kulturgebiets von Chwär kommen zu 
Alexander Dagestanes, ein vornehmer Babylonier und Artibelos), 
einer der Söhne des Satrapen von Babylon Mazdai, und melden, 
dass Dareios von dem Hazarapet Nabarzanes, dem Satrapen von 
Baktrien, Bessos und von Brzavanta, dem Satrapen von Arachosien 
und Drangiana festgenommen worden sei (Arr.  19—21, 1). 

Eine völlig abweichende Darstellung finden wir bei Curtius, 
der hier für uns der einzige vollständige Vertreter der romantischen 
Gruppe ist. Nach ihm hatte Dareios in Ekbatana zuerst be- 
schlossen, nach Baktrien zu gehen, änderte aber dann seinen Plan, 
da er fürchtete, der Schnelligkeit Alexanders doch nicht entfliehen 
zu können, obwohl dieser noch 1500 Stadien entfernt war, 
itaque proelio magis quam fugae se praeparabat 
(5, 8,1. 2; vgl. 9, 13). Er fordert also in einer Rede seine Leute 
auf, nochmals das Glück der Waffen zu versuchen. Curtius ver- 
legt nun gleich hierher den Beginn der Meuterei des Bessos und " 
Nabarzanes. Diese widersetzen sich dem Plane des Dareios, eine 
neue Schlacht zu liefern, und fordern den Rückzug nach Baktrien 


Ἢ Arr. y 21, 1 Avrißnaos, 86, 4 Aerıßoins. Das Richtige ist 
᾿Δρτίβηλος, Der Name ist babylonisch — Ardu-Bel „Diener des Bel*. 
Curtius 5, 13, 11 gibt dem Manne den Namen Prochubelus, was nicht 
wohl etwas anderes sein kann als ein Schreibfehler für Orodubelus (vgl. 
Terioltes IX, 8, 9 für Terid(a)tes, Τηριδάτης Diod. 17, 81, 2. Unter- 
suchungen I 70). Wie rasch übrigens die in Babylon begüterten vor- 
nehmen Perser babylonisiert wurden, dafür liefert eine vom 1. Duzu 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 31 


und die einstweilige Übergabe der königlichen Gewalt an den 
Satrapen Bessos. Da Dareios sich ausser Stande sieht, seinen 
Plan, dem Feinde entgegenzuziehen, auszuführen, so bleibt er zu- 
nächst völlig fassungslos und unthätig in Ekbatana (9, 13). Am 
folgenden Morgen jedoch machen ihm Bessos und Nabarzanes ihre 
Aufwartung und der König lässt sich zur Flucht bewegen (10, 15: 
Alexandri manus, quas solas timebat, effugere properabat). 

Auf dem Marsch gewinnt die Gefahr für den König greif- 
bare Gestalt, vergeblich bittet ihn aber Patron, der Führer der 
hellenischen Söldner, sich seinem Schutze anzuvertrauen. In der 
folgenden Nacht wird er von Bessos und Nabarzanes gefangen 
genommen, mit goldenen Ketten gefesselt!) und auf der Flucht mit- 
geschleppt. Dies geschah nach Justin 11, 15, 1 in vico Parthorum 
Thara. Artabazos mit den treugebliebenen Persern und den 
Hellenen zieht nach Parthiene, die Perser aber, nunmehr führerlos 
und durch die Versprechungen des Bessos geködert, folgen den 
Baktriern und holen sie am dritten Tage wieder ein?). Sobald 
Alexander erfuhr, dass Dareios von Ekbatana aufgebrochen sei, 
gab er den Marsch dahin auf und setzte die Verfolgung energisch 
fort. In Tabai, einer Stadt an der Grenze von Paraitakene, er- 
fährt er durch Überläufer, dass Dareios in wilder Flucht Baktra 
zueile. Certiora deinde cognoscit ex Bagistane Babylonio: <non> 
equidem vinctum regem, sed in periculo esse aut mortis aut 
vinculorum adfırmabat (13, 1—3). 

Diese Darstellung des Curtius wird man zunächst so ver- 
stehen, dass die Gefangennahme des Dareios auf dem Marsche von 
Ekbatana nach Ragai erfolgt sei. Alexander aber, der nach ihm 
nicht nach Ekbatana gekommen ist, sondern gleich auf die Nach- 
richt von der Flucht des Dareios den Marsch dahin aufgab, hätte 
wohl die direkte Route von Paraitakene nach Ragai über Käsän 
und Qomm eingeschlagen. 


des Jahres IV des Xerxes (Akkasiarsi) datierte Vertragstafel einen 
merkwürdigen Beleg. Es wird auf derselben ein gewisser Kibi-Bel ge- 
nannt, der Sohn eines Persers Mardinija, der bereits selbst auch einen 
babylonischen Namen angenommen hatte (J. Oppert, Revue des 
etudes juives 1894, p. 54). Nichts hindert, in diesem Mardinija den 
bekannten Mardunija, den Sohn des Gaubruwa zu sehen, der uns als 
in Babylonien ansässig, bei dem Aufstand der Babylonier unter Xerxes 
entgegentritt (Ktes. ecl. 21. Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 624 f.) 
und in der Schlacht bei Plataiai a. 479 fiel. 

1) Der Satz Ne tamen honos . .. . sequebantur (5, 12, 20) ist an 
falsche Stelle geraten und gehört hinter ὃ 16: rex curru ... inponitur. 

3) Damit kann nicht der dritte Tag seit der Ergreifung des 
Dareios gemeint sein, sondern nur seit dem Aufbruch von Ekbatana. 
Denn nachdem Alexander von Bagistanes erfahren hat, dass Dareios 
zwar noch nicht gefesselt sei, aber in grösster Gefahr schwebe, legt er 
in zwei Tagen 1000 Stadien zurück und holt die Verschworenen ein 
(13,6 ff.). An dem verhängnisvollen Tage, der der Flucht vorausging, 
war Alexander noch 1500 Stadien entfernt (8, 2), am Morgen der Flucht 
aber hatte sich die Entfernung ohne Zweifel bedeutend verringert. 


20 J. Marquart, 


Die Stadt Tabae ist nach Curtius offenbar nicht identisch 
mit dem Orte, wo Alexander zuerst die Flucht des Dareios erfuhr, 
sondern nördlich von diesem zu denken. Nun ist aber TABAE 
eine Verlesung für [’'ABAI, und dieses war die Hauptstadt der 
Landschaft Gabiene, die im weiteren Sinne zur Provinz Paraitakene 
gehörte (vgl. Diod. 1.9 26, 1.5. 34, 7) und seit der seleukidischen 
Satrapieneinteilung eine Provinz von Elymaia bildete (Strab. ἐς 


1,18 p. 745). Gabai entspricht dem arabisch-persischen „> Ga, 


der Altstadt von Ispahan, wie C. F. Andreas zuerst gesehen 
hat!). Es befand sich daselbst ein achaimenidischer Palast (Strab. 
ıe ὃ, 3 p. 728). Das eigentliche /lagaıraxnvn, dessen Name sich 
in dem des Distriktes Faraidan (volkstümliche Form Pärzä), 


arab. ep Faridin, einmal auch es; 32) am Oberlauf des 


Zajändä-rüd nw. von Ispahän erhalten hat, erstreckte sich offenbar 
nördlich und nw. von Ispahän. Die Grenze gegen Medien bildete, 
wie es scheint, die Stadt 'Pawe, welche nach C. F. Andreas 
dem heutigen Gulpäigän (arab. „Löl,,> Garpadakan) oder besser 
dem heutigen Sahwärdi im nördlichen Teile des Distriktes Faraidan 
entspricht?). Gabai lag nur gegen Osten in Paraetacene ultima, 
indem schon in der ältern Partherzeit die Städte Issatis (Jezd, 
arab.-per. sis Kada ἃ. i. Haus) und Kalliope den Parthern ge- 


hörten®). Wenn also Gabai in der guten Überlieferung des 
Ptolemaios und Aristobulos genannt war, so kann dies nur in dem 
Bericht über die Unterwerfung der Paraitaken und die Einsetzung 
des Satrapen Oxathres (Arr. y 19, 2) gewesen sein. Nach der- 
selben erfährt aber Alexander zunächst den Entschluss des Dareios, 
eine neue Schlacht zu wagen, und erst an der medischen Grenze 
hört er, dass Dareios sich zur Flucht entschlossen habe. 

Man sieht also, wie sehr die richtige Aufeinanderfolge der 
Be bei Curtius verschoben ist. Die beiden Überläufer 


1) Bei α. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten per. Märtyrer 
S. 132 N. 1130. 


2) Tab. I ἢν, 9 antworten die Araber den Persern auf deren 
Friedensanerbietungen: „Nie wird zwischen uns und euch Friede 
sein, bis wir den Honig von Afridin essen mit Citronen von Küsä*. 
Dass hier von dem Gau der Provinz Ispahän und nicht von dem 
unten behandelten Dorfe die Rede ist, ergibt sich daraus, dass als 


Heimat des vorzüglichen Honigs, des sogenannten „medischen* (si), 
Ispahän galt (Ibn Rusta ἰὸν, 4. Ibn al Faq. 41, 8). 

®) Pauly-Wissowa? 5. v. Andriaka. Vgl. Tomaschek, Zur 
histor. Topographie von Persien I 24 ff. 

4) Plin. h. n. 6, 44: duae urbes ibi Parthorum oppositae quondam 
Medis, Calliope et alia in rupe Issatis. Vgl. 6,113. Polyb. 10 fr. Vor 
der Eroberung Mediens durch Mithridates I. hatten sie als Kae 
Vorposten gegen das seleukidische Medien gedient. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 33 


Βιστάνης, der dem Alexander drei Tagereisen südlich von Ekba- 
tana meldet, dass Dareios bereits fünf Tage auf der Flucht sei 
(Arr. y 19, 4. 5), und Βαγιστάνης, der ihm zwei Tagemärsche 
östlich von Ragai die Gefangennahme des Dareios meldet (Arr. y 
21, 1), sind bei Curtius zusammengeworfen, und die Ereignisse 
von der Flucht bis zur Gefangennahme des Dareios, die bei Arrian 
einen Zeitraum von nahezu 30 Tagen in Anspruch nehmen?), sind 
bei ihm ganz dramatisch auf einige Tage zusammengedrängt. Der 
Grund der Verschiebung lässt sich aber hieraus nicht erkennen. 
Dieselbe erklärt sich nur daraus, dass der Verfasser durch 
geographische Vorstellungen beeinflusst war. Die beiden Haupt- 
städte Mediens, Ragai und Ekbatana, sind nämlich bei 
ihm völlig zusammengeworfen. Bei Strabon ες 1, 17 
Ρ. 744 finden wir sodann folgende Grenzbestimmungen : ταύτῃ δὲ 
(τῇ Περσίδι) συνάπτει ἡ Παραιτακηνὴ καὶ ἡ Κοσσαία μέχρι 
Κασπίων πυλῶν, ὀρεινὰ καὶ λῃστρικὰ ἔϑνη. τῇ δὲ Σουσίδι 
ὴ ᾿Ελυμαΐς καὶ αὐτὴ τραχεῖα ἡ πολλὴ καὶ λῃστρική, τῇ δὲ 
Eivucidı τὰ περὶ τὸν Ζάγρον καὶ ἡ Μηδία. Den Landschaften 
Paraitakene und Kossaia wird also eine Ausdehnung bis zu 
den Kaspischen Thoren gegeben und nach ı« 13, 6 p. 524 
bilden Parthyaia, die Berge der Kossaier und die Paraitakener die 
Östgrenze von Gross-Medien?).. Diese Angaben gehen wohl ohne 
Zweifel in letzter Linie auf Eratosthenes zurück. Dann folgt aber 
unmittelbar, dass die Quelle der Erzählung des Curtius jünger 
als Eratosthenes sein muss, was auf Agatharchides vortrefflich 
passt. Zur Erklärung der hier der Landschaft Paraitakene gegebenen 
östlichen Ausdehnung darf vielleicht an das oben erwähnte Afridün 
zwischen Raj und den Kaspischen Thoren erinnert werden?). Der 


Name „9421 oder „„uAs,51 geht wohl auf *»ara-ita „umflossen“ 


zurück, dessen Ableitung Παραιτάκαν — para-da-ka (als Volks- 
name) oder Παραιτακηνή (mit hellenischer Endung) uns in den ver- 
schiedensten Gegenden Irans als Landschaftsname begegnet. Die 
betreffenden Landschaften 4) sind sämtlich von zahlreichen Flüssen 
oder Kanälen bewässert. Der Name Afrööün oder richtiger 
Paredun bezeichnete also wohl ursprünglich das von 80 Kanälen 


1) Flucht 3 Tagereisen von Ekbatana +4 Rast in Ekbatana + 
11 Tage bis Ragai + 5 Tage Rast + 2 Tage bis zur Ankunft des 
Bagistanes. 

2) τούτοις τὲ δὴ ἀφορίξεται πρὸς ἕω (ἡ μεγάλη Μηδία) καὶ ἔτι τοῖς 
Παραιτακηνοῖς, οἱ συνάπτουσι Πέρσαις ὀρεινοὶ καὶ αὐτοὶ καὶ λῃστρικοί. 

°) Es ist zu beachten, dass die Alexandergeschichte auch einen 
Stamm der Tapuren neben Kossaiern in der Nachbarschaft der Persis, 
also im Zagros kennt (Arr. 7, 23, 1), wodurch Strabons Angabe ı« 13, 3 
p. 523 (oben S. 29 Anm.) bestätigt wird. Es lag natürlich nahe genug, 
diese Tapuren mit denen nordöstlich von Ragai zu verbinden. 

) 1) nördlich von Pärs, 2) in Drangiana, das spätere Sakenland 
Σακαστάνη, 3) am obern Oxos, das mittelalterliche Chottal. 


Marquart, Untersuchungen. II. 3 


34 J. Margquart, 


des Ga$arüud (pers. Haktäd-rödan) befruchtete Kulturland südöst- 
lich von Raj!). Die Schreibung ap! findet sich bei Tab. I 
ἢ.) 9 auch für den gewöhnlich .„..,,5 genannten Rustäk von 


Ispahän, welcher den Namen der Provinz Παραιτακηνή bewahrt hat. 


Wenn sich aber Paraitakene bis zu den Kaspischen Thoren 
erstreckte und Gabai ἐν JParaetacene ultima lag, so hatte 
Alexander freilich von da nicht mehr weit bis zu dem Orte, wo 
Dareios gefangen genommen worden war. Dieser heisst bei Justin 
Thara und wird als vecus Parthorum bezeichnet. Da Curtius 
die Ergreifung des Dareios bereits in der ersten Nacht nach dem 
Aufbruch von Ekbatana (praktisch = Ragai) geschehen sein lässt, 
so kann unter Thara kaum ein anderer Ort gemeint sein als 
Ohoara?), die erste Stadt in Parthien (Plin. 6, 44). Freilich 
brauchte Alexander nach Arrian von Ragai bis dahin bezw. zu dem 
3 Fars. weiteren Aradän zwei Tage. Von diesem Gesichtspunkte 
aus erklärt sich die völlige Umarbeitung der ursprünglichen Be- 
richte. Der romantische Bericht hat also den Ort der Ergreifung 
des Dareios mit der Stadt, in deren Nähe Alexander von derselben 
benachrichtigt wurde, verwechselt. Trogus schrieb wohl CHARA, 
und eine ganz ähnliche Form findet sich bei Orosius 1, 2,16: 
der Kaukasus heisst a fonte Tigridis usque ad Oharras eivitatem 
inter Massagetas et Parthos mons Ariobarzanes; a Charris eivitate 
usque ad oppidum Catippi inter Hyrcanos et Bactrianos mons 
Memarmali ete. Ariobarzanes ist aw. Hara barszartıs, der heutige 
Alburz, es kann also mit Charrae hier nur die Stadt Choara am 
Ende der Kaspischen Thore gemeint sein®). Vielleicht ist mit 
Rücksicht auf obige Stelle des Justin auch bei Plin. 6, 44 (oben 
S. 27 Anm. 1) für amoenissimus situs qui vocatur Choara zu 
lesen a. vicus q. v. Ch. 4 

Nachdem Alexander die Gefangennahme des Dareios erfahren, 
beeilte er sich noch mehr und nahm nur die Hetairen, die Auf- 
klärungsreiterei und die kräftigsten und leichtesten Fusssoldaten 
mit; nicht einmal die unter Koinos zum Fouragieren ausgesandten 


Ὁ Ein anderer Ort namens .„gA,,2) lag auf dem Wege von 


Tabasain durch die Wüste nach Tursiız, 20 Fars. östlich von Tabasain 
Ibn Chord. οὐ, 3, wahrscheinlich in einer Oase. 


32) Ganz mechanisch, ohne Rücksicht auf die Eigenart der Quelle, 
sucht diesen Ort Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien 
1 80 zu bestimmen. UÜberaus naiv ist dagegen der Versuch von Adolf 
Sonny, Jahrbb. f. Phil. u. Pädagogik 1891, Bd. 143,278 ff, der in 
den drei Namen ‘Paycı (Arrian), Zabae (Curtius) und T’hara (Justin) 
eine und dieselbe Ortlichkeit sieht. Er steht würdig neben Krauths, 
dieselbe Zeitschrift zierender Entdeckung der „verschollenen Länder 
des Altertums“. 


8) Vgl. über diese Stelle meine Schrift: Eränsahr nach Ps. Moses 
Chorenac‘i. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 35 


Reiter wartete er ab. Über die Zurückbleibenden setzte er den 
Krateros mit dem Befehle, in mässigen Tagemärschen zu folgen. 
Alexander marschierte die ganze Nacht und den folgenden Morgen 
bis gegen Mittag, und dann nach kurzer Rast wiederum die ganze 
Nacht hindurch bis Tagesanbruch, und erreicht nun das Lager, 
von welchem Bagistanes nach Ergreifung des Dareios aufgebrochen 
war. Hier erfährt er, dass Bessos die Gewalt ergriffen habe, dass 
aber Artabazos und die hellenischen Söldner, nicht im stande,' das 
Geschehene zu hindern, von der Heerstrasse abgebogen seien und 


für sich nach den Bergen zu marschieren. Trotz der Erschöpfung 


der Pferde und Mannschaften setzt Alexander den Gewaltmarsch die 
Nacht und den folgenden Tag bis zum Mittag fort, bis er zu einem 
Dorfe kam, wo die Verschworenen am vorhergehenden Tage gelagert 
hatten. Hier erfuhr er, dass die Barbaren beschlossen hätten, des 
Nachts zu marschieren. 


Seit der Ergreifung des Dareios waren mindestens 5—6 Tage 
verflossen!), die genügt hätten, den Verschwornen einen tüchtigen 
Vorsprung zu sichern. Allein die mit der Ergreifung des Dareios 
ausgebrochene Revolution und die dadurch hervorgerufene Un- 
schlüssigkeit hatte offenbar noch ein längeres Verweilen im 
Lager nach dem Weggang des Bagistanes zur Folge. Auf diese 
Weise war viel kostbare Zeit verloren worden. 


Alexander erkundet nun von den Eingebornen einen kürzern 
Weg, der aber durch wasserloses Land führe, und da er einsieht, 


. dass das Fussvolk seinem Gewaltritt nicht würde folgen können, 


so lässt er gegen 500 Reiter absitzen und macht dafür die Offiziere 
und die tüchtigsten Leute des Fussvolks in ihrer Infanteriebewaffnung 
beritten. Dem Nikanor und Attalos, den Führern der Hypaspisten 
und Agrianen befahl er, die Zurückgebliebenen ebenfalls in möglichst 
leichter Rüstung auf der Heerstrasse heranzuführen, das übrige Fuss- 
volk sollte in Schlachtordnung nachfolgen. Er selbst brach mit 
den 500 „Doppelkämpfern* und der Reiterei?) gegen Abend auf 
und legte die ganze Nacht hindurch gegen 400 Stadien zurück, 
bis er gegen Morgen auf die ungeordnet und unbewaffnet mar- 
schierenden Barbaren stiess. Die meisten wandten sich alsbald 


1) 2—3 Tage Marsch des Bagistanes vom Ort der Festnahme des 
Dareios bis zum Lager Alexanders + 2 Tage Marsch Alexanders bis 
zum Ort der Festnahme des Dareios + 1 Tag bis zum letzten Lager 
der Verschwornen. 


2) Arrian y 21, 7 ff. erwähnt die Reiterei nicht besonders. Dass 
aber Alexander auf seinem Gewaltritt die Reiterei bei sich hatte, würde, 
wenn es sich nicht von selbst verstünde, sowohl aus der Pointe jener 
Massregel (er will auf die Mitwirkung der Infanterie nicht verzichten, 
da diese aber zu Fuss nicht mehr zu folgen vermag, so lässt er sie in 
ihrer eignen Bewaffnung aufsitzen) als auch aus dem Fehlen der 
Reiterei unter den ‚Zurückgebliebenen folgen. Die Romantiker sind 
hier also genauer. Überhaupt ist Arrian’s Auszug hier ganz besonders 
liederlich. 


85 


36 J. Marquart, 


zur Flucht, sobald sie Alexander in Sicht bekamen, nur wenige 
ermannten sich zur Abwehr, nahmen aber gleichfalls Reissaus, 
nachdem einige gefallen waren. Als Alexander bereits nahe war, 
stiessen Nabarzanes und Barsaentes den Dareios nieder, der bald 
darauf verschied, und flohen mit 600 Reitern. Da die Feinde 
nach allen Richtungen auseinanderstoben und seine Leute völlig 
‚erschöpft waren, sah Alexander die Unmöglichkeit ein, die Verfolgung 
fortzusetzen. Er wartete also die Ankunft der zurückgelassenen 
Truppen ab und sandte den Leichnam des Dareios zur Beisetzung 
in den Königsgräbern nach der Persis. 


Darauf ernannte er den Parther Amminapes!) zum Satrapen 
der Parther und Hyrkanier und erwartete die Ankunft der bei der 
Verfolgung zurückgelassenen Abteilungen des Heeres. Nachdem 
er diese an sich gezogen, rückte er gegen Hyrkanien vor. 

So der lakonische Bericht des Arrian. Nach Curtius dagegen 
legt Alexander, nachdem er von Bagistanes erfahren hat, dass 
Dareios zwar noch nicht gefesselt sei, aber in höchster Gefahr 
schwebe, in einem Gewaltmarsch bei Tag und Nacht 500 Stadien 
zurück und erreicht das Dorf, wo Dareios gefangen worden war. 
Bald darauf treffen zwei Uberläufer Orsilos und Mithracenes ein 
mit der Meldung, die Perser seien nur mehr 500 Stadien entfernt. 
Gegen Abend bricht nun der König mit 6000 auserlesenen 
Reitern und 300 Doppelkämpfern auf, indem er die Phalanx mit 
dem Befehle, so schnell wie möglich zu folgen, zurückliess. 
Unterwegs soll er nach Justin 11, 15, 4 multa et periculosa 
proelia bestanden haben. Nachdem er 300 Stadien zurückgelegt, 
kommt ihm Brochubelus, der Sohn des Mazaios, der ehemalige 
Satrap von Syrien, entgegen mit der Nachricht, Bessos sei nicht 
mehr als 200 Stadien entfernt. Sein Heer, das ungeordnet und 
unvorbereitet marschiere, scheine nach Hyrkanien marschieren zu 
wollen. Nun gieng es im gestreckten Galopp auf die Feinde. 
Beim Herannahen Alexanders suchten Bessos und seine Mit- 
verschwornen den Dareios zu bewegen, zu Pferde zu steigen und 
sich mit ihnen durch die Flucht zu retten. Da er sich aber dessen 
weigerte, stiessen sie ihn nieder und flohen nach verschiedenen 
Richtungen, Bessos nach Baktrien, Nabarzanes nach Hyrkanien. 
Artabazos mit den treugebliebenen Persern und den hellenischen 


1 Bei Arrian y 22, 1 liest man ᾿Φμμινάσπης, allein die Form des 
Curtius 6, 4, 25 Minapis weist darauf hin, dass dessen Gewährsmann 
im zweiten Teil nicht ap. aspa gefunden hat. Im ersten Teil erkennt 
man aw. wahma „Lobpreis“; vgl. aw. Wahmae-data oben 5. 17, Me- 
dates Curt. 5, 3,4.12.15, Μαδέτης Diod. 17, 67, 4 = Oiuntadns Ps. Call. 
I 11 cod. A? (Ausfeld, Zur Kritik des griech. Alexanderromans, 
Karlsruhe 1894, S. 24), Amedines Curt. 7,5,4. Der zweite Teil ist 
wohl ap. παρᾶ „Enkel, Sprössling“; vgl. Ao-varns Xen. Hell. « 3, 12 
und dazu ᾿4ρ-τόχμης Her. ἡ 73, ΄4ρ-πάτης Plut. Artox. 30, Παρα-πίτα 
Xen. Hell. 4,1,39.40. Vgl. auch den Namen der Stadt Mevari« in 
Baktrien Ptol. 6, 12 p. 421,4 Wilberg. 


+ 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 37 


Söldnern hatte sich schon nach der Ergreifung des Dareios nach 
Parthiene gewandt (5, 12,18). Die ihrer Führer beraubten 
Barbaren lösten sich planlos auf, nur 500 Reiter hatten sich 
versammelt, noch unsicher, ob Widerstand oder Flucht vor- 
zuziehen sei. Sobald Alexander die Demoralisation des Feindes 
sah, sandte er den Nikanor mit einem Teil der Reiterei aus, um 
die Flucht zu verhindern, und folgte selbst mit den Übrigen. 
Ungefähr 3000, die Widerstand versuchten, wurden getötet, der 
Rest aber wie eine Viehherde herbeigetrieben, da der König dem 
Blutvergiessen Einhalt zu thun befahl. Dem Alexander selbst 
hatten kaum 3000 Reiter zu folgen vermocht, die Gesamtmasse 
des Trosses aber fiel den langsamer Nachrückenden in die Hände. 
Die Pferde, die den Wagen des Dareios zogen, waren jedoch von 
der Heerstrasse abgewichen und nach vier Stadien in einem 
Thale vor Erschöpfung stehen geblieben, wo der Wagen von 
einem Makedonen aufgefunden wurde. 


Unter den Gefangenen befanden sich gegen 1000 adlige 
Perser, worunter des Dareios Bruder Oxathrest!). Alexander 
ernannte hier den Perser Oxydates, der von Dareios zum Tode 
verurteilt worden war und noch in Fesseln lag, zum Satrapen 
von Medien und marschierte dann nach Parthiene. 


Von jetzt ab stehen uns ausser dem Bericht des Curtius 
auch ausführlichere Erzählungen des Trogus-Justin und Diodor 
zur Verfügung. Da letzterer, wie wir sehen werden, die ur- 
sprüngliche Reihenfolge der gemeinsamen Quelle am treuesten 
bewahrt hat, so werden wir ihm fortab folgen. 


Auf der Verfolgung des Dareios waren Alexander grosse 
Schätze in die Hände gefallen, vor allem der Königsschatz von 
Ekbatana im Betrage von 8000 Talenten?). Nach dem Tode des 
Dareios entlässt Alexander nun die Thessaler und übrigen hellenischen 
Bundesgenossen?), indem er ihnen den vollen Sold bis zu ihrer 
Rückkehr in die Heimat auszahlen liess, ausserdem aber jedem 
Reiter ein Talent, jedem Fussgänger 10 Minen schenkte‘). Von 


ı) Vgl. Plut. Alex. 43. Diod. εξ 77, 4. 


2, Diod. ı& 74, 5; ebenso Strab. ıe 3, 9 p. 731. Dagegen 7000 Talente 
nach Arrian y 19, 5. 


8) Plut. Alex. 42 folgt einer ältern Gestalt der romantischen Version: 
die Thessaler werden entlassen, nachdem Alexander die Kunde von der 
Ergreifung des Dareios durch Bessos erhalten hat. Darauf haben 
aber Alexanders Truppen erst noch die Strapazen einer 11tägigen Ver- 
folgung durchzumachen, auf welchersie 3300 Stadien zu Pferde zurücklegen, 
bis sie die Leiche des Dareios erreichen. Nach Arrian aber wurden 
die hellenischen Bundesgenossen bereits in Ekbatana entlassen. Die 
11 Tagesritte des Plutarch gehen offenbar auf die 11 Tagemärsche 
Alexanders von Ekbatana bis Ragai (Arr. y 20, 2) zurück. 


4) Nach Arrian y 19,5 und Plut. Alex. 42 gab er ihnen ausser 
dem Sold noch 2000 Talente. 


38 ἢ: Marquart, 


denen aber die weiter dienen wollten, gab er jedem 3 Talente. 
Im ganzen wurden so, mit Einrechnung der Schmucksachen und 
Trinkgefässe, 13000 Talente an die Soldaten verteilt, noch mehr 
aber war, wie man vermutete, unterschlagen und geraubt worden). 


Nach dem Tode des Dareios ergriff die Makedonen eine 
ganz ähnliche Stimmung wie die Deutschen nach der Gefangen- 
nahme Napoleons bei Sedan; sie glaubten den Feldzug beendet 
und die Rückkehr in die Heimat nahe, zumal sie Alexander bei 
der Nachricht, dass Dareios selbst in Gefahr schwebe, zur äussersten 
Anstrengung angefeuert hatte durch die Aussicht: „Maximum 
opus, sed labor brevissimus superest. Dareus haud procul, 
destitutus a suis aut oppressus: in 1110 corpore posita 
est nostra victoria et tanta res celeritatis est praemium 
(Curt. 5, 13,4). In dieser Hoffnung wurden sie noch bestärkt 
durch die Kunde, dass die hellenischen Bundesgenossen in 
die Heimat entlassen würden. Der hinreissenden Beredsamkeit 
Alexanders gelang .es indessen, seine Makedonen von der Not- 
wendigkeit der Fortsetzung des Kampfes und der Vernichtung 
der Mörder des Dareios zu überzeugen und so brach er mit 
seinem Heere gegen Hyrkanien auf. Am dritten Tage lagerte er 
in der Nähe der Stadt Hekatompylos?), und gönnte seinen 
Truppen mehrere Tage Rast, da diese Stadt mit allen Lebens- 
bedürfnissen reichlich versehen war. 


Es ist ohne weiteres klar, wie dramatisch hier alle effekt- 
vollen Motive zusammengedrängt sind. Schon in Ekbatana fassen 
Bessos und Genossen den Plan, den Dareios zu beseitigen, und 
bereits in der ersten Nacht nach dem Aufbruch von der medischen 
Hauptstadt wird er von ihnen festgenommen und fortgeschleppt. 
Nachdem Alexander erfahren hat, dass Dareios in Gefahr schwebt, 
erreicht er in einem Tage den 500 Stadien entfernten Ort, wo 
Dareios gefesselt worden war, und in einem weiteren Marsche 
von 500 Stadien gelangt er zur Leiche des Dareios. Diese 
Ereignisse, die bei Arrian 4 Tagemärsche ausfüllen, sind also 
hier auf zwei Tage zusammengedrängt. Da Alexander nach dem 
Tode des Dareios einen Satrapen von Medien ernennt, so wird 
wohl vorausgesetzt, dass er sich noch auf medischem Boden befand. 
Nach Arrian y 20,3 erfolgt die Ernennung des Oxydates aller- 
dings in Ragai. Auch der dreitägige Marsch bis nach Hekatompylos, 
das nach Diodors Darstellung offenbar in Parthien und in der 
Nähe der Grenze Hyrkaniens gedacht ist, sowie der Ausdruck des 
Curtius 6, 2, 12 hine in Parthienen perventum est 
‘ weisen darauf hin, dass nach der Vorstellung der Quelle Alexander 


1) Vgl. Justin 12, 1, 1. Curt. 6, 2, 10 schätzt die Beute auf 
26000 Talente, wovon 12000 (r. 13000) unter die Soldaten verteilt 
wurden, par huie pecuniae summa custodum fraude subtraeta est. 

3) Uber Hekatompylos 5. ὃ. 39 ff. 44. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 39 


sich bei der Auffindung der Leiche des Dareios noch nicht auf 
parthischem Boden befand. Dabei ist aber merkwürdig, dass die 
Anzahl der Märsche Alexanders von Gabai, wo er zuerst die 
Flucht des Dareios erfährt, bis nach Hekatompylos wahrscheinlich 
mit den 6 Gewaltmärschen von Ragai bis zur Auffindung der 
Leiche des Dareios nach Arrian übereinstimmt. Die Entlassung 
der Bundesgenossen, die bereits vor einem Monat in Ekbatana 
stattgefunden hatte, wird hier zu einem Momente höchster 
Spannung verwertet, in welchem der siegreiche König nach 
beispiellosem Glücke fast an der Vollendung seiner Sieges- 
laufbahn gehindert worden wäre. 


Curtius lässt den Alexander nach der Auffindung der Leiche 
des Dareios nach Hekatompylos in Parthiene gelangen und verlest 
hieher die Entlassung der hellenischen Söldner und die Hoffnung 
der Makedonen auf sofortige Heimkehr. Von da gelangt er am 
dritten Tage durch Parthiene an die Grenzen von Hyrkanien. 
Allein dass jene Szene ihre richtige Stelle im Sinne der Urquelle 
nur unmittelbar nach dem Tode des Dareios haben kann, wo sie 
bei Diodor richtig steht, folgt aus ihrer Beeründung. Curtius 
oder sein Gewährsmann hat also die Urquelle eigenmächtig ver- 
schlimmbessert. Dass natürlich letztere auch nicht den Beisatz 
zu Hekatompylos enthalten konnte: condita a Graecis, ist 
selbstverständlich. Dadurch wäre ja bereits die ganze Erzählung 
jedem denkenden Leser als widersinnig hingestellt worden. Diese 
Notiz ist wohl einer Chorographie entnommen. Die Bemerkung 
über den skythischen Ursprung der Parther (vgl. 4, 12, 11), 
näherhin ihre Abkunft von den europäischen Skythen stammt 
aus Agatharchides 1). 


Die Vorlage des Trogus 11, 15,1 lässt den Dareios: bereits 
auf parthischem Gebiet gefangen genommen werden und verlegt 
folgerichtig auch jene Erregung unter den Makedonen infolge 
ihrer Erwartung der Beendigung des Krieges nach Parthien (12, 3,1), 
nennt aber den Namen der Stadt Hekatompylos nicht. Sie hat 


also die Hauptquelle Agatharchides wie so häufig aus einer 


Nebenquelle verbessert. 


Da es den Romantikern darauf ankam, die Ereignisse nach 
rhetorischen Gesichtspunkten zu gruppieren, wobei sachliche und 
geographische Rücksichten, wie wir bereits gesehen, völlig in den 
Hintergrund traten, so können wir von der Behauptung, dass 
Alexander von der Auffindung der Leiche des Dareios noch 
3 Tage bis Hekatompylos gebraucht habe, völlig absehen. Soviel 
ist klar, dass die Urquelle dieser Darstellungen von der Geographie 
von Parthien eine ebenso mangelhafte Vorstellung hatte wie von der 
von Paraitakene. Denn Hekatompylos lag ja im Herzen von 


1) Vgl. meine Untersuchungen zur Gesch. von Eran I 35. 


ἢ ᾿ J. Marquart, 


Parthien (ἐν μέσῃ τῇ Παρϑυηνῇ Polyb.ı 28,7 a. 209), und war 
die Hauptstadt der Landschaft Komz$, arab. γιοῦ, gr. Κωμισηνή, 


welche den Mittelpunkt der alten Provinz Parthien und in der seleu- 
kidischen Satrapieneinteilung eine der sechs Provinzen bildete, in 
welche das alte Parthien zerlegt worden war. Die Landschaft Kömis 
gilt noch bei dem Armenier Sebeös (7. Jh.) als Stammsitz der 
Parther oder Palhav!). Medien aber reichte vom Passe von 
Holwän bis zu den Kaspischen Thoren ?). 


1) Seb. 57. 58/59. Vgl. mein Eränsahr nach der Geographie des 
Ps. Moses Chorenae‘i 8.71. 

2) Strab. ı« 3, 8 p. 525. Arrian, Τὰ μετὰ ᾿Δ4λέξανδρον 8 35 in 
C. Müller’s Arrian p. 245. 

Ein Muster von Unklarheit und Unkritik ist Spiegel’s Exkurs 
„Parthien* (Eranische Altertumskunde II 630—632). Er hat nicht 
einmal gesehen, dass des Ptol. Παρταυτικηνή und Χοροανή einfach 
Verballhornungen von Isidoros’ Anavagxrınnvyn und Xocenvn sind. 
Die Stelle des Strab. ıx 9, 1 p. 514 beruht ja allerdings z. T. auf 
Irrtum und lässt an Klarheit des Ausdruckes zu wünschen übrig. Es 
ist deshalb sehr zu bedauern, dass sich durch Spiegel’s Bemerkung: 
„auch sagt er (Strabon), dass Choarene und Komisene erst später zu 
Parthien hinzugefügt worden sei‘ auch Gutschmid, Gesch. Irans 
S. 43f. zu der Annahme verleiten liess, Komisene und Choarene hätten 
früher zu Medien gehört. Sieglin in der neuen Ausgabe von 
Spruner-Menke’s historischem Atlas ist ihm darin blindlings 
gefolgt. Strabon behauptet zunächst: Ἢ δὲ Παρϑυαία πολλὴ μὲν 
οὐκ ἔστι" συνετέλει γοῦν μετὰ τῶν Ὑρκανῶν [κατὰ] τὰ Περσικὰ καὶ 
μετὰ ταῦτα τῶν Μακεδόνων κρατούντων ἐπὶ χρόνον πολύν. πρὸς δὲ τῇ 
σμικρότητι δασεῖα καὶ ὀρεινή ἐστι καὶ ἄπορος, ὥστε διὰ τοῦτο δρόμῳ 
διεξιᾶσι τὸν ἑαυτῶν οἱ βασιλεῖς ὄχλον, οὐ δυναμένης τρέφειν τῆς χώρας 
οὐδ᾽ ἐπὶ μικρόν" ἀλλὰ νῦν ηὔξηται. Allein die Meinung, dass Parthien 
in persischer Zeit kleiner gewesen sei als später, ist falsch. Die An- 
fänge des parthischen Reiches der dahischen Parner waren allerdings 
klein, und dieses beschränkte sich ursprünglich auf die Landschaft 
Παρϑυηνή mit der Stadt Nıodx, wo die Gräber der parthischen 
Könige lagen (Isidor von Charax, Σταϑμοὶ Παρϑικοί Ὶ 12. ΒΕ 
Tomaschek, Zur histor. Topographie von Persien I 74). Strabon 
fährt dann fort: μέρη δ᾽ ἐστὶ τῆς Παρϑυηνῆς ἥ τε Κωμισηνὴ καὶ ἡ 
Χωρήνη, σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ μέχρι πυλῶν Κασπίων καὶ ἹῬαγῶν καὶ 
Ταπύρων ὄντα τῆς Μηδίας πρότερον, ἔστι δ᾽ ᾿ἡπάμεια καὶ Ἡράκλεια, 
πόλεις περὶ τὰς Ῥάγας. Zunächst sind die Worte σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ 
μέχρι πυλῶν Κασπίων neben ἡ Χωρήνη sachlich eine Tautologie, da ja 
die Landschaft Χωρηνή (Chwär) westlich bis zu den Kaspischen Thoren 
reichte. Wenn also Strabon gut berichtet war, so muss der Text, wie 
er vorliegt, notwendig verdorben sein. Es wird zu lesen sein καὶ 7 
Χωρηνὴ μέχρι πυλῶν Κασπίων, σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ «μέχρι; 
ἱΡαγῶν καὶ Ταπύρων ὄντα τῆς Μηδίας πρότερον, ἔτι δ᾽ ᾿ἀπάμεια καὶ 
Ἡράκλεια κτλ. Die Worte ὄντα τῆς Μηδίας πρότερον würde vom rein 
grammatischen Standpunkte aus gewiss niemand auf 7 τε Κωμισηνὴ 
καὶ ἡ Xoenvn, sondern nur auf das letzte Glied σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ 
u. P. καὶ T. beziehen, und von den Gebieten westlich von den 
Kaspischen Thoren bis Raj und nördlich bis zu den Tapuren ist die 
ehemalige Zugehörigkeit zu Medien auch sachlich korrekt. Denn die 
Tapuren wohnten im 2. Jh. v. Chr. nicht mehr in den Bergen nördlich 
von Semnän, sondern hatten seit der Verpflanzung der Marder nach 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 41 


Für uns handelt es sich nur um die Frage, ob Alexander 
in der That in der Nähe von Hekatompylos die Leiche des 
Dareios aufgefunden und darauf mehrere Tage daselbst gerastet 
hat. Arrian berichtet allerdings nichts von einer mehrtägigen 
Rast nach dem Tode des Dareios. Allein da Alexander vor dem 
Weitermarsch die Ankunft der bei der Verfolgung zurückgelassenen 
Truppen abwartete, so musste er notwendig mehrere Tage Halt 
machen, da Krateros mit dem Fussvolk schon am zweiten Tage 
nach dem Aufbruch aus Ragai mit dem Befehle, in mässigen 
Märschen zu folgen, zurückgelassen worden war (Arr. y 21, 4). 
Der Auszug des Arrian ist also hier sehr unvollständig. Die 
Hauptfrage ist demnach die: wie weit ist Alexander auf seinen 
6 Märschen von Ragai bis zur Auffindung des toten Königs 
gekommen ? 

Mordtmann hat nun von numismatischen Erwägungen 
aus, die aber in keiner Weise überzeugend sind, Hekatompylos 
beim heutigen Sährüd, 1 Fars. sw. von Bistäm, gesucht!), und 
lässt den Dareios in der Nähe dieser Stadt ermordet werden. 
In letzterer Annahme folgt ihm auch Tomaschek, obwohl dieser 
an der Lage von Hekatompylos bei Dämayan festhält. Seine 
Berechnungen sind indessen verfehlt. Als die grösste Leistung 
auf der ganzen Verfolgung galt offenbar der letzte Ritt von 
400 Stadien (Arrian 3, 21, 9), wobei aber nicht, wie Tomaschek 
will, Normalstadien (er rechnet 33 Stadien auf den Parasang), 
sondern Itinerarstadien zu Grunde zu legen sind, von denen 
40, 435 auf den Farsang gehen (s. o. S. 23). Derselbe betrug 
also rund 10 Fars. Der Weg von den Kaspischen Thoren (d. h. 
von deren Beginn) bis nach Hekatompylos betrug nun nach den 
Bematisten 1860 Stadien — 46 Farsangen. Über diese Route 
sind wir, abgesehen von modernen Reisenden, durch Ibn Rusta 
gut unterrichtet. Derselbe gibt von der Strecke von Chwär am 


Charax in der Nähe der Kaspischen Thore durch den Arsakiden 
Phradates I. deren Sitze um Amul eingenommen. Der Elburz (Oe- 
ϑοκορυβάντιοι) aber gehörte nach Her. 3, 92 zur medischen Satrapie. 

Spätestens unter König Phradates I. gehörten aber jene beiden 
Gebiete zu Parthien, also lange vor der Eroberung des übrigen Mediens 
durch Mithridates I. (um 145 v. Chr.), wie eben aus der Nachricht 
über jene Verpflanzung der Marder hervorgeht. Ja die Städte Καλλιόπη 
und Issatis (Jezd), eitra deserta ab occasu (Plin. ἢ. n. 6, 113), 
oppositae quondam Medis (Plin. h. n. 6, 44) gehörten schon im 
Jahre 209 den Parthern (Polyb. 10, 31, 15 aus Steph. Byz. s. v. 
Καλλιόπη). 

Im einzelnen können wir die successive Eroberung der einzelnen 
Provinzen des alten Parthien durch die Parner nicht verfolgen. Doch 
spricht nichts gegen die Annahme, dass die Arsakiden nach der Be- 
wältigung der Könige Andragoras von Parthien (Justin 41, 4,7) und 
Wax$uwarja von Hyrkanien (Justin 41,4,8; vgl. oben 5. 26 Anm. 2) 
ihre Residenz in Hekatompylos aufschlugen. 


1) Hekatompylos. Sitzungsber. ἃ. bair. Akad. 1869, 1,511 ff. 


49 J. Marguart, 


Ausgange der Kaspischen Pforten bis zur Ostgrenze von Kömis 
folgende Beschreibung (p. 141, 12): 


„Von Chwär nach Qacr al milh (Diz-d namak) sind 7 Fars. 
Der Weg führt durch Kulturland, bis man zu einer Brücke über 
ein trockenes Flussbett kommt und sie überschreitet, dann von 
da nach Qacr al milh. Von Qacr al milh nach Ra’s as kalb 
(Hundskopf) 7 Fars. Der Weg führt durch Salzboden, welchen 
eine Heerstrasse durchzieht, bis man zu einer Brücke kommt, 
welche man überschreitet und weiterzieht, bis man zu einem 
Dorfe kommt namens Mardkustan. Dort ist ein Schloss gleich 
einem Leuchtturme, auf welchem ein Wächter ist, der diesen 
Weg bewacht. Dann steist man bald auf- bald abwärts, 
wobei man rechts und links Berge hat, bis man zu einem Dorfe 
kommt namens Ra’s al kalb. Und von Ra’s al kalb bis Simnan 
sind 8 Fars. durch ebenes Land, wobei man rechts Wüste und 
Berge und links Wüste hat, bis man nach Suhr darra!) kommt, 
und von da dann nach der Stadt Semnän. Von Semnän nach 
Achurin sind 9 Fars. Der Weg führt durch eine gleichmässige 
Ebene, dann kommt man zu einem Defile, das man betritt und 
4 Fars. weit passiert, wobei man zu ein Ribät kommt namens 
Abi-Ahuwan, dann zieht man vorbei zu einem Dorfe namens 
Achurin. Von Achurin zum Dorfe Daja 5 Fars. Der Weg führt 
durch ebenes Land bis Dih-ı däja, wo die Station ish. Von 
Dih-i däja nach Dämayän, der Hauptstadt von Qümis, 4 Fars. 
Der Weg führt durch ebenes Land, bis man nach Qümis kommt. 
Das meiste was (hier) verkauft wird, sind die weissen Stoffe zum 
Kopfbund. Von Qümis nach al Haddada 7 Fars. Der Weg führt 
durch dessen Kulturland, bis man zu einem Ribaät und Ruinen 
kommt. Man sagt, dass es Häuser seien, die durch ein Erdbeben 
verschüttet worden seien. Dann zieht man rechts und links 
zwischen Dörfern hin, bis man nach al Haddäda kommt. Von 


al Haddäda nach Badas (Bidas 6) 7 Fars. Der Weg führt 


durch ebenes Land rechts und links und zusammenhängende 
Dörfer, bis man nach BadaS kommt, um welches rings Saatfelder 
und Gärten sind.* 

BidaS lag 2 Fars. östlich von Bistäm 2). Es ist dem Namen, 
vielleicht auch der Sache nach identisch mit Βιτάξα in Areia, 
das Ptol. 6, 17 p. 488, 12 unter 103° 40’ L. und 38° Br. setzt?). 


Ibn Rusta’s Beschreibung verhält sich zu den übrigen 


2) cod. 5 sy BY lies %, Dash Qod. 71,3 z We heute Surchak. 


5 Tomaschek, Zur histor. Topp von Persien IL 77. 

8) Ptol. rechnet auch die Νισαῖοι und ’Aoreßnvot, die Bewohner 
der parthischen Provinzen Νησαία und ᾿Δσταυηνή (6,9 zu Hyrkanien 
gerechnet, 6, 5 p. 400, 2 in Ταβιηνή verstümmelt) zu Areia. 


΄ 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 43 


arabischen Itineraren (Ibn Chord. fr, 14 ff. Qod. Pr, 1ff. Ist. Pot, 4 ἢ 
Mog. Put, 18 ff.) folgendermassen : 


Ibn Rusta: Ibn Chord. und Istachri: Mogaddasi: 
Qodäma: 
Chwär τ Chwär | Chwär Chwär 
Brücke 


- Qacralmilh7Fars.. Qacralmilh7Fars. QarjatalmilhIT. Qarjat almilh1T. 
Brücke 
Diz-i Mardkustän 

Ra’salkalb7Fars. Ra’salkalb7Fars.. Ra’salkalb1Tag Ra’salkalb 1Tag 


Suhr darra (Surch 4 F.) 

Simnän 8 Fars. Simnän8Fars. (4) Simnän 1 Tag Simnän 1 Tag 
Engpass 4 Fars. 
Abi-Ahuwän “Ali äbäd 1 Tag Ribät 1 Tag 


 Ächurin 9 Fars. Achurin 9 Fars. Garmgüi 1 Tag Garmgü 1 Tag 

 Dih-i däja 5 Fars. (Qarjat daja 4 F.) 

- Dämayän 4 Fars. Qümis ὃ Fars. (4) Dämayän 1 Tag Dämayän 1 Tag 

„ Ribät u.Ruinen 

- alHaddada7Fars.. alHaddada7Fars. alHaddädal Tag alHaddäda 1 Tag 
(„As Te] Gözi- 

=. stän 4 Fars.) 

Bidas 7 Farsang Bidas (Gudas Bidas 1 Tag Bidas 1 Tag!) 


KT )IT@)F. 


Aus diesen Itineraren ersieht man, dass in arabischer Zeit 
der Weg vom Ausgang der Kaspischen Thore bis nach Dämayän, 
der Hauptstadt von Qümis auf 39 bezw. 40 Fars. oder 6 Tage- 
reisen ä 61/, Fars. geschätzt wurde. Dazu kommt die 6 Fars. oder 
1 Tagereise betragende Strecke vom Eingang der Kaspischen 
Thore bis nach _Chwär, woraus sich für die ganze Strecke vom 
Beginn der Kaspischen Thore bis nach Dämayän 39 (40) + 6 — 45 
(46) Fars. oder 7 Tagereisen ergeben, welche den 1860 Stadien 
der Bematisten von den Kaspischen Thoren bis Hekatompylos 
genau entsprechen und welche Alexander, wenn er die Leiche 
des Dareios bei Hekatompylos fand, in 5 Tagemärschen durch- 
messen hätte. Daraus ergäbe sich eine durchschnittliche Marsch- 
leistung von 372 Stadien oder 71/, Fars. pro Tag, also immerhin 
beträchtlich mehr als für die Strecke von Ekbatana nach Ragai, 
für welche durchschnittliche Märsche von 300 Stadien voraus- 
gesetzt werden. Auch Arr.y 25,6 wird ein Marsch von 300 Stadien 
schon als eine grosse Leistung betrachtet. Jenen 7 Tagereisen 
sind aber noch die 2 Tagereisen oder 18 (19) Fars. von Raj nach 
Käsp zuzurechnen, welche Alexander angeblich an einem Tage, 


1) Ebensoviel betrug die Entfernung von al Haddäda nach Bistäm, 
p. FW, 3. 


?) So ist zu lesen für (»,3 bezw. ury> der Hs. 


44 J. Marquart, 


nach unserer Meinung dagegen in zwei Tagen zurückgelegt hat. 
Nach Mordtmann’s und Tomaschek’s Ansicht dagegen 
soll Alexander die ganze 77 (Ibn Chord.) bezw. 79 (Ibn Rusta) 
Fars. oder 11 Tagereisen betragende Strecke von Raj bis Bidas 
in der Nähe von Sährüd in 6 Tagen durchmessen haben)! 


Soviel ich sehe, spricht also nichts dagegen, dass Alexander 
in der That in der Gegend von Hekatompylos den toten König 
der Könige einholte. Seine beiden letzten Märsche führten ihn von 
Semnän rechts durch Sandsteppe über das Dorf "Alah und die 
Quelle Garmäb, weiter über Doseir und Frät nach Dämayän. 
Wahrscheinlich war das in der Nähe gelegene Hekatompylos 
schon in achaimenidischer Zeit die Residenz des Satrapen von 
Parthien gewesen, und es ist daher ganz natürlich, dass Alexander 
den Aufenthalt, den er machen musste, dazu benützte, um den 
neuen Satrapen gleich in seine Hauptstadt einzuführen und ihm 
Achtung zu verschaffen. Man darf hiergegen nicht einwenden, 
dass Hekatompylos nach Appian Syr. 5l eine Gründung des 
Seleukos Nikator sei, womit Curtius’ Bezeichnung condita a 
Graecis übereintrifft. Denn dass die Stadt schon zu Alexanders 
Zeit bestanden haben und von ihm berührt worden sein muss, 
ergibt sich daraus, dass sie von Baiton und Diognetos, den 
Bematisten Alexanders in ihren Berechnungen der Märsche des- 
selben genannt war (Plin. n. h. 6, 61. 44). Es kann sich demnach 
unter Seleukos nur um eine Neugründung gehandelt haben, wie 
bei Ragai - Εὐρωπός, Merw -᾿Αντιόχεια, ete. Freilich haben die 
Romantiker augenscheinlich den Aufenthalt Alexanders in dieser 
Stadt nach dem spätern Besuche Antiochos’ d. Gr. (Polyb. ı 28, 7. 
29, 1) und unter dem Gesichtspunkt der nachmaligen Hauptstadt 
des Partherreiches, das bestimmt war, die Herrlichkeit des iranischen 
Reiches wieder aufzurichten und der Monarchie der Nachfolger 
Alexanders in Syrien den ersten Stoss zu versetzen, weiter aus- 
geschmückt (Curt. 6, 2,12ff., vgl. Justin. 11,15,1). Für die 
Bedeutung der Stadt in seleukidischer und der ältern parthischen 
Zeit spricht die Thatsache, dass dort von allen Seiten die Wege 
zusammenliefen, wovon die Stadt ihren Namen hatte (τῶν δὲ 
διόδων «τῶν» φερουσῶν ἐπὶ πάντας τοὺς πέριξ τόπους ἐνταῦϑα 
συμπιπτουσῶν ἀπὸ τοῦ συμβαίνοντος ὃ τόπος εἴληφε τὴν προση- 
γορίαν Polyb. ı 28, 7). Später, offenbar zur Zeit der über 
Hyrkanien und Karmanien gebietenden Dynastie des Gotarzes, die 
sich unter Volagases I. unabhängig machte, bildete die 140 Stadien 
weiter nördlich gelegene hyrkanische Könissburg Tage den 
Mittelpunkt des Strassennetzes?). Bei den Persern gilt Damayan 


1) Ibn al Faq. "in, 18 gibt fälschlich die Entfernung von Raj 
nach Däamayän auf 80 Fars. an. 


2) Karte des Castorius Segm. XII, 2 ed. Miller (Nagae). Geogr. 
Rav. p. 47,2 (Age). 48,5 (Thage). Vgl. Tomaschek ἃ. ἃ. Ὁ. 79. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 45 


stets als die Hauptstadt von Kömis, also als Nachfolgerin von 
Hekatompylos. Die Städteliste von Irän $ 19 spielt auf eine 
Legende an, nach welcher A%-i dahäk der Usurpator (pat) die 
fünftürmige Hauptstadt von KomiS zu seinem Harem ($apstan) 
machte. Da Az-i dahäk im iranischen Epos der Vertreter der 
Seleukidenherrschaft ist, so sieht man, dass der seleukidische 
Ursprung (richtiger Neugründung) der Stadt nicht völlig vergessen 
war. Wir verdanken dem arabischen Dichter und Belletristen 
Abu Dulaf Mis‘ar Ὁ. al Muhalhil (um 941 n. Chr.) folgende Be- 
schreibung der Stadt (bei Jäq. II 6.4): „Dämayän ist eine 
obstreiche Stadt, deren Früchte prima sind und deren Wohlgerüche 
bei Tag und Nacht nicht aufhören. Es gibt daselbst ein von 
den Kisräs herrührendes wundervolles Wasserschloss, dessen 
Wasser aus einer Höhle im Berge kommt und, sobald es von 
dort herabgeflossen ist, in 120 Kanäle geteilt wird für 120 Rus- 
täge, wobei kein Anteil!) den andern übertrifft, und es ist nicht 
möglich, es auf etwas anderes als diese Wasserversorgung anzu- 
passen. Es ist in hohem Grade merkwürdig; ich habe in den 
übrigen Ländern seinesgleichen nicht gesehen noch ein schöneres 
in Augenschein genommen. Und es gibt daselbst ein Dorf, das Dorf 
der Kameltreiber genannt, wo sich eine Quelle befindet, aus welcher 
Blut hervorsprudelt. Hieran ist nicht zu zweifeln, weil es alle Bigen- 
schaften des Blutes vereinigt. Wenn Quecksilber darein geworfen 
wird, so wird es sofort zu trockenem hartem mannigfach ver- 
wertbarem Stein. Dieses Dorf ist auch unter dem Namen Tangan 
bekannt. In Dämayän gibt es eine vorzügliche Apfelsorte, die 
von Kömit (al gumist) genannt, schön rot, die nach dem “Iräq 
exportiert wird; und es gibt dort Alaun- und Salzbergwerke, 
aber keinen Schwefel, dagegen Gruben von reinem Gold“. 


Für den nun folgenden Marsch über das Gebirge nach der 
Ebene von Hyrkanien sind unsere Berichte so summarisch, dass 
es fast unmöglich scheint, von dem Verlauf desselben eine Vor- 
stellung zu gewinnen. Ich stelle zur rascheren Übersicht die 
beiden Berichte Arrians und der Romantiker einander gegenüber. 


Arrian y 23—24. Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76. 


Nachdem die auf der Ver- 
folgung zurückgelassenen Truppen 
sich eingefunden hatten, verliess 
Alexander die Strasse nach Cho- 
rasan und rückte gegen Hyrkanien, 


— Es scheint, dass dabei Hekatompylos gar nicht mehr berührt wurde. 
Nur so erklärt sich die auffällige Thatsache, dass Isidor von Charax, 
σταϑμοὶ Παρϑικοί $ 9 in Komisene keine einzige Stadt kennt. 


»L. er. 


40 


Arrian y 28---24, 


da er erfahren hatte, dass die 
hellenischen Söldner des Dareios 
sich in die Berge der Tapuren 
geflüchtet hatten, und er diese 
sowie die Tapuren erst nieder- 
werfen wollte. Er teilte jetzt 
sein Heer in drei Corps: er selbst 
wählte mit dem leichtesten und 
zahlreichsten Teil den kürzesten, 
aber auch beschwerlichsten Weg, 
den Krateros sandte er mit seiner 
und des Amyntas Phalanx und 
einer Anzahl von Bogenschützen 
und wenigen Reitern gegen die 
Tapuren, Erisyios aber sollte 
mit den Söldnern und der übrigen 
Reiterei auf der längeren Heer- 
strasse den Tross und die Bagage 
hinüberführen.. Nachdem man 
die ersten Berge passiert hatte, 
wurde gerastet. 


Darauf zog der König mit 
den Hypaspisten und den leich- 
testen der makedonischen Phalanx 
sowie einigen Bogenschützen auf 
schwierigem und gefährlichem 
Pfade voraus, φύλακας τῶν 
ὁδῶν καταλιπὼν ἵνα σφα- 
λερόν τι αὐτῷ ἐφαίνετο, 
ὡς μὴ τοῖς ἑπομένοις κατ᾽ 
ἐκεῖνο ἐπίϑοιντο οἷ τὰ ὄρη 
ἔχοντες τῶν βαρβάρων. Als 
er mit den Bogenschützen die 
Engpässe überwunden hatte, 18 - 
gerte er in der Ebene an 
einem nicht bedeutenden 
Flusse. Hier erschien vor ihm 
Nabarzanes, der Hazarapet 
des Dareios, sowie Phrataphernes, 
der Satrap von Hyrkanien und 
Parthien mit andern vornehmen 
Persern, um sich zu ergeben. 
Wie die spätern Verhältnisse 
lehren, wurde Phrataphernes, viel- 
leicht während der 15tägigen 


J. Marguart, 


Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76. 


Nach der Rast in Hekatom- 
pylos liess Alexander den Krateros 
mit seinen eigenen und des Amyn- 
tas Truppen, 600 Reitern und 
600 Bogenschützen zum Schutze 
der Provinz Parthien gegen einen 
Einfall der Barbaren [d. h. wohl 
der Tapuren] zurück und befahl 
dem Erigyios, das Gepäck auf 
ebenem Wege hinüberzuführen. 
Er selbst rückte mit der Phalanx 
und der Reiterei 150 Stadien 
vor und lagerte alsdann ἐγ) valle, 
qua Hyrcanıam adeunt, in der 
Nähe eines grossen Felsens, an 
dessen Fuss ein beträchtlicher 
Fluss namens Zrıßoirng aus einer 
Höhle hervorbrach. Wir werden 
die Beschreibung desselben unten 
näher mitteilen. 


Am vierten Rasttage 
traf ein Brief des Nabar- 
zanes ein, worin dieser sich 
wegen seiner Teilnahme an der 
Ermordung des Dareios ent- 
schuldigte und im Falle der 
Amnestie die Sache des Bessos 
zu verlassen versprach. Hierauf 
brach man auf und quadrato 
tum agmine ibat, specula- 
tores subinde praemittens, 
qui explorarent loca. S8o 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 


Arrian y 23—24. 


Rast in Zadrakarta (vgl. Justin 
12, 4, 12), in seiner S$atrapie 
bestätigt und die Ernennung des 
Amminapes wieder rückgängig 
gemacht. Alexander hielt hier 
4 Tage Rast und erwartete 
die auf dem Marsche Zurück- 
gebliebenen. 


Von da rückte er auf Zadra- 
karta, die Hauptstadt Hyrkaniens 
zu, und auf dem Marsche dahin?) 
vereinigte sich das Korps des 
Krateros wieder mit ihm, das 
zwar die hellenischen Söldner 
des Dareios nicht getroffen, aber 
die ganze Gegend, soweit es 
dieselbe durchzogen hatte, teils 
mit Gewalt, teils durch freiwillige 
Ersebung der Bewohner unter- 
worfen hatte. Dann traf auch 
Erigyios mit dem Tross und der 
Bagage ein. 


Wenig später erschien aber Ar- 
tabazos nebst dreien seiner Söhne, 
sowie eine Abordnung der hel- 


1) So richtig B. Niese, Gesch. 
der griech. und makedonischen 
Staaten I 108. Droysen, Gesch. 
des Hellenismus I? 1, 332 nimmt 
fälschlich Zadrakarta als Vereini- 
gungspunkt der drei Heersäulen an. 


47 


Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76. 


zog man auf fast unwegsamem 
Pfade, auf dem die Urwälder 
von Mäzandarän und Sturzbäche 
und tiefe Schluchten den Marsch 
vielfach hemmten, 20 Stadien 
weit, bis man, ohne einem Feinde 
zu begegnen, endlich in eine 
kultiviertere Gegend gelangte. 
Alexander unterwarf nun sämt- 
liche Städte Hyrkaniens bis zum 
Kaspischen Meere und durchzog 
das Land bis zu den sog. „glück- 
lichen Dörfern“ (Diod. 17, 75, 4), 
die an Lebensmitteln Überfluss 
hatten und sich besonders durch 
die Menge an Obstbäumen und 
köstlichen Trauben auszeichneten. 
30 Stadien weiter kam Phrata- 
phernes zum Heere und ergab 
sich und die, welche nach dem 
Tode des Dareios geflohen waren, 
dem Sieger. 


Darauf kam man zur Stadt 
Arvae, wo Krateros und Erigyios 
eintrafen, die Phradates, den 
Satrapen der Tapuren, mit- 
brachten. Derselbe wurde zu 
Gnaden aufgenommen und erhielt 
die Statthalterschaft über die 
Tapuren zurück, während über 
Hyrkanien Minapis, der unter 
Ochos als Verbannter an den 
Hof Philipps gekommen war, 
gesetzt wurde. 


Alexander unterwarfnun Hyr- 
kanien und die umwohnenden 
Völkerschaften, und schon hatte 
man das äusserste Ende Hyrkaniens 
betreten, als Artabazos mit 
seinen 9 Söhnen und den Ver- 
wandten des Dareios, sowie einer 
Abordnung der griechischen Söld- 
ner eintraf. Artabazos ward als 
ehemaliger Gastfreund des Phi- 
lippos zuvorkommend aufgenom- 


48 


Arrian y 23—24. 


lenischen Söldner und ΥΥ ἃ ὑ8 - 
fradata (Δυἂτοφραδάτης), der 
Satrap der Tapuren. Letzterer 
erhielt seine Satrapie zurück, 
Artabazos und seine Söhne wurden 
ehrenvoll aufgenommen, den Ge- 
sandten der hellenischen Städte 
aber wurde bedeutet, mit ihnen 
sei keine Kapitulation möglich, 
sondern sie müssten sich auf 
Gnade und Ungnade ergeben, 
was sie dann zusagten. 


Alexander errichtete hier ein 
Standlager!) und zog an der 
Spitze der Hypaspisten, der Bogen- 
schützen und Agrianer, der Pha- 
langen des Koinos und Amyntas, 
der Hälfte der Hetairen und 
der neuformierten Akontisten zu 
Pferd gegen die Marder. Er 
durchzog den grössern Teil ihres 
Gebietes und tötete viele auf 
der Flucht, manche auch die 
Widerstand versuchten, und nahm 
viele gefangen. Seit Menschen- 
gedenken war kein Feind in ihr 
Land eingedrungen wegen der Un- 
wegsamkeit desselben und wegen 
der Armut und Wehrhaftigkeit 
der Marder, und deshalb hatten 
sie sich auch keines Einfalles 
Alexanders versehen, zumal er 
ja schon weiter vorgerückt war. 
So wurden sie denn gewisser- 


1) Dies ergibt sich aus c. 24, 4. 


J. Marquart, 


Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76. 


men. Als man darauf lagerte, 
wurden die mit Artabazos ge- 
kommenen Griechen vorgelassen. 
Sie erklärten, sich nur ergeben 
zu wollen, wenn auch den Ge- 
sandten der Lakedaimonier und 
Sinopeer, die an Dareios geschickt 
worden waren, Sicherheit gewährt 
würde. Allein es wurde ihnen 
bedeutet, sich auf Gnade und 
Ungnade zu ergeben, was sie 
nach langem Zaudern endlich 
annahmen. So erschienen denn 
die 1500 Söldner, wozu noch 
90 früher an Dareios geschickte 
Gesandte kamen, im Lager. Sie 
wurden begnadigt und mussten 
unter Alexander weiterdienen, die 
übrigen wurden entlassen mit 
Ausnahme der Lakedaimonier, 
welche in Gewahrsam gehalten 
wurden. 

Hierauf durchzog Alexander 
die Küste Hyrkaniens und fiel 
ins Land der Marder ein, die 
allein keine Gesandten geschickt 
hatten. Der König liess den 
Tross mit einer Bedeckung zurück 
und marschierte die Nacht hin- 
durch, bis man bei Tagesanbruch 
den Feind in Sicht bekam. Dieser 
hatte die Zugänge des Landes 
mit 8000 Mann besetzt, allein 
der König griff sie an und hieb 
die meisten nieder, die übrigen 
aber verliessen die besetzten Hügel 
nnd flohen. Alexander verheerte 
nun ihr Gebiet, allein das Innere 
des Landes bot dem Marsche 
eines Heeres die grössten Schwie- 
rigkeiten. Hohe Gebirge und 
unwegsame Wälder und Felsen 
umsäumten es, in der Ebene aber 
hatten die Einwohner die dicht 
verwachsenen Wälder künstlich 
noch unzugänglicher gemacht. Es 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 


Arrian y 23—24. 
massen unversehens überfallen 
und gefangen. Viele von ihnen 
aber flohen in die hohen und 
steil abfallenden Berge ihres Ge- 
bietes, in der Annahme, dass 
Alexander hieher nicht vordringen 
werde. Als er aber auch dahin 


vorrückte, schickten sie Gesandte 
und übergaben sich und ihr 
Land, worauf sie Alexander Auto- 
phradates, dem Satrapen der 
Tapuren unterstellte. 

Alexander kehrte darauf ins 
Standlager zurück und fand hier 
die hellenischen Söldner vor, 1500 
an der Zahl, sowie die Gesandten 


Margquart, Untersuchungen, II. 


49 


Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76 
gab nur ein Mittel, sich mit 
dem Schwert einen Weg durch 
das Dickicht zu hauen, was frei- 
lich sehr umständlich war. Dabei 
lauerten ihnen die Eingebornen 
wie richtige Jägervölker überall 
im Dickicht auf und belästigten 
von daaus, einer regulären Truppe 
unerreichbar, durch ihre Geschosse 
die Makedonen. Zuletzt liess 
Alexander den Wald von seinen 
Soldaten umzingeln, um, wo es 
möglich wäre, einzudringen. Al- 
lein sehr viele verirrten sich und 
einige, darunter auch das Leibross 
des Königs, der Bukephalas wurden 
abgeschnitten. Der Verlust seines 
Streitrosses versetzte den König 
in die äuwsserste Wut, und es 
scheint, dass die Romantiker 
hierin die ersten Anzeichen seines 
gleich darauf ausbrechenden Cä- 
sarenwahneserblickten. Er drohte 
das Land völlig zu Grunde zu 
richten und den ganzen Stamm 
der Marder auszurotten, wenn 
sie das Pferd nicht zurückgäben, 
und machte sich auch alsbald 
daran, die Drohungen auszuführen. 
Er liess die Wälder niederhauen 
und die durch verschlungenes 
Geäst unwegsame Ebene mit Erde, 
die von den Bergen herbeigeschafft 
wurde, aufschütten. Schon war 
das Werk bis zu einiger Höhe 
gediehen, als die Barbaren an 
der Möglichkeit, ihr Land zu 
behaupten, verzweifelnd, das Pferd 
mit kostbaren Geschenken her- 
beiführten und sich ergaben, indem 
sie Geiseln stellten. Der König 
unterstellte sie darauf dem Phra- 
dates und kehrte am 5. Tage 
ins Standlager zurück. Den Ar- 
tabazos entliess er sodann nach 
Hause. Nun kam man zur Haupt- 
4 


50 


Arrian y 23—24. 

von Sparta, Athen, Sinope, Kal- 
chedon, die an Dareios gesandt 
worden waren und sich nach 
dessen Tode den Griechen an- 
geschlossen hatten. Die Gesandten 
von Sparta und Athen wurden 
festgenommen und in Gewahrsam 
gehalten, die von Sinope und 
Kalchedon entliess er, weil ihre 
Städte persische Unterthanen ge- 
wesen waren und nicht zum 
hellenischen Bunde gehört hatten. 
Ebenso wurden von den Söldnern 
die, welche vor dem hellenischen 
Bündnis in persische Dienste ge- 
treten waren, freigegeben, die 
andern mussten in seine Dienste 
übertreten. Hierauf zog er nach 
Zadrakarta, der grössten Stadt 
Hyrkaniens, wo die Residenz der 
Hyrkanier war. 


Von Dämayän aus war der 


J. Marquart, 


Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76. 
stadt von Hyrkanien, wo der 
Palast des Dareiost) gewesen 
war. Hier erschien Nabar- 
zanes, nachdem er Verzeihung 
erhalten, mit ungeheuren Ge- 
schenken, worunter der Eunuch 
Bagoas, der Geliebte des Dareios 
und später des Alexander. 


ı) D. 1. wohl des Dareios I. 
Ochos, der vor seiner T'hronbestei- 
gung Satrap von Hyrkanien gewesen 
war Ktes. Pers. 44. 


natürliche Weg Alexanders nord- 


wärts über Täk durch das "Ali-2ä$mä-Thal. Die Streitmacht des 
Krateros muss wieder eine Strecke westwärts gezogen sein, da 
die Griechen, welche sie aufsuchen sollte, schon von dem Orte 
aus, welchen Alexander am vierten Tage nach dem Aufbruch 
aus Ragai erreichte, ἃ. ἢ. etwa von Semnän (Σήμινα) aus sich 
nordwärts in die Berge der Tapuren gewandt hatten. Diese sind 
also nördlich von Semnaän im Sawäd-küh und weiter östlich zu 
suchen. Die längere Heerstrasse, auf welcher Erigyios die Bagage 
hinüberführte, kann nur über Sährüd geführt haben. 

Weit schwieriger ist es aber, den Sammelpunkt der drei 
Heersäulen auf der Nordseite der Elburzkette zu bestimmen. Für 
die Charakteristik der Urquelle des Diodor und Curtius ist es 
von Wichtigkeit, dass sie, wie man sofort sieht, die beiden Rasten 
Alexanders zu Beginn und nach Beendigung des Gebirgsüberganges 
zusammengeworfen hat, so dass die Beschreibung des Verlaufs 
desselben ganz unbrauchbar geworden ist. Die Rehabilitierung 
des Nabarzanes ist, entsprechend der Schwere seines Verbrechens, 
sehr psychologisch und ganz in der Weise eines modernen Romans 
in zwei successive Akte zerlest. Nach ÜCurtius wäre es dem 
Krateros und Erigyios auch geglückt, den Satrapen der Tapuren, 
Phradates in ihre Gewalt zu bekommen. Auch hier sehen wir 
wieder das Bestreben obwalten, die Ereignisse mehr nach rheto- 
rischen als nach rein sachlichen Gesichtspunkten zu gruppieren 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 51 


und zu gestalten. Vor allem ist hier der Irrtum jener Quelle 
zu beseitigen, dass Alexander schon vor dem Zuge gegen die 
Marder ganz Hyrkanien durchzogen und dessen sämtliche Städte 
bis zur Küste des Kaspischen Meeres sowie die benachbarten 
Völkerschaften unterworfen (Diod. 17, 75, 3. 76, 1) und 
beim Eintreffen des Artabazos unmittelbar vor der Errichtung 
des Standlagers bereits ultima Hyrcaniae d. i. nach dem 
Zusammenhange die jenseitige Grenze von Hyrkanien erreicht 
hatte (Curt, 6, 5, 1). Diese Auffassung beruht lediglich auf einem 
Missverständnis des Ausdrucks ultima Hyreaniae = τὰ 
ἔσχατα τῆς Ὑρκανίας, der im Sinne der zeitgenössischen Quellen 
den Beginn des hyrkanischen Gebietes bezeichnete, wo Alexander 
nach Überwindung des Gebirges rastete (Arrian y 23, 4), nicht 
aber dessen Ende. Allgemein Timmt man nun an, dass Alexander 
und vor allem Erigyios direkt nach Zadrakarta, das man ein- 
stimmig beim heutigen Astaräbaäd sucht, gezogen sei. Alexander 
wäre über Tak, Kalätä und Cär-deh durch den Engpass Samfir- 
bur nach dem "Thale Caman säwar und von da über den Berg 


Gihän-numä auf steil sich hinabwindendem Pfade nach Astaräbäd 
gelangt). Den Erigyios lässt man meist den grossen Umweg 


über Bistäm, Gä$erm und Kälpü$ im Gebiet der Göklän-Turk- 
menen (etwa 15 Fars. von Astaräbäd) einschlagen ?), wo freilich 
der leichteste Übergang über das Elburzgebirge ist?). Allein 


Gägerm an der Strasse nach Chorasan ist von Dämayän aus 
bereits ein so vorgeschobener Posten, dass es als höchst unwahr- 
scheinlich erscheinen muss, dass Alexander gerade seinen Tross 
selbst einem fliehenden Feinde so stark exponiert hätte. Für 
weit wahrscheinlicher müsste es gelten, dass Erigyios von Sährüd 


vielmehr über das Gebirge Galäli nach Kalätä, von da über Tas 
und den Berg Öaldalijän nach Bäla-Sahküh und weiterhin über 
den Kamm des Elburz nach Zijärät und Astaräbäd marschiert 
wäre. Alexander hielt nach Überwindung der Pässe an einem 
nicht bedeutenden Flusse in der Ebene, also nach dieser Auf- 
fassung in der nächsten Nähe von Astaräbäd 4 Tage Rast. Nach 
dem Aufbruch aus dem Lager marschiert er auf Zadrakarta, und 
auf dem Wege dahin vereinigen sich mit ihm zunächst das Korps 
des Krateros, welches die Berge der Tapuren durchzogen hatte, 
und bald auch die Abteilung des Erigyios.. Nach dieser Annahme 
müsste also die Division des Krateros, die von Dämayän wieder 
2 Tagemärsche bis Semnän hatte zurückmarschieren müssen und 
von da über Gör-i sätıd und Peröz-köh den Weg durch das 


D) Vgl. α. Melgunoff, Die südlichen Ufer des Kaspischen 
Meeres 144f. 133. 
2) Spiegel, Eran. Altertumskunde I 536 N. 2. Droysen, 
Gesch. des Hellenismus 15, 1, 382 N. 2. 
ὃ Melgunoff ἃ. ἃ. Ο. 143. 
4* 


52 J. Marquart, 


Thal des Talär nach ΑΙ äbad eingeschlagen und hier die Strasse 
über Särı und Gäz nach Astaräbäd erreicht!), also den weitesten 
Weg zurückgelegt hätte, vor der Vereinigung mit Alexander be- 
reits Zadrakarta passiert haben. 

Diese Auffassung ist indessen mit der Darstellung Arrians 
unvereinbar. Sowohl aus Arrians wie aus Curtius’ Bericht geht 
klar hervor, dass keine der drei Abteilungen Zadrakarta vor dem 
Zuge gegen die Marder erreicht hatte. Die Vereinigung der 
drei Heersäulen muss also westlich von Astaräbäd stattgefunden 
haben, und da die Abteilung des Erigyios zuletzt eintraf, so muss 
das hernach errichtete Standlager dem Endpunkt ihres Weges 
am nächsten liegen. Daraus ergibt sich, dass Erigyios nur beim 
heutigen Gäz die Küste erreicht haben kann, und dass sein Weg 
von Sahrüd über Tas (6 Fars.), von da über den Berg Öal&alijan 
nach Bala Sahkuü, weiterhin über das Thal Öaman säwär nach 
Rädkaän (6 Fars.) "und von da über Barkuläh (1 Fars.) nach Gäz 
(4 Fars.) führte. Von Gäz bis Sährüd rechnet man heute im 
ganzen 19 Fars.?). Dazukommt noch die Strecke von Sährüd bis zu 
deh Ruinen von Hekatompylos bei Frät, welche 26 +16 - 16 
= 58 miles oder 141/, Fars. — 2 Tagereisen beträgt, im ganzen 
also 5 Tagereisen. Melgunoff brauchte in schlechter Jahreszeit 
von Gäz bis Sährud 5 Tage. 

Alexander muss demnach noch weiter westlich die Küste 
erreicht haben, etwa bei Pul-i Nikäh. Er zog also von Heka- 
tompylos zunächst nördlich nach Täk, von wo der Weg durch 
eine Schlucht links von diesem Dorfe und dann durch eine ge- 
birgige Gegend weiterführt. Nach Überschreitung, der ersten 
Berge lagerte man, vermutlich beim Engpass (äßmä-i "Alı. 
Melgunoff gibt von diesem Wege folgende Beschreibung 
(5. 144): „Drei Farsakh von Tok ist ein Schwefelquell mit 
klarem und frischem Wasser, von wo aus man die damganischen 
Salzseen sehen kann. Der Weg führt denn immer weiter durch 
Schluchten, in denen man bei jedem Tritte ein hohles metallenes 
Dröhnen hört, bald stärker, bald schwächer, welches von früheren 
unterirdischen Kanälen herrühren soll, durch welche einmal das 
Kaspische Meer mit dem persischen Meerbusen in Verbindung 
gestanden haben soll; andere meinen, es- rühre von den in den 
Bergen lagernden Metallen her. Nachdem man einen Hügel und 
ein altes Karawanserai am Fusse desselben hinter sich hat, kommt 
man durch ein Thal nach Tschaarde oder Tsschahordeh 35 =), 


welches vier Farsakh von dem Schwefelquell entfernt ist. Das 


1 Vgl. J. G. Droysen, Gesch. des Hellenismus 15,1, 382 N. 2. 

?) Melgunoff, Die südlichen Ufer des Kaspischen Meeres $. 127 ff. 

3) Auf dem vom kriegstopographischen Bureau in Taschkent 
bearbeiteten Blatt XVIII der Karte des asiatischen Russland Cahadar- 
deh \arazap-ıext. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 53 


Dorf Tschahorde liegt in einer von drei Seiten mit hohen Bergen um 
gebenen Aue, mitten zwischen Gärten, und besteht eigentlich aus vier 
Dörfern. ... In den nahen Bergen hausen Tiger, Panther und. der- 
gleichen. ... Von Tok bis Tschahorde rechnet man 7 Farsakh* u. s. w. 

Diodor und Curtius lassen Alexander allerdings bereits 
150 Stadien von Hekatompylos Rast machen, ®n valle, qua 
Hyrcaniam adeunt, wie Curtius (6, 4, 3) sagt. „Nemus praealtis 
densisque arboribus umbrosum est pingue vallis solum rigantibus 
aquis, quae ex petris imminentibus manant“. In der Nähe war 
ein grosser Felsen, an dessen Fuss ein beträchtlicher Fluss namens 
Στιβοίτης (Curtius Ziobetis für Ziboetis, *Stbawatis) aus einer 
Höhle hervorbrach. Derselbe floss zuerst 3 Stadien in ungestümem 
Gefälle dahin, und teilte sich dann bei einem zitzenförmigen 
Felsen, an dem er sich brach. Unter diesem befand sich ein 
gewaltiger Schlund, in welchen der Fluss mit mächtisem Getöse 
hinabstürzte und 300 Stadien weit unterirdisch floss, bis er 
wieder zu Tage trat und sofort in einem nunmehr 13 Stadien 
breiten Bette dahinfloss, das aber bald wieder eingeengt wurde. 
Endlich fiel er in einen andern Fluss namens Ridagnus. Die 
Eingebornen behaupteten, dass solche die beim Eingang dieser 
Höhle hinabgelassen würden, beim Wiederaustritt des Flusses 
wieder zum Vorschein kämen. Alexander habe dann zwei Leute 
in den Schlund hinabwerfen und konstatieren lassen, dass sie am 
bezeichneten Orte wieder herausgeworfen worden seien. 

Die angegebene Entfernung führt uns unzweifelhaft nach 
Täk. Es ist deshalb gewiss nicht zufällig, dass Ibn al Fagih!) 
dasselbe Phänomen von Täq „öLbJ} berichtet. Seine Beschreibung 
lautet: „Täq ist ein schwer zu begehender Tunnel an einer Stelle 
des Berges, den selbst ein Fussgänger nur mit Anstrengung 
passieren kann. Dieser Tunnel gleicht einem kleinen Thore. 
Wenn man ihn betreten hat, schreitet man darin etwa eine 
Meile in tiefer Finsternis voran, dann kommt man heraus zu 
einem weiten Ort ähnlich einer Stadt, den die Berge von allen 
Seiten umringen, und zwar Berge, die niemand zu besteigen ver- 
mag wegen ihrer Höhe, und wenn ihm das auch glücken würde, 
so vermöchte er nicht abzusteigen. Auf dieser Flur sind Höhlen 
und geräumige Kammern, deren Ende man teilweise nicht erreichen 
kann. In der Mitte derselben befindet sich eine wasserreiche 
Quelle, die aus einem grossen Felsen hervorsprudelt und deren 
Wasser wieder in einen andern Felsen hinabsinkt, der etwa 
10 Ellen vom andern entfernt ist, und niemand kennt nachher 
den Verbleib ihres Wassers. In den Zeiten der Könige der 
Perser pflegten diesen Tunnel zwei Mann zu bewachen, die eine 


τς 1) Bei Jäq. III Y4., 1086. Vgl. die abgekürzte Bearbeitung Bibl. 
Geogr. V PR, 9—12. 


54 J. Marquart, 


Strickleiter bei sich hatten, die sie hinabliessen* vom Orte, wenn 
einer von ihnen hinabsteigen wollte, lange Zeit hindurch’). Und 
beide hatten alles was sie brauchten, bei sich auf viele Jahre. 
Die Lage bezüglich dieses Tunnels und dieses γαζοφυλάκιον blieb 
ununterbrochen in dem beschriebenen Zustand, bis die Araber die 
Herrschaft antraten. Da begehrten sie hinaufzusteigen, es war 
aber zu schwierig, bis al Mazijär die Herrschaft von Tabaristän 
antrat. Der fasste diesen Ort ins Auge und lag eine Zeit lang 
vor ihm, bis die Hoffnung, ihn zu besteigen, sich ihm geebnet 
hatte. Da stieg ein Mann von seinen Leuten hinauf. Als er 
nun angelangt war, liess er Stricke herunter und liess Leute 
hinaufklettern, darunter den al Mäzijär selbst. Schliesslich richtete 
er seine Aufmerksamkeit auf die Gelder, Waffen und Schätze, 
die in jenen Höhlen und Kammern waren. Da betraute er mit der 
Bewachung von all dem Leute von seinen Vertrauten und gieng weg. 
Der Ort blieb nun in seiner Gewalt, bis er gefangen wurde, und die 
mit dessen Bewachung Betrauten entweder kapitulierten oder 
starben. Der Weg ist abgeschnitten bis zu diesem Zeitpunkte.* 


Dass Curtius-Diodor und Ibn al Fagih dieselbe Örtlichkeit 
im Auge haben, ist unverkennbar. Wenn die Entfernung zwischen 
den beiden Felsen bei erstern auf 3 Stadien anstatt auf 10 Ellen, 
wie bei Ibn al Fagih angegeben wird, so kann dies um so 
weniger gegen die Identität entscheiden, als Curtius die Breite 
des Bettes des wieder zu Tage getretenen Flusses auf 13 Stadien(!) 
angibt, während doch der Euphrat nach Xenophon nur 4 Stadien, 
der Maiandros nur 2 Plethren breit war (Anab. 1,2,5.4,11). 
Dass man zu Alexanders Zeiten zu wissen glaubte, wo der in 
den Felsschlund versunkene Fluss wieder zum Vorschein komme, 
im 9. Jh. n. Chr. aber diese Kunde verschollen war, hat gleich- 
falls nichts zu bedeuten. Natürlich kann aber Alexanders Heer 
nicht an der Stelle jenes Phänomens selbst gelagert haben, sondern 
nur unten im Thale; höchstens eine kleine Sicherungsabteilung 
kann dasselbe erkundet haben. Ich glaube aber, dass die ganze 
Beschreibung dieses Ortes gar nicht ursprünglich der Alexander- 
geschichte angehört, sondern einem Bericht über Antiochos des 
Grossen Feldzug im J. 209 entlehnt ist, welcher thatsächlich von 
Hekatompylos aus nach Ταγαί gelangte und hier seine Dispositionen 
für den Marsch über das Gebirge traf (Polyb. 10, 29, 3). Dafür 
sprechen besonders die 150 Stadien von Hekatompylos bis zu 
jenem Lagerort, welche genau der aus Apollodoros von Artamita 
zu erschliessenden Entfernung zwischen Hekatompylos und Tayn 
— 140 Stadien = rund 5 Fars. entsprechen, aber hinter der nach 
dem sonstigen Wegmass der Bematisten zu erwartenden Anzahl 
(ca. 200 Stadien) erheblich zurückbleiben. Im Unterschiede von 


Ἢ Der Auszug: „vom Gipfel des Berges zu denen, welche zu 
ihnen hinaufsteigen wollten; sonst gab es absolut keinen Weg dahin“. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 


den Bematisten und Alexanderhistorikern rechnete aber Polybios 
nach attischen Stadien zu 185 m. 

Ibn al Faqih weiss noch eine andere merkwürdige Natur - 
erscheinung aus der Umgebung von Täq zu berichten: „Sulaimän 
b. “Abdalläh erzählt, dass neben diesem Täq etwas wie ein Laden 
sei, und dass, wenn jemand zu ihm komme und ihn mit 
Menschenkot besudle, oder mit sonstigem Schmutze , sich alsbald 
mächtige Wolken erheben und auf ihn herabregnen, so dass sie ihn 
waschen und reinigen und jener Schmutz davon abgeht, Das ist in 
der Stadt bekannt, indem es deren Einwohner wissen und keine zwei 
von den Einwohnern dieser Gegend an dessen Richtigkeit zweifeln, 
und es bleibt kein Schmutz daran weder Sommers noch Winterst).* 


Berüni, der dieselbe Sage erwähnt?), nennt den Ort „Laden 
Salomos des Sohnes Davids“ und sagt, dass er in der Höhle 


Ispahbedän „NRgmo! im Berge Täq in Tabaristän liege?). 
Nun erzählt Melgunoff 5. 144: „In der Nähe von Tschahorde 
[7 Fars. von Tok] ist ein Brunnen, Tscheschmebad las >, 


Windbrunnen genannt. Die Perser glauben, dass, wenn man 
irgend etwas Unreines hineinwirft oder ein Ungläubiger ihn 
berührt, sich plötzlich ein Sturm oder Gewitter erhebe.. Aga 
Mohammed Khan, erzählt man, wollte die Wahrheit dieser Tradition 
erproben, aber in einem Augenblicke wurde sein ganzes Heer 
durch einen starken Sturm niedergeworfen.* Wenn die Örtlich- 
keiten auch nicht genau stimmen, so ist es doch dieselbe Sage, 
die also auf eine weiter abliegende Lokalität übertragen ist. 

‚.. Hinter Kaläta verliess Alexander die Strasse, welche rechts über 
Cahär-deh und weiter durch den Pass SamSirbur nach Caman-säwar 
und von da einerseits über Rädekän nach Gäz, andererseits nach Asta- 
räbäd führte, und zog links auf der Strasse, die auf der oben S.52 Anm. 3 
erwähnten russischen Karte des asiatischen Russlands verzeichnet ist, 
über Namäkä, Badali, Nabendi nach Pul-i-Nikäh, wo er in der Ebene 
am Ufer des Nikaäh Rast hielt*). Der Weg Alexanders war also 
in der That nicht viel kürzer, dagegen allerdings weit beschwer- 
licher als der des Erigyios. Leider fehlt uns jede Angabe darüber, 
wie lange Alexander zu dem Gebirgsübergang gebraucht hat. 


1) Jäg. ΠῚ ri, 4ff. Bibl. Geogr. Arab. V ”1.. 13—16. 
®) Chronologie 5. ἢ, 3 (ΞΞ 235 der Übersetzung Sachau’s). 


ὃ), Diese Höhle ..‚\\42o0l ist natürlich nicht zu verwechseln 


mit der gleichnamigen Stadt, die nur 2 Meilen vom Meere entfernt 
war, Ibn al Faq. ®., 10. ®., 7. 


*) Es ist anzuerkennen, dass Niese, Gesch. der griech. und 
makedon. Staaten I 108 N. 1, sich der Schwierigkeiten des herkömm- 
lichen Ansatzes des Lagerortes bei Zadrakarta voll bewusst geworden 
ist. Freilich liegt Säri, an das er denkt, wieder zu weit westlich. 


56 J. Marquart, 


Von da schlug er den Weg östlich der Küste entlang über ASräf 
und Gäz nach Zadrakarta ein. In der Nähe von ASräf haben 
wir die εὐδαίμονες κῶμαν zu suchen, deren üppige Vegetation 
so hoch gepriesen wird (Diod. 17, 75, 4—7 vgl. Curt. 6, 4, 21. 22). 
„Durch ihre malerische Lage und den Reichtum der Vegetation 
zeichnet sich die Stadt vor allen andern Städten an der südlichen 
Küste des Kaspischen Meeres aus, dennoch aber ist der Distrikt 
Aschref einer der ärmsten in der ganzen Provinz Mazanderan“ ἢ). 
Zunächst traf. nun von Westen her das Korps des Krateros ein, 
und bei Gäz langte auch Erieyios mit der Bagage an. Als dann 
auch Artabazos und die Abgesandten der hellenischen Söldner 
eintrafen, wurde gehalten. Artabazos und die hellenischen Söldner, 
die ja einen beträchtlichen Vorsprung hatten, da sie schon von 
Semnän aus sich in die Berge gewandt hatten und deshalb von 
dem Korps des Krateros nicht mehr erreicht worden waren, hatten 
den Satrapen der Tapuren, Wätafradaäta veranlasst, mit ihnen 
nach Hyrkanien zu ziehen und standen offenbar bereits östlich 
von Zadrakarta. Der Ort des Standlagers, das heutige Gäz, besitzt 
eine strategisch sehr wichtige Lage, da er die Verbindung 
zwischen Tabaristän und Gurgaän beherrscht. Von Gäz rechnet 
man 6 Fars. nach Astaräbäd (Melgunoff, Die südlichen Ufer 
des Kaspischen Meeres 112). Hier muss die alte Stadt Tames 
insb oder Tamesa zii, ans gelegen haben, welche in 
der Sasaniden- und ältern Chalifenzeit eine wichtige militärische 
Rolle spielte. Sie war 7 Fars. von Astaräbad entfernt (Ibn al 
Faq. P*., 6) und lag an der Grenze zwischen Tabaristän und 
Gurgän?. Genau war die Grenze bei Ribät-i Achor zwischen 
Tame$ und Astaräbäd (Ibn Rusta 54. 11). Bei Tamesa befand 
sich eine vom Gebirge bis zum Meere reichende Backsteinmauer, 
welche Chosrau Anosarwän zum Schutze des Landes gegen die 
Einfälle der Türken erbaut hatte?). Kohijär, der Bruder des 
Spähpets Mähjazdjär*) zerstörte im Auftrage des letztern Stadt 
und Mauer von Tames, um den dort angesiedelten Arabern ihren 
Stützpunkt zu entziehen. Darauf liess Sarchästan®), der Wezir 
des Mähjazdjär, die Mauer des Chosrau wiederherstellen und 
noch ins Meer hinein erweitern und mit Türmen verstärken und 
errichtete ein festes Lager, um den Truppen des Emirs Abdallah Ὁ. 
Tähir den Zugang zum Lande zu verwehren. Die einstige Bedeutung 


1 Melgunoff S. 149. 

2) Ibn al Faq. ἢ, 19. Ibn Rusta lo., 2. 

3) Ibn Rusta lo., 4ff. = Ibn al Fag. ”.Y, 7. Tab. III \fvo, 

ἢ) So Bal. if, 14. P1, 7ff. „den Ized Mäh zum Helfer habend‘*; 
gewöhnlich abgekürzt u;Lr, 

5) Tabaristanisch für „Ley, (Cahır eddin). 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 57 


von Tame$a tritt noch in der Überlieferung des iranischen Epos 
bei Firdausi zu Tage, bei welchem es als Residenz des Fredün 
erscheint?), welcher hier dem Partherkönig Mithridates I. entspricht. 

Der Feldzug gegen die Marder führte Alexander bis in die 
Gegend von Amul, das von denselben seinen Namen hat. Amul 
ist die regelrechte neupers. Form des alten Volksnamens Maedoı 
oder ”Auegdo:, ap. *Mrda oder *Amrda. Unter dem Namen 
"Aueodor lernte Patrokles dieses Volk am östlichen Ufer des unteren 
Sped-röd (Qyzyl-özän) kennen. Ihr Gebiet wird ganz so geschildert 
wie noch in der Chalifenzeit Tabaristän, dicht bewaldet und un- 
wegsam, mit vielen Schluchten und hohen Bergen. Manches 
arabische Heer wurde hier mit blutigen Köpfen heimgeschickt, 
und auf Macgala Ὁ. Hubaira, der unter Mu’äwija bei einem Ver- 
suche, in Tabaristän einzudringen, in dessen Engpässen den Unter- 
gang gefunden hatte, ward das Sprichwort gemünzt: „bis Macgala 
aus Tabaristän zurückkehrt“ Ὁ. Der Partherkönig Phradates I. 
unterwarf die Marder wiederum und verpflanzte sie nach der 
Stadt Χάραξ in der Nähe der kaspischen Thore®). Ihre Sitze 
nahmen alsdann die Tapuren ein, von denen das Land später den 
Namen Tabaristan (Münzen 4893239? Tapurstäm) erhielt. Ein 
anderer Stamm des weitverzweigten Volkes der Marder wohnte in der 
Nähe des Oxus, und zwar nicht bloss an dessen Mündung 4), sondern 
auch viel ir östlich®), wo noch im Mittelalter die Stadt Amul 
oder Amis, chin. Mu‘) (heute Cärsüi) ihren Namen bewahrt hatte. 

Dass wir die Sitze der Marder bei Amul und das Standlager 
Alexanders bei Tam&S richtig bestimmt haben, wird durch die 


Ὦ In Rückert’s Übersetzung Bd. 1 72. 116. 180. Freilich findet 
sich in den arabisch-persischen Reflexen des Chodäi-namak keine Spur 
davon. — Vgl noch über Tam&sa Spiegel, Eran. Altertumskunde I 69 
NL. er: eddin ff. Dorn, Auszüge aus muhammedanischen Schrift- 
stellern 8. 37. 73. 

®2) Bal. Mo, 4—10. 


3) Justin 41, 5, 9. Isidor v. Charax, σταϑμοὶ Παρϑικοί ξ 7 bei 
C. Müller, Geogr. Gr. min. I 251. Vol. oben S. 25 Anm. und 


mein „Eränsahr‘ 5. 135 f. und Anm. 7. 

4) Mela 3, 39: intus sunt ad Caspium sinum Caspii et Amazones 
sed quas Sauromatidas adpellant, ad Hyrcanium Albani et Mochi (Mükän) 
et Hyreani, in Seythico Amardi et Pestici et iam ad fretum 
Derbices. 

3, 42: Jaxartes et Oxos per deserta Sceythiae ex Sugdianorum 
regionibus in Seythieum (sinum) exeunt, ille suo fonte grandis, hie 
incursu aliorum grandior, et aliquamdiu ad occasum ab oriente ad 
septentrionem converso inter Amardos et Paesicas os aperit. Die 
Paesicae oder Pestiei (Plin. 6, 50) sind die Arasıazaı des Polybios 
ı 48 und Strab. τα 8,8 p. 513, die Παυσίκαι Her. y92. 5. oben S.23 Anm. 


5) Plin. h.n. 6, 47: Ab huius (Margianae) excelsis per iuga Caucasi 
protenditur ad Bactros usque gens Mardorum fera, sui iuris. 


6) 8. meine Chronologie der alttürkischen Inschriften 8. 64f. 


58 J. Marquart, 


Angabe des Curtius aufs schönste bestätigt, dass Alexander am 
5. Tage nach der Unterwerfung der Marder das Standlager wieder 
erreichte (6, 5, 22 inde quinto die instativarevertitur). 

Die beiden Rezensionen des Istachri ἢ}. geben folgende Itinerare 
von Amul nach der Hauptstadt von Gurgän: 


α β (ὃ, E, OundL) 
Amul 
Mala 2 Fars. 
- 0 1 marh. 
We > 1 
Säarıjjaa 1 marh. 
Bärist 1 marh. Nämija!) 1 marh. 
Abadan 1 n Sa 32) 1 ” 
Tamesa 1 Tamesa 1 


” 


Astaräbäd 1 marh. 
Ribät Hafe 1 
Gurgän 1 


Das erstere Itinerar ist von Särija ab von Mugaddasi pr, 14 ff. 


aufgenommen worden, das zweite findet sich teilweise bei Ibn al 
Faq. P*,, 5 wieder, wo es folgendermassen lautet: 


St} ἢ 
Nämija 8 Fars.®) 
Tamzs 6 


ἢ 


Αβίαταραδ 7 , 
Sahristän 14 , 
(35 Fars.) 

Dass hier Ibn al Fagih das richtige hat und Nämija näher 
bei Tames lag, scheint sich schon daraus zu ergeben, dass Mihrawän, 
welches in cod. C des Istachri dessen Stelle einnimmt, 10 Fars. 
von Särija entfernt war (Ibn al Fag. ®.%, 13). Eben darauf 
führt Ibn al Fagih's Bemerkung "Ὁ, 12: „Zwischen Sarija, 
Nämija und Tames sind 20 Fars.“. Diese Angabe ist freilich 
sehr ungenau ausgedrückt, kann aber doch nur den Sinn 
haben, dass man von Särija über Nämija nach Tames 20 Fars. 
rechnete, während er 8. ΚΡ, 13 (daraus Jäg. III οἷν, 16) die 


Entfernung zwischen Särija und Tames (also wohl auf direktem 


1) C „arg“. Diese Stadt hatte eine Kanzel und lag nach Ibn 
al Faq. ΩΝ, 13 10 Fars. von Särija. 

2) Cod. F Sm, lat. 

BD Sutil, J ame, 

4) δ 3105 


| 
| 
| 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 59 


Wege) nur auf 16 Fars. angibt. Nämija war nur ein Dorf!), das 
seinen Namen (xı.L;, arabisiert aus np. rl phl, namik „nam- 
haft“, oder, falls xls zu lesen, np. orte ΡΒ]. bamik „glänzend‘, 


aw. bämja) in historischer Zeit nicht rechtfertigte.e Es wird mit 
TameS zusammen in der Eroberungsgeschichte (a. 30 H.) ge- 
nannt 3). 


Sollte dagegen „Sut,L derselbe Ort sein wie das heutige 
Dorf! wien! Limräs östlich von Asräf an der Grenze der 


Kreise Kulbäd und ASräf?), so hätte Istachrı die richtige Reihen- 
folge bewahrt. Wenn aber damit auch Jagüt’s Sm 4) identisch‘ 


sein soll, so muss seine Angabe, dass es nur 11/, Fars. von Astaräbad 
entfernt sei, notwendig falsch sein. 


Neuere Reisende geben folgende Route von Säri nach Asta- 
räbad): 


Sarı 
ASräf 8 Fars. 
Kulbär 5 


n 


Sär mahallä 7 
Astaräbad 8 


Von Amul gab es auch einen direkten Weg nach Särija, der 
Turunga nicht berührte, sondern in einer Tagereise nach Mamatir 
λα, und von da in einer weiteren Tagereise nach Särl führte ®). 


Mugaddası ®\f, 13 hat hier wieder Verwirrung gestiftet. Sein 
Itinerar lautet: 


Amul 

Mämatir 1 marh. 
Sarıja Τα 
sn I» 


Beginn der Grenze 3 „ 


Allein Turunga lag ja vor Särja Es muss also richtig 


1) Bal. Pf, ult. Nach Tab. I fu, 14 war es keine Stadt, 
sondern eine wüste Ebene. 

2) Die Vermutung Wüstenfelds (Jäqüt V 298), das url 
mit UmanD identisch und nur eine falsche Schreibung statt Χαμ’ 
[vielmehr &mAl5] sei, ist also abzulehnen. 

ὃ Melgunoff, S. 161. 

*) Jäq. IV PU, 7. 

5) Mordtmann, Hekatompylos. SB. der bair. Akad. 1869, 1, 535. 

δ) Ist. ἤν, 2 = Ibn Haugal P?vo, 12. 


60 J. Margquart, 
beissen: „ei! ὁ | > „ale (“ἢ ae. 7 . ἁφὰς 
a &>a Kulm ra 0 
Ebenso unrichtig ist die Angabe des Ihn al Fagih f, 15: 
„Die Hauptstadt und zugleich die grösste Stadt von Tabaristän 
ist Amul, wo die Stadthalter residieren, dann Mämatir, die 6 Fars. 


. . nn 33 . . 
von einander entfernt sind, dann Turunga x = 's, eine kleine Stadt, 


die 6 Fars. von Mämatir entfernt ist, dann Särija“ Turunga 
muss in der Nähe von Mämatir gelegen haben und kann nur von 
Amul 6 Fars. entfernt gewesen sein. Heute rechnet man von 
Amul nach Bärfurüß, dem alten Mämatir, 7 Farsach subuk — 
1 Tagereise, und von da nach Säri 7 Fars.!), Balädurl bei Ibn 
al Fagih 0, 14 = ὅ8α. II of, 12) gibt die Entfernung 


zwischen Amul und Särija auf 13 Fars. an?). 
Wir erhalten demnach folgende zwei Itinerare: 
Amul Amul 


alın 2 Fars. 
Mämatir 6 Fars. (1 marh.) Σοὶ Bu | 3(?): „ a 
Sarıjja 1 marh. Sarıja 1 marh. 
wm. 1 , sl 1, oder 
sul Inu i Nämija®) 8 Fars. (1 marh.)| umgekehrt 
Tamesı T Ὁ Tames ’ "6°, ΞΕ 


Astarabadö 7 Fars.(1 marh.) 
Ribat Hafg 1 marh. } 14.Tar 


Gurgän ἼΛΗΣ 


Die Entfernung von Amul bis Tame$a beträgt also genau 
5 Tagereisen, und von da hatte man noch eine Tagereise bis 
Astaräbaäd (Zadrakarta). 

Tomaschek identifiziert die von Curtius genannte Stadt 
Arvae, bei welcher die Wiedervereinigung mit den Corps des 
Krateros und Erigyios stattfand, mit dem von Ptol. 6, 9 unter 
98° L. 40° 30' Br. aufgeführten Σάρβα. Ist diese Gleichsetzung 
richtig, so wäre Σάρβα der antike Name von Tamesa. 


Antiochos d. Gr. scheint im Jahre 209 im wesentlichen den- 


ı) Melgunoff ἃ. a. O. S. 176. | 

2) Wenn Jäg. III |., 9 dafür 18 Fars. gibt, so hat er die bei Ibn 
al Faq. ®.}, 16 nicht angegebene Entfernung Turunga-Särija (1 Tage- 
reise) fälschlich dazugerechnet. | 


)C οἷ» ΣΝ 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 61 


selben Weg gemacht zu haben wie Alexander. In Tagai ward 
er von den Eingeborenen über die Schwierigkeit der zu passierenden 
Gegend unterrichtet, bis man zu den Übergängen des Labos- oder 
Labutasgebirges gelange, die nach Hyrkanien führen. Er teilte 
nun sein Heer in 3 Abteilungen und gab jeder eine Anzahl 
leichtbewaffneter Truppen und Pioniere bei, welche im Notfall 
die von den Feinden besetzten Höhen erklimmen und die Wege 
in Stand setzen konnten. Die Schwierigkeiten des Weges stellten 
sich aber als viel bedeutender heraus, als der König sie sich vor- 
gestellt hatte. Die Länge des Aufstieges betrug gegen 300 Stadien 
—= 10 Fars.), währenddessen der Weg grösstenteils durch die 
tiefe Schlucht eines Gebirgsbaches führte, welche häufig durch 
herabgestürzte Felsblöcke und Baumstämme versperrt war; wo 
dies nicht der Fall war, hatten die Eingeborenen künstliche Ver- 
haue hergestellt und den ganzen Hohlweg entlang die geeignetsten 
Vorsprünge besetzt, von denen aus sie das makedonische Heer 
belästigen konnten. Allein die Massregeln des Königs bewährten 
sich, und als es beim ersten Wachtposten zum Zusammenstoss mit 
der ersten Division unter Diogenes kam, erkletterten die Leicht- 
bewaffneten des Diogenes ohne weiteres die Seitenwände der 
Schlucht und gewannen so einen höheren Standpunkt als die Feinde, 
denen sie mit ihren Geschossen, besonders mit den Schleudern, 
sehr zusetzten. Hatten sie dann dieselben von ihren Posten ver- 
trieben, so erhielten die Pioniere Gelegenheit den Weg ungestört 
in Stand zu setzen. Auf diese Weise gelang es der Armee des 
Antiochos, die Engpässe sicher, wenn auch langsam und mit 
grossen Schwierigkeiten zu überwinden, bis man endlich am achten 
Tage die Höhen des Labos erreichte. Darunter ist wohl die letzte 
Gebirgskette zu verstehen, welche man auf dem Wege nach 
Hyrkanien zu übersteigen bat, Hier hatten sich die Feinde ge- 
sammelt, entschlossen, "den Makedonen den Übergang zu wehren, 
und es efttdparin sich ein heisses Gefecht, in welchem Antiochos 
jedoch dank der Tüchtigkeit seiner Leichtbewaffneten, welche eine 
grosse Umgehung ausgeführt und die überragenden Punkte im 
Rücken der Feinde besetzt hatten, Sieger blieb. Der Feind wandte 
sich zur Flucht, der König liess aber die Seinigen von der hitzigen 
Verfolgung durch Trompetensignale zurückrufen, da er in ge- 
schlossener Ordnung nach Hyrkanien hinabziehen wollte. Darauf 
zog er nach Τάμβραξ, einer unbefestigten Stadt, die aber einen 
ziemlichen Umfang hatte und einen Palast besass, und hielt dort 
Rast. Da aber die meisten der aus der Schlacht geflohenen Feinde 
sowie die Einwohner der Umgegend sich nach der nicht weit von 
Tambrax gelegenen Stadt Ziovy& zurückgezogen hatten, welche 
wegen ihrer Festigkeit und ihrer sonstigen günstigen Lage ge- 
wissermassen die Residenz von Hyrkanien war, so beschloss er 
diese gewaltsam zu nehmen. Die Stadt war von einem dreifachen 
Graben umgeben, jeder wenigstens 30 Ellen breit und 15 Ellen 


62 J. Marquart, 


tief. An den Rändern eines jeden lagen doppelte Wälle, und 
zuletzt ein mächtiges Vorwerk. Die Parther wehrten sich tapfer, 
allein der Übermacht des Königs gelang es schliesslich, die Gräben 
aufzufüllen und die Mauern durch Minen zum Einsturz zu bringen. 
Nun töteten die Parther die in der Stadt ansässigen Hellenen, 
plünderten die wertvollsten Geräte und versuchten sich während 
der Nacht durchzuschlagen. Allein als der König dies gewahr 
wurde, schickte er ihnen den Hyperbasis mit den Söldnern nach, 
weleher die Feinde wieder in die Stadt zurücktrieb. Als mun 
die Infanterie durch die Bresche eindrang, verzweifelten sie am 
weiteren Widerstand und ergaben sich. 


Leider lassen sich die beiden Städte Τάμβραξ und Σίρυγξ 
bis jetzt nicht mit irgend welcher Sicherheit identifizieren. Es 


gab wohl eine sehr feste Burg Sb Tabarak auf dem Gipfel 


eines kleinen Berges in der Nähe von Raj, rechts von der Strasse 
nach Chorasan, die vom Selgukensultan Togrul Ὁ. Arslan im 
Jahre 588 H. zerstört wurde (Jäq. IH o.v, 19ff.), dagegen ist in 
Hyrkanien und Tabaristän weder heute noch im Mittelalter ein 
ähnlicher Name zu finden. Cahir-eddin p. 10, 14 gibt allerdings 


dass αἱο im Dialekt von Tabaristan „Berg“ bedeute Man 


kann vermuten, dass Tambrax beim heutigen SärI lag, dann hätten 
wir Ziovy& etwa in dem eine Tagereise westlich von Särija ge- 


an, 


legenen Ort ein oder „ey Turunga der arabischen Geo- 
graphen zu suchen, der eine Kanzel besass.. Dorn, Caspia 49 
stellt für Sirynx auch den x,5 SS, 45 Türeng-täpä (Fasanenhügel) 
im Gebiete von Astaräbäd zur Verfügung, wo man viele Alter- 
tümer gefunden hat. Jedenfalls hat der Name “Σίρυγξ mit Sarı 


5m, arabisiert &4,L. nichts zu thun. Denn wie der dazu er- 
fundene Eponymos ἃς. > bei Cahir-eddin %,, 3 οἷο. beweist, ist 
Säri dialektische Umbildung von Sari. Der Name Särüi oder 
älter So Lu Särük aus Sarbak ist aber ursprünglich ein Appella- 


tivum mit der Bedeutung „Burg“ oder „Palast*t). Die appella- 


1) Zum Übergang von ὦ in 2 vgl. Horn, Neupers. Schriftsprache 
5, 21 8 5,6. — .ὖν „lud! hiess ein uralter auf Tahmörup zurückge- 
führter Palast in Ispahan Ibn Rusta 4}, 1, bei Hamza },, 3. iv, 8. 
1a, 5 v. u. 114, 4 v. u. Fihrist }f., 16. 27. Pi, 14 ausw. sowie die 
Burg von Hamadän, in welcher man das von Gam gegründete 
Wara erblickte, Jäg. IV 1, 3. Ibn al Fag. ἢ“, Pf, Pr, wo- 
für! Jäqg. III 1, 18 vgl. IV I, 9. 14 die neupers. Form „lm 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 63 


tive Bedeutung des Namens Ta&ußo«& würde es erklären, wes- 
halb derselbe später durch ein anderes Appellativum ersetzt worden 


wäre. Haben wir dagegen „Sul, mit dem heutigen Limräs 


gleichzusetzen, so könnte Tambrax mit dem mittelalterlichen 
Nämija zusammenfallen. 

Strabon ı@ 7,2 p. 508 schreibt T«AAßo6xn für Τάβρακα 
(ace.)1). Wenn er aber zum βασίλειον Teyn (8. ο. S. 21) bemerkt: 
ὅ φασι μικρὸν ὑπὲρ τῆς ϑαλάττης ἱδρυμένον, so beruht 
dies auf einer Verwechslung mit Τάμβραξ, wie die Entfernung 
Tage’s von den Kaspischen Thoren unwiderleglich beweist. Neben 
diesen beiden nennt er noch zwei andere hyrkanische Städte 
Σαμαριανή und Kaore. Letzteres dürfte dem Ζαδράκαρτα Arrians 
entsprechen, Σαμαριανή aber ist dieselbe Stadt, die von Ptol. 6, 9 
p. 416, 11 Σαραμάννη geschrieben und an die hyrkanische Küste 
unter 94° 15’ L. 40° 80° Br. gesetzt wird. Bei Plin. 6, 113 ist 
der Name in Maria verstümmelt.e. Dorn, Caspia 54 N. 1. 120 


denkt für Σαμαριανή an ei 2), eine Stadt in den Qären-bergen, 


1 Tagereise von Särija Ist. Yo, 11. ἣν, 2, was aber mit den 
Daten des Ptol. nicht stimmt. 

Nachdem Alexander in Zadrakarta 15 Tage Rast gehalten 
hatte, welche mit Opfern und gymnischen Spielen zu Ehren der 
Götter ausgefüllt wurden, brach er wiederum nach dem Land der 
Parthyaier auf. Nachdem er diese unterworfen hatte, setzte er 


angibt. Ss em scheint auch der Name der Stadt ἜΝ in Sagi- 


stän gewesen zu sein (Mas. VIII 42 cod. A). Eine ältere Form 
ist erhalten im Namen der Burg von Karchä de Böth Selöch in 


Garamaea, „AD;SS Sarbai (G. Hoffmann, Auszüge S. 45. 269), die 
identisch ist mit dem im gnostischen Hymnus bei Wright, The 
apoeryphal acts of the apostles I p. 933, 6. as}, 15. 85, 14 ge- 
nannten NK Sarbüg. Die älteste Form ist also offenbar #Sarbik 


oder *Sarbuk. Nun heisst es im Bund. 29, 14 (West, PT.I120): „The 
enclosure formed by Jam is (in) the middle of Pärs, in Sruvä (T D pahl. 
Srübak); thus, they say, that what Jim formed (Jam-kart) is below 


Mount Jamakän (TD Camakän)‘. Ich vermute deshalb, dass ϑΔῸ ein 
Fehler ist für 8144.090 Sarbük. Der Übergang von ὦ in die Spirans ß 


nach r ist regelmässig, wie der entsprechende des g in y (Mary). Vor 
u fällt das ß leicht aus, z. B. Merhuian, Mehrusan, Merusan = 
Μιϑροβουξάνης: vgl. Mehendak, Mehundak = Mihrevandak, *Mitra- 


Bandaka. — ὃ. jetzt auch mein „Eränfahr nach der Geographie des 
Ps. Moses Chorenaci 134f. 


1) Vgl. Dorn, Caspia 129. 
2) Jäq. ΠῚ PP schreibt unrichtig HR. 


64 J. Marquart, 


ihnen, wie Justin 12, 4, 12 berichtet, einen vornehmen Perser 
zum Satrapen, von welchem die nachmaligen Könige der Parther 
abstammten. Wir machen auch hier wieder die Beobachtung, 
dass der Gewährsmann des Trogus seine Hauptquelle selbstständig 
verbessert. Es war ihm bekannt, dass in parthischer Zeit die 
Städte Arsace (A004 Asak) in der östlich an Hyrkanien stossenden 
parthischen Landschaft ’4orevnvn und Νίσαια in der Landschaft 
Parthyene (8. u.) die wichtigsten Orte von Parthien waren, und 
er hielt sich zu der Annahme berechtigt, dass es schon in 
achaimenidischer Zeit so gewesen sei. Demnach war die Unter- 
werfung der Provinz Parthien erst mit der Sicherung dieser 
Landschaften beendigt. Der Auszug des Justin ist freilich offenbar 
lückenhaft und verwirrt. Der Text lautet: Parthis deinde 
domitis praefectus his statuitur ex nobilibus Per- 
sarum Andragoras; inde postea originem Parthorum 
reges habuere. Allein Andragoras war der seleukidische 
Satrap von Parthien, welcher im Jahre 250 v. Chr. (L. Manlio 
Vulsone ΝΜ. Atilio Regulo coss., lies ©. Atilio Regulo)!) sich in 
seiner Provinz selbstständig machte und Goldstatere zum Zeichen der 
Suveränetät mit dem Typus des Viergespanns schlagen liess?), aber 
nach der Niederlage des Seleukos Kallinikos gegen die Galater 
um 235 den dahischen Parnern des Arsakes erlag (Justin 41, 4, 
4—7). Hier bezeichnet Justin den Arsakes als vir incertae 
originis, allein es ist nicht zu zweifeln, dass sein Gewährsmann 
an der ersten Stelle thatsächlich den Arsakiden einen altadeligen 
persischen Stammbaum geben wollte. Statt Andragoras muss also 
ursprünglich ein anderer Name dagestanden haben, und zwar 
höchst wahscheinlich Phradates. . Dieser führt nach Curt. 4, 
12,9 in der Schlacht bei Gaugamela die Kaspier, 6, 4, 24 wird 
er als praefectus Tapurorum bezeichnet und 6, 5, 21 werden auch 
die besiegten Marder seiner Verwaltung unterstellt. 8, 3, 17 
wird Phrataphernes, welcher mit der Verwaltung von Hyrkanien, 
der Marder und Tapuren betraut wird, und 9, 10, 17 als Satrap 
der Parthyaier auftritt, als Nachfolger des Phradates 
bezeichnet, den er gefangen zu Alexander schicken soll (vgl. 
Arrian 4,18, 2). Später wird Phradates hingerichtet, weil er 
im Verdachte stand, nach dem Könistum zu streben 10,1, 39. 
Es ist demnach klar, dass Curtius den Phradates auch als Satrapen 
von Hyrkanien und Parthien betrachtet haben muss. Der Name 
Phradates, eine Abkürzung von «“ὐτοφραδάτης = ap. Wätafradata 


1) Vgl. Droysen, Gesch. des Hellenismus IH? 1, 364 N. 1 
365 N. 23. 

2) Siehe P. Gardner, Numismatie Chroniele 1879 p.3ff. The 
coins of the Greek and Seythie Kings of Bactria and India in 
the British Museum. London 1886 p. 1. Pl. I 1.2. Henry H. 
Howorth, The initial coinage of Parthia. Num. Chron. 1890 
p- 33— 41 (töricht). 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 65 


„von Wäta (dem Windgott) geschaffen“, der im arsakidischen 
Königshaus vom vierten Partherkönige an öfter vorkommt, gab 
aber dem Gewährsmann des Trogus Veranlassung, der von 
Agatharchides erfundenen Genealogie der Arsakiden, welche auf 
einen Sohn des Artaxerxes Mnemon zurückführte!), eine andere 
gegenüberzustellen, welche den unbestreitbaren Vorzug hat, dass 
sie sowohl in der Chronologie als in den geschichtlichen Ver- 
hältnissen sich innerhalb der Grenzen des Wahrscheinlichen hält. 


Von Parthien gelangt Alexander zu den Grenzen von Areia 
(Haraiwa) und nach Zovoi«, der ersten Stadt von Areia, wo 
Satibarzanes, der Satrap der Provinz sich zur Huldigung einfand 
und in seiner Satrapie bestätigt wurde. Der König gab ihm 
gegen 40 Lanzenreiter unter Anaxippos mit, um beim Durchzug 
des Heeres durch das Land der Areier dieses zu schützen. Daraus 
geht hervor, dass Alexander zunächst beabsichtigte, die süd- 


. östlichen Satrapien Areia, Drangiana und Arachosien zu durch- 


ziehen und zu sichern, um sich erst dann gegen Bessos zu wenden. 
Da erschienen aber einige Perser bei ihm mit der Nachricht, 
dass Bessos die königlichen Abzeichen und den Thronnamen 
Artaxerxes angenommen habe und über die nach Baktra geflohenen 
Perser sowie zahlreiche Baktrianer verfüge; auch erwartete er 
skythische Bundesgenossen. Diese Botschaft bewog Alexander, 
der nunmehr seine gesamte Streitmacht wieder beisammen hatte, 


nachdem Philippos auch die in Medien zurückgebliebenen thessa- 


lischen Freiwilligen, sowie die berittenen Söldner herangeführt 
hatte, seinen Plan zu ändern und unverzüglich auf Baktra zu 
marschieren. 

Man identifiziert Zovoi« jetzt gewöhnlich mit dem mittel- 
alterlichen Tös . με. arm. Tos in der Nähe von Mäshäd. 


» 


Freilich stehen dieser Gleichung lautliche Bedenken entgegen, die 
ich nicht zu beheben weiss. Man müsste annehmen, dass eine 
griechische Umformung in Anlehnung an den Namen des be- 
rühmten Σοῦσα stattgefunden hätte. Umgekehrt haben die Araber 


-ν 


ν ἀφ 
den Namen von Söstar, Sostrate d. 1. Σῶστρά re in md Tustar 


arabisiert?). Ist die Gleichung richtig, so lässt sich wenigstens 
soviel erkennen, dass Alexander von Zadrakarta aus auf direktem 
Wege am Gurgän-rüd entlang nach Gurgän und von da über 
Samalgan und Bu&nürd ins Atrekthal gelangte, wo die zur 
achaimenidischen Satrapie Parthien gehörige seleukidisch-arsakidische 


Provinz ’Aorevnvn, arab. j.x.} Ustuwa lag. Ihr Hauptort war 


im Mittelalter Chabücan, heute Chucan. Von da gelangte er 
über den Köh-i Allähu akbar ins Thal des Käschäf-rud, im 


DS. diese Unters. I 29. 
22) Vgl. mein „Eränsahr‘“ S. 144 Anm. 8. 


Marquart, Untersuchungen. II. δ 


66 J. Marquart, 


Bundahitn XX 30 Kasp, im Epos Kasak-röt, arab.-pers. ὁς uß 
(Tab. I 4.4, 9. 4., 7) genannt). 


Die eigentliche Landschaft Παρϑυηνή mit dem αὐλὼν Παρϑαῦ͵ 
dem heutigen Därrä Gäz und der Ebene Nnoci« (ap. Nisäja) beim 
heutigen Asxäbäd, sowie die Landschaften ’Anavegrrinnvn mit 
Abeward und Margiana mit dem uralten Marw hat Alexander 
aber auf seinem Zuge nicht berührt. Die Gründung der Stadt 
Alexandropolis bezw. die Umnennung des alten Nisaia in Parthyene?), 
sowie die Neugründung von Marw unter dem Namen Alexandreia°) 
muss also zu einer spätern Zeit stattgefunden haben, wahrschein- 
lich während des Winterlagers in Zariaspa 329/28 v. Chr., wo 
sich auch der Satrap Phrataphernes von Parthien einfand, der 
den von Bessos ernannten Satrapen von Parthien Barzanes ge- 
fangen herbeiführte (Arr. 4, 7,1). Mit der nicht lange vor 
Alexanders Tode erfolgten Sendung des Herakleides nach Hyrkanien, 
um Schiffe für eine Entdeckungsfahrt auf dem Kaspischen Meere 
zu bauen (Arr. 7, 16, 1—4), wird man diese Gründungen 
keinesfalls in Verbindung bringen dürfen. Dass aber die Makedonen 
thatsächlich auch nach Nisaia gekommen sind, ergibt sich aus 
der Bemerkung des Strabon νὰ 7,3, dass der Ochos durch jene 
Landschaft fliesse, die ebenso wie die Behauptung, dass der Ochos 
und Oxos gleich dem Jaxartes ins Kaspische Meer münden 
(κα 7, 4 p. 510), auf Polykleitos von Larisa zurückgeht). 

Die Karte des Castorius nennt nach NAGAE d.i. Thagae, Täk 
folgende Stationen: XX Catippa. XX fociana. X Stai. XXXV Saphani. 
Tomaschek setzt Catippa, wofür Orosius 1, 2, 16 Catippe liest, 
nach Astaräbäd, foczana (Geogr. Rav. 2, 3 p. 48, 6 Gugitana), das 
er mit Ptolemaios’ Ταυκιάνα (6, 17 p. 433, 25) identifiziert, nach 
dem Karwanserai Candä-äbaz an der Vereinigung der Quellen des 
Gurgän-rüd. Allein Tevzıdve liegt bereits in Areia, unter 106°30’L. 
und 36° Br. Catippa ist wohl identisch mit Ptolemaio® ΚΑ ΘΑ ΠΗ 
(für KAOAIIH?) unter 95° 30° L. 40° 20° Br. Die Form 
Catippa erinnert an Xenippa Curt. 8, 2, 14 (aus aw. achsaena 
„braun“, phl. chasen, np. chasin, und @p- „Wasser“?) und beruht 
wohl gleich diesem auf Hellenisierung. Orosius liest von seiner 
Karte ab, dass der Kaukasus von den Tigrisquellen bis zur Stadt 


1) 8. 0. 8.28 Anm. 


| 22) Plin. 6,113 regio Nisiaea Parthyenes nobilis, ubi Alexandro- 
polis a conditore. Vgl. Isidor von Charax, σταϑμοὶ Παρϑ'. 8 12: ἐν- 
τεῦϑεν Παρϑυηνή, oyoivor κε΄, ἧς αὐλὼν Παρϑαῦ. Νίσα ἡ πόλις ἀπὸ 
σχοίνων ς΄, ἔνϑα βασιλικαὶ ταφαί. “Ἕλληνες δὲ Νίσαιαν λέγουσιν. Wie 
die verwandten Stellen lehren, ist zu schreiben Νισὰκ πόλις. Bei 
Plinius vermute ich deshalb regia Nisaea Parthyenes nobilis. 
8) Plin. h. n. 6, 46. 


#) Vgl. Droysen, Gesch. des Hellenismus III 2, 215. 


5) Vgl. Arnold Behr, De Apollodori Artamiteni reliquiis atque 
aetate. Argentorati 1888 p. 15. 17. vgl. 11f. 


ΘΝ τ ΎΌΣΕΙ Θ σθτενυυ το ρου ξεν 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 67 


Charrae ἃ. i. Chwär inter Massagetas et Parthos Arzvobarzanes 
heisse; a Charris ceivitate usque ad oppidum Catippi inter Hyrcanos 
et Bactrianos mons Memarmali, ubi amomum nascitur; a quo 
proximum iugum mons Parthau dicitur; ab oppido Catippi usque 
ad vicum Safrim inter Dahas, Sacaraucas et Parthyenas mons 
Oscobares, ubi Ganges fluvius oritur et laser nascitur. Wie die 
uns erhaltene Karte des Castorius zeigt, stehen die auf derselben 
verzeichneten Flüsse, Gebirge und Völkernamen unter sich und: 
mit den Stationen meist in gar keiner Beziehung. Wir sehen 
aber soviel, dass auf das Gebirge nördlich von Chwär bereits der 
Name des Götterberges, *Harabrzatis, aw. Hara bar’zaiti, np. 
Alburz übertragen war. Für die genauere Lokalisierung dieses 
Gebirges kommen jedoch die in der Nähe desselben verzeichneten 
Massageten und Parther nicht in Betracht; erstere werden von 
Ptol. 6, 10 p. 418 nach Margiana, unter die Derbikker gesetzt. 
Weiterhin werden wir etwa festhalten dürfen, dass das Gebirgs- 
system, welches sich von Hyrkanien gegen Baktrien und Areia 
hin erstreckt, den Namen Memarmali oder, wie die Kosmographie 
des sog. Aethicus (bei Alex. Riese, Geographi latini minores 
p. 94, 22) richtiger hat, Menalius führte!). Dieser Name wird 
von arkadischen Kolonisten in Erinnerung an ihren heimatlichen 
Berg Maimalon aufgebracht worden sein. Vielleicht haben wir 
diesen Gebirgszug mit dem Maenacha des Awestä (Zamjäd jt. 4) 
zu identifizieren. Ein Abschnitt dieses Gebirgssystems war als 
mons FParthau bezeichnet, d. 1. ohne Zweifel die Gebirgsketten, 
welche das Thal des obern Atrek und des Käschäf-rüd ein- 
schliessen. Noch weniger hat der Oscobares mit der über ihm 
verzeichneten Route Catippi-Safrı und den darüber verzeichneten 
Völkern Dahae und Parthyenae zu thun — diese gehören viel- 
mehr in die Nähe des mons Parthau — dagegen gehören 
allerdings die Sacaraucae in sein Bereich, wie ich anderswo zeige. 


Der Ort Safri, bei Isidor Σαφρί, in der Tabula Saphani 
(Geogr. Rav. p. 47, 22 Saphar) ist wohl identisch mit Σιφάρη, 
das Ptol. unter 107° 15 L. 38° 15’ Br. in Areia verzeichnet. 
Man hat zu beachten, dass er die ’4or«ßnvoi und Nıcaioı ebenso 
wie die Μασδωρανοί (in Mazdörän) in den Norden von Areia 
versetzt. 


Alexander hatte, wie wir gesehen, zunächst den Plan, von 
Tos über Mäshäd nach Herät zu ziehen, als er sich durch die 
Nachrichten über Bessos bestimmen liess, unverzüglich auf Baktra 
zu marschieren. Er zog also das Thal des Käschäf-rüd entlang 
nach Pul-i chätün, um von da aus zunächst das obere Marw 
(Marw-i röt, 1. Muryäb-i bälä) zu erreichen. Auf dem Marsche 


mae 


1) Memarmali ist aus falscher Auffassung einer Korrektur menali(us) 


entstanden. 
5% 


68 J. Marquart, 


dahin erhielt er aber die Nachricht, dass Satibarzanes die make- 
donischen Posten getötet habe, die Areier bewaffne und in 
Artakoana, der Residenz von Haraiwa zusammenziehe. Sobald 
Alexander aus dem Bereich der von Norden nach Herät führenden 
Strassen sei, wolle er von da mit seiner Streitmacht zu Bessos 
stossen. Nun gab der König alsbald den Marsch nach Baktra 
auf und zog an der Spitze zweier Phalangen, der Ritterschaft 
und der Lanzenreiter sowie der Bogenschützen und Agrianer in 
Eilmärschen gegen die Areier, während er die übrigen Truppen 
unter dem Befehle des Krateros zurückliess. In zwei Tagen legte 
er gegen 600 Stadien zurück und gelangte in die Nähe von 
Artakoana, allein auf die Nachricht, dass Alexander schon in der 
Nähe sei, entfloh Satibarzanes mit wenigen Reitern!), da die 
Mehrzahl seiner Soldaten ihn auf der Flucht verliess, sobald auch 
sie erfahren hatten, dass Alexander anrücke. Dieser verfolgte 
nun die, welche ihre Dörfer verlassen und sich dem Abfall an- 
geschlossen hatten, in ihre Schlupfwinkel und begann hier die 
Reihe jener fürchterlichen Strafgerichte, durch welche er sich 


unstreitig einen Platz neben einem Sulla und Gingiz-chan erworben 
hat. Was nicht dem Schwerte zum Opfer fiel, ward zu Sklaven 
gemacht. 

Diodor und Curtius lassen ihn dabei ein unnahbares Felsen- 
nest erobern. Die Beschreibung dieser Heldenthat bei Curt. 6, 6, 
26—32 stimmt überraschend mit der Erzählung der Einnahme 
einer festen Stadt durch Alexander im syrischen Alexanderroman 
(ed. Budge 5. 203, 10ff. — 114 der englischen Übs.), nur dass die- 
selbe hier nach Söd d. 1. Sogdiana verlegt ist. Die Stelle fehlt 
in den uns erhaltenen griechischen , lateinischen und armenischen 
Texten, muss ‘aber aus dem Griechischen übersetzt sein. Ich 
stelle die charakteristischen Züge der beiden Berichte (den 
syrischen nach Budge’s Übersetzung) neben einander: 


Curt. 6, 6, 26 ff. 


Alexander bemüht sich zuerst, 
einen Weg gangbar zu machen: 
deinde, ut occurrebant inviae 
cotes praeruptaeque rupes, inritus 
labor videbatur obstante natura. 
In seiner Verlegenheit kommt 
ihm aber das Glück zu Hilfe. 
Vehemens favonius erat, et mul- 
tam materiam ceciderat miles, 
aditum per saxa molitus. Haec 
vapore torrida iam inarserat. 
Ergo adgeri alias arbores iubet 


Budge p. 203, 10 ff. 


Alexander sieht im Lande 
Söd einen grossen Fluss, der 
nach Südwesten fliesst und schwer 
zu überschreiten ist. Von Ge- 
sandten erfährt er nun, dass alle 
Vornehmen des Landes an einem 
Orte sich aufhielten. „Und mit 
50 Reitern gieng ich voraus in 
der Nacht, um zu gehen und 
den Weg auszuforschen und die 
Stadt zu sehen. Denn es war 
Nacht und wir kannten die Ge- 


1) Nach Diod. c. 78, 2 und Curt. 6, 6, 22 mit 2000 Reitern. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 


Curt. 6, 6, 26 ff. 


et igni dari alimenta: celeriter- 
que stipitibus cumulatis fastigium 
montis aequatum est. Tune un- 
dique ignis iniectus cuncta con- 
prehendit. Flammam in ora hos- 
tium ventus ferebat, fumus ingens 
velut quadam nube absconderat 
caelum. Sonabant incendio silvae 
atque ea quoque, quae non incen- 
derat miles, concepto igne proxima 
quaeque adurebant. Barbari sup- 
plieiorum ultimum, si qua inter- 
moreretur ignis, effugere temp- 
tabant, sed qua flamma dederat 
loecum, hostis obstabat. Varia 
igitur caede consumpti sunt: alü 
in medios ignes, alii petris prae- 
eipitavere se, quidam hostium 
manibus obtulerant, pauci semi- 
ustulati venere in potestatem. 


69 


Budge p. 203, 10 ff. 


wohnheit der Gegend nicht, und 
deshalb war ich auch furchtsam. 
Da gieng ein qundägör weg 
und erforschte den Weg, kehrte 
zurück und kam zu mir und sagte 
zu mir: Der Weg ist leicht und 
die Stadt ist nicht gross. Da- 
rauf zogen ich und meine Truppen 
gegen jene Stadt. Und ich liess 
dieHörner blasen und die Truppen 
die Stadt umringen. Und ich 
liess viel Holz herbeibringen und 
rings um die ganze Stadt ein 
Feuer anzünden, und die Truppen 
ausserhalb des Feuers stehen. 
Und ich befahl, jeden, der aus 
der Stadt fliehen würde, zu töten. 
Als die Leute in dieser Stadt 
den Schall der Hörner hörten, 
kamen sie aus den Häusern heraus 
und sahen das Feuer rings um 
die Stadt, und einige von ihnen 
wollten fliehen. Als sie aber 
aus der Stadt flohen, und von 
der Hand meiner Truppen starben, 
da kam ihr Haupt und die Vor- 
nehmen (204) in jener Stadt 
heraus aus der Stadt und riefen 
mit lauter Stimme: „König Ale- 
xandros, wende deinen Grimm 
in Versöhnung und gebiete deine 
Diener nicht zu töten“. Darauf 
liess ich sie vor mich kommen, 
und als sie gekommen waren, 
befahl ich sie in Gewahrsam zu 
nehmen. 


Nach Curtius hätte Alexander inzwischen den Krateros zur 
Belagerung von Artakoana zurückgelassen, wohin sich 13 000 Be- 


waffnete geflüchtet hatten. 


Nach der Rückkehr Alexanders von 


seiner Blutarbeit hätte sich die Festung alsbald ergeben, als er 
Miene machte, die Belagerungstürme heranzuführen. Allein diese 
' Darstellung ist mit der Erzählung Arrians unvereinbar, der von 
einer Belagerung der Hauptstadt überhaupt nichts weiss. Die 
Situation ist sehr ähnlich wie bei der Züchtigung der sieben Städte 
von Sogdiana, Arr. 4, 2,1. Curt. 7,6, 10, wo Alexander in der 


70 J. Marquart, 


That den Krateros zur Belagerung von Kyropolis, der be- 
deutendsten derselben, aussendet, während er selbst sich gegen 
die fünf zunächstliegenden Plätze wendet und dieselben ausmordet. 
Wir werden später sehen, dass die im syrischen Alexanderroman 
erzählte Episode in der That dem Strafgericht gegen die 
sieben sogdischen Städte entspricht, und ich glaube daher, dass die 
von Curtius und Diodor berichtete Geschichte ursprünglich nur 
eine Variante der sogdischen Blutthat ist, die dann von einem 
Romantiker bei der Eroberung von Areia verwandt worden ist. 

Wie weit Alexander bereits nach dem Osten vorgerückt war, 
als er seinen Vormarsch gegen Baktra einstellte und sich gegen 
Herät wandte, lässt sich aus unsern Berichten nicht entnehmen. 
Jedenfalls kann er aber Marw-i τοὺ noch nicht erreicht gehabt 
haben. Denn wäre er von Balä-Muryäb her gegen Herät an- 
gezogen, so hätten ihm die Begleiter des Satibarzanes auf ihrer 
- Flucht nicht entgehen können. Er muss also yon Westen her 
gegen die Stadt gerückt sein. Der König wird demnach, um 
die Wüste zwischen Tegend und Muryäb zu vermeiden, von Pul-i 
chatün südöstlich zum Egri-gök, einem linken Nebenfluss des 
Kusk-rüd an der heutigen afghanisch-russischen Grenze gezogen 
sein. In der Gegend von Ak-robät oder Cokan Sor erfuhr er 
den Abfall des Satibarzanes und zog sofort südwärts durch das 
Quellgebiet des Egri-gök über die Berge von Herät, wohl über 
CäSmä-säbz nach Nauchän gegenüber von Birnäbäd. Wie die 
600 Stadien unterzubringen sind, welche Alexander in 2 Tagen 
zurücklegte, ist schwer zu bestimmen. Offenbar sind sie nur bis 
zu dem Punkte gerechnet, wo Alexander die Thalebene des 
Har&-rüd erreichte. Jedenfalls war aber Alexander von der 
Langsamkeit und Bedächtigkeit weit entfernt, die seine modernen 
Erben in Moskau, freilich keineswegs immer zum Nutzen der 
von ihnen vertretenen Kulturaufgabe, auszeichnet, und er hätte 
in diesem Schneckentempo wohl auch sein Ziel nie erreicht. 
Satibarzanes ist wohl nicht auf der Strasse von Herät über 
Marw-i röd nach Balch geflohen, sondern auf dem schwierigen 
Weg, der von Herät ostwärts dem Thal des Hare&-rüd entlang 
ins Gebirge und vom Quellgebiet des Flusses über die Pässe 
des Hindukus in die Thäler des Dehäs (Balchäb) und Sari-pul 
(des Flusses von Schibergän), sowie über Bämijän in die Thäler 
der Flüsse von Chulm und Qunduz führt. 

Eratosthenes berechnet den ganzen Weg von Hekatompylos 
bis ᾿4λεξάνδρεια ἡ ἐν ’Agsioıs auf 4530 Stadien (Strab. μὰ 8, 9 
p. 514), womit Plinius’ 575 mp. bis auf 10 röm. Meilen über- 
einstimmen. Es wird also zu schreiben sein DLXV. Die Entfernung 
der Provinz Areia von Hyrkanien wird auf etwa 6000 Stadien 
geschätzt (ie 10, 1 p. 516), eine Angabe, die auf einer Ver- 
wechslung mit der Distanz von den Kaspischen Thoren bis nach 
Alexandreia Ar. (6400 Stadien ı« 8, 9 p. 514) beruhen muss. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. ys: 


Die Länge von Areia wird auf 2000 Stadien angegeben, die Breite 
in der Ebene auf 300 Stadien. 4530 Stadien würden etwa 
113 Fars. und 16 arabischen Tagereisen ἃ 7 Fars. entsprechen. 


3. Παραχοάϑρας, Παροπανισάδαι, Paradata. 


Παραχοάϑρας ist der Name des Alburzgebirges bei Strab. 
we 8,1 p. 511: καλεῖται δὲ τὸ μέχρι δεῦρο (bis zum Flusse Ochos- 
Tegend und Σάρνιος) ἀπὸ τῆς ᾿Δρμενίας διατεῖνον ἢ μικρὸν ἀπο- 


᾿ λεῖπον Παραχοάϑρας. Vgl. 8,8 p.514.12,4 p. 522. 14,1 p. 527. 


Dazu verhält sich der Pahlawiname Pataschwär(-gar)!) wie 
Pesdäd zu ἃν. Para-däta, ἃ. h. PataSchwär ist die Übersetzung 
von Παραχοάϑρας. 

de Lagarde, Beiträge zur baktrischen Lexikographie 51. 
Mitteilungen I 148 erklärt Pe$xwar [so!] oder PadaSchwar(-gar) 
[so!] als „das vor Xwar [lies Chwär >] ἃ. 1. Xoenvn?) 


gelegene Land“. Die Pahlawiform von Chwär ist aber Chwärih 
(Bundah. XII 2 West), das auf ap. *Au-a9ra zurückgeht?). 
Letztere Form setzt in der That Παραχοάϑρας noch voraus, 
während bereits Strabon ı« 9, 1 p. 514 (aus jüngerer Quelle) die 
Landschaft Xwenvn, Isidor von Charax Xo@envn*) nennen, und 
die Stadt bei Plin. 6, 44 Choara, bei Oros. I 2,16 Charrae 
heisst. Der persische Stamm (richtiger Sippe) Patishuwaris 


1) Derselbe findet sich auch bei Ibn al Faqih ®,”, ult., wo für 


das 2. al, oder a PO ῈΝ der Hss. > lg » herzustellen 
ist; vgl. Ibn Chord. 111, 1. Ebenso ist als Titel des Mäzijar Tab. III 


© 


ia, 11 ‚Li, ΩΝ oder si > 1 Feswär- oder Padaswäar- 


gar-Sah für ÖL&,> „es herzustellen. Die Form Patitahar bei 
Ps. Mos. Chor. 2, 53 ist wohl sicher in Patizahor zu ändern; vgl. z.B. 


arm. Nihorakan, arab.-pers. „L>,lSUl, „I> au}, pers. ὃ N. — 
Vgl. weiter über den Namen de Lagarde, Beiträge zur baktrischen 
Lexikographie ölf. Spiegel, Eran. Altertumskunde 1, 61. 197. 
Justi, Beiträge zur Geogr. des alten Persiens 2,3. Nöldeke, Bezzen- 
bergers Beiträge IV 47 N. 2. de Lagarde, Mitteilungen I 148. 
III 260 N. 1. 288 N. 1 und jetzt Hübsehmann, Armen. Gramm. 
I 1, 66. 


2, Heute Qysläq Chwär oder ἐϊ9 ΝΕ , östlich von den Kaspischen 


Thoren. Vgl. W. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien 
I 80 = WSB. Bd. 102, 222. 
3) Darmesteter, Etudes iran. II 85. 191. 


4 Bei Ptol. 6,5 p. 400,1 zu Χοροανή verdorben und an falsche 
Stelle geraten. 


72 J. Marquart, 


(eine patronymische Vrddhibildung, vgl. ap. Märgawa!) und die 
Patus’arra der Sargoninschriften (in Medien) haben also, wie 
ich bereits Assyriaka S. 647 N. 559 betont habe, mit PataSchwärgar 
nichts zu thun?). 

Von der jüngern Form geht der Name Χωρομνϑρηνή aus, 
welchen jenes Gebirge bei Ptol. ς 2 p. 391, 28 führt. Ich weiss 
für den zweiten Teil keine sichere Erklärung. Sollte am Ende 
gar der Name des in Raj ansässigen Geschlechtes Mehran darin 
stecken, also COhwär-! Misren?) (mit medischer Imäla für 
Misrän)? Ä 

Der Name Aldurz, aw. Hara barszaiti, erscheint zuerst bei 
Orosius 1. 1. in der Form Ariobarzanes®), einer Angleichung an 
den bekannten Personennamen, statt ““ροβάρζατις. 

Der Name des Gebirges Παρυάδρης —= arm. Parchar in der 
Nähe des Pontos braucht mit Παραχοάϑρας keineswegs formell 
identisch zu sein, sondern kann ganz wohl auf ap. *paru-huwädra 
zurückgehen, wie Lagarde behauptet hatte). Die Wiedergabe 
des ap. 9r durch de hat ihr Analogon in Meyaoideng Her. ἡ 72, 
falls dies — dbagacidra, sowie in Ὀξένδρας (lies Ὀξέδρας) Ktes. 
ecl. 496), mit falschem Nasalstrich für Deinons Ὀξάϑρης Plut. 
Artox. 1.5, wie in CExvvdiovös für COxvdınvös, Diod. εβ 71,1 


1) In Νησαῖοι ἵπποι Her. y 106. n 40. ı 20 ἃ. 1. ap. *Naisajafh) 
aspä(h) Rosse von Nisäja liegt eine ähnliche Vrddhibildung vor. Von 
hier aus wurde das 8 -- ai der Vrddhi bei den Hellenen auch auf 
den Namen der Landschaft übertragen: Νήσαιον πεδίον Her. ἡ 40 — 


ap. Nisäja (von W. s, κεῖσθαι - ni), arab.-pers. Us Ibn al Fag. 


Pd, 5. ὃλ., 18, Jäg. IV vn, 7. Ähnlich Kürus, hebr. %12, gr. Κῦρος 
zu Kuru-, der Monatsname Bägajadis nach dem darin gefeierten Fest 
des Baga (*dagajada, sogdisch RR) — Mira, später Μιϑράκανα 
Mihragän. 

3. Gegen de Lagarde, Mitteil. I 148. III 260 N. 1. 283 N. 1. 

3) Im grossen Bundahisn 31, S6ff. (West, Pahlavi Texts I 139£.) 
ist von drei Paaren die Rede, die von Säm abstammen. Eines der- 
selben, namens Chusrau, erhält hier merkwürdigerweise die Regierung 
von Raj. Ein anderes Paar wird Märgandak genannt, welchem das 
Königreich, Wald- und Bergdistrikte von Padaschwärgar gegeben 
werden. Sollte für Märgandak vielleicht Mihre(w)andak zu lesen 
sein? Dies ist der Beiname eines Mehrän (s. Justi, Iranisches Namen- 
buch unter Mipräna Nr. 13, S. 214b), sowie des Bahräm Cöbin (s. eb. 
S. 363b unter Werehraghna Nr. 28, sowie Hübschmann, Arm. 
Gramm. I 1, 52). Die richtige Pahlawischreibung wäre freilich 
Misre-bandak; vgl. auch die Schreibung Mäh-bundak Bund. 33,7 bei 
West 8. ἃ. Ο. p. 147. 

4 Vgl. Tomaschek ἃ. ἃ. 0. 5. 82 — 224. 

5) Vgl. jetzt H. Hübschmann, Armen. Gramm. I 1, 66, 


6) ᾿Αδραπάναν (acc.) bei Isidor von Charax —= ap. Atrpawna (gen.) 
ist dagegen anders zu beurteilen. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 713 


Zoydıwvög, Pausan. 6, 5,7 Σόγδιος d.i. ap. *Sugudyjat). Es bleibt 
aber unsicher, ob man Παρυάδρης als *paru-hadr — *paru-chadr 
aufzufassen hat, so dass wir bereits die in armen. Parchar vor- 
liegende Vertretung von ap. Auw durch armen. ch (bezw. h) zu 
erkennen hätten, oder aber als *par-huwäsr mit Abfall des 
Stammvokals des ersten Kompositionsgliedes, wie in Παρμίσης 
(Ktes. 66]. 3. 52) = ap. *Paru-misa (vgl. Wahu-misa, Beh. 2, 49 ft., 


Ὠμίσης Plut. Artox. 4), Φάρξιρις = np. 4>2. 


Dagegen liegt die Präposition para- auch vor in Pa-ar-u- 
pa-ra-e-sa-an-na, welches in der babylonischen Version der Inschrift 
von Behistün 1. 6 das ap. Gandära wiedergibt. Es ist abzuteilen 
Par-uparaesana ἃ. 1. ap. *Para-uparisaina „das vor (ἃ. h. südlich 
von) dem Uparisaina-gebirg gelegne Land“. Das Silbenzeichen 
ra- hat hier offenbar den Lautwert r oder rz, wozu e das phone- 
tische Komplement bildet. Das Gebirge Uparisaina erscheint als 
Sata upairi-saena im Jasna 10,11. Es heisst hier, die Vögel 
hätten den Hauma zu dem Gebirge Sata-upairi-saena gebracht, 
was Bartholomae, K. Z. 29, 487 mit „die überadlerscharten“ 
übersetzt. Es folgen noch mehrere Gebirgsnamen, die jedoch bis 
jetzt nicht lokalisierbar sind”). Auch jt. 19, 3 erscheint das 
Gebirge Sata upairi-saena in der Umgebung von lauter bis jetzt 
nicht identifizierbaren Namen. Im Mihr jaSt 13.14 dagegen heisst 
es von Mithra: „Und von dort (der Hara barszaiti) wirft der 
Heilbringendste seine Blicke auf den Wohnsitz der Arier; da wo 
die mächtigen Fürsten die zahlreichen Truppen ordnen; da wo 
die hohen weidereichen, wasserreichen und nahrungspendenden 
Berge das Vieh mehren; da wo die tiefen Seen mit Salzwasser 
liegen; da wo die grossen Ströme ihre Wogen herabwälzen, gegen 
Sata?) und Pouruta, gegen Mouru und Haröju, gegen Gawa 
in Suyda und Ohwänrizam*. 


Ein Blick auf die Karte zeigt, dass unter der Hara barszaiti 
hier die Paropamisoskette zu verstehen ist. Soll mit dem Satz 
„gegen Sata und Pouruta“ etc. die Richtung der Ströme be- 
zeichnet werden, so ist die Hara borszaiti zugleich als deren 
Ausgangspunkt zu betrachten, mit Ausnahme des Stromes von 
Soyd. Das hier genannte Sata entspricht dem Sata upairi-saena 
der beiden andern Stellen. Wennschon das daneben stehende 
Pouruta sich lautlich nicht völlig mit den von Ptolemaios 6, 18 


1) Ein pleonastischer Nasal findet sich auch im kappadokischen 
Monatsnamen Eavdgıoon aus Ξαϑρηορη = Chsadre warje. Dagegen 
fehlt der Nasalstrich in Arap£ovng Ktes. ecl. 14 (lies ᾿ἀνταφέρνης), Her. 
᾿Ινταφρένης = ap. Windafarna. 

2) taerö + barö-sraianö übersetzt Bartholomae „die Spitzen, 
welche die Sterne auf dem Haupte tragen“. 


ὃ) So ist zu lesen für Aisata. 


74 J. Marguart, 


p. 435, 8. 20 p. 457, 27 im nördlichen Arachosien, am Südabhang 
des Paropamisos, angesetzten Παρουηταί deckt, nach denen die 
Παρουητὰ den 6, 18 p. 434, 29 benannt sind!), so ist doch un- 
verkennbar, dass es etwa im heutigen Ghör zu suchen ist. Für 
Sata ergäbe sich etwa die Lage des Köh-i Bäbä, der Bergketten 
bei Bämijän. Freilich liegen die Quellen des Oxus, der nach 
Chwärizm fliesst, noch viel weiter östlich in BadachSän und im 
Pamir, aber jenem Gebirgssystem entströmen die Flüsse von 
Herät und Marw wie die von Balch, Käbul und Kandahär. Der 
arabische Geograph al Ja’gübi sagt: „Aus dem Gebirge von 
Bämijän kommen zahlreiche Quellen. Von diesen fliesst ein Strom 
nach Qandahär in einer Weglänge von einem Monat; ein Fluss 
geht aus einem andern Engpass nach Sagistän in einer Weglänge 
von einem Monat, ein anderer Fluss wendet sich nach Marw in 
einer Wegstrecke von 30 Tagen, ein anderer Fluss strömt nach 
Balch in einer Wegstrecke von 12 Tagen, noch ein anderer Fluss 
endlich nach Chwärizm in einer Entfernung von 40 Tagen. All 
diese Flüsse kommen aus dem Gebirge von Bämijän wegen seiner 
grossen Erhebung?).* Unter dem Flusse, der nach Chwärizm 
fliesst, ist hier wohl der Fluss von Qunduz (Aq sarai) zu ver- 
stehen, der gleichfalls in den Bergen von Bämijän entspringt und 
nachdem er unterhalb von Qunduz den durch mehrere Nebenflüsse 
verstärkten Fluss von Talakän aufgenommen hat, unweit der 
Vereinigung des Pang und WachSab in den Oxus mündet. Er 
wird hier offenbar als der eigentliche Quellfluss des Oxus be- 


trachtet. Bei den Arabern heisst dieser Fluss χϑιὲ 9 ιςο» und 
in seinem Unterlauf Legal Ὁ „Löwenfluss“. Auch das Bundahisn 


(XX, 16.17. 21. 22 bei West, P. T. I 79. 80) lässt die Flüsse 
von Harew, Marw, Balch und den Hetumand von Sagistän auf 
dem Apärsen-Gebirge entspringen. 

Der Name Uparri-saena, ap. *Upari-saina hat sich noch 
bis mindestens ins 7. Jh. n. Chr. lebendig erhalten. Als der 
chinesische Pilger Hüan-Cuang im Jahre 644 vom Nordosten des 
Königreiches Fo-h-s2-sa-t’ang-na aufbrach, das Henry Yule 
mit dem Gebiete der Parätis in der Umgegend von Parwän 
gleichsetzt (JRAS. 1873, 104 N.1 278), „il franchit des montagnes, 


1). An der ersten Stelle lesen die meisten Hss. nach Wilberg 
und Grashoff Παρσιῆται, die übrigen Παρσιεῖται. Παροιηται, Παρσηῖται, 
6,20 ist Παργυῆται und Παργυῖται die Lesart der Hss., wofür Gras- 
hoff Παρουῆται in den Text gesetzt hat. Auch in Areia παρὰ τοὺς 
Παροπανισάδας wird 6,17 p.433,4 eine Völkerschaft Παροῦται genannt, 
wofür Grashoff gleichfalls Παρουῆταν vermutet. Allein Παροῦται 
würde besser zu dem po"ruta des Awestä passen. Der Name parwata 
von ind. parwata „Gebirge“ bedeutet „Gebirgsbewohner*. 


?) Ja‘gübi, Geogr. ed. de Goeje 8. In1, 9—13. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 75 


passa des rivieres, et, apres avoir traverse plusieurs dizaines de 
petites villes situees sur les frontieres du royaume de Kia-pi-che 
(Kapiga), il arriva ἃ un grand passage de montagne, appele P’o- 
lo-si-na (Varasena), qui fait partie des grandes montagnes neigeuses. 
... Les faucons eux-m&mes ne sauraient les franchir au vol; 
ils marchent pas ἃ pas, et reprennent leur essor* etc. Nach drei 
Tagen erst kam man auf die Passhöhe, und ebenso lange dauerte 
der Abstieg zum Königreiche "An-ta-lo-po (Andaräb) am Fusse 
des Gebirges!). 


Das Gebirge P’o-lo-si-na ist also speziell diejenige Kette des 
Hindukus, welche die Thäler des Pan&$ir- und Ghörbandflusses von 
dem von Andaräb trennt. P’o-lo-se-na gibt so genau wie möglich 
die sanskritisierte mitteliranische Form von Uparisaina 
wieder, welche *Parasena oder *Varasena — pahl. Aparsen, 
Avarsen bezw. *Parsen lauten musste?). Die Anekdote, dass sogar 
den Falken der Pass zu schwierig sei, soll offenbar den Namen 
desselben („über den Adlern“ bezw. nach der Bedeutung des ent- 
sprechenden indischen Wortes Jena „über den Falken“) erklären. 
An den Namen Uparisaina knüpft auch die von Diodor 17, 83, 1 
berichtete Sage an: χατὰ δὲ μέσον τὸν Καύκασον ἔστι πέτρα δέκα 
σταδίων ἔχουσα τὴν περίμετρον, τεττάρων δὲ σταδίων τὸ ὕψος, 
ἐν m καὶ τὸ Προμηϑέως σπήλαιον ἐδείκνυϑ' ὑπὸ τῶν ἐγχωρίων καὶ 
ἡ τοῦ μυϑολογηϑέντος ἀετοῦ κοίτη καὶ τὰ τῶν δεσμῶν 
σημεῖα ἢ. Dass die Hellenen hier an ihre Prometheussage 
erinnert wurden, ist begreiflich. Wahrscheinlich war aber 
der Adler, dessen Sitz hier gesucht wurde, der mythische 
Vogel Simury (Saena maroya), der auf dem Alburz in der 
Nähe von Hindustan horstete und den kleinen Zäl aufzog®). 
Dem ap. *Uparisaina, mitteliranisch *Parsen entspräche genau 
ein griechisches ἘΠαρσηνός, wofür wir aber bei Dionys. περιήγ. 737, 
der hier wie gewöhnlich aus veralteter Quelle schöpft, die 
mit Rücksicht auf den heimischen Musensitz hellenisierte Form 
Παρνησός und bei Aristoteles Metereolog. 1, 13 die entsprechende 


a) Hiouen-thsang,, Memoires trad. par Stan. Julien II p. 1905. 
Sam. Beal, Chinese Buddhist travellers to the West II 286. 


3) Belegt ist in den Parsenschriften nur die erstere Form (ge- 
schrieben Apärsen), die aber im 7. Jahrh. ohne Zweifel bereits Varsen 
oder Parsen mit Abfall des anlautenden @ gesprochen wurde. Wahr- 
scheinlich war aber der Name im persischen Dialekte nicht mehr im 
lebendigen Gebrauch, sondern ist lediglich Transskription des Awesta- 
wortes. — Vgl. schon Alex. Cunningham, The ancient geography 
of India 19. Da ich aber auf diese Gleichung Wert lege, so will 
ich ausdrücklich betonen, dass ich erst nachträglich die Übereinstimmung 
τς ἧς χα bemerkte, nachdem meine obige Ansicht längst 
est stand. 


®) Vgl. Curt. 7, 3, 22. Strab. να 5,5 p. 505/6. ve 1,8 p. 688. 
4) Schahname VII 83. 100. 130, übs. von Rückert 1188. 139. 141. 


76 J. Marquart, 


attische Παρνασσός treffen. Der geläufige griechische Name Παρο- 
πάμισος ist zunächst mit Anlehnung an den griechischen Flussnamen 
Παμισός aus Παροπάγισος !) und dieses aus ἘΠαροπά(ρ)νισος ent-. 
standen, das selbst wieder eine unter dem Einflusse der ältern 
Form Παρνησός vollzogene Umbildung von Fara-uparisarna, 
mp. *Par-apar-sen ist. Das Ethnikon Παροπαμισάδαι ist also 
eine selbständige griechische Bildung. 

Während aber Παραχοάϑρας das Gebirgsland nördlich 
von Chwär bezeichnet, ist Para-uparisaina der Name der Thal- 
landschaft Gandhära südlich vom Uparisainagebirge. 

Mit der oben besprochenen Präposition para- = np. “δ 
„vor“ ist auch der Beiname Haosjanha’s, des ersten Herrschers 
von Iran, Para-data gebildet. Derselbe ist stehendes Epitheton 
des Haosjanha jt. 5, 21. 9, 3.15, 7, Wend. 20, 1.2 dagegen wird 
er auf die Heroen der Vorzeit im allgemeinen angewandt. Allein 
die spezielle Beziehung auf Haosjanha ist offenbar das Ursprüngliche 
und da kann er nichts anderes bedeuten als „der Erstgeschaffene*“, 
der erste Mensch. Haosjanha ist der Begründer der Souveränetät, 
der dahjupaiti-Würde, während sein Bruder Wehkart (Wekart) 
„der gutgeschaffene“ (aw. wahrscheinlich *Wohu-däta) als Ur- 
heber des Dihgänstandes (aw. wahrscheinlich vispazti) und 
des geregelten Ackerbaues gilt: „the original establishment of 
law and custom; that of village, superintendence (dıhankanih), 
for the cultivation and nourishment of the world, dependent upon 
Vaegere&d the Pe$Sdädian; and that of monarchy, for the protection 
and government of the creatures, upon Hoösäng the Pesdädian“ 2). 
Auf Wehkart führten die Dihgäne des Sawad ihren Stammbaum 
zurück, welche unter den von Eri€ im Sawäd eingesetzten 
Sahrıgan (> 21) = ὀσέϑγαραϊξε standen und in fünf Klassen 
zerfielen 5). 

Wenn im Dinkart auch Wehkart das Epitheton Pe3dad erhält, 
so ist das ungenau, und die Erklärung dieses Beinamens im 
Kommentar des Wendidäd 20, 1: „parce quils ont les premiers 
mis en vigueur la lo? de la royaute* (dat-« chwataih), ist sprach- 
lich falsch, wie alle Erklärungen, welche darin das Wort däta 
„Gesetz sehen. So heisst es bei Tab. I jvi: „Man berichtet, 


1) Diese Form findet sich bei Ptol., sowie bei den röm. Geographen 
(Plin. 6, 48), während Diodor, Arrian, Strabon Παροπάμισος, Παροπαμι- 
σάδαι vorziehen, Curtius Parapamisus, Parapamisadae. Bei Justin 
12,5,9.13,4,21 hat Gutschmid Parapamesos Parapamesadae her- 
gestellt. Vgl. Kiepert, Lehrbuch ἃ. alten Geographie ὃ 62 S. 59. 

2, Dinkart VIII 13,5 Waögeret Pesdade. West, Pahlavi Texts 
IV 26.501 nach Darmesteter, Le Zendavesta II 371 n. 26. Dinkart 


VII 1, 16—18. V 4, 2 bei West, P. T. V 8. 1238. Hamza 4, 14. 
Berüni PP, Yo, 
3) Mas‘üdi, Murüg 11 240. 


nee 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. UT 


dass er (OShang) der erste war, welcher die Rechtsordnungen 
und Strafen festsetzte und davon den Beinamen Pe3 dad führte, 
der auf persisch bedeutet: „der erste, welcher nach Gerechtigkeit 
Urteil sprach“. Denn δῷ bedeutet „der erste* und dad bedeutet 
Gerechtigkeit und Rechtsprechung“. 

Aus diesem Missverständnis in Verbindung mit der Stelle 
Wend. 20, 1. 2, wo das Wort im Plural steht), ist die Dynastie 
der Pesdädier entstanden, die sich meines Wissens zuerst bei 
al Chuwärizmi, Mafätih al'ulüm 4,., 10 ff. und Berüni, Chronologie 
1, 1.P, 1%, 64, 1a findet. Nach der gewöhnlichen Ansicht rech- 
nete man, wie Berüni angibt, zu den P&sdädiern die Könige 
Hösang, Tahmöra$, Gam, Akdahäk und Fredün. Ein anderes 
System aber, dem auch al Chuwärizmi folgt, fasste unter jenem 
Namen alle mythischen Herrscher von Gajömar® bis auf Karsäsp 
zusammen. 


4. Über einige skythisch-iranische Völkernamen. 


Die Versuchung liegt nahe, auch den Namen des Königs- 
stammes der iranischen Skythen oder Skoloten, Παραλάται (Her. ὃ 6) 
als paradata „die Erstgeschaffenen* aufzufassen. Hier würde 
das Wort aber keinen zeitlichen, sondern einen politischen und 
sozialen Vorrang bezeichnen. Allein der Lautwandel von aw. d 
in skyth. ὦ ist sehr bedenklich und müsste erst durch andere 
Beispiele belegt sein. Zudem wird es durch eine Reihe anderer 
Namen nahegelegt, -ται als Endung abzutrennen. 

Nach Herodot trieben‘ die Massageten, welche jenseits des 
Araxes wohnten («x 201), keinen Ackerbau, sondern lebten von 
Fischen, von welchen der Araxes wimmelte, und der Milch ihrer 
Herden?). Der Araxes bildete nach ihm ein Mündungsdelta von 
40 Armen, von welchen nur ein einziger sich ins Kaspische 
Meer ergiesse — nämlich der von Herodots Gewährsmann mit 
dem ostiranischen verbunden gedachte armenische Araxes — die 
übrigen aber ἐς ἔλεά re καὶ τενάγεα ἐχδιδοῖ᾽ ἐν τοῖσι ἀνθρώπους 


'κατοικῆσϑαι λέγουσι ἰχϑῦς ὠμοὺς σιτεομένους, ἐσϑῆτι δὲ νομίζοντας 
N Y χ μους μ ἢ N μ 


χρᾶσϑαι φωχέων δέρμασι (α 202). Damit sind die Wohnsitze der 
Massageten oder eines Teiles derselben deutlich in die Nähe des 
Aralsees verlegt. Noch klarer geht dies aus der Beschreibung 
Strabons hervor, welcher, wenn auch durch mehrere Mittelglieder, 
auf dieselbe Quelle zurückgeht wie Herodot, nämlich Hekataios. 

1) Möglicherweise sind aber die dort im Plural stehenden Epitheta 
der Helden der Vorzeit nach Art der lat. Plurale Catones, Scipiones 
„Leute wie Cato“ aufzufassen, zumal der Kommentar jedes derselben 
auf einen speziellen Helden bezieht. 

3) ἀλλ ἀπὸ κτηνέων ξώουσι καὶ iyPomv' οἱ δὲ ἄφϑονοί σφι En 
τοῦ ᾿Δράξεω ποταμοῦ παραγίνονται" γαλακτοπόται δ᾽ εἰσί. 


78 J. Marquart, 


Nach ihm münden die übrigen Arme des Araxes εἰς τὴν ἄλλην 
τὴν πρὸς ἄρκτοις ϑάλατταν, die Robben, in deren Felle sich die 
Bewohner kleiden, werden ausdrücklich als vom Meere stammend 
bezeichnet ἢ. 


Die Fischnahrung galt demnach als eine bemerkenswerte 
Eigentümlichkeit der Massageten, und nach dieser sind sie that- 
sächlich benannt. Πασσαγέται gehört zu aw. masjö (skt. matsja) 
„Fisch“, das in Wirklichkeit massjö gesprochen wurde, woraus 
sich die neueren Formen (np. mäht, kurd. mas?) erklären. Die 
Verdopplung wird in .der Awestäschrift nicht geschrieben. Vgl. 
Bartholomae, Grundriss der iran. Phil. 1 8 ὅ N.5. Von 
massja ist zunächst mittelst des Suffixes -ka, osset. äg das Sub- 
stantiv *massja-ka, "massja-ga gebildet, wozu Μασσαγέται der mit 
der ossetischen Pluralendung -Φ ἃ versehene Plural ist?). 

Ebenso zu erklären sind die Namen Θυσσαγέ-ται Her. ὃ 22. 122, 
Plin. 6, 19; Σαυρομά-ται Συρμά-ται Σαρμά-ται ἃ. 1. ἐϑαύγιω-ηια (mit 
u- Eoentbesey! *Sar-ma, vgl. aw. Salrima ; Τυρεγέ-ται Strab. & 
3,17 p. 306, ein Überrest der Skytben am "Tyras 8), ᾿Ιαξαμά-ται 
(Ptol) oder ee Skymn. 879ff., ᾿ἸΙξιβά-ται Hekat. fr. 166, 
Mela 1, 114 Ixamatae etc., Plin. 6, 21 Mazamacae vgl. Ps. Mos. 
Chor. Geogr. p. 36 Soukry Nachla-mateank‘ — ᾿Ιαξαμάται ἢ); 
Θισαμά-ται, Σαυδαρά-ται Latyscheff I 16 B, 9; Μυργέ-ται 
Hekat. fr. 155 (falls nicht Τυραγέ-ται zu lesen ist); Morvxt-ta 
ib. fr. 156; ΜΝαπά-ται Apollon. Rhod. Argon. 758, vgl. Steph. 
Byz. Νάπις᾽ κώμη Σκυϑίας. ὃ οἰκήτωρ Nandıns ἢ Nantıns 
neben Νάπαι Diod. 2, 48, 4, Napaei Plin. 6, 50, Inapaei 8 22, 
Naprae $ 20°), Napaei Ammian. Marcell. 22, 8, 33, im Alexander- 
roman I 2 cod. A und 1, Aondres (neben Βούσποροι); Sarge-tae 
Ammian 22, ὃ, 38, ΖΣαργάτιον Ptol. 3, 5, 23, Sardetae für 
Sargetae Karte des Castorius Segm. IX 3 ed. Miller. Vor 
allen aber gehört hieher der einheimische Name der Skythen, 
Σκόλοτοι Her. ὃ 6. Der reine Stamm desselben liegt vor im 
Namen des Scolo-pitus Justin 2, 4,1, der mit seinem Bruder 
Plinos aus der Heimat vertrieben nach Themiskyra am Thermodon 
auswanderte. Plinos für *IIeA-wog ist hier der Vertreter der 
Πάλοι; vgl. Placıa Plin. 4, 86 —= Παλάκιον Strab. & 4, 7 
p. 312, wahrscheinlich benannt nach Πάλ-ακος, dem Sohne des 
taurischen Königs Skiluros Strab. & 3,17 p. 306. 4,3 p. 309°). 


τ ϑίταθ. τὰ ὃ; 6. 7 pr sl. 


5) Diese Etymologie, die ich selbständig gefunden habe, vertritt 
bereits Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den sky- 
thischen Norden II 47 vgl. 34. 


3) Vgl. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde III 36. 
4 Vgl. Müllenhoff ἃ. ἃ. Ο. 825, 

5) Vgl. Müllenhoff, D. A. III 23*. 89. 

6, Vgl. Müllenhoff ἃ. ἃ. O. IH 58. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 79 


Scolo-pitus ist gebildet wie ’Agıa-meidng Her. ὃ 76. 78, Σπαργα- 
πείϑης König der Agathyrsen Her. ὃ 78, ein Skythe ὃ 76, 
und wäre also richtig Scolo-pithes zu schreiben. Ebenso erkennt 
man den Volksnamen im Namen des skythischen Königs Σκύλης 
Her. ὃ 76. 78, sowie in Κολά-ξαις, dem Namen des jüngsten der 
drei Söhne des skythischen Urkönigs Teeyırdog, von welchem die 
königliche Horde der Παραλάται abstammte Her. ὃ 5. 71). κολα- 
steht neben scolo- wie Πάλοι Diod. 2, 43,4, Palaei Plin. ἢ. ἢ. 
6,50 neben Spali Jordan. Get. c. 4, Satharchei Spalaei Plin. 6, 22, 
und wie aw. δέαδγα Spitze jt. 12,25 neben iaera, ai. spdsas 
neben pdsjatı, gr. στέγος neben τέγος u. 85. w. Vgl. Bartholomae, 
KZ. 29, 487. 

Dass obige Auffassung der skythischen Namen auf -raı richtig 
ist2), beweist die Glosse: τὰς δὲ ᾿“μαζόνας καλέουσι Σκύϑαι Οἰόρπατα, 
δύναται δὲ τὸ ὄνομα τοῦτο κατὰ ᾿Ελλάδα γλῶσσαν ἀνδροκτόνοι᾽" οἰὸρ 
γὰρ καλέουσι ἄνδρα, τὸ δὲ πατὰ κτείνειν Her. ὃ 110. Hier ist 
also der Name Οἰόρπατα offenbar eine Pluralform, als deren 
Singular wir zunächst οἰορπα- anzusetzen haben. oiog d.i. *woer 
ist durch aw. wöra „Mann, Held“, skt. wörd, pahl. w2r hinlänglich 
gedeckt. Vielleicht haben wir für das Skythische eine Nebenform 
*warra-, *wair- anzusetzen. Der Begriff des Tötens muss also 
in /’A liegen. Damit ist allerdings vom iranischen Standpunkte 
aus nichts zu machen, es wäre aber der Glosse genügt, wenn wir 
OIOPT<N>ATA —= *waira-gna-ta (vgl. wor’$ra-yna „Worthra- 
töter*) lesen dürften. Die Annahme einer Verderbnis aus 
ΟἰορΖατά (T aus Z), das dann direkt —= aw. wöra-gan jt. 13, 37 
wäre, scheint mir dagegen zu kühn. 

Wie 2%040-roı etc. ist nun auch Παραλά-ται zu beurteilen: 
-reı ist Pluralendung, parala- der Stamm. Wir können nun 
wenigstens &in sicheres Beispiel nachweisen, in welchem ὦ im 
Alanischen durch Dissimilation aus n entstanden ist: die alanischen 
“Ῥωξολανοί werden in dem Ehrendekret der Chersonesiten für 
Diophantos (ca. 107 v. Chr.) Z. 22 Ῥευξιναλοι genannt?), bei 
Ptol. 3, 5 p. 201, 24 Ῥευκανάλοι (statt ᾿Ῥευξανάλοι) neben Ῥωξο- 
λανοί p. 200, 27. Gleich andern skythischen Völkernamen *) 


1) Vgl. auch Stein zu Her. 4, 6. 


?) Wie ich nachträglich aus dem Referate von J. Hanusz, 
WZKM. I 156/57 sehe, hat schon Wsewolod Miller, Die epi- 
nen Spuren des Iraniertums im Süden Russlands (Journal des 

inisteriums für Volksaufklärung, St. Petersburg 1886, Oktober, 
S. 232—283 [russ.]) die skythisch-sarmatischen Stammnamen auf -raı 
vermittelst des ossetischen Pluralsuffixes auf -tö erklärt, in welchem er 
ein ural-altaisches Element vermutet. Er vergleicht dazu die finnisch- 
ugrischen Plurale auf -t-. 


®) Dittenberger, Sylloge inseriptionum graec. no. 252. Laty- 
scheff, Inscriptiones graecae orae septentrionalis Ponti Euxini ἢ. 185. 


Ὁ Z. B. Κοναψός Latyscheff II 100 zu Κοναψηνοί: vgl. meine 
Östeuropäischen und ostasiatischen Streifzüge S.55 Anm.2. Νάβαξος 


80 J. Marquart, 


wird auch dieser als Personenname verwandt und erscheint in der 
Form ἱῬευσίναλος auf den Inschriften (Latyscheff II 296 N. 88). 
Beide Formen gehen offenbar auf ein iranisches rauchsnana 
zurück. Auf den skythischen Namen Ῥησπινδίαλος aus Olbia 
Latyscheff 1104 N. 68, alanisch Respendial (a. 406) Gregor. 
Turon. 2, 9 will ich mich nicht berufen, da noch keine plausible 
Etymologie desselben gefunden ist!). Dagegen steht ebenso neben 
dem persischen Stamm Πανϑιαλαῖον Her. « 125 die Station 
Pantyene Tab. Peut. Segm. XII 2, Geogr. Rav. p. 52, 7 
Patienas?2. Auch den Namen ’AAoyovvn Ktes. ecl. 44 möchte 
ich jetzt durch Dissimilation aus *wana(h)-gauna — aw. *wanat- 
gauna „Gestalt ersiegend“ (vgl. Ὀνα-φέρνης — *wanalh)-farna 
„die Majestät ersiegend*) erklären. 

In diesen Zusammenhang gerückt erscheint es selbst möglich, dass 
der parthische Königsname Volagases, "8551 Walagas, zu betonen 
Waldyas, woraus phl. Walachs, arm. Walars, eine ähnliche Bildung 
und Bedeutung aufweist: wala-gas — aw. *wanat-gasa. Vgl. den 
etwas ältern gleichfalls parthischen Ὑνδοφέρρης, Tovdapdens, 
Gomdafarna ete.—= Windath)-farr, Gunda(h)-farr, ap. Winda(h)- 
farna& (oben S. 4 und Anm. 5). Das zweite Element ist np. 
gas 1) pulcer, bonus, 2) modus incedendi cum venustate et fastu 
et hilaritate (Vullers), das auch in dem parthischen Namen Adda- 
gases?), sowie in den skythischen Namen Γωδίγασος Latyscheff 


Lat. II 447 = ἃν. Nawaza eb. S.55 Anm. 3. Σιαρμάτας Lat. 11 402; 
Σαυρομάτης: Σκόξος Lat. II 404 d. i. *Skuca, die einheimische Form 
des den Griechen in Kleinasien bekannt gewordenen Stammnamens 
Σκύϑαι, assyr. Asküugaia (unten S. 111). 

1 Vgl. dazu Müllenhoff, DA. II 113. 206. Justi, Iran. 
Namenbuch 260b. 

3) Vgl.auchTomaschek, Zur histor. Topographie von Persien 134. 

3) Es sind zwei Personen dieses Namens bekannt. a) Der Bruders- 
sohn des Gundafarr: Genitiv ABJAT'AZUT, kharosthi Awadagasasa, 
Hawadagasasa auf den sakisch-parthischen Münzen Gardner, The coins 
of the Greek and Seythic Kings of Bactria and India p. 107/8, Pl. XXIII 
1—3. Alex. Cunningham, Numism. Chroniele 1890, p. 117—121. 
Hörnle, Copper-coins of Abdagases, Proc. JRAS. Beng. 1895, 82—84. 
Im Evangelium Ioannis de transitu Mariae bei Tisehendorf, Apo- 
calypses apocryphae p. 101 entspricht ihm “αβδάνης, der Schwester- 
sohn des Königs von Indien (für Aßddvns oder syr. 923 = pers. 
Abdan, ein Hypokoristikon auf -än); vgl. Sylvain Levi, Notes sur les 
Indo Seythes. Journ. as. 1897, 1,35. Ὁ) Der Vater des Sinnakes: Tac. 
ann. 6, 36. 37. 43. 44 Abdagaeses, Jos. ἀρχ. νη 8884. ᾿4βδαγάσης, 


ΒΤ. u) QDN (arm. V,erkbE Abdeche) und yaDN, war 
Addailegende ed. Phillips p. u, % 3, 1 (oben 5. 11) für 
ads Abdach! oder ayDIs Abdar$ aus *Abdayas (wie Walars, 
Walach$ aus Walayas), gewöhnlich Ιμωαλ (Hypokoristikon, fälschlich 


von jenem unterschieden) p. u, 4. SD: 12. 9, 23, von aw. abda, 
phl. avd „wunderbar“. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 81 


II 447, Ὀσσι[ζγασῆος ib. 446 (beide aus Tanais), Οὐσίγασος ib. 
I 55 (Olbia) und vielleicht in Οὐά-γ[α]σις ib. Π 389, parthisch 
Vagasıs Justin 41, 6,7 vorkommt. Vgl. meine Beiträge zur 
Geschichte und Sage von Eran; ZDMG. 49, 636 Anm. 4 und 
Justi, Iranisches Namenbuch 495. Dahin gehört, wie ich 
glaube, auch der skythische Name des Kaukasus, Ürou-casım 
(lies -gasim) id est nive candidum Plin. 6, 50. Ist die 
vorgeschlagene Etymologie von Volagases richtig, so bildet dieser 
Name einen weiteren Beweis für die enge Verwandtschaft der 
dahischen Parner, des Kriegsadels der Parther, mit den Skythen 
und Sarmaten. 


Der parthische Satrap Σιλάκης, Σιλλάκης von Mesopotamien, 
der beim Feldzug des Crassus neben dem Surenas genannt wird, 
ist thatsächlich, wie eine eingehende Quellenkritik zeigt, mit 
diesem identisch. Der Sieg über Crassus findet bei Σίννακα 
statt (Strab. ἐς 1, 23 Ὁ. 747. Plut. Orass. 29), das wohl erst nach 
dem Sieger benannt ist, vielleicht allerdings schon nach dem 
frühern Statthalter von Mesopotamien ιϑριδάτης Σινάκης a. 88 
v. Chr. Jos. ἀρχ. 13 8 384. Ich sehe daher in Σιλάκης bezw. 
Σιλλάχης nur eine Nebenform von Σινάκης, Σιννάκης, dem 
eigentlichen Namen des Surenas. Der von Tacitus (ann. 6, 31. 
32. 36) erwähnte Sennaces, der Sohn des Surena Abdagaeses!), 


wird in der Addailegende Yanı ;D Sum (Pp- N 1)2) oder 
Ιωαλ > Ὅλροο (P. Ὁ ὶ 23) genannt, sein dort neben ihm auf- 
tretender Verwandter Addus?) heisst hier p. 3. 10 (neben „y/ 


d. i. BAT, Izat). x ‚2 928, Pp..u, 16 in an verstümmelt. 


Nach diesen mehr oder weniger sicheren Beispielen dürfte 
es nicht als zu gewagt erscheinen, Παραλά-ται auf ap. parana 
„früher“ zurückzuführen. In der Karte des Castorius Segm. ΧΙ 4/5 
erscheint der Name in der Form PARALOCAE - SCYTHAE, 
von einer Form *parala-k, wie der Personenname Sauroma-ces 
(Ammian. 27,12, 4. 16. 30, 2, 4), georg. Saurma-g, arm. Var pufuly 


1) S. meine Beiträge zur Geschichte und Sage von Eran. ZDMG. 
49, 636. 


2) An dieser Stelle wird in Wirklichkeit sein Sohn fisaaN 
ADS 75 SD 52. genannt. Leböbena (durch Dissimilation für 
#Nebö-benä) „Nebo hat geschaffen“ ist hier aramäische Übersetzung 
des parthischen Tiridates. p. „3 ist der Name in „Das/ ver- 
dorben. 7ir — Merkur (Nabü), der Stern der Schreiber Berüni ffi, 2. 


3) Hypokoristikon auf -ὦ für gemeiniranisch -02, -0 nach skythischer 
Weise von Abdagases. Vgl. Τουριούας Strab. ı« 11, 2 p. 517 und 
meine Bemerkungen Unters. zur Gesch. von Eran 170. Zu der Bildung 
‚überhaupt W. Schulze, KZ. 33, 376. Justi, Iran. Namenbuch 525. 


Marquart, Untersuchungen. II. 6 


82 J. Marquart, 


Surmak Ps. Mos. Chor. 3, 63. 64. 66 neben dem Volksnamen 


Σαυρομά-ται. 


[Anders als in den obigen Beispielen ist wohl das ἰ im 
Namer der Alanen zu erklären, das durch die einmütige Be- 
zeugung der griechisch -lateinischen, chinesischen, armenischen 
und arabisch-persischen Litteratur völlig sicher steht. Die Formen 


lauten ’Alovoi, Alani, A-lan-na, Ü,pwZpr „> al-Lan aus 
pers. Alan. Wir können ein solches Wort aber noch als Appellativ 
im Armenischen nachweisen, ‘welches dasselbe aus dem Parthischen 
entlehnt haben muss. Ü,gw% Alan allein findet sich als Eigen- 
name eines Arcruniers bei Xazar P'arpecii (Venedig 1892) 
S. 17. 139. 206. 644, und als zweiter Teil des zusammengesetzten 
Namens 9 εἥηηεμηκῖ, Zand-alan „aus dem ostanischen Hause“ 
taz. 196. Besonders wichtig ist aber Ü,gwzuyagum Alana-jozan, 
ein Heerführer des Königs Sapür II., „welcher ein Pahlav war 
aus dem Hause der Arschakunier* Faust. Byz. 4, 38 8. 156. 
Ps. Moses Chor. 3, 34 8.221 nennt ihn Ü,ywZuungus Alanaozan 
(v. 1. U,pwtngut Alanozan), ein Pahlavik, welcher ein Ver- 
wandter des (armenischen Königs) Arsak war. Alana-jozan ist 


gebildet wie Razmiozan d. i. pers. *razm-jozan „Kampf suchend*. 
Vgl. Hübschmann, Arm. Gr. Τ 17.69. Hübschmann hat 
aber übersehen, dass das Wort sich auch in zwei armenischen 
Appellativa findet. Bei Faustos Byz. 4, 2 8. 68 erhält das 
armenische Adelshaus der Mamikonier unter einer Menge anderer auch 
die Epitheta wqwlnuggPp wumwilaug put >p εὑ δ πε Euzuilp 
ΟΦ ΟΜ von denen nur das dritte rein armenisch ist: ᾿ 
„Adlerstandarten führend“. Die drei übrigen Ausdrücke sind 
sämtlich ὥπαξ λεγόμενα. Die beiden ersten haben als zweites 
Kompositionsglied die Wörter «44 „Volk, Geschlecht“ und 
{περ (Lehnwort aus iranisch drafsa, drafs) „Banner“ ; warznaka- 
nısk‘ setzt als erstes Glied ein Adjektiv *warinak voraus, 
das aus pahl. *warzänak oder *warienak, arm. *warzinak 
verkürzt ist!), von np. warg „Grösse, Würde‘, phl. warz 
(Horn, Grundriss der Neupers. Etymologie Nr. 1077). Die drei 
letzten Ausdrücke sind also Synonyma, und daraus ergibt sich, 
dass alan ein Appellativum (vermutlich Adjektiv) mit der 
Bedeutung „siegreich, ruhmvoll, .würdig“ oder ähnlich gewesen 
sein muss?). Der Volksname Alanen wird demnach ein Ehren- 


1) Zum Ausfall des a vgl. die Geschlechtsnamen Wahn-unik‘ zu 
Wahan—= Wahagn, aw. Waro®rayna, Bagrat-uni zu Baga-rat. ὃ. diese 
Unters. 1 45 Anm. 3. 


3) Das grosse Venediger Wörterbuch denkt an die Alanen oder 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 83 


name sein, den sich das Volk selbst beilegte und der eine 
‘Gruppe verschiedennamiger iranischer Nomadenstämme der kaspisch- 
pontischen Steppen zu einer politischen Einheit zusammenfasste. 
Der Name ist augenscheinlich jüngerer Bildung als die zahlreichen 
älteren Stammnamen, die meist mit den Suffixen -ma (Plur. 
-μά-ται) und -ka, -ga (Plur. -καὶ, -cae, -γέ-ται) gebildet sind. 
Dies wird nun vollständig durch die historischen Zeugnisse 
bestätigt. Aus dem Höu-Han-Su erfahren wir, dass die A-lan-na 
früher An-ts’at (gewöhnlich Jen-ts’ai gelesen) hiessen und später 
ihren Namen geändert hatten!). Die Alanen werden zuerst im 
Jahre 35 n. Chr. von Josephos erwähnt?); allein die alte 
lateinische Übersetzung liest Scythas, was Naber ohne weiteres 
in den Text aufgenommen hat, ohne den Leser auch nur mit 
einer Silbe über die Lesart der freilich weit jüngeren griechischen 
Handschriften zu unterrichten. Da aber auch Taeitus ann. 6, 33 
im gleichen Zusammenhang nur von Sarmaten redet, so ist es aller- 
dings möglich, dass das ’AAavoi der griechischen Hss. auf eine im 
Hinblick auf πόλ. ’Iovd. 7 ὃ 244, wo auf die frühere Stelle 
verwiesen wird, vorgenommene Emendation eines Lesers zurück- 
geht?). Die nächste sichere Erwähnung der Alanen findet sich 
bei Lukan Pharsal. VIII 223 (zwischen 60—65). In den 
An-ts’ai, was nach dem Höu-Han-$u der frühere Name der 
Alanen war, haben Fr. Hirth und A. v. Gutschmid 
unabhängig von einander die Aorsen erkannt), die zuletzt 
im Jahre 49 n. Chr. in der Geschichte auftreten, und zwar ganz 
in denselben Sitzen, die später die Alanen inne haben). 


Strabon unterscheidet von den Aorsen am Tanais die :obern 
Aorsen, die viel mächtiger waren als jene und deren Sitze wir 


Altvank‘ oder alauni „Taube“, und verweist auf wwykrtaugpuny An 
und für sich liegt sogar die Vermutung nahe, dass wewinmrpwiz.p 
durch das folgende JepFtwhwbfz.p glossiert sei, da die ganze Stelle 
von Glossen durchsetzt ist. Der Vollständigkeit halber will ich noch 


auf die persische Glosse Be Stärke in der Erklärung des Namens 


Alexander — dm ἣν (müsste mindestens ‚AAm a pahl. *Alak 


Sandar sein] bei Dinaw. Γ᾽ aufmerksam machen. Vgl. Nöldeke, 
Beiträge zur Geschichte des Alexanderromans 36. 


1) Höu-Han-Su bei Fr. Hirth, Über Wolga-Hunnen und Hiung-nu. 
SB. der bayer. Akad. 1899 Bd. II Heft II S.250. Ma Twan-lin bei 
Abel Remusat, Nouv. mel. asiat. I 239. 


5) Jos. ἀρχ. 18 8 97 ed. Niese. 
3) Umgekehrt Gutschmid, Gesch. Irans $. 121 Anm. 1. 


*) Fr. Hirth, China and the Roman Orient 1885 p. 139 n.1. 
Gutschmid, Gesch. Irans 68ff. 


5) Tac. ann. 12, 15 ff. 
6* 


84 J. Marquart, 


uns im Norden und Osten des Kaspischen Meeres bis zum 
Aralsee zu denken haben, wo zu Alexanders Zeit noch Massageten 
und Daher haustent). Die obern Aorsen gelten als das Stammvolk 
der Aorsen am Tanais und der Siraken am Achardeos?). 
Ptolemaios nennt jene ‘AAdvogooı, die westlichen setzt er nach 
dem europäischen Sarmatien®). Nach dem Reisebericht des 
Generals Cang- kiien (126 v. Chr.) bei Sse-ma Ts’ien liegt das 
Land der An-tsiai „an einem‘ grossen See, der keine Ufer hat 
und den man deshalb für das Nordmeer hält“, Ich glaube, dass 
hier eine Verwechslung des Aralsees mit der Maiotis vorliegt, 
wie sie auch den Alexanderhistorikern passiert ist*). Die Gleich- 
setzung dieses Meeres mit dem Nordmeer erinnert allzu merk- 
würdig an die von Patrokles aufgebrachte und von Eratosthenes 
in die Wissenschaft eingeführte Lehre von dem nach Norden 
offenen Kaspischen Meer und seiner Verbindung mit dem nördlichen 
Ocean, um an blossen Zufall zu glauben. Vgl. übrigens auch 
Hekataios von Abdera fr. 6a bei Plinius h. n. 4, 94: septen- 
trionalis oceanus. Amalchtum?) eum Hecataeus appellat a Parapaniso 
amne, qua Scythiam adluit, quod nomen eius gentis lingua 
significat congelatum. Über diesen Parapanisos u 


Um die chinesische Bezeichnung Jen-ts’a® oder An-ts’ai 
ἘΣ ἐπ lautlich mit den”40g60: des Strabon und Taeitus in Über- 


einstimmung zu bringen, nimmt Hirth an, dass das schliessende n 
des ersten Zeichens das dem Chinesischen fehlende r wiedergeben 
solle, und beruft sich auf einige andere Fälle, in denen er nachweisen 
will, dass finales n ein fremdes r wiedergebe®). Dies wird indes 
neuestens von Schlegel bestritten, welcher nur finales £ als 


1) Arr. 4, 16,4. 17,1.7.3,11, 3.28, 8.10. 5, 12,2. Strab. ı@ 8, 2 
p. 511.8 p. 518. 


2) Strab. κα 5, 8 p. 506: οἱ τ᾽ ἐφεξῆς νομάδες οἱ μεταξὺ τῆς 
"Μαιώτιδος καὶ τῆς Κασπίας “Ναβιανοὶ (. Ναάβαζοι Ὁ) καὶ Πανξανοὶ καὶ 
ἤδη τὰ τῶν Σιράκων καὶ ᾿Δόρσων͵ φῦλα. δοκοῦσι δ᾽ οἱ ἴδορσοι καὶ οἱ 
Σίρακες, φυγάδες εἶναι τῶν ἀνωτέρω καὶ προσάρκτιοι (]. προσαρχτίων) 
μᾶλλον ᾿Δόρσων. ᾿᾿βέακος μὲν οὖν ὁ τῶν Σιράκων͵ βασιλεύς, ἡνίκα 
Φαρνάκης τὸν Βόσπορον εἶχε, δύο μυριάδας ἱππέων ἔστελλε, Σπαδίνης 
δ᾽ ὁ τῶν ᾿Δόρσων καὶ εἴκοσιν, οἱ δὲ ἄνω Ἴορσοι καὶ πλείονας᾽ καὶ γὰρ 
ἐπεκράτουν πλείονος γῆς καὶ σχεδόν τι τῆς Κασπίων παραλίας rüs 
πλείστης ἤρχον, ὥστε καὶ ἐνεπορεύοντο καμήλοις τὸν ᾿Ινδικὸν φόρτον 
καὶ τὸν Βαβυλώνιον παρά TE Agueviov καὶ , Μήδων διαδεχόμενοι" 
ἐχρυσοφόρουν δὲ διὰ τὴν εὐπορίαν᾽ οἱ μὲν οὖν ἴδορσοι τὸν Τάναϊν 
παροικοῦσιν, οἱ Σίρακες δὲ τὸν ᾿ἀχαρδέον, ὃς ἐκ τοῦ Καυκάσου ῥέων 
ἐχδίδωσιν εἰς τὴν Μαιῶτιν. 


8) Ptol. 6, 14 p. 426, 22. 8, ὅ p. 201, 14. 
%) Vgl. Strab. τὰ 9,3 p.515. Curt. VI 2, 13—14. 


5) Lies Amaechium — aw. *ham-aecha, von aw. aecha, np. jach 
„Eis“. Vgl. Horn, Neupers. Etymologie S. 252 N. 3. 


6) 1. 1. p.139 n.1. Wolga-Hunnen und Hiung-nu 8. 251. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 85 


Wiedergabe eines fremden r zulassen will und die von Hirth 
zu gunsten seiner Theorie angeführten Beispiele An-s! — *Ar- 
sak, An-ku —='Ooyön, babyl. Arku, P'an-töu = mp. Παρϑαῦ, 
ap. Pardawa anders erklärt!). Was dagegen unsern Fall angeht, 
so ist, wie mir Schlegel erklärt, die alte Aussprache des 


Zeichens {3} vemv oder αν, cantones. im, was mie αὖ -ε: α7' 
a. u 
gesprochen werden konnte. &% gibt skt. c@ wieder, so dass die 


alte Aussprache * Am-ca oder *Jem-ca wäre. An der sachlichen 
Identität dieses Namens mit den "40000: der Griechen kann 
trotzdem kein Zweifel bestehen, und ich muss daher die Lösung 
dieser Schwierigkeit, welche der lautlichen Gleichsetzung beider 
Namen entgegensteht, den Sinologen überlassen. 

Um die einheimische Form des Namens” 40000: zu finden, müssen 
wir ausgehen von einer andern, uns bei den römischen Geographen 
überlieferten Form jenes Völkernamens. Plinius sagt nämlich 
6,38 bei der Beschreibung des sinus Scythicus des kaspischen 
Meeres: utrimque enim accolunt Scythae et per angustias inter 
se commeant hince Nomades et Sauromatae multis nominibus, 
illine Adzoge non paucioribus. Dieses unverständliche ABZOAE 
hat bereits Tomaschek?) stillschweigend in ARZOAE verbessert. 
Zum sachlichen Verständnis der Stelle ist es zu empfehlen, 
sich die Karte Orbis habitabilis ad mentem Pomponii Melae in 
Konrad Miller’s Mappae Mundi Heft VI Taf. 7 anzusehen. 
Gleich darauf heisst es bei Plinius 6, 39: Supra maritima eius 
(Albanorum) Udinorumque gentem Sarmatae, Utidorst, Aroteres 
praetenduntur, quorum ἃ tergo indicatae iam Amazones et 
Sauromatides. Hier ist Utidorsi verlesen aus Οὗτοι (— Οὖδαι 
bei Ptol.), "40000: ’Aoorrjoes. Unter dem Namen Aorsi erwähnt 
er sie auch 4, 80, eine weitere Form haben wir 6, 48: Gandari 
Pari<c>ani Zarangae Arasmi Marotiani Arsi Gaeli quos Graeci 
Cadusios appellavere, Matiani, wenn Reinach’s Vermutung 
zutrifft, dass Marotian! in Maeotiant zu verbessern sei?). In 
diesem Fall wären die Arse natürlich die Aorsen. Doch bleibt 
die Möglichkeit, dass Arsi aus <P>arsi — Πάρσιοι Strab. ı@ 7, 1 
p. 508 verdorben ist. Aber die ungewöhnliche Form Arzoae 
wird bestätigt durch die Karte des Castorius, welche an zwei 
Stellen (Segm. IX 5 und X 1) ARSOAE verzeichnet. Arzoae oder 
Arsoae setzt ein iranisches *arz-awa voraus, das zu np. 


IE oE 


τ δ» ἐδ „Wert“, aw. arogah-, phl. arz, arzan (Horn, Nr. 67 


1. @. Schlegel, The secret of the Chinese method of transeribing 
foreign sounds p. 17.21. Reprinted from the T’oung-Pao, Series II Vol. 1. 

2) Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen Norden 
II 37. SBWA. Bd. 117, 1888, Nr. 1. 

3) Th. Reinach, Un peuple oublie, les Matienes. Revue des 
etudes greeques 1894 p. 313 n.1. 


86 J. Marquart, 


bis) gehört!), gebildet mit einem Suffix awa-, au- (vgl. skyth.. 
Μάρδανος Latyscheff II 275 no. 451,15 aus Tanais a. 228. 
n. Chr.), das wohl mit dem hypokoristischen Affıx -ὥας, -0%, 
skythisch -oög identisch ist. Vgl. Justi, Iran. Namenbuch 525. 
Als einheimische Form von "40900: erhalten wir nun ohne Mühe 
ein Compositum *Au-arz, das sich zu Arzoae verhält wie z. B. 
Su-gambrı zu Gambdriwü, Wesi-gothae zu Gutones?). Die Trans- 
skription ist ähnlich wie in’”4oovog, das auf iranisches *hu-warna 
„wohlbewehrt* (W. war „wehren‘) zurückgehen muss, und 
zunächst durch das Streben nach Dissimilation zu erklären. 
Ähnlich haben wir ”Arooo« — aw. Hutaosa; ᾿Δμύργιοι Her. 7, 64, 
᾿Δμόργης 1) König der Saken Ktes. ecl. 3, 2) Enkel des Hystaspes, 
Satrapen der Baktrier und Saken Thuk. 8, 28, 1yk. Humrkkä 
Stele von Xanthos Süds. 50, umrggazn Nords. 50, neben Ὀμάργης 
1) König der Saken Polyain. 7,12, 2) König der 'αραϑοί jenseits 
des Tanais (Iaxartes) Chares von Mitylene bei Athen. 13, 35 
p. 575, sämtlich — ap. (Sakä) Haumawarga. Nicht ganz gleichartig, 
aber ebenfalls beizuziehen ist die Wiedergabe von anlautendem 
wa durch αὖ in “Αὐτοφραδάτης, Iyk. Wataprddata, auf stachrischen 
Münzen nen —= ap. Wätafradäta; Αὐτο- βοισάκης —= ap. *Wäta- 
baugaka Xen. Hell. 2, 1, 8; 4ὐτο-βάρης Arr. 7,6,5 — ap. * Wäta- 
pa-ra (Hypokoristikon mit Sufl. -ra zu * Wäta-pata). Daneben hat 
aber wie in”Aogvog so auch in’”400001 griechische Volksetymologie 
die Transskription beeinflusst, indem man den Namen an 0000g Angriff 
(in ὀρσό-λοπος) anschloss. Vgl. die zahlreichen etymologischen 
Spielereien, welche die hellenischen Geographen gerade in den 
Kaukasusgebieten und Iran verbrochen haben, z. B. ᾽4χαιοί, “"Hvioyoı, 
Αἰνιᾶνες, Παρράσιοι (Strab. τα 2, 12 p. 495/96. 7, 1 p. 508), 
’Agu£vıoı (Strab. τα 14, 12 p. 530), Ἴβηρες. 

Es ergibt sich somit, dass auch der Name Aorser, ebenso 
wie Alanen, eine ehrenvolle Selbstbezeichnung ist, welche sich 
das Volk bezw. der führende Stamm wahrscheinlich bei der 
Begründung einer grössern politischen Einheit beileste. Für die 
Datierung dieses Ereignisses besitzen wir bis jetzt nur einen terminus 
ante quem in dem Reisebericht des Cang-k’ien (ca. 126 v. Chr.), 
da sämtliche griechische Berichte über das Ende der hellenischen 
Herrschaft in Sogdiana und Baktrien für uns verloren sind. Da 
die obern Aorsen sich, wie wir gesehen haben, östlich bis zum 
Aralsee “ erstreckten , wo die Alexanderhistoriker und selbst 
Eratosthenes noch Massageten und Daher kennen, so ist Ammians 
Angabe, dass die Alanen — d. h. die Aorsen unter ihrem neuen 
Namen — Nachkommen der alten Massageten seien®?), gar nicht 


1) Es darf indessen nicht verschwiegen werden, dass das ent- 
sprechende ossetische Wort ary—=skt. argha (Hübschmann, Ety- 
mologie und Lautlehre des Ossetischen ὃ. 23 Nr. 31) lautet. 

2) Vgl. Streitberg, Indogerm. Forsch. IV 300—309. 

8) Ammian. Marcell. 23, 5, 16. 31, 2,12. Vgl. Kassios Dion 69, 15. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 87 


so unwahrscheinlich, wenn man sie auf die führende Horde dieses 
Volkes beschränkt, welches infolge seiner politischen Expansion 
die älteren iranischen Nomadenstämme der aralo-pontischen Steppen 
aufgesogen hatte. Der Name „Fischesser“ passte nur auf einen 
Teil der alten Massageten, wie ein Blick auf ihre Wohnsitze und 
Lebensweise zeigt, und wir wissen auch nicht, ob das Volk jenen 
ihm von seinen Nachbarn beigelegten Namen selbst angenommen 


hatte. Über die Wwy.pm[d.p Mazk‘utk‘, die wir im 4. Jahrh. 


im östlichen Kaukasus, am Westufer des Kaspischen Meeres 
finden, wird anderswo ausführlich gehandelt werden. 


Neben der Pluralendung -raı finden wir im Skythischen 
auch noch Spuren einer älteren Pluralbildung. Herodot 4, 52 
spricht von einer überaus bitteren Quelle, welche vier Tagfahrten 
vom Meere in den Upanis münde, und obwohl unbedeutend , das 
Wasser des mächtigen Upanis untrinkbar mache. ἔστε δὲ ἦ κρήνη 
αὔτη ἐν οὔροισι "χώρης τῆς TE ἀροτήρων Σκυϑέων καὶ ᾿4λαζόνων᾽ 
οὔνομα δὲ τῇ κρήνῃ καὶ ὅϑεν ρέει τῷ χώρῳ σκυϑιστὶ μὲν ᾿Εξαμπαῖος, 
κατὰ δὲ τὴν ᾿Ελλήνων γλῶσσαν ᾿Ιραὶ ödol. Dieser Ort lag 
zwischen Borysthenes und Upanis. Der Skythenkönig Ariantas 
hatte daselbst einen kolossalen ehernen Mischkessel aufstellen 
lassen (Her. 4, 81). Stein erklärt den Namen des Ortes daraus, 
„dass er ein Knotenpunkt aller Verkehrsstrassen war, deren 
Sicherheit, nach antiker Sitte, unter den Schutz der Götter 
gestellt war“. Eine Etymologie des Namens versuchte Müllen- 
hoff, DA. III 104f. „Das ’E, schreibt er, wird auch hier ein 
privatives a sein und in dem wort der begriff ‚unverletzt, 
unverletzlich‘ liegen, wie in unserm ‚heilig‘ (vgl. altpers. akhsatä 
von khshan verwunden). ... wie im pehlevi und im neupers. 
päi aus pädha fuss entstand, so kann auch im scythischen 
pai aus path altpers. pathi pfad geworden sein, nahe liest sonst 
auch zd. paya‘ weide, trift, wonach die paradiese Ctarpäya, 
Mähpäya (Spiegel parsigramm. s. 180) benannt sind“. Toma- 
schek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen 
Norden II 62 (SBWA. Bd. 117, 1888, N. D spricht das 
unbedenklich nach und erklärt ἐξαμπαῖος — e-ksan-pay [so!] 
„unverletzliche Weide“. In der Inschrift Dar. Pers. I 23 findet 
sich allerdings der Ausdruck Aja duwazstam sijatis achsata, der 
aber noch nicht sicher erklärt ist. 


Allein wenn hier achsatz in der That das Fem. eines Part. 
Pass. der Wurzel skt. ksan, aw. οἶδα, „verletzen + a priv. 
ist, so beweist dies gerade die Unmöglichkeit von Müllenhoff’s 
Erklärung des skythischen ἐξαμ-: es müsste mindestens *e&as- 
(durch Assimilation aus *e&ar-) lauten. 


Zonaras 11, 24 (vol. III 75 ed. Dindorf). S. darüber vorläufig diese 
Unters. I 48 Anm. 16. 


88 J. Marguart, 


Müllenhoff hat ganz richtig gesehen, dass der Begriff 
ὁδοί in -παῖος stecken müsse, woraus sich ergibt, dass wir den 
Begriff „heilig* in ἐξαμ- zu suchen haben. Es ist nun schon 
mehrfach darauf hingewiesen worden, dass die skythischen Namen 
vielfach die dem Ossetischen, dem heutigen Nachkommen des 
Alanischen eigene Konsonantenumstellung zeigen. Bereits Müllen- 
hoff (DA. 11T 121) fiel diese Metathesis in den tanaitischen 
Namen auf -ξαρϑὸς auf, worin er aw. ap. chsadra „Herschaft“ 
erkannte, und er verglich dieselbe mit ähnlichen Erscheinungen 
im Neupersischn. Wsewolod Miller hat dann die sprach- 
wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen gegeben, indem 
er zeigte, dass die altiranischen Lautgruppen ®r und chr im 
Skythischen zu γέ, rch werden, wie im Össetischen?). 


In gleicher Weise wird im Össetischen nun auch altiranisches 
sp in fs verwandelt, z. B. Jäfs Stute, aw. aspa; äfsad Heer, 
aw. späda?). Nach dieser Regel müsste das altiranische Wort 
für „heilig, aw. sponta, medisch σφενδα- (in «Σ:φενδα-δάτης, 
lyk. Sppnta-za), altpers. *sanda- in Σανδ- ώκης, San-tak-Sat-ru 
(unten S. 105 Anm. 5) im Ossetischen *äfsand lauten. Ein solches 
Wort findet sich nun freilich meines Wissens im Össetischen nicht 
mehr, wird aber für das Skythische sehr wahrscheinlich gemacht 
durch die Notiz bei Steph. Byz.: Pevdagrdan‘ λόφος ἐν Σκυϑίαᾳ, 
μετὰ τὸ λεγόμενον ὄρος ἅγιον, wo Φευδαρτάκη in Perdagrdan zu 
verbessern ist. Der zweite Teil gehört wohl zu osset. art‘ 
„brennendes Feuer, Flamme“, aw. ätaro (gen. a9rö) „Feuer“ 
Hübschmann ἃ. ἃ. Ὁ. S. 24 Nr. 36, im ersten Teil ist *fsänd 
„heilig“ nicht zu verkennen. Der ganze Name ist also *fsänd- 
art-ak Ort des heiligen Feuers. In ähnlicher Weise werden wir 
auch den Stammnamen Psacae Plin. ἢ. n. 6, 50, Psaccane der 
Karte des Castorius Segm. IX 3.4 auf ein skythisches *äfsak 
— medisch σπάκα, np. sag „Hund“ zurückführen dürfen. 


Wenden wir uns nun wieder zu &&au-, so fällt es uns wie 
Schuppen von den Augen, dass hier dasselbe Wort *äfsänd-, 
*äfsand- vorliegt. Wir machen aber zugleich mehrere wichtige 
lautgeschichtliche Beobachtungen. 


1) Das erste Kompositionsglied hatte bereits den auslautenden 
Stammvokal a verloren, der auslautende Doppelkonsonant nd 
bezw. nt musste sich deshalb dem anlautenden » der folgenden 
Silbe assimilieren und in den Labial m übergehen. 

2) Die genaue Transskription wäre also *eyau-melog ἃ. i., 
wie die älteste Orthographie der Inschriften zeigt, *Epoau-meiog. 


1) In der 5. 79 Anm. 2 zitierten Schrift, die ich leider nur aus 
der Anzeige J. Hanusz’s kenne. 


®) Hübschmann, Etymologie und Lautlehre des Össetischen 
S. 108 8. 859. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 89 


Allein ein solches Wort wäre gegen den griechischen Sprachgeist, 
welcher zwei derartige unmittelbar aufeinanderfolgende labiale 
Lautgruppen nicht duldet. Es findet deshalb eine Dissimilation 
statt, und an Stelle der labialen Gruppe Pd. 1. ®2 tritt die 
gutturale αἰ ἃ. 1. X2. 


Da der Name ἐξαμ-παῖος durch einen Plural glossiert wird, so 
muss auch in -παῖος eine skythische Pluralform stecken. Wir werden 
eine Form *pahaja —= ap. *"padajah (zu ap. ραϑὲ „Pfad“), 
aw. "padajo ansetzen dürfen. Dasselbe skythische Wort fir „Weg“ 
erkenne ich auch im. Stammnamen Agyıraeioı (Her. 4, 23), 
wofür einige Handschriften sowie Zenob. 5, 25 Ὀργεμπαῖοι lesen, Plin. 
6, 19. 35 und Mela1, 116 Arimphaei (einer „etymologischen Spielerei 
zuliebe, die den Namen mit den ἱῬίπαια on zusammenbrachte) !). 
Die ursprüngliche Form wird also ’Aoyıursceioı lauten. Herodot 
berichtet über dieses Volk: τούτους οὐδεὶς ἀδικέει ἀνθρώπων᾽ 
ἰροὶ γὰρ λέγονται εἶναι" οὐδέ τι ἀρήιον. ὄπλον ἐκτέαται. καὶ 
τοῦτο μὲν τοῖσι περιοικέουσι οὗτοι εἰσὶ οἱ τὰς διαφορὰς διαιρέοντες, 
τοῦτο δὲ ὃς ἂν φεύγων καταφύγῃ ἐς τούτους, ὑπὶ οὐδενὸς 
ἀδικέεται. οὔνομα δὲ σφι ἐστὶ ᾿4ργιππαῖοι. μέχρι μέν νυν τῶν 
φαλακρῶν τούτων πολλὴ περιφανείη τῆς χώρης ἐστὶ καὶ τῶν 
ἔμπροσϑε ἐθνέων καὶ γὰρ Σκκυϑέων͵ τινὲς ἀπικνέονται ἐς αὐτούς, 
τῶν οὐ χαλεπόν ἐστι πυϑέσϑαι καὶ Ἑλλήνων τῶν ἐκ Βορυσϑένεός 
τὲ ἐμπορίου καὶ τῶν ἄλλων Ποντικῶν ἐμπορίων. Σκυϑέων δὲ οἱ 
ἂν ἔλθωσι ἐς αὐτούς, di ἐπτὰ ἑρμηνέων καὶ dl ἐπτὰ γλωσσέων 
διαπρήσσονται. μέχρι μὲν δὴ τούτων γινώσκεται, τὸ δὲ τῶν 
φαλακρῶν “κατύπερϑε οὐδεὶς ἀτρεκέως οἶδε φράσαι. Das Merk- 
würdigste in dieser Schilderung ist ohne Frage die Bezeugung eines 
Asylrechts und einer Art Gottesfriedens zum Schutze des 
Handelsverkehrs, der unter der Garantie des Völkerrechts stand, 
wie bei den hellenischen Festspielen oder auf dem Markte von 
Ukac.. Tomaschek geht noch weiter und sagt: „Wir sehen 
eine feste Regierung, welche den Handel schützt und den 
Verkehr überwacht“. Er sieht in den ’Aoyıureioı „Inhaber des 
tamgha, mit Vollmacht versehene Beamte des fern in der Gobi 
oder an der Selengga sitzenden Türken- [d. h. Hiung-nu] herrschers, 
Rechtsprecher und Entscheider (jarghuti), Ordner des Karawanen- 
verkehrs, welche die fremden Gäste in Grenzposten empfingen“ 3). 
Ob er freilich Recht hat mit seiner Behauptung, dass die 
᾿Δργιμπαῖοι im Altai zu suchende Vorposten der Hiung-nu gewesen 
seien, ist eine offene Frage, aber seine Charakteristik derselben 
als Ordner des Karawanenverkehrs ist völlig zutreffend: sie sind 
die Wächter und Schützer der Strassen, und dieser Begriff ist, 
wie ich glaube, in ihrem Namen ausgedrückt, der ohne Zweifel 


1 Vgl. über dieses Volk Müllenhoff, DA. III 94 47f. 
Tomaschek, Die ältesten Nachrichten über den skyth. Norden Il 54—65. 


> A.a.0. 8. 62. 


90 J. Marquart, 


skythisch-iranischen Ursprungs ist. Das erste Element desselben 
ἀργιμ- ist also wohl ein Participium Praes. auf -ni, -nd, das sich 
vor dem folgenden Labial in m verwandeln musste, wie in &&au- 
für *äfsand, und wir haben es mit einem partizipialen Compositum 
zu thun nach dem Typus aw. swindat - posana Schlachten 
gewinnend 1), ap. Winda(h)-farna, Daraja(h)-wahus. Das Wort 
ἀργιμ- finden wir auch in ’Aoyiu-nece, dem skythischen Namen 
der himmlischen Aphrodite (Her. 4, 59), die wir als Göttin der 
Fruchtbarkeit aufzufassen haben (vgl. Her. 1, 105). Im zweiten 
Teil dieses Namens erkennt man unschwer osset. fuss D {155 T 
Schaf (Hübschmann a.a. Ὁ. S.68 Nr. 295), aw. pasu Vieh, 
so dass Aoyiu-nao« — skyth. *argind-pas etwa „das Vieh schützend‘*“ 
bedeutet haben muss. Auch hier beobachten wir wiederum, dass 
das altiranische Wort pasu- im Skythischen bereits den auslautenden 
(unbetonten) Stammvokal verloren hatte, da ἃ offenbar bloss 
griechische Femininendung ist. Das skythische ἄργιμ- — *argind 
stelle ich zu gr. ἀρχέω „abwehren, schützen“, lat. arceo, arm. argel 
„Hindernis“, np. arg „Zitadelle (Hübschmann, Arm. Gr. I 423. 
Horn, Neupers. Etymologie 18 Nr. 73). In dem Vokal © der 
Endung darf man wohl den Charakter des Causativums sehen. Da 
die Skythen ein Nomadenvolk waren, dessen hauptsächlichster 
Besitz in seinen Herden bestand, so werden wir uns nicht 
wundern, dass der Name ihrer Göttin der Fruchtbarkeit eine 
Beziehung auf jene aufweist. Wenn ich mich nicht täusche, 
entstammt auch Γοιτόσυρος, der Name des skythischen Apollon, 
derselben Begriffssphäre: in -ovoog hat man längst aw. sära 
stark gesehen, yoıro- nehme ich, wenn auch nicht ohne Bedenken, 
Ξε aw. gaeda, ap. φαῦῖϑα (Beh. I 65) Herde. Freilich weiss ich 
für die Transskription von skyth. αὖ durch gr. οὐ kein anderes 
Beispiel, da οἷορ — *wair- nicht ganz sicher ist. 

Die Richtigkeit der obigen Deutung des skythischen -παῖος 
wird bewiesen durch eine andere, bisher arg misshandelte Glosse. 
Nach Angabe der Issedonen wohnten über diesen die einäugigen 
(μουνόφϑαλμοι) Menschen, wie die Hellenen durch Vermittlung 
der Skythen gehört hatten, καὶ οὐνομάξομεν αὐτοὺς σκυϑιστὶ 
᾿Αριμασπούς" ἄριμα γὰρ tv καλέουσι Σαύϑαι, σποῦ δὲ ὀφϑαλμόν 
(Her. 4, 27). Neumann, Die Hellenen im Skythenlande I 195 
hat den skythischen Ursprung der Etymologie bezweifelt, Zeuss 
dagegen?) hält sie für eine „philologische Fabelei* und lässt die 
Wahl zwischen zwei Erklärungen: entweder ’Agı-uaoroi, „zum 
häufigen ar? und dem persischen Volksnamen Meozuo: (Her. 1, 125), 
oder ‘Agın-aornoi, mit dem häufigen asp“. Sein gegen Herodots 
Deutung angeführter Grund, dass der Name, wenn er eine Wurzel 
σποῦ enthalten hätte, mindestens ριμασπουοί oder ᾿᾽Δριμασπυοί 


ἢ Jackson, Avesta grammar p. 243/44 8 888. 
2) Zeuss, Die Deutschen und ihre Nachbarstämme 299 Anm. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 9] 


wiedergegeben sein müsste, ist indessen ganz hinfällig, und die 
zur Stütze dieser Behauptung angeführten Beispiele sind gänzlich 
unbeweisend. Enthielt der Name als zweiten Bestandteil ein Wort, 
das die Ionier durch σποῦ wiedergaben, so bildeten sie naturgemäss 
vom Nominativ ᾿ἀριμασποῦς einen Plural ’Agıuaonoi. Die "Frage 
kann also nur sein, ob die überlieferte Accentuirung richtig und 
der Name statt als ὀξύτονον nicht vielmehr als περισιοώμενον zu 
sprechen ist. Aber die Endbetonung beweist auf alle Fälle, dass 
die Griechen in dem Namen nicht das ihnen aus einer grossen 
Anzahl von Personen- und Stammnamen geläufige iranische aspa 
„Ross* gesehen haben. Dies lässt sich übrigens schon daraus 
schliessen, dass der Name im Griechischen kein a-Stamm ist, wie 
die Namen auf -aspa (-ἄσπης, -ἀσπαι) fast durchweg, sondern 
ein 0-Stamm. 

Ganz in Zeuss’ Fusstapfen wandelt Müllenhoff. Bei Herodot, 
„der in geographischen und geschichtlichen dingen sich arge 
nachlässigkeiten zu schulden kommen liess, darf“, wie der Ver- 
fasser meint, „ungenauigkeit in sprachlichen noch weniger befremden, 
da er selbst, der scythischen sprache unkundig, von der aussage 
der Olbiopoliten abhängig war, die volkssage aber allenthalben 
‚gesuchter und verkehrter deutungen‘ voll ist (J. Grimm Hl. 
schriften I 304).*“ Als ein bezeichnendes Beispiel einer solchen 
gesuchten Deutung gilt ihm Agıuaonol. Zwar erkennt er selbst 
an, dass aw. a'rima „Einsamkeit“, wozu er aus Justi’s Handbuch 
der Zendsprache ὃ. 31 „zd. armöshad ‚einsam sitzend‘, osset. 
tagaur. ärmäct adv. ‚bloss, allein‘* vergleicht, auf ein adj. *arıma 
Ξε μόνος schliessen lasse, und für σποῦ „Auge“ hatte schon 
Jakob Grimm, Gesch. der deutschen Sprache 233 an unser 
„spähen“ erinnert, was Müllenhoff näher ausführt: „Wurzel cpac 
— spak, lat. specio, ahd. spehön: man vergleiche σπέος specus, 
pehl. pät, πα. pacu (statt paku)*. Trotzdem verwirft er Herodots 
Deutung und behauptet, "Agıuconoi sei „ohne zweifel nichts 
anderes als ein compositum von zd. aziryama folgsam und 
acpa, ας ross, und der name bedeute ‚folgsame pferde habend‘“ !). 

Noch willkürlicher geht Tomaschek zu Werke. Er fälscht 
die Glosse σποῦ „Auge“ geradezu in omog, das er für aw. spas 
m. „Späher“ (nom. spas) nimmt, und modifiziert Müllenhoffs 
Deutung dahin, dass Agıuconoi „Besitzer von wilden, von Steppen- 
rossen* (von aw. azrıma „Einsamkeit, Einöde“): bedeute ?). 

Allein an Herodots Erklärung ist nicht zu rütteln. Schon der 
Umstand hätte die Kritiker vorsichtig machen müssen, dass auch 
das indische Epos und schon Skylax und Megasthenes ein fabel- 
haftes Volk von Einäugigen (Ekalöcana) sowie zahlreiche Barbaren- 


2) DA. ΠῚ 105 £. 


®) Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen Norden 
147 —=SBWA. Bd. 116, 1888, S. 761. 


92 J. Marquart, 


völker mit ähnlichen Spottnamen kennen!). Herodots σποῦ ἃ. 1. 
spou (mit dem im Ionischen und auch noch lange im Attischen 
erhalten gebliebenen Diphthong ou, der sich auch im Alt- 
lateinischen und Gallischen vorfand und wohl denselben Laut 
hatte wie das heutige schwäbisch ou aus ahd. @, nicht 
wie das alamannische und mittelfränkische (ribuarische) au —= 
ahd. ou, got. au) gibt zunächst skythisches spohd, *spahü 
wieder, das älteres *spa®ı& — ap. *spadd, aw. *spasüi voraussetzt, 
offenbar ein Neutrum auf -& von der W. spas „schauen, bewachen*, 
wie aw. Znd- „Knie“, skt. Jänu-; vgl. auch die Feminina aw. 
bazu-, skt. bahd- „Arm“, nasu- „Leichnam“, Zanu-, skt. tanü- 
„Körper“. Wir haben hier somit ein Beispiel, in welchem skyth. 
h aus $# zwischen Vokalen iranischem s —=idg. k! entspricht — 
also eine sehr bemerkenswerte Übereinstimmung mit dem Alt- 
persischen?). Skyth. arima- ist jedenfalls zu aw. alrima- zu 
stellen, dass mit gr. ἔρημος, skt. irma zusammenhängt°). Darme- 
steter übersetzt asrem2-gatum Wend. 9, 133. 137. 141. 14, 21 
durch „lieu de r&clusion, d’isolement“, dagegen das damit zusammen- 
gehörige airime-anhadö Jt. 13, 73, armae-Sawde Js. 62,8 soll 
ebenso wie armaesta Wend. 6, 30. Jt. 5, 78. 6,2. 8,41, phl. 
armest bedeuten „qui ne bouge pas“). Allein das ist jedenfalls 
nicht der Wortsinn dieser Adjectiva, die nur bedeuten können 
„in der Einsamkeit sitzend bezw. stehend“. Wenn diese Ausdrücke 
nicht bloss von den während des Zustandes der Unreinigkeit von 
der Berührung mit andern abgesperrten Personen, sondern auch 
von stehenden Gewässern gebraucht werden, so ist ja bekannt 
genug, dass alle abflusslosen Gewässer in Iran in Sümpfen in 
der Wüste enden. Man wird also aus dem aw. Neutrum 
airima ein Adj. *arima „einsam“ ableiten können, von wo aus 
der Bedeutungsübergang zu „vereinzelt, einzig“ nicht mehr sehr 
weit ist. Im Ossetischen bleibt allerdings aw. ı#, im Unterschied 
vom Skythischen und Neupersischen, auch zwischen Vokalen als 
i{‘ erhalten, z. B. fät‘än „Breite“, aw. ραϑαπα; dig. at'ä „so“, 
aw. adtad). Für „Weg, Strasse“ gebraucht das Ossetische das 


1). M. Bh. IH 297 v. 16137. I p. 748. Skyl. von Karyanda bei 
Tzetzes, Hist. VII v. 638. Vgl. Reinhold Issberner, Inter Scylacem 
Caryandensem et Herodotum quae sit ratio. Diss. Berlin 1883 p. 5. 
Megasthenes bei Strab. ß 1, 9 p. 70. ıs 1, 57 p. 711. Gellius IX 4. 
Vgl. Lassen, Ind. Altertumskunde 113 656 Anm. 1. — Dagegen darf 
man sich nicht auf die &kawelötana des Warähamihira, Brhat-Samhita 
XIV 23 transl. by H. Kern (JRAS. V, 1870, p. 85) berufen, die in 
den Nordwesten (neben die Sülika (Sogdianer), Langhälse, Langgesichter 
und Langhaarigen) verlegt werden, da dieselben wahrscheinlich aus 
griechischer Quelle stammen. 

2, Vgl. Hübschmann, Pers. Stud. 2101 

3) Den Hinweis auf das indische Wort verdanke ich Prof. Kern. 

41 Le Zendavesta II 83 n. 97. 524 n. 125. 

5) Hübschmann, Etymologie und Lautlehre des Ossetischen 
5. 96 8 20, b. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 093 


Wort digor. fandag, tagaur. fündäg —= aw. pahtan, skt. pant‘an?). 
Allein wir dürfen nicht vergessen, dass das Ossetische ja nicht die 
Tochter des Skythischen, sondern einer Schwester desselben, des Ala- 
nischen ist, das nicht einfach mit jenem identisch gewesen sein wird. 

Obige Beispiele liefern uns auch den Schlüssel zum Ver- 
ständnis anderer skythischer Namen, wie Ἰραμ-βοῦστος Latyscheff 
II 427 bis und ἐιαμ-φώκανος ib. II 447. Letzterer Name ist von 
besonderer Wichtigkeit, da sein erstes Element ξιαμ- — *chsijant- 
unzweideutig ein Part. Praes. der W. οὐδὲ „herrschen“ ist und so 
meine Auffassung des Namens ᾿ἄρτα-ξίας (auch in ’Agrafıdoare 


‚Strab. ἑὰ 14, 6 p. 529 ἃ. i. * Artachsijas-sät „Freude des Artaxias*, 


der ältern Form des Stadtnamens ᾿ἀρτάξατα, ArtaSat), später "Aord- 
Eng, arm. 1}, σγεπεμοῖξιν Artases stützt. Da Artaxias sich um 
189 v. Chr. gegen die Seleukiden empörte, so ist es sehr wohl 
möglich, dass man damals im mazdajasnischen Kleinasien noch den 
richtigen Nominativ eines Part. Praes. bilden konnte und bildete. 
Haben sich doch altpersische Namen in Kappadokien und besonders 
im pontischen Königshaus bis in die römische Zeit herein erhalten, 
nachdem sie in Pärs selbst längst ausgestorben waren. Einmal 
geprägt, wurde der Name Arta-chsajas ’Aora&iag aber in dieser 
Form weiter vererbt, geradeso wie die kappadokisch -iranischen 
Monatsnamen, und hat dieselbe auch als Lehnwort im Armenischen 
behalten?). Eine Form der Wurzel οὐδὲ liegt auch im Namen 
Em-yödıs ((4χαιμένου) Latyscheff II 446. 455 vor, dessen zweiter 
Teil als erstes Element in Γοδο-σαυος und I'wdi-yaoog vorkommt und 
von Justi, Namenbuch 495 durch osset. gäwd Ochse erklärt wird. 
Wir werden von vorne herein erwarten dürfen, das auslautende 
nt bezw. nd des ersten Gliedes in derartigen partizipialen Composita 
vor dentalem Anlaut des zweiten Gliedes in der Form n, vor voka- 
lischem Anlaut in der vollen Form nd bezw. nt auftreten zu sehen. 
Ersteres ist in der That der Fall, 2. B. in ᾿Ιδάνϑυρσος Her. 4, 76. 
120. 126 ἢ, Megasthenes bei Strabon ıs 1, 6 p. 687 — *zdant- aus 
*wedant- mit Schwund des ‚anlautenden w, wie im Össetischen ὃ); 
vgl. aw. widat- in Widat-ga Fraward. 70. 127, Widat-hwarenö ib., 
pers. Ὑδάσπης Ktes. bei Diod. 2, ὅ, 1 = ap. *Widalh)- -Aspa. Arrian 
Ind. 5, 5 schreibt jenen Namen in seinem Citat aus Megasthenes 
Ἰνδάϑυρσις, das mehr zu ap. medisch Windath)- farna, parthisch 
ὝὙνδο- -φέρρης (oben S. 4 und Anm. 5) stimmt, in seinen Parthika 
dagegen ᾿Ιάνδυσος ). Vor vokalischem Anlaut finden wir, ganz 
der awestischen Bildung entsprechend, Βανάδ-ασπος (ein Jazyge) 
Kass. Dion. 71,16, 1 = ἃν. *wanat-aspa „siegreiche Rosse be- 
sitzend“ Müllenhoff, DA. III 119. Justi, Namenbuch 347. 


1. Hübschmann 8. ἃ. O. S. 64 Nr. 272. 

2) Siehe diese Unters. I 71. 

3) Ws. Miller nach Hanusz, WZKM. I 155. 
#) Siehe diese Unters. I 32. 


94 J. Margquart, 


Von hier aus wird vielleicht mit der Zeit auch einiges Licht 
auf die rätselhafte Geographie der hyperboreischen Geschichten des 
Hekataios von Abdera fallen. Nach diesem führte der nördliche 
Ozean vom Flusse Parapanisos an, da wo dieser Skythien bespült, 
den skythischen Namen Amalchios (richtig AMAIXIOC) d.i. ge- 
froren (*ham-aichija, oben S. 84). Einen Fluss jenes Namens 
suchen wir bei den griechischen Geographen freilich vergebens, 
und das Nächstliegende wäre daher die Annahme, dass der Fluss- 
name dem des Paropanisosgebirges entlehnt sei, wie Müllenhoff 
meintt). Ich halte es in der That sehr wohl für möglich, dass 
Hekataios, ein Zeitgenosse Ptolemaios’ I., in erster Linie einen vom 
Paropanisos kommenden Fluss, nämlich den durch den Alexander- 
zug bekannt gewordenen Χοάσπης d.i. den Swät-Pangkora im Auge 
hatte, indem er das an diesem zu suchende sagenhafte Nysa mit 
den Hyperboreern der hellenischen Sage verknüpfte, die man bis 
zum Nordmeer reichen liess, und jenen Fluss, gewisse Andeutungen 
des alten Hekataios umdeutend, in die Nähe von Skythien ver- 
setzte?). Damit ist jedoch noch keineswegs erklärt, wie der nörd- 
liche Ozean einen skythischen Namen führen konnte. Vielmehr 
werden wir, da der Name des gefrorenen Meeres unzweifelhaft eine 
skythisch-iranische Glosse ist, auch dieses Meer selbst, welches den 
realen Hintergrund der phantastischen Schilderungen des Hekataios 
gebildet haben muss, samt jenem Flusse im Bereiche der pontischen 
Skythen suchen müssen. Sollte der Name Parapanisos etwa mit 
einem ähnlich klingenden eines ganz anderswo gelegenen Flusses 
vermengt worden sein? Er erinnert in seinem zweiten Teile an 
den mehrfach vorkommenden Flussnamen Upanis, attisiert Ὕπανις. 
Freilich der aus Herodot bekannte Fluss dieses Namens, der heutige 
Bug, kann hier nicht in Betracht kommen, allein denselben Namen 
führte auch der heutige Kuban?), und hier lassen uns die physischen 
und klimatischen Verhältnisse begreifen, auf welche Weise sich 
Hekataios seine Vorstellungen gebildet hat. Schon Herodot 4, 28 
berichtet ‚über die ausserordentliche Kälte 1 in Skythien: δυσχείμερος 
δὲ αὔτη N καταλεχϑεῖσα πᾶσα χώρη οὔτω δή τι ἐστί, ἔνϑα τοὺς μὲν 
ὀκτὼ τῶν μηνῶν ἀφόρητος οἷος γίνεται κρυμός, ἐν τοῖσι ὕδωρ ἐκχέας 
πηλὸν οὐ ποιήσεις, πῦρ δὲ ἀνακαίων a [πηλόν]: ἡ δὲ ϑά- 
λασσα [d. 1. die Maiotis] πήγνυται καὶ ὁ Βόσπορος πᾶς ὁ 
Κιμμέριος, καὶ ἐπὶ τοῦ κρυστάλλου οἱ ἐντὸς (ng) τάφρου Σκύϑαι 
κατοικημένοι στρατεύονται καὶ τὰς ἁμάξας ἐπελαύνουσι πέρην ἐς 
τοὺς Σίνδους. οὔτω μὲν δὴ τοὺς ὀχτὼ μῆνας διατελέει χειμὼν ἐών, 
τοὺς δ᾽ ἐπιλοίπους τέσσερας ψύχεα αὐτόϑι ἐστί. So übertrieben 
und ungenau diese Schilderung auch ist, so erklärt sie uns doch, 
wie sich die Vorstellung bilden konnte, dass die Maiotis sich 
bis in die Polarregion erstrecke und mit dem nördlichen Ozean 


1) DA. I 424. 2) Siehe Nachtrag. 
8) Strab. ı@ 2, 9 p. 494. 10 p. 495. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 05 


zusammenhänget). Dass die Maiotis bis zum kimmerischen Bosporos 
zufriere, berichtet auch Strabon?).. Am deutlichsten war diese 
Naturerscheinung gerade beim Ausfluss der Maiotis in den Pontos 
zu beobachten, und es ist daher verständlich, warum Hekataios 
das gefrorne Meer der Skythen, das er mit dem nördlichen Ozean 
gleich oder in Verbindung setzte, beim Flusse Parapanisos d. 1. 
dem Kuban beginnen lies, der gegenüber Pantikapaion seine 
Arme in den Pontos und die Maiotis sendet. Parapanisos 
bedeutete vielleicht „der jenseitige (östliche) Upanis“ im Unter- 
schiede von dem gleichnamigen westlichen Flusse; vgl. skt. para 
entfernter, jenseitig, osset. fallag gegenüberliegend (Hübschmann, 
Etymologie und Lautlehre des Ossetischen S. 65 Nr. 274,3). Da 
der Kuban im nordwestlichen Kaukasus entspringt und am 
Nordfusse desselben dahinfliesst, so ist es wohl denkbar, dass die 
Begleiter bezw. Geschichtschreiber Alexanders, welche den Namen 
des Kaukasus auf den Hindukus übertrugen und im Jaxartes 
den Tanais wiederzufinden glaubten, auch durch den einheimischen 
Namen des indischen Kaukasos an den grossen nordkaukasischen 
Fluss erinnert wurden und so Hekataios’ Parapanisos dazu beitrug, 
dass der ältere Name Παρνησός für *II«oonvog durch die jüngeren 
Formen Παροπάνισος Παροπάμισος verdrängt wurde — also 
umgekehrt als Müllenhoff sich die Entwicklung vorstellte. 
Hekataios hatte ferner von einer von den Hyperboreern 
bewohnten Insel ᾿Ελίξοια gesprochen, die über dem Fluss 
Καραμβύκας im Norden liegen und nicht kleiner als Sizilien sein 
sollte. Nach diesem Flusse hiessen die Bewohner Καραμβύχκαι. 
Aus Plinius ersehen wir, dass Hekataios den Fluss Karambykas 
auf den Ausläufern der Ripäen?) entspringen liess, an welche er 
die mit den Hyperboreern in Verbindung gebrachten Arimphaeer 
(Herodots Aoyırmaioı) setzte. Auf Hekataios geht wohl auch in 
letzter Linie die Verlegung der Issedonen nach dem Westen, in 
die Nähe der Maiotis und des Kaukasus zurück®). Über den 
Καραμβύκας wage ich noch keine bestimmte Vermutung aus- 
zusprechen, so lange nicht klar ist, was der fabelhaften Insel 
Ἐλίξοια zu Grunde liest. Ich bin aber überzeugt, dass wir 


1) Siehe meine ÖOsteuropäischen und ostasiat. Streifzüge S. 162. 

?) Strab. τὰ 2,8 p. 494: μέχρι γὰρ δεῦρο (bis zum kimmerischen 
Bosporos) καὶ ὁ κρύσταλλος διατείνει, πηττομένης τῆς Μαιώτιδος κατὰ 
τοὺς κρυμοὺς ὥστε πεζεύεσθαι. ξ.8, 18 ἡ. 807: τῶν δὲ πάγων ἡ σφοδρότης 
μάλιστα ἔκ τῶν συμβαινόντων περὶ τὸ στόμα τῆς Μαιώτιδος δῆλός ἐστιν, 
ἁμαξεύεται γὰρ ὁ διάπλους ὁ εἰς Φαναγόρειαν ἐκ τοῦ Παντικαπαίου. 
ὥστε καὶ πλοῦν εἶναι καὶ ὁδόν. Plin. 4, 87: Ηδοο ibi latitudo Asiam 
ab Europa separat, eaque ipsa pedibus plerumque pervia glaciato freto. 
Uber das Zufrieren des kimmerischen Bosporos und des nördlichen 
Teiles des Azowschen Meeres vgl. die von Stein zu Her. 4, 28 
angeführten Worte Neumanns, Die Hellenen im Skythenlande I 65. 

ὃ Siehe die Stellen bei Müllenhoff, DA. I 424*. 

*) Plin. 6,21. Mela 2,2,13. Anders Müllenhoff, DA. III 53. 


06 J. Marquart, 


dieselbe nicht irgendwo hoch im Norden suchen dürfen. Auf 
alle Fälle dürfte die Übereinstimmung des zweiten Teils von 
Καραμβύκας mit dem Namen des Flusses Βύχης oder Buces 
westlich von der Maiotis, welcher in den lacus Buces d. i. das 
Faule Meer (Siwasch) mündet?), kein blosser Zufall sein. Freilich 
kann der unbedeutende Bykes, in dem man wahrscheinlich die 
heutige Nogaika, nach andern die Molo@naja woda zu erblicken 
hat 3), sachlich mit dem Karambykas des Hekataios nichts zu thun 
haben, zumal hier auch eine bedeutendere Insel völlig fehlt. 
Dagegen würde sich Hekataios’ Darstellung am einfachsten 
erklären, wenn wir unter dem Καραμβύχας einen der beiden 
Hauptarme des vielnamigen Kuban verstehen dürften. Vel. 
Mela 1, 112: obliqua tunc regio et in latum modice patens 
inter Pontum Paludemque ad Bosphorum excurrit; quam duobus 
alveis in lacum et in mare profluens Öoracanda paene insulam 
reddit. Nach dem südlichen, in eine Lagune und durch diese 
in den Pontos mündenden Arme des Coracanda war der Ort 
Kogoxovödum benannt?). Das Land am Kuban war nachmals 
von den Kasak (Cerkessen) bewohnt, deren ausserordentliche 
Körperschönheit und Anmut schon den Arabern Bewunderung 
abnötigte. Der ritterliche Sinn der Cerkessen wird noch heute 
von allen Reisenden gepriesen. Im 10. Jahrhundert waren sie 
berühmt wegen ihrer unübertrefflichen Leinenindustrie®), und 
noch bis in unsere Zeit galt die Obstzucht im ÜCerkessenland als 
musterhaft. Es bliebe daher vor allem aufzuhellen, wie sich 
Hekataios das Verhältnis zwischen seinen beiden Flüssen Parapanisos 
und Karambykas gedacht hat.] 


5. Über einige Inschriften aus Kappadokien:. 


In der Gegend westlich von Kaisärije hat Herr Anastasios 
M. Levidhis in Zindii-därä am Argaios mehrere merkwürdige 
Inschriften aufgefunden, von denen er Abschriften an Herrn 
Dr. Zimmerer geschickt hat. 

Levidhis gibt von dem Fundgebiet seiner Inschriften folgende 
Beschreibung, die ich möglichst mit seinen eigenen Worten 
wiedergebe: 

Der Flecken Arebsun — auf Kiepert’s Nouvelle carte 


1) Mela 2,2. Plin. 4, 84.88. Ptol. 3,5 p. 199, 6. 18. 

2) Siehe Tomaschek, Pauly-Wissowa’s RE. III 15 5. v. Bykes. 
8) Strab. τα, 2, ὃ. 9 p. 494. ᾿ 
41) Vgl. Mas‘üdi II 45 ff. 


5) Dieser Aufsatz ist zu Weihnachten 1898 fertig gestellt worden 
als Beitrag zu dem Reisewerk von Roman OÖberhummer und 
Heinrich Zimmerer, Durch Syrien und Kleinasien (Berlin 1899), 
konnte dann aber in demselben nicht mehr aufgenommen werden. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 097 


generale des provinces asiatiques de l’Empire ottoman (1884) 
Yarapison, bei Levidhis hellenisiert ’Agaßıooog, das alte Ζοροπασσός 
in der στρατηγία Μουριανή (Morimene) Ptol. 5, 6 p. 341, 261) 
— liegt am linken Ufer des Halys und ist von Nävsähir 
4 Stunden entfernt. Es ist der Sitz des Qaäimmagams des 
gleichnamigen Qazä (ὑποδιοίκησις), das im N. vom Sandzak Jozgat, 
im Ὁ. vom Sandzak Kaisärije, im W. von den Sandzaks Ag-serai 
und Qyr-Sary (Kir-Seher, alt Garsavira-Archelais) und im S. vom 
Qazä Näv-Sähir und dem Sandzak Nigde (nach L. das alte Κάδηνα) 
begrenzt wird?). In kirchlicher Beziehung untersteht der Bezirk 
der Jurisdiktion des Metropoliten von Ikonion, politisch ist er 
unmittelbar vom Sandzak Nigde, mittelbar vom Wilajet Konia 
abhängig. Der Ort gewährt einen hübschen Anblick, besitzt 
Pachtgüter und Weinberge und 400 türkische und 450 griechisch- 
orthodoxe Häuser. Die Orthodoxen, Kolonisten von Savatra?), 
reden ein verdorbenes Griechisch; ihre alte Kirche, auf den 
Namen des hl. Demetrios geweiht und in Felsen gehauen, ist 
zusammengefallen und man baut jetzt auf ihrer Stätte eine neue 
aus Stein. Bei der Kirche haben sie eine neuerbaute Schule, in 
welcher jetzt provisorisch Gottesdienst gehalten wird. Neben 
dieser gibt es eine Kommunalschule und eine Kleinkinderschule; 
als Mädchenschule dient ein Privathaus. Das alte Regierungs- 
gebäude dient jetzt als Apotheke, das neugebaute enthält alle 
Bureaux der Regierung und in der Nähe das Post- und Tele- 
graphenamt, welches vor kurzem auf kaiserlichen Befehl entstanden 
ist. Bei denselben ist das Mäktäb-i rußdijä (x.%, AKA) 
oder die Schule der Jünglinge, und bei diesem eine alte Mädräsä 
(σπουδαστήριον) mit einer ansehnlichen Bibliothek von türkischen 
Büchern, eine Stiftung des aus diesem Flecken gebürtigen 
Silahdär Qara Wezir Mähämäd Pascha, welcher das kleine 
Dorf unter dem Namen Gul-Sähri („Rosenstadt“) zu einem 
Flecken erhob und darin im J. 1193 H. einen schönen heiligen 
Bezirk (τέμενος, haram) mit einem Turme und einer Kuppel 
gründete. Die Säulen dieses Haram und seiner Vorhalle, sämtlich 
aus Marmor, wurden aus den 6 Stunden entfernten Ruinen einer 
zerstörten Stadt übergeführt, auf welcher jetzt das Dorf Kostasyn 
liegt, unter dem eine vollständige kappadokische Stadt und 
Kirche an der Oberfläche liegt. 


Um Arebsun gibt es sehr viele alte Troglodytendörfer. Von 
diesen sind zu nennen Karadza-sar, 1!/, Stunden von Arebsun. 


.. ἢ Vgl. W. M. Ramsay, The historical geography of Asia 
Minor p. 287. R. Geogr. Soc. Supplementary papers Vol. IV. 


?) Im Säl-namä bei Kiepert, Nouvelle carte generale werden 
Arebsun und Ag-serai nicht als eigene Qazä’s aufgeführt. 


ὃ) Vgl. Ramsay 1. 1. 348. 


Marquart, Untersuchungen. II. 7 


98 J. Marquart, 


Aus einem Hügel in der Nähe dieses Dorfes wurden die unten 
zu besprechenden Inschriften nach Arebsun gebracht, und Levidhis 
zweifelt nicht daran, dass, falls jener Hügel ausgegraben würde, 
noch andere ähnliche Inschriften zu Tage kommen würden; ferner 
westlich davon das Dorf Basan-sarnie, mit alten Zisternen und 
Höhlenwohnungen; nach Norden das Dorf Agri-Köjyü mit alten 
Höhlen, genannt Gjawur-ini; das 2 Stunden entfernte Awrän- 
burnd mit einer griechischen Felseninschrift und einer Höhlung, 
in welcher Bienen eine Unmenge Honig gesammelt haben; Satan- 
sar mit alten Ruinen und Pfeilern; Sol-channy mit Ruinen 
namens Zijarät d. i. Verehrung; Salanda jenseits des Halys, von 
wo die Einwohner des zum Flecken Indzä-su gehörigen Quartiers 
Salanda verpflanzt worden sind, mit sehr vielen Höhlenwohnungen 
und einem Hügel namens Kejislik, ἃ. 1. Wohnung der Mönche; 
Dzämäl mit dem Berg Chyrka!), einem erloschenen Vulkan mit 
sehr grossem Krater, und mit den Ruinen einer Burg byzantinischer 
Zeit; Barach, wo sich ein Grabstein mit Inschrift gefunden hat 
(s. u.); Tatlar, wo zwei Marmorsteine mit Inschriften gefunden 
sind. Tatlar ist ausserdem bemerkenswert wegen seiner vul- 
kanischen porösen Steine, wegen der Bruchstücke von schwarzem 
Basalt, ferner durch seine merkwürdigen Höhlen, die späteren 
ausgegrabenen Wohnungen, die alten auf die Hellenen zurück- 
gehenden Gräber, die wahrscheinlich zur Zeit der Christen- 
verfolgungen als Zufluchtsstätte dienten ?). 


In der Umgebung von Kostasyn liegt Sewasa Σήβασα, nach 
L. das alte Onßoo«?), das unter und auf der Oberfläche viele 
alte Ruinen besitzt. Hier befinden sich auf einem Felsen die 
Reliefbüste eines Mannes und die Ruinen einer byzantinischen 
Kirche, deren Altarraum noch vorhanden ist, indem die Kuppel 
desselben auf sechs behauenen Pfeilern ruht, die Bilder aber, die 
aus dem Jahre 718 ἢ. Chr. datieren, schön erhalten sind®). Neben 
Siwasa ist eine Felskette von porösem Gestein, und auf einem 
dieser Felsen befindet sich eine schwer lesbare griechische Inschrift, 
sowie eine Grabschrift unter der Erde. Zwei Stunden sw. von 
Kostasyn liegt das türkische Dorf Dadasyn mit vielen alten 
Ruinen und einer byzantinischen, kreuzförmig gebauten Kirche 
mit fünf Kuppeln, die auf sechs Pfeilern ruhen. In der Nähe 


1 [Vgl. Roman Oberhummer und Heinrich Zimmerer, 
Durch Syrien und Kleinasien ὃ. 143. 220.] 


Ὁ [Vgl. Oberhummer und Zimmerer 8. ἃ. 0. 233f., welche 
den Namen Tatlarin schreiben.) 


3) S. aber Ramsay a.a. Ο. 339f., welcher zeigt, dass Thebasa 
zu Lykaonien gehörte, und es in der Gegend von Kara-bunar auf 
dem Wege von Ag-serai nach Qaraman sucht. 


4) [Vgl. die Beschreibung bei Oberhummer und Zimmerer 
S. 232f., wo der Ort Soasa heisst.] 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 09 


des Dorfes Kälüsin ist ein Hügel Arsäl-höjüge genannt, unter 
welchem sich in Stein gehauene Höhlen befinden, von denen die 
meisten abgesondert sind. An der Kuppel einer dieser Höhlen 
ist eine grosse Öffnung mit einem steinernen Verschluss!). 
Südöstlich von Arebsun finden sich Holztürme (μόσυνοι), 
in welchen ausser alten in Fels gehauenen Wohnungen auch in 
Fels gehauene Tempel vorkommen, wie in Acyk-sarav?), Göreme, 
‚Soandos [Näv-Sähir] u.a. Einer derselben heisst zweistöckige Kirche 
der Erzengel (ταξιάρχαι). Dort sah unser Gewährsmann am Giebel 
der Kuppel des Altarraumes, wo sich auch Heiligenbilder erhalten 
haben, eine schwer lesbare griechische Inschrift mit dem Datum 


ZERA €: EN IC MHNI AIIPLAIO HS ΚΕ. Bezieht 
man dieses Datum auf die Weltära (6721), so entspricht es dem 
Jahre 1213 n. Chr. Sollte aber der erste Buchstabe ζ nicht 
zum Datum gehören, sondern Abkürzung für εἰς τὰ ἔτη sein, so 
erhielte man KA = 721 n. Chr. Letzteres hält der Entdecker 
für wahrscheinlicher, da das folgende bedeute &(rog) ἐνί(σαρκώσεως) 
Ἰησ(οῦ) μηνὶ ᾿ἀπριλίῳ εἰς τὰς κε. Ähnliche Inschriften sah er 
nämlich auch in Göreme und Soandos, und die Heiligenbilder 
zeigen nach ihm, dass sie Werke des 8. Jahrhunderts sind. 

Westlich davon befindet sich eine Öffnung, in welcher eine 
Felsenhöhle ist mit Arbeitshütten auf beiden Seiten, und ein 
sogenannter finsterer Markt, und dabei ein in Fels gehauenes 
Fort mit vielen Stockwerken auf einem Felsen, Sorgun- Kalest 
genannt; dann viele alte in Stein gehauene Wohnungen, und bei 
denselben aus Stein gehauene Denkmäler auf einem Felsen. 

Das Gebiet der im Vorstehenden beschriebenen Ruinen fällt 
— mit Ausnahme von Salanda — vollständig innerhalb der 
alten Strategie Morimene (Ptol. Movoiwevn ἃ. i. MURI[MJANA), 
deren Umfang Ramsay 1. 1. p. 287—296 zu bestimmen gesucht 
hat (vgl. auch die Karte zu p. 196). Morimene hat ebenso wie 
die Strategien Garsauritis und Tyanitis, soweit die geschichtliche 
Kunde reicht, stets zur Satrapie Kappadokien gehört, im Gegensatz 
zu dem östlich daran grenzenden Kilikien. Nördlich von Morimene, 
in dem später von den gallischen Trokmern besetzten Lande, also 
im Gebiete der grossartigen Ruinen von Boghaz-köi und Ujük, 
sassen die wahrscheinlich mit den Paphlagonen näher verwandten 
Matiener?), eine im Westen zurückgebliebene Abteilung eines 
Volkes, dessen Hauptmasse sich ehemals weit nach Osten ver- 
breitet hatte). Die Grenze zwischen ihnen und den Phrygern 


1) Nach Leon Diakonos p. 35 hiessen die früihern Bewohner dieser 
Gegend Troglodyten. Vgl. Ramsay ἃ. ἃ. Ο. p. 293. 


2) [Über diesen Ort Oberhummer und Zimmerer 5. 144f. 248.] 
2). Her!11,.72::7, 72. Hekatsrfrı 189. 


Ὁ Vgl. Th. "δε τα δ τη Un peuple oublie, les Matienes. Rev. 
des etudes greeques 1894, 316. [S. aber unten.] 


7* 


100 J. Marquart, 


bildete der Halys. Auf beiden Seiten des Mittellaufes desselben, 
d. h. soweit er eine ostwestliche Richtung hat, wohnten die 
Kiliker. Darnach könnte es scheinen, als ob auch Morimene zum 
Gebiete der Kiliker gehört hätte. Allein dies würde allem, was 
wir über die politische Entwicklung des Landes ermitteln können, 
zuwiderlaufen. Dagegen finden wir in späten hyzantinischen 
Bistumslisten einen der Metropolis Mokissos (Kir Seher) unter- 
stehenden Bischofssitz Merıevn aufgeführt, dessen Name sich in 
dem heutigen Dorfe Macan, wenige englische Meilen östlich von 
Nävsähär erhalten hat, neben einer der auffallendsten Gruppen 
von in Felsen gehauenen Häusern, Kirchen und Gräbern, die in 
Kleinasien existieren!). Der Schluss drängt sich ohne weiteres 
auf, dass sich in diesem Merıavn (Matan) die Erinnerung an die 
Matiener erhalten hat, und dass diese einst nicht bloss das Land 
östlich vom Halys, soweit er eine südnördliche Richtung hat, 
etwa bis zur Einmündung des Delidze-Irmak, sondern auch das 
Gebiet zu beiden Seiten des Halys von da an, wo er eine nord- 
westliche Richtung einschlägt (etwas oberhalb von Arebsun) bis 
zu dem grossen Knie bei Cukur-agha, wo er sich direkt nach 
Norden wendet, inne gehabt haben. Wenn dies Land auch später 
zu Kappadokien gerechnet wurde (Her. 5, 52), so war es zur Zeit 
des Kroisos von Matienern bewohnt und nicht, wie Pteria, von 
Kappadoken. 

Im Osten stiess Morimene an die Strategie Krlekien am 
Argaios mit der Hauptstadt Μάξακα, ἃ. 1. wohl „die Mazda- 


stadt“ 2). Die armenische Form WwFmup Matak‘ würde ein 


griech. ἘΜαΐζαχα voraussetzen und ist wahrscheinlich nach dem 
Moooy — wn der LXX gemodelt. Diese Landschaft, assyr. 
Chilaku, war einer der Gaue von Tabal, das etwa den beiden 
Kappadokien der hellenistischen Zeit entspricht, und bildete den 
Ausgangspunkt des spätern kilikischen Reiches®). Das Königreich 
Chiluki wird zuerst von Salmanasssar II. im Jahre 859 v. Chr. 
genannt. Sargon unterstellte Chilakku dem Tabaläer Ambaris, 
dessen Vater Chulli den tabaläischen Gau Bit BuritiS beherrscht 
hatte, liess ihn dann aber, als er sich mit Ursa von Urarti und 
Mitä von Muski in Verbindungerr einliess, mit seiner Familie und 
den Vornehmen des Landes nach Assyrien deportieren und 
siedelte Assyrer im Lande an und machte es zur Provinz®). 
Sanherib hatte später gegen die Bergbewohner von Chilakki 


1)S. Ramsay 1. 1. 29. [OÖberhummer und Zimmerer 
a. a. Ὁ. 182. 245 £.] 


8) Strab. ıß 1,4 p.534.2,7 p. 537/38. Über den Umfang von 
Kilikia vgl. Ramsayl. 1. 303 £. 
8) S. jetzt H. Winckler, Altor. Forsch. II. Reihe Heft 3, 5. 117 ff. 


4) Sargon, Prunkinschr. 29— 32. KB. 1157. Vgl. Winckler, Altor. 
Forsch. I. Keihe S. 365. II. Reihe 5. 121. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 101 


zu kämpfen, nennt aber keinen König des Landes. Doch tritt 
uns ein solcher, namens Sandasarme, wieder beim Beginne 
der Regierung Asurbanipals (668) entgegen, welchem er seine 
Huldisung in Ninive darbrachtet). In diese Zeit fallen die An- 
fänge des spätern kilikischen Grossreiches, das sich bald auch 
südlich vom Tauros über die alte Landschaft Que (Qawe Salm. 


_Obel. 101, KB. I 140, hebr. ΠῚ 1 Kön. 10, 28)?2) mit der 


Hauptstadt Tarsos (Tarze) ausdehntee Es war für den neuen 
Staat eine Lebensfrage, sich die Küste von Qu& und damit den 
Anteil am Seehandel zu sichern. Dies führte aber naturgemäss 
dazu, dass die Könige von Kilikien ihre Residenz vom Argaios 
nach dem weit kultivierteren Tarsos verlegten. 

Das Königreich Kilikien lag nach Her. 5, 52 zwischen Kappa- 
dokien und Armenien und reichte bis zum Euphrat. Der Halys 
floss in seinem Oberlauf durch kilikisches Gebiet (Her. 1, 72). 
Darnach umfasste Kilikien die Landschaften Melitene, Kilikien 
am Argaios zu beiden Seiten des Halys, Kataonien nördlich und 
Kılızia πεδιάς, das alte Que, sowie Kılızia ἡ τραχεῖα oder Κιητίς 
südlich von Tauros?. Nach Strabon hätten auch Akilisene 
(Ekeleac‘ mit der Hauptstadt Erez-Erzingjan) und die Gegend 
um den Antitauros®), d. i. die hocharmenischen Landschaften 
Mzur (Movfovoewv) und Daranafi vor der Erhebung des Zariadris 
und Artaxias (um 190 v. Chr.) zu Kataonien, d. ἢ. ehemals zu 
Kilikien gehört). [Doch ist es zweifelhaft, ob die Nachricht 
von einer ehemaligen politischen Zusammengehörigkeit dieser 
Landschaften in dieser Form chronologisch genau ist. Durch 
Ibn Serapions Beschreibung des Euphratlaufes wissen wir nämlich 
jetzt, dass das vielerörterte Land Mu-us-(uz-, uc-)re, welches 
Tiglatpileser I. (um 1020) sich rühmt bezwungen zu haben und 
das Salmanassar II. (860 — 825) nach den Beischriften des 
schwarzen Obelisken zweihöckerige Kamele, Rinder des Flusses 
Irkea, Elefanten und Affen (?) als Tribut brachte®), genau dem 
Gebiet des Antitauros nördlich von Malatja entsprach, welcher 
den Namen „» > Muzür-Gebirge führte und sich nicht 


bloss westlich vom Euphrat bis zur Wasserscheide zwischen 
Euphrat und Halys erstreckte, sondern auch einen Teil des 
Gebirgslandes im Süden des Euphrats etwa bis Erzingjän umfasste”). 


1) Asurb. II 75—80. KB. II 173. 
®) Fr. Hommel, Gesch. Babyloniens und Assyriens ὃ. 610 N. 3. 


3) Vgl. Ed. Meyer, Gesch. des Königreichs Pontos 8. 15. 
B. Niese bei Jensen, Hittiter und Armenier (1897) 85. 195f£. 


Ὁ Vgl. W. Fabricius, Theophanes von Mitylene 5. 133/39. 
5) Strab. ı« 14,5 p. 528. 
6) Tiglatpil. I Kol. V 67—81. Salm. II Obel. KB. I 34/35. 150/51. 


°) Ion Serapion, Description of Mesopotamia and Baghdäd, 
written about the year 900 AD. Ed. with translation and notes by 


102 J. Marquart, 


Der Name des Landes Muzri, welches uns noch im 9. Jh. v. Chr. 
als politische Einheit begegnet, hatte sich also als geographischer 
Begriff noch mindestens bis ins 9. Jh. n. Chr. erhalten. 


Als nördlichsten Zufluss des Euphrats von Westen nennt 
Ibn Serapion den x43,) „5, der im Gebirge yazR I) Muzür im 
Gebiete der Stadt Abriq (Tepeıxn, Diwrigi) entspringt und eine 
Tagereise unterhalb Kamach in den Euphrat mündet. Tomaschek 
versteht unter diesem Fluss den heutigen Quru-@ai oder den 
Fluss von Armidan und Hassanowä. Nach ihm kommt der Fluss 
von Abriq, der bis zu seiner Mündung von einem Gebirgszug 
begleitet wird und angeblich kurz unterhalb der Festung Abriq 
den Fluss von Zamra aufnimmt, der etwas oberhalb (?) der 
Quelle des Lügija im Muzür-Gebirge entspringt. Unter dem 
Flusse von Abriq ist der heutige Sary-Citek-su zu verstehen, der 
an Diwrigi vorbeifliesst, über den Lauf des Flusses von Zamra, 
dem heutigen Zimarra, ist Ibn Serapion aber falsch berichtet und 
lässt ihn irrig in den Fluss von Abriq anstatt unmittelbar in 
den Euphrat münden. Der nächste westliche Zufluss des Euphrat, 


der LS} .,(9 d. i. der heutige Ango-su von Arabgir?) entspringt 
im Gebirge von Abrigq, wenig oberhalb der Kreuzung der von 


Malatja kommenden Heerstrasse, und mündet 5 Fars. unterhalb 
(richtig: 5 mil oberhalb) der Einmündung des Arsanas in den 


Euphrat. Dann folgt der x, > ‚525, der im Muzür-Gebirge 


in der Nähe der Festung Charsana (Χαρσιανὸν κάστρον) auf 
romäischem Gebiete entspringt und nachdem er den aus einem 


Berge in der Gegend von Abriq kommenden Eyes) eo auf- 


genommen, 10 Fars. unterhalb des Nahr Angä in den Euphrat 
fällt. Es ist der heutige Quru-Cai entlang der nach Sebasteia 


(Siwäs) führenden Heerstrasse, der wre 3) αὐ sein linker, vom 
Citek-dagh kommender Zufluss. 
Als Zuflüsse des Arsanäs (Arsanias, arm. Aracani) werden 


genannt der „SAN ,g5 „Wolfsfluss“ und der Lil! iR 


Guy le Strange. JRAS. 1895 p. 11. 13. 30. 31. 54f. 315. Vgl. dazu 
die Anmerkungen von Guy le Strange p. 57f. 63ff. und W. Toma- 
schek, Historisch-Topographisches vom obern Euphrat und aus ÖOst- 
Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert 5. 138—140. Diese Arbeit 
war mir hier in Leiden nicht erreichbar, so wenige als Kiepert’s 
Nouvelle Carte generale des provinces asiatiques de l’Empire ottoman, 
und ich war daher auf die Notizen angewiesen, die ich mir früher daraus 
gemacht hatte. 


1) In der Hs. immer ohne Punkt. 


3) Taylor, J. R. Geogr. Soc. 1868 p. 313. Vincent W. Yorke, 
Geogr. Journ. 1896, 2 p. 230f. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 103 


Jener entspringt in einem Gebirge in der Gegend von Qäligala 
(Karnoj k'adak‘, Erzerum) und mündet angeblich kurz oberhalb 
Simsät (Arsamosata) in den Arsanäs. Der Nahr asSalgit ent- 
springt im Muzür-Gebirge, fliesst an zahlreichen Burgen vorbei 
und mündet eine Meile unterhalb der Stadt Sim$ät und des sie 


umgebenden Gebirge. Guy le Strange sah in dem „3A „g5 τῷ 


den heutigen Gunek-su, allein es ist, wie Tomaschek erkannt 
hat, der „andere Gailfluss“ der Geographie des Ps. Moses 
Chorenac‘i (p. 30 ed. Soukry), der die Landschaft Chorzain im 
sog. Vierten Armenien mit dem Hauptort Ko4oberd (Burg KoA) 
oder Ket, das spätere Bistum Ket!) durchströmte, der Lieik-su 
der gacaba Qyyy (aus dem armenischen Genitiv Kell) oder 
der Peri-su, der nach Aufnahme des Muzür-Cai auch diesen 
letztern Namen führt und gegenüber Charäba (Arsamosata) bei 
der Münde des Saich- gatün-su am Ausgange Anzitene’s gegen 
Badahowit in den Muräd-su fällt. Der Nahr asSalqit ist "nach 
Tomaschek sicher der heutige Singit- (Süngüt) oder Aq-su, der 
als Chozät-su im Muzür-tagh entspringt und westlich von Pertek 
(arm. derdak „Schlösschen“) in den Muräd-su mündet. Der in 
der Provinz Hoch-Armenien entspringende und nach Süden 
fliessende Gail kann dann nur der eben genannte Muzür-tai sein, 
ein bedeutender Zufluss des Peri-su, der im Muzür-tagh entspringt. 
Der Muzür-tagh, d. h. der östlich vom Euphrat gelegene Abschnitt 


des >52 Ju>, bildete ehemals den zur Provinz Hoch-Armenien 


gehörigen Gau Mzur, das χλίμα Mov&ovoe@v?). König Sapür II. 
erreichte denselben auf seinem Raubzug im Jahre 359 über 
Atznik‘, Gross-Cop'k‘, Anget-tun, den Gau Anzit und Cop’k 
Sahuni, "und rückte von da ee, nach Daranaf® mit der Haupt- 
stadt Ani (Kamach) und Ekefeac‘ (Akilisene)?). Vielleicht hängt 
damit auch der Name der Residenz des Königs Sanatruk (167—196), 
Mcurk‘, zusammen), obwohl dieselbe nach der Beschreibung 
des Faustos am Zusammenfluss der beiden Euphratarme, also im 
Gau Cop'k Sahuni , der Satrapie Τζοφηνή in der spätern 
romäischen Provinz Armenia IV zu suchen ist?).. Nachdem der 
hair mardpet (Eunuchenoberst) seine Dörfer im Gaue Taraun 
besucht und darauf einen Zusammenstoss mit dem Oberpriester 
Nerses in AstiSat (Surb karapet) gehabt hatte, „gieng der haer 
weg von den heiligen Orten und stieg hinab zum Ufer der 
Stromschnellen des Euphrat, zu den Thälern des dichten Waldes, 


1) Vgl. H. Gelzer, Georgius Cyprius p. 181,82. 

2) Vgl. dazu H. Gelzer, Georgius Cyprius p. 1885. 
3) Faust. Byz. 4, 24 p. 141. 

%) Oben 8.15 und Anm. 4. 


5) Vgl. über die Grenzen dieser Provinz H. @elzer, Georgius 
Euprius Ῥ. ἘΝ ΗΕ ss. [Χ1. 173. 


104 J. Marquart, 


zum Zusammenfluss der beiden Ströme, in ein Rohr- und 
Schwarzdorndickicht, an welchem von den Alten her eine Gründung, 
eine Stadt war, welche der König Sanatruk gegründet hatte, 
welcher Ort Mcurk‘ mit Namen genannt wurde“!). Hier verfiel 
. der hair dann der Rache des Savasp, eines Sprösslings des auf 
sein Anstiften einst ausgerotteten arcrunischen Geschlechtes. Nach 
dieser Erzählung muss die Stadt Mcurk‘ an der Einmündung des 
Aracani in den Euphrat gelegen haben, also gegenüber dem 
römischen Daskusa. Nach der Geographie des Ps. Moses Chor. 
p. 30, 18 mündete der Aracani bei der Stadt Zusaf‘-arid 2). 


Doch mag nun eine Beziehung zwischen den Namen der 
Stadt Mcurk WSregp in Cop‘k‘ Sahuni und des Gaues U'grıp 


in Hoch-Armenien anzunehmen oder mag die Ähnlichkeit nur 
eine zufällige sein: soviel ist unzweideutig, dass sich der Name 
des alten Landes Muzri in dem des Gaues Mzur und dem Begriffe 
nach vollständiger in dem des Gebirges Muzür ἃ. 1. des Antitauros 
mindestens bis ans Ende der Chalifenherrschaft erhalten hatte. 
Für die Beantwortung der Frage, wie lange die politische Einheit 
dieses Gebietes gedauert hat, fehlt es indessen bis jetzt an sicheren 
Anhaltspunkten und muss daher von Strabons Angabe einstweilen 
abgesehen werden.] 

Die Bildung eines grössern Reiches in den Taurusländern gieng 
wahrscheinlich von einem gewissen Mukallu aus, der zuerst unter 
Asarhaddon Meldi (Malatja) bedrängt und dann den Assyrern 
entrissen hatte, worauf er sich mit ISkallü, dem Fürsten von Tabal 


1) Faust. Byz. 4,14 5.118 (Venedig1889): ww αν’ εἴπω χη ἐπ 
Sr] Pınul [9 ὧἵι ἀππέξω πε εἶν εἰ εἰν εν τα ἵν fr gkınumfrunadrmdhul Eplnıy 
gkıunngh, y b Bwenfd kwp<&hgl εἴα εἶξε εν ἵν, ap 42 unEnph, Γ" Sunglı 
inkgeny)b Wörcgpp Ynsf- Langlois übersetzt dem Sinne nach ganz 
richtig: „et de roseaux abondants au confluent des deux rivieres“, 
Lauer ist aber das Missgeschick passiert, im ‚französischen roseau 
ein „Rosengebüsch“ zu vermuten. Daher seine Übersetzung: „in ein 
Wäldcehen von Rosenstöcken und Schlehendornen‘. — Aus den obigen 
Worten des Faustos ist durch Kombination mit Mar Abas 8.7 die 
oben 8.15 Anm.4 übersetzte Stelle des Ps. Moses 2, 36 herausgesponnen. 


2; Lusat‘ (zu lois „Licht“) muss der Name einer Gottheit gewesen 
sein. Vgl. das Verzeichnis anderer mit -arz© oder -jariC zusammen- 
gesetzter Ortsnamen bei Hübschmann, Arm. Gr. 125.113, wozu vor 
allen noch Aafto-jarig oder Aalto-jarine bei Brosset, Hist. de la 
Georgie. Additions et Eelaircissements p. 178, Καλτ-ιόρισσα in Klein- 
Armenien Ptol. 5,6 p. 340,6 unter 69° 50° L. 41° 15’ Br., Τιτ-αρισσός 
in Melitene ib. p. 341,1, Ζωπ-άριστος ib. p. 340,27 (unter 69945 L. 
390 45 Br. bezw. 70° L. 40° Br.), “υταρ-αρίξων Prokop. de aedif. 3,4 
p. 253, 15 nachzutragen wären. Zur Erklärung dieses Elements s. meine 
Bemerkung über Daga-jarie diese Unters. I 65. Sollten Καλτιόρισσα 
und Chaltojarine „Ort der Verehrung des (aus den Inschriften von 
Wan bekannten) Gottes Chaldi‘ bedeuten? 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 105 


‘ verband, um die assyrische Provinz Qu& anzugreifen (um 675). 
Hier war kurz vorher (677) der König Sanduarri von Kundi 
{Κύινδα)}) und Sizü (Sis, byz. Σίσιον im Taurus) 2), der sich mit 
‘Abd Milkät von Sidon gegen Assyrien verbunden hatte, von den 
Assyrern überwältigt und hingerichtet worden?). Beim Regierungs- 
antritt Asurbanipals (668) schliesst Mukallu Frieden mit Assyrien. 
Dabei ist merkwürdig, dass auf der nach 662 geschriebenen Tafel 
K. 2675, Rs. 22ff.*) der Name seines Landes nicht ausgefüllt 
ist, entweder weil ihn der Schreiber nicht wusste, oder aber, was 
wahrscheinlicher ist, weil er im Zweifel war, welchen Titel er 
dem Mukallu geben sollte. Auf dem um 649 abgefassten Prisma 
B Kol. I 65 (KB. U 170/71 N. 1) und dem lange nach dem 
Falle von Babylon (648) geschriebenen Rassamzylinder Kol. II 68 
wird er dagegen als „König von Tabal* bezeichnet, offenbar 
entsprechend den damaligen politischen Verhältnissen. In der 
Zwischenzeit muss er sich also auch in den Besitz dieses Central- 
landes von Kleinasien gesetzt haben. Dabei war ein Zusammen- 
stoss mit Sandasarme von Kilikien bezw. dessen Nachfolger 
unvermeidlich. Wer von beiden in diesem Duell Sieger blieb, 
wissen wir vorläufig nicht; da aber das nachmalige Reich der 
Syennesis sich nach der Landschaft Chilaku (Kilikien), nicht 
Tabal benannte, so spricht die Wahrscheinlichkeit für Sandasarme 
bezw. seine Erben, die demnach als die eigentlichen Gründer der 
kilikischen Grossmacht zu betrachten wären. 


Vermutlich hängt die Verlegung der Residenz nach dem 
Süden des Tauros mit den Kimmerierstürmen zusammen. Diese 
‘ Verschiebung des politischen Schwerpunktes brachte es mit 
sich, dass die Herrschaft über die Länder nördlich vom Halys 
aufgegeben werden musste. Wir erfahren dann, dass der Kim- 
merierfürst Tuktamme (*Dugdamı, Aöydauıs), welcher Sardeis 
erobert hatte, in Kilikien seinen Untergang fand — wobei 
vielleicht an das alte Kilikien am Argaios zu denken ist — so 
dass sein Sohn Santachsadra (assyr. San-dak-sat-ru°) sich 


ı) Vgl. W. Max Müller, Studien zur vorderasiat. Gesch. 59. 
Mitteil. der Vorderasiat. Ges. 1898 Heft3. Hugo Winckler, Altor. 
Forsch. II 118. 


®) Sachau, ZA. VII 9. 
8) KB. II 127. 


„.9KB. I 170/71 Ν. 2. Vgl. Winckler, Altor. Forsch. I 479 ff. 

Uber den terminus post quem für die Abfassung jener Tafel siehe 

Be eranologischen Untersuchungen S. 78 — Philologus, Suppl. 
ἃ. ἿΙΙ 1712. 


5) Der Name bedeutet „reine Herrschaft besitzend“ —= aw. *Spantö- 
ῳὔαϑτο; vgl. den pers. Namen Σιανδώκης Her. 7, 194 — ap. *Santa-wäaka 
„Heiliges verkündend‘, wozu Σανδαύκη Plut. Them. 13 das Femininum 
ist (die Form Μανδάνη bei Diod. ı« 58 ist unursprünglich), und arm. 
Sandaramet „Unterwelt“ (neben Spandaramet = Ζιόνυσος), kappadokisch- 


100 7. Marquart, 


bewogen fühlte, dem König Asurbanipal seine Huldigung an- ᾿ 
zubieten!). Dieser grosse Erfolg über die gefürchteten Kimmerier 
hat gewiss viel dazu beigetragen, das Ansehen des Königs von 
Kilikien zu heben und seinen Staat zu einer Lydien und 
Babylonien gleichberechtigten Grossmacht zu erheben. Später 
blieb dann der Name Kilikien speziell an dem alten Qu& südlich 
vom Tauros haften. Zur Zeit des Satrapen Datames (karisch 


I1%44P Tardama (oder Tidramü *A6ö<g>dung?)?) finden 


wir in Kataonien einen besondern Fürsten Aspis3) (Nep. Dat. 4), 
der in seinen Bergen dem Grosskönig zu trotzen wagte und ver- 
mutlich von der alten Dynastie der Syennesis abstammte, Kilikien 
am Argaios aber war die Hyparchie des Karers Kamissares*) und 


pers. Sandara, Σονδαρα (Monatsname) = ap. *Santa-@ramati$ gegenüber 
aw. Sponta - armaiti. Vgl. auch pers. Θαμάσιος Her. 7, 14 — 
=Oljam-asija, aw. *Sjam-äspi. Das Kimmerische stimmt also hier 
in bemerkenswerter Weise zum Altpersischen und stellt sich in 
Gegensatz zum skythischen *äfsand, aw. sponta, medisch σφενδα- 
(oben 8. 88). Medische Formen sind dagegen 1yk. Sppätaza 


(Münzen) = aw. * Sponta-za „von heiligem Geschlechte“ und der dem 
Magier Gaumäta von den Magiern beigelegte posthume Name Σφενδα- 
δάτης = ἂν. Spontö-data (s. diese Unters. I 68 N. 71, Fundamente 
israelitischer und jüdischer Geschichte 48 N. 3). Auch der Name 
des Kimmerierkönigs Teuspa ist iranisch und entspricht dem pers, 
Τέασπις Her. 4, 43. 7, 79. 9, 76 = ap. *Taw-äspa, med. *Taw-aspa 
„kräftige Rosse besitzend‘*. 


1) Strab. « 2, 21 p. 61. Plut. Mar. 11 (aus Poseidonios). Sonnen- 
orakel aus Asurbanipals Zeit hg. von Arthur Strong, Journ. as. 
1893, 1, 375. Vgl. diese Unters. 159 N.45 (wo aber die Kombination 
mit dem vermeintlichen Namen Jribatukte zu streichen ist). H. Winckler, 
Berl. Philol. Wochenschr. 1895 Sp. 1435, Altor. Forsch. II 253£. 
Messerschmidt, Die Inschrift der Stele des Nabunaid S.43. Mitteil. 
der Vorderas. Ges. 1896, 1. C. F. Lehmann, ZA. 1896, 858 


2) Für das unbekannte *7idramü ist der geläufige Name Aoo&uns 
eingesetzt worden bei Polyain, Strateg. 7, 28, 2. AIA<P>AMHC 
wird für JIAAAHC herzustellen sein bei [Aristot.] Oecon. p. 1350b. 
Vgl. diese Unters. I 9 Anm. 32. 


ὃ) Vgl. die Namen der „chettitischen®* Fürsten Kundasp: und 
Kustaspi von Qummuch (unter Salmanassar II... Es gehörte eine 
völlige Unkenntnis der iranischen Sprachgeschichte und die den 
Assyriologen eigene Naivetät, über alles sich ein Urteil anzumassen, 
dazu, in diesen beiden Namen ein neup. (!) Gustasp = ap. Wistaspa 
und *Gundäsp — ap. * Windäspa, ἃν. * Windat-aspa finden zu wollen 
(Lenormant ete.). 

4) Justi, Berl. Philol. Wochenschr. 1897 Sp. 1173 (vgl. Iran. 
Namenbuch 154/55) bestreitet die karische Nationalität des Kamissares 
und will den Namen aus dem Iranischen erklären und mit arm. Kamsar 
(Eponymos des Geschlechtes Kamsarakan) Mos. Chor. 2, 73. 87 gleich- 
setzen. Viel näher liegen aber doch Namen wie Μεγασσάρης Apollodor 
bibl. 3,14, 3,1 8. 181, ᾿4βδισσάρης Fürst von Sophene Babelon, Les 
rois de Syrie, d’Armenie et de la Commag£ene p. CXCIV, 211, pl. 
XXIX 3—5. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 107 


seines Sohnes Datames!): von hier aus vereinigt dieser dann 
nach und nach Kappadokien und einen Teil von Kilikien zu 
einer ansehnlichen Herrschaft, die nach seinem Tode auf seinen 
verräterischen Sohn Sisines und dessen Nachkommen, die Dynastie 
der Ariarathiden übergieng. Von nun an blieb die Landschaft 
von Mazaka offenbar mit Kappadokien vereinigt; denn wir 
finden keine Spur davon, dass sie etwa zu irgend einer spätern 
Zeit von Kilikien losgetrennt worden wäre. 


Nach dem Jahre 401 war die Dynastie des Syennesis von 
Kilikien wahrscheinlich infolge der zweideutigen Haltung desselben 
im Aufstande Kyros’ III. abgesetzt und durch einen persischen 
Satrapen ersetzt worden. Die Namen der kilikischen Satrapen 
in der ersten Hälfte des 4. Jhs. (bis auf Mazdai) sind uns aber 
bis jetzt nicht bekannt. 


Allein noch in der ersten Hälfte des 3. Jhs. scheint Kataonien 
zu Kilikien gehört zu haben, und wird erst von Ariarathes III. 
(ca. 255—220 v. Chr.), der zuerst den Königstitel annahm, mit 
Kappadokien vereinigt?2).. Wahrscheinlich erhielt es seine Ge- 
mahlin Stratonike, eine Tochter Antiochos’ II. Theos (261—246), 
als Mitgift?). 

Kappadokien wird ebenfalls ursprünglich nur einen der 
Gaue von Tabal gebildet haben. Salmanassar II. spricht von 
24 „Königen“ der Tabal, ein Beweis, dass in Tabal eine grosse 
Anzahl von Häuptlingen sass. Kappadokien ist ursprünglich 
das Gebiet zwischen dem Unterlauf des Halys und dem Iris, 
speziell aber das Irisbecken. Der Name ist bis jetzt in den In- 
schriften der Assyrerkönige, auch in den Briefen der Statthalter 
und in den Sonnenorakeln aus der Zeit des Asarhaddon und 
Asurbanipal, wo wir ihn doch erwarten würden, nicht gefunden 
und begegnet uns auf zeitgenössischen Denkmälern zuerst in den 
Inschriften des Dareios (Katpatuka). In der Geschichte kommt er 
zuerst im Jahre 546 bei der Erzählung vom Sturze des lydischen 
Reiches durch Kyros vor (Her. 1, 171 ἢ). Die Hauptfestung des 
Landes war damals Pterea in der Nähe von Sinope®), das man 


1) So dürften die vielgequälten Worte des Nepos Dat. 1: pater 
eius Camisares ... habuit provinciam partem Cilieciae 
iuxta Cappadociam, quam incolunt Leucosyri am wahr- 
scheinlichsten zu interpretieren sein (gegen Ed. Meyer, Gesch. des 
Königreichs Pontos ὃ. 27 und diese Untersuchungen I 8.9). Kilikien 
am Argaios bildete in der That einen Teil der Satrapie Kilikien und 
lag neben dem von den „Leukosyrern“ bewohnten Kappadokien 
nördlich von Kataonien und besonders im Iris-Tal. 


2, Strab. ıß 1, 2 p. 534. 

8) Vgl. Th. Reinach, Trois royaumes de l’Asie mineure p. 18. 

1. Her. 1, 76: ἡ δὲ Πτερίη ἐστὶ τῆς χώρης ταύτης ἰσχυρότατον, 
κατὰ Σινώπην πόλιν τὴν ἐν Εὐξείνῳ πόντῳ κῃ κειμένη. 


108 J. Margquart, 


fälschlich in den Ruinen von Boghäz-köi gesucht hat. Die 
Stadt muss aber viel nördlicher und nicht allzuweit von der 
Halysmündung gelegen haben. Th. Reinach glaubt, Pteria sei 
in der Umgebung von Amaseca zu suchen, das seinen Namen 
wahrscheinlich dem Kroisos verdanke, der die Stadt nach der 
Eroberung Kappadokiens seinem DBundesgenossen Amasis von 
Ägypten zu Ehren benannt habe. Die Landschaft von Amaseia 
hiess Γαξακηνή, woraus sich als persischer Name der Hauptstadt 
mit grosser Wahrscheinlichkeit Γάξακα = mp. Gangak, arm. 
ganzak „Schatzhaus“ ergibt!). Weiter südöstlich lag Γαξίουρα 
am Iris, ein παλαιὸν βασίλειον (Strab. ıß 3, 15 p. 547), die 
Hauptstadt der Satrapen von Kappadokien im 4. Jahrhundert, 
welche hier Drachmen mit dem Typus des Zeus von Gaziura 
(“τὸ 53) und aramäischer Aufschrift schlugen. Der Name ist 
gebildet wie I«@e6«-vıox oder Garsaura im sw. Kappadokien und 
Arma-vir in Armenien. 


Die Griechen der ältern Zeit nennen die Kappadoken “Σύριοι 
oder Zvoo.. Pindar sagt von den Amazonen am Thermodon: 
Σύριον εὐρυαίχμαν δίεπον στρατόν (Strab. ıB 3, 9 p. 544), und 
Sophokles zählt nebeneinander auf Κόλχος re Χαλδαῖός τε καὶ 
Σύριον ἔϑνος (Steph. Byz. s. v. Χαλδαῖοι). Xanthos der Lyder 
liess, wie wir aus Nikolaos von Damaskos ersehen, Gyges’ Vor- 
fahren Daskylos II. vor den Iydischen Herakliden εἰς Σύρους 
τοὺς ἐν τῷ Πόντῳ ὑπὲρ Σινώπης οἰκοῦντας fliehen (Nik. Dam. 
fr. 48 bei Dindorf, Hist. Gr. min. 1.32, 6. 8). 

Schon frühzeitig werden die Kappadoken als „weisse Syrer* 
“ευκόσυρον bezeichnet, wie man glaubt, zum Unterschiede 
von den Syrern in Mesopotamien und dem Westeuphratgebiete 
(nam: "ar, Arbäja) ἃ. 1. den Aramäern. Diesen Namen scheint 
schon Hekataios gebraucht zu haben (Steph. Byz. 5. v. Τειρία und 
Χαδισία), ausdrücklich bezeugt ist er sodann für Ephoros (Steph. 
Byz. s. v. Τιβαρανία, vgl. Skymn. v. 917), und auch Agatharchides 
hatte ihn verwandt (Curt. 6, 4, 17. Nep. Dat. 1). Bei 
den Spätern aber, wie bei Strabon, beruht er lediglich auf 
gelehrter Überlieferung und entbehrt der realen Existenz. Er 
ist hier völlig synonym mit Kappadoken und wird daher dem 
spätern politischen Sprachgebrauche entsprechend auch auf die 
Kappadoken am Tauros ausgedehnt. Allein die Erklärung des 
Namens “ευκόσυρον als „weisse Syrer“ beruht lediglich auf 
griechischer Volksetymologie: wäre derselbe eine original griechische 
Bildung, so würde er als Gegensatz „schwarze Syrer“ verlangen, 
welche nicht existieren?). Im ersten Teil des Wortes steckt 


᾿ Vgl. Th. Reinach, Revue des etudes grecques 1894, 316 


n. 


ir Dies hat Strabon sehr wohl gefühlt, weshalb er solche 
schwarze Syrer konstruiert. Strab. ἐβ 3,9 p. 544: καὶ γὰρ ἔτι καὶ νῦν 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 109 


vielmehr der Name eines Stammes, welcher in der alten Liste 
Her. 7, 72 in der Form Aiyves zusammen mit Marimvot, 
Mogievövvoi und Σύριοι genannt wird. Δευκόσυροι ist also 
eigentlich ein Kompositum = Aiyveg καὶ Σύριοι ἢ). 

Herodot 7, 63 erklärt Σύριοι als hellenische Bezeichnung 
der Assyrer (Asoveıoı), und so ist es erklärlich, dass man auch 
den Namen der pontischen “Σύριοι oder “Σύροι von den Assyrern 
ableitet. So führt denn in der fälschlich unter dem Namen des 
Skylax von Karyanda laufenden Küstenbeschreibung (Ol. 105 = 
360—356 v. Chr.) 8 88 die Küste vom Thermodon bis Harmene 
den Namen ’Aooveix, und dies wird dann von den gelehrten 
alexandrinischen Dichtern weiter ausgesponnen (vgl. auch Arrian 
fr. 48. 49 bei Eustath. zu Dionys. περιήγ. 772. 378). Häufig be- 
gegmet insbesondere die Angabe, dass Sinope in Assyrien liege. 
Dies sind aber zweifellos lediglich gelehrte Kombinationen, aus 
dem lebendigen Gebrauch war der Name längst geschwunden ?). 


Aus Herodots Darstellung 1, 72 geht deutlich hervor, dass 
Καππαδόκαι (Katpatuka) der seit der persischen Eroberung 
bekannt gewordene persische Name des Volkes war, und dieser 
hat seit dem Ende des 5. Jahrhunderts die ältere griechische 
Bezeichnung Σύριον völlig verdrängt?). Da aber der Name 
᾿Δσσυρία oder vielmehr Συρία später vorwiegend gerade an der 
Gegend von Sinope haftete, so wird diese Thatsache nur so 
erklärt werden können, dass die griechischen Kolonisten von 
Sinope den Namen eines ihnen zunächst wohnenden Küsten- 
stammes auf die weiter im Binnenlande wohnenden gleichartigen 
Stämme oder Gaue übertrugen®), ein Vorgang, der sich ja fort- 


“ευκόσυροι καλοῦνται (οἱ Καππάδοκες), Σύρων καὶ τῶν ἔξω τοῦ Ταύρου 
λεγομένων" κατὰ δὲ τὴν πρὸς τοὺς ἐντὸς τοῦ Ταύρου σύγκρισιν, ἐκείνων 
ἐπικεκαυμένων τὴν χρόαν τούτων δὲ μή, τοιαύτην τὴν ἐπωνυμίαν 
"γενέσϑαι συνέβη. ı5 1, 2 p. 737: οἱ γοῦν Καππάδοκες ἀμφότεροι, 
οἵ τὲ πρὸς τῷ Ταύρῳ καὶ οἱ πρὸς τῷ Πόντῳ, μέχρι νῦν “ευκόσυροι 
καλοῦνται, ὡς ἂν ὄντων τινῶν Σύρων καὶ μελάνων" οὗτοι δ᾽ εἰσὶν οἱ 
ἐχτὸς τοῦ Ταύρου. 

1 Man höre dagegen Winckler, Altor. Forsch. I 462: „in 
Kappadokien, das nach altem babylonischem wie späterem (Zveo:) 
sprachgebrauch mit unter den begriff Suri fiel, finden sich die 


Asvxoovooı‘ das sind keine „weissen Syrer“ — schon Strabo meint, 
es gäbe ja doch keine schwarzen — es ist die ZLukkibevölkerung 
von Sur:“. 


2) Vgl. Nöldeke, Aoovgıos, Σύριος, Σύρος. Hermes V (1871), 443 ff. 


3) Ktesias braucht nur mehr den Namen Καππαδόκαι, kann sich 
aber doch von der ältern Vorstellung, dass die kappadokische Küste 
von Syrern bewohnt gewesen sei, nicht völlig emanzipieren und lässt 
daher den Sardanapal seine Kinder zu dem Statthalter Kottas von 
Paphlagonien in Sicherheit bringen (Diod. 2, 26, 8. Athen. ıß 38 
Ῥ. 529b, wo εἰς Νίνον auf Verwechslung beruht für εἰς Σινώπην oder 
εἰς Παφλαγονίαν). 

ἢ Früher dachte man an eine assyrische Oberherrschaft über 


110 J. Marquart, 


während wiederholt und dem eine ganze Menge von Völkernamen 
ihren Ursprung zu verdanken hat. Katpatuka muss dann ur- 
sprünglich der Name des am weitesten nach Osten gelegenen 
Gaues gewesen sein. Einen Fluss Cappadox kennt die Karte 
des Castorius Segm. XI 3 (und daraus der Anonymus von 
Ravenna II 15 p. 90, 2) als rechten Nebenfluss des Euphrat 
zwischen Samosata und der Singa-brücke (arab. eis >) in 


Kommagene. Es ist der heutige Gök-su)). 


H. Winckler sucht zu beweisen, dass das Gebiet nördlich 
vom Halys, sowie die Landschaften im Norden des rauhen Kilikien 


diese Gebiete, die sich aber bei genauerer Prüfung der assyrischen 
Inschriften als unhaltbar herausgestellt hat. Auch die neuerdings 
gefundenen assyrischen Keilschrifttafeln aus der Gegend von Kaisärije 
können daran nichts ändern, da die Landschaft von Kaisärije gerade 
nicht zum Gebiete der Σύριοι gehörte. Winckler bringt den Namen 
mit dem babylonischen Ländernamen Sur’ zusammen, welcher in 
altbabylonischer Zeit (besonders in dem sogenannten astrologischen 
Werke, das aus der Zeit des Königs Sargon von Agade um 2700 v. Chr. 
stammen will) und in der archaisierenden Sprache Nabünäids die 
Länder im Norden von Babylonien zu bezeichnen scheint und bei 
letzterem speziell für Assyrien gebraucht wird (vgl. Messerschmidt, 
Die Inschrift der Stele Nabünäids S. 9. 41f.). Im astrologischen Werke 
wird Suri immer mit Ansan (Susiana) zusammen genannt, wie aber 
Winckler daraus ableiten will, dass auch Kappadokien „nach altem 
babylonischem wie späterem (Zveo:) sprachgebrauch mit unter den 
begriff Suri fiel“ (Altor. Forsch. Heft 5, 462), wird andern ebenso schwer 
begreiflich sein wie mir. Wenn Winckler ferner schreibt: „Anzan 
u Sri entspricht den ländern von Medien bis nach Klein-Asien 
hinein [von mir gesperrt], nördlich vom gebiete der babylonischen 
kultur und südlich von Gutium. also etwa entsprechend dem spätern 
Mederreich, das hier einen uralten vorgänger hat. es hat Syrien 
den namen gegeben, identisch damit ist es nicht. mit 
Assur hat weder Syria noch Suri etwas zu thun“ [von mir 
gesperrt], so wird man dieses Orakel nur mit Kopfschütteln lesen können. 
In dem krampfhaften Bestreben, die Welt durch immer verblüffendere 
Behauptungen in Atem zu erhalten, übertrifft also Winckler die 
etymologischen Spielereien der Alexandriner bei weitem. Trotz aller 
pseudohistorischen Kombinationen schimmert bei diesen doch immer 
wieder die Thatsache hindurch, dass der Name Σύριοι von der Küste 
von Sinope ausgegangen ist. 

) S.Wilh. Tomaschek, Historisch-Topographisches vom oberen 
Euphrat und aus Ost-Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert S. 142 f. 
Vgl. Plin. h. n. 6, 6: nune est colonia Sinope a Cytoro CLXHH. 
flumen Varecum, gens Cappadocum, oppidum Caturia Zaceplum etc. 
Hier werden die Cappadoces also in die Nähe des Iris bezw. von Sinope 
verlegt. Mit seiner Angabe 6, 9: Cappadociae pars praetenta Armeniae 
maiori Melitene vocatur, Commagenis Cataonia, Phrygiae Gassauritis, 
Sargaurasana, Cammaneni, Galatiae Morimene, ubi disterminat eas 
Cappadox amnis, a quo nomen traxere antea Leucosyri dieti ist nicht 
viel anzufangen. Denn wenn der Kappadox Morimene und Galatien 
trennt, so kann mit demselben, schon wegen der Bezeichnung amnis, 
nur der Halys gemeint sein, nicht etwa der in den Tuz-gjöl mündende 
Fluss von Ag-serai oder der von κοῦ Hicär. 


ΡΟ U ΎΚΥ EEE αὐ TE — N ΞΡ ων» 


σον τὺ ν 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 11 


vielleicht mit Einschluss von Lykaonien zur Zeit Sargons (von 
717 bis etwa 707) in der Hand des Königs Mitä von Muski 
waren). Das wäre also genau das Land der Matiener oder viel- 
mehr die spätere Satrapie Kappadokien, die auch noch die 
Landschaften Morimene, Garsauritis und Tyanitis südlich vom 
Halys umfasste?). Freilich will Winckler jenen König auch 
noch mit Phrygien ausstatten und in ihm den König Midas von 
Phrygien sehen, der nach Strab. « 3, 21 p. 61 (aus Poseidonios) 


bei einem Einfall der Kimmerier sich durch Trinken von Stierblut 


getötet haben soll. Allein diese Identifikation würde zugleich 
die der Muski mit den Phrygern voraussetzen und den Schwer- 
punkt des phrygischen Reiches von den Städten des Gordios und 
Midas nach Pteria bezw. Üjük und Boghaz-köi verlegen , was 
allem widerspricht was uns über die Geschichte jenes Reiches 
überliefert ist. Winckler’s Hypothese von der Gründung 
des phrygischen Reiches durch die vom Euphrat 
nach Westen gedrängten Muski wird wohl ausserhalb 
seiner engeren Gefolgschaft nicht viele Gläubige finden. Wenn 
wir zur Zeit Tiglatpilesers I. (um 1020 v. Chr. nach Lehmann) 
Scharen eingedrungener Muski in Qummuch am Euphrat antreffen 
— der König schätzt ihre Zahl auf 20000 Mann — die aber 
von Tiglatpileser vernichtet wurden, und erst unter Sargon Muski 
am Halys begegnen, so wird dies ähnlich zu beurteilen sein wie 
bei den östlichen und westlichen Matienern, nur dass bei diesen 
die Hauptmasse weit nach Osten vorgedrungen war, während bei 
den Muski der Kern des Volkes noch weit im Westen stand, 
und nur einige Gefolgschaften als Wikinger bis zum Euphrat 
vorgedrungen waren, ganz wie bei den Germanen während der 
Völkerwanderung. Die Muski hätten dann mit den kaukasischen 
Mo0x0ı wohl nichts zu thun und Josephos behielte gewissermassen 
Recht, wenn er die Tun der Bibel mit den Kappadoken gleich- 
setzt?), obwohl sein Grund, der Namensanklang von "272 an 
Me£ax« schon darum hinfällig ist, weil Mazaka gerade nicht zum 
ursprünglichen Kappadokien gehörte, 

Die weitern Schicksale des Reiches der Muski sind uns bis 
jetzt nicht bekannt. Teile des Gebietes nördlich vom Halys 
werden späterhin Iskallü, dem König von Tabal, und dann 
Mukallu, dem Begründer des kilikischen Reiches, gehorcht haben. 
Allein dasselbe war naturgemäss den Einfällen und Verheerungen 


1) Altoriental. Forsch. II. Reihe Bd. I Heft 3, 131. 


?) Wenn wir umgekehrt bei Winckler S. 136 lesen, dass die 
Grenze von Muski „also von Norden nach Süden um das 
spätere Kappadokien herumläuft‘“, so ist dies wieder ein 


Beweis für die leider so häufige Flüchtigkeit des allzu produktiven 
Verfassers. 


3) Jos. ἀρχ. α ὃ 125. Philostorg. hist. ecel. 9,12. Vgl. Ramsay 
2.2. 4 303. 


112 J. Μαγαυδτί, 


der Kimmerier (Gimirräja) und Skythen in viel höherem Masse 
ausgesetzt als das Reich Kilikien. War ja doch das Hauptlager 
der Kimmerier, welche ich als Verwandte der Zaveouarar 
γυναικοκρατούμενοι betrachte (vgl. Diod. β 45, 1), bei Themiskyra. 
am Thermodon, und ihre Herrschaft muss doch nachhaltige 
Spuren hinterlassen haben, wenn noch die christlichen Armenier 
im 5. Jh. ganz Kappadokien mit dem Namen Gamerk* „Kimmerier“ 
nennen!). Die Skythen aber (assyr. As-gu-za-ara?) oder A3-ku- 
ca-ara ἃ. i. Askucaza — iran. "Skuca, hebr. 388 für τὴ δ), 
die Besieger der Gimiräja, betrachteten sich als Rechtsnachfolger 
derselben, bis sie, als sie den Assyrern gegen die Koalition der 
Meder und Babylonier zu Hilfe kommen wollten, von Kyaxares 
aufs Haupt geschlagen wurden (um 607). Nach dem Falle 
Ninives aber fiel das bisher von den Skythen beherrschte Gebiet 
bis zum Halys ohne weiteres den Medern anheim. | 

Wie diese das neue Gebiet organisierten, darüber wissen 
wir nichts. Nach dem Sturze des Astyages waren die Perser 
die Rechtsnachfolger der Meder geworden, und Kyros war nicht 
gewillt, auf eines seiner Rechte zu verzichten. Als Kroisos sich 
anschickte, sich des herrenlosen Landes zu bemächtigen, fand er 
denn auch Widerstand, obwohl Herodot anzudeuten scheint, dass 
die Kappadoken selbst nur gezwungen sich daran beteiligten ?). 
Das Land oder der medische Statthalter desselben scheint sich 
demnach alsbald nach Astyages’ Sturze dem Kyros freiwillig 
unterworfen zu haben. Jedenfalls setzt die Erzählung Herodots 
voraus, dass beim Anmarsche des Kroisos ein Statthalter des 
Kyros daselbst gebot. Nach der Niederwerfung des lydischen 
Reiches fassten die Perser sämtliche Länder von der Grenze 
Kleinarmeniens bis zum Hellespont, welche bei ihrer Eroberung 
keine selbständige staatliche Existenz mehr besassen, zu einem 
einzigen Verwaltungsgebiete zusammen und unterstellten es einem 
Satrapen, der seinen Sitz in Daskyleion am Hellespont hatte und 
auch die Oberaufsicht über den Dynasten von Paphlagonien führte. 
Der Grieche nannte es deshalb die daskylitische Satrapie, die 


1) Die armenische Form Gamörk‘ setzt nicht die im gr. Κιμμέριοι 
und in der gewöhnlichen assyrisch-babylonischen Form Gimirraja 
vorliegende Namensform mit / in der ersten Silbe voraus, sondern eine 
solche mit a in erster Silbe, die in der That auch im Assyrischen als 
mät G’a-mir (schon unter Sargon) erscheint. Vgl. P. S. B. A. 1895, 
p. 222. 226. Das Γαμέρ = "22 der O hat längst de Lagarde 
verglichen. 

5). Vgl. H. Winckler, Altor. Forsch. VI, 484ff. Ich glaube 
den Namen der Askucäia noch in dem tanaitischen Personennamen 
Σκόξος Latyscheff II 404 wiederzuerkennen (oben $. 79 Anm. 4). 
Der Name der in Kleinasien zuerst bekannt gewordenen Σιχύϑανι ist 
erst von den Milesiern auf die gleichartigen pontischen Σικόλο-τοι über- 
tragen worden. 


3) Συρίους τε οὐδὲν ἐόντας αἰτίους ἀναστάτους ἐποίησε Her. 1, 76. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 113 


Perser nach dem ihnen zuerst bekannt gewordenen Gebiete 
Katpatuka. Es versteht sich von selbst, dass dieses weite Gebiet 
zum Zwecke der Verwaltung wieder in kleinere Distrikte, so- 
genannte Hyparchien, zerlegt werden musste. 

Bei Ktesias (Pers. ecl. 16) begegnet uns zum erstenmal ein 
Satrap von Kappadokien, Ariaramnes, der unter Dareios I. eine 
Rekognoszierungsfahrt nach dem Skythenlande gemacht haben soll. 
Derselbe ist indessen höchst wahrscheinlich nur aus der Zeit des 
Verfassers in die Vergangenheit projiziert, und wir werden 
sicherer gehen mit der Annahme, dass dieser Satrap erst etwa 
unter Dareios II. gelebt hat, und Kappadokien erst um diese 
Zeit zu einer besondern Satrapie erhoben wurde!). Die Erzählung 
des Ktesias zeigt den Satrapen noch im Besitz der pontischen 
Küste, die im Jahre 401 den Persern verschlossen war. Aus 
Anab. 1, 2,20 erfahren wir, dass das Gebiet von Jdva d. 1. 
Dvana — Τύανα, assyr. (Ethnikon) Tunaza(?)?) zu Kappadokien 
gehörte, und im Epilog der Anabasis wird Kappadokien und 
Lykaonien als eine Satrapie betrachtet, als deren Satrap Mithridates, 
wahrscheinlich der Freund des Kyros (Anab. 2, 5,35. 8, 8, 2. 4. 
6. 3, 4, 2) genannt wird. Ausser dem Gebiete der Matiener, das 
wahrscheinlich die Strategie Morimene südlich vom Halys ein- 
schloss, umfasste Kappadokien jetzt also noch einen weitern 
Landstrich im S. des Flusses, der im W. von der Salzwüste 
Axylos, im S. und O. vom Königreich Kilikien begrenzt wurde. 
Es sind die spätern Strategien Garsauritis und Tyanitis. Dass 
aber diese auch noch in späterer Zeit eine gewisse Sonderstellung 
einnahmen, beweisen einige Kupfermünzen, besonders zwei des 
kappadokischen Fürsten Ariaramnes (4PIA0). Allein diese Gebiete 
haben, wie wir oben sahen, wahrscheinlich bereits dem Könige 
Mitä von Muski gegen Ende des 8. Jhs. v. Chr. gehorcht. 

Wir sehen somit, dass das Gebiet nördlich vom Halys ein- 
schliesslich der Landschaften Morimene, Garsauritis und Tyanitis 
im S. des Flusses und die Länder südlich des Halys oder das 
Königreich Kilikien mindestens vom letzten Viertel des 8. Jahr- 
hunderts bis tief ins 3. Jh. v. Ch. hinein eine getrennte politische 
Entwicklung durchgemacht haben. Wenn daher Strabon berichtet: 
τὴν δὲ Καππαδοκίαν εἰς δύο σατραπείας μερισϑεῖσαν ὑπὸ τῶν 
Περσῶν παραλαβόντες [Μακεδόνες περιεῖδον τὰ μὲν ἕκόντες τὰ δ᾽ 
ἄκοντες εἰς βασιλείας ἀντὶ σατραπειῶν περιστᾶσαν. ὧν τὴν μὲν 
ἰδίως Καππαδοκίαν ὠνόμασαν καὶ πρὸς τῷ ΤἸαύρῳ καὶ νὴ Jia 
μεγάλην Καππαδοκίαν, οἵ δὲ τὴν πρὸς τῷ Πόντῳ Καππαδοκίαν ?), 
so ist diese Behauptung streng historisch falsch. Die Übertragung 


Y» Vgl. J. urn Die Assyriaka des Kiesias. Philol. 
Suppl. Bd. VI, 2. 5.6 


=. Tiol. Pil. III Ἰὰς 53. K.B. 131. 
3) Strab. ıß 1,2 p. 533. 
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 8 


114 J. Marquart, 


des Namens Kappadokien auf das sog. „eigentliche“ oder Gross- 
kappadokien (richtiger Neukappadokien), dessen Mittelpunkt die 
durch Datames mit Kappadokien vereinigte, ehemals zu Kilikien 
gehörige Landschaft Kilikien am Argaios bildete, beruht darauf, 
dass die Dynastie des Datames nach der Katastrophe Ariarathes 
I. (322 v. Ch.) sich hier eine neue Herrschaft gründete, während 
Alt-Kappadokien am Pontos von der Dynastie der Pharnaspiden 
von Kios okkupiert wurde. Es liegt aber Strabons Angabe die 
richtige Thatsache zu Grunde, dass das „eigentliche“ oder Neu- 
Kappadokien aus lauter ehemaligen Gebieten des alten Königreichs 
Kilikien gebildet war, während Kappadokien am Pontos der alten 
Satrapie Kappadokien entsprach. Darauf deuten vielleicht auch 
seine Worte: χαὶ ἡ Καππαδοκία δ᾽ ἐστὶ πολυμερής τε καὶ συχνὰς 
δεδεγμένη μεταβολάς. 


1) Diodor 81,19 kennt bekanntlich eine lange Reihe von Königen 
Kappadokiens, die angeblich schon in achaimenidischer Zeit regiert 
haben sollen, mit folgendem gefälschtem Stammbaum: 


-------Ξὄ-Ξ-ἝἝ-ὄἝ-.--.- 
1. Φαρνάκης Ἄτοσσα Kambyses 
| 
2. Γάλλος Kyros 
| 
3. Σμέρδις 


4. ᾿Δρτάμνης 
5. Avapäs ἃ, einer der 7 Perser 
6. De β 

1. ἀτάμς. ὁ ὁ ἸἈριμναῖος 

8. AN 50 J. 


—— TE ee — θυ .. 
9. Apıaoddng ἃ Ὀλοφέρνης, Heerführer in Agypten 
unter Ochos 
m ς-Ὸ — 
10. ᾿ἀριαράϑης P, adoptiert ᾿Δρύσης 


von seinem Oheim 


“ὉΠ ΞΘ 
11. Aeıduvns 2 Söhne 
| 
12. ᾿ἀριαράϑης 7, Gem. Stratonike, T. des Antiochos II. Theos a. 257. 


Dieser Stammbaum ist bereits in diesen Unters. I 1—28 analysiert 
worden. Dazu ist noch hinzuzufügen, dass Sisines (nn), des Datames 
Sohn, und sein mütterlicher Grossvater Μνϑροβαρ ξάνης (lies Midgo- 


βουξάνης, “:ΤἼΞ 2; vgl. über beide Namen diese Unters. 1 68f. und 
meine Fundamente israelitischer und jüdischer Geschichte 8. 51—54) 
auch vom Verfertiger der Korrespondenz zwischen Sisines, dem 
Satrapen von ‘Abar Nahrä, und Dareios (Ezrä 5, 3—6, 13), die in 
einem Erlass des Dareios zu gunsten der Juden gipfelt, verwandt 
worden sind. Der Verfasser konnte selbstverständlich den zu seiner 
Zeit über ‘Abar Nahrä waltenden Satrapen Mazdai nicht brauchen, 
wenn er sich nicht verraten wollte, und so griff er zum Satrapen 
Kappadokiens, den er in die Zeit Dareios’ I. verlegte und zum Satrapen 


EP de 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 115 


Über die ethnographischen Verhältnisse von Kappadokien 
berichtet uns Strabon, dass das ganze Gebiet, welches im 8. vom 
kilikischen Tauros, im Ὁ. von Armenien und Kolchis und den 
dazwischenliegenden fremdsprachigen Völkerschaften, im N. vom 
Schwarzen Meere, im W. von den Paphlagonen, Galatern, Lyka- 
onern und den Einwohnern des rauhen Kilikiens begrenzt werde, 
von einer gleichsprachigen Bevölkerung bewohnt war. Καὶ 
αὐτῶν δὲ τῶν ὁμογλώττων --- so fährt er fort — οὗ παλαιοὶ τοὺς 
Κατάονας καϑ' αὑτοὺς ἔταττον, ἀντιδιαιροῦντες τοῖς Καππάδοξιν 
ὡς Eregosdvicı, καὶ ἐν τῇ διαριϑμήσει τῶν ἐθνῶν μετὰ τὴν 
Καππαδοκίαν ἐτίϑεσαν τὴν Καταονίαν, εἶτα τὸν Εὐφράτην καὶ τὰ 


ς 


πέραν ἔϑνη, ὥστε καὶ τὴν Μελιτηνὴν ὑπὸ τῇ Καταονίᾳ τάττειν, ἣ 


von “"Abar Nahrä machte. Die ganze Korrespondenz ist also im 4. Jh. 
gefälscht. Wollte man dennoch einen echten Kern derselben annehmen, 
so wäre man zu der Hypothese gezwungen, dass im ursprünglichen 
Texte der richtige, aus einer Keilschrifttafel vom 16. Tasrit des 3. Jahres 
des Dareios bekannte Name des damaligen Satrapen von Babylon und 


“Abar Nahrä, jNnON* — babyl. U&ta-an-ni (KB. IV 5. 304/5) ἃ. 1. ap. 


Ustäna gestanden habe, den der UÜberarbeiter nicht verstanden und in 
den Namen des zu seiner Zeit regierenden Satrapen von Kappadokien 
nm geändert hätte. Mithrobuzanes, des Datames Schwiegervater, 
welcher dessen Reiterei befehligte, gieng in einem schwierigen Feldzu 

mit seinen Truppen zum Feinde über, allein Datames setzte ihm nac 

und wusste es durch ein geschicktes Manöver zu bewerkstelligen, dass 
die Feinde sich von den UÜberläufern verraten glaubten und nun auch 
ihrerseits auf sie einhieben. So zwischen zwei Feuer geraten, erlitten 
die Verräter trotz aller Tapferkeit gewaltige Verluste, und mehr als 
10000 sollen die Walstatt bedeckt haben Darauf liess Datames durch 
Trompetensignal seine Soldaten von der Verfolgung zurückrufen. 
Von den übrig gebliebenen Reitern zog sich ein Teil zu Datames 
zurück und erbat hing die übrigen aber verhielten sich abwartend, 
da sie nicht wussten, wohin sie sich wenden sollten, und wurden 
zuletzt, gegen 500 Mann stark, von Datames umzingelt und nieder- 
geschossen (Cornel. Nepos, Dat. 6. Diod. 15, 91). Nach Diodor erfolgt 
der Abfall des Mithrobuzanes in dem Kriege gegen des Königs 
Feldherrn Artabazos, nach Nepos dagegen in einem Feldzuge gegen 
die aufrührerischen Pisider, die bereits des Datames Sohn Arsideus 
getötet hatten. Das nächstliegende wäre nun anzunehmen, dass Mithro- 
buzanes bei seinem vereitelten Verratsversuche gefallen sei, allein 
weder bei Diodor noch bei Nepos findet sich eine ausdrückliche Angabe 
über sein Schicksal. Dagegen schliesst sich bei Nepos unmittelbar an 
den Verratsversuch des Mithrobuzanes die Erzählung vom Abfall des 
Sysinas, des ältesten Sohnes des Datames. Ich halte es deshalb für 
möglich, dass Mithrobuzanes begnadigt worden oder entkommen ist 
und sein Enkel Sisines mit ihm gemeinschaftliche Sache gemacht hat. 
Dass dieser zum Lohn für seinen Verrat später die Satrapie seines 
Vaters erhielt, wird durch die Münzen mit der Legende 700 29 
— ἐποίησε Σισίνης bewiesen. Der ebenfalls durch Münzen mit aramäischer 
Aufschrift bezeugte Ariarathes I. (MS) kann nicht etwa ein 
Bruder von ihm sein, sondern gehört derselben Generation an wie 
Datames, da er im J. 404 geboren ist. Er wird also ein Schwager des 
Datames sein. 

8* 


116 J. Marquart, 


μεταξὺ κεῖται ταύτης TE χαὶ τοῦ Εὐφράτου συνάπτουσα τῇ Kou- 
μαγηνῇ . . .. οὔτε δ᾽ ἐκ τῆς διαλέκτου διαφορᾶς τινος ἐν τούτοις 
πρὸς τοὺς ἄλλους Καππάδοκας ἐκφαινομένης οὔτε ἐκ τῶν ἄλλων 
ἐθνῶν ϑαυμαστὸν πῶς ἠφάνισται τελέως τὰ σημεῖα τῆς ἀλλοεϑνίας ἢ). 
Das Richtige ist vielmehr, dass die Namen Κατάονες und 
Καππάδοκες nur Gau-, nicht Völkernamen sind. Da diese 
Stämme aber so lange Jahrhunderte hindurch eine getrennte 
politische Existenz führten, so kann ihre ethnologische Einheit 
nicht ein Produkt der politischen Entwicklung sein, sondern muss 
bereits vor dem Ende des 8. Jhs. bestanden haben. In dieser 
Zeit treffen wir aber sowohl nördlich wie südlich vom Halys 
das Volk der Tabal oder Tibarener, deren Name sich in späterer 
Zeit freilich nur im äussersten Norden und Süden?) des einst 
von ihnen besetzten Gebietes erhalten hat. Mit grösserer Be- 
rechtigung dürfte man demnach, wie es scheint, die Bevölkerung 
der beiden Kappadokien unter dem Namen Tabal oder Tibarener 
zusammenfassen ?). Freilich wissen wir über die ethnographische 
Stellung der letztern sehr wenig; die von ihnen berichtete 
Männercouvade*) zeigt nur soviel, dass sie noch auf einer sehr 
niedern Kulturstufe stehen geblieben waren. Auch die von de 
Lagarde zusammengestellten kappadokischen Glossen lehren uns 


Mit Hilfe der Bruchstücke der Historiker, besonders bei Cornelius 
Nepos, und der Münzen lässt sich demnach etwa folgendes Stemma 
der Satrapen von Kappadokien in persischer Zeit herstellen: 


Korylas, 1. ᾿Δἀριαράμνης 1. 
Dynast von um 410? (Ktes.) 
Paphlagonien 
nn 
Orvs Seythissa Camisares, 2. ΜΜιϑριδάτης 
Hyparch von Kilikien 401 (Xen.) 
Thuys | am Argaios Μιϑροβου ξάνης 
| (Hann) 
nen meta mn [u [— 
? 
3. Datames (2,10) Tochter 5. ᾿ἀριαράϑης ἃ 
Satrap von Kappadokien, + 362 (MAIS) 404— 


. 322, mit seiner 
ganzen Familie 


m m gekreuzigt 
4. Sysinas (700, nn, Arsideus, 
Ziclvns) + um 368 Mi#o0ßov&dons, 
ἡ 334 


ΤΙ] 
6. ᾿ἀριαράϑης β 302—ca, 280. 


1ὴ Strab. ıß 1,1. 2 p. 538. 
2) Noch Cicero (ad fam. 15, 4) erwähnt die Tibarani als ein 
wildes Bergvolk in der Nähe der Eleutheroeilices. 


2) Vgl. Ed. Meyer, Gesch. des Königreichs Pontos 5, 14. 
Gelzer, Kappadokien und seine Bewohner. AZ. 1875, 14—26. 
Schrader, Keilinschriften und Geschichtsforschung 155—162. 


4) Apoll. Rhod. B 1011ff. Zenob. paroem. 5, 35. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 117 


über den Charakter der kappadokischen Sprache so gut wie 
nichts. Von viel grösserer Wichtigkeit für die Feststellung der 
ethnologischen Zugehörigkeit der „Kappadoken* wäre die DBe- 
antwortung der Frage, in welchem Verhältnis die Tabal zu den 
Chettitern stehen, deren Reich im zweiten Jahrtausend sich ohne 
Zweifel bis in die Halyslandschaften erstreckt hat. Gerade in 
Kataonien hat sich ja eine ganze Reihe der sog. chettitischen 
Inschriften gefunden, wenn sie auch in Alt-Kappadokien — 
abgesehen von Boghaz-köi und Üjük im Matienergebiet — bis 
jetzt völlig fehlen. Waren die Tabal etwa ein eingedrungenes 
Eroberervolk, das sich als wenig zahlreicher Herrenstand, als 
eine Art Kriegsadel inmitten einer allophylen altchettitischen 
Bevölkerung bis ins 7. Jahrhundert behauptete, ähnlich wie die 
Chettiter in den nordsyrischen Staaten? Dann würde sich sehr 
leicht erklären, dass die Tabal im grössten Teile von Kappadokien 
schon zur Zeit Ezekiels spurlos verschwunden sind (Ez. 32, 26): 
sie waren eben in der alteinheimischen Bevölkerung aufgegangen, 
so gut wie die Chettiter in den Aramäern von Nordsyrien, oder 
wie die Goten, Franken, Langobarden in den Romanen. Jedenfalls 
weisen die Ortsnamen auf -vdog, -νδὰ und -σσος, -σα auf 
einen alten Zusammenhang des Grundstockes der kappadokischen 
Bevölkerung mit der von Westkleinasien (Kilikien, Pisidien, Lykien, 
Karien etc), die wiederum, wenn Bugge’s Hypothese sich 
bestätigt), mit den Armeniern nahe verwandt ist. So deckt sich 
z. B. der südkappadokische Ortsname Istunda?) völlig mit 
dem pamphylischen ”Aonevdos, auf Münzen Eorfeduvg ἃ. 1. 
Estvedijus —= ᾿Δοπένδιος ᾽). 

Darnach müssen wir erwarten, im Kappadokischen eine mit 
dem Lykischen verwandte, vielleicht indogermanische Sprache zu 
finden). Die fremdartigen Elemente, vor allem die eigentümlichen 
Zahlwörter, wie lingri 6, tatli 7, matli 8, welche sich in einem 
nördlich vom Tauros gesprochenen neugriechischen Dialekte vor- 
finden), können dann nicht aus der altkappadokischen, sondern 
höchstens aus der Sprache der in die Berge des Tauros zurück- 
gedrängten Tibarener stammen®). Dagegen versprechen die von 


») Vgl. 5. Bugge, Lykische Studien I S. ff. 70ff. (Viden- 
skabsselskabets Skrifter. Il. Hist.-fillos. Kl. 1897 Nr. 7. Christiania 1897). 
[Vgl. aber jetzt die lichtvolle Abhandlung Vilh. Thomsen’s: Etudes 
lyeciennes I. Extrait du Bulletin de l!’Acad. royale des Sciences et des 
lettres de Danemark 1899.] 

3) Tiglp. III Ann. 53. KB. I 31. 

Ve Buügge a. ἃ. 0.813. 

Ὁ Ebenso Six brieflich. 

5) Karolidis, Movo. καὶ βιβλ. IV 478, Vgl. Tomaschek, 
Die alten Thraker 13. Kretschmer, Einleitung in die Geschichte 
der griechischen Sprache 399. = 

6) Nach Tomaschek ἃ. 8. Ὁ. sind sie freilich „offenbare UÜber- 
bleibsel der uralten kappadokischen Sprechweise“. 


118 J. Marquart, 


Chantre in Boghaz-köi ausgegrabenen Keilschrifttäfelchen für 
unsere Frage von grosser Wichtigkeit zu werden). 

Ich wende mich nun zu den von Levidhis mitgeteilten 
Inschriften. Leider hat er von denselben nur Abschriften, keine 
Abklatsche oder Photographien angefertigt. Es sind folgende: 


1. Arebsun (Zoropassos). 


„Fläche eines Granitsteins, 7 Spannen lang, 3 Spannen breit 
und 8 Zoll hoch. In der Mitte die Sonne mit Strahlen, im 
Mittelpunkte derselben eine Traube, an der Spitze ein Adler mit 
geöffneten Flügeln, die mit dem Kopf und dem Schwanze zu- 
sammen die Form eines Kreuzes bilden, und bei dem Adler ein 
Ibis mit langem Schwanz, unterhalb des Schwanzes 6 Vertiefungen’). 
Rings um die eine Seite ein Lorbeerkranz, ein Schaf, eine Ziege, 
ein Löwe, ein Kamel, ein Büffel, ein Habicht, der einen Hasen 
ergreift?), und auf der andern Seite zwei Menschen in Vorder- 
ansicht, sämtlich in Relief, und eine dreizeilige Inschrift.“ 

Dieselbe läuft von rechts nach links und enthält 59 bezw. 
60 erhaltene Zeichen, von denen 3 in der Zeichnung punktiert 
sind. Man sieht sofort, dass man aramäische Schrift vor sich 
hat; das ἢ, Y, P, 1 sind vollkommen deutlich. Allein 
=, 7,7 und 7 lassen sich gar nicht auseinanderhalten, auch 
" und ἃ sind nicht sicher zu scheiden. Die Abschrift ist offenbar 
viel zu ungenau, um als Basis für eine Entzifferung dienen zu können. 


Dreimal findet sich ein Zeichen AY-, das ich für eine Ligatur ansehe. 
Dieser und der folgende Stein stammen von dem oben 
erwähnten Hügel beim Dorfe Karadza-Sar. 


2. Arebsun. 


Abgerundeter zerbrochener Syenitstein. Derselbe zeigt ein 
Pferd und einen Kranz mit Binden, in dessen Mitte einen Stern, 
nach rechts eine Ente®), nach links zwei geschlossene Hände, deren 
Finger leicht zu unterscheiden sind. 

a. Quer darüber findet sich eine vierzeilige Inschrift von 
108 erhaltenen Zeichen. Ein Buchstabe scheint zerstört zu sein. 
Die vierte Zeile erreicht den rechten Rand nicht. 


1) Vgl. vorläufig Sayce, Proceed. of the Soc. of Biblical 
Archaeology Nov. 1898. [Soeben läuft die Notiz durch die Zeitungen, 
dass nach einer Mitteilung Levidhis’ kürzlich auch in einem Hügel 
bei Kaisarije, in der Nähe der türkischen Dörfer Baler und Karomb, 
neben andern Spuren des Altertums Grabmäler-Inschriften mit keilschrift- 
ähnlichen Zügen auf kleinen, viereckigen, luftgetrockneten und ge- 
brannten Ziegeln gefunden "worden seien. Die Umschau, 14. 
Juli 1900, Nr. 29 Sp. 575/76). 

2) (Val. Smirnow bei Lidzbarski a. a. O. 5. 62.] 

8) [Seite ὃ: Smirnow ἃ. 8. Ο. 8. 61.] 

4) Levidhis schreibt νύσσα für νῆσσα. [Auch Lidzbarski S. 64 
A.3 erklärt den Vogel für eine Ente.] 


νυν εν“ -' νὰν Ὁ ΨΌΨΗΣ γἘΠρπππ 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 119 


b. Dieser gegenüber findet sich eine zweite vierzeilige In- 
schrift von ‘80 Zeichen, bei welcher die 3 letzten Zeilen den 
rechten Rand nicht erreichen. 

Beide Inschriften scheinen demnach rechtsläufig zu sein, 
wenn anders der Stein nicht rechts beschädigt ist, obwohl 
die aramäischen Zeichen, soweit sie sich identifizieren lassen, 
linksläufig gezeichnet sind. Auf der andern Seite des Steines 
sind fünf Fische, ein Wolf, zwei Menschen!) und andere Buch- 
staben derselben Art eingemeisselt. Ausser den in der 
ersten Inschrift vorkommenden Zeichen findet sich hier eine 


Anzahl neuer, wie A, IT, Y, 1,53%, 4; H und 


vor allem die griechischen Buchstaben K und X. Allein die 
Buchstaben scheinen hier viel nachlässiger gearbeitet zu sein als 
auf dem ersten Steine. Da aber unser Gewährsmann von der Schrift, 
die er vor sich hatte, begreiflicherweise keine Ahnung besass und sogar 


_ an die Möglichkeit denkt, dass es Hieroglyphen sein könnten, so 


ist es selbstverständlich, dass seine Abschriften dieser ihm gänzlich 
unbekannten Charaktere notwendig unbrauchbar sein müssen, so 
gut wie z. B. die älteren Abschriften etruskischer Inschriften, 
und eine Reproduktion derselben hätte keinen Zweck gehabt. 
Dies soll natürlich kein Tadel gegen den um die Geschichte 
seiner Heimat so verdienten und unermüdlich thätigen Priester sein. 
Es verdient noch erwähnt zu werden, dass eine Mischung ara- 
mäischer und griechischer Zeichen auch auf Münzen von Side in 
Pamphylien nachgewiesen ist. Vgl. J. P. Six, Monnaies grecques, 
inedites et incertaines. Extrait du Num. Chron. 1897 p. ὅ 

Diese 3 Inschriften wurden schon am 21. Januar 1897 
(a. St) an Dr. Zimmerer gesandt. Leider haben es auch 
Dr. Zimmerer und Dr. Oberhummer auf ihrer Reise versäumt, 
Abklatsche von denselben zu nehmen. [Die beiden Steine haben 


. bereits eine kleine Geschichte. Sie sind jetzt nach Konstantinopel 


geschafft worden und aus den Abklatschen und Photographien, 


die Lidzbarski von dort erhalten hat, ergibt sich, dass die 


selben weit mehr Inschriften enthalten als man nach Levidhis’ 
Angaben annehmen würde. Sobald Lidzbarski von allen Seiten 
der Steine Abklatsche und Photographien erhalten hat, wird er 
das ganze Material publizieren. Einstweilen sehe man seine Mit- 
teilungen Ephemeris der semitischen Epigraphik I 1 S. 59 —74. 

Damit der Leser einen Begriff von dem Grad der Zuverlässigkeit 
von Levidhis’ Kopien erhält, habe ich mich nachträglich entschlossen, 
dieselben hier mitzuteilen. (Siehe 5. 120.) 


1) [Vgl. Smirnow 8. 8. Ο. S. 63 unten.] 


.. 


J. Marquart, 


120 


YUhrA DR hrs ΤᾺ 


army μήγε VAL N nm μὰ ruby 
Nm Abs mhvn mh UM, 


ἜΚ 
πηϑαθαῦ 


ee vusnZ ı 4 AU bh 4“ κψ 
Yfrhhurihnar a ir ufıkhbu Yruyını 
RN Υ Ὁ δ ἢ δα ἢ α 4 ἢ τ ΔῊ Χμ τ την y° 
R 1 ει un ΔΑΓ Age han ıhabbxy Zuyıvk: 
Yakkır „L-Uhktu,tıry ΕΣ τσ 
Sn yhAb Melia 4 πὲ χα Hu 


..'n... 


GUN. TI 5 ΙΒ ΒΟ ΖΡΙΓΓΈΞΕΞ 


Ἵ τπβαθαῦ nah -ρυλ ΤΠ κα΄, 5 μῖχ ιᾷ n 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 121 


Nr.1 ist von Lidzbarski a.a.0. 8.71 Nr. 2. 8. 72/73 
nach einem Abklatsch publiziert worden. Aus seiner Abbildung 
ersieht man, dass es sich thatsächlich um zwei verschiedene 
Inschriften in verschiedenem Duktus handelt. Man erkennt 
65 Zeichen, von denen die der ersten und dritten Zeile voll- 
kommen klar zu lesen sind. Zeile 1 liest L., zum Teil in Über- 
einstimmung mit Clermont-Ganneau: 

BosntRan na in Da ae 

und übersetzt: „... gemacht bei der Vermählung Bels, des 
Grossen, des Königs“. Zeile 2 ist ziemlich beschädigt und 
erlaubt noch kein zusammenhängendes Verständnis; doch erkennt 
man im Anfang das Wort my Ahuramazda. Zeile 3 zeigt 
in dreimaliger Wiederholung das Wort 97 * Ann Mow-atr-d(ä)re. 
Dieses lässt eine doppelte Deutung zu: als Dwandwa-Compositum 
— „des Magiers und Feuerhüters* (mow + ütr-däre) oder als 
Tatpurusa — „des Hüters des Magierfeuers“ (mowätr + dare). 
Letztere Auffassung wird durch die Interpunktion mehr em- 
pfohlen. Dann wird aber bereits hier die Beziehung der drei 
Hauptfeuer auf die drei Stände (Adur-farndbag, das Magierfeuer, 
in Kärijan in Pärs, Adur-gusnasp, das Kriegerfeuer, in Gangak in 
Atropatene und Adur- Burzinmehr in Rewand bei Nesapür) 1) implieite 
vorausgesetzt. Das Wort mowätr-dära ist ein Compositum von 
mowältr- + dära, wie xO7n"o fräta-dära auf den stachrischen 
Münzen — ap. fräta „Feuer“ (in Doara--peovns, Doara-yovvn), 
arm. Arat (Justi, Iran. Namenbuch 105a) + däara, 7u777n® 
sadr-d(A)r-än, pahlawik (atropatenisch) ποτὶ ch3adr-d(a)r-in 
(Inschrift von Hagtabäd), np. SahrıJar — ap. *chsadtra-dara. Die 
Form mow für moy aus *ma%yu finden wir in dem Titel 
ım wi-Suitg ρδεμ ἔρια Elise 124, lauf wu päungkın 
Lazar P’arp. 262, in den Akten der Martyrer von Karchä de 
Bed Selöch bei Moesinger, Monum. Syr. φῦ, Payne- 
Smith 1435 ZYsas, lies 00; vgl. G. Hoffmann, 
Auszüge S. 50 N. 458. Die Genitivform stimmt zu den kappa- 
dokischen Monatsnamen Mıiden, Zavdeoıoon ἃ. i. ἘΞαϑρηορὴ = 
Ohsadr& warje.] 

3. Bilinguis. 

Der Fundort dieser Inschrift ist von Zindzi-därä (Φλαβιαναί 
nach L.) 30 Stunden entfernt, Lage und Name werden aber von 
L. nicht näher angegeben. Der Ort wird wie folgt beschrieben: 
„Es ist eine natürliche Brücke, die eine Länge von 100 m und 
anfangs. eine ebensolche Breite hat, die sich dann verengt. Auf 
dieser Brücke befinden sich mit Cement gebaute, in Ruinen 
liegende Mauern. Gegen Osten ist eine Stelle, die mir die Stelle 


1) Vol. G. Hoffmann, Auszüsre 2831—293. 296—297. 
&g ) 8 


122 J. Marquart, 


eines Tempels zu sein schien, mit zwei durch Menschenhand 
aufgerichteten und skulpierten Felsblöcken. Auf einem derselben 
sind zwei Lager für umgestürzte Säulen oder Standbilder aus- 
gehauen, in der Mitte aber sind zwei Tafeln eingemeisselt, eine 
über der andern, auf welchen in 15 cm. grossen Buchstaben zwei 
Inschriften stehen, die eine in griechischen, die andere in 
„kappadokischen* Buchstaben.“ 


a. Die griechische Inschrift steht auf der ersten Tafel und 
umfasst 6 Zeilen: 


CATTAPIOC Σαγγάριος 
MAIANOY Meı&vov 
CTPATHIOC στρατηγὸς 
APIAPAMI ᾿Δριαράμ[νη] 

Ο. MAT. ΕὙΟΘ. ς. μάγ(ος) εὐσε(βὴς) 
ΜΙΘΡΗ͂ι": Μίϑρῃ. 


b. Die „kappadokische* Inschrift steht auf der zweiten Tafel. 


TAHTISIA AI ΠΤ ΕΞ 


Dieser Fels war verdeckt von Felsen und Schutt, die von 
dem darüberliegenden Hügel herabgerutscht waren. Nachdem L. 
aber bis Mannshöhe gegraben hatte, fand er diese Inschriften. 
Die „kappadokische* Inschrift setzt sich noch weiter fort, allein 
ein grosser Stein, der vom Hügel herabgestürzt war, hielt den 
übrigen Teil bedeckt und L. hatte nicht die nötigen Hilfsmittel 
bei sich, um den Stein zu sprengen; er meint jedoch, zur Not 
könnte er mit Pulver gesprengt werden, wozu wir allerdings 
nicht raten möchten. 

Σαγάριος findet sich als Personenname CIG. 4083 (aus Pessinüs) 
[, ΖΣαγάρις bei J. G. C. Anderson, Exploration in Galatia cis 
Halym. JHS. 1899 p. 308 nr. 250]. Den Namen αιάνης kann 
ich nicht belegen, dagegen sind Maıdarng (Vater eines Menophilos 
aus Eusebeia; Inschrift des 1. Jhs. v. Chr. aus Anisa bei 
E. Curtius, Monatsber. ἃ. Berl. Ak. 1880, 646 und sonst) = 
Mah-däta „vom Mond geschaffen“, αι-βουξάνης (Inschrift von 
Komana, BCH. 1883, 130) und Maıpdrns (Grabinschrift von 
Tokat CIGr. III nr. 4184 — Athen. Mitth. XIV, 316 und in Delphi, 
Wescher et Foucart, Inseript. recueillies ἃ Delphes 1863 p. 112 
n. 189, 5, [als Frauenname Meugdreig in Ilghin J.G.C. Anderson, 
A summer in Phrygia. JHS. 1898 p. 123 nr. 71]) = Maähpäta 
„vom Mond beschützt“ bekannt!). Vgl. Justi, Namenbuch 


2) [J. @. C. Anderson, JHS. 1893 p. 123 sieht in Maı- den 
Namen der vorzugsweise im kappadokischen Komana verehrten Göttin 
Mä&. Vgl. aber das Verhältnis zwischen Μαιδάτης und dem Namen 
seines Sohnes Μηνόφιλος in der angeführten Inschrift aus Anisa.] 


δι u δ. u . «Δ, 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 1923 


185 Ὁ. 188a. ’Aoıwoduvns wird von Ktesias bereits ein an- 
geblicher persischer Satrap von Kappadokien unter Dareios I. 
genannt!), und so hiess bekanntlich der zweite Fürst des wieder- 
hergestellten Ariarathidenhauses. Der Name kommt auch auf der 
Nordseite des Pontos, in Pantikapaion vor (Bas. Latyscheff, 
Inscriptiones Graecae orae septentrionalis Ponti Euxini II nr. 141). 
Dass der Magier einen iranischen Namen trägt, ist nur billig. 
Für den Mithraskult in Kappadokien verweist unser Gewährsmann 
noch auf seine (neugriechisch geschriebene) Kirchengeschichte von 
Kappadokien ὃ. 30—33, sowie auf die jetzt CIL. III 6772 
publizierte lateinische Inschrift. 


Bei der aramäischen Inschrift fällt sofort des Ὁ ins Auge; 
der folgende Buchstabe ist =. Wir müssen also hier den Namen 
Meı&vng erwarten, persisch wohl 7% *Maährdäan; der Buchstabe 
A bezeichnet demnach hier wie auf den Goldstateren des Wach$uwarja 
(ca. 250 v. Chr.)?) und auf den stachrischen Münzen aus dem 
2. Jh. v. Chr.?) das Jod. Dürften wir annehmen, dass die Inschrift 
in aramäischer Sprache abgefasst ist, so müssten wir vor dem 


ἡ das Wort μυ == erwarten, allein der Buchstabe vor n ist 
nach der Abschrift entschieden kein Y. Der erste erhaltene 


Buchstabe nach rechts ist, wie mir auch Six und Nöldeke 
vorschlagen, wohl ein Ὁ, was besonders durch die Varianten der 
Sisines-Münzen empfohlen wird®). Der dritte Buchstabe vor 


ἡ ist ein durch Ligatur mit einem vorhergehenden oder ἃ 


verbundenes 5). Wir erhalten dann für den Anfang der Zeile die 
Lesung... ΠΏ (??)a2 3:0. In den 5 letzten Buchstaben muss 
das Äquivalent für στρατηγός stecken. An dieser Inschrift können 
wir uns so recht überzeugen, wie unzulänglich diese Abschriften 
sind und sein müssen. In der Lücke rechts mag noch eine 
Weiheformel gestanden haben. Eine noch verschüttete Zeile 
muss die Übersetzung der 3 letzten Zeilen des griechischen 
Textes enthalten und würde uns vor allem die auch für die 
Münzschrift so wichtigen Buchstaben = und 5, sowie 7 und N 
liefern. Diese Inschrift wurde von Levidhis zuerst an Herrn 


DB 5.118. 

er Nüum. Chron,. 1879, p.4 Pi Το ἢν. 2. 8. 

8.2. B. Levy, ZDMG. XXI (1867) Taf. I (S. 460) Nr. 2. 

4) Vgl. J. P. Six, Num. Chron. 1894, 302—305. 

5) [Six wollte ihn als D auffassen. Ein ähnlicher Buchstabe 
findet sich zweimal in einer der von Lidzbarski veröffentlichten 
Inschriften von Arebsun a. a. Ὁ. 5. 71 Nr. 1: Z. 1 in dem Worte 
Hn-mnnN und Z.2 in dem Worte "5 ΤΠ. Ich glaube, dass wir 2 
zu lesen haben, also INENNTN — ap. *achtara-cidra „vom Samen der 
Sterne“; vgl. ΩΣ ΩΣ Midra-Citra „von Mithras Samen“ CIS. II 1,1 
p- 97 nr. 102.]. 


124 J. Marquart, 


Karolidis in Athen und am 27. April (9. Mai) 1898 auf seine 
Bitte an Dr. Zimmerer abgeschickt. 


4. Barach. 


Grabstein mit der Inschrift: 

Στατία Δόμνα Φλαβίῳ ᾿Ιουλιανῷ ἀνδρὶ χρηστῷ καὶ Στάτιος 
Φαῖδρος Καπουλιανὸς (Ὁ) καὶ Μάρκολλος τῷ ἕαυτῶν πατρί. 

Nur in Kursive und ohne alle weiteren Angaben mitgeteilt. 

Die Richtigkeit des Namens MAPKO_AAOC bezweifle ich; es 
wird wohl einfach MAPKEAAOC auf dem Steine stehen. Ein 
Cognomen Capulianus ist mir unbekannt. Ich vermute KAI 
IOYAIANOC für KANUOYALANOC. Dann sind Statius 
Phaedrus, Julianus und Marcellus die Söhne der Statia Domna 
und des Flavius Julianus. 


5. Tatlar. 


Marmorstein mit der Inschrift: 

Τίτος καὶ ᾿Δἀπολλώνιος Σοσικλέους Δίκνῳ τῷ ἀσυνκρίτῳ πατρὶ 
καὶ Ἴλῃ μητρὶ χάριν μνήμης. 

Nur in Kursive und ohne weitere Angaben. 


Die Namen Lixvos und Ἴλη sind mir sonst nicht bekannt. 
Die Ausdrucksweise der Inschrift ist merkwürdig, aber nur so 
zu erklären, dass der Vater zwei Namen trug, einen barbarischen 
und einen hellenischen. 


6. Tatlar. 
Marmorstein mit der Inschrift: 
Ποππώνιος Πρόκλῳ. 
Nur in Kursive und ohne weitere Angaben. 


Nr. 4—6 sind schon am 21. Januar 1897 a. St. an 
Dr. Zimmerer gesandt worden. 


7. Zweisprachige Inschrift „auf Felsen auf kleinen erloschenen 
Kratern, 9 Stunden von Zindzi-därä, da wo am Wege die 
erloschenen Krater des Argaios gefunden worden sind: 


AONTINS EPTOAABS Aoyyivov ἐργολαβοῦ 


BIER ΠΕ ΒΗ, Τοδὴ Bros’. 
ὍΛΗΣ ὙΠΘΉΡΕ CHAIS 2... Βα]σηλίου 
ΚΟ. ΒΟΗΘΗ TO κύριε, βοήϑει τῷ 


βίρμβοε, 1, ΓῚ φυν ΓΤ ΩΡ’. μα υν νυ ΗΒ ἢν τ 
μρι πη ΠῚ... Phb2pr--.-IPP*rh%, 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 195 


Unter den Felsen, welche diese Inschriften tragen, haben 
sich 7 alte Cisternen gefunden. Levidhis glaubt deshalb, dass 
der in der griechischen Inschrift genannte Longinos ein Unternehmer 
war, welcher den Bau dieser Cisternen und des dabeiliegenden 
Bassins übernommen hatte und dazu die Hilfe des Herrn erflehte. 

Die Zeichen der „kappadokischen Inschrift“ sind grösstenteils 
armenisch, und zwar im sogenannten Bolorgir, wie fr ἔν nm, 
2, ps ἐμν m, 7 + Daneben finden sich aber wieder Zeichen, 


die so wie sie dastehen, keine armenischen Buchstaben sind. Hier wie 
bei der folgenden Inschrift bezweifle ich, dass die Sprache armenisch 
ist. Auch hier kann die Abschrift einen Abklatsch nicht ersetzen. 


8. Scwghen (vielleicht alt Σαβάγηνα). 
δι η 1 4 δῷ ΖΡ 
σ΄ -n:ayL Tg Junyu 


Hier ist auch Levidhis die Ähnlichkeit der Buchstaben 
mit den armenischen aufgefallen, und er zweifelt daher, ob die 
Inschrift „kappadokisch“ ist. 


Ausser 4, fs 4 ı] , o finden sich hier die kursiven 
Zeichen $ » 4» πν u, daneben aber auch unarmenische Zeichen, 
wie 7, und im Anfang drei griechische Buchstaben. 


9. DIATOYKAAMZO 
NTIELXAPIXEBWBAOTQKP KO 
ΕΠ Τ ᾧ + AMOYZ 
N 
2 a ν a 


Bei dieser Inschrift wie bei Nr. 11 enthalte ich mich jeder 
Vermutung. 


Bei Nr. 9—11 fehlt jede Angabe der Herkunft ete. 


10. CIAAHL | TMH 
MAPKON | MATHL 
"ER: NOIKI 


.AWLOBHP 
NOTEN BNE N 
Σίλλης Σίλλης 
Μᾶρκον Mayns 
Γ]αΐου Z ἐν οἰκί 


ἡ νοβι ον) Ηρ | [e?.... 


αἸγινέα 


126 7. Marguart, 


Ein Ort ’Hole]yıw« ist mir allerdings nicht bekannt. Vgl. 
aber die Ortsnamen Zaßdynve in Laviansene (Ptol.), Σαδάγηνα 
(Ptol.) oder Zoß«ynv« (Sterrett, Epigraphical Journey in Asia 
Minor p. 232) in Sargarausene, ’Eßdynv«e oder Zeßdyyve in 
Kilikia (Ptol., vgl. Ramsay p. 305), Euagina (Tab. Peut.), Ptol. 
5, 4 p. 329, 23 Φουβάτηνα lies Φουβάγηνα in Galatien (aus 
Fuagina für Euagina und ᾿Εβάγηνα kontaminiert) ἢ). 


11. 


[Ähnliche Kreuze finden sich auf Grabsteinen aus dem 
alten Prasmon und dem Dorfe Emir Ghazi in Galatien. Vgl. 
J. G@. C. Anderson, Exploration in Galatia eis ἕω. JHS. 
1899 p. 60. 57 nr. 27 

Nr. 7—11 wurden am 27. April/9. Mai 1898 an Dr. Zimmerer 
geschickt. 

Ausser obigen Inschriften hat Levidhis, wie er berichtet, 
gegen 1000 griechische und lateinische Inschriften in Kappadokien, 
Lykaonien und den umliegenden Gegenden gesammelt, die z. T. 
von europäischen Reisenden inzwischen herausgegeben sind, z. T. 
aber sich noch unediert in seiner Hand befinden. Seine hand- 
schriftlichen Materialien würden nach seiner Angabe vier volle 
Bände füllen. Möchte er uns vor allem Abklatsche oder Photo- 
graphien von seinen „kappadokischen“ Inschriften senden! 


6. Die Chronologie des Kambyses und der Lügenkönige 
und der altpersische Kalender. 


Bekanntlich sagt Her. y 66. 67, dass Kambyses gestorben sei 
βασιλεύσαντα μὲν τὰ πάντα ἐπτὰ ἔτεα καὶ πέντε μῆνας, .... ὁ δὲ δὴ 
Μάγος τελευτήσαντος Καμβύσεω ἀδεῶς ἐβασίλευσε μῆνας ἐπτὰ τοὺς 
ἐπιλοίπους Καμβύσῃ ἐς τὰ ὀχτὼ ἔτεα τῆς πληρώσιος. 


1) Vgl. Ramsay p. 70. 261. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 127 


Das bisher so schwierige Problem der Chronologie des Kam- 
byses und des Magiers ist jetzt bedeutend vereinfacht worden, 
seitdem PräSek und Peiser erkannt haben, dass die babylonischen 
Vertragstafeln, welche nach Kambyses als König von Babylon zu 
Lebzeiten seines Vaters Kuras, Königs der Länder datiert sind, 
nicht, wie man bisher annahm, ins letzte (neunte), sondern in das 
erste Jahr des Kyros nach der Eroberung Babylons zu setzen 
sind!). Darnach wurde Kambyses, wie Weissbach zeigt, am 
3. Nisan des Jahres 1 des Kyros, Königs der Länder zum Unter- 
königs von Babylon gekrönt, und erscheint als solcher noch am 
20./X. seines 1. Jahres. Am 17./I. des folgenden Jahres erscheint 
dagegen bereits wieder Kyros als König von Babylon. 

Der letzte Vertrag aus der Regierung des Kyros datiert vom 
27.|IV. des 9. Jahres, der erste des Kambyses vom 12./VI. seines 
Antrittsjahres. Die drei letzten Daten aus der Regierung des 
Kambyses sind vom IV., vom 3./VIII. und vom 27./XI. des 
8. Jahres, so dass es scheint als habe man dem Kambyses im 
Widerspruch mit Herodot eine Regierung von 81/, Jahren bei- 
zulegen. Allein PräSek ἃ. ἃ. Ο. 5. 19 f. (angeführt von Weiss- 
bach ZDMG. 51, 664) hat bereits betont, dass die ununter- 
brochenen Datierungen seit dem 23./I. des 8. Jahres aufhören, 
während die drei übrigen weit auseinanderliegen und ganz ver- 
einzelt sind. In dem Texte, welcher das Datum IV. Monat des 
8. Jahres enthält, bezieht sich dieses, wie Weissbach zeigt, auf 
den Vertragstermin, während die Abfassung desselben in den 
VIII. Monat, wahrscheinlich des vorhergehenden (7.) Jahres _fällt, 
in dem Vertrag vom 3./VIII. dagegen ist die Jahreszahl ver- 
stümmelt und wohl 5 zu lesen. Somit bleibt das Datum vom 
27.[XI. des 8. Jahres als singuläre, aus besonderen Verhältnissen 
zu erklärende Ausnahme übrig und darf chronologisch nicht be- 
rücksichtigt werden. Aus diesem Sachverhalt hat Weissbach 
bereits geschlossen, dass sich den Vertragstafeln und der Inschrift 
von Behistün?) zufolge für Kambyses eine Regierungszeit von 
7 Jahren 61/, Monaten ergäbe. 

In der Inschrift von Behistün berichtet Dareios, dass der 
Magier sich am 14. Wijachna, der dem babylonischen Adar (XII.) 


1) Peiser, Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft (MV G.) 
II, 1897, 5. 229 ff. V. Prasek, Forschungen zur Geschichte des Alter- 
tums I. Kambyses und die Überlieferung des Altertums. 1897. Letztere 
Schrift ist auf der hiesigen [Tübinger] Bibliothek ebensowenig vorhanden 
als Strassmaier’s Bahylonistte Texte. Vgl. dazu F. H. Weiss- 
bach, Zur Chronologie des Kambyses, ZDMG. 51, 1897, S. 661 ff., 
dem ich obige Angaben entnehme. 


?) Dies bezw. ..) „Ama Böstun aus *Bajistan ist die lautgesetz- 
liche dialektische Form für das alte Βαγίστανα, Bayastäna, Baystän. 
Vgl. \5, Raj: Raya, Sistan, arab.- pers. hmm Sagistan — Σα- 
καστάνη. 


198 J. Marquart, 


entspricht, vom Berge Arkadr:is in der Landschaft Pisijähuwäda 
aus empört habe. „Darauf ward das ganze Volk aufrührerisch, von 
Kambyses gieng es zu jenem über, sowohl Pärs als Medien und die 
übrigen Provinzen. Er ergriff die Herrschaft, am 9. Garmapada. 
Darauf starb Kambyses durch eignen Tod“ (Beh. I 35—-43). 
Über die Zeit, welche zwischen der Erhebung des Gaumäta am 
14. Wijachna und seiner offiziellen Thronbesteigung verstrichen ist, 
lässt sich der Inschrift nichts Sicheres entnehmen, allein wir be- 
sitzen bekanntlich datierte Kontrakte aus seiner Regierungszeit, 
welche zuletzt von Weissbach, Zur Chronologie des falschen 
Smerdis und des Darius Hystaspis ZDMG. 51, 511 ff. erörtert 
worden sind. Drei von den bis jetzt bekannten Texten sind vom 
Antrittsjahre des Barzija datiert, und zwar vom II., 6./III. und 
10./VI., die 10 übrigen Täfelchen datieren nach dem Jahre 1 
und reichen vom 19./I. bis 1.113). 

Es ist dabei auffällig, dass sich unter den 13 Täfelchen kein 
einziges aus einem der letzten 5 Monate findet. Da nun Herodot 
und die spätern Griechen dem Gaumäta übereinstimmend 7 Monate 
geben, so hat Oppert gewiss mit Recht geschlossen, dass in 
diesem Falle Antrittsjahr und Jahr 1 zusammenfallen, und da die 
drei Texte, welche vom Antrittsjahre datieren, sämtlich aus Babylon 
selbst stammen, so erklärt er jene Differenz einleuchtend durch 
die Annahme, dass man in der Provinz die Regierung des 
Barzija von seiner Erhebung am 14. Wijachna (Adar) an rechnete, 
so dass die Zeit vom 14. Adar bis zum 1. Nisan als sein Antritts- 
jahr und die Zeit vom 1. Nisan bis zu seinem Tode als sein 1. Jahr 
galt, während man in Babylon selbst anfangs den Tag seiner 
feierlichen Krönung am 9. Garmapada zum Ausgangspunkte nahm, 
so dass das am 1. Nisan begonnene Jahr als sein Antrittsjahr 
gerechnet wurde?). Dabei erhebt sich gleich die Frage, was wir 
unter der „Ergreifung der Herrschaft* im Gegensatze zur „Er- 
hebung“ näherhin zu verstehen haben. Dies kann, wie mir scheint, 
nicht zweifelhaft sein: nur die Einnahme der Hauptstadt von 
Anzan, dem Stammlande des Kyros?), und damit die Gewinnung 
der ältesten Provinz des Reiches kann einen solchen Ausdruck 
rechtfertigen. | 


1) [Dazu kommen jetzt noch zwei Täfelchen aus Philadelphia 
vom En und 15./VI. des Jahres 1. Vgl. Weissbach, ZDMG. 
ὅδ, 207. 


5. J. Oppert, Le Canon des dates babyloniens. Comptes rendus 
de l’Acad. des Inscript. et belles lettres 1892, p. 410 ss.; Les inseriptions 
du Pseudo -Smerdis et de l’usurpateur Nidintabel, fixant le Calendrier 
perse. Actes du VIIIe Congres des Orientalistes. Section semitique B, 
Leide 1893, 253—264. Vgl. meine Fundamente israelitischer und jü- 
discher Geschichte 5. 50 Anm. 1. 


2) Nabünäideylinder I 28-- 84, Nabünäid-Kyros-Chronik II 3—4. 
KB UI 2, 99. 131. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 129 


Wenn wir also bereits einen Vertrag vom 19./I. des Jahres 1 
des Barzija besitzen und auf einem andern noch am 23./I. nach 
dem Jahre 8 des Kambyses datiert wird, so folgt daraus, dass 
am 19. Nisan des 8. Jahres des Kambyses Barzija bereits in 
einem Teile Babyloniens als König anerkannt war, während 
man in einem andern Teile noch am 23. desselben Monats an 
Kambyses festhielt. Da nun der Ajaru (= ®@ürawähara) und der 
Simanu (= @äigartis) bereits ihre inschriftlich bezeugten alt- 
persischen Äquivalente haben!), so ergab sich daraus, dass der 
persische Garmapada, in welchem Gaumäta offiziell den Thron 
bestieg, dem babylonischen Nisan entsprechen muss?). Dazu 
stimmt auch der Name: garma-pada — Fuss oder Boden der 
Hitze im Gegensatz zum Kopf oder Gipfel der Hitze (*garma- 
sara) im Ab und Tammüz. Justi, ZDMG. 51, 247 hat den 
Namen richtig mit gr. πέδον, lat. peda Fussspur zusammen- 
gebracht, aber unrichtig aufgefasst. 

Das letzte Täfelchen aus Barzijas Regierung ist vom 1./VII. 
seines 1. Jahres, am 10. Bägajädis wurde Gaumäta ermordet. 
Daraus habe ich früher geschlossen, dass der Dagajadıs dem baby- 
lonischen Tisrit (VII) entsprechen müsse?), und diese Gleichung 
dann weiter gestützt durch den Nachweis, dass der Bägajädis 
der Monat des Opfers des daga κατ᾽ ἐξοχήν d. 1. des Mithra ist, 
welcher bei den Sogdiern nach demselben Feste, dem späteren 
Mihragan Μιϑράκανα, den Namen „ix: Vayakan führte ®). 
Oppert und Justi®) haben dann ebenfalls die Identität des 
Bagajädis und Tisrit behauptet, die Weissbach neuerdings be- 
streitet, offenbar ohne meinen Artikel im Philologus Bd. 55, 231 £. 
zu kennen. 

Nach der Ermordung des Gaumäta warf sich, wie Dareios 
angibt, in Susiana A®rina und in Babylon Nidintu-Bel unter dem 
Namen Nabu-kudurri-ugur zum König auf (Beh. I 72—81). Wir 
besitzen Urkunden aus der Regierung dieses Nabukudurucur, in 
welchen Itti-Marduk-balätu, Sohn des Nabu-ache-iddin aus dem 


1) Vgl. meine Assyriaka des Ktesias. Philologus Suppl.-Bd. VI, 2, 
S. 634 und Anm. 490 und jetzt Weissbach, ZDM@G. 51, 5611 N. 1. 


3) Die Assyriaka des Ktesias S. 633. Unters. zur Gesch. von Eran 
I 63 = Philologus Bd. 55, 231. 

3) S. Assyriaka des Ktesias 5. 633. Diese Schrift ist im Februar- 
März 1892 der Tübinger philosophischen Fakultät als Dissertation vor- 
gelegt und im Laufe dieses Jahres gedruckt worden. Ich konnte also 
damals Opperts Kongressvortrag, der im Jahre 1893 erschien, selbst- 
verständlich noch nicht kennen, und sehe mich genötigt zu betonen, 
dass meine Untersuchungen von Opperts Darlegungen völlig un- 
abhängig sind. 

4) Unters. z. Gesch. von Eran I 64. 

5) Actes du 1116 Congres des Orientalistes, Sect. semitique B, 256. 
Justi, ZDMG. 51, 234. 247. 


Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 9 


130 J. Marquart, 


Hause Egibi als Zeuge auftritt, welcher zuletzt am 14./XII. des 
1. Jahres des Dareios erscheint. Dieselben erstrecken sich vom 
10./VII. bis zum 20./IX. des Antrittsjahres des Nabu-kudur-ugur. 

Ob zwei andere Texte, welche vom 14./VI. und 16./VII des 
Jahres 1 des Nabu-kudurri-ugur datiert sind und in denen Marduk- 
nacir-aplu, der Sohn des genannten Itti-Marduk-balatu als Zeuge 
fungiert, der Zeit dieses oder des zweiten falschen Nabu-kudur- 
ucur, des Armeniers Aracha angehören, bleibt vorläufig unsicher”). 
Doch ist mir ersteres unwahrscheinlich. Man müsste nämlich in 
diesem Falle ebenfalls annehmen, dass das Anfangsjahr und Jahr 1 
zusammenfielen, wofür indessen hier die thatsächliche Unterlage, 
nämlich der wirkliche Regierungsantritt kurz vor oder unmittelbar 
nach dem Neujahr fehlt. Ist nun der BägajädiS dem TiSrit gleich- 
zusetzen, so muss sich Nidintu-Bel, entgegen der Angabe des 
Dareios, bereits vor der Ermordung des Gaumäta gegen diesen, 
nicht erst gegen Dareios, empört haben, da bereits am 10./VIL, 
und wenn jene beiden Täfelchen aus dem 1. Jahre des Nabu- 
kudurugur in seine Zeit fallen sollten, bereits am 14./VI. nach 
Nabukudurugur datiert wird. 

Sehen wir nun zu, wie sich dazu die für Kambyses und 
den Magier überlieferten Zahlen und Daten verhalten. Die Datie- 
rungen aus Kambyses’ Regierung laufen ununterbrochen vom 
12./VI. des Antrittsjahres bis zum 23./I. des 8. Jahres, allein be- 
reits am 14. Wijachna (Adar, XII. des 7. Jahres) erhebt sich der 
Magier, und am 9. Garmapada (= Nisan) besteigt er offiziell den 
Thron. Vom ersten Datum des Kambyses bis zum 9. Garmapada 
τες Nisan des 8. Jahres erhalten wir somit 7 Jahre und 7 Monate 
(6 Monate + [29/30 —11 =] 18/9 + 8 — 26/7 Tage), bis zum 
letzten Datum des Kambyses 7 Jahre 7 Monate und 11/12 Tage 
gegenüber Herodots 7 Jahren und 5 Monaten. Bis zur Erhebung 
des Magiers dagegen beträgt die Summe allerdings nur 7 Jahre 
und 6 Monate (6 Jahre + 6 Mon. 18/9 Tage + 11 Mon. 13 Tage). 
Von der offiziellen Thronbesteigung (9. Garmapada — Nisan) bis zu 
seiner Ermordung (10. Bägajadis — Tisrit) würde die Regierungs- 
zeit des Magiers genau 6 Monate betragen, von seiner Erhebung 
an gerechnet dagegen 6 Monate und 25/6 Tage (29/30 —13 — 
16/7 + 9). Überdies war das Jahr 7 des Kambyses angeblich ein 
Schaltjahr, wie auch das Anfangsjahr des Da welches 
mit dem Jahre des Barzija und dem 8. Jahre des Kambyses zu- 
sammenfällt?). 


1) Weissbach S. 515. 


2) Oppert, ZDMG. 51, 155. 156. [Vgl. jetzt über diese beiden 
angeblich οἰ Ἀπ όκεαῖα δε: Schaltjahre Weissbach, ZDMG. 55, 
208, und besonders F. X. Kugler, ZA. XVII, 1903, S. 218-217. 220 ff, 
welcher nachweist, dass in der astronomischen Tafel Strassmaier, 
Cambyses Nr. 400 "keine gleichzeitige Urkunde, auch keine einfache 
Abschrift einer solchen, sondern eine weit spätere Überarbeitung alter 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 131 


All das ist indessen nicht imstande, Herodots Ausdruck zu 
erklären, dass die 7 Monate des Magiers das 8. Jahr des 
Kambyses vollmachten. Nach älterer babylonischer Rech- 
nung zählte Kambyses nur 7 Jahre, da die 61/,—7 Monate seines 
Antrittsjahres chronologisch dem Jahre 9 des Kyros eingerechnet 
wurden. Die spätere babylonische Rechnung dagegen, welche in 
der Perserzeit die Usurpatoren nicht anerkennt, rechnet das Jahr 
des Barzija und Nabukudurriugur (Nidintu-Bel), das Anfangsjahr 
des Dareios (vom 1. Nisan 522 bis letzten Adar 521) konsequent 
dem Kambyses zu, so dass dieser 8 Jahre erhält. So Berossos 
bei Alexander Polyhistor (Euseb. Chron. I 29, 34 Schöne) und 
der Ptolemäische Kanon. Allein die Angabe Herodots setzt ein 
Jahr voraus, das nicht mit dem Nisan, sondern mit dem Tisrit 
begann. Das Richtige hat bereits Floigl geahnt!), der freilich 
darin irrt, dass er schon das altpersische Jahr für ein Sonnen- 
jahr von 12 X 50 + 5 Tagen hält, aber insofern der Wahrheit 
sehr nahe kommt, als er das altiranische Jahr mit dem Herbst- 
äquinoktium beginnen lässt. Er beruft sich dafür auf eine Tra- 
dition, welche diesen Jahresanfang als frühere Einrichtung bezeugen 
soll, hütet sich aber wohlweislich, für diese Behauptung einen 
Beleg zu geben?). Vermutlich ist er dem D. Petavius gefolst, der 
in seinem Rationarium temporum Lib. I 15 voraussetzt, dass der 
Anfang des persischen Jahres auf den Anfang des September ge- 
fallen sei, und bemerkt: Quid in causa Persis fuerit cur in Calendas 
Septembris epocham figerent, nemo quod sciam, causam exponit. 
Diese Annahme des Petavius beruht aber auf einem gröblichen 
Missverständnis einer Stelle des al Faryänı (p. 5 ed. Golius), wie 
schon Thomas Hyde gezeigt hat), und bezieht sich überdies 
auf das später bei den Persern übliche jungawestische Jahr 3). 
Als Epoche des letztern galt aber das Frühlingsäquinoktium >). 

Begann das altpersische Jahr mit dem Bägajädis —= Tisrit, 
so laufen die Jahre des Kambyses vom 1./VII. des 9. Jahres des 


Beobachtungen vorliegt und die Angabe, dass das 7. Jahr des Kambyses 
einen zweiten Adar gehabt habe, gleich andern Fehlern der Tafel 
irrigen Theorien des Bearbeiters ihren Ursprung verdankt. Man braucht 
sich daher nicht weiter dabei aufzuhalten, dass die Tafel nicht bloss 
einen Aiaru (Rs. Z. 3), Abu (eb. Z. 8. 10) und Ululu (eb. Z. 3) des 8., 
sondern sogar noch einen Aiaru des 9. Jahres (Z. 11) kennt.] 

1) V. Floigl, Cyrus und Herodot 8.79 Α. 8. 83 Α. 8. 


2) Bei Brissonius, De regio Persarum principatu, findet sich 
keine Silbe über das altpersische Jahr, obwohl er über die Feste der 
Perser handelt. 


®) Historia religionis veterum Persarum ed. 2, Oxonii 1760, p. 184. 


*%) Dieselbe Verwechslung des altpersischen mit dem jungawesti- 
schen Jahre lässt sich noch Oppert, ZDMG. 52, 269 zu schulden 
- kommen. 


5) Berüni, Chronologie 8. fo, 2f. = 55,5 ff. der Übs. 
9% 


139 J. Margquart, 


Kyros bis zum 29./30. XI. des 7. Jahres des Kambyses nach 
alter babylonischer Rechnung. Der Monat Wijachna (Adar), in 
welchem sich Gaumäta erhob, wird bereits diesem angerechnet, 
wie ja auch die babylonischen Texte, welche sein 1. Jahr nennen, 
voraussetzen. Kambyses regiert also nach persischer Rechnung in 
der That 7 Jahre und 5 Monate, der Magier vom Wijachna (Adar) 
des 7. bis zum 29./30. VI. des 8. Jahres des Kambyses genau 
7 Monate und wird, wie Herodot sagt, im achten entlarvt. 

Der 1. BägajäadiS ist das altpersische Neujahr; der Zeitpunkt 
der Ermordung des Usurpators war mit Bedacht gewählt worden: 
unmittelbar danach wurde das uralte 5tägige Fest bagajada „das 
Opfer des Baga“ d. i. des Mithra gefeiert, woraus in der grie- 
chischen Überlieferung durch Missverständnis das Fest μαγοφόνια 
geworden ist!). Diesen altpersischen Namen des Mithra bewahrt 
noch der Name des Dorfes Dagajari& in Dergan, wo ein altes 
Heiligtum des Gottes Mirh — Mithra stand?), das schon in 


1) Her. 3, 79. 80, ebenso Ktes. ecl. 15. 


2) Agathang. 593/94 — Lag. 68, 1-3: „Er kam, gelangte zum 
mihrischen Tempel, des sogenannten Sohnes des Aramazd, ins Dorf das 
sie das Bagajaric (Dagajaric-n) nennen nach der parthischen Sprache“. 
Nach Moses Chor. II 14, der sich auf eine angebliche Tempelgeschichte 
des Priesters Utiup von Ani beruft, soll Tigran eine Statue des He- 
phaistos (Mihr) in Bagajaring errichtet haben. Vgl. dazu Carri£re, 
Les huit sanctuaires de l’Armenie payenne. Paris 1899, p. 12 ss. 


Nach Agathangelos gehörte der Name Bagajarı& der parthischen 
Sprache an. Andere Namen derselben Bildung sind (vgl. S. 104 A. 2): 

Chattojari&E im Gebiete von Karin Steph. Asotik III 15 S. 192. 
43 8. 278; Aristak&s 15. 

Tir-ariE im Gau Bagrevand Joh. Kath. 37; Steph. Asolik Π 2 
S. 81, in der Katholikosliste !der Ζιήγησις bei Combefis, Graecolat. 
patr. bibl. novum auctar. II 289 Κουβαρίτξη (lies Κουκαρίτξη). 

Mikn-arın& Lazar Parp. 5. 470 (= Langlois, Coll. II 338 a), etwa 
2 Par.,von Du in Basean. 

Zit‘-ari£ Seb. 77 in Hasteank‘, bei Steph. Asotik II 2 S. 86 und 
in der Ζιήγησις p. 281 im selben Zusammenhang Kt‘rie, Kıreis, Joh. 


Eph. VI 14. 27 2,40 Qitriz, gr. Kıdagifov Prokop. de Ὁ. Pers. II 24 


p. 261, 17; de aedif. III 2.3. p. 248, 15. 250, 25. 251, 11. 

Kukaj-arie Mos. Chor. III 65 5. 265, Κουκαρίξων Prokop. de aedif. 
III 4 p. 254, 1, Κουβαρίτξη (lies Κουκαρίτξη) Zıny. p. 289. 

Lusat‘-ari© Stadt am Zusammenfluss des Aracani und Euphrat 
Mos. Chor. Geogr. S. 30. 

“υταρ-αρίζων Prokop. de aedif. III 4 p. 353, 15 (westlich von 
Βαιβερδών): καὶ τὸ Avciopuov ἀνενεώσατο πεπονηκὸς ἤδη σὺν τῷ 
“Δυταραρίξων. 

Danach werden wohl auch noch folgende Ortsnamen aus Klein- 
armenien hierher zu stellen sein: 

Καλτ-ιόρισσα 69° 50’ L. 41° 15‘ Br. Ptol. 5, 6 p. 340, 6 ed. Wilberg 
[= p. 885, 8 ed. C. Müller], aber auf der Tab. Peut. XI, 1 ed. K. Miller 
Calcorsissa. 

Τιτ-αρισσός in Melitene 69° 45° L. 39° 45° Br. ib. p. 341, 1 
> p- 887, 11 ed. Müller]. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 133 


achämenidischer Zeit, jedoch erst nach dem Zuge der Zehntausend 
gegründet sein muss. Auch noch in späterer Zeit scheint man 


Ζωπ-άριστος 70° L. 40° Br. ib. p. 340, 27 [= p. 887, 10 ed. Müller). 

Olotoedariza Itin. Anton. p. 81. 96. 102 ed. Parthey & Pinder (νυ. 1. 
olotoaelariza, olutoaelariza, olutoelariza, olocedariza, olotedariza, ole- 
toedariza etc.), 24 mp. von Nikopolis auf der Strasse nach Satala. 

Aladaleariza Not. dign. Or. XXXVIII 17, identisch mit dem 
vorigen. 

Βασγοιδάριξα Strab. ıß 3, 28 p. 555, ein Schloss in Kleinarmenien, 
neben Σινορία erwähnt; vielleicht identisch mit Olotoedariza und Av- 
ταραρίξων, falls es aus BAOTOLdceı&« entstellt ist. Vgl. W. Fabricius, 
Theophanes von Mitylene S. 180. Die Grundform wäre dann etwa 
*Wrltoid-arie, woraus *Wltur-aric, in hellenischem Munde Δυταρ-αρίξων 
entstanden wäre. [Steckt derselbe Ortsname etwa auch in dem Zuta- 
rimaj (für Zutaricaj?) bei Uchtanes II 1 Bd. IH 5 (Brosset, Deux 
histor. armen. p. 279): „Dieser (der nestorianische Chuzik Kis) kam zu 
jenem (dem Katholikos Kiuron von Iberien) aus dem Reiche der Römer, 
aus dem Gau von Kolonia, dem Wohnsitze nach aus dem Dorfe, das 
Zutarimaj heisst, nahe bei Nikopolis, und beide sind am Ufer des 
Flusses Gajl, wie früher gesagt worden ist“ Ὁ 

Die Form Chaltojarit rät, in diesem Namen wie in Bagajarit 
und Kukajarıe genetivische Komposita zu sehen; ein solches steckt 
auch in syr. Semisat aus altarm. *Samaj-$at. Dann erhält man als 
zweites Kompositionsglied arı£, womit der angeblich parthische Ur- 
sprung dahinfällt. Die in Frage stehenden Namen sind, soweit durch- 
sichtig, mit Götternamen zusammengesetzt: Bagaj-arı zu ap. baga — 
Mithra, Chattoj-arıE zu Chaldis, dem Gotte und Eponymos der Chalder. 
Auch in Tir-ari& wird der Gott Tir, bei Agath. 584 gen. Tiur stecken. 
Freilich erwartete man dann *Trarie; vgl. Trpatuni von *Tirpät, 
Trdat aus Τειριδάτης, in byzantinischer Orthographie Τηριδάτης --Ξ- 
ap. Tiri-däta.. Der Umstand aber, dass es ausser dem bekannten 
Bagajaric, Bagarit in Dergan noch zwei andere Orte dieses Namens nw. 
von Ani-Kamach gibt, lässt daran zweifeln, ob das erste Kompositions- 
glied daga- wirklich von vornherein den iranischen Gott Mithra und 
nicht vielmehr einen echt armenischen Gott bezeichnete, der erst 
nachträglich des Namensanklangs wegen mit Baga-Mithra verselbigt 
worden war. Einen ähnlichen Vorgang haben wir ja ohne Zweifel bei . 
der armenischen Anahit, die ihrem Wesen nach eine nationalarmenische 
Göttin ist, die nur den Namen der persischen Anähita angenommen 
hat. In diesem Falle läge es nahe, an den phrygischen Βαγαῖος — Zeus 
(vgl. Kretschmer, Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache 
198 £.) zu erinnern. Doch ist dies zweifelhaft, zumal wenn Βαγαῖος zu 
gr. φηγός „Eiche“ gehört. Zusat‘- gehört zu lojs „Licht“ und ist ge- 
bildet mit Suffix -at‘, wie arc-at‘ „argentum“. Vgl. auch H. Hübsch- 
mann, Die altarmenischen Ortsnamen ἃ. 284. 287. 239—293. 379 £.] 


1) Der Kult des Mithra wurde nebst dem der Anähita zuerst unter 
Artaxerxes 11. offiziell eingeführt. Vgl. dessen Inschriften von Susa 
und Hamadäan, sowie Beross. fr. 16 bei Klemens Alex. Protrept. I 5, 
wonach jener in allen wichtigeren Satrapienhauptstädten Statuen der 
Anähita aufstellen liess. Zu Xenophons Zeit waren Karin und Dergan 
noch im Besitze der Chalyber und Mosynoiken, welche vom persischen 
Satrapen von Westarmenien Tiribazos unabhängig waren (Xen. anab, 
4,5, 84. 6,5; 7,8,25), dagegen ist es sicher unrichtig, wenn es nach 
dem Resume Strabons über die Entwicklung der beiden armenischen 
Königreiche scheint, als ob Karin und Dergan erst nach der Erhebung 


134 J. Marquart, 


Mithra —= Apollon als den daga ἃ. 1. den Spender κατ᾽ 2&0- 
χήν betrachtet zu haben, wie der Name Dhagadatta für den 
griechisch-indischen König Apollodotos im Mahäbhärata zeigt?). 
Die persische Übersetzung des chinesischen .Kaisertitels, Zen-tze 
„Himmelssohn“, indisch devaputra, der seit Kaniska auch von den 
Kuschankönigen usurpiert worden war, durch „us, baypür, 


sogdisch οὐδὲ vayvüur scheint ebenfalls auf die alte Bezeichnung 


des Mithra als dJaya im Sogdischen zurückzugehen. Die Bedeutung 
des Mihragan als ehemaligen Neujahrsfestes spricht sich auch darin 
aus, dass man an demselben den Trägern der Regierungsgewalt. 
Ehrengeschenke darzubringen pflegte, geradeso wie dies beim 
Nauröz üblich war?). Schon Strabon ı« 14, 9 p. 530 weiss, dass 
der Satrap von Armenien seinen jährlichen Tribut von 2000 nisä- 
ischen Fohlen dem Grosskönig auf das Fest Midoaxeve abzuliefern 
hatte, nach welchem der Monat bei den Armeniern Mehekan 
heisst?). Speziell aus Balch ist uns ein solcher Fall aus dem 
Jahre 32 H. (652/53 n. Chr.) nach dem Abschluss der Kapitulation 
mit den Arabern berichtet, obwohl dies Gebiet seit Alexander d. Gr. 
niemals mehr einen integrierenden Teil von Eransahr gebildet 
hatte und die offizielle Religion daselbst um diese Zeit die Lehre 
Buddhas war‘). 

Das Mihragänfest, das am Tage Mihr (16.) des Monats Mihr 
gefeiert wurde, war nach iranischem Glauben von Fredün ein- 
gesetzt worden zur Erinnerung daran, dass an diesem Tage Käwe 
sich gegen den Tyrannen Azdahäk Bewarasp erhoben und ihn ver- 
trieben hatte, worauf er das Volk aufforderte, sich um das Käwe- 
banner zu scharen und dem rechtmässigen Thronerben Fredun zu 
huldigen. An diesem Tage sollen auch die Engel herabgekommen 
sein, um dem Fre&dün zu helfen. Daher ward es Brauch in den 


des Artaxias den Chalybern und Mosynoiken entrissen und armenisch 
geworden wären (Strab. νὰ 14, 5 p. 528). In dieser Stelle sind zwei 
ganz verschiedene Dinge vermengt: die ällmähliche Armenisierung der 
ehemals von fremden unabhängigen Stämmen besetzten Landschaften, 
und das politische Wachstum der neuen armenischen Reiche. Dergan 
und Karin waren schon vor Artaxias von Kleinarmenien aus armenisiert 
worden, worauf auch Strabons Worte hindeuten: Καρηνῖτιν καὶ Jeo- 
ξηνήν, ἃ τῇ μικρᾷ ᾿Αρμενίᾳ ἐστὶν ὅμορα ἢ καὶ μέρη αὐτῆς ἐστι (schreibe 
ἦν Ὅ), aber allerdings von Artaxias seinem Königreich Grossarmenien 
einverleibt worden. Die alten, vielleicht erst iranisierten und dann 
schon vor Artaxerxes II. vorhandenen Heiligtümer der Anahit in Erez 
und des Mihr in BagajariE beweisen aber, dass Kleinarmenien wie 
Der$an im 4. Jahrhundert wieder den Persern gehorchten. 


') Gutschmid, Beiträge zur Geschichte des alten Orients 75. 
?) Berüni "4, 4—5 — 204, 4 ff. der Übersetzung. 
8) [Ich kann jetzt nachweisen, dass der ehemalige Jahresanfang 


mit dem Mehekan sogar noch im armenischen Sprachgebrauch des 
5. Jahrhunderts Spuren hinterlassen hat.] | 


4) Tab. I MY, IE 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 135 


Häusern der Könige, dass bei der Morgendämmerung ein tapferer 
Krieger im Hofe des Palastes aufgestellt wurde, der in den höchsten 
Tönen rief: „Ihr Engel, kommt herab zur Welt, schlaget die Dewen 
und Übeltäter und vertreibt sie von der Welt!“ An diesem Tage 
pflegten die Könige der Sasaniden sich mit einer Krone zu krönen, 
an welcher ein Bild der Sonne und ihres Kreislaufs angebracht 
war. Die Spekulation der Priester hat noch manche symbolische 
Gedanken mit dem Mihragän verknüpft. Besonders ansprechend 
ist die Deutung, welche in demselben ein Abbild von der Auf- 
erstehung und dem Weltende sah, wie im Nauröz ein Abbild des 
Weltanfangs. Am 21. des Monats (Ram-Röz) wurde das grosse 
Mihragän gefeiert zur Erinnerung an die Fesselung des Azdahäk 
durch Fredün!). ZaraduStra soll verordnet haben, dass das Mihragän 
und Raäm-Röz gleichmässig in Ehren gehalten werden sollten. 
Deshalb habe man beide Tage als Festtage gefeiert, bis Hormizd 
b. Sapür „der Held“ (Hormizd I. 272—273) auch die zwischen- 
liegenden Tage zu Festtagen erhob, wie er es mit den beiden 
Nauröz gemacht hatte. Später hätten die Könige und das Volk von 
Iran die ganze Zeit vom Mihragän bis 30 Tage später als Festtage 
gefeiert, indem sie dieselben unter die verschiedenen Klassen der 
Bevölkerung verteilten, von denen jede ihr Fest 5 Tage lang feierte. 

Diese Erklärung der 5tägigen Dauer des Festes ist natürlich 
unhistorisch. Dagegen ist es nach andern Analogien wahrscheinlich, 
dass der Tag Mihr (16.) in älterer Zeit den Abschluss des Festes 
bildete, und dasselbe somit vom 12. —-16. Mihr dauerte. Soviel ist 
aber klar, dass die uns historisch bekannte Zeit des Festes an den 
Tag Mihr gebunden ist und somit die Sitte, die einzelnen Monats- 
tage unter den Schutz besonderer Genien zu stellen und nach diesen 
zu benennen, voraussetzt, von welcher die Inschriften des Dareios 
noch keine Spur zeigen. Es ist daher nicht unmöglich, dass es, 
wie Herodot behauptet, im 6. Jahrhundert am Jahrestage der Er- 
mordung des Magiers selbst (10. Bägajädis) gefeiert wurde, obwohl 
ebensogut denkbar ist, dass diese Angabe nur auf der falschen 
Auffassung des Namens *dagajada als μαγοφόνια beruhte?). Nach 
dem Falle des Gaumäta dauerte die Aufregung, wie Herodot sagt, 


1) Berüni Y}},9 ff. Mas‘üdi, Murüg II 114. III 404. Nach anderer 
‘ Version war das Mihragän selbst dem Gedächtnis der Fesselung des 


Azdahäk geweiht; 5. Tab. IN®.,9: καθ ME (sl paul 1 dad 

ee) SIE UN KEE slaga ea ern, ΟΝ SL νοῦ ἐ 
> gl slow οὐδ 6 2 KT! Kal gas, > abs 

δ) Her. 3, 79: ταύτην τὴν ἡμέρην ϑεραπεύουσι Πέρσαι κοινῇ μά- 

λιστα τῶν ἡμερέων, καὶ ἐν αὐτῇ ὀρτὴν μεγάλην ἀνάγουσι, ἢ κέκληται ὑπὸ 


Περσέων ,“μαγοφόνια᾽ ἐν τῇ Μάγον οὐδένα ἔξεστι, φανῆναι ἐς τὸ φῶς, 
ἀλλὰ κατ᾽ οἴκους ἐωυτοὺς οἱ Μάγοι ἔχουσι τὴν ἠμέρην ταύτην. 


136 J. Marguart, 


noch über 5 Tage!). In der That waren am 16., wenn das Fest 
am 12. begann, seit der Ermordung des Usurpators 7 Tage ver- 
flossen. Herodot 3, 79 bezeichnet die μαγοφόνια als das grösste 
Fest der Perser. In Chwärizm entsprach dem persischen Mihragän 


das Fest Öirs-Röd DE welches am 13. gefeiert wurde 2), 


also dem vorauszusetzenden Beginne des altpersischen dbagajada 
noch näher stand. Am 21. (köm-Roc) wurde gleichfalls ein Fest 
gefeiert. Merkwürdigerweise erfahren wir nichts über ein ent- 
sprechendes Fest bei den Sogdiern, nach welchem doch der Monat 
benannt sein muss. 

Die Bedeutung der That des Dareios in ihrer Wirkung auf 
die religiösen Vorstellungen des Volkes wird also durch die Um- 
stände für uns erst recht klar. Er fühlte sich ohne Zweifel als 
ein neuer Fredün, welcher dem in Gaumäta wiedererstandenen 
Drachen Dahäka, der Verkörperung aller Ungesetzlichkeit und Ge- 
waltthat, den Kopf zerschmetterte. Freilich erschien Gaumäta 
seinen Standesgenossen, den Magiern in ganz anderem Lichte. 
Ihnen war er der Vorkämpfer für die reine Mazdalehre, wie sie 
die Magier Mediens weiter ausgebildet hatten, und im Kampfe 
für diesen Glauben war er als Märtyrer gefallen, wie einst Kawi 
Wistäspa’s herrlicher Sohn Spontödata: deshalb führt er in der 
von den Magiern beeinflussten Tradition geradezu den Namen 
Zpevdadarns (Ktes. Pers. 10—15)?°). 

Jetzt können wir versuchen, den wirklichen Verlauf der Be- 
gebenheiten wiederherzustellen. Gegen Ende seines 8. Jahres als 
König von Babylon, also wohl im Frühling 530, zog Kyros nach 
dem Osten des iranischen Hochlandes, um hier die von den Persern 
unter der gemeinsamen Bezeichnung Saka zusammengefassten räu- 
berischen Steppennomaden, vor allem die Fischesser (Maooayeraı, 
ap. *madtjaka, aw. *massjaka, skyth. *massjagä-t‘ä) um den Aral- 
see zu Paaren zu treiben, welche die benachbarten Kulturoasen von 
Chwärizm, Sogd und Margiana mit ihren Raubzügen heimsuchten. 
Allein in der Steppe zwischen Oxus und Jaxartes ist der grosse 
König im Vorsommer 530, etwa im Simannu (@aigardis) oder 
Düzu, dem Schicksal erlegen‘). Am 12./VI. war die Kunde von 
der Katastrophe bereits in Babylon eingetroffen. Auf jenem ver- 
hängnisvollen Zuge hatte sich nach der ältern Sage vor allen 
Kyros’ jüngerer Sohn Bardija°) ausgezeichnet, welchem es allein 


1) Her. 3, 80: ἐπείτε δὲ κατέστη ὁ ϑόρυβος καὶ ἐκτὸς πέντε ἠμερέων 
ἐγένετο κτλ. 

2) Berüni ΤΠ, 13—14 — 224, 22 ff. 

8) S. meine Fundamente israelitischer und jüdischer Geschichte 
S. 48 Anm. 3. 

4) [Über das angebliche 10. Jahr des Kyros s. Weissbach, 
ZDMG. 55, 210.] 

5) Die genaue altpersische Form ist wohl Draöja, die medische 
hat sich bekanntlich im babylonischen Namen des Usurpators Gaumäta, 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 137 


von sämtlichen Persern gelungen war, den von der Königin der 


Barzija — aw. *barazja erhalten. Der Name hat scheinbar die Form 
eines Ethnikon, wie Kambug-tja, Küru-8 (mit Vrddhi, zu Kurt-), Zoy- 
διανός bezw. Σόγδιος (Pausan. 6, 5, 7), Ktes. Pers. 44—48. 51 Zsxvr- 
διανός mit falschem Nasalstrich für Σοκυδιανός — ap. *Sugud-ija, und 
vielleicht 4uöeyns Thuk. 8, 28, lykisch Humrkka Xanth. Süds. 50 (im 
Akkusativ humrkkä), „milyisch“ umrggaz% Nords. 50, dessen Grossvater 
Wistaäspa Satrap der Baktrier und Saken gewesen war Diod. 11, 
69, 2. Thuk. 1, 115. Ktes. Pers. 20, weshalb die Tee nahe liegt, 
dass er nach den Sakäh Haumawalrgah]| (Audeyıoı) benannt ist, wie der 
Sakenkönig Auöeyns Ktes. Pers. 3.7.8 und der von Dareios bekriegte 
Sakenkönig ‘Oudeyns Polyain. 7, 12 (oben 8.86; Justi, Iran. Namen- 
buch a erklärt den Namen als altp. *humarga „schöne Wiesen be- 
sitzend‘). 

Mit den Habirdip, auch Hal-berdi (Beh. II 7. III 50), Al-la-ber-di 
NR. 17, altsusisch Hal-Habirdipe (Sutruk-Nachunte C 24 bei Weiss- 
bach, Anzanische Inschriften und Vorarbeiten zu ihrer Entzifferung 
Ὁ. 19 — Abhandlungen der sächs. Ges. ἃ. Wiss. Phil.-hist. Kl. XII 2 
S. 155; vgl. dazu Weissbach, Neue Beiträge zur Kunde der susischen 
Inschriften S. 26. 37 — Abh. ἃ. sächs. Ges. ἃ. Wiss. Phil.-hist. Kl. XIV, 7 
S. 754. 765; Jensen, ZDMG. 1896, S. 246; Hüsing, Elamische Studien 
8. 17 — MVAG. III, 1898 5. 295) in Susiana hat der Name Bardija 
nichts zu thun, wie die medische Form zeigt; ebensowenig mit den 
Μάρδοι (Her. 1, 125. Strab. ı« 13, 3. 6 p. 523. 524. ıe 3, 1 p. 727 u. a.) 
in der nach ihnen benannten persischen Landschaft Μαρδυηνή, die bis 
zum Meere reichte Ptol. 6, 4 p. 398,2. Denn die Μάρδοι waren unter 
diesem Namen oder unter der Nebenform "Aucodo: auch im nördlichen 
und östlichen Iran, in Armenien (vgl. den Gau Marda-stan in der 
Provinz Waspurakan Ps. Mos. Chor. Geogr. p. 32, 23 — 43 ἃ. 1705. und 
den Gau Mard-ati in der Provinz Taruberan eb. 31, 12) so gut wie in 
der Umgegend von Amul (*Amrda) in Tabaristän und von Amul am 
Oxus verbreitet (vgl. oben S. 29 A. 57), und ihr Name Mard lebt 
noch bei den arabisch-persischen Genealogen als der des Stammvaters 


der Kurden fort (Mas‘üdi, Kitäb attanbih αἵ, 9. Murüg III 250, 7), die 


sowohl in Persis (in den 01,5) „u2;, 9a0J JiDa9 a. 424) wie in 
Armenien neben ihnen genannt werden (vgl. Th. Nöldeke, Kardü 
und Kurden. Festschrift für H. Kiepert 8.78 £.). 

Aischylos Pers. 774 nennt den Usurpator άρδος, wofür ein 
Scholion im Mediceus Μάρδις lesen möchte. Der Scholiast selbst 
nennt den Bruder des Kambyses nach unbekannten Quellen Μερδίας 
— Brdija, und eine verwandte Form, nämlich Μέρδις setzt auch 
Herodots Σμέρδις voraus. Dieselbe lag wohl auch dem Pompeius 
Trogus vor, dessen Mergidem (Akk.) nur auf Dissimilation für * Merdidem 
— Μέρδιν beruhen wird. Auf die medische Form Brziüja scheint da- 
gegen ein bisher missverstandenes Bruchstück des Hellanikos zurück- 
zuweisen. Am oberen Seitenrande (vor v. 749) findet sich im Mediceus 
das Scholion: Κῦρος πρῶτος προσεκτήσατο Πέρσαις τὴν ἀρχὴν Μήδων 
ἀφελόμενος. Κύρου υἱὸς Καμβύσης, ἀδελφοὶ δὲ κατὰ ᾿Ἑλλάνικον Μάρα- 
φις, Μέρφις. Das Scholion will die Verse 769—777 (nach der Zählung 
Wecklein’s) erklären, in denen wohl von Kyros und seinem Sohne 
Kambyses, sowie von dem Usurpator, der den Namen des Bruders des 
Kambyses (Μάρδος) annahm, die Rede ist, aber nichts von einem 
Bruder des Kyros erwähnt wird. Das Scholion ist also notwendig ver- 
dorben überliefert und herzustellen: Κύρον υἱὸς Καμβύσης, (ΚαμβύσουΣ 
δὲ ἀδελφὸς κατὰ ᾿Βλλάνικον Μάραφις ζκαὶΣ Μέρφις. Diesem Scholion 


138 J. Marquart, 


Fischesser gesandten Bogen bis auf zwei Fingerbreiten zu spannen }). 
Dies verschaffte ihm späterhin im Volksmunde den Beinamen Tanu- 
wazrka (Ktes. Τανυοξάρκης) „von gewaltigem Körper“, welcher 
ihn dem Heros Sijawarsan der Heldensage an die Seite stellte, 
an den er auch durch seinen tragischen Tod in der Blüte der 
Jugend erinnert. Die Volkstümlichkeit, welche Bardija so erlangt. 
hatte, erregte die lebhafte Eifersucht und Besorgnis des neuen 
Köniss. Ob Kyros vor seinem Tode in der That den Bardija 
zum Prinzstatthalter (δεσπότην) der Baktrier, Choramnier, Parthier 
und Karmanier ernannte, wie Ktesias behauptet, lässt sich mangels 
anderweitiger Nachrichten nicht mit voller Bestimmtheit ent- 
scheiden. An und für sich wäre es sehr wohl denkbar, dass er 
auf diese Weise für einen wirksameren Grenzschutz sorgen wollte, 
indem er die militärische und Steuerkraft dieser vier Provinzen in 
einer Hand vereinigte. Allein die ganze Episode, deren Abschluss 
jene Angabe bildet, leidet an einer Reihe von Anachronismen 


verdankt dann weiter der unechte Vers 780: ἔχτος δὲ Μάραφις, ἕβδομος 
δ᾽ Aorope£vns seinen Ursprung. Μάραφις und Μέρφις sind also zwei 
aus den alexandrinischen πίνακες in ein Lexikon übergegangene Les- 
arten des Namens des Bardija bei Hellanikos.. Das Richtige ist wohl 
*Moegıs, eine Umschreibung welche die spirantische Aussprache des 
d nach r, also Bardija voraussetzt, wobei die Spirans δ᾽ durch ῳ 
statt 9 wiedergegeben ist; vgl. phl. Fretön, neup. „Ay = *Orai- 
tauna. Vielleicht geht jene Form aber auch von einer kleinasiatischen, 
der armenischen verwandten Aussprache *BDr2öja mit 2 (dz) aus. 

Ein ähnliches Beispiel für die Ersetzung einer dentalen durch 
eine labiale Aspirata bezw. Spirans scheint bei Strab. ı« 14, 5 p. 528 
vorzuliegen, wo unter den von Zariadris seinem Reiche hinzugefügten 
Provinzen neben Sophene und Ὀδομαντίς auch Augısonvn genannt wird. 
So las Steph. Byz. 5. v. Ἄἄμφισσα, während die Hss. ἀκισηνῆς, die Ald. 
ἀμισηνῆς bieten. C. Müller stellte dafür ἀνϑισηνῆς her nach ᾿ἀνξιτηνή 
Ptol. 5, 13, 8, allein diese Anderung ist zu gewaltsam. Augıol[ojnvn 
geht nicht auf Anzit, Hanzit‘, assyr. Enziti zurück, sondern auf die 
in den assyrischen Inschriften mit letzterem wechselnde Nebenform 
Enzi [vgl. Max Streck, ZA. XII, 91—94]. Die gleichbedeutenden 
Nebenformen Enzete und Enzi wurden später so differenziert, das erstere 


auf das Thal Hanzit‘ am 2,9 ‚25, die zweite auf das Gebiet des 


Flusses von Simkät (Arsamosata), des heutigen Muräd-su, beschränkt 
wurde, das καλὸν πεδίον des Polybios (8, 25, 1), armen. Anzean-Zor. 
Vgl. Tomaschek, Historisch-Topographisches vom oberen Euphrat 
und aus Ost-Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert S. 188. 


ΑΚΙΣηνῆς der Hss. ist also zunächst aus ABıonvijs und dies aus 
Au(g)ıonvijs verdorben. Aug-ıc-nvj steht allerdings für δ᾿ 4νϑ-ισ-ηνή 
und setzt einen armenischen Akk.-Lokativ plur. *Anzi-s voraus, wofür 
später die abgeleitete Nebenform Anze-an (mit Suffix -an, wie Dase-an, 
Φασι-ανή von Φᾶσις) gebräuchlich ist, wie Axıl-ıc-nun — *Akıl-s, 
altarm. gen. abl. Eikel-eac‘, "Avıca — * Ani-s ist. 

1) Die Geschichte ist später nach Afrika übertragen und in den 
äthiopischen Feldzug des Kambyses eingereiht worden Her. 3, 30. Die 
weitere Ausführung dieser Andeutungen muss einem andern Orte vor- 
behalten bleiben. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 139: 


und trägt völlig den Stempel ktesianischer Komposition. Bei 
Ktesias vertritt die Stelle des verhängnisvollen Massagetenfeldzuges- 
ein solcher gegen die Derbiker oder Τερβισσοί ἃ. ἢ. die Bettler'). 
Diese, von indischen Hilfsvölkern mit Kriegselefanten versehen, 
bringen der persischen Reiterei eine schwere Niederlage bei, wobei 
Kyros selbst von einem Inder tödlich verwundet wird. Da er- 
schienen zur rechten Zeit 20000 sakische Reiter unter ihrem 
König ’Auöoyns (Haumawarga), welche den Persern zu einem 
entscheidenden Siege verhalfen. Vor seinem Tode ernannte Kyros 
seinen älteren Sohn Kambyses zu seinem Nachfolger, den jüngeren 
Tanyoxarkes setzte er zum steuerfreien Herrscher der Baktrier, 
Choramnier, Parthier und Karmanier ein, während er seine beiden 
Stiefsöhne Spitakes und Megabernes, die Enkel des Mederkönigs 
Astyages, zu Satrapen der Derbiker und der schon früher unter- 
worfenen Barkanier machte. Die Dienste des Sakenkönigs wusste 
er so zu Schätzen, dass er diesen und seine eignen Erben eidlich 
verpflichtete, sich gegenseitig Freundschaft zu halten (Ktesias 
60]. 6—8). 

Es ist nicht schwer einzusehen, dass die Unterwerfung der 
im 10. und 11. Buche des Ktesias genannten Völker, der ge- 
rechten Avoßeioı zwischen Baktrien und Indien?), der wilden 
Χωραμναῖοι"), der Kaspier und Derbiker erst von Dareios auf 
Kyros übertragen ist. Zu dem von Dareios übernommenen Be- 
stande des Reiches gehörten Gandära, sowie die Saka und Oatagus®). 
Die Eroberung von Gandära durch Kyros wird indirekt durch die 
Angabe bestätigt, er habe die Stadt Kapesa in Capisene im T’ör- 
bandthale zerstört). Uber die Lage von Qatagus wird später die 


1) Ktesias selbst schrieb Τερβισσοί. Die beiden Namensformen 

ehen auf zwei verschiedene, aber gleichbedeutende altiranische Grund- 
ormen *drgw-ika und *drgw-iSija mit sonantischem r zurück, wodurch 
das anlautende τ bei Ktesias erklärt wird. Es sind dies keine eigent- 
lichen Volksnamen, sondern Schimpfnamen mit der Bedeutung „Bettler“, 
womit die Iranier im Naturzustand zurückgebliebene Reste der Ur- 
bevölkerung bezeichneten, die sich vor ihnen in die Gebirge zurück- 
gezogen hatten. Damit sind sowohl die weite Verbreitung dieses Volkes 
als die verschiedenen Namensformen, unter denen es in der Überliefe- 
rung auftritt — ausser den erwähnten noch Dredices Plin.h.n. 6, 48, 
“Ζερβίκκαι, ΖΙερκέβιοι, Zoißvxes Ptol. VI 2 p. 391 — hinlänglich erklärt. 
Natürlich ergibt sich hieraus von selbst, dass die in verschiedenen Ge- 
birgsgegenden erwähnten Derbiker durchaus nicht sämtlich ein und 
derselben ethnischen Gruppe anzugehören brauchen und man zu der 
Erwartung berechtigt ist, die einzelnen Zweige jeweils unter anderen 
Namen wiederzufinden. Ahnlich verhält es sich mit dem Namen 
᾿Δναριάκαι und wohl auch mit den so weit verbreiteten Κάσπιοι und 
“Μάρδοι. 


2) fr. 32 bei Steph. Byaz. 5. v. 
8) fr. 34 bei Steph. Byz. 8. v. 
4) Beh. 1 16—17. II 7—8. 
Dr Plin.h.'n. 6, 92. 


140 J. Marquart, 


Rede sein. Unter den Saka sind hier die sogenannten „Hauma- 
bereiter* Aaumawalrgah]!) zu verstehen, die von den spitz- 
mützigen Saken (Sakah tigrachaudah) jenseits des Jaxartes, welche 
in der spätern Regierungszeit des Dareios unterworfen wurden ?), 
scharf zu trennen sind, obwohl schon Herodot 7, 64 beide zu- 
sammengeworfen hat. Die erstern waren von Kyros nach den 
Baktriern unterworfen worden, wie auch die Barkanier, nach 
Ktesias (ecl. 3. 4) vor, nach Herodots Quelle (1, 153) richtiger 
nach dem Falle von Sardeis. Sehr schwierig ist es, die Wohn- 
sitze der Sakäh Haumawargäh zu bestimmen, die nicht bloss von 
Dareios (Beh. I 16. Dar. Pers. 118. NRa 25/26), sondern auch 
von Hekataios mit Gandhära verbunden worden waren. Dieser 
sagt nämlich in einem Fragment: Κασπάπυρος, πόλις Γανδαρική, 
Σχυϑῶν urn. Die seltsame Bezeichnung der Stadt Kaspapyros 
als Küste der Skythen (Saken) wird später erörtert werden, 
soviel ist aber auch ohnedies klar, dass auch hier die Saken 
nördlich von Gandhära gedacht sind. Nach Ktesias soll Kyros 
am dritten Tage nach seiner Verwundung gestorben sein?), wonach 
die Saken in unmittelbarer Nähe des Schauplatzes der Schlacht 
gegen die Derbiker gewohnt haben müssten, allein auf jene Zeit- 
bestimmung ist nichts zu geben, da der Feldzug gegen die Derbiker 
bei Ktesias poetisch zugespitzt ist. Sonst erscheinen die Saken 
in enger Verbindung mit den Satrapen von Baktrien®) und gelten 
im persischen Heere als Kerntrupped.. Tomaschek sucht sie 
in den heutigen Landschaften Suynan (arab. RR Siginan) und 
Rösnän am oberen Oxus (Pang)®), womit aber schwer vereinbar 
ist, dass Hellanikos ’Awöeyıov als Ebene der Saken bezeichnet 
hatte). 

Die Kaspier sind im Verzeichnis der Steuerbezirke (Her. 3, 93) 
nach der Quelle B mit den Saken als 15. Bezirk zusammengeordnet; 
im Kataloge des Xerxesheeres werden sie unmittelbar hinter den 
Γανδάριον und Ζαδίκαι (7, 67), an einer andern Stelle (7, 86) 
neben den Baktriern aufgeführt, was auf das Land der sog. Käfirs 
oder Sijah-pös sw. von (iträl, die bei den Indern Kamboga 
heissen, passt. Die Kaspier trugen Röcke von Schaffellen und 
waren mit einheimischen Rohrbogen und Dolchen bewehrt. Noch 


1) [Vgl. über den Namen W. Foy, ZDMG. 54, 359.] 
2) Beh. V 21 ff. NR. a. 25—26. 
8) ταῦτα εἴπας ἐτελεύτησε τρίτῃ ὕστερον ἀπὸ τοῦ τραύματος ἡμέρᾳ. 
*#) Her. 9, 113. 7, 64. Arrian 7, 10,5. 
M Er Her. 1,134. 8, 113. 9, 31. 71. Arrian 3, 13. ‚Vgl. Duncker, GA. 
‚569. 
6) Tomaschek, Centralasiat. Stud. I 26. 48 f. 51. II 10. 15 ἢ, = 
SBWA. Bd. 87, 90. 112 £. 115. 


”) Hellan. fr. 171 bei Steph. Byz. 5. v. Auveyıov* πεδίον Σακῶν. 
“Ἑλλάνικος Σκύϑαις. 


y. 


= ee u A ιϑώνα 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 141 


heute kleiden sich die Käfir in Ziegenfelle!). Über ihre Be- 
stattungsgebräuche wird berichtet, sie hätten ihre Eltern, sobald 
sie das siebzigste Lebensjahr überschritten, eingeschlossen und 
so verhungern lassen und alsdann in der Einöde ausgesetzt ?). 
Hierauf beobachteten sie sie von ferne und priesen sie glücklich, 


wenn sie sahen, dass sie durch Vögel von der Bahre herabgerissen 


wurden, weniger jedoch, wenn dies durch wilde Tiere oder Hunde 
geschah, und wurden sie überhaupt nicht berührt, so hielten sie 
sie für unselig?). Diese Bestattungsweise erinnert zum Teil an 
die der Baktrier, welche die durch Krankheit und Alter Ge- 
schwächten besonders dazu aufgezogenen Hunden vorwarfen*), ist 
jedoch humaner als diese). Die Sitte der Kaspier, die Toten in 


1) Lassen, Ind. Altertumskunde I? 514. 

2) Damit ist zu vergleichen die Erzählung des Ktesias 60]. 5 über 
den Tod des Astyages. 

3) Strab. νὰ 11, 3 p. 517. 11,8 p. 520. Dass die östlichen Kaspier 
gemeint sind, wird dadurch nahegelegt, dass ihre Bestattungsweise an 
der ersten Stelle mit der der Baktrier verglichen wird. Da dieselbe 
aber bei Euseb. woor. εὐαγγ. I 4, 7 (nach Bardaigan?) mit jener der 
Hyrkanier zusammengestellt wird und Strabon p. 520 vor ihnen von 
den Tapuren handelt, ist es ebensogut möglich, dass die Kaspier im 
Süden des Kaspischen Meeres gemeint sind oder wenigstens Strabons 


Gewährsmann (Poseidonios) die aus einer alten Quelle stammende 


Nachricht auf jenen Stamm bezogen hat. Letzteres ist mir das Wahr- 
scheinlichere. 

4) Strab. ı« 11, 3. Im Buche der Gesetze der Länder ist dies auf 
die Meder bezogen. 

5) Die Kaspier waren auch humaner als die Hyrkanier, welche 
(die Greise) lebend den Vögeln und Hunden vorwarfen Euseb. zoo. 
edayy. 1 4,7. Man hat daher kein Recht, sie mit den kannibalischen 
Derbikern, Issedonen, Tibetern und Massageten auf eine Linie zu 
stellen, wie Tomaschek thut (Kritik der ältesten Nachrichten über 
den skythischen Norden I 35 f. 46. 62 £.). Plin. h. n. 6, 55 sagt aller- 
dings: Ab Attacoris gentis Thuni et Focari (l. Funi et Thocari) et iam 
Indorum Casiri introrsus ad Seythas versi humanis corporibus vescun- 
tur, allein diese indischen Kannibalen dürfen nicht zu CASPII ge- 
macht werden, da ihr Name bei Plin. 6, 64 als Cosiri wiederkehrt. Die 
Hypothese, dass die Κάσπιοι die Urbevölkerung des Hindukus dar- 


‚stellen, als deren einzige Reste die beherzten Buris oder Kangütı, 


afghänisch Chagüna zu betrachten seien, die sich bis zum heutigen 
Tage in den Thälern von Hunza, Nagar und Jasin erhalten haben und 
eine isolierte Sprache, das Burusaski sprechen, die wie das Baskische 
bis jetzt an keine bekannte Sprachgruppe angeknüpft werden kann 
(Tomaschek a. a. O. 1 42. 62 f. Il 52), hängt somit in der Luft. 
Dagegen kehrt die Sitte der Kaspier, die Toten in der Einöde den 
Vögeln auszusetzen, im Lande des Taxiles wieder, wo der Tote den 
Geiern vorgeworfen wurde Strab. ıe 6, 62 p. 714. Vgl. Lassen II? 154. 
Da wir die Bedeutung und einheimische Form des Namens Κάσπιοι 
nicht kennen, so wissen wir nicht, ob die östlichen Kaspier mit den 
gleichnamigen Stämmen im Süden und Südwesten des Kaspischen 
Meeres, pers. Kasp — arisch *Kaswa neben Käs-ak (vom Volksnamen 
abgeleitete Ortsnamen, oben ὃ. 27 A. 3, also wohl Vrddhiformen Ὁ), 
wie wispa neben wzsa-, irgend etwas zu thun haben. 


142 J. Marquart, 


der Einöde auszusetzen, hat sich aber bis heute bei den Käfirs 
erhalten, welche die Toten in hölzernen Särgen auf den Gipfeln 
(der Berge aufstellen!). Gehören die Kaspier nach Käfiristän, so 
müssen auch die Sitze der Saken westlich von Suynan, etwa in 
Mun$än, Sangli€ und Zebak im Gebiete der Quellflüsse des Kokca 
‚gesucht werden, wo noch heute sogenannte „Pämirdialekte“ ge- 
sprochen werden. Einen naturwissenschaftlichen Anhaltspunkt für 
die Bestimmung des Landes der Kaspier bieten die Angaben des 
Ktesias über die weissen hornlosen kaspischen Ziegen sowie die 
dortigen Kameele, deren Haare an Weichheit selbst die milesische 
Wolle übertrafen: αἶγες δὲ Κάσπιαι γίνονται λευκαὶ ἰσχυρῶς καὶ 
κεράτων δὲ ἄγονοι, μικραὶ τὸ μέγεϑος καὶ σιμαί. Κάμηλοι δ᾽ ἀριϑ- 
μοῦνται πλείους, αἱ μέγισται κατὰ τοὺς ἵππους τοὺς μέγιστους, 
εὔτριχες ἄγαν. ᾿“Απαλαὶ γάρ εἰσι σφόδρα ai τούτων τρίχες ὡς καὶ 
τοῖς Μιλησίοις ἐρίοις ἀντικρίνεσϑαι τὴν μαλακότητα᾽ οὐκοῦν ἐκ 
τούτων οἵ ἱερεῖς ἐσϑῆτα ἀμφιέννυνται καὶ οἷ τῶν Κασπίων πλουσιώ- 
τατοί τε καὶ δυνατώτατοι"). Es ist zu wünschen, dass Forscher, die 
in der Lage sind an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen 
— ich denke vor allem an M. A. Stein — diesen Wink nicht 
übersehen mögen ?). 

Weit roher und ursprünglicher als die Kaspier waren die 
Derbiker. Dürfen wir die Schilderung, welche Strabon nach viel 
älterer Quelle von diesem Volke gibt, auf die Τερβισσοί des 
Ktesias beziehen, so wurden bei diesen die Männer, welche das 
siebzigste Jahr überschritten, geschlachtet und von den nächsten 
Verwandten verzehrt; alte Frauen wurden erdrosselt und dann 
begraben, auch die vor dem siebzigsten Jahre Verstorbenen wurden 
nicht verzehrt, sondern begraben®). Die Übereinstimmung dieser 
Bräuche mit denen der Massageten) ist wohl für Ktesias mit die 
Hauptveranlassung gewesen, den letzten Feldzug des Kyros von 
den Massageten zu den Derbikern zu verlegen®). Sie trugen zum 


1) Lassen, Ind. Alt. I? 520. 

5) Ktes. bei Aelian. hist. an. 17, 34; kürzer bei Apollon. hist. 
mirab. 20. 

8) Dürfte man annehmen, dass Ktesias sich einer Verwechslung 
schuldig gemacht habe und jene geschätzte Wolle nicht von Kamelen, 
sondern von den kaspischen Ziegen gewonnen wurde, so könnte nur 
die Wolle der Schalziege Ladakhs gemeint sein (vgl. Lassen I? 46 ἢ. 
368. II 569) und die Sitze der Kaspier wären viel weiter östlich, näm- 
lich im westlichen Himälaja zu suchen. Allein eine solche Verwechslung 
ist um so unwahrscheinlicher, als die Ausdrucksweise des Ktesias voraus- 
setzt, dass die kaspisehen Stoffe als Handelsartikel nach Persien kamen 
und hier der milesischen Wolle scharfe Konkurrerz machten. Er hatte 
somit Gelegenheit, sie selbst zu sehen. Überdies ist die Lanze des 
persischen Mannes schwerlich je so weit östlich vorgedrungen. 

Ὁ Strab. ı« 11,8 p. 520. 

5) Her. 1, 216. Strab. να ὃ, 6 p. 513 (beide aus Hekataios). 

6) Vgl. Euseb. προπ. εὐαγγ. I, 4, 7, wo Massageten und Derbiker 
(nach Bardaicän bezw. Poseidonios) direkt gepaart sind. 


FERN τ δς- VRR 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 143 


Teil noch Lanzen mit im Feuer gehärteter Spitze!), wie die Oreiten 
in Gadrosien?). Diese Derbiker, welche von den Indern Hilfs- 
truppen erhalten, müssen in der Nähe des oberen Indus gesucht 
werden, können also nur von Gandhära aus bezwungen worden 
sein. Sie darf man mit Recht als Rest einer unarischen Ur- 
bevölkerung ansprechen ὃ). 

Die Unterwerfung der Ζυρβαῖοι hängt mit der Eroberung 
des oberen Industhales bis zur grossen Beuge oberhalb Bungi ein- 
schliesslich der von den Dardstämmen bewohnten Gebiete von 
Cilas und Gilgit zusammen, die unter Dareios erfolgt ist*) und 
an die sich die Entdeckungsfahrt des Skylax von Karyanda auf 
dem Indus anschloss. 

Für die wilden Xooauvıoı oder Χωραμναῖοι (Steph. Byz.) würde 
man vielmehr das Kulturvolk von Chwärizm erwarten. Allein 
wahrscheinlich bildete dieses Land bereits zu Ktesias’ Zeit wie 
später beim Alexanderzuge ein unabhängiges Reich. Dass der 
Name Xwpeuveio: nicht anzutasten ist), zeigt auch der Chorograph 
bei Mela I 2 8 13. Plin. 6, 47, wo das Volk Cho<ryamani bezw. 
Comani heisst). Sie stehen bei Mela neben den Paropanisaden, 
werden also wohl in der Nähe des Hindukus zu suchen sein, wie 
sicher die Τερβισσοί und die Βαρχάνιοι, über welche bereits 
Astyages nach der Eroberung von Baktrien zum Statthalter er- 
nannt worden sein soll’). Die Provinz Baktrien schloss Margiana 


1) Curt.3, 2,7. Die hier beschriebene Heeresmusterung des Dareios 

(vgl. Diod. 17, 31, 1—2) ist eingestandenermassen der des Xerxes nach- 

ebildet (vgl. c. 2, 2), und zwar unter Benutzung des Ktesias. Der Ver- 

asser hat die streitaxtbewehrten Βαρκάνιοι in die Nähe der Hyrkanier 

versetzt und in den Derbikern des Ktesias die in Margiana wohnende 
Gruppe dieses Volkes gesehen. S. Assyriaka des Ktesias S. 609 £. 


2) Nearch bei Arrian Ind. 24, 3. Vgl. Tomaschek, Topogra- 
phische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs ὅ. 18 —= SBWA. Bd. 121 
Nr. 8, 1890. 


®) Dagegen werden die Kannibalen, welche Megasthenes im in- 
dischen Kaukasos kennt, tibetische Himälajabewohner sein, da er unter 
dem Namen Kaukasos den Paropanisos, Emodos und Imaos zusammen- 
fasst. S. Strab. 15, 1,56 p. 710: φησὶ (Μεγασϑένης) τοὺς τὸν Καύκασον 
οἰκοῦντας ἐν τῷ φανερῷ γυναιξὶ μίσγεσθαι καὶ σαρκοφαγεῖν τὰ τῶν 
συγγενῶν σώματα. 

Ὁ Her. 8, 94. 98. 102. Dar. Pers. I 17. ΝΕ. ἃ 25. 


5) Χωραμναῖοι ist die Umschreibung eines altpersischen *huw- 
arämna-, gebildet von @a-räman- -- hu- und in die a-Deklination über- 
geführt, wie ap. Arsj-ärämna-. Der Name bedeutet also „fröhlich“ 


und verhält sich zu np. »,> aus churam — altp. *hu-rama- wie skt. 


‚suräman zu suramja-; vgl. Hübschmann, Pers. Studien 55. Ktesias 
hatte ausführlich von diesen Wilden gehandelt und ihre Behendigkeit 
hervorgehoben (Steph. Byaz. 5. v.). 

6) S. Unters. zur Gesch. von Eran I 31 A. 136. 


7 Ktes. 60]. 8. 5. fr. 32 bei Tzetz. chil. I 1, 82£. Eransahr S. 220 ff. 


144 7. Margquart, 


ein, ebenso wie zu Parthien von jeher auch Hyrkanien gerechnet 
wurde (Beh. ΠῚ 10—21. II 92—98). Im Anfange der Regierung 
des Dareios finden wir sowohl in Parthien wie in Baktrien eigne 
Satrapen, die ohne Zweifel schon von Kambyses eingesetzt waren: 
dort gebot Dareios’ Vater Wistäspat), in Baktrien ein Perser 
Dädrsis. Eine Satrapie Karmanien aber hat es unter Kyros über- 
haupt noch nicht gegeben, vielmehr ist dieselbe erst im Laufe 
des fünften Jahrhunderts entstanden. Zunächst wurde unter der 
Regierung des Dareios die bis dahin zu Pärs gehörige Landschaft 
Jutija mit dem Vororte Ärmäna?) infolge ihrer Teilnahme am 
Aufstande des Wahjazdäta (Beh. 3, 23) von Pärs losgetrennt und 
mit Asagarta (Köhistän), Zraüka, den Oauaveioı (Arachosien), 
Maka (Μύκοι) und den Inseln des erythräischen Meeres zu einer 
Satrapie vereinigt (Her. 3, 93), wodurch sie des dem Stammlande 
Pärs vorbehaltenen Privilegs der Steuerfreiheit verlustig gieng. 
Doch auch jetzt behielt sie den alten Namen Jutijä (Ovrio:) bei, 
unter welchem sie noch im Katalog des Xerxesheeres (Her. 7, 
68. 86) erscheint?). Erst später übertrug man den Namen der 
Hauptstadt auf die Landschaft; daher die Γερμάνιοι (Krmäna) 4) 
gleich den Asagarta als besonderer persischer Stamm Her. 1, 125. 

Nach alledem wird man gut thun, auf die Angabe des Ktesias 
über das angebliche Vizekönigtum des Tanyoxarkes zu verzichten, 
zumal Dareios in seiner Inschrift mit keiner Silbe andeutet, dass 
Bardija eine derartige Stellung innegehabt habe, ebensowenig wie 
Herodot. Dazu kommt, dass Ktesias’ Darstellung des Ausgangs 
des Kyros mit Zügen aus Herodots Roman über das Ende des 
Kambyses ausgestattet worden ist: die tödliche Schenkelwunde 
Ktes. ecl. 6 vgl. Her. 3, 64, Vermächtnis an die Erben bezw. die 
Perser, Verheissung von Segen für die Ausführung, Androhung 
des Fluchs für die Missachtung desselben Her. 3, 65. Ktes. ecl. 85). 
Ich habe daher schon früher vermutet, dass das angebliche Vize- 
königtum des Tanyoxarkes-Bardija in Ostiran dem Kyros’ III. in 
Kleinasien nachgebildet sei®). Diese Erfindung lag um so näher, 


1) Bei Her. 3, 70. 72 ist Pardawa mit Pärsa Πέρσαι verwechselt. 

2) In diesem Sinne ist der Name Καρμανία bei Berossos aufzu- 
fassen. Dieser hatte berichtet, Kyros habe dem Nabünäid nach der 
Einnahme von Babylon Karmanien als Aufenthaltsort angewiesen (Jos. 
gegen Apion 1 153), Abydenos aber macht daraus, Nabünäid sei zum 
Fürsten von Karmanien eingesetzt worden (Euseb. Chron. I 30 
Aucher = 41, 35—36 Schöne). 

8) Her. 7, 86: ὡς δ᾽ αὔτως Κάσπιοι καὶ Παρικάνιοι ἐσεσάχατο. 
ὁμοίως καὶ ἐν τῷ πεζῷ. Für KAZIIIOI ist zu lesen KAI ΟΥ̓ΤΊΟΙ. 

Ὁ Die Umschreibung des ᾧ durch y erklärt sich durch das folgende 
sonantische r. Ebenso wird Βαρκάνιοι, Bariani (— BAPTANOI?) neben 
*Pergenü, Pariani (— ILAPT'ANOI?) zu beurteilen sein. 


5) Vgl. aber auch Beh. IV 36—45. 52—59. 67—80. 86 ff. 
6) Die Assyriaka des Ktesias ὃ. 619 £. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 145 


als in der That im 5. Jahrhundert eine ganze Reihe von Mit- 
gliedern des Königshauses die Würde eines Satrapen von Baktrien 
bekleidet haben. Ganz seltsam und unwahrscheinlich nehmen sich 
die angeblichen Satrapen der Derbiker und Barkanier aus. Sollten 
die diesbezüglichen Angaben des Ktesias irgendwelchen thatsäch- 
lichen Hintergrund haben, so könnte es sich nach Analogie des 
Schicksals des Kroisost) und Nabünäid?) nur um Verbannungs- 
orte handeln, welche Kyros und sein Sohn dem entthronten 
᾿ Mederkönig und seinen Enkeln angewiesen hätten. Doch sind 
die Behauptungen des Ktesias auch in dieser Modifikation un- 
wahrscheinlich. 

Ehe Kambyses gegen Ägypten zog (Frühling 525), liess er 
seinen Bruder durch den Hazarapet Prexaspes ermorden, nach einer 
Version auf der Jagd bei Susa, nach anderer Angabe wäre er ins 
erythräische Meer (den persischen Golf) gestürzt worden; vermut- 
lich war er also schon vorher ἀνάσπαστος auf einer Insel dieses 
Meeres (vgl. Her. 3, 93. 7, 80). Zum Majordomus bestellte Kambyses 
vor seinem Aufbruche für die Zeit seiner Abwesenheit einen Magier 
Gaumäta?). Sein persischer Titel lautete *»azi-chsajah-weF-a —= 
aw. *pati-x3ajat-wis-a, bei Dionysios von Milet II«N&ovöng lies 
ΠαΤΊξούϑης (Schol. zu Her. 3, 61), bei Her. 3, 61 u. 5. w. Herı- 
ξείϑης für Πατιξείϑης, wovon uns bei Herodot 3, 61.63. 65, 22 die 
genaue griechische Übersetzung μελεδωνὸς oder ἐπίτροπος τῶν οἰκίων 
vorliegt. Herodot hat hier drei Quellen verarbeitet, von denen eine 
(Dionysios von Milet) den Magier mit seinem Titel Πατιζείϑης, eine 
zweite mit seinem usurpierten Namen Πέρδις, ionisiert Σμέρδις 
nannte, wie schon Aischylos (M«odos). Dies hat dann der Vater 
der Geschichte in der Weise auszugleichen gesucht, dass er zwei 
Magier annimmt, von denen der eine, der eigentliche Träger der ge- 
raubten Krone, namens Zu£od:ıg, nur der Strohmann des Majordomus 
ist®). Auch der Gewährsmann des Pompeius Trogus hat mehrere 
Quellen herangezogen, darunter eine sehr alte, welche noch den 


1) Ktes. ecl. 4 Justin. I 7,7. 

2) Siehe 5.144 Anm.2. In der Nabünaid-Kyros-Chronik Kol. III 16 
(KB UI 2, 135) wird nur die Gefangennahme des babylonischen Königs 
erwähnt, über seine weiteren Schicksale ist dagegen im erhaltenen 
Teile der Tafel nicht die Rede. Die Bemerkung des Abydenos: 
MupkS wppuy jur με ΕἾ, Jinwmpkug fi; „der König Dareios ver- 
bannte (ihn) aus dem Reiche (oder: der Provinz)“ ist rätselhaft. Jeden- 
falls ist die Inschrift von Behistün der Annahme, dass Nabünäid im 
Anfang der Regierung des Dareios, also 17—183 Jahre später, noch am 
Leben gewesen sei, wenig günstig. 

®) Sowohl die Inschrift von Behistün wie Aischylos und Ktesias 
kennen nur einen Magier. 

Ὁ Am nächsten berührt sich damit das Chron. Pasch. p. 270 ed. 
Bonn., wo die beiden Brüder Μέρδιος καὶ Πατξάτης heissen. Bei 
Hermodoros ist Παξάτης zum Haupte einer Magierschule geworden 
(Assyriaka 8. 591), wozu S. 136 zu vergleichen ist. 


Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 10 


140 J. Marquart, 


wahren Namen des Magiers, G@ometes —= Gaumäta, kennt — schon 
Dionysios von Milet wusste ihn nicht mehr —, während eine 
andere, ohne Zweifel bedeutend jüngere, für denselben einen neuen 
Namen Oropastes — ap. *Ahura-upastäh „den Ahura zum Bei- 
stand habend“ erfand, der in der That für einen Magier vorzüglich 
passte. Trogus’ Gewährsmann hat diese beiden Versionen nach 
dem Vorbilde Herodots gleichfalls in der Weise auszugleichen ge- 
sucht, dass er den Oropastes, der dem ermordeten Merges überaus 

ähnlich war, von seinem Bruder Gometes, einem der Freunde des 
Kambyses, welcher die Ermordung des Mergis ausgeführt hatte 
(vgl. Ktes. ecl. 10), auf den Thron erhoben werden lässt (Justin. I 9). 

Auf die Eroberung Ägyptens und Äthiopiens einzugehen ist 
hier nicht der Ort.. Allein ein Ereignis, das bereits von der 
ägyptischen Überlieferung absichtlich verdunkelt worden ist und 
dessen richtige Einreihung für die Beurteilung des Kambyses und 
seines Verhaltens gegenüber den Ägyptern von grosser Wichtig- 
keit ist, verdient hier kurz erörtert zu werden. Nach der Ein- 
nahme von Memphis wird der König Psammenit trotz des Frevels, 
welchen die Besatzung gegen das Parlamentärschiff des Kambyses 
begangen hatte, von diesem begnadigt, ἔνϑα τοῦ λοιποῦ διαιτᾶτο 
ἔχων οὐδὲν βίαιον. Herodot meint sogar, wenn er es verstanden 
hätte, sich ruhig zu verhalten, so würde ihm auch persischem 
Brauche gemäss die Verwaltung yon Ägypten übertragen worden 
sein. νῦν δὲ μηχανώμενος κακὰ ὁ Ῥαμμήνιτος ἔλαβε τὸν μισϑόν" 
ἀπιστὰς γὰρ “ἰγυπτίους nam ἐπείτε δὲ ἐπάιστος ἐγένετο ὑπὸ Καμ- 
βύσεω, αἷμα ταύρου πιὼν ἀπέϑανε παραχρῆμα. οὔτω δὴ οὗτος 
ἀγελιόύ τηθε (Her. 3, 15). 

Die Zeit dieses Aufstandsversuches bleibt bei Herodot un- 
bestimmt. Es leuchtet aber von selbst ein, dass derselbe unmittel- 
bar nach der Eroberung, während die Perser noch im Lande 
standen, heller Wahnsinn gewesen wäre. Im Anschluss daran er- 
zählt Herodot die angebliche Verbrennung der Mumie des Amasis 
in Sais. Dies war indessen keineswegs nationalägyptische Über- 
lieferung, wie Herodot selbst zugibt. "Die Ägypter erzählten viel- 
mehr, Amasis habe, durch ein Orakel über das seinem Leichnam 
drohende Unheil unterrichtet, dasselbe durch die Verordnung ab- 
zuwenden gesucht, dass in seiner Grabkammer der Thüre zunächst 
ein Privatmann bestattet werde, er selbst aber höchstens in einem 
Winkel derselben. Herodot hält diese Geschichte zwar für un- 
historisch und prahlerische Ausschmückung seitens der Ägypter, 
allein sie entspricht vollkommen den ägyptischen Verhältnissen, 
und besonders in politisch bewegten Zeiten griff man zu der- 
artigen Mitteln, um die Leichen der Könige vor den Grabräubern 
zu schützen. Man denke nur an den Mumienschacht von Deir 
el bahri und den berühmten Gräberdiebprozess unter Ramses IX.?) 


ı) Brman, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 147 


Die Perser und vollends der König Kambyses haben gewiss mit 
der Schändung der Leiche des Amasis nichts zu thun, dagegen 
ist es sehr wohl denkbar, dass die Grabräuber die Verwirrung, 
welche die feindliche Okkupation hervorrufen musste, zu ihrem 
lichtscheuen Handwerk benutzten und man in Voraussicht dessen 
die Leiche des verstorbenen Königs bei Zeiten in Sicherheit ge- 
bracht hatte. Die andere Version, welche die Mumie des Königs 
durch die Perser verbrannt werden lässt und gegen die religiösen 
Vorstellungen der Perser sowohl wie der Ägypter verstösst, ist 
dagegen offenbar eine Erfindung der ägyptischen Hellenen, 
welche die Nationalägypter an Gehässigkeit gegen Kambyses noch 
überbieten. 

Nach der Rückkehr des Perserkönigs vom Zuge gegen Äthio- 
pien verlegt Herodot die Verwundung des Apis, allein die Motivie- 
rung dieses Frevels ist so absurd wie nur möglich. Nach dieser Un- 
that verfiel Kambyses, wie die Ägypter erzählten, alsbald in Wahn- 
sinn, und so verübte er dann eine ganze Menge anderer Frevel, 
zuerst die Ermordung seines Bruders Bardija — die in der That 
schon vor dem Zuge gegen Ägypten stattgefunden hatte —, dann 
die Misshandlung seiner Schwester und Gemahlin, die Erschiessung 
des Sohnes des Prexaspes. Er schlug seine Residenz in Memphis 
auf und öffnete hier die Grabkammern der alten Nekropole, drang 
in den Tempel der Ptah und der Kabeiren ein und verhöhnte 
die Götterbilder. 

Wie schon die Erzählung von der Verwundung des Apis 
zeigt, an deren Geschichtlichkeit kaum zu zweifeln ist!), lässt die 
Überlieferung den Kambyses seit seiner Rückkehr aus Äthiopien 


S. 189 ff.; Maspero, Hist. ancienne des peuples de l’orient classique 
II 538 ss. 


1) Dass der im Epiphi des 6. Jahres des Kambyses bestattete 
Apis in der That erst kurz vorher geboren war und eines gewaltsamen 
Todes gestorben ist, wird besonders durch das Fehlen der sonst üb- 
lichen Angaben über sein Geburtsjahr und sein Lebensalter nahegelegt. 
Auch der Umstand, dass die Inschrift im Gegensatze zu den übrigen 
offiziellen Apis-Grabschriften schlecht und flüchtig gearbeitet ist, weist 
auf aussergewöhnliche Verhältnisse hin. Leider ist dieselbe auch sehr 
verwittert und nur unvollkommen verständlich. Der nächstfolgende 
Apis, der im 4. Jahre des Dareios starb, soll am 28. Tybi des Jahres 5 
des Kambyses geboren sein. Danach wäre er also noch zu Lebzeiten 
des vorhergehenden Apis geboren worden, was den religiösen Vor- 
stellungen der Agypter vollkommen widerspricht. Wiedemann, Ge- 
schichte Agyptens von Psammetich I. S. 230 f. sieht in dem Geburts- 
datum dieses Apis eine Fiktion des Dareios, durch welche derselbe 
unter geflissentlicher Ignorierung des von Kambyses getöteten Stieres 
unmittelbar an den diesem vorangegangenen angeschlossen werden 
sollte. Letzterer war aber zu einer Zeit gestorben, als Kambyses 
noch als loyaler Pharao regierte und die ägyptischen Kultgebräuche 
respektierte. Auf diese Weise hätte man zugleich die Ermordung eines 
heiligen Tieres durch einen Vorfahren des Dareios sehr geschickt um- 
gangen, deren Erwähnung sehr peinlich gewesen wäre. 


10* 


. 148 J. Margquart, 


in ein völlig anderes Verhältnis zu den Ägyptern treten als vorher. 
Wenn man auch noch soviel als Übertreibung oder als von ihm 
nicht gewollte Ausschreitungen seiner Soldateska streichen will, 
so bleibt doch noch genug übrig, um zu zeigen, dass Kambyses 
in der That religiöse Gefühle der Ägypter verletzt haben muss. 
Wie ist dieser Umschlag der Stimmung zu erklären? Wohl kaum 
aus seiner Missstimmung über das Misslingen des äthiopischen 
Feldzugs; denn trotz des Unfalles des nach der Ammonsoase ab- 
gesandten Korps hatte Kambyses im wesentlichen seinen Zweck, 
die Unterwerfung von Äthiopien, erreicht!). Die einzig befrie- 
digende Erklärung für jene veränderte Haltung des Kambyses 


1) Her. 3,26 weiss nur von der Verschüttung des nach der Ammons- 
oase ausgesandten Korps, dessen Stärke er freilich mit gewaltiger Über- 
treibung auf 50000 Mann angibt, durch einen Sandsturm. Kambyses 
mit dem Hauptheere wurde nach ihm in der Sandwüste durch Mangel 
an Lebensmitteln, welcher bereits Fälle von Kannibalismus unter seinen 
Truppen heryorgerufen hatte, zur Umkehr genötigt, ohne sein Ziel, die 
langlebigen Athiopen, erreicht zu haben, und gelangte nach starken 
Verlusten nach Theben. Allein gegen diese Darstellung erheben sich 
grosse Bedenken. Denn einmal führte ihn der Weg nach seinem natür- 
lichen Ziele, Meroe, der Hauptstadt des Athiopenreiches, gar nicht durch 
die libysche Sandwüste, sondern durch das Nilthal; sodann hatte Kam- 
byses den Zug keineswegs angetreten, ohne Fürsorge für die Verpflegung 
des Heeres zu treffen, wie Herodot behauptet. Er liess vielmehr bei 
Premnis am Nil, unterhalb Abu Simbel und der Katarakte von Wadi 
Halfa Proviantmagazine anlegen, deren Stätte noch in der Kaiserzeit 
unter dem Namen „Markt des Kambyses“ oder Καμβύσου ταμιεῖα be- 
kannt war (Plin. h.n. 6, 29 8 181. Ptol. 4,7 p. 301, 29). Da man sich 
diesen Namen später nicht mehr zu erklären wusste, übertrug man die 
Katastrophe der nach der Ammonsoase abgesandten Heeresabteilung 
auf das Hauptheer und lokalisierte sie an jenem Orte; Strabon ı£ 1, 54 
Ῥ. 820 bemerkt nämlich gelegentlich der Expedition des Petronius im 
Jahre 24 v. Chr.: ἐκ δὲ Ψέλψιος ἧκεν εἰς Πρῆμνιν ἐρυμνὴν πόλιν, 
διελθὼν τοὺς ϑῖνας, ἐν οἷς ὁ Καμβύσου κατεχώσϑη στρατὸς ἐμπεσόντος 
ἄνεμου. 

Kambyses mag also wohl durch die Strapazen des Marsches und 
mangelhafte Verpflegung viele Leute verloren haben; allein dass er 
sein hauptsächlichstes Ziel, die Hauptstadt des Athiopenreiches beim 
heutigen Meraui am Berge Barkal wirklich erreicht hat, berichten 
nicht bloss Strab. ı& 1, 5 p. 790 und Jos. &ey. 2, 10, 2 8 249 (aus 
Nikolaos von Damaskos), sowie Diodor 1,33; es ergibt sich noch viel 
sicherer daraus, dass die Athiopen noch zu Herodots Zeit dem Gross- 
könig ihren Tribut zahlten (Her. 3, 97). In der That finden sich unter 
den Vertretern der Völkerschaften des Reiches in den Reliefs der 
Empfangshalle von Persepolis und Nagsch-i Rustam auch Gestalten, 
welche dureh das dicke, krause Haar, die aufgeworfene Nase und das 
Tierfell um die Schultern als Neger gekennzeichnet sind. Vgl. Duncker, 
GA. 4, 4191. Die Darstellung Herodots hat das südliche Meroe im 
Auge, dessen Trümmer sich beim heutigen Begerawije oberhalb der 
Einmündung des Atbara, über 30 Meilen Luftlinie südlich von Napata 
finden und wo sich wahrscheinlich nach der Einnahme von Napata 
durch die Perser ein neues Athiopenreich erhoben hatte. Vgl. Duncker 
a.a. 0.418 Ν. 1. Der gerade Weg nach dieser Stadt verlässt allerdings 
bei Korosko den Nil und führt mitten durch die nubische Wüste und 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 149 


den Ägyptern gegenüber bietet vielmehr der Aufstandsversuch 
des Psammenit, der nur während der äthiopischen Expedition, als 
der grösste Teil des persischen Heeres nach Äthiopien gezogen 
war, verständlich ist. Psammenit hat also auf die Kunde von 
dem Unfalle des persischen Heeres, welchen das Gerücht sicherlich 
weit übertrieben hatte, die Ägypter zur Erhebung aufgefordert, wie 
einst unter Asurbanipal die Fürsten Neko, Sarludari “und Pagruru 
im Rücken des assyrischen Heeres, das gegen Taharga nach Theben 
marschiert war, einen Aufstand geplant und mit Taharga ein 
Bündnis zu schliessen versucht hatten!). Allein bald erschien 
Kambyses an der Spitze der vermeintlich im Sande begrabenen 
Perser und hielt ein furchtbares Strafgericht ab. Dies ist die 
„Zeit des grossen Unglückes, das über das ganze Land kam und 
das schwerer war als irgend ein früheres Unglück in Ägypten*, 
von welchem die Statue des Wta-Hor-suten-Net erzählt?). Dass 
Kambyses zu einem solchen Strafgerichte berechtigt war, hat die 
ägyptische Überlieferung dadurch verdunkelt, dass sie den Auf- 
standsversuch des Psammenit schon vor dem Zuge gegen Äthiopien 
erzählt, wo er ganz widersinnig ist, und sich auf diese Weise die 
Möglichkeit geschaffen, den persischen Eroberer als einen blutdür- 
stigen und wahnwitzigen Tyrannen hinzustellen. Die unleugbaren 
und auffälligen Übereinstimmungen des „Epileptikers‘ Kambyses 
(Her. 3, 33) mit dem König Schaul von Benjamin weiter zu ver- 
folgen ist nicht dieses Ortes ὃ. 

Infolge der langen Abwesenheit des Königs in Ägypten 
„wurde das Volk feindlich, hernach ward die Untreue (drauga, 
eig. ‚Lüge‘) zahlreich sowohl in Persien als in Medien und den 
übrigen Provinzen“. Diese lakonischen Worte befriedigen unsere 
Neugier leider allzu wenig, doch darf man ihnen wohl entnehmen, 
dass sich inzwischen die“ östlichen Provinzen ungebührlich ver- 
nachlässigt fühlten und sich in der Verwaltung. manche Miss- 
bräuche eingestellt haben mochten, da man den Arm des Königs 
fern wusste. Von der dadurch hervorgerufenen Missstimmung hatte 
Kambyses ohne Zweifel Kunde erhalten, weshalb er von Ägypten 
aufbrach, um nach der Hauptstadt zurückzukehren, Als er aber 
noch auf dem Marsche war, erhob sich der Magier (14. Wijachna), 
der sich die herrschende Unzufriedenheit zu Nutze machte, und 
erliess überallhin die Aufforderung an die Untertanen, sich um 
das Banner des Helden Bardija zu scharen. Nach Herodots Dar- 


erreicht den Nil erst wieder bei Abü Hämid, indem er so die gewaltige 
Kurve abschneidet, welche der Nil von hier an beschreibt. 

1) Chronologische Untersuchungen S. 75. K. 2675 Z. 36—66 bei 
Winckler, Unters. zur altoriental. Gesch. S. 103—105. 

2) nn iedemann, Geschichte Ägyptens von Psammetich I. bis 
auf Alexander d. Gr. 5. 208. 

®) Nach manchen Neueren war bekanntlich auch der Apostel 
Schaul von Benjamin mit Epilepsie behaftet. 


150 J. Marquart, 


stellung war Kambyses erst bis nach Agbatana in Syrien gelangt, 
als der Bote des Usurpators ihn erreichte und auch seinem Heere 
die Proklamation verkündigte, worauf Kambyses an demselben Orte 
nach ca. 20 Tagen an den Folgen einer zufälligen Verwundung 
stirbt. Dass diese Ortsangabe falsch sein muss, ist unschwer ein- 
zusehen. Denn bei der Ankunft in Syrien hatte der König noch 
nicht den geringsten Grund zur Verzweiflung und zum Selbstmorde 
— welchen Herodots Darstellung freilich verschleiert —, da die 
Entscheidung bei den iranischen Kernprovinzen lag. In der That 
fasste er nach Herodot selbst sofort den Entschluss, in grösster 
Eile gegen den Magier nach Susa zu ziehen, wo sich der Vater 
der Geschichte die Residenz denkt. Der Tod des Kambyses im 
syrischen Agbatana hängt eng zusammen mit dem Orakel von 
Buto, welches die Katastrophe des Königs als eine Strafe der Götter 
für die Verwundung des Apis stempelte (Her. 3, 64). Die ganze 
Erzählung ist also augenscheinlich von ägyptisch-hellenischer Tra- 
dition beeinflusst. 

Allein die Eigentümlichkeiten, welche die Erzählung bietet, 
lassen sich nicht einfach durch die Annahme erklären, dass die- 
selbe ägyptischen Ursprungs sei. Die ägyptische Tradition, welche 
dem Kambyses durchweg sehr feindselig ist, hatte absolut keinen 
Grund, dessen Selbstmord zu verhüllen; im Gegenteil hätte der- 
selbe den Ägyptern eine willkommene Gelegenheit geboten, ihrem 
Rachedurst und ihrer Schadenfreude gegen den verhassten König 
noch mehr die Zügel schiessen zu lassen. Wohl aber hatte man 
in Persien, wo das Religionsgesetz auf die Erhaltung des Lebens 
den höchsten Wert legte und den Selbstmord aufs schärfste ver- 
dammen musste!), allen Anlass, das tragische Ende des Königs 
nach Kräften zu. verschleiern, das die Perser durch ihren Abfall 
zum Magier, der so grosses Unheil über das Land gebracht hatte, 
selbst mit verschuldet hatten. Die Erzählung von der Schenkel- 
wunde ist also persischen Ursprungs, wie sie sich denn bei 
Ktesias Pers. 12 ganz ebenso findet, und von den Ägyptern ledig- 
lich übernommen worden. Hier ist sie dann mit der Verwun- 
dung des Apis durch Kambyses in ätiologischen Zusammenhang 
gebracht worden. Ganz ebenso ist z. B. die ägyptische Version 
über die Veranlassung zum Zuge des Kambyses gegen Ägypten 
offenbar von der ausdrücklich als persisch bezeugten Tradition 
(Her. 3,1. 2) ausgegangen ?). Daraus ergibt sich aber ohne weiteres, 


1) Vgl. Duncker, GA. IV 438. 


2) Nach der persischen Version soll Kambyses von Amasis eine 
Tochter desselben für sein Harem verlangt haben, und zwar auf An- 
stiften eines ägyptischen Arztes, welchen Amasis dem Kyros gesandt 
habe, als dieser von ihm den besten Augenarzt, den Agypten besitze, 
verlangt habe. Schon dieser Bericht ist nicht einheitlich, sondern ver- 
einigt bereits zwei ältere Erzählungen. Die eine gab offenbar, als Ver- 
anlassung zu dem Bruche an, dass Kyros den besten Augenarzt Agyptens 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 151 


dass auch der Todesort des Kambyses, Agbatana (selbstverständlich 
das medische) aus persischer Überlieferung stammt. 

Die Frage ist daher: woher ist das syrische Agbatana in 
die vorliegende Erzählung gekommen? Die Antwort ist scheinbar 


verlangt, Amasis ihn aber nicht geschickt habe, worauf Kambyses 
die Rache vollzogen habe, nachdem sein Vater durch den Tod daran 
verhindert worden war. Die andere Erzählung nannte als Motiv den 
Betrug mit der Haremsdame. ' 

Amasis wollte seine Tochter nicht als Konkubine ausliefern, wagte 
aber auch nicht die Forderung offen abzulehnen, sondern sandte eine 
Tochter des frühern Königs Apries, namens Nitetis. Diese entdeckte 
dem König den Betrug und stachelte ihn zur Rache am Mörder ihres 
Vaters an. N 

Es ist freilich absurd, wenn die persische Überlieferung die Nitetis 
eine Tochter des Apries nennt, der schon 570 gestorben war! Allein 
darum wird die Sache selbst keineswegs unwahrscheinlich. Solche 
Düpierungen mit falschen Prinzessinnen kamen im diplomatischen Ver- 
kehr des Orients in alter wie in neuer Zeit vor oder wurden wenigstens 
für möglich gehalten, am Nil so gut wie in Persien und am Hoangho. 
Ein sehr interessantes Beispiel dafür ist ein Brief des Königs Nibmuaria 
(Amenophis III.) an den König Kadasman-Bel von Kara-Dunijas 
(Babylonien); 5. Hugo Winckler, Die Thontafeln von Tell-el-Amarna 
Nr. 1, 10—44. KB V. Ein anderer Brief zeigt, dass man sich unter 
Umständen mit irgend einem schönen Weibe zufrieden gab, das man 
für eine Prinzessin ausgab, wenn eine solche verweigert wurde: „Nun 
hast du, mein Bruder, nicht (sie) geben zu wollen [gesagt], da ich, um 
deine Tochter zu heiraten, an dich schrieb, mit den Worten: ‚von 
jeher ist eine Königstochter von Agypten niemandem gegeben worden‘. 
Warum das? Du bist König und kannst nach deinem Willen handeln. 
Wenn du sie gibst, wer soll dann etwas (dagegen) sagen? Als man 
mir dieses (deine Antwort) gesagt hatte, da schrieb ich damals: ‚es 
gibt erwachsene Töchter und schöne Weiber. Wenn irgend ein schönes 
Weib da ist, schicke es. Wer sollte sagen: sie ist keine Königstochter ?‘ 
Wenn du aber überhaupt keine schickst, dann wirst du nicht auf 
Brüderschaft und Freundschaft bedacht sein“ (eb. Nr. 3, 4—15). Nach 
diesem Rezepte hat offenbar auch Amasis gehandelt, nur ohne dass 
Kambyses damit einverstanden gewesen wäre. Nitetis war natürlich 
weder eine Tochter des Apries, noch des Amasis, sondern irgend eine 
schöne Haremsdame, die für eine Prinzessin ausgegeben wurde. Vgl. 
dazu die ganz ähnlichen Fälle bei Prisc. fr. 33 und Baläd. 195, 12 Τῇ, 
wo der Sasanide Peröz den Hephthalitenkönig und Chosrau Anösarwän 
den Chagan der Westtürken in derselben Weise düpiert. 

Die Agypter übernahmen die persische ealnng, änderten sie 
aber dahin ab, dass bereits Kyros von Amasis jene Tochter des Apries 
erhalten habe und dieselbe hernach die Mutter des Kambyses geworden 
sei. Auf diese Weise stammte also Kambyses in weiblicher Linie von 
‚den Söhnen des Re‘ selbst ab, war demnach gegenüber dem Usurpator 
Amasis der eigentliche Träger der Legitimität. Diese Erzählung fand 
sich auch τον παρα und Lykeas von Naukratis (Athen. 13, 10 p. 560). 
Doch protestiert bereits Herodot mit Recht gegen dieselbe und deckt 
ihre Ungereimtheiten auf. Dieser kennt dann noch eine dritte Er- 
zählung, welche die persische und ägyptische Version verbindet und 
den Keim zu dem Hasse des Kambyses gegen Agypten in der Eifer- 
sucht seiner Mutter Kassandane, der rechtmässigen remahlin des Kyros, 
gegen ihre ägyptische Nebenbuhlerin Nitetis sucht. 


152  J. Marquart, 


sehr leicht: durch das Orakel von Buto. Um aber eine befrie- 
digende Antwort auf jene Frage geben zu können, müssen wir 
zunächst wissen, wo dieses syrische Agbatana lag, was immerhin 
nicht ganz leicht ist. Denn mit dem Städtchen Βατάνεια, wie 
Steph. Byz. glaubt, das den Namen der Landschaft Dasan im 
Östjordanlande bewahrt hatte, hat der Name nichts zu thun, so 
wenig als mit Βάτανα am Euphrat!) d.i. Datnae in der Gegend 
von Anthemusias Kass. Dion 68, 23, 2. Hierokles p. 714. Prokop. 
b. Pers. II 12 p. 209, 17. de aedif. II 7 p. 230, 22. Zosimos 3, 
12, 2. Geogr. Rav. 2, 13. Steph. Byz. 5. v. Barvaı ete. Vgl. C. Müller 
zu Isidoros v. Charax σταϑμοὶ Παρϑικοί 8 1. Geogr. Gr. min. I 246. 
Auch die Deutung auf Hamath in Syrien, ass. Hamattu, Amattu, 
an welches Gutschmid?) dachte, ist abzulehnen, obwohl jene 
Stadt an der grossen Heerstrasse lag, die von Gaza der philistä- 
ischen und phönikischen Küste entlang nach Tyros und von da 
über Damaskos ins Thal des Orontes führte, um dann bei Apameia 
nordöstlich über Chalkis und Aleppo zum Euphrat abzubiegen. 
Jedenfalls ist dabei der Ort ”4ua®e, der nach Steph. Byz. zu 
seiner Zeit Axuade hiess, aus dem Spiele zu lassen, da derselbe 
nicht in Syrien, sondern in der Provinz Arabia lag°?). Sach- 
gemässer ist die Kombination der Quelle des Josephos «ey. 11 
$ 30 (wohl Nikolaos von Damaskos), welche den Kambyses in Da- 
maskos, der Hauptstadt der Provinz ‘Abar nahrä (Arbaja) sterben 
lässt. Doch ist dies natürlich lediglich Verbesserung Herodots, 
nicht Überlieferung. Bei Josephos vit. $ 54. 56. 57 wird aller- 
dings ein Ort ’Exßdrave erwähnt, der aber in Batanea (Ba$an), also 
im Binnenlande gelegen haben muss und daher ebenfalls nicht 


passt. Es liegt diesem Namen wohl syr. Ινϑωοὰ „vestigium* zu- 


grunde. Dagegen nennt Plinius h.n. 5, 75 eine Stadt Acdatana auf 
dem Karmel, in der Nähe der Küstenstrasse. Seine Worte lauten: 
Fuit oppidum Crocodilon, est flumen, memoria urbium Dorum, 
Sycaminum, promunturium Carmelum et in monte oppidum eodem 
nomine, quondam Acbatana dietum. Dass Plinius®’ Gewährsmann 
diesen Namen aus einer alten Quelle hatte, beweist nicht nur seine 
Bemerkung, dass der Name jetzt verschollen sei, sondern auch die 
altertümliche Namensform, die ein Späterer sicher der seit Alexan- 
der d. Gr. gebräuchlichen Benennung der berühmten medischen 
Hauptstadt ᾿Εκβάτανα angenähert hätte, so gut wie Josephos. 


1) Steph. Byz. 5. v. Ayßdrava' πολίχνιον Συρίας, Ἡρόδοτος τρίτῳ. 
οἱ δὲ νῦν Βατάνειαν αὐτὴν καλοῦσι. Derselbe 8. v. Βατανέαι" συνοικία 
Συρίας, ἡ καὶ Βατανέα ἑνικῶς. ἔστι καὶ Βάτανα πρὸς τῷ Εὐφράτῃ. 
Vgl. Stein zu Her. 8, 64. 

?) Gutschmid, Neue Beiträge zur Geschichte des alten Orients 
5. 96. Duncker, GA. IV 434/35. 

3) Steph. Byz. s. v. Auade‘ οὐδετέρως, τῆς ᾿ἀραβίας χωρίον, ὅπερ 
διὰ τοῦ ἃ νῦν λέγουσιν ἄκμαϑα. κέκληται δὲ ἀπὸ τῆς ψάμμου. φασὶ 
γάρ, τὸ πολὺ τῆς ᾿ἀραβίας ὑπὸ τῆς ᾿Ερυϑρᾶς πάλαι κατακλύξεσθαι. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 153 


Ist es aber denkbar, dass dieser obskure phönikische Küsten- 
ort in Ägypten allgemein bekannt war, sodass das Heiligtum von 
Buto ihn in einem Orakel verwenden konnte? Wir dürfen diese 
Frage getrost verneinen. Die Erzählung ist in ihrer vorliegenden 
Form deutlich das Produkt mehrfacher Überarbeitung. Das Orakel 
entnahm der auf ägyptischen Boden verpflanzten persischen Tradi- 
tion den Namen ’Ayßdrave (ap. Haymatäna, babyl. Agamtanu, jüd.- 
aram. δὲ ΤΙ) und verstand darunter, wie alle Welt, die medische 
Hauptstadt. Die ägyptischen Priester behaupteten nun, ihre Gott- 
heit hätte dem Kambyses geweissagt, er werde in Agbatana sterben; 
Kambyses habe sich dabei beruhigt in dem Gedanken, er werde 
in glücklichem Greisenalter in seiner Residenz sterben 7), 
während das Orakel andeuten wollte, dass er daselbst in der 
Blüte seiner Manneskraft ein klägliches Ende nehmen 
werde Das syrische Agbatana ist erst von einem Hellenen 
hineingebracht worden, welcher in der Geographie der syrischen 
Küste und Ägyptens ebensogut Bescheid wusste wie in den 
ägyptischen Sagen und Gebräuchen. Ein solcher Mann war aber 
Hekataios von Milet, der in seiner γῆς περίοδος auch die Städte 
Phönikiens behandelt (fr. 254—262) und speziell auch die Stadt 
Buto mit ihrem Orakel der Leto und der schwimmenden Insel 
des Apollon, Chembis, geschildert hatte?). Auf diese Weise sollte 
zugleich die Pointe des Orakels mehr zugespitzt werden, indem 
der Nachdruck auf den vermeintlichen Irrtum in der Örtlich - 
keit statt in der Art des Todes gelegt wurde. 

Wir dürfen also als beglaubigten Inhalt der ältesten Über- 
lieferung annehmen, dass Kambyses in der medischen Hauptstadt 
Agbatana seinen Tod fand. Ich habe früher der Darstellung des 
Ktesias (ecl. 12) den Vorzug gegeben, welcher den Tod des Königs 
nach Babylon verlegt, in der Erwägung, dass Kambyses vor allem 


1) Her. 3, 64: ὃ "μὲν “δὴ ἐν τοῖσι Μηδικοῖσι ᾿4γβατάνοισι ἐδόκει 
τελευτήσειν γηραιός, ἐν τοῖσί οἱ ἦν τὰ πάντα πρήγματα. Auch 
bei Ezra 6, 2 wird Haymatäna (Achmethä) als eigentliche Residenz 
seit der Eroberung Babylons bis in die ersten Jahre des Dareios, also 
unter Kyros, Kambyses und Gaumäta gedacht, während Babylon als 
zweite Hauptstadt gilt. So wohl auch re ρα Oyn 227,6 = 
KB. IV 276 Nr. XV1. 

Damit hängt wohl irgendwie auch der Einfluss zusammen, den 
der Magier Gaumäta (oben ὃ. 145) und allem Anscheine nach auch die 
streng mazdajasnische Lehre der Magier auf Kambyses gewonnen 
hatten und der dazu führte, dass er dem Greuel des babylonischen 
und ägyptischen Götzendienstes gegenüber nicht immer den einem 
Herrscher a neen Respekt zu bewahren verstand. [Hatte Kam- 
byses eine Vorliebe für Haymatäna und für medisches Wesen, so könnte 
dies für Winckler’s Hypothese (Altorient. Forsch. II 2, 1900, 8. 214) 
sprechen, dass unter Där&jawaS dem Meder (Dan. 5, 31. g, 1) Kambyses 
als Unterkönig von Babylon im ersten Jahre seines Vaters Kyros, 
Königs der Länder (oben S. 127) zu verstehen sei.] 

2. Hekat. fr. 284. Vgl. Herod. 2, 156, der gegen ihn polemisiert. 
S. hierüber Diels, Herodot und Hekataios. Hermes XXI. 


154 J. Marquart, 


daran liegen musste, sich die zweite Hauptstadt mit ihren reichen 
Hilfsquellen zu sichern. Das Umsichgreifen des Abfalls auch in 
Babylonien hätte ihn dann in den Tod getriebent). Allein wie 
sich jetzt herausstellt, waren jene Schlussfolgerungen irrig. Die 
Angabe des Ktesias beweist wohl eine richtige Kombination gegen- 
über der Version Herodots, stammt aber nicht aus sicherer Über- 
lieferung. Jetzt wird der Gang der Ereignisse erst recht ver- 
ständlich.. Der Magier hatte sich auf dem Berge Arkadrıs in 
der Landschaft Pisyahuwada zum Könige ausrufen lassen, welche 
auch im Aufstande des zweiten falschen Bardija, Wahjazdäta, eine 
Rolle spielte (Beh. III 42), indem derselbe nach einer unglück- 
lichen Schlacht von hier aus den Aufstand neu zu entfachen 
suchte. Diese Landschaft scheint also für die Perser eine be- 
sondere, durch die Überlieferung geweihte Bedeutung gehabt zu 
haben und Oppert war daher von einem richtigen Gefühle ge- 
leitet, wenn er in PisSijahuwadä den alten Vorort der Persis, 
Πασαργάδαι, erkennen wollte, worin ihm Spiegel folgt?).. Wenn 
er aber beide Namen auch lautlich gleichsetzt, so ist dies offenbar 
verkehrt. Πασαργάδαν ist der Name des vornehmsten Gaues der 
Perser, auf das Richtige führt uns aber die Angabe des Ktesias 
bei Nikol. Dam. fr. 65, wonach Πασαργάδαιν eigentlich der höchste 
Berg im Rücken der Stadt hiess®). Hierher bringt Kyros im 
entscheidenden Kampfe gegen Astyages die Frauen und Kinder 
aus der Stadt in Sicherheit. Dieser Behauptung dürfen wir 
wenigstens soviel entnehmen, dass der Stamm seinen Hauptort 
nach dem Berge, an dessen Nordseite er sich angesiedelt, benannt 
hatte. Dass die Stadt Πασαργάδαι, wo sich zu Alexanders Zeit 
das Grab des Kyros befand, in der heutigen Ebene von Murghäb 
am Pulwär gelegen haben muss, hat Stolze gezeigt*). Der Berg, 
welchen die Erzählung des Ktesias im Auge hat, kann daher nur 
der Köh-i Pärüh sein, welcher die Ebene von Murghäb im Süden 
abschliesst und den Fluss zwingt, sich durch die Pässe von Siwand 
sein Bett zu graben. Dies ist der Berg Arkadrıs des Dareios, 
und vom Namen dieses Berges ist der Name Πασαργάδαι abzu- 
leiten: *pasarkadris oder *pasärkadrajah „die hinter (pasa) 
dem Arkadris“ ἃ, 1. nördlich von diesem Berge. Auch der einzige 
persische Stammname, dessen altpersische Form überliefert ist, 
Patishuwaris — Πατεισχορεῖς (Strab. ıe 8, 1 p. 727), ist offenbar 
von einem Orts- oder Landschaftsnamen abgeleitet. Pisiyahuwada 
war der Name der Ebene von Murghäb). 


1) Die Assyriaka des Ktesias S. 621. 

5 Oppert, Le peuple et la langue des M£des p. 110. 117 n. 
Spiegel, Die altpers. Keilinschr.? 228. 

ὃ) Hist. Gr. min. I 60, 27. 61, 20. 22. Die Stadt selbst ist in dieser 
Erzählung namenlos. 

4) Verhandlungen der Ges. für Erdkunde. 1883. S. 288 ff. 

5) Ptolemaios 6, 8 p. 415, 9 setzt die Πασαργάδαι (cod. B Πασαρ- 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 155 


Nachdem Gaumäta den Vorort des Hauptstammes der Perser 
gewonnen hatte, wird es ihm rasch gelungen sein, die Huldigung 
der übrigen persischen Stämme zu erlangen, sodass er seine Hand 
nach dem Nachbarlande der Persis, Susiana mit Anzan, dem 
Stammlande der ältern Linie der Achaimeniden, ausstrecken konnte. 
Am 9. Garmapada zog er daselbst ein und liess sich, sei es in 
der Hauptstadt von Anzan, der Residenz der Vorfahren des Kyros, 
sei es auf den Ruinen der alten Reichshauptstadt Susa!) zum 
König der Länder proklamieren. 


δάγαι) an die karmanische Küste neben die Χελωνοφάγοι, ein Irrtum, 
der mit der falschen Position, welche er den Städten Πασαργάδα (93° L. 
30° 30° Br.) und IT«ß«ı-Ispahän (93° 40° L. 30° 10° Br.) anweist, zu- 
sammenhängt. Vgl. Eränsahr S. 29 A. 3. Dass mit der Notiz des 
Plin. h. n. 6, 99: fumen Sitioganus, quo Pasargadas septimo die navi- 

atur nichts anzufangen ist, hat Stolze a. a. Ὁ. 269 gezeigt. Der 

itioganus, an der Mündung jetzt Mänd genannt, trägt den Charakter 
eines über Felsblöcke dahinrauschenden Bergwassers, welches selbst 
für die kleinsten Kähne unbefahrbar ist. Schon sein starkes Gefälle 
schloss jede Schiffbarkeit aus. Es muss also irgend ein Missverständnis 
des Onesikritos, der Quelle des Plinius, vorliegen. [Tomaschek, 
Topographische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs 5. 60 f. = SBWA. 
Bd. 121, 1890, Nr. 8 hält die Angabe allerdings nicht für ganz unmög- 
lich, jedoch unter der Voraussetzung, dass Pasargadai mit H. Kiepert 
in Pasa gesucht werde] Noch dunkler ist eine andere Stelle des 
Plinius 6, 115/16: praeterea habet (Persis) in extremis finibus Laodiceam 
ab Antiocho conditam. Inde (von Laodicea) ad orientem Magi optinent 
Frasargida castellum, in quo Cyri sepulchrum est, et horum Ecbatana 
oppidum translatum ab Dario rege ad montes. Lag Laodikeia an der 
West- oder Ostgrenze der Persis? Der Name Frasargida ist, wenn 
zichtig überliefert, von Pasargadai verschieden und kann nichts mit 
diesem zu thun haben. Sollte also der blosse Namensanklang dazu 
geführt haben, hierher das Grab des Kyros zu verlegen? Dagegen 
spricht aber Strab. ıe 3, 1 p. 727 (Μάγοι neben Aycaıuevidaı und Llersı- 
σχορεῖς in Persis). Und wo haben wir die offenbar ebenfalls östlich 
von Laodikeia gelegene Magierstadt Ekbatana zu suchen ? 


1) [Anzan oder Ansan, das bald als Land, bald als Stadt be- 
zeichnet wird, war auch nach der Eroberung von Haymatäna zunächst 
die Residenz des Kyros geblieben (Nabünäid-Kyros-Chronik II 4). 
Leider ist die genauere Lage dieses uralten Fürstentums und seiner 
Hauptstadt bis jetzt noch gänzlich unbekannt, doch muss diese allem 
Anschein nach östlich bezw. südöstlich von Susa im Gebirge gesucht 
werden. Hoffentlich glückt es de Morgan, sie wieder aufzufinden und 
redende Zeugen über das Walten des Kyros und seiner Vorfahren sowie 
der alten patesi’s ans Licht zu bringen. Jensen, ZDMG. 55, 1901, 
S. 229 A. 2 erklärt Anzan für die Hauptstadt von Elamtu, während 
Susa (Susun , Susi, Susan) ursprünglich der Vorort der Landschaft 
Bara’su war, doch ist die von ihm in Aussicht gestellte Begründung 
dieser These m. W. bis jetzt nicht erschienen. Allerdings erscheint 
auch in der Seleukidenzeit ’EAvucis wieder als eine von Susiana ver- 
schiedene, östlich von diesem gelegene Provinz; vgl. &. Hoffmann, 
Auszüge aus syrischen Akten persischer Märtyrer 131 ff. Überdies ist 
zu beachten, dass das Königreich Anzan und Susa sich bedeutend 
weiter nach Osten und Südosten erstreckt haben muss als die achaime- 
nidische Satrapie Susiana, und noch einen Teil des spätern Pärs um- 


156 J. Marquart, 


Welchen Weg Kambyses nach seiner Ankunft am Euphrat 
eingeschlagen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit erkennen. Wäre 
er den Euphrat abwärts nach Babylon gezogen und hätte hier 
die Kunde vom Aufstande des falschen Bardija erhalten, so 
wäre es schwer verständlich, weshalb er dann nicht sofort nach 
Susiana marschierte, sondern nordöstlich nach Hamadan abbog. 
Es bleibt daher das überwiegend Wahrscheinliche, dass er vom 
Euphrat an denselben Weg zog wie später Alexander und über 
Charrän und Nisibis nach Assyrien marschierte, wo er die von 
Sardeis nach Susa führende Königsstrasse erreichte. Es ist 
möglich, dass er bereits bei seiner Ankunft am Dijalä, etwa in 
der Gegend von Chosrau’s II. Residenz Dastagerd beim heutigen 
Sahräbän, die Kunde von der Erhebung seines angeblichen Bruders 
erhielt und sich nun entschloss, vor allem den Pass von Holwän, 
welcher den Zugang zum ganzen iranischen Hochlande beherrscht, 
unverzüglich in seine Gewalt zu bringen und die medische Haupt- 
stadt zu besetzen, ehe noch die Proklamation des Usurpators 
auch hier ihre Wirkung ausgeübt hatte. Gelang es ihm, Medien, 
dies Kernland des iranischen Reiches, das seine Selbstständigkeit 
noch keineswegs vergessen hatte, in der Treue festzuhalten, so 
mussten ihm die Persis und Susiana mit verhältnismässig leichter 
Mühe wieder zufallen. Doch ist auch denkbar, dass er von An- 
fang an Agbatana, ἐν τοῖσί οἱ ἦν τὰ πάντα πρήγματα (Her. 3, 64), 
als Ziel ins Auge gefasst hatte. Von Galülä, 7 Par. nördlich 
von Dastagerd, rechnete man bis Hamadän 71 (Ibn Rusta) bezw. 
78 Par. (Ibn Chordadbih) oder 10—11 Tagereisen. In Hamadän er- 
schien ein Bote des Usurpators mit einem Erlasse desselben, worin 
er der Bevölkerung anzeigte, dass Bardija der Sohn des Kürus am 
9. Garmapada in Susiana die Herrschaft über die Länder ergriffen 
habe, und zum Abfall von Kambyses aufforderte. Istachrt }4v, 1 fl. 


(Ibn Haug. }o9, 3) rechnet von Hamadän über Nihäwand auf 


direktem Wege nach Gundesäpür in Chüzistän 70 Par. = 10 Tage- 
reisen. Die Lage von Gundesäpür wird nach Rawlinson und 
de Bode durch die Ruinen von Sähäbäd zwischen Susa und 


fasste, da der König Silchak In-Susinak in Bändär Bufir in der Nähe 
des mittelalterlichen R&sahr, südwestlich von Käzerün gebaut hat. 

Die Tiefebene von Susiana mit der von Asurbanipal gründlich 
zerstörten Hauptstadt Susa gehörte bis auf Nabünäid zum neubaby- 
lonischen Reiche, wie zwei dort gefundene Inschriften Nabukodrosors 
(Scheil, Textes elamites-sem. Ser. I 124. II pl.18 nr. 4 — Mem. de 
la Delegation en Perse t. II. IV) und eine ebendaher stammende In- 
schrift Amel-Marduks beweisen; vgl. Scheil, Textes elamites-anzanites 
Ser. II p. XXIII = Mem. de la Delegation en Perse t. V. Unter Kyros 
lag die Stadt des Gottes Susinak ebenso wie Assur noch in Ruinen 
(Kyroseylinder Z. 80, vgl. van Hoonacker, Melanges Charles de 
Harlez p. 325—329 und Dieulafoy, L’acropole de Suse p. 47), aus 
denen sie erst Dareios wieder erstehen liess und zu neuem Glanze 
erweckte.] 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 157 


Süßtar bezeichnet. Vgl. Nöldeke, Gesch. der Perser und Araber 
5. 41 N. 2. Ein Eilbote konnte jenen Weg trotz des schwierigen 
Geländes vielleicht in der Hälfte dieser Zeit zurücklegen. Vgl. 
die von Floigl, Cyrus und Herodot S. 82 Anm. 1 angeführten 
Beispiele. Allein auch jetzt war Kambyses keineswegs gewillt, 
dem Usurpator ohne Kampf das Feld zu räumen. Er teilte den 
vornehmsten Persern mit, dass der angebliche Bardija ein Be- 
trüger sei und er selbst seinen Bruder habe töten lassen). Allein 
er fand keinen Glauben (Her. 3, 66): der Abfall, der in Medien 
einen besonders gut vorbereiteten Boden vorfand, griff auch hier 
rasch um sich, und ohne Zweifel genoss Bardija auch im Heere 
des Kambyses zahlreiche Sympathien. Als dieser sich daher an- 
schickte, nach Susiana gegen den Empörer zu ziehen, weigerten ihm 
die Truppen den Gehorsam. Da übermannte den unglücklichen 
König die Verzweiflung, so dass er von allen verlassen in den 
Tod gieng?).. Auch in Babylonien wurde der falsche Bardija 
sogleich anerkannt, als sein Bote mit dem Erlasse und der Nachricht 
von der Einnahme Susiana’s eintraf: schon am 19./I. datiert man 
nach Barzija, also nur 10 Tage nach der „Ergreifung der Herrschaft“, 
und so lange brauchte der Bote wohl von Susa nach Babylon. 

Der Zusammenhang der Begebenheiten ist also auch auf 
Grund der Überlieferung sehr wohl verständlich, ohne dass man 
zu willkürlichen Annahmen, z. B. dass Kambyses von Leuten des 
Magiers ermordet worden sei?), zu greifen brauchte. 


3) Natürlich ist es unhistorisch, dass Prexaspes alsbald die wahre 
Persönlichkeit des Betrügers durchschaut und den König darüber auf- 
geklärt habe, worauf Kambyses in einer Versammlung der Notabeln 
diesen noch vor seinem Tode den ganzen Sachverhalt darlegen konnte. 
Diese Erzählung, welche die nachmalige Entlarvung des Magiers (c. 67 ff.) 
vorwegnimmt und überflüssig macht, setzt bereits die Meinung voraus, 
dass Zu£odıg der Eigenname des Magiers gewesen sei (Her. 3, 61. 63. 
64: ἐνθαῦτα ἀκούσαντα Καμβύσεα τὸ Σμέρδιος οὔνομα ἔτυψε ἢ ἀληϑείη 
τῶν τε λόγων καὶ τοῦ ἐνυπνίου. 65). Sicherlich hätte Prexaspes auch, 
falls Kambyses ihn als Werkzeug der Ermordung des Bardija be- 
zeichnet hätte, den Notabeln gegenüber nach Lage der Dinge die That 
geleugnet; vgl. c. 67. 74. Eine derartige Haltung wäre mit dem weiteren 
Verlaufe der Begebenheiten am besten vereinbar. Die gegenwärtige 
Erzählung Her. 3, 62—63 ist aufgebaut auf der falschen Annahme, 
Bardija’s Tod sei erst während Kambyses’ Abwesenheit in Agypten 
erfolgt. Nur unter dieser Voraussetzung war Kambyses’ Zweifel, ob 
Prexaspes seinen Auftrag wirklich ausgeführt hatte, möglich. 

Noch dramatischer, aber darum keineswegs wahrscheinlicher ist 
das mit dem Tode besiegelte Bekenntnis des treuen Prexaspes, das der 
Entlarvung des Magiers unmittelbar vorangeht, ohne doch auf diese 
irgend welchen Einfluss zu üben Her. 3, 74— 75. 

1) Die Inschrift von Behistün I 43 sagt, dass sich Kambyses erst 
nach der offiziellen Thronbesteigung des Gaumäta tötete. 

2) Arthur Lincke, Forschungen zur alten Geschichte I. Zur 
Lösung der Kambysesfrage. Leipzig 1891, dem sich leider auch F. Justi, 
Grundriss für iran. Philologie II 425 f. anschliesst. 


158 J. Marquart, 


„Als Kambugija den Bardija getötet hatte, da wusste das 
Volk nichts davon, das Bardija getötet worden sei“ (Beh. I 31/32). 
Nach dem Tode des Kambyses führte Gaumäta in Pärs ein 
Schreckensregiment, das sich naturgemäss hauptsächlich gegen den 
Adel richtete (Beh. 1 63 f£.)!). „Das Volk fürchtete den Gaumäta 
wegen seiner Härte; er hätte wohl viele Leute (Edelinge) getötet, 
welche den früheren Bardija gekannt hatten: deshalb hätte er die 
Leute getötet, ‚damit sie mich nicht erkennen, dass ich nicht 
Bardija des Kürus Sohn bin‘. Niemand wagte (daher) etwas zu 
reden über Gaumäta den Magier bis ich kam“?). Der Potentialis 
des Präteritums ist hier als Nachsatz eines zu ergänzenden irrealen . 
Bedingungssatzes aufzufassen. Dareios will durch denselben eine 
Vermutung über die Ursache der so befremdlichen 'Thatsache aus- 
sprechen, dass die persischen Adligen sich trotz der scharfen Mass- 
nahmen des Gaumäta ruhig verhielten. | 

Der bisherige hazarapet (Gardepräfekt) Prexaspes wurde ab- 
gesetzt und der Schutz des Herrschers Eunuchen übertragen 
(Her. 3, 77). Allein trotz dieser Massregeln fühlte sich der neue 
Herrscher unter den Persern nicht sicher, bei denen es Her- 
kommen war, dass der König sich dem Volke häufig zeigte und: 
deren feudale Verfassung den Häuptern der vornehmsten Adels- 
häuser das Recht verlieh, jederzeit beim König Zutritt zu ver- 
langen. So verlegte der Magier bald seine Residenz nach seiner 
medischen Heimat?). Zur Zeit seiner Ermordung befand er sich in 
der Burg Sikajahuwatis in der Landschaft Nisaja. Nach der Dar- 
stellung Diodors (17, 110 vgl. Arr. 7,13,1) hätte man das Nnocıov 
πεδίον (Her. 7, 40), wo die berühmten nisäischen Rosse zu vielen 


1) Auch Her. 3, 67 sagt: ὥστε ἀποθανόντος αὐτοῦ (τοῦ Μάγου) 
πόϑον ἔχειν πάντας τοὺς ἐν τῇ Acim πάρεξ αὐτῶν Περσέων. 

3) Beh. 151—54. Vgl. Her. 8, 68: ὄτι τε οὐκ ἐξεφοίτα ἐκ τῆς ἀκρο- 
πόλιος καὶ ὄτι οὐκ ἐκάλει ἐς ὄψιν ἑωυτῷ οὐδένα τῶν λογίμων Περσέων. 


8) Der Gegensatz des Gaumäta gegen den persischen Adel und 
sein Bestreben, die Macht desselben zu untergraben [vgl. Justi, 
ZDMG. 53, 1899, S. 89 ff. Foy, eb. 54, 1900, S. 341—355], ergab sich 
aus seiner usurpierten Stellung von selbst. Dagegen ist die Zerstörung 
der Verehrungsstätten in Pärs nur zu erklären aus dem Eifer des: 
Magiers für die strenge Zarathustralehre gegenüber den in manchen 
Beziehungen laxeren Gepflogenheiten der mazdajasnischen Perser, wie- 
750 Jahre später bei Ardasir. Vgl. Fundamente israelitischer und 
jüdischer Geschichte 48 A. 3. Unter den Verehrungsstätten (djadana) 
sind wohl Feuertürme zu verstehen, bei Ktes. ecl. 13 ἱερόν, dagegen in 
der entsprechenden Szene bei Her. 3, 74. 75 πύργος. 

[Was soll man nun dazu sagen, wenn der Historiker Winckler 
(Altor. Forsch. II 2, 1900, S. 209) seinen Adepten verkündet: „der: 
‚Magier‘ hat deutlich eine der priesterschaft feindliche politik verfolgt. 
er war von einer volksbewegung getragen, welche sich gegen die 
Orientalisirung des Persertums — also gegen adel und hierarchie — 
richtete, und hat sein ziel durch steuererlasse und zerstörung von tem- 
peln zu erreichen gesucht“. War etwa die Einführung der Eunuchen-- 
wirtschaft auch gegen die „Orientalisirung des Persertums“ gerichtet Ὁ]. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 159: 


Tausenden weideten, auf dem Wege von Βαγιστάνη (Behistün). 
nach Hamadän, 7 Tage von letzterer Stadt entfernt zu suchen. 
Alexander soll hier 30 Tage verweilt haben. Allein die Ent- 
fernung vom Berge Behistün bis Hamadän betrug nur 29 Par. 
oder 4 Tagereisent). Strabon sagt dagegen, dass man die Fohlenau 
(λειμὼν ἵππόβοτος) passiere, wenn man aus der Persis und Babylon 
zu den Kaspischen Thoren reise?). Allein der gewöhnliche Weg 
von Pärs nach den Kaspischen Thoren führt über Ispähän, Käschän 
und Qumm nach Raj, dieser kann also hier offenbar nicht gemeint 
sein, sondern nur eine Route, die sich mit der von Babylon durch 
den Pass von Holwän nach Choräsän führenden Strasse kreuzte. 
Man könnte daran denken, dass dem Gewährsmanne Strabons das 
Itinerar Alexanders von Persepolis über Ispähän (Gabai) nach 
Ekbatana und von da nach Raj und die an der Strasse Persepolis- 
Ekbatana gelegene Station Nisacz vorgeschwebt habe und er der 
Ansicht war, dass Alexander bereits bei der Verfolgung des Dareios 
an der berühmten nisäischen Ebene vorbeigekommen sei. Allein in 
diesem Falle würde er sich mit sich selbst wie mit der Überliefe- 
rung in schreiendem Widerspruche befinden. Denn er spricht aus- 
drücklich von einem medischen Nisaia, während das nur 24 Par. 
nördlich von Persepolis®?) gelegene Nisaci noch zu Pärs gehörte und 
von der Straße von Babylon nach den Kaspischen Thoren weit 
ablag.. Wohl aber lag an der Strasse von Holwän nach Hamadan, 
aber vor Behistün eine berühmte Ebene mit einer starken Festung, 


die „Schlosswiese* xl} Zr oder einfach „die Wiese“ - Bi) ge- 


nannt, wo noch in der Chalifenzeit die Kriegsrosse der Chalifen 
weideten®). Dieser Ort lag nur 10 Par. von Holwän, 51 (nach 
Ibn Rusta 48)5) Par. d.i. 7 Tagereisen von Hamadän. „Von 
Marg al Qal‘a nach azZubaidija sind 7 (1. 9) Par. Der Weg führt 
zwischen Bergen und fortlaufenden Dörfern entlang, bis man an 
den Fuss des Passes kommt. In der Nähe des Passes ist ein Dorf 
namens Achurin, eine Gründung der Sasaniden, dessen Bewohner 
Kurden sind. Es befindet sich daselbst ein Feuertempel, den die 
Magier hoch in Ehren halten und aus den entferntesten Ländern 


1) Ibn Rusta 149,9 ff. Ibn Chord. 19, 11—13. ft, 8—11. 

2) Strab. ı« 13, 7 p. 525. 

2) Siehe Tomaschek, Zur histor. Topographie von Persien 
I 30 ἢ se, 

Ὁ. Tab. ΠῚ #14, 11 ἃ. 222 H. _ U Obo. 


5) Κ΄, lo, 15 ist die Entfernung zwischen Marg al gal’a und 
azZubaidija, ὁ m Kzıw, in Äzm3 zu verbessern, wie auch Ibn Haugal 
hat. Jäg. II #iv, 5 gibt ὃ Par., Mugq. 1 Tagereise. Ebenso ist S. |, 9 
(Entfernung von QarmäSin nach adDukkän) mit Ibn Chordädbih. 


zul: 4 für zu Ἵ zu lesen. 


160 : J. Marquart, 


von Zeit zu Zeit besuchen. Dann gelangt man zu einem Dorfe 
namens Qacr Jazid, das 4 Par. von Marg al Qal’a entfernt ist, 
dann erklimmt man den Pass und steigt nach az Zubaidija hinab“. 


Qacr Jazid heisst sonst ze d.i. pers. Zazar, ap. tadaram „Palast“. 
‘Nach Mis’‘ar b. al Muhalhil bei Jaq. III ον, 9. IV μα", 3 war es 


‚der Kreuzungspunkt der Strassen nach Choräsän, Mäsabadan und 
Mihragän qadag. Hier mündete also die Heerstrasse ein, welche 
von Susiana nach Ekbatana führte, wie man auch aus Tab. I Y44, 


6.12 ff. ersehen kann. Der Ort muss deshalb in der Nähe des 
heutigen Härünäbäd gelegen haben. Marg al Qalia kann aber 
nicht, wie Tomaschek ohne weiteres annimmt, identisch sein 
mit der berühmten „Ammenau* oder richtiger der „nährenden 
Au* Zr stv dajt marg Din. 01, 20, wo Bahräm Gör umkam?). 


Denn diese Örtlichkeit lag ganz in der Nähe von Hamadan, wie 
sich aus Ibn al Athir XII 15, 15 ergibt; vgl. eb. X 198. 476. 
ΧΙ 15,15.19. Ich glaube daher, dass bei Strabon ἐκ τῆς Περ- 
σίδος ein Versehen ist für ἐκ τῆς Σουσίδος, und Diodor die 
nisäische Ebene fälschlich östlich statt westlich von Βαγιστάνη 
verlegt. Dann stimmt die Entfernung von Ekbatana vorzüglich. 

Wir hätten also das Nisäja der Inschrift von Behistün in 
der Ebene von Marg al Qal‘a zu suchen, und die Landschaft würde 
sich mit der parthischen Provinz Untermedien bei Isidor von Charax 
ganz oder teilweise decken?). Die Burg (dıda) SikajahuwatiS könnte 
mit der Festung xsläl} _ „ selbst oder mit „‚Li} Tazar identisch 


sein. In diesem Falle hätte der Magier seine Residenz mit Ab- 
sicht so gewählt, dass er dem Passe von Holwän möglichst nahe 
war und auf diese Weise die Strassen nach Ekbatana und den 
östlichen Provinzen wie nach Babylon und Susa jederzeit be- 
herrschte. Es gab allerdings auch eine Landschaft Nes@ im nörd- 
lichen Medien, die in der Sasanidenzeit ein Rustäk der Provinz 


Hamadan war, aber unter Tähir Ὁ. al Husain samt ὃς ΕΝ zu 
Qazwin geschlagen wurde?). 


1) Vgl. Nöldeke, Geschichte der Perser und Araber 5. 103 
Anm. 3. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 8. 


2) [Ob die von Tiglatpileser III. erwähnte Stadt oder Landschaft 
Ni3s$@ bezw. Ni-Sa-ai (vgl, Streck, ZA. XV, 328 f. 333) mit unserem 
Nisaja identisch ist oder nicht, lässt sich weder bejahen noch ver- 
neinen, so lange die -mit ihr zusammen genannten Städte und Land- 
schaften Bit-Istar, Zakruti, Gizinikissi und Cibur nicht anderweiti 
nachgewiesen sind. Mit Γάξακα, Ganzak, wie Streck will, hat @zine- 
kissi jedenfalls nichts zu thun. Ganzak, pers. Gangak „Schatzhaus‘“, ist 
achaimenidischen Ursprungs und kehrt in verschiedenen Landschaften 
als Bezeichnung der Landeshauptstadt wieder.] 


8) Ibn al Faq. Y1, 5. Pa., 13, vgl. arBuhni bei ὅ8α. IV wa, 7. 
"Vgl. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 11. Wohin 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 161 


Der Schauplatz der Ermordung des Magiers ist bei Herodot 
die (spätere) Hauptstadt Susa. Nach einer verblassten Erinnerung 
scheint es, dass Dareios aus Parthien, der Provinz seines Vaters — 
Herodot 3, 70. 72 nennt dafür fälschlich Persis — direkt nach der 
medischen Burg gekommen ist und sich hier mit den andern Ver- 
schwornen getroffen hat. Die Ausführung des Planes ward durch 
das Mihragänfest wesentlich erleichtert: dies war das einzige Fest 
im Jahre, an welchem sich der König der Könige öffentlich be- 
trinken durfte). Eine der bei Herodot zusammengearbeiteten 
Versionen über den Sturz des Magiers schrieb das Hauptverdienst 
an der That dem Intaphrenes (Windahfarnäh) und dem späteren 
hazarapet (Gardekommandeur) ’Aon«®ivng (Aspatanäh) zu, welch 
letzterer bei ihm für den Ardumanis der Inschrift von Behistün 
eingetreten ist, wogegen eine andere Quelle den Hauptanteil für 
Dareios selbst und seinen Schwiegervater Gobryas in Anspruch 
nahm (Her. 3, 78). Für die erstere Version tritt vor allem Aischylos 
ein, welcher aus den Sieben neben Dareios nur den ’Aorape&vns 
d. 1, Windah-farnäh 2) hervorhebt (v. 776—781): 

πέμπτος δὲ Μάρδος ἦρξεν, αἰσχύνη πάτρᾳ 
ϑρόνοισι τ᾽ ἀρχαίοισι᾽ τὸν δὲ σὺν δόλῳ 
᾿Δρταφρένης ἔκτεινεν ἐσϑλὸς ἐν δόμοις 
ξὺν ἀνδράσιν φίλοισιν, οἷς τόδ᾽ ἦν χρέος, 
κἀγώ" ὅ) 

Auch Hellanikos muss einer ähnlichen Erzählung gefolgt sein, 
sonst hätte die Bemerkung des Scholiasten zu V. 778 keinen Sinn: 
τοῦτον ᾿ΕἙλλάνικος Ζαφέρνην καλεῖ. Hellanikos schrieb wohl ’Id«- 
peovns—*Widah-farnah, eine Nebenform zu Windah-farnah. Die 
Inschrift von Behistün 4, 83 nennt ebenfalls den Windahfarnäh, Sohn 
des Wajaspara an erster Stelle, bei Ktes. Pers. 14 steht er un- 
mittelbar vor Dareios selbst, welcher den Schluss der Liste bildet. 


Ammian 23,6, 30 die Heimat der nisäischen Rosse verlegt, ist unklar, 
ebenso, ob er sich die Ländereien der Magier in deren Nähe denkt. 
Seine Worte lauten: edunt apud eos prata virentia fetus equorum 
nobilium, quibus, ut seriptores antiqui docent nosque vidimus, ineuntes 
proelia viri summates vehi exultantes solent, quos Nesaeos appellant. 
abundat aeque civitatibus ditibus Media et vieis in modum oppidorum 
exstructis et multitudine incolarum. utque absolute dieatur, uberrimum 
est habitaculum regum. In his tractibus Magorum agri sunt fertiles. 

1) Duris von Samos fr. 13 bei Athen. X 45 p. 434D. Bei Ktesias 
ecl. 14 ist es nicht Bakchos, sondern Aphrodite, die dem Magier ver- 
derblich wird: die Verschworenen dringen ein, während er ein Schäfer- 
stündehen mit einer babylonischen Odaliske hält. 

2, Die Form Ἀρταφρένης steht zunächst für ᾿ἀνταφέρνης, wie 
Ktesias geschrieben hatte (der Nasalstrich ist in unsern Hss. weg- 
gefallen). Aischylos hat letztern Namen durch den ihm geläufigen 
(vgl. V. 21) ersetzt. Die Wiedergabe von anlautendem ap. we durch 
& wie in Aoraonns V. 22 = ap. Wistäspa. 

8) Uber den unechten Vers 780 oben $. 138 A. 


Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 11 


162 J. Margquart, 


Auf dieses sein Verdienst um die Wiederherstellung der legitimen 
Monarchie gestützt, mag sich Windahfarnäh Freiheiten heraus- 
genommen haben, die dem Dareios als mit der Würde des König- 
tums unverträglich erschienen und seinen Untergang herbeiführten 
(Her. 3, 118 ff). Angenommen der verhängnisvolle Vorfall habe 
sich so zugetragen wie ihn die Sage schilderte, so konnte ihn der 
König allerdings als Attentatsversuch auffassen oder wenigstens 
zu einem solchen stempeln, und jedenfalls gab ihm derselbe einen 
erwünschten Vorwand, das herkömmliche Recht der persischen 
Stammfürsten, jederzeit unangemeldet beim König Zutritt zu ver- 
langen, abzuschaffen, das die Wiederholung eines ähnlichen An- 
schlags wie der, welchem er selbst die Krone verdankte, und damit 
eine abermalige Thronumwälzung gar zu leicht zu machen schien. 
Dagegen ist Herodots Zeitbestimmung der Katastrophe: αὐτίκα 
μετὰ τὴν ἐπανάστασιν jedenfalls unhistorisch: sie kann natürlich 
erst nach der Beendigung der verschiedenen Aufstände, von denen 
Herodot nichts weiss, und wird wahrscheinlich erst nach der Ein- 
meisselung der Inschrift von Behistün stattgefunden haben. In 
der gegenwärtigen Erzählung Herodots ist Windahfarnäh ganz durch 
ÖOtanes in den Hintergrund gedrängt worden, dessen Haus nach 
dem Untergange der Familie des Windahfarnäh die erste Stelle nach 
dem Königshause einnahm'). 

Schon vor dem Sturze des Gaumäta hatte Babylon seine 
Herrschaft abgeschüttelt und wieder einen eignen König, einen 
angeblichen Sohn des Nabünäid, aufgestellt: [am 10. TiSrit, also 
an demselben Tage, an welchem Gaumäta getötet wurde, wofern 
sich der altpersische Kalender damals mit dem babylonischen 
deckte, datierte man bereits nach Nabü-kudurri-ugur. Dem Bei- 
spiele der Babylonier folgte alsbald Susiana, wo sich A®rina 
(elamitisch HasSina), der Sohn des Uk-ba-tar-ra-an-ma?) zum König 


1) Phantasien bei P. Rost, Unters. zur altorient. Gesch. S. 107 ff. 
—MVAG.1897,28.210ff. H.Winckler, Altor. Forsch. 1, 1898,13 84, 
[3, 1901, 467 f. An letzterer Stelle erklärt der Verf. Ustanni, den Statt- 


halter von Babylon und edir näri ἃ. i. 171772 729, Arbaja (Strass- 
maier, Inschriften von Darius Nr. 82 Ζ. 2 vom 16./ VII. 3 des Dareios 
bei Peiser, KB. IV 305) für „einen von den grossen adligen — den 
angeblichen ‚sieben mördern‘ des ‚Magiers‘, unter welche Darius das 
reich verteilen musste. sein anteil betrug den gesamten umfang des 
weiland neubabylonischen, chaldäischen königreiches“. Winckler ver- 
wechselt also den sonst unbekannten Satrapen von Babylon Us-ta-an-ni 
ἃ. i. ap. Ustäna, gr. Ὀστάνης, Ὀσϑάνης oder Wistana, gr. Ὑστάνης 
(Her. 7, 77), "Ior&vng Arr. 7, 6,4 mit dem den Griechen wohlbekannten 
Hutana, der mit der Unterwerfung von Samos betraut wurde Her. 3, 
141 ff. Vgl. diese Unters. I 12—14. Die Verwechslung dieser beiden 
Personen wird dadurch um nichts entschuldbarer, dass die Namen 
schon von Trogus Pompeius (Just. I 9, 14 ff.) vermengt worden sind.] 

2) So in der elamitischen Version I 57. (H)assina ist regelmässige 
elamitische Umschreibung von ap. Adrina, das mit Suffix -ina gebildet 
ist von aw. ätars, gen. adrö „Feuer“ (vgl.‘Px®-ivns u. a.), der Sohn ist 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 163 


aufwarf (Beh. I 72—81. IV 10—15. Beh. C. D.), allein dieser 
Aufstand war von sehr kurzer Dauer. Die Herrschaft des Arina 
hatte noch so wenig Wurzel gefasst, dass die Susianer auf die 
blosse Aufforderung hin ihren neuen König an Dareios aus- 
lieferten!), ein Beweis dafür, dass jener erst seit kurzem den 
Thron der alten Könige von Susa bestiegen hatte. Um das un- 
rühmliche und der grossen Vergangenheit des Landes wenig wür- 
dige Ende dieses und des zweiten susianischen Aufstandes historisch 
gerecht zu würdigen, muss man übrigens berücksichtigen, dass 
seit der Eroberung von Anzan durch CiSpiS, den Urgrossvater 
Kyros’ 11.5), zahlreiche Perser daselbst ansässig waren, die seit- 
dem die herrschende Klasse bildeten und natürlich sofort der 
Partei des Dareios beitraten. Die Inschrift erzählt den Aufstand 
des A$rina vor dem des Nidintu-Bel, aber, wie ich glaube, nur 
deshalb, weil er vor diesem beendigt wurde, als der Wieder- 
hersteller der achämenidischen Monarchie noch in Medien weilte. 
Dieser hatte nach der Beseitigung des Gaumäta zunächst noch 
längere Zeit in Medien zu thun, um seine Herrschaft zu befestigen 
und ein Heer aus dieser Provinz sowie aus Pärs an sich zu ziehen, 
ehe er an die Bekämpfung des babylonischen Prätendenten denken 
konnte. Von grosser Wichtigkeit war es, dass die Vizekönige des 
Ostens, Dädr$is in Baktrien und Wiwäna in Arachosien, dem neuen 
König der Könige ohne Anstand huldigten und dieser das wichtige 
Parthien, mit welchem damals auch Haraiwa (Herät), Zranka 
(Drangiana) und Asagarta (Köhistän) verbunden waren?) und das 
somit die Verbindungen zwischen West- und Ostiran beherrschte, 
in zuverlässigen Händen wusste. Vom 21. Kislev (IX.) — A9ri- 
jadija existiert noch ein Täfelchen des Nabü-kudurri-ugur, aber 
schon am 27. desselben Monats erzwingt Dareios den Übergang 
über den Tigris und schlägt die Babylonier auf dem rechten 
Tigrisufer. Nur 5 Tage später, am 2. Anämaka = Tebet (X.), 
erringt Dareios den zweiten Sieg bei Zazäna am Euphrat (Beh. 
183—96 = bab. 2.31—37), worauf sich Nidintu-Bel mit wenigen 


also bereits iranisiert, während der Vater noch einen echt elamitischen 
Namen (iranisiert Upadarma) trägt. Es ist übrigens zu beachten, dass 
A®rina neben Fräda von Margiana der einzige Prätendent ist, der sich 
nicht für eine andere Person ausgab oder Abstammung von einer 
früheren Dynastie behauptete, also nicht „gelogen“ hat. Dies scheint 
darauf hinzudeuten, dass er wirklich einem alten einheimischen Adels- 
geschlechte angehörte. 

1 Beh. I 82/83: „Darauf sandte ich nach Susiana (nämlich einen 
Herold, der unter dem Schutze des Völkerrechts stand; vgl. die Boten, 
die der Magier in die Provinzen und zum Heere des Kambyses ge- 
sandt hatte Her. 3, 61/62); jener A®rina ward gebunden zu mir ge- 
führt; ich liess ihn töten.“ 

2) Kyroseylinder Z. 21. Schrader, Keilinschriftliche Bibliothek 
II 2 5. 125. 

5) Vgl. Beh. 1 13—15. Dar. Pers. I 12—15. 

11* 


164 J. Marquart, 


Reitern nach Babylon wirft. „Darauf gieng ich nach Babylon; 
durch die Gnade Ahuramazdah’s nahm ich sowohl Babylon ein 
als jenen Nadintabaira gefangen, dann tötete ich jenen Nadinta- 
baira in Babylon“ (Beh. II 1—5). Wie lange sich Babylon nach 
der Schlacht bei Zäzäna noch gehalten hat, ist aus dieser sum- 
marischen Erzählung nicht zu entnehmen und war bisher auch auf 
anderem Wege nicht genau festzustellen!),. Bei den Ausgrabungen 
der babylonischen Expedition der Deutschen Orient - Gesellschaft 
im Jahre 1901 ist nun ein Täfelchen zum Vorschein gekommen, 
das Vermerke über Mehllieferungen enthält, die vom 6. Tebet bis 
6. Sabat des Anfangsjahres des Dareios, Königs von Babylon und 
Königs der Länder, ausgeführt wurden. Das Täfelchen ist wahr- 
scheinlich am 6. Sabat oder an einem der nächstfolgenden Tage 
geschrieben. Daraus ergibt sich aber, dass Babylon wahrscheinlich 
noch im Tebet, also fast unmittelbar nach der Schlacht bei Zäzäna, 
von Dareios eingenommen worden ist. Die angeblich 20 Monate 
dauernde Belagerung der Stadt durch Dareios, von welcher 
Herodot erzählt und bei welcher Zopyros eine Rolle gespielt 
haben soll?), zerfällt somit völlig in nichts®). Allein der König 
blieb, wie wir sehen werden, noch lange nach der Einnahme der 
Stadt in Babylonien. Was ihn hier zurückgehalten hat, wissen 
wir bis jetzt nicht. 

Während Dareios in Babylonien war, wurden folgende Länder 
von ihm abtrünnig: Pärs, Susiana, Medien, . Assyrien, Armenien, 
Parthien, Margiana, Oatagus und die Saka. Die Reihenfolge dieser 
Aufzählung ist nicht chronologisch, sondern rein geographisch. 
Dies ergibt sich vor allem daraus, dass Assyrien vor Armenien 
steht, obwohl es während des Aufenthaltes des Dareios in Baby- 
lonien gar keinen aktiven Anteil an den nationalen Erhebungen 
nahm, sondern nur im zweiten Stadium des armenischen Auf- 
standes den Schauplatz einer Schlacht zwischen Wahumisa und 
den Armeniern bildete (Beh. II 53—54)*). Pärs steht als Stamm- 


1) Die älteste bis jetzt bekannte Urkunde aus der Regierung des 
Dareios trägt das Datum 20./XI. des Antrittsjahres, aber keine ÖOrts- 
angabe (Strassmaier, Inschriften von Darius Nr. 1); die betreffenden 
Verträge stammen fast sämtlich aus Abu Habba — Sippar. Dann folgt 
ein aus Babylon selbst datiertes Täfelchen vom Monat Simanu (IIH.) 
des 1. Jahres des Dareios (Strassmaier, Inschr. von Darius Nr. 17). 

3) Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 625 f. 

8) Siehe F. H. Weissbach, Babylonische Miszellen S. 48 f. — 
Wissenschaftliche Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Ges. Heft 4, 
Leipzig 1903. Ders., ZDMG. 51, 1897, S. 513. — Danach kann also 
auch das Täfelehen vom 27./XI. des 8. Jahres des Kambyses (Strass- 
maier, Inschriften von Cambyses Nr. 412) nicht mehr in die Zeit 
der angeblichen Belagerung Babylons gesetzt werden. Weissbach, 
ZDMG. 55, 208 vermutet einen Fehler entweder des Tafelschreibers 
oder des Herausgebers. 

*) Der Aufstand der Asagarta in Assyrien brach erst kurz vor 
oder nach dem Falle des Frawartis aus (II 78---91). 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 165 


land an der Spitze, trotzdem die Schilderhebung des Wahjazdäta 
ohne Zweifel eine der spätesten unter den in jener Periode aus- 
gebrochenen Empörungen ist. Allein auch die summarische Zeit- 
bestimmung „während ich in Babylonien war“ ist wohl nicht ganz 
wörtlich aufzufassen. Der zweite Aufstand ist nach der Reihen- 
folge des Ausbruchs der des FrawartiS in Medien. Gegen ihn 
entsendet Dareios, obschon seine aus Persern und Medern be- 
stehende Streitmacht selbst klein war, eine Heeresabteilung unter 
dem Befehle des Persers Widrna, eines der sieben Verschworenen. 
Dieser stösst auf ein von einem Offiziere des Frawartis befehligtes 
Heer und liefert den Medern schon am 27.1) Anämaka (X.) ein 
siegreiches Treffen bei der Stadt Ma-ru-is!) in Medien, worauf er sich 
in der Landschaft Kampanda festsetzt und die Ankunft des Königs 
abwartet (II 13—29 = elam. II7—21). Die Landschaft Kampanda, 
bei Isidor von Charax Καμβαδηνή, wo die Stadt Βαγίστανα 5) und das 
Gebirge Cambandus?) oder Cambades*) lagen, reichte gegen Osten 
bis ganz in die Nähe der Stadt Kinkiwar (Κογκοβάρ) 5). Man hat 
über diesen und andere Siege der Heerführer des Dareios, welche 
die Sieger zur Unthätigkeit verurteilt hätten, vielfach gespottet, 
aber sehr mit Unrecht: den nächsten Zweck, zu welchem er aus- 
gesandt war, hatte Widrna vollkommen erreicht, nämlich die die 
Strasse nach Babylon beherrschenden Zagrospässe in seine Gewalt 
zu bringen und damit eine etwaige Diversion der Meder zu Gunsten 
der Babylonier zu vereiteln. Zu einem Marsche auf Hamadan 
war er mit seinem Häuflein ohne Zweifel viel zu schwach. Wie 
gefährlich für Dareios damals das Erscheinen eines neuen Feindes 
in seinem Rücken hätte werden können, leuchtet von selbst ein. 
Diese Erwägungen zwingen, wie ich meine, zu dem Schlusse, dass 
der König den Widrna abgesandt hat, ehe noch die aufständischen 
Meder die Zagrospässe besetzt hatten. Die Länge der grossen 
Heerstrasse von Baghdäd über Holwän nach Kinkiwar beträgt 
nach den arabischen Geographen 88 Par. oder 121/, Tagereisen. 
Rechnen wir dazu noch die 3—4 Tage, welche zwischen dem 
Tigrisübergang und der Schlacht am Euphrat liegen, so erhalten 
wir im ganzen 15—16 Tage vom Euphrat bis nach Kampanda. 
Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass wir einem Heere, zumal in 
jener Zeit und im Gebirge, sicherlich keine durchschnittliche tägliche 
Marschleistung von 7 Par. beilegen dürfen. Aus alledem wird man 
schliessen müssen, dass Widrna sofort nach der siegreichen Schlacht 


1) So die elamitische Übersetzung. 

5) Isidor. σταϑμοὶ Παρϑ. ὃ 5 BAIITANA aus BATKEYTANA. 

8) Plin. h. n. 6, 134 mons Cambalidus qui est Caucasi ramus nö. 
von Mesabatene d. i. Kauß«Aldog, verlesen aus KaußdNdos. 

ἢ) Plin. h.n. 5, 98 Cambades, ein Ast des Taurus, wie der Oroandes- 
Elwend und Niphates. ; 

5) Isidor. σταϑμοὶ Παρϑ. 8 5—6 bei C. Müller, Geogr. Gr. 
min. I 250. 


166 J. Marquart, 


bei Zäzäna (2./X.) oder jedenfalls spätestens nach der Einnahme- 
von Babylon, falls diese bereits um den 6./X. erfolgte, abgesandt 
worden ist und 25 Tage später den Medern eine Schlacht geliefert 
hat. Frawartis muss sich demnach unmittelbar nach dem Abzuge: 
des Dareios aus Medien empört haben, noch ehe dieser den Dijala 
erreicht hatte. Dasselbe ergibt sich mit noch grösserer Sicherheit 
für den Aufstand des Martija-UmmanniS in Susiana (II 8—13).. 
Über dessen Unterdrückung erzählt der König: „Damals war ich. 
(im Begriffe) gegen Susiana zu marschieren ἢ). Darauf [bekamen: 
die Susianer Furcht] vor mir, ergriffen jenen Martija, der ihr 
Oberster war, [und töteten ihn]“. Danach hat man sich den 
Verlauf offenbar so vorzustellen, dass Dareios auf dem Marsche 
von Hamadän nach Babylonien die Nachricht vom Aufstande des- 
Martija erhielt, worauf er den Weitermarsch nach Babylonien so- 
fort unterbrach und sich (etwa von Kirmänsähän oder Härünäbäd) 
gegen Susa wandte, um zunächst seine Flanke zu sichern. Er 
kam aber gar nicht bis nach Susa oder Anzan, da die Susianer 
auf die Kunde von seinem Anzuge den Usurpator selbst beseitigten, 
worauf er den Marsch nach Babylonien fortsetzen konnte; der 
Zeitverlust kann daher nur gering gewesen sein. Dareios hätte 
somit, wenn er genau historisch berichten wollte, sagen müssen: 
„Als ich im Begriffe war, gegen Babyionien zu ziehen, erhielt ich 
die Nachricht, dass Susiana von mir abtrünnig geworden sei. Darauf‘ 
schickte ich mich an gegen Susiana zu marschieren, worauf die 
Susianer vor mir Furcht bekamen und den Martija ergriffen und. 
töteten. Alsdann setzte ich meinen Marsch gegen Babylonien fort.. 
Als ich den Nadintabaira bei Zazäna geschlagen hatte, erhielt ich 
die Nachricht, dass sich Frawartis in Medien empört habe. Als ich 
noch nicht nach Babylonien gekommen war, hatte er sich empört.“ 

Im Frühling, wohl im Garmapada (I.) seines ersten Regierungs-- 
jahres, sendet der König den Armenier Dädr$iS gegen die aufstän- 
dischen Armenier. Nach den Erfolgen, die dieser errang, ist es. 
freilich nicht wahrscheinlich, dass er über ein beträchtliches Heer 
verfügte: nach drei Siegen in Armenien, bei Zuzza am 8./II., bei 
der Festung Tigrä am 18./II. und bei der Festung Uhjäma am 
9./IIL., sah er sich schliesslich gezwungen, hier auf Dareios zu 
warten bis er nach Medien kam (II 29—49). Da er auch im 
Spätherbste dieses Jahres, als Dareios den Perser Wahumisa mit. 
einem neuen Heere nach Armenien sandte, nicht imstande war 
diesem die Hand zu reichen, so kann jenes nur bedeuten, dass- 
er sich vor der Übermacht der Aufständischen in die Festung; 


1) [ada)kaij adam . asnaij . üäham . abij . Huwagam . pasawah . 
hacamah . [atarsan(?) . Huwaglijah . awam . Martijam . agrbajan . 
hjasam . maXistah . ahah . [utasim . awägalnan. Über asna:j vgl. 
a oa ZDMG. 43, 666. Grdr. f. iran. Phil. 1 13 8 31; 146 
8 260 e. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 167 


Uhjama werfen musste. Als Wahumisa gegen Armenien rückte, 
zogen ihm die Aufständischen bis nach der Landschaft Izzila in 
Assyrien entgegen, wo er ihnen am 15./X. ein siegreiches Treffen 
lieferte, das sie zum Rückzuge nach Armenien zwang. Die Land- 
schaft /zzila ist vermutlich das Gebirge Izola der Syrer d. 1. 
der heutige Tür ‘Abdin!). Der Schauplatz dieser Schlacht gibt 
uns auch Aufschluss darüber, welchen Zweck der Aufstand der 
Armenier verfolgte. Dass sie sich damals ebensowenig wie in 
späteren Jahrhunderten dazu aufzuschwingen vermochten, „für ihr 
eigenes Land zu leben und zu sterben“, geht aus dem gänzlichen 
Schweigen des Dareios über einen Anführer unzweideutig hervor. 
Wenn sie aber südwärts nach Assyrien vordrangen, so ist klar, 
dass ihr Ziel Babylonien war. Sie müssen also von hier aus be- 
wogen worden sein, sich gegen den neuen König der Könige 
zu erheben und den eben unterworfenen Babyloniern zu Hilfe 
zu kommen. Auf engere Beziehungen Armeniens zu Baby- 
lonien weist ja auch der Umstand, dass nach dem Abzuge des 
Dareios aus Babylonien ein Armenier die Babylonier abermals 
zum Aufstande bewegt. Dagegen ist die Annahme, dass der arme- 
nische Aufstand mit dem des Frawartis zusammenhänge, durch 
nichts gerechtfertigt. Nach einem zweiten Siege Wahumisa’s in 
der Landschaft Autijära in Armenien am 30./II. des folgenden 
Jahres, des zweiten des Dareios, kam der Krieg zum Stillstand: 
„dort erwartete mich dann Wahumisa in Armenien, bis ich nach 
Medien kam“ (II 49—63). Damit war in der That die drohende 
Gefahr eines Vordringens der Armenier nach Babylonien, das aller 
Voraussicht nach ein Wiederaufflammen des babylonischen Auf- 
standes im Gefolge gehabt und alle bisherigen Erfolge in Frage 
gestellt hätte, beseitigt, und jetzt erst konnte der König sich der 
Aufgabe zuwenden, Medien, das Kernland von Iran wieder in seine 
Gewalt zu bringen. Allein erst im Sommer oder Herbst verliess 
er Babylonien. 

Inzwischen hatten sich aber sehr bedeutsame Ereignisse im 
Osten abgespielt: die Parther und Hyrkanier hatten sich auf die 
Seite des FrawartiS geschlagen, in Margiana hatte Fräda den Ver- 
such gemacht, das alte ostiranische Königreich zu erneuern, und 
im Stammlande Pärs selbst hatte Wahjazdaäta aufs neue den 
Schatten des Bardija erweckt und das Volk dem Sohne des Kürus 
begeistert zugejauchzt. „Es ward von mir abtrünnig, gieng zu 
jenem Wahjazdäta über, er ward König in Pärs. Darauf entsandte 
ich ein persisches und medisches Heer, das bei mir war. Ein 
Perser, Artawrdija mit Namen, mein Diener, ihn machte ich zu 
ihrem Obersten — das übrige persische Heer zog hinter mir her 
nach Medien —; darauf zog Artawrdija mit dem Heere nach Pärs.“ 

Für die Herstellung eines pragmatischen Zusammenhanges ist 


1) Im persischen und babylonischen Text ist der Name zerstört. 


168 J. Marquart, 


es von grundlegender Wichtigkeit, diesen Aufstand chronologisch 
richtig einzureihen. Das von Artawrdija geführte Heer lieferte 
dem Wahjazdäta am 12. Ourawähara (II) ein siegreiches Treffen 
bei der Stadt Rachä in Pärs. Das Jahr der Schlacht ist nicht 
angegeben. Es erhebt sich daher zunächst die Frage, ob Arta- 
wrdija vom König erst bei seinem Abmarsche nach Medien im 
Sommer oder Herbste des zweiten Jahres (nämlich zwischen dem 
30./II. und dem 26. Adukanis), was nach dem Texte das Nächst- 
liegende wäre, oder etwa schon im Frühling dieses Jahres (im 
Garmapada) nach Pärs geschickt worden ist. Bei ersterer An- 
nahme würde die Schlacht bei Rachä erst ins dritte Jahr des 
Dareios fallen, bis dahin wäre also der Feldherr völlig unthätig 
geblieben, in schreiendem Gegensatze zu der adlergleichen Rasch- 
heit des Königs selbst, der alsbald nach seiner Ankunft in Medien 
dem Frawartis eine Entscheidungsschlacht geliefert und noch im 
selben Jahre dem medischen Aufstande ein Ende gemacht hatte. 
Ich stimme daher Weissbach’s Ansicht (ZDMG. 51, 519) bei, 
dass Artawrdija nach Persien zog, bevor der König Babylon ver- 
liess, und die Schlacht bei Rachä ins zweite Jahr gehört. Nach 
derselben hatte sich der Usurpator mit wenigen Reitern nach 
PiSijähuwädä geworfen und brachte von da ein neues Heer zu- 
sammen), mit dem er später abermals gegen Artawrdija zog, 
allein in der Schlacht beim Berge Prga am 6. Garmapada ward 
Wahjazdäta aufs Haupt geschlagen und geriet selbst samt seinen 
vornehmsten Anhängern in Gefangenschaft (III 21—52). Hier 
könnte man in der That an der Gleichsetzung des Garmapada 
mit dem Nisan stutzig werden, da es Befremden erregen muss, 
dass zwischen der ersten und zweiten Schlacht 10 volle Monate 
verstrichen sein sollen. Diese Schwierigkeit würde wegfallen, 
wenn der Garmapada mit Rawlinson, Unger, Justi dem babylo- 
nischen Abu (V.) gleichzusetzen wäre. Allein Artawrdija mag 
gute Gründe gehabt haben, den geschlagenen Prätendenten nicht 
in dem durch schwer zugängliche Pässe geschützten Lande der 
Pasargaden selbst aufzusuchen. Seine Lage war ja überhaupt 
eine sehr schwierige, da er die Perser gegen ihre eigenen Lands- 
leute führen musste, und wenn der König kluger Weise auch die 
unter seinen Fahnen fechtenden Meder als Gegengewicht gegen 
die Perser seiner Streitmacht einverleibte, so konnte er doch dem 
angeblichen Sohne des Kyros gegenüber nicht durchaus auf die 
Treue dieses Heeres rechnen. 

Dass Artawrdija aber in der Zwischenzeit keineswegs unthätig 
geblieben war, beweist der Schauplatz der zweiten Schlacht, sofern 
der Berg Prga bei der heutigen Stadt Forg in der Nähe der 


1) Über @jasatä vgl. Foy, ΚΖ. 35, 33. Bartholomae, BB. 
XIV 246 f£ Fr. Müller, WZKM. VII 253. O. Hoffmann, BB. 
XVII 285 £. 


; 
Ἷ 
Η 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 169 


Grenze zwischen Pärs und Kermän zu suchen sein wird. Hieraus 
folgt m. E., dass Artawrdija inzwischen den grössten Teil von 
Pärs einschliesslich der Landschaft Jutijä oder Jautija!) ἃ. 1. der 
nachmaligen Provinz Krmäna unterworfen hatte. 

Wahjazdäta hatte aber, selbstverständlich vor der Ankunft 
des Artawrdija, ein Heer nach Arachosien gesandt, welches dem 
dortigen Satrapen Wiwäna zwei Schlachten lieferte, die erste am 
13. Anämaka (X.) bei der Festung Käpisakänis, die zweite am 
7. Wijachna (XII.) in der Landschaft Gandumawa. In beiden ge- 
schlagen floh der Feldherr des Wahjazdäta mit wenigen Reitern 
nach der Festung Arsädä in Arachosien, ward aber hier von 
Wiwäna, der ihm auf dem Fusse folgte, ergriffen und getötet 
(II 52—75). Es handelt sich zunächst darum, den Kriegsschau- 
platz dieser Episode etwas genauer festzustellen. Da von Arsadä 
ausdrücklich angegeben wird, dass es in Arachosien lag, so werden 
die beiden andern Örtlichkeiten, bei welchen eine nähere Be- 
stimmung fehlt, ausserhalb des eigentlichen Arachosien in einer 
der zur Satrapie Arachosien gehörigen Provinzen zu suchen sein. 

Als solche kommen nach Beh. I 16—17 Gandära, Saka, 
OataguS und Maka in Betracht. Da nun in der Übersicht Beh. 
II 7/8 auch ein Aufstand der Oatagus und Saka erwähnt wird, 
von dem in der Erzählung sonst keine Andeutung zu finden ist, 
und @atagus unter den genannten Landschaften — abgesehen von 
Maka, von welchem aber kein Aufstand gemeldet wird — Pärs-Ker- 
man am nächsten lag, so kann es kaum zweifelhaft sein, dass die 
arachosische Expedition des Wahjazdäta mit dem erwähnten Auf- 
stande in engster Beziehung steht und Käpisakänis und Gandu- 
mawa in @atagus lagen. Auch in der Inschrift I von Persepolis 
erscheint @atagus noch unzweifelhaft mit Arachosien verbunden. 
Der Schluss dieser Liste (Z. 17—18) lautet: @atagus Haratu- 
watis Hindus Gandära® Sakä® Maka®. Diese Stellung ist nicht 
zufällig, sondern lässt uns eine durch die inzwischen erfolgte Er- 
oberung des oberen Induslandes veranlasste administrative Ver- 
änderung erkennen. Lassen wir nämlich die beiden letzten Namen, 
welche die äusserste Nordost- und Südostgrenze des Reiches be- 
zeichnen, beiseite, so erhalten wir zwei genau geschiedene Gruppen 
@atagusS-Hara®tuwatis und Hindus-Gandära. Das Indusland war 
also wohl mit Gandhara zu einer neuen Satrapie vereinigt worden. 
So erklärt es sich, warum @atagus von Gandära getrennt ist. 

Man hat sich daher zu denken, dass der zweite falsche Bardija 
wie der erste überallhin Boten aussandte mit der Aufforderung, 
dem Sohne des Kürus zu huldigen. Die Oatagus folgten diesem 


1) So ist zu lesen, wenn Weissbach den Namen im elamitischen 
Text III 1 mit Recht zu Jja-Ü]-t-ja-as statt I-[ü-]ti-ja-ag ergänzt. 
Herodots Οὔτιοι würde sich dem nicht widersetzen, da ionisches οὐ 
d.i. ou auch ap. au wiedergeben kann (Assyriaka S. 637). 


170 J. Marquart, 


Rufe, vermutlich weil der Held Bardija von den Feldzügen des 
Kyros her bei ihnen populär war, worauf der neue König eine 
Streitmacht zu ihrer Unterstützung aussandtee Um den Verlauf 
dieser Expedition militärisch und topographisch zu begreifen, ist 
es indessen vor allem nötig, die damalige Verteilung der ost- 
iranischen Satrapien zu kennen. Diese lässt sich aus Beh. I 16 
und Dar. Pers. I 15—17 mit genügender Sicherheit ableiten. In 
diesen Aufzählungen bilden Asagarta, ParYawa, Zranka und Ha- 
raiwat), sowie Huwärazmija, Bächtri$ und Suguda je zwei beson- 
dere geschlossene Gruppen, woraus sich ergibt, dass dem Satrapen 
von Baktrien das ganze Stromgebiet des Oxus, dem von Parthien 
aber ausser Parthien und Hyrkanien und dem Stromgebiete des 
Har&-röod auch noch das Mündungsland des Hedmand, das ge- 
priesene Kulturland Zranka (Drangiana, Sistän) unterstand, das 
ganz ebenso im Süden die Brücke zwischen den durch die grosse 
Wüste getrennten Ländermassen West- und Ostiran bildete, wie 
Parthien im Norden (5. 163). Um den Oatagus die Hand reichen zu 
können, musste das Heer des Wahjazdata Sistän passieren; dies war 
aber selbstverständlich nur ausführbar, falls der Heerbann des 
Satrapen von Parthien anderweitig in Anspruch genommen war, 
da die Expedition sonst einen Feind in ihrem Rücken gelassen 
und sich der Gefahr ausgesetzt hätte, von ihrer natürlichen Opera- 
tionsbasis abgeschnitten zu werden. 

Daraus folgt, dass die Parther und Hyrkanier damals bereits 
von ihrem Satrapen Wistäspa, dem Vater des Dareios, abgefallen 
waren und sich für den angeblichen ChSadrita, den Erneuerer des 
Reiches des Huwachstra, erklärt hatten, dessen Dynastie sie eine 
dankbare Anhänglichkeit bewahrten?). WiStä$pa hatte daher alle 


1) Die Gruppe Asagarta \ Zranka 


Pardawa f Haraiwa 
von Süd nach Nord laufenden Reihen. Asagarta (das mittelalterliche 
Köhistän) und Pardawa entsprechen zusammen dem Lande Pahlaw 
nach der Bestimmung arRuhni’s (ZDMG. 49, 630 ff). 

3) Dies lehrt die Erzählung des Ktesias bei Diod. 2, 34. Anonym. 
de mulier. c.2. [Demetr.| περὶ ἑρμηνείας ὃ 218 ff. Nik. Dam. fr. 8 bei 
Dindorf, Hist. Gr. min. I 12—13. 

Die Thatsache, dass sich die Parther und Hyrkanier für den an- 
geblichen Ch3adrita erklärten, beweist übrigens schlagend, dass die 
Barkanier und Derbiker, über welche Megabernes und Spitakes, die - 
Söhne des Spitamas und Enkel des Astyages, seit dem Tode des Kyros 
als Satrapen geherrscht haben sollen (ὃ. 139. 145), nicht in der Nähe 
der Hyrkanier gewohnt haben, geschweige denn, dass die Barkanier 
mit den Hyrkaniern identisch sein können. Denn sonst hätten die 
Parther und Hyrkanier doch sicherlich einen der beiden Enkel des 
letzten Mederkönigs auf den Schild erhoben, statt sich dem unbekannten 
Frawartis, der seine angebliche Abstammung vom medischen Königs- 
hause gar nicht näher nachzuweisen vermochte und bis auf den König 
Huwachstra zurückgehen musste, anzuschliessen. Ob es wirklich um 
jene Zeit einen medischen Prinzen Ch3a#rita gegeben oder Frawartis 
den Namen in Erinnerung an Kastaritu, den Präfekten von Karkassı 


besteht aus zwei parallelen, 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 171 


Hände voll zu thun, um die Kaspischen Thore zu sperren und 
die Vereinigung der Parther mit den Medern zu hindern. 

Für die Bestimmung der Lage von @ataguS bietet den ein- 
zigen greifbaren Anhaltspunkt Herodots Verzeichnis der Steuer- 
bezirke (3, 91), wo, allerdings an ganz unpassender Stelle, zwischen 
Ägypten und Susiana, die Ἀπ  υρόδωι mit den Γανδάριοι, ΖΔαδίκαι 
und ᾿“παρύται als VII. Steuerbezirk zusammengefasst werden. Wir 
haben uns hier nicht über den streng historischen Wert dieses 
Verzeichnisses zu äussern, das augenscheinlich aus mehreren, schon 
äusserlich durch besondere Formeln unterschiedenen älteren Quellen 
nicht gerade geschickt zusammengearbeitet ist. Dies thut indessen 
seiner Wichtigkeit als topographische und ethnologische Quelle 
keinen Eintrag. Die Grundlage bildete ein altes, auf die frühere 
Zeit des Dareios bezügliches Verzeichnis (A), das mit Ionien be- 
gann und in dem die Steuerquoten durch die Formel ausgedrückt 
waren: ἀπὸ τοῦ δεῖνος δεῖνα προσήιε (φόρος ἦν) τάλαντα. Dieser 
Katalog war aber an mehreren Stellen beschädigt: vor Medien war 
Armenien, hinter Medien Parthien mit Hyrkanien und Areia aus- 
gefallen, die auf Baktrien (XII) und Πακτυϊκή (XIII) bezüglichen 
Angaben waren verstümmelt!). Man versuchte daher, dies wertvolle 
Dokument aus anderen Quellen so gut es gehen wollte zu ergänzen, 
und so ist die gegenwärtige Verwirrung zustande gekommen. Die 
Parther, Chorasmier, Sogder und Areier können niemals einen 
Steuerbezirk gebildet haben: noch die Grabinschrift des Dareios 
zu Nags i Rustam zählt die Länder Par$awa und Haraiwa einer- 
seits, Bächtri$, Suguda und Huwärazmis andrerseits als zwei deut- 
lich unterschiedene Gruppen d. h. Satrapien auf, obwohl sie sonst 
den inzwischen eingetretenen administrativen Veränderungen Rech- 
nung trägt. Wenn im Heere des Xerxes die Parther nicht mit den 
Hyrkaniern und Areiern, sondern mit den Chorasmiern zusammen 
denselben Führer haben, so beruht dies auf einem sehr verständigen 
taktischen Prinzip. Bei grösseren Feldzügen, bei welchen Truppen 
aus verschiedenen Satrapien zur Verwendung kamen, bildete nicht 
die Satrapie schlechtweg den Korpsverband, "sondern die einzelnen 
Völker wurden je nach der Übereinstimmung ihrer nationalen Be- 
waffnung, Fechtart und Sprache zu neuen "taktischen Verbänden 


und Führer der Liga gegen Asarhaddon (vgl. Streck, ZA. XV 320. 
360 f.) frei erfunden hat, wissen wir nicht. In den Ländern des Hindu- 
kus, die niemals zum medischen Reiche gehört hatten, waren die an- 
geblichen Enkel des Astyages, wenn sie noch am Leben waren, aller- 
dings kalt gestellt. 


1) Die Worte μέχρι AiyAöv sind sicher verdorben, welcher Name 
aber für Αἰγλῶν herzustellen ist, ist nicht mit Sicherheit auszumachen ; 
schwerlich Σόγδων, ich vermute eher Dırkövyvor; vgl. Strab. νὰ 11, 8 
Ῥ- 520 und Ktesias bei Steph. ΒΥΖ. Ρ. 565, 3: Σΐγυννοι, πόλις Αἰγυπτίων, 
ὡς Κτησίας ἐν πρώτῳ περίπλων. οἱ πολῖται Σίγυννοι, wo AITTIITIQN 
eine allerdings schwer begreifliche Verderbnis aus SITTNNRN sein 
wird. Vgl. Müllenhoff, DA. UI 1. 


179 | J. Marquart, 


zusammengestellt, mochten sie sonst auch verschiedenen Satrapien 
angehören). Die Hyrkanier und Areier unterschieden sich in der 
Ausrüstung von den Parthern und erhielten darum eigene Führer 
(Her. 7, 62. 66). Weshalb auch die Sogdier einem besonderen Be- 
fehlshaber unterstellt und nicht mit den Baktriern vereinigt wur- 
den, ist nicht deutlich; noch zu Alexanders Zeit fochten sie im 
Heere des Bessos, des Satrapen von Baktrien (Arr. 3, 8, 3), doch 
besass die Provinz ihre eigene Residenz (Arr. 3, 30, 6. 4, 5, 3), 
wie auch Hyrkanien (eb. 3, 25, 1) und Drangiana (eb. 3, 25, 8). 
Dass die nomadischen Saken, die sich von den ansässigen Iraniern 
nicht bloss in Tracht und Bewaffnung, sondern ohne Zweifel auch 
in Dialekt?) und Sitten unterschieden, mit den Baktriern zusammen 
die Leibtruppen des Satrapen Wistäspa bilden (7, 64), hat jeden- 
falls einen besonderen historischen Grund?). Ebenso ist nichts 
dagegen einzuwenden, dass die Parther, Chorasmier, Sogder, Gan- 
darier und Dadiken wegen ihrer mit der baktrischen überein- 
stimmenden Rüstung zusammengestellt werden (7, 66), und es ist 
augenscheinlich, dass der Redaktor des Verzeichnisses der Steuer- 
bezirke unter dem Einflusse dieser Stelle steht, wenn er Parther, 
Chorasmier, Sogder und Areier zu einem Bezirke vereinigt*). Ver- 
bindet man nun die im Nominativ stehenden, aus anderer Quelle 
(B) stammenden Namen der Bezirke VII, XI, XV—XVI und XX, 
indem man die jetzt hinter Ägypten eingeschobenen Namen des 
VII. Bezirks vor ’Ivdoi stellt, so erhält man eine in sich ge- 
schlossene geographische Reihenfolge, die am Kaspischen Meere 
(Κάσπιοι, Παυσίκαι, Ζαρεῖται) beginnt und in der Nähe des Indus 
endet. Die Πακτυϊκή des XIII. Bezirks ist offenbar dieselbe Land- 
schaft, die noch an zwei andern Stellen (3, 102 und 4, 44) bei 
Herodot vorkommt und in der Nähe der Stadt Kaspatyros oder 
Kaspapyros nicht weit von der Mündung des Käbulflusses in den 
Indus?) zu suchen ist, wie ihre Stellung zwischen Baktrien und dem 
vierzehnten Bezirke beweist, der die Sagartier, Zranka, Θαμαναῖοι 
(Arachosien), Οὔτιοι (Jutijä) und Moxoı (Maka) umfasste und bis 
zum erythräischen Meere reichte, d. h. der Satrapie Arachosien. 


1) Das klassische Beispiel bildet die Vereinigung der Phryger 
und Armenier Her. 7, 73. 

2) Nach dem oben (5. 142) Bemerkten hätte das altertümliche 
Mungi mit seinem Unterdialekt, dem im Thale Lud-Chö oder Jidok 
auf der Südseite des Hindukus gesprochenen Jidyäh, den nächsten An- 
spruch, als Abkömmling der alten Sprache der Sakäh Haumawargäh 
zu gelten. 

8) Vgl. Her. 9, 113. 1, 153. 

*) Auf die weitere Unwahrscheinlichkeit des „Satrapienverzeich- 
nisses“, dass die Baktrier 360, die IIxeıxavıoı und Αἰϑίοπες gar 400, 
die Parther, Chorasmier, Sogder und Areier dagegen zusammen nur 
300 Talente aufgebracht haben sollen, gehe ich hier nicht ein. 


)8.u. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 173 


Die Frage, wie es kam, dass mit dieser Provinz Πακτυϊκή die 
Armenier nebst den benachbarten Stämmen bis zum Schwarzen 
Meere verbunden wurden, ist nicht ganz leicht zu beantworten. 
Die einfachste Lösung wäre die Vermutung, die Quelle A habe 
zwei gleichnamige Landschaften Πακτυϊκή aufgeführt, von denen 
die eine in der That mit den Armeniern zusammen einen Steuer- 
bezirk gebildet und in der Quelle ihre richtige Stelle vor Medien 
gehabt hätte, aber von dem Redaktor mit dem indischen Πακτυϊκή 
identifiziert und deshalb samt Armenien hinter Baktrien gerückt 
worden wäre. Jenes westliche Πακτυϊκή wäre in der heutigen 
Gebirgslandschaft Dohtan zu suchen!). Gegen diese Annahme 
lässt sich nicht einwenden, dass ja dieses Gebiet bei Herodot 
sonst durch den Namen Marınvn vertreten sei?); denn diese 
Schwierigkeit liesse sich durch die Benutzung ungleichaltriger 
Quellen erklären. Allein der Landschaftsname Dohtän hat kein 
hohes Alter, sondern ist seinerseits von dem des Kurdenstammes 


w 


FE DBochti abgeleitet, der noch nicht einmal den älteren ara- 


bischen Geographen bekannt ist. Dies gilt sogar von Mas'üdi, 
der doch der Geschichte der Nomadenstämme, und zwar auch der 
iranischen und unter letzteren wieder besonders der Kurden, ein 
eigenes Studium gewidmet hat und gerade über diese sehr gut 
Bescheid weiss?). Der Stammvater der Kurden ist nach ihm Kurd 
ὁ. Μαγα 4), worin sich eine überraschende Kunde von dem alten 
Zusammenhange der räuberischen und nomadischen "Aucodoı oder 
Μάρδοι und Κύρτιοι im Zagros erhalten hat°). Allein obwohl 
er selbst mit der Topographie des heutigen Bohtän ganz gut ver- 
traut ist und in der Nähe des Gebietes von al Maugil und des 
Gabal al Gudr christliche Kurden, die Jakobiten und 15. δ 
Güragän kennt®), finden sich unter den zahlreichen von ihm auf- 
geführten Kurdenstämmen 1) die Bochti-Kurden nicht. Über das erst- 
malige Auftreten dieses Stammnamens in der Geschichte schweigt 
sich Hartmann aus, spricht sich aber S. 103 ausdrücklich gegen 
den Zusammenhang desselben mit Herodots Πακτυϊκή aus. In der 


1) Nöldeke, Neusyr. Gramm. XVII n. 2. Vgl. Kiepert, AG, 
8 81 A.1. Hartmann, Bohtän S. 108 —= MVAG. 1897, 5. 43. 

2, Her. 1, 202. 189. 5, 49. 52. Vgl. einstweilen Eränsahr 8. 221 A.1. 

®) Murüg III 246—254. Kitäb at tanbih an, 14—1., 4. 

Sr Oben 5. 157 A. 

5) Ganz genau so werden Μάρδοι und Κύρτιον gepaart bei Strab. νὰ 
13, 3 p. 523. ıe 3, 1 p. 727; vgl. noch Polyb. 5, 52, 5. Liv. 37, 40. 42, 58 
und über die Form Κύρτιοι Nöldeke, Kardü und Kurden; Festschr. 
f. Kiepert S. 78. ᾿ 

6) Vgl. auch die Rahzad?-Kurden 801,9 # am (assyrischen) Chäbur 
Tanbıh of, 10. 

ὅ Murüg III 254. Tanbih an, 1911, 3. 


114 7. Marquart, 


That würde, von den historischen Bedenken ganz abgesehen, schon 
die anlautende Media jene Gleichung lautlich sehr zweifelhaft er- 
scheinen lassen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Ethnikon 
bochti aber erst von einem Personennamen abgeleitet, und da 
bieten sich von selbst die mit -bucht zusammengesetzten Namen, 
wie Se-bucht, Bucht-i3ö‘ etc. Bei der Ableitung fiel der andere 
Teil des Kompositums natürlich ab. 

Ist somit eine Landschaft IIexrvixn im Westen nicht nach- 
weisbar, so muss die nachgewiesene Verschiebung der Armenier 
eine andere Ursache haben. Ich glaube dieselbe zu finden in den 
Namen der Zayaorıoı (Asagarta) und Mvxoı.. Wir können min- 
desten zwei Völker jenes Namens nachweisen, von denen das eine 
zu den östlichen Ländern gerechnet und neben Par$awah gestellt 
wird (Dar. Pers. I 15), während das andere den nördlichen Zagros, 
etwa das heutige Bohtän, und das anstossende assyrische Gebiet 
mit der Hauptstadt Arbela inne hatte!). Die Mvxo: (auch 7, 68) 
entsprechen fragelos den Maka der Inschriften (Beh. I 17. Dar. 
Pers. I 18) in Mokrän, den Mäkara der Inder, von welchen der 
mittelpersische Landschaftsname Mäkuran, Mukuran, Mukran 
abgeleitet ist, scheinen aber von dem Bearbeiter der Verzeichnisse, 
wie schon die abweichende Namensform andeutet, mit den von 
Hekataios in der Nähe von Armenien genannten Mvxoi kombiniert 
worden zu sein?).. Auf die Frage, ob unter den Mwxoi des 
Hekataios die Völkerschaft, welche der Landschaft Mukan, arab. 
„Er; der heutigen Steppe Muyan südöstlich vom Araxes den 
Namen gegeben hat?), oder die Bewohner der armenischen Provinz 
Mokk‘ im Südwesten des Wansees®) zu verstehen seien, braucht 
hier nicht eingegangen zu werden. Zu diesen Übereinstimmungen 
kommt, dass auch der Name Ovrıo: sein Gegenstück in Armenien 
hatte: es gab hier am Unterlaufe des Araxes eine Landschaft Otene?), 
die in Arzach oder P'ajtakaran gelegen haben muss und geographisch 
offenbar von Ut am Kur zu trennen, aber vielleicht mit der 
Landschaft Οὐιτία der Alexanderhistoriker Medios und Kyrsilos 
identisch ist, die in oder in der Nähe von P‘ajtakaran zu suchen ist). 


1) Beh. II 79—91. TV 20—23. Beh. G. Ptol. VI 2 p. 391, 26—27 
(nach archaischer Quelle). Vgl. einstweilen diese Unters. I 60 A. 

2) Hekat. fr. 170 bei Steph. Byz. 5. v. Mvxoi‘ ἔϑνος περὶ οὗ Ἕκα- 
ταῖος ἐν Acia „En Μυκῶν ἐς ᾿ἀράξεα ποταμόν“. 

ὃ) Eränfahr 195. ZDMG. 49, 633. 


8) Steckt in den Moschen? des Plin. ἢ. n. 6, 28 arm. Mokk‘, acc. 
Moks? Ammian schreibt Moxoene mit Vokalassimilation nach syr. Be 
Moksaje, wie Rufus Festus Madaeöna — syr. Be$ Mäadäje. 

5) Plin. h. n. 6, 42: reliqua vero fronte, qua tendit ad Caspium 
mare, Atrapatene ab Armeniae Ötene regione discreta Araxe. 

6) Ich will hier nur darauf hinweisen, dass die Stadt Aivie, die 
wahrscheinlich mit dem Gau Hani in P‘ajtakaran zusammenhängt (so 
Andreas), in Uitia lag Strab. νὰ 7,1 p. 508. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 175 


Indem also der Bearbeiter die Zayderıoı des vierzehnten 
Steuerbezirks mit den Asagarta des Zagros zusammenbrachte und 
die Maka irrig mit den nordwestlichen Mvxoi/ des Hekataios zu- 
sammenwarf, ward er dazu verleitet, auch die Armenier in ihre 
Nähe zu bringen. 

Dagegen ist jetzt unverkennbar, dass sich der die Sattagyden, 
Gandarier, Dadiken und Aparyten umfassende siebente Bezirk des 
Interpolators sachlich mit der Provinz Πακτυϊκή (XIII.) der ältern 
Quelle deckt. Die Gandarier und Dadiken werden auch im Xerxes- 
heere zusammengeordnet; sie trugen baktrische Rüstung (7, 66), 
im Unterschiede von den eigentlichen Indusanwohnern. Die Gan- 
darier, ap. Gandara, ai. Gandhära im untern Käbulthale sind 
bekannt. In Ζαδίκαιν sehe ich eine indische Dialektform *Dadeka 
(mit Suffix -«ka, vgl. Jackson, Awesta Grammar $ 839) — Darda, 
Darada. Die Dardstämine nennen sich selbst Sin, ihre Sprache Sina 
und erstrecken sich bis zur Indusbeuge und bis Gilgit und Jasin. 
Die ᾿“παρύται decken sich mit dem Lande Po“ruta des Mihrjast?). 
Auch Ptolemaios kennt an der Grenze von Areia gegen das Land 
der Paropanisaden, also etwa am ÖOberlaufe des Häri-rüd westlich 
vom Köh-i Bäbä, einen Stamm Παροῦται ). 

Die OataguS erscheinen noch in der Grabinschrift des Dareios 
von Nags-i Rustam, und zwar in folgender Völkerreihe: Zranka® 
— Harabuwatis — @atagus — Gandära® — Hindus — Sakat 
Haumaw°[rgät] — Sakä#® tigrachaudä®. Drangiana, das noch in der 
Inschrift I von Persepolis mit Parthien und Haraiwa vereinigt 
erscheint, war demnach seither mit Arachosien verbunden worden. 
Wenn dagegen die Oatagus im Gegensatz zur genannten Inschrift 
unmittelbar vor Gandära und HinduS gestellt werden, so erklärt 
sich dies am besten bei der Annahme, dass sie jetzt mit diesen 
beiden Ländern zusammen &inen Verwaltungsbezirk ausmachten. 
Aus Herodot und der Inschrift von Naqs-i Rustam ergibt sich 
somit, dass die @atagus nördlich von Arachosien und westlich 
von Gandhära, also etwa im Köh-i Babä und am ÖOberlaufe des 
Hölmand zu suchen sind. Über die den Schluss bildenden Saken 
ist schon oben gehandelt. 

Nach Dareios werden die @ataguS nicht mehr erwähnt. Im 
 Xerxesheere vertreten ihre Stelle die Πάκτυες, ein Volk mit 
eigner Rüstung: Πάκτυες δὲ σισυρνοφόροι TE ἦσαν (d. h. sie trugen 
Röcke aus Schaf- oder Ziegenfellen) καὶ τόξα ἐπιχώρια εἶχον καὶ 
ἐγχειρίδια (Her. 7, 67). Auch dieser Volksname ist in der späteren 
geographischen Literatur verschollen, wird aber in der Umschreibung 


EEE P‘ok-tat noch je einmal im Ts‘ien Han-$u und im Höu 


1) Oben 8. 73 £. 


2) Ptol. 6,17 p. 433. 4 ed. Wilberg und Grashoff: ee δὲ τῆς 
«Ἀρείας. 36 τὰ δὲ παρὰ τοὺς Παροπανισάδας Ilxgovraı (v. 1. Πάραυτοι, 
“Πάρουτοι), ὑφ᾽ οὺς Ὀβαρεῖς. 


176 J. Marquart, 


Han-$Su erwähnt. Im erstern Werke heisst es von A-jih-San-li 
d.i. Arachosien, benannt nach der Hauptstadt ᾿“λεξάνδρεια ᾽4ρα- 
χωτῶν: „The country joins Ke-pin on the east, Po-taou [Pfok-ta£] 
on the north, and Le-keen and Teaou-che on the west“). Ke-pin, 
eigentlich eine Transskription von Kasmira bezw. präkr. * Kasvira, 
bezeichnet hier das Sakenreich im Pangäb, über Li-kan und T'iau- 
&ih vgl. Hirth, China and the Roman Orient p. 146. 172. Das 
Höu Han-Su erzählt von Kru-tsiu-koh, dem Gründer des Kusan- 
reiches: „Er fiel ein ins Land der An-sek (Arsakiden); er be- 
mächtigte sich des Gebietes von Ko-hu, vernichtete auch Pok-tat 
und Kr-pin und ward vollkommen Herr dieser Länder*?). Ko-hu 
— Κάβουρα, Kabul vertritt hier das Königreich Gandhära, steht 
demnach zwischen P‘ok-tat und Ki-pin in der Mitte. Daraus er- 
gibt sich, dass Pok-tat westlich oder südwestlich von Käbul zu 
suchen ist. Aus Herodot ist aber zu entnehmen, dass Πάκτυες, 
im Gegensatze zu den rein geographischen Bezeichnungen Hara- 
huwatı3 und (aw.) Hastumant, ein echter Volksname war, der in 
älterer Zeit eine umfassendere Bedeutung hatte und auch die 
Arachosier einschloss. Diese werden in dem Verzeichnis der Steuer- 
bezirke (3, 98) und in der legendenhaften Erzählung Her. 3, 117 
unter der epischen Bezeichnung Θαμαναῖοι d.i. ap. *Odämäna — 
aw. Säma aufgeführt), wären aber im Kataloge des Xerxesheeres 
gar nicht vertreten, wenn sie nicht unter den Πάκτυες einbegriffen 
wären. Auf ein grösseres Volk lässt auch der Umstand schliessen, 
dass die Rüstung der Paktyer der persischen gegenübergestellt 
wird*). Dazu stimmt sehr gut, dass auch den früher zu Pärs 
gehörigen Ovrio: (Jutijä im späteren Kermän), Mvxo: (Maka) und 
Παρικάνιοι dieselbe Rüstung wie den Paktyern zugeschrieben wird 
(7, 68)°). Die beiden letzteren Völker waren südliche Nachbarn 


1) Ts’ien Han-Su Kap. 96 a, übs. von Wylie, Journ. of the 
Anthropol. Inst. X, 1831, p. 38. 2 

2, Hou Han-$u,Kap. 118 fol. 11, Übersetzung von Prof. de Groot; 
vgl. E. Specht, Etudes sur l’Asie centrale p. 9. Eränsahr 5. 203 
A.3. 208. 

8) S. meine Abhandlung „Wehröt und Arang“. 

4 Dagegen kommt der rein geographische Charakter des Namens 
Harahuwatis auch darin zum Ausdruck, dass er später auf eine Stadt 
und einen kleinen Bezirk im Garmsir beschränkt wird: ραχωτός Ptol. 
6, 20 p. 438, 8 Χοροχοὰδ πόλις Isidor. von Charax σταϑμοὶ Παρϑ'. 8 19 
— Horoxwad (mit regressiver Vokalassimilation, wie in mp. Ohormizd, 
geschrieben 4ιολο ον — ap. Ahuramazdäh,) A203 Rochwat a. 544 


Synodieon orient. p. 88, 17. 22. 28. 29. 89,1 — 343/44 ed. Chabot, arab. 


> i se. Die Stadt heisst später she Tone ‚ an dessen 
Stelle im 10. Jahrhundert das ein manzil entfernte ÖL: („AS Tägin- 
αδαδ tritt. 

5) Her. 7, 85: εἰσὶ δὲ τινὲς νομάδες ἄνϑρωποι Σαγάρτιοι καλεό- 
μενοι, ἔϑνος μὲν Περσικὸν καὶ φωνῇ (ergänze mit Stein χρεώμενον 


a 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 4177 


von Arachosien. Ich glaube daher, dass OataguS „hundert Rinder 
besitzend*1) die persische Bezeichnung eines nördlich von Ara- 
chosien wohnenden Stammes der Paktyer war, und dass dieser 
Volksname selbst bei der Auflösung des baktrisch - hellenischen 
Reiches auf einen vom Königreich bezw. der Satrapie Arachosien 
unabhängigen Stamm beschränkt wurde. 

Mit der Selbstbezeichnung der Afyänen, Pextun bezw. Pastün, 
plur. Pastäna, deren Sprache P@xtö bezw. P“$tö heisst, hat der 
Name Πάκτυες nichts zu thun. Paxtün ist nur nordafyänische Aus- 
sprache, das Ursprünglichere ist die südafyänische Form Pastun, die 
ein älteres Pastan oder *Parstän voraussetzt, da afy. $ auf iran. $ 
bezw. sr, rs, r$ zurückgeht?). Aus dem Gesagten geht aber des 
weiteren hervor, dass auch sachlich zwischen den Πάκτυες und den 
Pagtan keinerlei Beziehung besteht. Der Name Χοροχοάδ, ‚ano 


Rochwat, Se Be) Rochat, Rochag allein würde zu dem Be- 


weise genügen, dass man in Arachosien, wenigstens im Garmsir, 
nicht Afyänisch sprach. Gegen die verbreitete Annahme, die Afyänen 
seien aus dem I’ör gekommen, hat Raverty mit Recht energisch 
protestiert und betont, dass dieselben bei ihrem Eintritte in die 
Geschichte östlich von Taznin wohnten und sich noch um 369 H. 
(979/80) nicht nordwärts vom Flusse Kurma (Kuram) ausgebreitet 
hatten®). Wann und woher sie dahin gekommen waren, ist freilich 
gänzlich unbekannt. In Taznin war seit der Hephthalitenherrschaft 
mehr und mehr die persische Verkehrssprache eingedrungen, die 
einheimische Mundart, das Zäwuli, war aber zu Mahmüds Zeiten 
sicher weder indisch noch afyanisch, sondern wird sich an die im 
Süden und Westen angrenzenden, bis jetzt unbekannten Mundarten 
angeschlossen habent). Dagegen könnten die φέξη möglicher- 
weise in dem Stamme der Παρσιῆται stecken, welchen Ptol. 6, 18 


Περσικῇ Ὁ), σκευὴν δὲ μεταξὺ ἔχουσι πεποιημένην τῆς τε Περσικῆς καὶ 
τῆς Πακχτυικῆς. Es ist wohl zu beachten, dass hier von bedeutenderen 
nationalen Unterschieden innerhalb der Iranier die Rede ist. Wie von 
Dareios die Landschaft Jautija d. h. die spätere Provinz Kermän und 
noch in dem Verzeichnisse der persischen Stämme Her. 1, 125 die Γερ- 
μάνιοι ἃ. 1. *Krmäana (oben S. 144), so werden hier und in dem er- 
wähnten Verzeichnis auch die nomadischen Asagarta (vgl. Dar. Pers. I 15. 
Her. 3, 93) im heutigen Köhistän der persischen Nation zugerechnet. 


1) So Bartholomae, Idg. Forsch. XII, 1901, 5. 130 A. 2. 

2) Vgl. W.Geiger, Etymologie und Lautlehre des Afghänischen 
819, 2.3 8. 51 — ἌΡΗ. d. bayer. Akad. I. Cl. XX. Bd. 1. Abth. S. 217. 
Grar. f. iranische Phil. 12, S. 209 $ 6. 

®) Minhäj-i Siräj, The Tabagät-i NäcirT transl by H. G. Raverty 
passim, bes. p. 320 n. 4. 1032 n. 2. 1202/3 n. XIV. Desselben Ver- 
fassers Notes on Afghänistän sind mir leider nicht zugänglich. 

4) Ist. Yal, 2 — IH. 1, 6) beschränkt sich auf die Bemerkung, 
die Sprache des T’ör sei verschieden von der Sprache der Chorasanier 
d.h. der neupersischen Verkehrsprache der Samanidenzeit. 


Philologus Supplementsband X, Erstes Heft. 12 


178 | J. Marquart, 


p. 435, 8 ed. Wilberg im südlichen Teile des Paropanisadenlandes 
ansetzt: χατέχουσι δὲ τῆς χώρας τὰ. μὲν ἀρκτικὰ Βωλῖται, τὰ δὲ 
δυσμικὰ ᾿Δριστόφυλοι καὶ ὑπ᾽ αὐτοὺς Πάρσιον, τὰ δὲ μεσημβρινὰ 
Παρσιῆται ἢ), τὰ δὲ ἀνατολικὰ ᾿Δμβάται. Für Βωλῖται ist Καβολῖται 
herzustellen, ᾿Δμβάται in “αμβάγαι zu verbessern, wofür VII 1, 42 
weniger falsch “αμβάται geschrieben ist. Beide Verderbnisse er- 
klären sich leicht. Das Land der Paropanisaden schloss also im Norden 
das Gebiet von Käbul und im Osten das der Lampäka (Lamyän) 
ein, die Παρσιῆταν würden demnach in der That etwa in das 
Stammland der Afyänen östlich von Iaznin und südlich vom oberen 
Kuram fallen. Dasselbe Volk könnte mit den Παργυῆται gemeint 
sein, welche Ptol. 6, 20 Ρ. 437, 27 ins nördliche Arachosien setzt: 
καλοῦνται δὲ οἵ μὲν τὰ ἀρκτικὰ τῆς χώρας κατέχοντες Παργυῆται 5), 
οἵ δὲ ὑπ’ αὐτοὺς Συύδροι5), weh” οὺς ᾿Ῥωπλοῦται καὶ ᾿Εωρεῖται. 
Diese Völkerreihe ist nämlich ganz willkürlich nach Arachosien 
versetzt worden und gehört in Wirklichkeit in das Gebiet zwischen 
Arachosien bezw. Gedrosien und dem Indus, wie die Eweeir«ıt) 
und Σύδροι δ) beweisen. Die IagI’vjraı kämen somit auch hier 
etwa in das Gebiet südlich vom Kuram, und die Änderung in 
IIegCvnteı oder ΠαρΕ]Ιῆται ist mindestens ebenso leicht als 
Grashoff’s Konjektur Παρθυῆται. Dagegen ist in der Grenz- 
beschreibung p. 434, 30: οἵ Παροπανισάδαι περιορίζονται ἐξ ΤῸ: 
ἀπὸ δὲ μεσημβρίας ᾿Αφαχωσίᾳ κατὰ τὴν ἐπιζευγνύουσαν τὰ ἐκκεί- 
μενα πέρατα γραμμὴν διὰ τῶν Παρουητῶν δ) ὀρῶν eine Änderung 
unnötig, da parwata im Indischen „Gebirge* bedeutet und der 
Name des Stammes mit dem des Gebirges nicht zusammenzuhängen 
braucht. Höchstens wird umgekehrt die Schreibung des Gebirgs- 
namens bei den Abschreibern die des Stammnamens beeinflusst haben. 

Aus diesen Darlegungen folgt von selbst, dass der Name 
der Landschaft Πακτυική mit der nach Hekataios in Gandhära 
gelegenen Stadt Κασπάτυρος bezw. Κασπάπυρος, wo die Ent- 
deckungsfahrt des Skylax auf dem Indus ihren Anfang nahm 
(Her. 4, 44) und in deren nördlicher Nachbarschaft die gold- 
suchenden Inder ἃ. ἢ. die Darden wohnten (Her. 3, 102), mit dem 


1) A Παρσιεῖται, F Παρσηΐῖται. 

2) Παργυῖται F. 

8) Σίδρον ADM, Σιδροί F. 

4) Vgl. Plin. h. n. 6, 94: flumen Eorum, gens Orbi, flumen navi- 
gabile Pomanus Pandarum finibus, und die ᾿Ωρεῖται Plin. h. n. 6, 95 etc. 
Tomaschek, Topographische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs 
8.18 £. — SBWA. Bd. 12771890, 87.5 

5) Plin. h.n. 6, 92: Syndraci, Dangalae, Parapinae (E parapiane), 
Cataces, Μαζὶ. S. "dazu Tomas chek, Zur historischen Topographie 
von Persien 156 — SBWA. Βα. 102, 1883, 5. 198 und über die 
Σόδραι Diod. 17, 102, sonst Σόγδοι genannt Arrian 6,15,4, Lassen 
II: 183 A.1. Me Crindle, The invasion of India by Alexander the 
Great ? 354. 

6) Παρουητῶν ABDF Latt., Παρουιτῶν E Pal.1, Παρσυητῶν vulgo. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 179 


Volksnamen Il«xtves in keinem Zusammenhange stehen kann. Es 
muss hier vielmehr ein einheimischer Landschaftsname zu Grunde 
liegen, und zwar kann m. E. nur die Landschaft Puskalawati am 
Unterlaufe des Käbulflusses mit dem gleichnamigen Vororte, der 
alten Hauptstadt von Gandhära in Betracht kommen, deren Ruinen 
Sir A. Cunningham bei HaStnagar am linken Ufer des unteren 
Swät, etwa 17 miles nö. von Pesäwar festgestellt hatt). Ich 
sehe also in Πακτυϊκή eine griechische Umbildung einer alten 
Präkritform *Pukkhalawati, päli Pukkhalaot! — skt. Puskalä- 
wati, Puskarawati. Was zunächst die Endung -ıxn betrifft, so 
ist dieselbe, wie schon der Accent beweist, offenbar rein griechisch 
und nicht mit dem indischen und iranischen Sufhix -.ka (vgl. 
Jackson, Awesta grammar 8 839) zusammenzustellen; Πακτυϊκὴ 
yn steht auf gleicher Linie mit ähnlichen dem Herodot geläufigen 
Ausdrücken, wie Σχυϑικὴ χώρη 2, 22 oder einfach Σχυϑική 4, 5. 
22 ete., Περσική 1, 126. 4, 39 neben Περσὶς χώρη 3, 97 etec., 
Avöin γῆ 1, 79 etc. Der griechische Berichterstatter scheint den 
Namen in Pukkhalaw-ati abgeteilt zu haben, so dass v als Wieder- 
gabe von aw erscheint, wie in Παρϑυαῖοι = Pardawa u. a. Das 
a für w der ersten Silbe würde sich dann durch Vokaldissimilation 
erklären, wie in ”Aroo0« — aw. Hutaosa, "Audoyns, ᾿Δμύργιοι und 
umgekehrt Ὁμάργης — ap. Haumawrga u. a. Die Aspiration der 
Präkritform wird auch in den späteren genaueren griechischen 
Umschreibungen nicht berücksichtigt?). Nur für das τ statt Z, r 
weiss ich keine phonetische Erklärung. Man wird daher anzu- 
nehmen haben, dass Skylax selbst Πακλυΐκη bezw. Πακρυϊκή ge- 
schrieben hatte, dass aber derjenige, welcher zuerst die Original- 
berichte des Skylax, Hekataios und etwaiger unbekannter Ge- 
währsmänner zusammenarbeitete, den Namen jener Landschaft 
mit dem Volksnamen Πάκτυες verknüpfte und nach diesem in 
Πακτυική veränderte, wie er es auch mit den Maka gemacht hat?). 


1) A.Cunningham, The ancient geography of India p. 41—51. 
Me Crindle, The invasion of India by Alexander the Great. ‚New 
ed., Westminster 1896, p. 59 n.5. Vgl. A. Foucher, Bull. de l’Eeole 
d’Extr.-Orient I 334 ss. 


2) Mit Ausnahme von Ptol., der die Stadt zweimal in ganz ver- 
schiedenen Positionen verzeichnet hat, das erste Mal p. 438, 2 als 
Φωκλίς (mit zurückgeworfener Aspiration) unter 118° 15° L. 32° 10° Br. 
in Arachosien(!), das zweite Mal VII 1, 44 als Προκλαίς nach dem 
Periplus des erythräischen Meeres unter 124° 20’ L. 33° 20° Br. in 
Gandhära. Ganz ähnlich differieren die beiden Positionen, welche er 
der Stadt Ναυλιβίς anweist: unter 117° L. 35° 30° Br. im Lande der 
Paropanisaden (VI 18 p. 435, 20) und unter 124° 20° L. 33° 20° Br. 
in Gandhära, sowie die Positionen von Aoaywrös-Xoooyodd (118° L. 
30° 20° Br.) und ‘AAsödvdesıe-Kandahär (114° L. 31° Br.). 

8) Es ist dabei vielleicht nicht bedeutungslos, dass dem Herodot 
bezw. seinen Gewährsmännern der Wortstamm παχτυ- aus näherer Um- 
gebung bekannt war: Πακτύης ein Lyder Her. 1, 161 (unter Kyros); 
Πακτύη Stadt auf der thrakischen Chersones eb. 6, 36. 


12* 


180 J. Marquart, 


Von der Landschaft Puskaläwati und ihrer Hauptstadt, wo der 
Sitz der Verwaltung war, erhielt dann auch der ganze Steuerbezirk 
den Namen, ähnlich wie die Satrapien Daskyleion und Sardeis 
(ap. Sparda — Iydisch ξΞυάρ(δ»ις d. 1. *Üvardi). 

Kehren wir jetzt zu der nach Arachosien gesandten Expedition 
des zweiten falschen Bardija zurück, so ist nunmehr klar, das ihr 
Verlauf nur unter der Voraussetzung verständlich ist, dass der 
Satrap Wiwäna bei ihrem Anmarsche mit den aufrührerischen 
OataguS im Kampfe lag und dadurch ausser stande war, jener in 
Arachosien entgegenzutreten. So kam es im Lande der @atagus 
selbst zum Kampfe, wobei es dem Satrapen gelang, die Ver- 
einigung derselben mit den Persern zu verhindern und letztere 
zum Rückzuge nach Arachosien, also nach Süden, zu zwingen. 
Darauf mögen sich die OataguS (und wohl auch die Saka) wieder 
freiwillig unterworfen haben. Ich habe früher die Landschaft 
Gandumawa zweifelnd mit dem Orte .‚naAiz?) zusammengestellt, 


wo nach Ibn al Fagıh der Gaihün (Oxus) oder vielmehr der eigent- 
liche Fluss von Balch, der Dehäs entspringt). Ich halte diese Ver- 
mutung jetzt für ganz wahrscheinlich. Ibn al Faqıh sagt: „Der 
Gaihün kommt von einem Orte (oder Bezirk) namens Rewsaran. 
Das ist ein Gebirge, das an die Gegend von Sind, Hind und 
Käbul grenzt, und von ihm kommt eine Quelle, die an einem 
Orte namens Iandumin entspringt‘. RöwSärän war ein Gebirgs- 
distrikt in der Nähe von Bämijän, und westlich von Bämijan im 
Bezirke Firüzbahär am Nordabhange des Köh-i Baba entspringt in 
der That der Fluss von Balch. Tandumin wird daher im Fürsten- 
tum Rewsärän gelegen haben, also eben in der Gegend, wohin 
wir für Oatagus durch andere Indizien geführt wurden. Da aber 
nach den obigen Ausführungen die Festung Käpisakänis, wo die 
erste Schlacht gegen Wiwäna stattfand, offenbar noch östlicher 
oder nördlicher lag als Gandumawa, so ist ein Zusammenhang mit 
der von Kyros zerstörten Stadt Capisa, ai. Kapisa, im Thale des 
T'’örbandflusses®) nicht mehr schlankweg von der Hand zu weisen. 
KäpiSakäniS*) ist offenbar eine Vrddhibildung. -kanzs ist wohl 
dasselbe Wort, das z.B. in „5 Nö-kän „Neustadt“, der Haupt- 
stadt des Bezirkes Tös (Ja‘qübT, Geogr. vv, 20. fun, 12) vorliegt 
und „Stadt, Dorf“, ursprünglich „Haus“ bedeutete; eine Nebenform 
mit spirantischem Anlaut ist np. chan, chäna „Haus* = mp. chän, 
chanak. Vgl. Horn, Grdr. der neup. Etymologie Nr. 465. kanıs 


1) So lies mit c. 
2) Ibn al Fagih bei ὅ8α. II iv}, 12. Vgl. Eränsahr 218 f. 227. 
8) 5. Eränsahr S. 280 ff. 


4) Wäre der Name vom np. käbisa Carthamus tinctorius, Saflor 
abgeleitet (Justi a. a. O. 246), so könnte er selbstverständlich mit 
skt. kapisa nichts zu thun haben. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 181 


ist also synonym mit sogdisch -kat, -ka$, -kand „Dorf, Stadt“, 
np. kad, kada, mäzand. kata (Ibn al Faq. }v4, 15) „Haus“; all 
diese Ausdrücke sind von der Wurzel khan- „graben“ abgeleitet 
und bedeuten ursprünglich „Grube*, „eine in den Erdboden ein- 
gegrabene Wohnung“, wie solche noch heute in Persien und im 
Kaukasus üblich sind. Vgl. Fr. Müller, WZKM. VI 355. Spiegel, 
Eran. Altertumskunde III 675. Auch in den Pämirgebieten, zumal 
in Wachän, wohnte man dem rauhen Klima entsprechend in Höhlen 
oder wohl richtiger in solchen Erdwohnungen. Vgl. Eränsahr 
S. 2251. 244. Was die Umschreibung betrifft, so wäre zur 
Wiedergabe des skt. $ der diesem lautlich, nicht etymologisch 
am nächsten stehende iranische Zischlaut $ gewählt worden, ge- 


radeso wie auch Berüni, India 4,1 er lies als‘ kapıs 
schreibt. 


Da die Entsendung jenes persischen Hilfskorps, wie oben be- 
merkt, vor der Ankunft des Artawrdija in Pärs erfolgt sein 
muss, so gehören die Schlachten bei KäpisakäniS und Gandumawa 
noch ins erste Jahr des Dareios. Dasselbe gilt von der ersten 
Schlacht des Wistäspa gegen die aufständischen Parther und Hyr- 
kanier bei der Stadt Wispahudzati$?) in Parthien am 22./XII. (Beh. 
II 92—98). Auch der Sieg des DädrSis, des Satrapen von Baktrien, 
über die Margianer am 23. AYrijädija (IX.) und die Niederwerfung 
des Aufstandes des Fräda (Beh. III 10—21) werden noch ins erste 
Jahr fallen. 

In seinem zweiten Regierungsjahre brach Dareios endlich von 
Babylonien nach Medien auf und zwar vorsichtigerweise mit einem 
ausschliesslich aus Persern bestehenden Heere (Beh. III 32), nach- 
dem er die unter seinen Fahnen fechtenden Meder dem gegen die 
aufständischen Perser gesandten Artawrdija mitgegeben hatte. 


In Kampanda verstärkte er sich durch die dort stehende 
Streitmacht des Widrna (II 27—29). Dass er vor dem Zusammen- 
stosse mit dem Feinde auch die in Armenien stehenden Truppen 
des Dädr$is und Wahumisa an sich gezogen haben sollte, ist aus 
militärischen und topographischen Gründen unwahrscheinlich. 
Vielmehr wird der Ausdruck „dann erwartete mich Dädrsis bezw. 
Wahumisa, bis ich nach Medien kam“ nur besagen, dass Dareios 
erst nach der Niederwerfung des Frawartis in der Lage war, 
seinen beiden Feldherren in Armenien Entsatz zu bringen und 
den dortigen Aufstand zu beenden. Der König von Medien zog 
ihm entgegen, und bei der Stadt Kundurus kam es am 26. Adu- 
kaniS zur Schlacht, in welcher FrawartiS aufs Haupt geschlagen 
wurde. Seine Niederlage war so entscheidend, dass er mit wenigen 
Reitern nach der Landschaft Rag& floh. Wahrscheinlich hoffte er 


1) So (Mi-iS-pa-u-za-ti-i5) der elamitische Text II 70. Es scheint 
also im pers. Texte ( Wüspauz||tiS) nichts zu fehlen. 


182 J. Marquart, 


dort ein neues Heer aufzubringen oder sich von da eventuell zu 
den ihm ergebenen Parthern- und Hyrkaniern durchzuschlagen. 
Allein Dareios sandte ihm eine Truppenmacht nach, Frawartis 
geriet in Gefangenschaft und ward an den Hof gebracht und als 
Aufrührer in der Hauptstadt Hagmatäna gekreuzigt (II 64—78). 
Ein Datum. wird wiederum nicht angegeben. Das Heer selbst 
oder ein Teil desselben, aus lauter Persern bestehend, hatte Be- 
fehl, von Ragä sofort nach Parthien weiterzumarschieren und zu 
Wistäspa zu stossen. Mit diesen Verstärkungen rückte letzterer 
gegen die Aufständischen und schlug sie am 1. Garmapada bei 
der Stadt Patigrabana in Parthien (III 1—10). Damit war der 
Aufstand in Parthien beendet. 

Wäre zu erweisen, dass der Garmapada dem babylonischen 
Abu (August-September) entspreche, so könnte der persische 
Monat Adukanis in der That nur mit dem Düzu (IV.), wie 
Unger und Justi annehmen, oder mit dem Nisan (I.) identifiziert 
werden, da der Ajaru und Simanu bereits vergeben sind. Nach- 
dem aber die Gleichung Garmapada = Nisan mit zwingender 
Notwendigkeit festgestellt ist, so kann der Adukanis, entsprechend 
der raschen Folge der Ereignisse nach der Ankunft des Dareios 
in Medien, nur wenige Monate vor den Nisan fallen, und es 
kommen ἄμμον für ihn, da Kislimu, Tebitu und Addarn schon 
ihre bezeugten altpersischen Äquivalente haben, nur der Arach- 
samna (ὙΠ) und der Sabatu (XL) in Betracht, Ist ον 
Glied des Monatsnamens Margazama im armenischen Margac‘ 
(gen. plur) —= np. Bahman erhalten und jener Monat daher mit 


dem Sabatu gleichzusetzen!), so käme auch letzterer in Wegfall 
und es bliebe für den Adukani$, wie Oppert will, nur der 
Arachsamna übrig. Allerdings ist der Name Margazana ; nur in der 
elamitischen Übersetzung IIT 43 erhalten, wo er Mar-ka-za-na-as 
geschrieben wird, was noch verschiedene andere altpersische Re- 

stitutionen zulässt, da m auch für τὸ, k für g und z für € oder 
ὦ stehen kann. Die genaue altpersische Form ist daher nicht 
mehr festzustellen. Doch sind wenigstens die Lesungen Mrga-zana 
(zu aw. m’r?ya „Vogel“) und Wrka-zana (zu aw. wahrka „Wolf*) 
ausgeschlossen, da in diesem Falle im Elamitischen M irkazanas (vgl. 

Mirkanijap — ap. Wrkäana, ionisch Ὑρκάνιοι) zu erwarten wäre 2). 

Dagegen spricht gerade die von Justi aufgestellte Etymologie 
von Adukanıs mit Entschiedenheit für die Gleichsetzung dieses 
Monats mit dem Arachsamna und dem awestischen Apäm napät. 

Nach Justi?®) ist Adukani (mit Vrddhi, wie bägajadıs und 


1) Unters. zur Gesch. von Erän I 64 und A.58 Vgl. Justi, 
ZDMG. 51, 1897, 249. 

3) Vgl. zur Wiedergabe des sonantischen r im Neuelamitischen 
W. Foy, ZDMG. 54, 356—360. 

3, ZDMG. 5l, 245. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 183 


aw. mäzdajasn‘) der Monat der Kanalgrabenden, von aw. adu, 
adu „Kanal, Kahrez“. Nach der mazdajasnischen Legende feierte 
man. aber am 10. Abän das Fest Abänagän zur Erinnerung daran, 
dass Zau-i Tümäspan an diesem Tage den Thron bestiegen und 
befohlen hatte, die Kanäle wieder auszugraben und in guten Stand 
zu setzen, welche der Dämon Fräsijäk während seiner Usurpation 
d.h. air der Glut des Hochsommers hatte verschütten lassen !). 
Die Übereinstimmung des Adukanis mit dem Monat des Wasser- 
genius Apäm napät im Sinne der mazdajasnischen Überlieferung 
und damit mit dem babylonischen Arach-samna (November-De- 
zember) ist somit evident. Die Schlacht bei Kundurus hat danach 
im Arachsamna des zweiten, die bei Patigrabanä am Neujahrstag 
des dritten Jahres stattgefunden, und Dareios ist erst Ende Tisrit 
(VII) des Jahres 2 aus Babylonien abgezogen, nachdem er da- 
selbst etwa 23 Monate, nämlich seit dem Ende des 9. Monats 
seines Antrittsjahres verweilt hatte?). Welche Umstände ihn so 
lange dort festgehalten haben, nachdem doch Babylon schon im 
X. Monat des Antrittsjahres gefallen war, wissen wir bis jetzt nicht. 
Jedenfalls fällt in diese Zeit auch die Neuordnung der Verhält- 
nisse der zur Satrapie Babylonien gehörigen Provinz Ebir πανὶ 
(79773 2?) oder ap. Ardaja ἃ. 1. Syrien mit Phönikien und 
Palästina, sowie die Regelung der Judenfrage. 

Nach dem Falle des Frawarti$ erhob Ci®rantachma bei den 
westlichen Asagarta in Assyrien die Fahne des Aufruhrs und gab 
sich für einen Nachkommen des Mederkönigs Huwachstra aus. 
Allein die Stellung des Dareios war jetzt bereits so gefestigt, 
dass er es wagen konnte, die eben niedergeworfenen Meder aus- 
zuheben und einen Meder Tachmaspaäda an der Spitze eines per- 
sischen und medischen Heeres?) gegen den König von Asagarta 
auszusenden. Ci®rantachma ward geschlagen und geriet in Ge- 
fangenschaft und ward in Arbela, der Hauptstadt von Assyrien 
gekreuzigt (II 78—92). Ein Datum wird leider nicht angegeben. 

Während Dareios in Persien und Medien war, wurden die 
Babylonier zum zweiten Male abtrünnig. Der Armenier Aracha, 
Sohn des Haldita, gab sich in der Landschaft Dubäla für Nabü- 
kudurri-ugur, den Sohn des Nabünaäid aus, und alsbald gieng das 
babylonische Volk zu ihm über, er nahm Babylon, er ward König 
von Babylon. Dareios betraute den Meder Windahfarräh 4) mit der 


1) Vgl. Berüni, Chronol. Pf, 5—6. Weiteres hierüber anderswo. 
τ nn Das Antrittsjahr des νας ἴον war ein Schaltjahr. S. oben 

= τὴ babylonische Text Ζ. 61 spricht nur von einem me- 
dischen Heere. 

*) Im persischen Texte III 83 ist der Name Würdefara® ge- 
schrieben, doch sind die, beiden letzten Buchstaben etwas verwischt; 
Ζ. 81 steht Wind“fer]a®, doch ist der senkrechte Keil des r noch 


184 J. Marquart, 


Aufgabe, den Aufstand niederzuwerfen. Am 22. Margazana ward 


deutlich; Z. 85 ist der Name gänzlich zerstört. Die elamitische Über- 
setzung hat III 40 ee: Z. 41/42 [Mi] | in-da-bar-na, 
Z. 42/43 Mi-in- | da-bar-na, im babylonischen Text Z. 86—87 ist die 
entsprechende Partie zerstört. Sind Rawlinsons Angaben durchaus zu- 
verlässig, so können die altpersischen Zeichen nur Windahfarrah ge- 
lesen werden, also bereits mit derselben Assimilation der Gruppe rn 
zu rr, die ca. 570 Jahre später auf den Münzen des gleichnamigen 
indoparthischen Königs durch die Schreibungen TNAJO®EPPOT, 
TONZSO®APOT, TONAJABAPOT, kharostrI Gadapharasa, Guda- 
pharasa d.i. Ga"dapharrassa, Gu"dapharrassa (gen.) wiedergespiegelt 
wird (oben S.4 A.5). Da derselbe Name Beh. IV 83 für einen Perser 
Wüindafarnah geschrieben wird und es sich an unserer Stelle um einen 
Meder handelt, so lässt dieser Thatbestand m. E. nur die Deutung zu, 
dass Dareios hier absichtlich die medische Form einmeisseln liess, 
während der elamitische Übersetzer auch hier die ihm geläufigere alt- 
persische Form einsetzte. Der Verlust des entsprechenden babylonischen 
Textes ist daher um so mehr zu bedauern, als dieser bekanntlich mehr- 
fach medische Namensformen (Barzija — ap. Brdija, Ar-ta-mar-zi-ia 
ἃ. 1. med. Artawrzija — ap. Artawrdija, Za-a-tu-’ — ap. Däduhja) be- 
wahrt hat. In den assyrischen Inschriften begegnen wir medischen 
Namen wie A-Ü-ar(ri?)-pa-ar-nu, ....-bar-nu (unter Sargon), Si-dir-pa- 
ar-na, E-pa-ar-na (unter Asarhaddon), Pa-ar-nu-at-tw — ap. Farnahu- 
wati$ (Ortsname, unter Sargon). Vgl. H. Winckler, Untersuchungen 
zur altor. Gesch. S. 111. 119 f. P. Rost, Untersuch. zur altor. Gesch. 
S. 78. 88. 116. G. Hüsing, ZDMG. 54, 126. Streck, ZA. XV, 356 ff. 
Man sprach demnach schon im 8. Jahrhundert auch in Medien nicht 
mehr chwarnah-, wie im Awestädialekt, sondern farnah-, das hier aber 
bereits zu Dareios Zeit zu farrah- geworden war. Daraus folgt, dass 
die Sprache des Awestä nicht altmedisch sein kann, wie Justi will, 
wenn sie auch später bei den medischen Magiern als heilige Sprache 
Eingang fand. Dies Resultat ist nicht ganz bedeutungslos, Denn wenn 
uns in der griechisch - römischen Über horn durchweg nur gaeva- 
als erstes und -p&evns bezw. in den nordpontischen Kolonien -paxevog 
als zweites Glied altiranischer Namen entgegentritt, niemals aber ein 
Ἔχυαρνα-, ἔἜχοαρνα- oder ἔχορνα- bezw. -χόρνης — aw. chwar@nanh be- 
gegnet, so konnte man diese befremdliche Thatsache zur Not auf 
Rechnung der persischen Vermittlung setzen. Die lykischen Denk- 
mäler sind leider zu dürftig, um für diese Frage etwas auszutragen. 
Von besonderem Interesse wäre der lykische Name Qaränaka (Tituli 
Asiae min. 1 48 p. 51, Xanthos: qja]rünaka pssureh tideimi; ib. nr. 51, 
Xanthos: üte ne garünaka tuwelte] | gütbeh tideimi ehbi | wezzeimi 
tehluse), falls er sich als iranisch erweisen liesse, da er dann als un- 
zweifelhafter Repräsentent eines aw. *Chwarna-ka zu gelten hätte; 
doch wird jenes dadurch sehr zweifelhaft, dass die Namen der Väter 
(pssuri und g%tbe) nicht iranisch scheinen. Für Pärs wird die neu- 
persische Form farr zuerst bezeugt durch Poseidonios bei Strab. ı& 4, 27 
Ῥ. 785, der auf eine gleichzeitige oder jedenfalls nicht viel ältere Fürstin 
dieses Landes namens Φάρξιρις — np. Farr-&ihr anspielt, deren Namen 
er fälschlich mit dem achaimenidischen Παρύσατις —= ap. Parustjätis 
„viel Freude besitzend“ identifiziert. 

Bei den ältern Griechen (nachweislich bei Aischylosa) und Herodot) 


a) ᾿ἀρταφρένης Aischyl. Pers. 21. 776; vgl. Τισ]σαφρένην CIA I 64 
aus Ol. 92/93. Herodot passim. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 185 


Babylon eingenommen und Aracha mit seinen vornehmsten An- 
hängern hingerichtet (III 75—-91). 


wird altpersisches -farnah, wenn es als zweites Glied zusammengesetzter 
Namen auftritt, durch -φρένης wiedergegeben — anders dagegen als 
erstes Kompositionsglieda). Diese Umschreibung beruht ohne Zweifel 
zunächst auf volksetymologischer Anlehnung an gr. -po&ves, wie z. B. 
Herodot (3, 62) bei Πρηξάσπης an ionisch πρῆξις erinnert wird, sie 
dürfte aber ursprünglich durch eine kleinasiatische Aussprache mit 
sonantischem r veranlasst sein, wie in Iyk. Cizzapräna Xanthos-Obelisk 
Nords. Z. 11. 14. 15, Zisaprana eb. Ζ. 1 = Τισσαφέρνης, 

Eine parthische Aussprache *frana- ist aus den beiden Eigen- 
namen Βαρξζαφράνης bei Josephos (40 v. Chr.) und Φρανιπάτης bei 
Strabon (39 v.Chr.) nicht abzuleiten, wie ich früher glaubteb). Erstere 
Form wird nämlich durch die handschriftliche Überlieferung nur im 
jüdischen Kriege als die ursprüngliche erwiesen, in der Archäologie 
dagegen findet sie sich konsequent nur in der Handschriftenklasse 
AMWP (letztere Hs. hat genauer Βαξαφράνης), während die übrigen, 
darunter L (= codex Leidensis F_ saeculi fere XI membranaceus), die 
Epitome und die alte lateinische Übersetzung, vielmehr auf Βαρξαφρα- 
μάνης führen. Die varietas lectionis ist näherhin die folgende: 


πόλ. ἰουδ. α 248. βαρξαφράνου P βαρζαφάνου MLVRC ὄγαξα- 
frane Lat. barzafrane Heg. βαρξαφάρνου ed. pr. 

8 249. Βαζαφράνην PA βαρξαφάνην MLC βαρξαφάνη VR 
brazafranem Lat. 

8 255. βαρξαφράνην PA βαρξαφάνην MLVRC brazafranem 
Lat. darzafranen Heg. 

8 433. Βαζξαφράνης P A Exe. Peirese. βαρξαφάνης MLVRC 
barzafanes Lat. barzafranes Heg. 

ἀρχ. ıd 330. βαρζαφραμάνης L βαρζαφαρμάνης FV βαξαφαρ- 
μάνης E Photius bibl. p. 315 darzaframanes Lat. βαρξαφράνης AMW 
βαξαφράνης P. 

8 332. βαρξαφραμάνης F βαρσαφραμάνης L Βαξαφαρμάνης Photius 
barzaframanes Lat. βαρξαφράνης AMW βαξαφράνης P om. V. 

8 341. βαρξζαφραμάνην FL βαξαρφαρμάνην V βαξαφαρμάνην E 
barzaframanem Lat. Βαρξαφαρμάνην Zon. 1Ip.41l1l βαρξαφράνην AMW 
βαξαφράνην P. 

8 343. βαρξαφραμάνης FL βαξαρφαρμάνης V Badapapucvns E 
barzaframanes Lat. βαρξαφράνης AMW βαξαφράνης P. 

8 346. βαρξζαφραμάνην FLLat. βαξαρφαρμάνην V βαξαφαρ- 
μάνη E βαρζαφράνην PAMW. 


a) Vgl. Φαρνοῦχος Aisch. Pers. 313. 966, bei Her. Φαρνάκης, 
Φαρναξώϑρης etc. 

b) Die assyrische Umschreibung -parna kann in der Frage, ob 
farnah- oder franah- zu sprechen sei, nichts entscheiden, schon aus 
dem einfachen Grunde, weil das Babylonisch-Assyrische wie alle semi- 
tischen Sprachen eine Doppelkonsonanz im Anlaute nicht kennt, um 
von der wilden Regellosigkeit und Willkür der assyrisch-babylonischen 
Transskriptionen ganz zu schweigen. So schreibt Sargon Ha-ar-tuk-ka 
d. i. natürlich nicht — Aeröxasg (Büdinger, Der Ausgang des medi- 
schen Reiches. SBWA. 1880 S. 499. Justi, Iran. Namenbuch S. 127. 
Rost ἃ. ἃ. Ο. 115. Streck, ZA XV 359), sondern = ap. Chratu-ka, 
eine Kurzform zu einem Vollnamen wie aw. Spantö-chratu „heilige 
Weisheit besitzend“ jt. 13,115. Dies gegen Hüsing, ZDMG. 54, 125 f. 


186 J. Marquart, 


Für die Bestimmung der Zeit dieses zweiten babylonischen 
Aufstandes bieten die babylonischen Vertragstafeln bis jetzt keine 
sichere Handhabe. Wenn aber, wie Duncker und Weissbach 
annehmen!) und was auch mir das Wahrscheinlichste ist, die Zeit- 
angabe der Inschrift (III 75—76): „während ich in Persien und 
Medien war“ besagt, dass der Aufstand ausbrach, während der 
König und seine Heerführer noch mit der Niederwerfung der 
dortigen Aufstände beschäftigt waren, so muss derselbe noch ins 
zweite Jahr fallen, da der medische Aufstand mit der Hinrichtung 
des Frawartis und der persische mit der Schlacht beim Berge 
Prga am 6. Garmapada (I.) des dritten Jahres ihr Ende fanden. 
Dazu stimmt. dass ein Meder mit der Unterdrückung der baby- 
lonischen Erhebung betraut wird: das Heer des Artawrdija war 
also noch nicht verfügbar, gegen die semitischen Babylonier konnte 
man es aber wohl wagen die eben unterworfenen Meder aufzu- 
bieten und ihnen auf diese Weise rasch das gemeinsame Interesse 
der Perser und Meder am iranischen Reiche der Achaimeniden 
zum Bewusstsein zu bringen. Dareios war offenbar froh, den 
medischen Adel ausserhalb des Landes beschäftigen zu können 
und ihn so an die neue Herrschaft zu fesseln, während er die 
Perser gegen die noch unter den Waffen stehenden Parther und 
Hyrkanier verwenden musste. Aracha hätte sich demnach alsbald 


ıe 12. βαρξαφραμάνης FLV βαξαφραμάνης P barzaframanes 
Lat. βαρξαφράνης AM βαρζξαφραίνης W. 

κ ἃ Βαξαφαρμάνης Phot. p. 818 βαρξαβάνης codd. E yo 
βαρξαφράνης in marg. A barzanes Lat. Φαρναβάξου Photius p. 53. 

Niese hat sich den Palatinus (= P) zum Führer genommen 
und überall Βαξαφράνης, Naber völlig willkürlich Βαρζαφάρνης in 
den Text gesetzt. Allein der Stand der Überlieferung lässt offenbar 
nur die Deutung zu, dass Josephos in der Kriegsgeschiehte Βαρξα- 
φράνης geschrieben und dies in der fast 20 Jahre später heraus- 
gegebenen Archäologie in Βαρξαφραμάνης verbessert hatte. Aus dem 
Jüdischen Krieg ist dann im Archetypus der Handschriftenklasse AM WP 
und auch sonst teilweise die Form Βαρξαφράνης in die Archäologie 
interpoliert worden. Als wirklicher Name des parthischen Satrapen, 
den Moses Chorenaec‘i (II 19. 24. III 34) zum Geschlechtshaupt des 
armenischen Notabelngeschlechtes der Rstunier und zum Feldmarschall 
von Armenien und Persien gemacht hat, hat demnach Βαρξζαφραμάνης 
zu gelten — altmedisch *Brza-framäna „erhabenem Befehle (folgend)*, 
ein Vollname wie Σμερδομένης Her. 7,82. 121 —= ap. *Brdamanız „hoch- 
sinnig“. Einen ähnlichen Vollnamen setzt die Kurzform ap. Brdija, 
medisch Brzija voraus; vgl. Järıs zu Ζίατα-φέρης. Es wird daher sehr 
fraglich, ob in Φρανικάτης (so die Hss.) Strab. ı& 2, 8 p. 751, Φρανι- 
σάτης (Φρανηπάτης) Plut. Anton. 33, Φραναπάτης (so die Hss.) Kass. 
Dion 48, 41, 3.4, Pharnastanes oder Pharnastates codd. Frontin 2, 5, 37, 
wirklich farnah- zu suchen ist. Wahrscheinlicher ist der Name mit 
Νιφάτης (Arr.1, 12, 8. 16, 3) d.i. ap. *ni-päta- „beschützt“ oder ni-pätar, 
nom. -nipata „Beschützer“ (mit Anlehnung an gr. vıpas „Schnee“) zu- 
sammenzustellen. Justi, Iran. Namenbuch 5. 108 ἃ deutet ihn zweifelnd 
als „hervor(ragenden) Schutz gewährend (αν. nzpäite)*. 

1) Duncker, GA.IV 405 A.1. Ihm folgt Weissbach a.a. O. 519. 


au ie. . dee. suis Ν᾿ 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 187 


erhoben, nachdem Dareios aus Babylonien abgezogen und das Land 
von Truppen entblösst war, was auch aus allgemeinen Erwägungen 
sehr wahrscheinlich erscheint. Sollte sich diese Auffassung be- 
stätigen, so wäre zugleich die Richtigkeit der Namensform Marga- 
zana und die Identität dieses Monats mit dem babylonischen 
Sabatu und dem armenischen Margac‘ bewiesen. 

Weissbach 8. 520 macht dagegen darauf aufmerksam, dass 
sich in den Urkunden zwischen dem 23./II. und dem 2./V. des 
vierten Jahres des Dareios (Strassmaier Nr. 69 und 70) eine 
Lücke findet, und in dieser Zeit der Aufstand ausgebrochen und 
niedergeworfen worden sein könnte. In diesem Falle wäre der 
Margazana dem Düzu (IV.)!) gleichzusetzen, wie Unger an- 
genommen hatte, die Täfelchen vom 14./VI. und 16./VII. des ersten 
Jahres des Nabü-kudurri-ugur könnten dann aber natürlich nicht 
auf den Aufstand des Aracha bezogen werden. Bis es also ge- 
lingt, durch Auffindung neuer historischer Texte den Aufstand 
des Aracha zeitlich festzulegen, muss auch der Monat Margazana 
unbestimmt bleiben. _ 

Der Aufstand des Ci®raätachma fällt ins dritte Jahr. Gegen 
ihn wurde ein aus Persern und Medern zusammengesetztes Heer 
ausgesandt. Offenbar war man der Treue der Meder im Kampfe 
gegen den angeblichen Sprossen des gefeierten Huwachstra nicht 
sicher und sollten die Perser das medische Kontingent im Schach 
halten. Daraus schliesse ich, dass Dareios erst nach der Rück- 
kehr des persischen Hilfsheeres aus Parthien an die Niederwerfung 
des Cidraftachma gehen konnte. Daran mag sich dann die end- 
liche Unterwerfung der Armenier angeschlossen haben. 

Stellen wir nun die gewonnenen Ergebnisse in einer chrono- 
logischen Tabelle zusammen. 


1) Bei Weissbach steht infolge eines Druckfehlers „der VII. 
Monat‘. 


J. Marquart, 


188 


ω « μ 
“ “ “ 
« «“ u 
% «“ %“ 
«“ «“ “ 
“ « “ 
“ “ «“ 
“ “ ωὠ 
- «“ “ 


"eltzıegg 590 ΠΘΠΟΙ]91Ὲ1, 

ΟΡ ἽΝ 48 βθβλαιπθ 890 UOYOTAFRL 
Θ[ΖΙΈΩ 590 UEUDTOFRL 

"eugygwsep ur soskqweyy 8500 ῬιοτβαΊθα 
‘APBYOSITOH 910 YIeıdıo eygunen) 


ἹἽΠ|9 
I 
1/83 
1/61 


16 
speangelistg ur elıpregg-eygunen sop Sungeyay "TIX/ FI 
‚yonınz ueydASy sne Jıyoy soskqueyy (TIX/'IX) 


‘sosiqweyf 500 uoyoJoFgL, 5975. 


‘SOoAÄy 990 ΠπΘΠΌ]9781, 5972}977 
-uopßfgegg U0A βότπον 'SOAÄy 500 πθΠ0]791}1, 
«“ ΓΙ « u « w 


-uopßfgeg uoA βϑῖποὴ 'soskqueyy) 500 UOYOTEFRL, 
‘soskqueyy 500 UATITEFRL, 


-uopkgug MOgqors παθαϑῃ en 


eh, 


(1) 
(Sugzyuy) 
vetzıug 


soskquuy sorÄy |preungen 


1ολ sop ἀηῦὺρ 


189 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 


'uopÄgeg se ΘΟΙΘΙΈΩ 590 ueyoforwL 'IX/'9 
‚ueIpem UI Knien θὰ Yyoergog RR 
"[og-nyurpın sep Sumgyorıum uoffgegg πολ owyeuurg 
"uoTpopy Yoeu euıpıy UP 7Π)Ό1Π05 SoTa.re 
'yeaydny we wueze7Z 1094 Fyoeryog &% 
-I9NSLISL], π|92Π09ὰ 
ws 3yoepyag 'SLIÖLL uep deqn ϑπΈβιθαῃ uep Ydurmzıo sormwg ΧΠ[|2ζ 
‘nön-Lumpny-ngeN Sep πΘΠΌ]9181, 59229 "XI/TZ 
'uoruofÄgeg U9893 yonı SOTOTe] 
ἽΠΘΤΡΘΙΝ UT STIeMeIT 590 pueyspny 
‘48409993 uIUeIsng Τ90 ΠΟΛ 
eltrem "eueisng u0803 Iyonı pun Fne uorpom πολ Yyoııq Sororegf 
"eugisng UT Stuuewmmp)-eltıem 590 puejspmy 
“IMön-LLmpuy-ngeN 8590 πΘΠΌ19}81, "IILA/'0Z 
"YıoForfodsne Iundspioppny Sorere(] ae wunı@Y 
"eURISng UT BULL@Y Sop pueIsmy 
“ « « ἽΙ Δ / Ä 
Ἶ ᾿ ἽΠΛΓΟΣ 
[ὀ ν : ᾿ ἼΠΛΙΘΤ 
III mön-tumpny-ngey 590 πθΠΌ]9281, ἸΓΛΙῸΙ 
“Topug'] 190 STugy ΒΟΙθΘῈΠ 910198 eyeumen) ὉΤ1Λ) Sipeledeg "OT 
ἜΓΙΖΑΒΕ 590 uoyopeyzL, 5942291 "ILA/T 
workqeg ur (III mön-Lumpny-ngen) Teg-nyurpy 890 puegspny 
χα»: E '1A/'02 
‚eltzıeg 590 uogopeeL "IA/' SI 
. [e-mön-tımpny-ngey 590 uoyofopL ἽΛΙΡΙ 


- Re a is. - 


(Suejuy) | (Zuejuy) 
189 : 


(Sugpuy) 


J. Marquart, 


190 


"eMeumpues) T9q Yydelyog 
-uoLıkssy ul 

ejtzzi }eyospuer] 190 ur AoTuewIy 910 Aoqn estumyen 590 Zarg 

gruegesideyy 10q eyepzelge m sop ueddnz], oıp zoqn ΒΠΈΔΛΙ ΛΑ 590 Jar 

-uOIUOWIy ΠΟΘ uoTuoTÄgeg UOA Tstungey\ UP Jopues SoTare(] 

'gnöre ur gyoergog 

ἜΡΧΗΙ u9393 Jyoız ‘usLıygeg uoA demeg 190 ᾿ΒΙΒΙΡΈΠ 

‘OH nz Yyoeueag sure sndereg uap Jopuos wIepzelyge m 
"UB STLIBMEIT 

sap epueIspmy wep yoIs uossoryos AorueyıÄf pun Aoyyıeg 916 
(sndejeQ 910 9595 JyaIz UEISOUIBIY UOA TUEMIM 

deiyes og) elrpıeg ıny yoıs πθΙΈ 519 eyeg pun Snöegeg 916 

‘(sıeg) ἘΓΏ ΠΕΡ ur efıpreg-erepzelgen sop puejssny 

"BueLdIemM UI Bpeıy 590 puejspmy 

-uolÄgeg sne πθΠ0]91Ὲ, 

("uassofyosodur ZungsaT 190 UT ΒΙΒΙΡῈ(Π) 

‚uoIuawıy ur ewelg/) Sungseg 190 Teq Iyoefyag 

-u9Tuow.IYy UT BISL], 19q Iydelyag 

-uoTtu9wIy UI eznz 196 Iyvelyag 

-Ypues9d ueruawIy yoeu SISIPeAq 

-I9Tu9wIy 190 puejspny 

‘(919 9uyo) soTaTe(] 590 UEYDTOFRL 


Βοχθαῦυᾷ | | 


“τ 
AOA sap Iyer 


191 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 


"A9IU9W.IY 190 Sunjtondeguf] 
θη Ποταθδίτη efoqıy ur pun uoduR703 BIuypejueLeıg) 
ejedesy 910 dsqn Zorg 
ForgdLıasurg 
pun uoduejo3 vyepzelgey 'sıeg ur edıg edrog uneq yqde]yog 
᾿ἸΘΤΠΒΧΛῊ pun ἀθη) 1. 190 sopurgs 
ΦΕΥ͂ 59Ρ opug ᾿τιθΙ]1 104 ur ἘΠΒΟΒΙΘΙ)ΒΩ Toq edseysty, sep ϑϑτα 
'UOLLÄSSY τι 8) ΤΌΘ ΈΒΥ τιθΠ01159}Α ΠΘΡ 196. ἘΠΙΠΟΒΊΠΒΛΘΤΩ 590 pueIspny 
‘YIYOLIESUNg wugreunder ur St.remerg 
"edseIstM NZ 985098 ΙΘΘΉ soyosısıod ur 
‚uodugjod edey ur ΞΙΠΤΌΔΑΒΑ 


"egdeIy 500 SunmgyaLıumy uoffgeg πολ 9ugeuury ᾿(ἐ ὙΧ) euezediem "37 


'puesod uoruopsgeg ΠΟΘ yenıerygepury, Iopom dad 
'uorfgeg πολ Stugy ‘(II Inön-LLmpny-ngen) eyoeıy 
"epeqng UT eypery sop Sungayam 

ἜΘΗ Ygoeu IyoIg SIMCMELT 


gunpuny 104. gmiemerg 590 odepoporn (ΠΛ) Tueyupy “90 


Fae uorpop; yoeu ueTuofÄgeg πολ YydLıq SoTarelt 
Ἵ Ὁ ΤΏ wödeH sonegpodwa], sop uurdogtopery 
"wojesnioF ur soneqjedwe], 590 
suyeugneroperq ANZ stugnefig 910 π921 8719 ‚ngap pun Tegego1oz 
'uorueuy ur eıeligny }7Fegospuer] 190 ur esıumyey 590 Zarg 
Tpeangefistg ΠΟΘ yoıs Yyım Brepzefge ΛΑ 
'eydey Ioq wrepzelgen 590 odejıopeın 
'sIeg yoeu eltpımejIy uop }opuas 5ΟΙθα8 
"uHgeLIESTNE 
uorsoysery Ur epesıy ϑαμηθθ 100 Tag erepzelgeq Sep 199} seq 
ΘΙ UL STIBZOy 


14/72 


ἽΠ δ 


ἽΠῸΙ 
(D 


ΤΥ Ἐν 


614 


(8) 


192 J. Marquart, 


Wir haben bisher angenommen, dass sich die altpersischen 
Monate völlig mit den babylonischen deckten. In der That ent- 
sprechen den altpersischen Monatstagen der Behistüninschrift an 
den wenigen Stellen des babylonischen Textes, an denen die 
Datumsangaben erhalten sind!), stets die gleichen Tage des dem 
altpersischen substituierten babylonischen Monats. Da nun das 
babylonische Jahr gleich dem altgriechischen ein gebundenes Mond- 
jahr von 12 Monaten mit abwechselnd 29 und 30 Tagen war, das 
alle paar Jahre durch Einschiebung eines ganzen Monats mit dem 
Sonnenjahre ausgeglichen wurde, so dass sein Beginn immer wieder 
auf das Frühlingsäquinoktium zurückwich, so war eine solche 
Übereinstimmung der persischen mit den babylonischen Monaten 
selbstverständlich nur möglich, wenn die Perser auch das ganze 
Schaltsystem der Babylonier übernommen hatten. Dieses kann 
aber keinesfalls einfach und allgemeinverständlich gewesen sein, 
da es bis heute nicht gelungen ist, die für dasselbe giltigen 
Regeln aus den Texten abzuleiten?). Es war also unzweifelhaft 
schwierig zu handhaben, und daraus würde von selbst folgen, dass 
die Perser für die Regelung ihres Kalenders fortdauernd von den 
sternkundigen Babyloniern abhängig blieben. Dies will indessen 
Oppert nicht einleuchten, und er glaubt daher, das altpersische 
Jahr sei nicht mit dem babylonischen identisch, sondern wie das 
später bei den Persern übliche mazdajasnische ein reines Sonnen- 
jahr von 365 oder 366 Tagen gewesen, das in 12 Monate zu 
30 Tagen und 5 oder 6 Epagomenen eingeteilt worden wäre?°). 
Dabei ist er natürlich zu der Unterstellung gezwungen, „dass die 
Gleichsetzung der babylonischen und altpersischen Monate nur an- 
nähernd richtig war, und dass man beispielsweise den 14. Viyakhna 
durch 14. Adar wiedergab, ohne nachzusehen, ob dieses syn- 
chronistisch stimmte“. 

Diese Auffassung setzt voraus, dass entweder eine der beiden 
Versionen, sei es die persische oder die babylonische®), nur eine 


1) Es sind dies folgende (nach C. Bezold, Die Achämeniden- 
inschriften. Transcription des babyl. Textes etc. Leipzig 1882 — 
Assyriol. Bibl. II): 

bab. Z. 56: 30. Aiaru — ap. Il 61/62: letzter ®ürawähara — 

elam. II 47: Ende des Surmar; 
bab. Z. 52: 9. Simänu — ap. II 46]47: 9. Oäigretis — elam. II 55: 
9. Saakurrizis; 

bab. Z. 36: 26. Kislimu — elam. I 71: %. Assijatijas — ap. 189: 
27. Adrijadija. 

bab. Z. 46: 27. Tebitu = ap. II 26: 6. (?) Anaämaka = II 18/19: 
27. Anamakkas. 

bab. Ζ. 15: 14. Adar — ap. I 37/38: 14. Wijachna (elam. fehlt). 
Vgl. auch Oppert, ZDMG. 52, 259 ff. 

2) Vgl. zuletzt Weissbach, Über einige neuere Arbeiten zur 
habrlaniek, -persischen Chronologie. ZDMG. 55, 195 ff. 

ὃ ZDMG. 52, 266. 

4) Die elamitische gebraucht die altpersischen Monatsnamen. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 193 


sklavische, ja stumpfsinnige Wiedergabe der andern, oder dass die 
Inschrift erst lange nach den Begebenheiten eingemeisselt worden 
sei, so dass man sich darauf beschränken musste, die sei es per- 
sisch, sei es babylonisch geschriebenen Öriginalberichte über die 
einzelnen Aufstände zusammenzustellen und die von denselben ge- 
botenen Daten einfach stehen zu lassen, da zur Herstellung der wirk- 
lichen Synchronismen verwickelte Rechnungen nötig gewesen wären. 

Was den erstern Punkt betrifft, so steht allerdings fest, dass 
der persische Text als Original zu betrachten ist. Ein Babylonier 
hätte ohne Zweifel streng chronologisch erzählt, wie der aus dem 
22. Jahre des Dareios stammende erste Teil der babylonischen 
Chronik sowie die Nabünäid-Kyros-Chronik beweisen. Dagegen 
zeigt die episodische Erzählungsweise der Inschrift, die sogar jede 
Jahresangabe verschmäht, dass sich eine historische Prosa bei den 
Persern noch nicht ausgebildet hatte. Beispiele dieses episodischen 
Stiles finden sich auch noch in den persischen Überlieferungen 
bei Ktesias. Die Inschrift von Behistün steht also in dieser Hin- 
sicht auf demselben Standpunkte wie die alttürkischen Inschriften 
des Bilgä Chagan und Kültigin. Dass aber andererseits die baby- 
lonische Version sich keineswegs auf eine sklavische Wiedergabe 
der persischen beschränkt, wird schon durch die nur in ihr vor- 
handenen genauen feindlichen Verlustziffern erwiesen, die ganz 
dem Gebrauche der assyrischen Annalen entsprechen. Der 
dupsar wird also auch die persischen Heere wie einst die der 
Assyrerkönige begleitet, die Zahlen der gefallenen und gefangenen 
Feinde sorgfältig aufgezeichnet und sofort im Namen der Heer- 
führer Berichte über die einzelnen Feldzüge verfasst haben, die 
dann an den König gesandt und später dem Archive zu Babylon, 
Hagmätana oder Susa einverleibt wurden. Diese Originalberichte 
muss der Verfasser der babylonischen Übersetzung der grossen 
Inschrift selbstständig eingesehen haben. 

Von grosser Wichtigkeit wäre es zu wissen, ob dieselben 
ursprünglich babylonisch oder persisch geschrieben waren. Diese 
Frage wäre freilich gegenstandslos, wenn sich Weissbachs 
These, dass die altpersische Keilschrift erst auf Veranlassung des 
Dareios erfunden worden seit), erweisen liesse. Zuzugeben ist, 
dass wir vor Dareios, abgesehen von der kurzen Inschrift von 
Muryab, deren Zuweisung an Kyros II. oder Kyros III. noch um- 
stritten ist, bis jetzt keine Zeile in persischer Sprache besitzen, 
während wir andererseits Beweise dafür haben, dass Kyros der 
Grosse sich für Proklamationen des Babylonischen bediente. Allein 
die Beschaffenheit der altpersischen Schrift sowie gewisse Eigentüm- 
lichkeiten derselben sind nur unter der Voraussetzung verständlich, 
dass sie bereits eine längere Entwicklung hinter sich hatte?). 


=) ZDMG. 48, 664. 
2) Ahnlich Jensen, ZDMG. 55, 239. 
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 13 


104 J. Marquart, 


Dazu rechne ich vor allem die höchst auffällige und sprach- 
geschichtlich nicht zu rechtfertigende Erscheinung, dass das Zeichen 
für u auch die Silbe hu vertritt, und zwar selbst in der Lautfolge 
huwa —= aw. hwa und chwa, in welcher das Ah seit alters beson- 
ders hart gesprochen wurde; vgl. Φαρνακχύας — ap. *farnatuwah-, 
aw. chwar’nanuha (für *chwarnanhwä), mp. farrachw, np. farruch; 
“ραχωτός — ap. Haraluwatis, aw. Harahwaiti';, Χοάσπης — 
ap. *uwaspa. Diese Schrulle lässt sich meines Erachtens nur 
dadurch befriedigend erklären, dass in der altpersischen Schrift 
schon vor Dareios die neususischen Zeichen für εὖ und hu (Nr. 60 
und 30 in Weissbach’s Schrifttafel, 5. Weissbach, Die 
Achämenideninschriften zweiter Art S. 34. 35) graphisch zusammen- 
gefallen waren. Freilich könnte man denken, dass für Kyros I. 
und seine Vorfahren, die in Anzan residierten und sich selbst- 
verständlich der dortigen Landessprache anbequemen mussten, kein 
Bedürfnis nach einer persischen Schrift vorlag. Allein der Um- 
stand, dass die elamitische Übersetzung der Inschrift von Behistün 
durchweg die altpersischen Monatsnamen gebraucht, beweist un- 
widersprechlich, dass unter CiSpiS und seinen Nachfolgern das öffent- 
liche Leben in Anzan und seit Kyros II. auch in Susiana durchaus 
auf persischem Fusse eingerichtet worden war. Das Nämliche 
lehren die verhältnismässig zahlreichen persischen Lehnwörter meist 
politischen Charakters im Neuelamitischen ). Es ist daher sehr be- 
greiflich, wenn die Perser in Anzan, als sie die elamitisch-babylonische 
Kultur annahmen, ohne doch ihre volkliche Eigenart aufzugeben, 
auch das Bedürfnis nach einer für ihre Sprache passenden Schrift 
empfanden. Von Anzan aus mag sich diese Schrift dann auch nach 
dem benachbarten Pärs verbreitet haben, wo die direkten Vorfahren 
des Dareios bis zur Gründung des Reiches des Kyros Könige 
gewesen sein müssen!. Ich bin daher allerdings davon über- 
zeugt, dass die altpersische Keilschrift älter ist als Dareios. Allein 


1) Jedem Unbefangenen muss es angesichts dieser Thatsachen klar 
sein, wie sehr sich diejenigen lächerlich gemacht haben, welche dem 
Kyros und seiner Sippe das persische Volkstum absprechen zu sollen 
glaubten. — Bekanntlich behauptet Dareios Beh. I 9—10, vor ihm 
seien ὃ aus seiner Familie seit langem einander folgend (duwstätaranam) 
König gewesen, gibt aber keinem seiner direkten Vorfahren, die er bis 
auf Hachämanis aufzählt, den Königstitel. Durch den Cylinder des 
Kyros Z. 12. 21 ist bekannt, dass Kyros und seine Vorfahren bis auf 


Ci&pi8 einschliesslich Könige von An%an (Elam) waren. Diesen Titel 
führt Kyros in der babylonischen Chronik II 1 noch beim Angriff des 
IStuwegu im VI. Jahre des Nabünäid (551/50), im IX. Jahre dagegen 
(548/47) heisst er auf einmal „König von Parsu“ (II 16 in Schrader’s 
KB II 2 S. 131). Daraus schliesse ich, dass Kyros in der Zwischen- 
zeit auch die Krone von Pärs erworben hatte, die vermutlich eben 
durch den Tod des Arsama erledigt worden war, und damit die seit 


dem Tode des Cispis getrennten Besitzungen der Achaimeniden wieder 
vereinigte. Die ὃ Könige wären darnach: 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 195 


damit ist noch nicht gegeben, dass dieselbe auch eine häufige 
Verwendung fand und ihre Kenntnis eine nennenswerte Verbrei- 
tung hatte. Jedenfalls dürfen wir bei den persischen Schreibern 
nicht die Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck und in der 
raschen Anfertigung von Briefen und Berichten voraussetzen, welche 
die auf den Schultern einer Jahrtausende alten ununterbrochenen 
literarischen Tradition stehenden babylonischen Tafelschreiber 
durch eine sorgfältige Schulung und langjährige Übung erlangt 
hatten. Dazu kommt, dass die altpersische Keilschrift durch ihre 
grosse Umständlichkeit, den Mangel an Ideogrammen etc. un- 
verhältnismässig viel Raum und Zeit in Anspruch nahm und sich 
daher trotz ihrer Deutlichkeit zu kurzer und rascher Bericht- 
erstattung am allerwenigsten eignete. Dies war sicherlich auch 
ein Hauptgrund, weshalb bei den Persern selbst, zunächst bei den 
in amtlicher Stellung in Syrien, Agypten und Kleinasien weilenden, 
aramäische Sprache und Schrift in Aufnahme kam, woraus dann 
das unselige Zewäriön, die sog. Pahlawischrift entstanden ist). 
Wann Kuhhäute (διφϑέραι) als Schreibmaterial bei den Persern 
in Aufnahme kamen und welche Schriftart auf ihnen verwandt 
wurde, wissen wir bis jetzt nicht). Die nur in elamitischer Sprache 
abgefasste Inschrift Behistüin L, welche etwas auf das iranische 
Schrittwesen Bezügliches auszusagen scheint, ist bisher nicht sicher 
erklärt. Vgl. Jensen, ZDMG. 55, 232 ff. 

Die Inschrift des Dareios selbst liefert allerdings für die 
Entscheidung der Frage keine bestimmte Handhabe. Soviel ist 
unzweifelhaft, dass sie sich an Ausführlichkeit und namentlich an 
topographischer Genauigkeit mit den Inschriften der assyrischen 
Könige nicht im entferntesten messen kann. Letzteres gilt in- 
dessen ebenso für die uns erhaltenen babylonischen Chroniken — 
und wie wenig eingehende Kriegsberichte dem Geschmacke der 
kriegerischem Wesen abholden Babylonier entsprachen, kann man 


1. Hachämanis. 
2. Ci&piß, König von Ansan (und Pärs). 


3. Kürus I., Kg. von 6. Arijäarämna, Kg. von 
Ansan. Pärs. 

Ι ! 

4. Kambugija 1., Kg. 7. Arsama, Kg. von Pärs. 
von Ansan. | 

Ι 
5 Kürus II., Kg. von Wistäspa, Satrap von 
Ansan, von Pärs, der Parthien. 
Länder, von Babylon. 
N 
8. Kambugija 1]., Bardjja. 9. Därajawahus, Kg. 
Kg. der Länder. der Länder. 


1) Die erste literarische Erwähnung derselben finde ich bei Diod. 
19, 23, 3, wo ein gefälschter Brief des Satrapen Orontes von Armenien 
in syrischer Schrift (und Sprache) eine Rolle spielt. 
2) Vgl. Assyriaka 536. 
13* 


106 J. Marquart, 


am deutlichsten daraus ersehen, dass wir bis heute noch keinen 
eigentlichen Bericht über den Untergang des assyrischen und die 
Gründung des neubabylonischen Reiches von babylonischer Seite 
besitzen. Für diese Vernachlässigung der Chronologie ist zweifel- 
los der Verfasser der Inschrift selbst, nicht seine Vorlagen ver- 
antwortlich. 

Aus all diesen Erwägungen wird man schliessen müssen, dass 
auch für offizielle Berichte von Beamten und Heerführern unter 
den ersten Achaimeniden mindestens bis in die ersten Jahre des 
Dareios hinein das Babylonische massgebend blieb. Ist demnach 
anzunehmen, dass babylonisch geschriebene Berichte bei der Ab- 
fassung der grossen Inschrift als Unterlage gedient haben, so wäre 
es doch schlechthin absurd dem persischen Verfasser zuzutrauen, 
er habe einfach die Daten seiner Vorlagen übernommen und sich 
darauf beschränkt, die babylonischen Monatsnamen nach einem 
bestimmten Schema durch persische zu ersetzen. Dies wird schon 
dadurch ausgeschlossen, dass der Jahrestag der Beseitigung des 
Gaumäta durch sein Zusammenfallen mit dem grössten iranischen 
Feste allgemein bekannt sein musste. Ein so leichtsinniges oder 
besser gesagt lüderliches Verfahren wäre nur dann glaubhaft und 
begreiflich, wenn der König, der seine Untertanen in würdigen 
und ernsten Worten zur Redlichkeit und Gerechtigkeit ermahnt 
und sich bewusst ist, mit Ahuramazdah’s Hilfe nach gewaltigem 
Ringen über Lüge, Empörung und Gewaltthat obgesiegt und das 
von seinen Vorfahren durch Gerechtigkeit gegründete Reich wieder 
hergestellt zu haben, selbst nichts weiter als ein niederträchtiger 
Gleissner und Lügner gewesen wäre, wie uns Winckler und 
Genossen glauben machen möchten. 

Nichts deutet darauf hin, dass die Inschrift erst eine Reihe 
von Jahren nach Beendigung der Aufstände eingemeisselt wäre. 
Die nur persisch ausgefertigte fünfte Kolumne, welche noch von 
der Niederwerfung eines dritten Aufstandes der Elamiten sowie 
einer Erhebung der spitzmützigen Saken jenseits des Iaxartes unter 
ihrem König Skunka erzählt, die mit den Aufständen im Anfange 
der Regierung des Dareios in keiner Verbindung stehen und erst 
mehrere Jahre später stattgefunden haben!), ist ebenso wie das 


1) Rawlinson liest Z. 2—4: 
imah . t|jah . adam . 1 akuunawa[m . 


Mn. ar Vardam .[[ ὃ. chsaja 

SEE ἄν ΚΕ ΤΟΣ 
Dies ergänzt Oppert, Le peuple et la langue des Medes p. 158 5. 
folgendermassen: 


imah . t|jah . adam . 1 akuunawalm . ja 

(ὃ. (du)[uwadadamam .] Yardam .[pasawah . jal®a . ch3aja 

»ljah [| . abawam. 
„Dies (ist) wjas ich] tat [bis] zum z[wölften] Jahre [nach] dem ich König 
[wurde].“ äre Yardam sicher, so könnte allerdings das r vor der 
Lücke nur zu du ergänzt werden. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 197 


Bild des Sakenfürsten Skunka nach allgemeiner Annahme erst 
nachträglich hinzugefügt worden. Die vier ersten Kolumnen da- 
gegen bilden eine in sich abgeschlossene literarische Komposition 
und sind aller Wahrscheinlichkeit nach bald nach den Ereignissen 
eingemeisselt worden, zumal da sie ja nicht etwa dem Ruhme des 
Königs, sondern ganz bestimmten praktischen Zwecken zu dienen 
bestimmt waren. Dies geht auch aus Folgendem hervor. 


Bei den Ausgrabungen der Deutschen Expedition in Babylon 
ist ein Bruchstück des babylonischen Textes der Inschrift gefunden 
worden!). Dadurch wird eine von mir schon lange gehegte Ver- 
mutung zur Wahrscheinlichkeit erhoben, dass Dareios in den Haupt- 
städten aller derjenigen Provinzen, die sich empört hatten, Duplikate 
der Inschrift zur ständigen Warnung hatte aufstellen lassen. Man 
darf daher annehmen, dass solche auch in Hagmatäna, Arbela, in 
der Landschaft Jautijä (Kermän), in Parthien, Arachosien und in 
Marw standen, und zwar werden dieselben nur den persischen 
Text enthalten haben, wie das in Babylon gefundene Bruchstück 
nur den babylonischen. In Pärs aber hatte man die auf die Auf- 
stände dieser Provinz bezüglichen Daten jedenfalls noch in der Er- 
innerung, und Dareios wird sich schwerlich der Gefahr haben aus- 
setzen wollen, eventuell von seinen Landsleuten als Lügner ertappt 
zu werden. Endlich ist noch zu bedenken, dass es doch etwas 
anderes ist, wenn der König von Asien an weithin sichtbarer Stelle, 
an der grossen Heerstrasse, die aus dem westlichen nach dem öst- 
lichen Zweistromlande führt, seinen Völkern in den Sprachen der 
drei wichtigsten Königreiche seines weiten Reiches feierlich seine 
Siege über die gegen ihn aufgestandenen Empörer verkündet, als 
wenn ein armenischer Mönch bei der Übersetzung griechischer 
Werke ins Armenische oder armenischer ins Griechische Monats- 
namen des festen römischen oder makedonisch-römischen Kalenders 
durch solche des armenischen Wandeljahres verdolmetscht und um- 
gekehrt?). Dies wird, hoffe ich, genügen, um in allen denjenigen, 
welchen es um die Erforschung der Wahrheit und nicht darum 
zu thun ist, durch möglichst gewagte, scharfsinnig sein sollende 
Vermutungen unter suveräner Beiseiteschiebung der Überlieferung 
einander zu übertrumpfen und von sich reden zu machen und für 
ihre eigenen Hypothesen wie für ein neues Evangelium unbedingten 


1) Vgl. Weissbach, Babylonische Miscellen. Wissenschaftliche 
Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft IV, 1903, S. 24—26. 


2) Vgl. über solche Vergleichungen Gutschmid, Kl. Schr. III, 
346— 348. — Rätselhaft ist mir der Gebrauch syrischer Monatsnamen 
in den aramäischen Inschriften von Arebsun (Zoropassos) in Kappa- 
dokien (8. Lidzbarski, Ephem. der semit. Epigraphik I 5. 70. 71 
Abb. 1 Ζ. 1. 322 Abb. A Z. 1. 323), da dieselben doch trotz ihres 
astrologischen Charakters deutlich mazdajasnisch sind und in Kappa- 
dokien der jungawestische Kalender herrschte, wogegen das syrische 
und syrisch-makedonische Jahr ein gebundenes Mondjahr war. 


198 J. Marquart, 


Glauben zu verlangen, die Überzeugung zu befestigen, dass die 
Inschrift des Dareios in allen drei Texten ernst genommen sein 
will und ernst genommen werden muss! 

Besteht aber irgend eine Nötigung oder auch nur Veranlassung 
zu dem Glauben, das altpersische Jahr sei mazdajasnisch im engeren 
Sinne und gleich diesem ein Sonnenjahr gewesen? Auf Grund 
der altpersischen Monatsnamen allein lässt sich diese Frage weder 
bejahen noch verneinen. Von den neun bekannten Namen enthalten 
allerdings nur zwei, der Dägajadis und der Adryadıja 1) ἃ. 1. der 
Monat der Verehrung des Baga bezw. des Feuers, eine unzwei- 
deutige Beziehung auf den mazdajasnischen Kult und haben in den 
dem Mithra und dem Feuer geweihten Monaten des Awestäjahres 
ihr genaues Gegenstück. Genau dasselbe Verhältnis herrscht aber 
auch in einer ganzen Reihe von Jahresformen, die uns erst aus 
weit späterer Zeit bekannt sind, deren rein mazdajasnischer Charakter 
aber unbestritten ist. Dies gilt vor allem von den Jahren der 
Sogdier und der alten Sagzis. Ersteres hat mit dem völlig zum 
awestischen stimmenden chwärizmischen Jahre nur die Namen des 
1.2), VIIL?) und XII. Monats?) gemein. Um diese Thatsache richtig 
zu würdigen, ist wohl zu beachten, dass es andererseits mit dem 
altpersischen Kalender nicht bloss in der Benennung des VII. Monats 
nach dem Baga-Feste („ix Vayakän), sondern auch darin über- 
einstimmt, dass der im awestischen System dem Schöpfer (Dadwa, 
gen. Dadusö) gewidmete X. Monat eigentlich namenlos ist: ap. 
Anamaka, sogd. & pl Masä-püy d.i. offenbar der (Monat) nach 
dem E,> Adrö. Dieser Name für den Feuermonat hängt augen- 


scheinlich mit np. pü%, pul „das Anblasen (des Feuers)“, „Brennholz* 
zusammen; vgl. Horn, Neup. Etymologie Nr. 339; Hübsch- 
mann, Pers. Stud. 43. Es ist also der Monat des Anblasens des 


1) Beachtung verdient, dass dieser Monatsname nicht die echt- 
persische Bezeichnung des Feuers, ap. *fräta-, arm. hrat, sondern den 
Awestänamen ädr- enthält, der sonst nur vereinzelt in altwestiranischen 
Namen bezeugt ist (ἀτραδάτας, angeblicher Name des Vaters Kyros’ 11. 
bei Ktesias; Areor&rns, Meder, Satrap von Medien und Gründer der 
Dynastie von Atropatene). 

2?) Nösard, chwär. _> mel Näusärge oder li>s, Röönä (so 
lies) aus *Röönau. — Chwär. & = t, 9 = d vor palatalen Vokalen. 

2) Sogd. 639) Abä-ng oder Abang Berüni, Chronol. ΤΠ, 7. v., 12. 
Yo, 5, chwär. le bezw. soul (so lies) japa@-chan oder -chun 
eb; ἔν, δ. vi,:12, 4. 16.- ‚Das ΟΞ des chwärizmischen Namens 
entspricht entweder dem ap. -kani3 in ÄAdu-kanis, so dass derselbe be- 
deuten würde „der Monat des Grabens der Wasser“, also mit dem ent- 
sprechenden ap. Monat synonym wäre, oder es steckt darin ein Synonym 
zu aw. napät- in Apam napät-, kappadok. ’Arousvare. 

4) ag chföm — aw. chönaoma- „Freude“ ist auch im Chwäriz- 
mischen als anderer Name des Ispandärmate gebräuchlich. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 199 


neuen (heiligen) Feuers d. i. ursprünglich des Herdfeuers, skyth. 
Teßıri. Von den Monatsnamen der Sagzis decken sich nur zwei mit 


den awestischen: der }l,s 5 Tör-gajan-wa — Tistrjehe, arm. 


Tre und der }, u Är-gajan-wa = ÄAdrö, arm. Ahekan 
oder Ahkc!). Im armenischen Kalender stimmen vier Monate ein- 
schliesslich des Navasard völlig mit den awestisch-chwärizmischen 
überein: Navasard — chwär. Näausarge, Tre — chwär. Üire, 
aw. Tistrjehe, Mehekan, Meheki—=aw. Miörahe (nach dem Mihragän- 
fest benannt) und Ahekan, Ahkı?) = AYrö, chwär. Arö. Der Hrotic‘ 
(XII.) ist benannt nach dem ursprünglich am Schlusse des Jahres 
gefeierten Allerseelenfeste, aw. Frawasınam, np. Frördigan, För- 
digan, das im persischen und kappadokischen Kalender dem ersten 
Monat den Namen gegeben hat, setzt also ebenfalls die mazda- 
jasnische Jahresform voraus. Im Kalender von „S5,L=?), der 


mit dem sogdischen einige Berührungen aufweist, stimmt höchstens 
der Nösard zum chwärizmisch-awestischen Kalender; in dem der 


1) Die beiden Namen sind wie folgt überliefert: 
Berünt f}, 22 1.151. R NS. 
a πο Da, 
au ld Dreh, R "δὴ. 
RR N SER 
Das schliessende w@, mit dem wenigstens die Hälfte der Sagzimonate 


zusammengesetzt ist, ist — np. mah „Monat“ mit Übergang von m in 
w. Da zwischen & und | in beiden Formen noch ein Grundstrich steht, 


so kann nicht einfach .‚LI5a3 ; ie arm. Ahekan) gelesen werden. 


Ich vermute daher, dass us = np. „el (plur. von οἱ „Zeit“) 
ist. Wahrscheinlich ist auch |, +2,» und 1» ὧν: 3, statt \o;3,m und 
\njayt (p. V. Ne52,2) = sogdisch NU>Liä und INA zu lesen. 


Börüni hatte die Monatsnamen der alten Sagzis vom Geometer 
Abü Sa‘id Ahmad Ὁ. Muhammad Ὁ. ‘Abd al Galil as Sigzi gehört. 
Zu seiner Zeit waren sie offenbar nicht mehr im Gebrauch. 


®) Findet sich nirgends mehr arm. *[js&pf Aheri --- *Aheari, 
8) Berüni 91 Sp. 2 ed. wx5 ἐς, R ss5 in Es kann selbstver- 


ständlich keine ganz unbekannte Stadt gemeint sein, allein mit den, 
überlieferten Schriftzügen ist nichts u Am nächsten käme 


denselben die Verbesserung u > Cärjak — ahärjak „ein Viertel“, das 
mit Asän, der zweiten Stadt von Gözgän, eine Doppelstadt bildete. 
S. Eransahr 81. 86f. An BJ u De auf unsern Karten gewöhnlich 
Charikar n. von Kabul ist natürlich nicht zu denken. 


200 J. Marquart, 


Stadt Qobä in Faryana, die eine Tagereise von OS an der Grenze 
gegen die Charluchtürken lag, ist wenigstens der Mehr erhalten). 

Die ganze Reihe der awestischen Monatsnamen findet sich 
nur bei den westiranischen Mazdajasniern?), von denen die kappa- 
dokischen eine Abzweigung aus achaimenidischer Zeit sind, sowie 
bei den Chwärizmiern, und zwar stimmen die kappadokischen 
Namen bis auf den ersten, der noch den altpersischen Namen der 
FrawaSis bewahrt hat, genau mit den zu erwartenden spätalt- 
persischen Formen der Awestänamen überein, während bei den 
Chwärizmiern — wie bei Armeniern und Sogdiern — der erste Monat 
Näusärge „Neujahr“ heisst und die meisten Monate neben der 
gewöhnlichen awestischen noch eine andere Bezeichnung führen. 
Beachtung verdient, dass dem Namen des IV. Monats nirgends 
die Awestäform T’sztrjehe, sondern überall — bei Persern, Kappa- 
doken, Armeniern, Chwärizmiern und Sagzis — die spätaltpersische 
Form Tre (gen. von Tere-) zu Grunde liegt. Aus diesem ver- 
schiedenen Verhalten der einzelnen iranischen Kalender geht un- 
streitig hervor, dass die Benennung eines jeden Monats nach einem 
besonderen Genius nicht notwendig zum Begriffe des mazdajas- 
nischen Jahres gehört. Dagegen lehrt ein Blick auf den sogdischen 
Kalender, dass als eigentliches Merkmal des spezifisch jung- 
awestischen Kalenders die Einrichtung zu betrachten ist, dass 
die einzelnen Monatstage nicht gezählt, sondern je besonderen 
Genien geweiht und nach ihnen benannt sind. Dies hat zur 
Voraussetzung, dass die Monate gleichmässig 30 Tage hatten, und 
hierauf beruht die Liturgie des Sıröza. Die Sogdier nun ge- 
brauchen für die 30 Monatstage ganz dieselben, durch die Laut- 
gesetze des sogdischen Dialektes nur leicht veränderten Namen 
wie die Chwärizmier und die persischen Mazdajasnier, ja der Name 
des Schöpfers, dem der 8., 15. und 23. Tag geweiht sind, hat noch 
die jungawestische Genitivform bewahrt®). Es ist daher sonnen- 


1) Sonst ist mir nur noch der V. Monat + deutlich, der dem ost- 


türkischen Zu „Drache“ genau entspricht. Der “=> (III) erinnert 


an den zwölften uigurischen Monat Cach$aput; vgl. K. Foy, SBBA. 
1904, 1393/4. 


2) Von den Ländern der Pahlawis, d. h. Medien und Parthien, wird 
nichts besonderes berichtet. Da sich die Partherkönige auf ihren Münzen 
der makedonischen Monatsnamen bedienen, sind uns die parthischen 
unbekannt. Balch, wo bis zur arabischen Eroberung der Buddhismus 
vorgeherrscht hatte, war bis zur Zeit Beruni’s völlig islamisiert worden. 


3) Berüni f4. Die Hss. haben: Kol. I Ζ. 18 ums, II 15 wumd, 
III 13 und. Sachau (p. 384 seiner englischen Übersetzung) hält 
wmrmö für eine Umstellung aus | "50 — jungaw. Dasus0. Auch in 
5“) und SLÄuS entspricht sogd. 8 (in geschlossener Silbe) einem iran. 3. 
Zwischenvokaliges, altiranisches # bleibt erhalten in sogd. „Ars mödan, 
Kyiar metan — aw. πιαθϑαπα. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 201 


klar, dass die ohne jede Variante — selbst Sponta ürma’t! und 
Mira erscheinen hier als An Am Spandarmad und > Michs, 


nicht, wie bei den Monatsnamen, unter ihren sogdischen Namen 
Chsöm und Vay — auftretenden Namen der Monatstage gegen- 
über den volkstümlichen Monatsnamen bei den Sogdiern etwas 
Fremdes, Importiertes sind. Auf der andern Seite geht aber das 
relativ hohe Alter dieser Einrichtung daraus hervor, dass die 
Chwärizmier sich schon vor Alexander d. Gr. selbständig gemacht 
hatten und unter einem eignen König standen, und dass sie seit- 
dem bis auf die arabische Eroberung nie mehr zum iranischen 
Reiche gehört haben. Auch die Sogdier sind seit der Erhebung 
des Diodotos bis zum Einbruch der Araber ausser aller staatlichen 
Verbindung mit Eransahr geblieben. Sie muss also aus einer 
Zeit stammen, als das Achaimenidenreich noch ungeschmälert 
dastand und dem Satrapen von Baktrien sowohl Sogdiana als 
Chwärizm gehorchte.e Wenn die Namen der Monatstage bei den 
Kappadoken und Armeniern nicht mehr nachzuweisen sind, so 
hängt dies bei letzteren ohne Zweifel damit zusammen, dass sie 
bei der Einführung des Christentums abgeschafft wurden, weil sie 
zu eng mit der alten Religion verknüpft waren, während sie in 
Kappadokien der wachsende Einfluss der griechisch - römischen 
Kultur verdrängt haben wird. In der Inschrift des Dareios ist 
dagegen von einer Benennung der Monatstage keine Spur zu ent- 
decken: sie wurden einfach gezählt wie bei den Babyloniern. 
Da sich nun Dareios als entschiedenen Verteidiger arischen Wesens 
und eifrigen Verehrer Ahuramazdäh’s zu erkennen gibt, so ist kein 
Grund einzusehen, weshalb er die Benennung der Monatstage nach 
den Genien, denen sie geweiht waren, vermieden haben sollte, 
falls diese Sitte damals in Pärs schon bestanden hätte. Damit 
entfällt aber jeglicher Anhaltspunkt für die Vermutung, dass schon 
das altpersische Jahr ein bewegliches Sonnenjahr gewesen sei, viel- 
mehr müssen wir uns den überlieferten Thatsachen beugen und 
anerkennen, dass dasselbe zur Zeit des Dareios mit dem gebundenen 
Mondjahre der Babylonier bis auf den verschiedenen Jahresanfang 
übereinstimmte.. Während das babylonische Jahr aber an die 
Frühlings-Tag- und Nachtgleiche gebunden war, wurde das alt- 
persische wie das althebräische Neujahr in der Nähe des Herbst- 
äquinoktiums festgehalten. 

Dies Ergebnis hat durchaus nichts Überraschendes, sondern 
ist nur das, was wir von vornherein erwarten müssen. Auch 
wenn die arischen Viehzüchter und Bauern ein mehr oder weniger 
fest ausgeprägtes, an die natürlichen Jahreszeiten gebundenes Jahr 
mitbrachten, so gerieten sie doch, sobald sie von den Ländern 
diesseits der grossen mitteliranischen Wüste Besitz ergriffen hatten, 
naturgemäss in den Bannkreis der uralten babylonischen Kultur, 
dem sie sich nicht entziehen konnten. Es lässt sich vermuten, 
wenn auch bis jetzt nicht erweisen, dass sich die Perser zunächst 


202 J. Marquart, 


an den Kalender der Elamiten angeschlossen haben werden und 
schon dieser bis auf die Monatsnamen nach dem babylonischen 
geordnet gewesen sein wird!). Später aber herrscht nicht nur 
in Pärs und in ganz Iran, sondern auch in den halb iranisierten 
Provinzen Kappadokien und Armenien ein bewegliches Sonnenjahr, 
das mit dem altpersischen VII. Monat beginnt und sich mit dem 
ägyptischen Wandeljahre bis auf den verschiedenen Jahresanfang 
und die Stellung der Epagomenen völlig deckt: der 1. Thoth 
des ägyptischen Wandeljahres entspricht dem 1. Dadw (X., arm. 
Mareri = ap. IV.) des mazdajasnischen Wandeljahres und die 
Monate Thoth, Phaophi, Athyr sind vollkommen gleich den Monaten 
Dadw (Mareri), Bahman (Margac‘) und Spandärmad (Hrotic‘). 

Das persische Sonnenjahr ist uns zuerst unzweideutig bezeugt 
durch Curt. III. 3, 10: Magi proximi patrium carmen canebant. 
Magos trecenti et sexaginta quinque iuvenes sequebantur puniceis 
amiculis velati, diebus totius anni pares numero: quippe Persis 
quoque in totidem dies discriptus est annus. Diese Notiz stammt 
wohl aus einem Alexanderhistoriker. Weiter hinauf scheinen uns 
zwei Anspielungen bei Herodot zu führen. Im Verzeichnis der 
Steuerbezirke heisst es 3, 90: ἀπὸ δὲ Κιλίκων ἴπποι τε λευκοὶ 
ἐξήκοντα καὶ τριηκόσιοι, ἐκάστης ἠμέρης εἷς γινόμενος, 
καὶ τάλαντα ἀργυρίου πεντακόσια᾽ τούτων δὲ τεσσεράκοντα καὶ 
ἐκατὸν ἐς τὴν φρουρέουσαν ἵππον τὴν Κιλικίην χώρην ἀναισιμοῦτο, 
τὰ δὲ τριηκόσια καὶ ἐξήκοντα Δαρείῳ ἐφοίτα" νομὸς τέταρτος 
οὗτος. Wäre anzunehmen, dass diese Nachricht unverändert der 
Hauptquelle des Verzeichnisses (A) entnommen sei, so wäre hier 
also ein persisches oder auch kilikisches Jahr von 360 Tagen für 
die spätere Regierungszeit des Dareios vorausgesetzt, welches weder 
mit dem altpersischen Jahre der Inschrift von Behistün, noch mit 
dem jungawestischen Wandeljahre in Beziehung gesetzt werden 
könnte. Es müsste somit in jedem Falle die Frage aufgeworfen 
werden, ob die Bemerkung ἐχάστης ἠμέρης εἷς γινόμενος wirklich 
aus iranischer Quelle stamme oder eventuell einer Vermutung des 
Verfassers ihren Ursprung verdanke. So wie die Sache liegt, ist 
indessen mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Herodot selbst 
durch die weissen Rosse, die, wie er wusste, dem Sonnengotte 
heilig waren, auf jene Kombination verfallen ist, zumal gerade er, 
wie sich zeigen wird, von der Theorie eines 360 tägigen Jahres 
beherrscht ist. Die andere Stelle ist entschieden legendär und 
unzweifelhaft jünger. Herodot erzählt, als Kyros auf dem Marsche 
gegen Babylonien den Übergang über den Gyndes versucht habe, 
sei einer der dem Sonnengotte heiligen Schimmel im Flusse er- 


1) In den bis jetzt bekannt gewordenen altelamitischen Inschriften 
hat sich erst ein einziger altelamitischer Monatsname gefunden, Zalube 
(Scheil, Textes elamites-anzanites II Nr. LXXXVI Kol. I 45, vgl. 
p- 83), der auch V R 43, 33 erwähnt und dem Tasritu gleichgesetzt 
wird. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 203 


trunken, worauf der König den Fluss zur Strafe in 360 Kanäle 
habe ableiten lassen. Darüber vergieng ein volles Jahr, bis zum 
folgenden Frühling (Her. 1, 189—190. 202). Hier liegt augen- 
scheinlich ein Jahresmythus zu Grunde, und zwar ist ein mit dem 
Frühling beginnendes Jahr von 360 Tagen vorausgesetzt. Ein 
solches Jahr ist indessen weder babylonisch noch persisch. Da- 
durch wird die Frage nach dem Ursprunge der Erzählung dringend. 
Es ist jetzt nachgewiesen, dass die beiden langwierigen Belagerungen 
Babylons durch Kyros und Dareios, wie sie Herodot erzählt, 
gleichmässig unhistorisch und mit volkstümlichen Motiven aus- 
gestattet sind, die zum Teil schon von jüdischen Propheten ver- 
wandt und dem Bedürfnis entsprungen sind, eine annehmbare Er- 
klärung dafür zu finden, wie es den Persern möglich geworden 
sein mochte, die gewaltige, mit mächtigen Mauern bewehrte Welt- 
stadt zu bezwingen). Es sind Legenden, die nicht vor der Nieder- 
werfung des babylonischen Aufstandes unter Xerxes?) ausgebildet 
sein können, und zwar beweist die Fabel von der der iranischen 
Denkweise völlig widerstreitenden Züchtisung des Flusses, dass 
die Gestaltung der uns beschäftigenden Erzählung auf keinen Fall 
von Persern herrührt; vielmehr weist diese auf denselben Ver- 
fasser wie die ebenso unsinnige Auspeitschung des Hellesponts 
durch Xerxes Her. 7, 35. 54; 8, 109. Die Zahl 360 = 6 x 60 
spielt allerdings im Mass- und Gewichtssystem sowie in der Zeit- 
rechnung der Babylonier eine grosse Rolle, wodurch ihre mehr- 
fache Wiederkehr im Steuerverzeichnis vollkommen erklärt ist, in 
der Jahreseinteilung der Babylonier hat sie dagegen keinen Platz. 


Damit rücken die beiden fraglichen Stellen in die Reihe einer 
Anzahl von Nachrichten, in denen von einem ehemaligen 360 tägigen 
Jahre bei den Griechen die Rede zu sein scheint?®). Auch 
Herodot lässt den Solon in seiner Unterredung mit Kroisos von 
einem 360 tägigen Jahre zu zwölf dreissigtägigen Monaten reden 


1) Einnahme Babylons während eines Festgelages 

a) durch Kyros: Jer. 51, 31. 32. 39. 54—58. Dan. 5, 1ff. Her. 1,191. 
Xen. Kyrop. 7, 5, 25; 

b) durch Parsondes unter Nanaros: Ktes. bei Nik. Dam. fr. 4 in fine. 
fr. 5; vgl. Assyriaka des Ktesias 5. 559; 

6) auf die Eroberung von Ninos übertragen: Ktes. bei Diod. 2, 
26, 4; vgl. Assyriaka S. 630. 

Die List des Zopyros Her. 3, 153—160, von Megabyzos bei der 
Eroberung Babylons unter Xerxes erzählt Kies. ecl. 22, vom Saken 
Sirakes unter Dareios Polyain. 7, 13; vgl. Assyriaka ὃ. 625 ἢ. 


2) Vgl. Assyriaka ὃ. 624f. Die Offnung des Grabes des alten Bel 
(Ktes. bei Ailian παντοῦ. ior. 14, 3 und ecl. 21) unter Xerxes gab den 
Anlass zu der Erzählung über das Grab der Nitokris bei Her. 1, 187; 
vgl. C. F. Lehmann, Berl. Phil. Wochenschr. 1898 Sp. 486, 1900 
Sp. 962 A. 1 (unrichtig Assyriaka S. 594 f., 626). 


3) Vgl. Ideler, Handbuch der Chronologie I 69 f. 254. 257—260. 
264 ἢ. 271. 


204 J. Marquart, 


(I, 32). Allein ein solches Jahr hat es in Wahrheit nie gegeben, 
und die diesbezüglichen Angaben sind wohl mit Ideler!) als 
falsche Ausdeutung des volkstümlichen Sprachgebrauchs zu er- 
klären, der sich gewöhnt hatte, für den Monat die runde Zahl 
von 30 Tagen und dementsprechend für das Jahr die runde Summe 
von 12 Χ 30 = 360 Tagen anzunehmen?). Herodot selbst hat 
aber an der zuletzt angeführten Stelle mehr als hinreichend bewiesen, 
dass er von chronologischen Dingen, wie Schaltung u. s. w. absolut 
nichts verstand, und falls bereits zu seiner Zeit in Persien ein 
Sonnenjahr mit 5 Epagomenen eingeführt war, so hatte er jeden- 
falls davon keine Kenntnis; denn sonst hätte er da, wo er vom 
ägyptischen Sonnenjahre und seinen Vorzügen vor dem gebundenen 
Mondjahre der Hellenen spricht (II, 4), nicht unterlassen können, 
auf seine Übereinstimmung mit dem persischen Jahre aufmerksam 
zu machen, wie dies auch die arabisch-persischen Astronomen 
gethan haben. Auf historischem Wege lässt sich demnach nicht 
feststellen, wann das jungawestische Wandeljahr in Persien ein- 
geführt worden ist. 

Dieses zeigt jedoch gewisse Eigentümlichkeiten, von denen 
wenigstens einige hier kurz erörtert werden müssen. Dem Schöpfer 
ist in demselben der zehnte Monat eingeräumt. Dies ist sicher- 
lich nicht ursprünglich: man sollte erwarten, dass Ahuramazdah 
einen beherrschenden Platz im Jahre einnähme, also entweder am 
Anfang, wie unter den Monatstagen, oder in der Mitte. Hier hat 
R. Roth?) gezeigt, dass die sechs Gähänbär des Parsenkalenders 
ein älteres, an die natürlichen Jahreszeiten gebundenes Bauern- 
jahr voraussetzen, dessen beide Pole die Feste Mittsommer (Maxö- 
JoiSama) und Mittjahr (Maxdjarrja) bildeten. In dem durch einen 
120 jährigen Schalteyklus regulierten persisch-mazdajasnischen Jahre, 
als dessen Epoche das Frühlingsäquinoktium gilt, fallen die sechs 
Jahresfeste theoretisch auf folgende julianische Tage, wofern man 
die Lage der Frühlingsnachtgleiche gegen Ende des 5. Jhs. v. Chr. 
zu Grunde legt: 4) 


1) A. a. 0. 8. 264. 

2) Vgl. besonders Hesiod, ἔργα καὶ ἡμέραι 814. 766 und das Rätsel 
des Kleobulos bei Laert. Diog. I 91. 

®) R. Roth, Der Kalender des Awesta und die sog. Gähänbär. 
ZDMG. 34, 1880, 5. 698 Ε΄ 

ἢ Begann das Jahr mit dem Tage nach dem Frühlingsägui- 
noktium, so fallen die obigen Data je um einen Tag später. Der 
Gefälligkeit meines Freundes Dr. H. J. Zwiers, Observators an der 
hiesigen Sternwarte verdanke ich folgende Berechnungen: 


„Data für das Frühlingsäquinoktium 
Jahr — 486 27. März 10.3 Uhr (Morgen) 


„ 43527. „ 41 ,„ (Abend) 
„44 26. „ 99 „ (Abend) 
„48327. „ 3.7 „ (Morgen) 
," —4832 27. „ 99 ,„ (Morgen). 


νυν στὰ 


Ὁ > m We 


ED EEE 


E a0 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 905 
Jahrestag Julianisch 
Maidjöi-zaremaja 11.—15. Artawa- 41—45 (6.—)10. Mai 
hist (II) 
Maidjdisoma 11.—15. Tir (IV.) 101—105 (5.—)9. Juli 
Paiti$hahja 26.—30. Sadre- 176—180 (18.—)22.Sept. 
war (VI. 
Ajadrama 26.—30. Mihr 206—210 (17.—)21. Okt. 
(VI) 
Maidjäirja 16.—20.Dadw(X.) 286—290 (6.—)10. Jan. 
Hamaspa9maedaja 26. Spandarmat 356—365 (17.—)26. März 
(XIL)— Gäda 
Wahistoisti 


Nach diesem System trifft in der That das Mazöyörsama auf 
die Mitte des Sommerhalbjahrs, das man zu 7 Monaten —= 210 Tagen 
annahm!). Schwierigkeit macht schon das Maidjarrja, das eigent- 
lich auf den 77. Tag des zu 5 Monaten + 5 Epagomenen = 155 Tagen 
angenommenen Winterhalbjahres fallen sollte. Nach ihm heisst bei 
den Armeniern der 10. Monat Marert aus *Marear!‘, Madjarja. 
Es liegt gerade ein halbes Jahr oder genauer 185 - 180 + 5 Tage 
vom Maidjöisema ab. Die Unursprünglichkeit der gegenwärtigen 
Anordnung ergibt sich aber meines Erachtens vor allem aus der 
Stellung des Paitisahja. Dies ist nach Roth’s Erklärung un- 
zweifelhaft ein Erntefest, dass aber für ein solches der 22. September 
julianisch, zumal für die Breiten der altiranischen Kulturländer, 
ein unverhältnismässig später Termin wäre, dürfte ohne weiteres 
einleuchten. Wird doch selbst auf dem rauhen Heuberg in 
Schwaben die „Sichelhenke*, welche die Beendigung der Dinkel- 
und Gerstenernte bezeichnet, am 15. August gefeiert. Ähnliches 
gilt für das Ayadroma, die Zeit, in welcher das Vieh von den 
Sommerweiden eingetrieben und die Widder zu den Schafen zu- 
gelassen werden. Dazu kommt, dass die Tradition der Mazda- 
jasnier über die Lage des Maidjoisoma und Maidjäirja mit sich 
selbst im Widerspruche war. Das Bundahiän sagt nämlich: ‘It is 
always necessary first to count the day (and) afterwards the night; 
for first the day goes off, (and) then the night comes on. And 
from the season (gas) of Medök-shem, which is the auspicious 
day Khür of the month Tir?), to the season of Mediyärem, which 


Im Mittel für circa — 485 in den Vormittagstunden des 27. März. 
Jahr — 402 26. März 6.6 Uhr (Abend) 
„ —401 27%. „ 04 „ (Nacht) 
„ 402. „ 62 ,„ (Morgen) 
399 26.: -„r120- „ (Mittag) 
, “898 26. DE (Abend). 
Im Mittel’für circa — 400 in den Abendstunden des 26. März. 
Alle Daten sind julianisch.“ 
1) Vgl. J. Darmesteter, Le Zendavesta I 39. 37. 


2) Der 11. Tag des Herden Monats, mit dem das Fest begann. 


206 J. Marquart, 


is the auspieious day Vähräm of the month Din!) — the short(est) 
day — the night increases; and from the season of Medıyärem 
to the season of Medok-shem the night decreases (and) the day 
increases’?2). In dieser Form ist die Nachricht freilich ungereimt, 
allein es liegt ihr offenbar eine aus dem verlorenen Awestä 
stammende Überlieferung zu Grunde, die nur durch die Glossierung 
der Ausdrücke Maidjörsama und Maidjäirja entstellt ist. Beseitigt 
man diese, so ergibt sich unzweideutig, dass Masdjorsema und 
Μαϊδγαύγγα ursprünglich mit der Sommer- und Wintersonnenwende 
zusammenfallen. Da aber der Name Maxdjäurja wörtlich „Mitt- 
jahr“, nicht „Mittwinter“ bedeutet, so folgt weiter, dass dieses 
Bauernjahr einmal mit der Sommersonnenwende oder genauer mit 
dem ersten darauf folgenden Neumonde begonnen haben muss. „Nur 
in diesem Falle bildet die bruma zugleich die Jahresmitte“?). Von 
hier ab gerechnet ordnen sich die übrigen Festzeiten befriedigend ein. 
Dann war TiStrja der erste, Da9us6 aber, wie verlangt, der siebente 
Monat des Jahres, dessen Anfang in die Nähe der bruma fiel. 
Dieses Jahr kann selbstverständlich kein Wandeljahr, wird also 
vermutlich ein gebundenes Mondjahr gewesen sein. Bei dieser 
Voraussetzung ergibt sich als Prinzip, den 1. TiStrja immer wieder 
auf die Sommersonnenwende zurückzuführen*). Der Anfang dieses 
altawestischen Jahres kam demnach mit dem des attischen überein. 
Der erste Monat war dem Sirius (T%rstrja, pers. Tri) geweiht, 
weil man während seiner Dauer mit Sehnsucht auf den Frühauf- 
gang dieses glänzenden Sternes harrte, von dessen Erscheinen man 
erquickenden Regen erwartete®). Der Frühaufgang des Sirius 
(19. oder 20. Juli jul.) muss daher normaler Weise noch in 
den Monat Tir gefallen sein, aber fast ans Ende desselben, wo- 
gegen er bei den Ägyptern ursprünglich den Neujahrstag selbst 
bildete. | 

Das altawestische Jahr war somit, wie man sieht, vom jung- 
awestischen bedeutend verschieden. Dass dagegen letzteres bis 
auf die verschiedene Stellung der Epagomenen bezw. den Jahres- 
anfang mit dem ägyptischen zusammenfiel, ist schon den arabisch- 


1) Der 20. des Monats Dadw (so lies), der letzte des Festes. 
®) Bundah. XXV, 2—3 bei West, P. T. I 91/92. Justi’s Aus- 
gabe ist mir augenblicklich nicht zugänglich. 


®) Vgl. Roth, a. a. O. 711. W. Geiger, Ostiranische Kultur 
im Altertum. Erlangen 1882 S. 324. 
*) Nach freundlicher Mitteilung von Dr. H. J. Zwiers fiel das 
Sommersolstitium 
—600 v. Chr. auf 29. Juni jul. 11h (abends) 
—500 v. Chr. auf 29. Juni jul. 48 (morgens). 
Die Zeiten sind mittlere Sonnenzeiten von Turkestan, wie auch oben 
S. 204 A.4. Chiwa liegt 3h 52m, Buchara 4h 3m, Samarkand 4h 18m 
östlich von Paris. Im Mittel ist angenommen 4h 15m ὃ, von Greenwich. 


δ) jt. 8, 48. Vgl. Roth ἃ. a. Ο. 5. 713. 717. Geiger 8. 308£. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 207 


persischen Astronomen aufgefallen. Nach Berüni gieng aber die 
Übereinstimmung noch weiter. Er sagt nämlich: „Wir haben 
nicht vernommen, dass jemand den Persern, Sogdiern und Chwa- 
rizmiern nachgeahmt hat in Bezug auf ihre Gepflogenheit (nämlich 
den dreissig Tagen des Monats besondere Namen zu geben anstatt 
sie in Wochen zu teilen) ausser den Kopten, d. h. den alten 
Ägyptern. Denn diese pflegten, wie uns berichtet worden ist!), 
die Namen der dreissig Tage zu gebrauchen bis auf die Zeit, als 
Augustus, der Sohn des Gaius?), die Herrschaft über sie antrat?) 
und beabsichtigte, sie zur Schaltung der Jahre zu bewegen, damit 
sie mit den Römern und den Alexandrinern allzeit übereinstimmten. 
Dies unterliegt Bedenken®). Damals nun waren bis zur Vollendung 
des grossen Schalteyklus noch 5 Jahre übrig. Da wartete er, 
bis von seiner Regierung fünf Jahre verflossen waren, dann be- 
wog er sie, alle vier Jahre einen Tag in die Monate einzuschalten, 
wie es die Römer thun. Damals gaben sie den Gebrauch der 
Namen der Tage auf, wie es heisst, weil die, welche sie gebrauchten 
und kannten, für den Schalttag einen besonderen Namen nötig 
gehabt hätten, und es ist keine Erinnerung derselben übrig ge- 
blieben“). Es ist hier die Rede von der Einführung des julianischen 
Schaltjahres in Alexandrien durch Augustus, welche Berüni bereits 
früher mit folgenden Worten erzählt hat: „Augustus ist derjenige 
welcher die Alexandriner von ihrer Rechnung nach ägyptischen 
Jahren ohne Schaltung überführte zur Rechnung der Chaldäer, 
welche zu unserer Zeit in Ägypten gebraucht wird, im sechsten 
Jahre seiner Regierung. Daher datierten sie nach diesem Jahre 
(als Epoche)“6). Die Nachricht stammt aus Theon’s Kommentar 


1) Lies 5,Sö ls. Vorher hat der Verf. von dieser Sitte der 


Kopten nichts erwähnt. 

Ὁ Text |m>ys für wea>. 

2) Kb, Adi ut it at ΟἹ Lin Mail ἴων 
el ar 1 ss ae ill a er ls pt 
N et EI ls Li ur 


ze UM ὦ ΡΝ 

=) με \ga3. Dies ist wohl eine kritische Randbemerkung des 
Verfassers oder eines Lesers, die von einem Kopisten in den Text 
eingefügt wurde. 
ο΄ δὴ Berüni, Chronologie 8. ΤᾺ, 2—8 — p. 58, 29—45 der englischen 
Übersetzung. 

6) Berüni 9, 7—9 — 33, 28—32. 


208 J. Marquart, 


zu den Handtafeln des Ptolemaios!). Über die alexandrinische 
Ära handelt ausführlich Ideler, Handbuch der Chronologie II 
140—171. 

Was die ägyptischen Namen der Monatstage anlangt, so ist 
Berüni’s Behauptung insofern richtig, als bei den Ägyptern nicht 
bloss die Monate, sondern auch die 30 Monatstage besonderen 
Gottheiten geweiht nnd nach ihnen benannt waren. Dies weiss 
schon Herodot II 82. Brugsch, Astronomische und astrologische 
Inschriften altägyptischer Denkmäler 1883 S. 45—54 veröffent- 
licht die hieroglyphischen Namen der 30 Tage des Mondmonats 
nach den Inschriften im Pronaos des Tempels von Dendera aus 
der Zeit des Kaisers Tiberius sowie nach dem astronomisch- 
kalendarischen Bilde von der Nordwand des Pronaos von Edfu 
aus der Ptolemäerzeit und gibt zu denselben ältere Varianten. 
Er bemerkt 5. 52: „Die ältesten dieser so wichtigen Listen 
der Mondtage und der zu ihnen gehörigen Gottheiten gehen bis 
in die Zeiten der XVII. und XIX. Dynastie zurück. Ich ver- 
weise vor allem auf die astronomischen Deckenbilder im Grabe 
Königs Seti I. und in dem sogenannten Ramesseum zu Theben 
aus den Zeiten Ramses’ II.* Sieht man diese Listen näher an, 
so bemerkt man, dass jeder Tag einen doppelten Namen hatte, 
von denen der erste eine kalendarische Beziehung aufweist, der 
zweite einen liturgischen Charakter trägt; z. B. 1) Feier des 
Neumondes, zugleich Fest des Thoth; 2) Feier des Monates, zu- 
gleich Feier des Gottes Horus, des Rächers seines Vaters; 4) Feier 
der Erscheinung des Setem, zugleich Feier des Gottes "Imset; 
6) Feier der Sechs, zugleich Feier des Gottes Duamutf; 7) Feier 
des (ersten) Abschnitts, zugleich Feier des Gottes Qebhsonuf; 
28) Feier des Schwanzfestes des Himmels, zugleich Tag des Gottes 
Chnum. Diese Namen scheinen aber, im Gegensatze zum mazda- 
jasnischen System, im bürgerlichen Leben keine Rolle gespielt zu 
haben; jedenfalls finden sie in Datierungen auf Denkmälern keine 
Anwendung. Auf der andern Seite ist die Behauptung BerünT's, 
dass die ägyptischen Namen der Monatstage seit der Einführung 
des festen alexandrinischen Jahres ausser Gebrauch gekommen seien, 
schon deshalb unwahrscheinlich, weil sie von der Voraussetzung 
ausgeht, dass auch die Ägypter damals das Schaltjahr angenommen 
hätten. Der wahre geschichtliche Verlauf ist Berüni unklar ge- 
blieben, allein die Begründung: „weil die welche die Monatstage 
gebrauchten und kannten, für den Schalttag einen besonderen 
Namen nötig gehabt hätten“ kann sich nur darauf beziehen, dass 
sich die eigentlichen Ägypter unter Augustus wie schon unter 


1) Commentaire de Theon d’Alexandrie sur les tables manuelles 
astronomiques de Ptol&emede jusqu’& present inedites, traduites pour la 
premiere fois du Greece en Frangois sur les Manuscrits de la Bibliotheque 
du Roi. Premiere partie, Paris 1822, p. 8055. Die Ausgabe ist hier 
nicht vorhanden. Ich entnehme das Zitat Ideler I 157 A. 2. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 209 


Ptolemaios III. (238 v. Chr.) aus astrologischen und religiösen 
Bedenken gegen den Schalttag ablehnend verhielten. Eıst 
mit der Einführung des Christentums ward die Annahme des festen 
Sonnenjahres allgemein. Dass die ägyptischen Namen der Monats- 
tage auch nach der Einführung des festen alexandrinischen Jahres 
noch fortlebten, wird überdies durch den Umstand nahegelegt, dass 
gerade auf griechischen Inschriften der Kaiserzeit besondere Namen 
für Monatstage nachgewiesen sind!?). 

Schon Scaliger hat erkannt, dass das jungawestische und 
altägyptische Jahr nicht zwei von einander unabhängige Schöpfungen 
sein können. Nachdem es sich jetzt als höchst wahrscheinlich 
herausgestellt hat, dass die Sitte, nicht bloss die einzelnen Monate, 
sondern auch die 30 Monatstage nach besonderen Gottheiten zu 
benennen, von den Iraniern dem Vorbilde der Ägypter — nicht um- 
gekehrt, wie Berüni glaubt — nachgeahmt ist, so ist der Kreis ge- 
schlossen und man wird sich der Schlussfolgerung nicht mehr 
entziehen können, dass die Magier in Ägypten mit der dort seit 
alters herrschenden Zeitrechnung bekannt wurden und ihre Vor- 
züge vor dem gebundenen Mondjahr, besonders auch für die 
Regelung der Liturgie, erkannten. Bis dahin hatte man wohl 
einzelne Monate nach hervorragenden Festen der Mazdareligion, 
welche in dieselben fielen, oder nach bestimmten Gottheiten, welche 
zu ihnen in besondern Beziehungen standen, benannt, wie den 
BägajadiS-Vayakän und AYrijädija-Ahekan bei Persern und Sogdiern 
und den TiStrja und Da®us6 beim Awestavolk. Die der Gä9ä- 
Religion eigentümlichen Am»Sa spanta waren dagegen aller Wahr- 
scheinlichkeit nach im alten bürgerlichen Kalender nicht vertreten. 
Jetzt ging man aber dazu über, nach ägyptischem Muster sämt- 
liche Monate sowie die Monatstage besondern Gottheiten zu weihen. 
In der Ausgestaltung dieses Systems sind übrigens die Magier 
selbständig vorgegangen und haben ihm einen tiefreligiösen Charakter 
aufgeprägt. Dabei zeigt sich nun zwischen den Namen der Monate 
und denen der Monatstage ein sehr bezeichnender Unterschied. 
Bei der Verteilung der Genien auf die 12 Monate ist eine Rang- 
ordnung befolgt, die von der sonst im Awestä üblichen auffällig 
abweicht und nur unter der Voraussetzung zu begreifen ist, dass 
der Urheber mehrfach durch ältere Jahresformen, in denen einzelne 
Monate bereits ihre Schutzgottheiten hatten, gebunden war. Ganz 
anders bei den Monatstagen. Diese sind in vier je von Ahura- 
mazdah geführte ungleiche Gruppen zerlegt, von denen die erste 
den AmaSa sponta, die zweite (8—14) den Elementen (einschliess- 
lich des Urstiers) gehörte. In den zwei letzten Gruppen (15—22 


1) Letronne, Recherches pour servir ἃ l’histoire de l’Egypte 
pendant la domination des Grecs et des Romains tir&es des inseriptions 
grecques et latines relatives ἃ la chronologie οἷο. Paris 1823 p. 166 ss. 
Ideler a. a 0.1145 A. 1. 


Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 14 


210 3. Marquart, 


und 23—30) sind sittliche und physische Mächte ziemlich gleich- 
mässig verteilt. Der im engeren Sinne zarathustrische Charakter 
dieser Kalenderreform kommt aber darin zum Ausdruck, dass die 
Epagomenen den fünf heiligen Gädäs gewidmet sind. 


Der mazdajasnische Kalender ist somit das Ergebnis eines 
doppelten Kompromisses: 1) man vertauschte den altpersischen 
und altawestischen Jahresanfang mit dem babylonischen, dessen 
Epoche die Frühlingsnachtgleiche war; 2) man gab das gebundene 
Mondjahr, dessen Monate nach den Mondphasen abgemessen waren 
und das durch die periodische Einschiebung eines Schaltmonats 
reguliert wurde, zugunsten des ägyptischen bürgerlichen Jahres 
von zwölf 30tägigen Monaten und 5 Epagomenen auf und ersetzte 
die bisherigen Monatsnamen durch rein religiöse. Dieser Kalender 
muss durch einen gesetzgeberischen Akt der Staatsgewalt in ganz 
Iran sowie in den mit nicht unbedeutenden iranischen Kolonien 
besetzten Provinzen Kappadokien und Armenien eingeführt worden 
sein. Das Epochejahr lässt sich daraus gewinnen, dass der 1. Da- 
$usö dem 1. Thoth entspricht. Setzte man bei der Einführung 
den 1. Frawardin auf den 27. März julianisch, so fiel der 1. Da®us0 
und 1. Thoth auf den 22. Dezember. Dieses war der Fall in 
den Jahren 489—486 v. Chr. Darnach wäre der jungawestische 
Kalender in den letzten Jahren des Dareios!) in Kraft getreten ?). 
Jeder Geschichtskundige sieht, wie gut dies zu den damaligen religiös- 
politischen Verhältnissen stimmt. Dareios, der als praktischer Staats- 
mann die hervorragende Wichtigkeit des Nillandes mit seiner Jahr- 
tausende alten Kultur für den Staatshaushalt sehr wohl zu würdigen 
verstand, nahm von Anfang an den Ägyptern gegenüber eine ganz 
andere Haltung an als sein Vorgänger Kambyses und war mit 
Erfolg bemüht, deren Dankbarkeit und Anhänglichkeit zu erwerben, 
so dass er als sechster Gesetzgeber des Landes galt®). Bei dieser 
Auffassung von der Entstehung des iranischen Wandeljahres bleibt 
es freilich sonderbar, dass man nicht sofort bei seiner Einführung 
Bedacht nahm, den alljährlich ausfallenden Viertelstag auf bequeme 
Weise, am einfachsten durch vierjährige Einschaltung eines sechsten 
Epagomenen wieder einzubringen. Denn es konnte den Masiern 
nicht schwer fallen, bei den ägyptischen Priestern über das Sothis- 
jahr und sein Verhältnis zum bürgerlichen Jahre Auskunft zu er- 
halten. Hier liest also unzweifelhaft eine schwer begreifliche Un- 
selbständigkeit der Iranier gegenüber ihren ägyptischen Vorbildern 


1) Eventuell 493—490, falls man als Epochetag den Tag nach dem 
Äquinoktium (28. März) wählte: s. oben 8. 204 A. 4. 

?) Sein letztes erstreckte se bis in den Herbst 485, da die letzte 
Urkunde aus der Regierung des Dareios vom 22./VI. des 36. Jahres, 
die erste des Xerxes vom 7.|X. seines Antrittsjahres ist. Vgl. Weiss- 
bach, ZDMG. 55, 206 f. 


8) Diod. 1, 95, 4. Vgl. Wiedemann, ἂρ. Gesch. 5. 678 ff. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 211 


vor. Vielleicht ist jedoch gerade die allgemeine Geltung des jung- 
awestischen Jahres geeignet, jenes Rätsel verständlicher zu machen: 
man wollte die soeben hergestellte Harmonie mit dem ägyptischen 
Kalender, auf die man offenbar Wert legte, nicht alsbald wieder 
zerstören. Auf alle Fälle ist aber die Schöpfung und Einführung 
des jungawestischen Wandeljahres ein redender Beweis dafür, dass 
der Einfluss der Magier nach dem Falle des Gaumäta keineswegs 
beseitigt, sondern höchstens zeitweilig zurückgedrängt, in der 
spätern Regierungszeit des Dareios aber mächtiger geworden war 
denn je. Unter diesem Gesichtspunkt verliert auch die Nachricht 
des Hermodoros über die Magierschulen des Ostanes, Astrampsychos, 
Gobryas und Pazates, die von Zoroaster bis auf Alexander d. Gr. 
einander abgelöst haben sollen!), viel von ihrer Albernheit, wofern 
man in denselben in rohen Umrissen die Hauptetappen der äusseren 
Geschichte der Zarathustrareligion im Perserreiche erblickt. Frei- 
lich hat Laertios Diogenes die Reihenfolge verwirrt und auf den 
Kopf gestellt und auch sonst die Angaben des Hermodoros ver- 
dorben. Astrampsychos gehört an die Spitze. Unter diesem Namen, 
der eine Umschreibung von ap. *wästrija-fsu-ka — aw. wästrjo- 
fSujas, der altiranischen Bezeichnung des dritten Standes der 
Viehzüchter und Ackerbauer ist), verbirgt sich nämlich kein Ge- 
ringerer als Zarathustra selbst, der im Frawardin jt. 89 aus- 
drücklich der erste wäsirjöfsujas genannt wird?). Dazu stimmt 
vollkommen, dass Astrampsychos bei den Späteren als ein grosser 
Zauberer und Wahrsager gilt und eine Reihe von Schriften astro- 
logischen und magischen Inhalts (Orakel-, Traum- und Zauber- 
bücher) unter seinem Namen verfertigt wurden. Es ist auch nicht 
besonders wunderbar, dass man ihn in Ägypten, dem klassischen 
Lande alles Zauberwesens, geradezu zu einem Ägypter und zum 
Zeitgenossen eines Ptolemaios machte?). An Astrampsychos schliesst 
sich ganz unvermittelt Παζξάτης an ἃ. 1. Herıfeldng-Gaumäta). 


1) Laert. Diog. prooem. 2: ἀπὸ δὲ τῶν Μάγων ὧν ἄρξαι Ζωρο- 
ἄστρην τὸν Πέρσην, Ἑρμόδωρος μὲν ὁ Πλατωνικὸς ἐν τῷ περὶ μαϑημάτων 
φησὶν εἰς τὴν Τροίας ἅλωσιν ἔτη γεγονέναι πεντακισχίλια (Ξάνϑος δὲ 
ὁ Λυδὸς εἰς τὴν Ξέρξου διάβασιν ἀπὸ τοῦ Ζωροάστρου ἑξακισχίλιά φησι), 
καὶ μετ᾽ αὐτὸν γεγονέναι πολλούς τινας Μάγους κατὰ διαδοχήν, Ὀστάνας 
καὶ ᾿Αστραμφψύχους καὶ Γωβρύας καὶ Παξάτας, μέχρι τῆς Περσῶν ὑπ᾽ 
᾿Αλεξάνδρου καταλύσεως. 

2) So schon Windischmann, Zoroastrische Studien 286. 

8) Weniger wahrscheinlich ist an Zarathustra’s Sohn Urwatat-nara 
zu denken, der als weltlicher Herr (ahw) im War des Jima und Haupt 
der Ackerbauer bezeichnet wird (Wend. 2, 43. Bundah. XXIX 5. 
XXXI 5. 6). Man würde vielmehr Isat-wästra erwarten, den Sohn 
Zarathustra’s von seiner Hauptfrau, der Ober-Möpat wurde und im 
hundertsten Jahre der Religion starb Bundah. XXXII, 5. Fraward. 
ἦι, 98. 75. 28, 3. 26, 5. 67,2. 

4) S. Pauly-Wissowa, RE.? 1796. Unrichtig Assyriaka 530. 

5) Vgl. oben 8.145 und Α. 4. 158 Α. ὃ. 

14* 


212 ὁ. Marquart, 


In Ὀστάνης sind dem Laertios Diogenes wohl Ostanes I., welcher 
den Xerxes auf dem Zuge gegen Hellas begleitet haben soll (Plin. 
ἢ. n. 30, 8), und ÖOstanes Il., ein Zeitgenosse Alexanders d. Gr. 
(Plin. h.n. 30, 11) zusammengefallen, wie in Γωβρύας die beiden 
gleichnamigen Personen des Dialoges Axiochos ὁ. 12 p. 371 A. 
Dem zweiten Gobryas, einem Magier, verdankte Sokrates Ent- 
hüllungen über die Unterwelt und die Belohnung und Bestrafung 
nach dem Tode, welche sein Grossvater auf Delos, wohin er beim 
Xerxeszuge gesandt worden war, um das heilige Eiland zu schützen, 
entdeckt haben sollte). 

Das jungawestische Jahr ist hiernach eine Erfindung der 
Magier aus der älteren Achaimenidenzeite. Hierin liegt ein- 
geschlossen, dass diese sich der Awestäsprache bedienten, und zwar 
ergibt sich aus dem kappadokischen Namen Ζαϑουσα = jaw. 
Da&usö, in ap. Lautform Dayusar, nicht gaw. Dadusö?), dass 
der altehrwürdige Gäthädialekt spätestens um 400 v. Chr.?), 
wahrscheinlich aber schon weit früher verklungen war und die 
Magier nur mehr das Jungawestische zu handhaben verstanden. Ich 
bemerke aber, dass nur derjenige ein Recht hätte, die Awestä- 
sprache altmedisch zu nennen, dem es gelänge in Medien einen 
Dialekt aufzufinden, der die Wörter T%strja und chwarnarh 
für gemeiniranisch Tr? und farnah- im gewöhnlichen Gebrauche 
zeigte und mit der Awestäsprache den Lautwandel von γέ zu $ und 
von h zu nah teilte, von sachlichen Schwierigkeiten ganz abgesehen. 
Die weiteren Schicksale und verschiedenen Formen des jung- 
awestischen Jahres behandle ich hier nicht; dagegen wird es nicht 
überflüssig sein, die Entwicklung der altiranischen Kalender bis 
zur Einführung des Wandeljahres in einer Tabelle zu veranschau- 
lichen. Ich setze die armenischen Monatsnamen zur Vergleichung 
bei, wobei ich die noch nicht erklärten mit einem Sternchen ver- 
sehe; dagegen habe ich die sogdischen und Sagzinamen weg- 
gelassen, weil sie grösstenteils noch unerklärt und ihre wahre 
Aussprache unbekannt ist, da die vokallose arabische Schrift an 
sich die verschiedensten Lesungen erlaubt. Den erschlossenen 
jungawestischen Namen habe ich die entsprechenden altpersischen, 
kappadokischen, mittelpersischen und chwärizmischen gegenüber- 
gestellt. Bei der Ansetzung der kappadokischen Formen ist das 
Hemerologium in Theons Kommentar zu den Handtafeln des 
Ptolemaios nach der Leidener Hs. (cod. ms. Graec. bibl. publ. 
Leid. Nr. 78 fol. 145’—150’. 152”), die ich selbst verglichen 
habe, zu Grunde gelegt. 


1). 5. A. v. Gutschmid, Kl. Schr. HI 3—4. 
2) Vgl. Bartholomae, Grdr. ἢ. iran. Phil. 1163 S. 274 Anm. 2. 
8) 5. diese Unters. I 67. 


213 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 


(nydf ‚oo 'IIX 
192) |) desıem "IX 


tIoIeN X 
ueyoyy "XI 
Soly% 'TIIA 


USE ILA 


(τὰ f ways IA 
192) | ‚V0r8, x "A 
ΘΑ], "ΔΙ 
twyes, "III 
ΤΟΙ, ἸΟΉ., "II 
9IM PIeSEMeN 1 


Sugzuy | 998uoMW ayastuawıy 


ΖΛΈΤΝ —Tenıqdd 
AENIA9 T-renuer 


ABNUE P—ı0qu9za«d 
A9QWIIZI(T—10queAoN 
I9Q WI9AO N —1940410 


I9NOIAH—ı9ameYdeg 


a9qws4dag—enäny 
7511. nv—mp 


ap—tun 
Tun Pf—tem 


Ten —-ımdv 
Tady—zıen 


sugoeliM "TA 
ΒΠΒΖΒΘΧΒΙΝ "A 


eyeweuy "AI 
ΒΡ αν "III 
srueyupvV "II 


ἜΣ BR 
A 
_— FR 
ag "XI 
ἘΠΕΠΈΔΥΖΕΘ. ZIIA 
epedeunten) "IIA 


ayasısradyyy 


93]0Juayroy 10Juueyagun ur 
usse], 08 Ἢ 63 Pufssydamge UOA 9YEUOM 


ZIYN "PL 
nıepY "'IIX 
njogos' "IX 
296 6% 
nygeL Χ 
nugsty "XI 
DUWPSYMAY ἽΠΛ 
‘10 81 
nzL415DL, "TIIA 
‘Ydas 'gI 
nmmn ἽΛ 
ΠΑΥ͂ 'A 
tunf Ὁ8 
nzud ἽΛΙ 
nueumg "III 
{πᾶν 86 
nıely "II 
nuosın Ἵ 


“ΠΟ A 


oydsıuoffgeg 009 uf) 


Β[Ἐ0 


-guurgedseuref] 
= XI 
FE IIIA 
elzeloem 
oMmerd "TIA 
(0I@V) 'IA 
(uedy) "A 
sweigely 
= AL 
elgegsiyeg 
er ἽΠ 
Ξ = 
ewesto[p,eM 
else, "I 
ΜΞ IX 
elew.tezto[p,e 
τι - 4X 
use, X 


I9puojey 
JOYOSTISOMB-I]Y 


I 19% L 


914 J. Marquart, 


Koptisch Anfang Jungawestisch Altpersisch 


IV. Choiak 22. März I. FrawaSinäm | Wartinäm 


Υ. Tybi 21. April| II. ASahe wahis- | Artahjä wahistahja 
tahe 


VI. Mechir 21. Mai III. Ha”rwatätö | Haruwatäh, gen. 
Haruwatätah 


VI. Phamenoth 20. Juni | IV. TiStrjehe Tiris, gen. Tirais 


VIII. Pharmuthi 20. Juli V. Amor’täto Amrt(at)ah, gen. 


Amrtätah 
IX. Pachon 19. Aug. | VI. ChSadrahe ChSadrahjä wari- 
walrjehe jahjä 
X. Payni 18. Sept. | VII. Mi®rahe Mi®rahjä 
XI. Epiphi 18. Okt. | VIII. Apam (napätö)| Apäm (napätah) 
XII. Mesore 17.Nov. | IX. Ataro, gen. |Atr, gen. Adrah 
5 Ergänzungstage 17.—21. Dez. Αϑτὸ 
I. Thoth 22. Dez. X. Dadwä, gen. | Dadwäh, gen. Da- 
Dadus0 Yusah 
II. Paophi 21. Jan. |XI.Wohumanöd,gen.| Wahu manah, gen. 
Wanhsus mananhö | Wahaus manahah 
III. Athyr 20. Febr. | XII.Spantaärmaitis,| Santä äramatis 
gen. Spantaja är- 
matois 


Fünf Ergänzun 


1) Nach Benfey-Sterns Liste II, wo Ξανϑριόρη steht. In den beiden 
Hss. des Hemerologiums ist dieser und der folgende Name verdorben; 
in der Leidener Hs. stehen beide auf einem kursiv geschriebenen er- 
gänzten Blatt. 

3) In den Menologien Μιυϑοί. 

8) So P. de Lagarde; die Menologien haben ᾿πομεναμά ete., der 
cod. Lugd. abgekürzt AIIOMOINS, woraus im Laurentianus AIIO- 
MYAH geworden ist. 

4) Die kappadokische und chwärizmische Form gehen auf den 
Gen. (Wah)0ds$ manaha(h) zurück. F 

5) Nach dem Päzand-Pahlawi-Glossar Kap. 28 bei Salemann, Über 
eine Parsenhandschrift der ks. öffentl. Bibliothek zu St. Petersburg 8. 84. 

6) Geschrieben Harwet, Amuret, was fälschlich Churdat, Amurdat 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 215 


APTANA Frawartin | | 27. März ΗΝ Näusärge oder 
4 Us, Röcna 
APTHY&OTH)| Artwahist | |26. April | «λῶν ἡ Ardwest oder 


APOA TATA Harot ®) 26. Mai | 51,9 Harwadad oder 
sp Fa Cird 
TEIPEI Tir 25. Juni | \su> Öle oder Shit, 
Räzak 
AMAPTATA Amurt δ) 25. Juli | St A492 Hamdad 


ΞΑΘΡΙΟΡΗ ἢ δαϑτ(ο)δπαν | 24. Aug. Syrm>! Ichsar&ware 


MIOPH °) Midro 23. Sept. | (se) Omire 
ATIOMENAILA?®)| Apän | 23. Okt. | σεις Jäpä-chan oder 
᾿ Su>, „Um> 

AOPA Atur | 22. Nov. | y,} Αὐτό od. „dsläsins 
AAOOYCA Dadw’) | 22. Dez. 1.93.5) Remaid oder 

„List atb 
OCMAN At) Wahüman |21.Jan. | „„eöis! Osman®) oder 

„Lss) 22 
CONAAPA Spandarmat | | 20. Febr. fan! Ispandärmade 


oder > Chsom 
ge 22.—26. März 


gelesen wird. Allein die Ligatur δὲ steht unrichtig für i. Beide Formen 
gehen ebenso wie Atur, Dadw und Spandarmat auf den ap. Nominativ 
zurück. Die Formen Haröt und Amurt liegen auch den arabischen 


Engeln «>. 9 und wo. ,L» zu Grunde, nur dass letzteres in bekannter 
8 3) 2, 


Weise an Härüt angeglichen ist. Haröt: haruwatah —= mp. dröt, np. 
duröd: ap. *duruwatah. Vgl. Hübschmann, Pers. Stud. 5. 61. 


7 Bisher fälschlich D?n gelesen, es entspricht aber np. σὺ Daj 
aus Dadw. 


ὅ, 5. ἣν, 11 oil Osman, 8. ἦν, 16 (ya) dei. (pain), aber 
S. v., paen. und Pf", 13 „„a>] d.i. (W)achman im Nom. Der Monats- 
tag heisst BEE 


216 J. Marquart, 


Zusätze und Berichtigungen. 


Zu 8.5 Z. 17—32 und A. 3: Das nur im syrischen (und 
äthiopischen) Text erhaltene Stück ist an dieser Stelle eingeschoben, 
weil man das Land der Parisigaje (äth. Sapın —= „im statt 
ms), zu dem Alexander 8. 189, 14 ff. kommt, mit Πρασιακή 


zusammenwarf. Allein die Parisigaje, die als Ichthyophagen ge- 
schildert werden, sind vielmehr die Πασιρέες in Gadrosien, welche 
Nearchos neben die Ichthyophagen setzt!). Ptolemaios verzeichnet 
in Gadrosien gegen Karmanien zu ein Volk Παρσίραι , ἡ δὲ 
μέση τῆς χώρας πᾶσα καλεῖται Παραδηνὴ καὶ ὑπ αὐτὴν Παρισινή ὃ). 
Vgl. Tomaschek, Topographische Erläuterung der Küstenfahrt 
Nearchs S. 23. Der Verwechslung von Prasiake mit dem Lande 
jener Ichthyophagen begegnen wir schon im Eingange des Briefes 
an Aristoteles p. 120 b ed. Müller = p. 94 Syr. transl. Budge — 
p. 142 Aeth. transl. Budge*). Schiffermärchen über die Barbaren 
an der Küste von Gadrosien konnten immer wieder aufs neue nach 
Alexandrien gelangen. 

„Wir brachen auf vom Lande der Parisigaje und wandten 
uns gerade gegen Osten“ (p. 190,9 —= 107 der Übs.). Nach 
10 Tagen kommen sie zu einem hohen Berge. Die dortigen Ein- 
wohner ermahnen Alexander, das Gebirge nicht zu überschreiten, 
da dort ein grosser Gott in Gestalt eines Drachen hause, der das 
Land vor Feinden schütze.. Der Drache ist drei Tage von da, 
„an jenem Strome“ (Z. 16). Alexander kommt dann ans Ufer 
jenes Flusses, und der Drache wird auf dieselbe Weise beseitigt 
wie der Wurmgott im Kärnämak (c. 7, 11ff., 8, 7—11). Sonst 
wird seine Erscheinung wie die eines indischen näga beschrieben : 
er erscheint in schwarzer Wolke. Dagegen seine Tyrannei, seine 
tägliche Fütterung mit zwei Ochsen und die Tötung von Menschen 
ist gezeichnet nach der iranischen Vorstellung von Az i dahak 
und dem Wurmherrn. Vgl. Nöldeke, Beiträge zur Gesch. des 
Alexanderromans S. 22. Nach der Tötung des Drachen (p. 193, 12 
— 108) „brachen wir von da auf und gelangten zu einer Land- 
schaft (oder: Ort), und innerhalb jener Landschaft war ein hoher 
Berg) und ein Fluss ©), Birastes nennt man ihn, entsprang aus 


1) Arrian. Ind. 26, 3. Plin. h. n. 6, 97: flumen Tonberum navi- 
gabile, circa quod Parirae, dein Ichthyophagi; 6, 95: alii Gedrusos et 
Sires (Harduin und Sillig: Pasires) posuere per CXXXVIIH p. 

2) cod. A Παρσίδαι, die übrigen Hss. Wilbergs Παρσίραι. 

3) Ptol. VI 21 p. 439, 15. Wie das verdorbene ἣ παρ᾽ ὁδὸν im 
Periplus mar. Erythr. $ 37 herzustellen ist, ist unsicher. Vgl. Toma- 
schek a. a. 0. 

4) Jömöda ist hier falsche Umschreibung von arab. JAurss für 


Kun n. 


5) Also ein zweiter Berg. 6) Also ein zweiter Fluss. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 217 


ihm.“ In diesem Berge ist ein Gott, der ganze Berg aus Sapphir. 
Alexander besteigt den Berg mit seinen Truppen und lässt den 
Göttern Opfer bringen. Hier wird ihm durch Geisterstimmen zu- 
gerufen, er solle umkehren. Darauf erhält er von den Göttern 
Bescheid, wenn er allein weitergehe, so werde er durchkommen 
und lebendig wieder zurückkehren. Er werde dort einen König 
sehen, einen Göttersohn (d. 1. den daypür — devaputra), aus dessen 
Lande ein geehrter Priester zu einer Anzahl von Ländern gehe. 
Hierauf lässt Alexander bei jenem Berge eine Stadt erbauen, 
nämlich „Alexandreia die Königin der Berge“. 

Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, dass mit dieser 
Stadt ursprünglich ᾿4λεξάνδρεια ἡ ἐν Nogsireıg gemeint ist!), das 
alte Dorf ἹῬαμβακία, das Tomascheka.a. Ο. 5. 19 beim heutigen 
Sonmiäni, dem Hafen von Beilaä ansetzt. Der Sapphirberg er- 
innert an Orthagoras’ Notiz über reiche Erzadern im Lande der 
Oreiten (s. Tomaschek S. 20). Der Fluss Birastes kann so- 
mit nur der Purali sein, der an Beilä vorbeifliesst und nördlich 
von Sonmiani ein sumpfiges Delta bildet. 

In der Epistola Alexandri Macedonis ad Aristot. p. 205, 17 
ed. Kübler kommen die Makedonen (aus Indien) zuerst zum Flusse 
Buebar, wo Elephantenherden aus den Wäldern auf sie zukommen, 
dann geht es in eine andere Gegend, wo man ganz behaarte 
Männer und Frauen sieht, die Ichthyophagen, die am Flusse Ebr- 
maris wohnen (p. 207, 8). Hierauf findet man Haine voll mäch- 
tiger Cynocephali und kommt schliesslich nach Phasiace, „unde 
veneram*. Der Buebar entspricht hier dem ”Aoaßıg der Ale- 
xanderhistoriker, dem heutigen Habb, wie Ausfeld (Zur Kritik 
des griechischen Alexanderromans, Karlsruhe 1894 S. 12) richtig 
gesehen hat. Der Ebimaris ist dann der Diürastes des Syrers 
d.h. der Purali. Phasiace (so) ist hier noch richtig vom Lande 
der Fischesser d. ἢ. der Oreiten und Ichthyophagen des Nearchos 
geschieden und westlich von diesen gedacht, entspricht somit 
genau dem Gebiete der Πασιρέες Nearchs. 

Zu 8.6 Z.11ff. Es ist mir jetzt wahrscheinlich, dass von 
Anfang an an den ὃ. 1—3 erwähnten Stellen der Schatzhöhle 
verschiedene Namen beabsichtigt waren, die z. T. vielleicht ty- 
pische Bedeutung hatten. Dann wäre azd-gar einfach „kund- 
machend“. An sich lassen ja die syrischen Zeichen alle möglichen 
Deutungen zu, zumal die Legenden ohne Zweifel schon durch 
verschiedene Hände gegangen waren und die ursprünglichen 
Formen nicht bekannt sind. Die Namen der zweiten Gruppe sind 
augenscheinlich weit unsicherer überliefert. Doch könnte man 
die von B gebotene Lesart „oJa,®, welche auch der arabischen 


1) So richtig Nöldeke, Beiträge zur Gesch. des Alexanderromans 
5. 8 A. 8, der aber gleichwohl S. 22 den Fluss Birastes für den 
Borysthenes hält. 


218 J. Marquart, 


Übs. zu Grunde liegt, als Rt faas „Antwort gebend“ deuten, ob- 
schon man dann «. Bi sollte, und Jazdwar würde etwa 
„fromm“ bedeuten. 


Diese Legenden weisen m. E. auf manichäischen Ursprung, 
den christlichen Syrern aber waren die persischen Namen leerer 
Schall. Dies gilt namentlich auch von der zwölfgliedrigen Liste, 
und diese ist auch für uns nichts anderes, so lange die Original- 
legenden, aus denen sie ohne Zweifel zusammengestoppelt ist, noch 
nicht aufgefunden sind. 

Zu 8.16 Z.4. 19: Leider war mir bisher der Aufsatz von 
U. Boissevain, Ein verschobenes Fragment des Cassius Dio 
(Hermes Bd. 25, 1890, 5. 329—339) entgangen, in welchem der 
Nachweis geführt wird, dass das aus den ursinischen Exzerpten 
περὶ πρέσβεων stammende, von Ursinus als Nr. 77 bezeichnete 
Fragment des Kassios Dion, welches man seit Ursinus und Leun- 
clavius allgemein auf den Partherkrieg des Septimius Severus be- 
zog und demgemäss im 75. Buche (75, 9, 6) unterbrachte, nach 
der Reihenfolge der ursinischen Exzerpte vielmehr in den Parther- 
krieg des Traianus und zwar wahrscheinlich ins Jahr 116 n. Chr. 
gehört. Das sehr abgerissene Fragment lautet: ὅτε τῷ Οὐολογαίσῳ 
τῷ Σανατρούκου παιδὶ ἀντιπαραταξαμένῳ τοῖς περὶ Σεουῆρον, καὶ 
διοκωχὴν πρὶν συμμῖξαί σφισιν αἰτήσαντι καὶ λαβόντι, πρέσβεις TE 
πρὸς αὐτὸν ἀπέστειλε.) καὶ μέρος τι τῆς ᾿Δρμενίας ἐπὶ τῇ εἰρήνῃ 
ἐχαρίσατο. 

Severus war einer der Generäle, welchen die Aufgabe zufiel, 
den im Rücken Trajans in den drei neu eingerichteten Provinzen 
Mesopotamia, Assyria und Armenia ausgebrochenen Aufstand nieder- 
zuwerfen. Trajan muss die Lage für bedrohlich genug gehalten 
haben, so dass er es für geraten fand einzulenken. Unter dem 
Teil von Armenien, welchen er dem Volagases beim Friedens- 
schlusse als lehnspflichtiges Fürstentum abtrat, also von der neu- 
errichteten Provinz abtrennte, sind wohl die ehemaligen Königreiche 
Sophene und Gordyene zu verstehen, welche nach Appians Zeugnis 
zu seiner Zeit, d. h. unter Antoninus Pius, als Strategie von 
Kappadokien unter dem Namen Armenia minor verwaltet wurden, 
während das alte Kleinarmenien westlich vom Euphrat schon länger 
in den Provinzialverband von Kappadokien aufgegangen war). 


1) Subjekt ist Trajan. 

2) Appian Mithr. 105: καὶ ὁ Πομπήιος αὐτῷ (Τιγράνῃ) συνεγίγνωσκε 
τῶν γεγονότων καὶ συνήλλασσε τῷ παιδὶ καὶ διήτησε τὸν μὲν υἱὸν ἄρχειν 
τῆς Σωφηνῆς καὶ Τορδυηνῆς, αἵ νῦν ἄρα εἰσὶν ᾿Δρμενία βραχυτέρα, τὸν 
δὲ πατέρα τῆς ἄλλης Agusviag ἐπὶ τῷδε τῷ παιδὶ κληρονόμῳ. εἰπῇ 08 
Πομπήιος ἐκτετελέσϑαι οἱ τὸν πάντα πόλεμον “ἡγούμενος, ὦκιξε πόλιν 
ἔνϑα τὴν μάχην ἐνίκα Μιϑριδάτην, ἣ ἀπὸ τοῦ ἔργου Νικόπολις κλήξεται, 
καὶ ἔστιν Apueviag τῆς βραχυτέρας λεγομένης. ᾿Δριοβαρξάνῃ δ᾽ ἀπεδίδου 
βασιλεύειν Καππαδοκίας, καὶ προσεπέδωκε Σωφηνὴν καὶ “Τορδυηνήν, ἃ 
τῷ παιδὶ ἐμεμέριστο τῷ Τιγράνους᾽ καὶ στρατηγεῖται νῦν ἅμα τῇ Καππα- 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 219 


Der offizielle Name Armenia minor muss für jenes Gebiet auch 
noch 100 Jahre später im Friedensvertrage des Kaisers Philippus 
mit Säpür I (244 n. Chr.), sowie im Frieden des Galerius (297) 


δοκίᾳ καὶ τάδε. ἔδωκε δὲ καὶ τῆς Κιλικίας πόλιν Καστάβαλα καὶ ἄλλας. 
᾿Δριοβαρξάνης μὲν οὖν τὴν βασιλείαν ὅλην τῷ παιδὶ περιὼν ἐνεχείρισε" 
καὶ πολλαὶ μεταβολαὶ μέχρι Καίσαρος ἐγένοντο τοῦ Σεβαστοῦ, ἐφ᾽ οὗ, 
καϑάπερ τὰ λοιπά, καὶ ἤδε ἡ βασιλεία περιῆλϑεν ἐς στρατηγίαν. 

Diese Stelle enthält verschiedene Schwierigkeiten. 

Die Behauptung, Ariobarzanes habe ausser Sophene auch @ordyene 
erhalten, widerspricht der ausdrücklichen Angabe Strabons ı5 1, 24 
p- 747, Pompeius habe den grössten Teil von Mesopotamien dem Tigranes 
zugeteilt. Auch Tigranes dem Jüngeren war nach den anderen Quellen 
nur Sophene zugedacht worden (Kass. Dion 36, 53, 2. Plut. Pomp. 33). 
Die Hinzufügung von Gordyene ist daher mit Th. Reinach (Mithridate 
Eupator p. 393 ἢ. 1) in beiden Fällen zu verwerfen. Die unvermittelte 
und unmotivierte Verwendung des Ausdrucks ἡ βραχυτέρα "Aguevia in 
zwei ganz verschiedenen Bedeutungen ist auf alle Fälle höchst befremd- 
lich, allein die Deutung: „Sophene und Gordyene, welche jetzt zu Klein- 
armenien gehören“ wird durch den Text ausgeschlossen. Da nun 
die Stelle auch noch einen andern nachweisbaren Irrtum enthält — 
Kappadokien ist nicht unter Augustus, sondern erst unter Tiberius im 
J. 17. n. Chr. zur Provinz gemacht worden — und Appian den Aus- 
druck ἡ βραχυτέρα ᾿Αρμενία sonst immer im gewöhnlichen Sinne für 
Kleinarmenien westlich vom Euphrat verwendet (Mithr. 17. 90. 115), 
so ist man versucht an eine grobe Flüchtigkeit seinerseits zu denken 
und zu vermuten, dass in seiner Quelle noch etwas über das wirkliche 
Kleinarmenien berichtet war und sich auf dieses die Bemerkung be- 
ziehen sollte: καὶ στρατηγεῖται νῦν ἅμα τῇ Καππαδοκίᾳ καὶ τάδε. Ein 
Teil von Kleinarmenien wurde im Jahre 43 v. Chr. von Caesar dem 
Ariobarzanes III., dem Sohne Ariobarzanes’ II. von Kappadokien ver- 
liehen (Kass. Dion 41,63. 42,48, 4); im Jahre 20 v. Chr. erhielt es 
Archelaos von Kappadokien (Kass. Dion 54, 9, 2. Strab. ıß 3, 29 p. 555). 

Eine solche Erklärung wäre indessen sehr gezwungen, da Klein- 
armenien wahrscheinlich schon von Vespasian der Provinz Kappadokien 
einverleibt worden war (Joach. Marquardt, Römische Staatsver- 
waltung I? 369). Sophene und Gordyene müssen vielmehr im offiziellen 
Sprachgebrauch wirklich die Bezeichnung Armenia minor geführt haben. 
Der siegreiche Feldzug des Gordianus gegen die Perser war durch den 
schmachvollen Frieden des Arabers Philippus abgeschlossen worden, 
den letzten formellen Friedensvertrag zwischen Rom und Persien bis 
auf Galerius. Dexippos muss über denselben berichtet haben, wie sich 
aus der Übereinstimmung des Zosimos (I 19, 1. III 32, 4), Synkellos 
(p. 683, 1—2), Zonaras (XII 19 vol. II p. 583, 3—7 ed. Bonn.) und 
Euagrios (ἢ. 6. V 7 p. 426 ed. Vales.) mit Sicherheit ergibt, aber nur 
bei den beiden letztern finden sich Andeutungen über die Friedens- 
bedingungen. Zonaras sagt: σπονδὰς δὲ πρὸς Σαπώρην ϑέμενος τὸν 
τῶν Π]ερσῶν βασιλεύοντα. τὸν πρὸς Πέρσας κατέλυσε πόλεμον, παραχω- 
ρήσας αὐτοῖς Μεσοποταμίας καὶ Apusviag‘ γνοὺς δὲ Ῥωμαίους ἀχϑομέ- 
νους διὰ τὴν τῶν χωρῶν τούτων παραχώρησιν, μετ᾽ ὀλίγον ἠϑέτησε τὰς 
συνϑήκας καὶ τῶν χωρῶν ἐπελάβετο. Erst unter Gallus begann die 
Reaktion der Perser gegen den Vertragsbruch eb. p. 589, 24---590, 3. 
Damit stimmen die Worte des Zosimos 3, 32, 4: χρόνοις δὲ πολλοῖς 
ὕστερον Γορδιανοῦ τοῦ βασιλέως Πέρσαις ἐπιστρατεύσαντος καὶ ἐν μέσῃ 
τῇ πολεμίᾳ πεσόντος, οὐδὲ μετὰ ταύτην τὴν νίκην οἱ Πέρσαι παρεσπά- 
σαντό τι τῶν ἤδη Ῥωμαίοις ὑπηκόων γεγενημένων, καὶ ταῦτα Φιλίππου 
διαδεξαμένου τὴν ἀρχὴν καὶ εἰρήνην αἰσχίστην πρὸς Πέρσας ϑεμένου. 


220 J. Marquart, 


gebraucht worden sein. Nur so wird es begreiflich, wie Malalas 
zu der Behauptung kommen konnte, Maxentios, d. i. Galerius 
Maximianus, habe gewisse Landschaften von Persarmenien losgerissen 
und den Römern unterworfen, die er erstes und zweites Armenien 
der Römer genannt habe): er verwechselte das östlich vom Euphrat 
gelegene, von Galerius zurückgewonnene Armenia minor d. i. die 
später sogenannten gentes Transtigritanae mit dem alten Klein- 
armenien westlich vom Euphrat, das erst von Diokletian von 


Euagrios dagegen, der die Veranlassung des armenischen Aufstandes 
und des römisch-persischen Krieges unter Justin II. erzählt, beginnt 
mit den Worten: Τούτου (Gregorios, der Patriarch von Antiochien) τὴν 
ἐπισκοπὴν πρῶτον ἔτος διέποντος οἱ τῆς πάλαι μὲν μεγάλης ᾿Δρμενίας, 
ὕστερον δὲ Περσαρμενίας ἐπονομασϑ'είσης --- ἣ πρώην ἹῬωμαίοις κατήκοος 
ἦν, Φιλίππου δὲ τοῦ μετὰ Γορδιανὸν καταπροδόντος αὐτὴν τῷ Σαπώρῃ 
ἡ μὲν κληϑεῖσα μικρὰ Aguevia πρὸς Ῥωμαίων ἐκρατήϑη, ἡ δέ γε λοιπὴ 
πᾶσα πρὸς Περσῶν --- τὰ Χριστιανῶν πρεσβεύοντες. ... ἐν παραβύστῳ 
ἐπρεσβεύοντο πρὸς ᾿Ιουστῖνον κτλ. Dem Euagrios dient diese historische 
Notiz nur als Einleitung zu seiner Erzählung; er hat sie ohne Zweifel 
nicht direkt aus Dexippos, sondern aus der Chronik des Eustathios 
von Epiphaneia bezogen, der den Dexippos ausgezogen hatte (vgl. 
Euagr. V 24). Daraus erklärt sich zum Teil die nachlässige Fassung 
des Satzes. Da Euagrios aber von den Verhältnissen seiner Zeit 
ausgeht und kein Dummkopf war wie Malalas, kann er nicht haben 
sagen wollen, infolge des Friedens des Philippus sei das schon seit 
Vespasian mit der Provinz Kappadokien vereinigte und seitdem un- 
unterbrochen in römischem Besitz gebliebene Kleinarmenien westlich 
vom Euphrat von den Römern besetzt worden. Er spricht vielmehr 
nur von Grossarmenien, das bis auf Philippus ein Ganzes unter römischer 
Lehnshoheit, durch den schmählichen Frieden desselben geteilt worden 
sei, indem ein Teil, das sogenannte Kleinarmenien, von den Römern 
besetzt wurde, während die ganze übrige Hälfte den Persern anheim- 
fiel. Jenes Kleinarmenien muss also einem Teile des späteren römischen 
Grossarmenien entsprechen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach 
den beiden ehemaligen Königreichen Sophene und Gordyene. Wenn 
Euagrios diese Teilung als eine vollendete Thatsache meldet, so ist dies 
ohne Zweifel ein schwerer Irrtum. Dass in den Friedensbedin- 
gungen eine solche ausgesprochen war, braucht nicht bezweifelt zu 
werden, allein sie blieb auf dem Papier. Denn da der Friede nach 
Zonaras und Zosimos von Philippus in echtrömischer Weise nicht ge- 
halten wurde, so ist es selbstverständlich, dass sich auch Säpür, sobald 
er die Macht hatte, nicht mehr an etwaige einschränkende Bedingungen 
desselben gebunden erachtete. Wir finden daher keinen bestimmten 
Anhaltspunkt für die Annahme, dass das fragliche Kleinarmenien von 
Gallus bis auf Galerius je im unbestrittenen Besitze der Römer ge- 
wesen wäre. Später griff? man indessen wieder auf den Vertrag des 
Philippus zurück: Galerius sanktionierte das römische Kleinarmenien, 
hielt aber an der römischen Lehnshoheit über das wiederhergestellte 
Königreich Armenien fest. Umgekehrt wird sich Sapür II. den. Römern 
gegenüber auf den alten unausgeführten Vertrag berufen haben, aber 
erst unter dem frommen Theodosius wurde die Teilung wirklich durch- 
geführt. 

1) Malal. XII p. 312, 17—19: καὶ ἀπέσπασε χώρας ἔκ τῶν Περσαρ- 
μενίων καὶ ἐποίησεν ὑπὸ Ῥωμαίους. ἦν τινα ἐκάλεσε πρώτην καὶ δευτέ- 
ραν ’Apusviov Ῥωμαίων (Maxentios ἃ. 1. Galerius Maximianus). 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 221 


Kappadokien abgetrennt und zu einer eigenen Provinz erhoben 
worden war, die unter Theodosius I. (zwischen 378 und 386) in 
zwei Provinzen Armenia I und Armenia II zerlest wurde!). Der 
Prätendent Volagases aber, der sich an die Spitze des Aufstandes 
der Armenier gestellt hatte, ist gewiss kein anderer als der im 
nächsten ursinischen Exzerpt genannte Volagases, welcher die Alanen, 
die nach der Verwüstung von Albanien und Medien (Atropatene) 
in Armenien eingefallen waren (134 oder 135 n. Chr.), durch 
Geschenke zur Umkehr bewog?) und in welchem schon Gutschmid 
(Gesch. Irans S. 147) einen König von Armenien erkannte. Er 
wird von Hadrian bei der Räumung der drei Provinzen als König 
von Armenien anerkannt worden sein, worauf auch die Notiz des 
Biographen (c. 21) hinweist: Armeniis regem habere permisit, cum 
sub Traiano legatum habuissent, während sein bisheriges Fürstentum 
von Grossarmenien getrennt blieb. Vielleicht ward es zunächst 
wie im Jahre 54 als eigenes Lehnsfürstentum einem ergebenen 
Dynasten übertragen und erst bei der Erhebung des Sohaimos 
auf den Thron von Grossarmenien unter Pius zu Kappadokien 
geschlagen. 

Daraus ergibt sich ohne weiteres, dass der in Urs. 77 er- 
wähnte Vater des Volagases, ΖΣανατρούχης, identisch ist mit dem 
von Suidas genannten König Σιανατρούκης von Armenien, woraus 
von selbst folgt, dass der Artikel des Suidas aus Arrians Παρϑικά 
stammt. So jetzt auch Boissevain in seiner Ausgabe des Kassios 
Dion vol. III, p. 218/19 ann. Hätte man nicht das ursinische 
Exzerpt 77 fälschlich in die Zeit des Septimius Severus hinab- 
gerückt, das dann den König ΣΙανατρούκης nach sich zog, so hätte 
man jenen Schluss ohne Zweifel schon wegen des ξύμμετρον bei 
Suidas längst gezogen. Arrian hatte den König Sanatruk von 
Armenien also in der Vorgeschichte des Partherkrieges Trajans. 
erwähnt, in welcher er die Geschichte Armeniens seit der Krönung 
des Tiridates und der endgiltigen Regelung des staatsrechtlichen 
Verhältnisses des Königreichs Armenien durch Nero (66 n. Chr.). 
bis zum Ausbruche des Konflikts unter Trajan dargestellt haben 
muss®). Ob Sanatruk als unmittelbarer Vorgänger des Axidares, 


») Vgl. Kuhn, Die städtische und bürgerliche Verfassung des. 
röm. Reiches II 211. 243, zitiert von Güterbock, Römisch-Armenien 
und die römischen Satrapien im IV. bis VI. Jahrh. S. 23. 


3) Kass. Dion 69, 15, 1 vol. III 235 Boissevain. 


ὃ Die Παρϑικά Arrian’s waren keine Geschichte der Parther, 
sondern der Kriege der Römer gegen die Parther (vgl. Περσικά — 
Perserkriege), und zwar können auch die früheren Partherkriege nicht 
sehr eingehend behandelt gewesen sein, da jedenfalls im achten Buche 
bereits vom Feldzuge Trajan’s die Rede war (fr. 5), also der Erzählung 
desselben mindestens 10 von den 17 Büchern des Werkes gewidmet 
waren. Im zweiten Buche begann die Geschichte des Feldzuges des 
Crassus (fr. 2), im vierten stand der Erzähler noch bei der Belagerung- 
von Gazaka durch Antonius (fr. 3). i 


339 J. Marquart, 


eines Sohnes des Partherkönigs Pakoros II. (112 n. Chr.)t) zu be- 
trachten ist, lässt sich nicht ausmachen, ist aber wahrscheinlich. 
Auf alle Fälle wird jetzt klar, dass das Königreich Armenien seit 
Nero keineswegs eine eigentliche Sekundogenitur einer arsakidischen 
Nebenlinie in dem Sinne bildete, dass sich dasselbe einfach in 
der Linie des Tiridates vererbte — denn sonst hätte auf Sanatrukes 
unmittelbar sein Sohn Volagases und nicht ein Sohn des Parther- 
königs Pakoros folgen müssen —, sondern dass der römischen 
Regierung bei jedem Thronwechsel in Armenien vom König der 
Könige ein oder mehrere geeignete Kandidaten aus dem Arsakiden- 
hause präsentiert werden mussten. 


Dasselbe war auch schon aus einer Bemerkung Fronto’s über 
die ähnliche Lage unter L. Verus zu entnehmen. In einem Schreiben 
an den Kaiser, in welchem Fronto dessen Briefe kritisiert, wo aber 
infolge zahlreicher unlesbarer Stellen der Zusammenhang unklar 
ist, scheint er davon gesprochen zu haben, dass man gegen die 
Regierung der beiden Kaiser verschiedene Vorwürfe erhob. Darauf 
fährt er nach einer Lücke fort: Vel quod Sohaemo potius quam 
Vologaeso regnum Armeniae dedisset; aut quod Pacorum regno 
privasset: nonne oratione huius modi explicarent??) Zwischen 
140 und 144 hatte Antoninus Pius den Armeniern einen König 
gegeben). Dies ist wahrscheinlich der Sohaimos, der im Jahre 
164 von einem gewissen Thukydides nach Armenien zurückgeführt 
wurde, also schon vor dem Kriege einmal König von Grossarmenien 
gewesen wart). Derselbe war jedenfalls nur von mütterlicher 
Seite arsakidischer Abkunft, während er väterlicherseits wahr- 
scheinlich der Familie der ehemaligen Dynasten von Hemesa 
angehörte?). Wodurch er sich bei Antoninus in so hohe Gunst 


1) Arrian Parth. fr. 16. Kass. Dion 68, 17, 3 (Exc. Ursin. 51). 
3) Fronto, Ad Verum imperatorem p. 179 ed. A. Mai. 


®) Eckhel, Doctr. numm. VII 15 — Cohen II nr. 758: rex. Armen. 
datus. Vgl. Napp, De rebus imp. M. Aurelio Antonino in ÖOriente 
gentis. Diss. Bonn 1879 p. 10 n.1. Gutschmid, Gesch. Irans 8. 147. 
Mommsen, R.G. V 403/4 A.1. 


4) Suid. s. v. Μάρτιος (unten $. 225 Anm. 1): Ὅτι Μάρτιος Βῆρος 
τὸν Θουκυδίδην ἐκπέμπει καταγαγεῖν Σόαιμον εἰς Apueviev. Tamblichos 
bei Phot. bibl. eod. 94 (unten $. 225 A. 4): εἶτα καὶ βασιλεὺς πάλιν τῆς 
weyding Aouevias. Vgl. Napp 1. 1. 24. Eckhell.l. 

5) Jamblichos nennt ihn ὃ ’Ayaıusvidns ὃ ‘Agoanidns, ὃς βασιλεύς 
ἦν ἐκ πατέρων βασιλέων. Achaimenidische Abkunft in direkter Linie 
konnte er selbstverständlich nicht für sich in Anspruch nehmen, der 
Name wird nichts weiter besagen, als dass seine Vorfahren mit den 
Königen von Kommagene, in deren Adern ja achaimenidisches Blut 
rollte, verschwägert gewesen waren. Er kann aber auch kein echter 
Arsakide gewesen sein, wie sein nabatäisch-arabischer Name zeigt. 
‚Dieser weist vielmehr auf das ehemalige Fürstenhaus von Hemesa, das 
bald nach 72 n. Chr. entthront worden ist und in welchem die Namen 
Σαμψιγέραμος (Samesyoramı), Tamblichos (Jamliku) und Sohaimos (arab. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 225 


zu setzen verstanden hatte, wissen wir nicht; vielleicht geht aber 
seine Einsetzung auf Anordnungen Hadrians zurück. Man kann 
vermuten, dass dieser, eine Massregel Nero’s wieder aufnehmend !), 
bei der Wiederherstellung des arsakidischen Königreichs Gross- 
armenien Sophene und Gordyene bleibend von demselben losriss 
und einem Nachkommen des Königs Sohaimos von Hemesa, der 
eine Zeit lang (54 bis spätestens 66) König von Sophene gewesen 
war, als lehnspflichtiges Fürstentum übertrug. So würde sich am 
einfachsten erklären, dass jene Landschaften unter Pius dem Statt- 
halter von Kappadokien unterstanden: sie wären bei der Erhebung 
des bisherigen Dynasten Sohaimos auf den Thron von Grossarmenien 
in unmittelbare römische Verwaltung genommen worden. Wenn 
das ursinische Fragment Nr. 55 gleich dem folgenden Nr. 56°) 
unter Pius gehört?), so wird es auch etwas verständlicher, wes- 
halb dieser bei der Neubesetzung des armenischen Thrones von 


ο-. 2 


μ. 5535) abwechselten (8. Joach. Marquardt, Röm. Staatsverwaltung I? 


403 ἢ). Sohaimos war im J. 54 n. Chr. seinem Bruder Azizos als Dynast 
von Hemesa gefolgt und ward noch im nämlichen Jahre von Nero mit 
dem wiederhergestellten Königreiche Sophene belehnt (Jos. ἀρχ. 20, 158. 
Tac. ann. 13,7). Dies war eine gegen Parthien gerichtete Kampf- 
massregel, die natürlich spätestens beim Friedensschlusse mit VolagasesI. 
und der Krönung des Tiridates (66) wieder eingezogen wurde. In der 
That finden wir Sohaimos schon im jüdischen Kriege nur noch als 
König von Hemesa; vgl. Jos. b. Jud. II 481. 483. 500. Vita 52. Tae. 
hist. 5, 1. Jos. b. Jud. III 68 a. 67. Tac. hist. 2,81 a. 69. Jos. b. Jud. 
VII 226 8. 72. An all diesen Stellen heisst er einfach Σόαιμος oder 
Σόαιμος ὁ βασιλεύς, nur Vita 52 wird er τοῦ περὶ τὸν Aißavov τετραρ- 
χοῦντος und b. Jud. VII 226 τῆς ᾿Εμέσης καλουμένης βασιλεύς genannt. 
Auf einer Inschrift aus Ba‘albek heisst er: regi magno C. Iulio Sohaemo 
regis magni Samsigerami f. (Lidzbarski, Ephem. der sem. Epigraphik 
II 87). Vgl. auch Krenkel, Iosephos und Lukas 8.91. In Hemesa war 
der Name Sohaimos noch in weit späterer Zeit gebräuchlich, wie Iulia 
Soaemias (andere Formen des Namens findet man zusammengestellt bei 
Boissevain zu Kass. Dion 79 (78), 30, 2 vol. III p. 437), die Tochter 
der Julia Maesa beweist, deren Familie einen erblichen Anspruch auf 
das Priestertum des dortigen Sonnengottes besass. Diese Würde 
bekleidete auch der Sohn der Soaemias, Varius Avitus Bassianus. 
S. Schiller, Gesch. der röm. Kaiserzeit I 760. Vielleicht stammte 
auch Tamblichos, der kein Babylonier, wie Photios aus ee 
angibt, sondern ein Syrer war (vgl. Mommsen, R. G. V 453 A. 1), 
aus Hemesa, wo der nabatäische Name J amliku heimisch war. In 
Armenien hat der Name Sohaimos nicht die geringste Spur hinterlassen. 


ἡ 8. 222 Anm. 5. 


2) Kass. Dion 70,2 (69, 15, 3) vol. ΠῚ 244 ed. Boissevain — Exec. 
Ursin. 56: ὅτι Φαρασμάνῃ τῷ Ἴβηρι ἐς τὴν Ῥώμην μετὰ τῆς γυναικὸς 
ἐλϑόντι τήν τε ἀρχὴν ἐπηύξησε καὶ ϑῦσαι ἐν τῷ Καπιτωλίῳ ,ἐφῆκεν, ἀν- 
δριάντα τὲ ἐπὶ ἵππου ἐν τῷ ᾿Ενυείῳ ἔστησε, καὶ γυμνασίαν αὐτοῦ TE 
καὶ τοῦ υἱέος τῶν τε ἄλλων πρώτων ᾿Ιβήρων ἐν ὅπλοις εἶδεν. Vgl. 
Capitol. v. Pii 9,6. Mommsen, R. G. V 404 Α. 4. 


ὅ Dies vermutet 2 in seiner Ausgabe des Kassios Dion 
III 235 ann. 


224 J. Marquart, 


der Familie des Sanatruk und sogar von der arsakidischen Dynastie 
abgieng. Ein König Volagases, wahrscheinlich der von Armenien, 
liess durch Gesandte in Rom verschiedene Beschwerden gegen den 
Ibererkönig Pharasmanes vorbringen!), worauf dieser wahrschein- 
lich zur Verantwortung nach Rom vorgeladen wurde. Als er aber 
hier eintraf, wusste er den Kaiser durch reiche Geschenke ganz 
für sich einzunehmen, so dass ihn dieser auffallend auszeichnete 
und sogar mit einer Gebietsvergrösserung bedachte?). 


Diese auffällige Begünstigung des Iberers und Brüskierung 
des Armeniers muss einen Grund gehabt haben und beweist jeden- 
falls, dass dieser beim Kaiser nicht in Gunst stand. Es ist aber 
begreiflich genug, dass die Verstümmelung von Grossarmenien 
bei den Parthern und Armeniern schon unter Hadrian böses Blut 
gemacht hatte). Noch mehr aber musste die förmliche Einführung 
der römischen Verwaltung in Südarmenien und die Beiseiteschiebung 
der Arsakiden in Grossarmenien den König der Könige reizen. 
Pius scheint von der Auffassung ausgegangen zu sein, dass er als 
Lehnsherr bei der Besetzung des armenischen Thrones nicht einmal 
an den arsakidischen Mannesstamm gebunden sei. Bereits damals 
drohte wohl der Partherkönig in Armenien einzufallen und dies 
Reich dem römischen Einflusse zu entreissen, wovon ihn Pius 
durch Briefe abhielt®). Später aber kam es in der That zu Miss- 
helligkeiten mit dem König Volagases III. (148—191), die indessen 
durch eine persönliche Zusammenkunft der beiden Herrscher am 
Euphrat beigelegt wurden (um 154)5). In den letzten Jahren 
des Pius drohte abermals ein Krieg mit den Parthern. Damals 
muss der römische Schützling Sohaimos von den Armeniern ver- 


1) Kass. Dion 69, 15, 2 = Exec. Ursin. 55. 
2) 5. 223 Anm. 2. 
ὃ Vita Hadr. 12, 8. 


1) Capitol. v. Pii 9,6: Parthorum regem ab Armeniorum expug- 
natione solis litteris reppulit. Diese Notiz gehört wohl ebenso wie die 
beiden vorangehenden (Ankunft des Pharasmanes in Rom und Einsetzung 
des Pakoros als König der Lazen) in die ersten Regierungsjahre des 
Kaisers. Die folgende: Abgarum regem ex orientis partibus sola aucto- 
ritate deduxit muss irrig aus der Regierung Hadrians hierher gestellt 
worden sein. Es kann nur der edessenische König Ma‘nü VII bar Izat 

emeint sein, der nach v. Gutschmid 123—139 regierte und dem 

arther Parnathaspat (Parthamaspates) folgte, dessen Zwischenregierung 
die einheimische Dynastie unterbrochen hatte. Der Name Abgarus 
war bei den Griechen und Römern gewissermassen Dynastiename ge- 
worden, wie Arsakes und später Chosroes. Vgl. A. v. Gutschmid, 
Untersuchungen über die Geschichte des Königreichs Osroene S. 28. 
Babelon, Melanges numismatiques II nr. 4. 

5) Aristid. orat. sacra I p. 453. 454 ed. Dindorf. Vgl. Borghesi, 
Oeuvres V 373ss. Waddington, Memoire sur la chronologie de la 
vie du rheteur Aelius Aristide. Mem. de l’Acad. des Inscript. et belles- 
lettres t. XXVI, 1867, p. 260ss. Napp, !. 1. p. 12 ss. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 225 


trieben!) und der Arsakide Pakoros mit parthischer Hilfe zum 
König erhoben worden sein?). Dies war allerdings eine Störung 
des Friedens, doch zögerte der betagte Kaiser den Krieg zu er- 
öffnen und hinterliess ihn seinen Nachfolgern. Übrigens scheint 


1) Aus der Inschrift Corp. regn. Neap. ἢ. 4934: L. Neratio C. ἢ. 
Vol. Proculo .... item misso ab imp. Antonino Aug. Pio ad dfeldu-. 
cen[djas vex[illlationes in Syriam ob [bJell(um) [Parjthicum geht hervor, 
dass man schon mehrere Jahre vor Pius’ Tode einen Krieg mit den 
Parthern erwartete. Vgl. Borghesi, Oeuvres V 373. Napp, Ι. 1. 


p. 12 5. — 
Photios bibl. cod. 94 teilt aus dem Romane des Iamblichos mit: 
λέγει δὲ καὶ ἑαυτὸν Βαβυλώνιον εἶναι ὃ συγγραφεὺς... καὶ ἀκμάξειν 


ἐπὶ Σοαίμου τοῦ ᾿Δχαιμενίδου τοῦ ᾿Αρσακίδου, ὃς βασιλεὺς ἦν ἐκ πατέρων 
βασιλέων. γέγονε δὲ ὅμως καὶ τῆς συγκλήτου βουλῆς τῆς ἐν Ρώμῃ καὶ 
ὕπατος δέ, εἶτα καὶ βασιλεὺς πάλιν τῆς μεγάλης Apusviag' ἐπὶ τούτου 
γοῦν ἀκμάσαι φησὶν ἑαυτόν: Ῥωμαίων δὲ διαλαμβάνει βασιλεύειν Avro- 
γνῖνον" καὶ ὅτε ᾿ἀντωνῖνος, φησίν, Οὐῆρον τὸν αὐτοκράτορα καὶ ἀδελφὸν 
καὶ κηδεστὴν ἔπεμψε Βολογαίσῳ τῷ ΠὨαρϑυαίῳ πολεμήσοντα, ὡς αὐτός 
τε προείποι καὶ τὸν πόλεμον, ὅτι γενήσεται, καὶ ὕποι τελευτήσοι" καὶ 
ὅτι Βολόγαισος μὲν ὑπὲρ τὸν Εὐφράτην καὶ Τίγριν ἔφυγεν, ἡ δὲ Παρϑυ- 
αίων γῆ Ῥωμαίοις ὑπήκοος κατέστη. 

Der Romanschriftsteller Iamblichos sagte also von sich selbst, dass 
er blühe unter König Sohaimos, und zwar als derselbe abermals (πάλιν) 
König von Grossarmenien geworden war. Gleichzeitig herrschte in 
Rom der Kaiser Antoninus ἃ. i. Marcus Aurelius. Dies kann nur be- 
deuten, dass sich Iamblichos zur Zeit der Abfassung seines Romans 
am Hofe des Sohaimos in Nor K‘alak‘ befand (so Mommsen, R. G. 
V 407 A. 2). Er hatte dann auch den Partherkrieg des L. Verus er- 
wähnt und dabei hervorgehoben, dass er denselben sowie seinen Aus- 
gang voraus gesagt habe. Diese Prophezeiung hatte aber nur einen 
Sinn, wenn sie unter Pius geschah, da der Krieg ja schon im Anfang 
der Regierung des Marcus ausbrach. Es ist also in dem Satze καὶ 
ὅτε ᾿Αντωνῖνος κτλ. für ὅτε zu schreiben ὅτι, das von ὡς αὐτός τε προ- 
είποι und καὶ ὅτι Βολόγαισος... ἔφυγεν aufgenommen wird. Damit 
entfällt der Unsinn, den der überlieferte Ταχύ einschliesst, dass Iamblichos 
den Ausbruch des Krieges (ὅτι γενήσεται) vorausgesagt habe, als An- 
toninus den L. Verus zum Kriege gegen Volagases entsandt habe. 

Man wird sich also zu denken haben, dass sich Iamblichos zur 
Zeit, als er jene Prophezeiung verkündigte, in Rom aufhielt und sich 
durch dieselbe dem dorthin geflohenen Exkönig Sohaimos, dessen Lands- 
mann er vielleicht war (oben S. 223 A.), empfahl, da sie ihm ja seine 
Wiedereinsetzung in Aussicht stellte. Diese war aber keineswegs selbst- 
verständlich, da man nicht wissen konnte, ob die Nachfolger des Pius 
sich mit seiner Politik identifizieren würden, zumal das Anrecht des 
Sohaimos auf den armenischen Thron auf sehr schwachen Füssen stand. 
Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt die Notiz des Capitolinus (vita 
Pii 12, 7) erst ihre wirkliche Bedeutung: alienatus in febri nihil aliud 
quam de rep. et de is regibus, quibus irascebatur, loquutus est. Als 
die Dinge dann die gewünschte Wendung nahmen, wird Iamblichos 
seinen Gönner nach Armenien begleitet haben. 

2?) Als solcher erscheint er während des Krieges bei Asinius Qua- 
dratus, Parthika fr. 6 bei Steph. Byz. (aus dem dritten Buche): 'Xrnvn, 
μοῖρα Aousvias. Κουάδρατος ἐν Παρϑικῶν τρίτῳ: ὁ δὲ τῆς Agueviag 
βασιλεὺς Πάκορος ἐν τούτῳ περὶ ᾿Αρτάξατα καὶ τὴν ᾿ῶτηνὴν τῆς Aoueviag 
(d.h. wahrscheinlich in der Winterresidenz Chatchat in Uti) διάγων. 


Philologus Supplementband X, Erstes Heft, 15 


9926 J. Margquart, 


Pakoros keinen Versuch gemacht zu haben sich der römischen 
Lehnshoheit zu entziehen), und auch der Partherkönig Volagases III. 
sich einstweilen der Einmischung in die inneren Verhältnisse 
Armeniens enthalten zu haben. Der vertriebene König Sohaimos 
wandte sich nach Rom um Klage zu führen, ward aber auf später 
vertröstet und inzwischen für den Verlust seines Thrones durch 
Aufnahme in den Senat und das Konsulat entschädigt. 

Nach dem Tode des Pius brach der Krieg mit den Parthern 
und Armeniern sofort aus. Nach der Eroberung von Armenien 
und der Einnahme von Artaxata erhielt ein gewisser Thukydides 
von Martius Verus den Auftrag, den Sohaimos als König nach 
Armenien zurückzuführen (164). Ein Aufstandsversuch wurde von 
Martius Verus selbst durch Überredung und kräftiges Auftreten 
gedämpft und an Stelle des zerstörten Artaxata der von Volagases 
gegründete Flecken Wa4arsapat, wo eine von Statius Priscus 
zurückgelassene armenische Besatzung lag, unter dem Namen 
Καινὴ πόλις (arm. Nor k‘alak‘) zur neuen Hauptstadt des Landes 
erklärt?). Der König Pakoros ward nebst seinem Bruder Meor- 
ϑάτης (*Mehrdat) nach Rom gebracht, wo beide später Klienten 
des Kaisers M. Aurelius wurden?), Allein ausser Sohaimos und 
Pakoros war noch ein anderer Prätendent da, Vologaesus, der An- 
sprüche auf die armenische Krone erhob und als Arsakide jeden- 
falls nähere Anrechte auf dieselbe hatte als Sohaimos, mag er 
nun der parthischen Linie angehört haben oder Nachkomme eines 


1) Dies würde seine spätere milde Behandlung erklären; 5. Anm. 3. 


2) Suid. 5. v. Μάρτιος p. 69 ed. Bekker — Kass. Dion 71, 1, 3 
vol. III 247/8 Boissevain: ὅτι Μάρτιος Βῆρος τὸν Θουκυδίδην ἐκ- 
πέμπει, καταγαγεῖν Σόαιμον εἰς ᾿Δρμενίαν: ὃς δέει τῶν ὅπλων καὶ τῇ 
οἰκείᾳ περὶ πάντα τὰ προσπίπτοντα εὐβουλίᾳ τοῦ πρόσω εἴχετο ἐρρωμένως" 
ἦν δὲ ἱκανὸς ὁ Μάρτιος οὐ μόνον ὕπλοις βιάσασϑαι τοὺς ἀντιπολέμους.... 
ἀλλὰ καὶ λόγῳ πιϑανῷ πεῖσαι καὶ δωρεαῖς μεγαλόφροσιν οἰκειώσασθαι 
καὶ ἐλπίδι ἀγαϑῇ δελεάσαι" .. . ἀφικόμενος οὖν εἰς τὴν καινὴν πόλιν, 
ἣν φρουρὰ Ρωμαίων κατεῖχεν ἐκ ΤΠΙρίσκου καταστᾶσα, νεωτερίξειν πει- 
ρωμένους λόγῳ τε καὶ ἔργῳ σωφρονίσας, ἀπέφηνε πρώτην εἶναι τῆς 
Aouevies. Vgl. Napp 1.1. p. 67.24. Καινὴ πόλις -- Nor k‘alak‘ nach 
Kiepert bei Mommsen, R. G. V 407 A. 1. Der ältere Name 
Watarsapat, älter * Walayasapät „Anlage des Watars“ geht auf den 
König Volagases zurück. 


®) Pakoros liess seinem in Rom verstorbenen Bruder folgende 
Grabschrift setzen (C. I. G. 6559 — Insceriptiones Graecae Siciliae et 
Italiae ed. Kaibel nr. 1472): 

Θ. Κ. Αὐρήλιος Πάκορος βασιλεὺς μεγάλης ᾿Δρμενίας ἠγόρακα σαρ- 
κοφάγο(ν) Αὐρ(ηλίῳ) Μερνϑάτι ἀδελφῷ γλυκυτάτῳ ξήσαντι σὺν ἐμοὶ ἔτη 
v5’ μῆ(νας) β΄. er Name Aurelius beweist jedenfalls, wie schon 

iebuhr und Mai erkannt haben, dass die beiden Brüder unter 
M. Aurelius nach Rom gekommen und dort Klienten des Kaisers und 
römische Bürger geworden sind. Es kann daher trotz des Widerspruches 
Mommsen’s (R. G. V 403/4 A. 1) nicht zweifelhaft sein, dass dieser 
ehemalige König von Grossarmenien Pakoros mit dem von L. Verus 
abgesetzten identisch ist. Vgl. Napp 1.1. 25. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 227 


Königs von Armenien gewesen sein!). Es wird daher genug Leute 
in Rom gegeben haben, die nicht einsehen wollten, weshalb So- 
haimos den Vorzug vor den beiden anderen Prätendenten ver- 
diene, so dass seinetwegen ein langwieriger Krieg geführt wurde, 
und die Absetzung des Pakoros tadelten. Diese, meint Fronto, 
würden durch eine Rede im Stile der Briefe des Verus zur Ein- 
sicht kommen. 

Der armenische König, mit welchem Septimius Severus zu 
thun hatte?) und der, welcher von Caracalla um 213 verräteri- 
scher Weise samt seiner Familie gefangen genommen wurde?), 
wird uns mit Namen nicht genannt. Letzterem folgte allerdings 
im Jahre 218 sein Sohn Tiridates II.*); allein es ist an sich nicht 
unmöglich, dass Chosrow I., der Vater des Trdat, ein Bruder des 
letzten Partherkönigs Artabanos V., also ein Sohn Volagases’ IV, 
war, wie das griechische Fragment vor dem griechischen Agathan- 
gelos andeutet), wiewohl das Wort ἀδελφός hier vielleicht nicht 
im strikten Sinne als Bruder, sondern als Blutsverwandter aufzu- 
fassen ist. Eine eigene arsakidische Dynastie gab es also in Ar- 
menien erst seit der Wiedereinsetzung Trdats III. unter Diokletian. 

Es muss daher auch dahin gestellt bleiben, ob Sanatruk der 
Sohn eines armenischen oder eines parthischen Königs war, und 
das Nämliche gilt von Pakoros. Mit dem parthischen Prinzen 
und angeblichen König Sanatrukios, dem Sohne des Meherdotes 
und Vetter des Parthamaspates, welchen Malalas unter Berufung 
auf Arrian als Heerführer gegen Trajan auftreten und auf der 
Flucht getötet werden lässt®), hat der schon vor dem Ausbruche 


1) Vielleicht ist der gleichnamige Sohn und spätere Nachfolger 
des Partherkönigs Volagases III gemeint. An diesen selbst ist natürlich 
nicht zu denken. 


2uHe200. 3,1, 2. 9,1. 
3) Kass. Dion. 78 (77), 12, 2 vol. III 387 ed. Boissevain (Xiphilinos): 
#) Kass. Dion 79 (78), 27, 4 vol. III 435 ed. Boissevain. 


5) Agathangelus p. 8, 41ff. ed. Lagarde: τὰ δὲ συμβάντα ταῦτα 
ἀπηγγέλλετο Χοσρόῃ τῷ Agcanidn βασιλεύοντι τῆς μεγάλης Aouevias, 
ὡς τοῦ παιδὸς Σασάνου ᾿Αρτασίρα κρατήσαντος τῆς Περσῶν βασιλείας, 
ἀπολέσαντός τε Agraßdvnv τὸν αὐτοῦ ἀδελφόν. Darnach im griechischen 
Agathangelos p. 8, 51l—54: ἐπειδὴ οὖν μετὰ θάνατον τοῦ ᾿Αρταβάνου 
τοῦ ἀποκτανϑέντος ὑπὸ τοῦ ᾿ἀρτασίρου υἱοῦ Σασάνου κατέλαβεν ἡ ἀγγελία 
αὕτη πρὸς τὸν Κουσάρω βασιλέα ᾿Αρμενίας, ἀδελφὸν δὲ ᾿ἀρταβάνου, ὃς 
ἦν δεύτερος τῆς δεσποτείας Πάρϑων rk. Die Worte ἀδελφὸν δὲ ’Aora- 
βάνου fehlen im armenischen Texte. — Herodian nennt uns den König, 
der zur Zeit des Perserkrieges des Alexander Severus über Armenien 
herrschte, nicht. 


6) Malal. XI p. 273, 20—274, 19 (nach Arrian). 269, 11—275, 4 
(aus Domninos). Die Verteilung der Rollen ist natürlich das Werk 
des Malalas oder des Domninos. So macht er den Osroes zum König 
von Armenien, seinen Bruder Μεερδότης und nach dessen Tode seinen 
Sohn Sanatrukios zu Königen der Perser. Einen König Meerdotes 
(Mihrdät) hat es aber um diese Zeit nicht gegeben. Vgl. Warwick 


15* 


228 J. Marquart, 


des Krieges verstorbene König von Armenien selbstverständlich 
nichts zu thun!). 

Der Name scheint um diese Zeit nicht. selten gewesen zu 
sein. Man könnte vermuten, dass auch Sanatrüg, der Held von 
-Hatre?), in Wirklichkeit in die Zeit Trajans gehöre. Nach 
arabischer Sage war der Garamäer .,olJt d.i. Sanatrüg‘ der- 


jenige Fürst von Hatra, unter welchem Sapür I. die Festung 
einnahm und zerstörte). Allein diese Version steht offenbar unter 
dem Einfluss der syrischen Sage; denn die echt arabische Sage 
nannte den von Sapür überwältigten Fürsten vielmehr Daizan 
und machte ihn zu einem Araber vom Stamme Qodäa’a, d.h. zu . 
einem Südaraber, und dies stimmt durchaus zu den dürftigen 
historischen Notizen, die uns geblieben sind. Trajan scheiterte 
bei der Belagerung von Hatra (117 n. Chr.?), doch wird uns nicht 
überliefert, wer den Aufstand und die Verteidigung der Stadt 
leitete*). Allein der Wortlaut des dionischen Exzerptes scheint 
vorauszusetzen, dass die Stadt zum Gebiete des Mannos (Ma’nü), 
des Phylarchen von Arabien (B&# ‘Arsßäje, Arvastan) gehörte, 
der auch Singara besass). Βαρσήμιος oder Βαρσήνιος, welcher 
bei der vergeblichen Belagerung durch Septimius Severus Fürst 
von Hatra war‘), führt einen aramäischen Namen. Wer die Stadt 
gegen Ardasir verteidigte 7), ist nicht überliefert. Herodian lässt 
den Severus Mesopotamien und Adiabene durchziehen und das 
glückliche Arabien verwüsten, ehe er nach Hatra kommt®). Ihm 


Wroth, Catalogue of the coins of Parthia. London 1903, p. LIX 5. 
217—223. Pl. XXXII 6—23. Wenn daher die Legenden des Malalas 
überhaupt einen historischen Hintergrund haben, so ist nur festzuhalten, 
dass der Prinz Meherdotes und sein Sohn Sanatrukios in Mesopotamien 
parthische Heere geführt haben. 


ἢ Wie Boissevain für möglich hält. 


ὅ Nöldeke, Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik — 
SBWA. Bd. 128 Nr. 9, 1893 S. 41 und A. 3. Gesch. der Perser und 
Araber 8.35 A.1. 500. Tuch, Commentationes geographieae partieula I 
De Nino urbe animadversiones tres. Lipsiae 1845 p. 15. G. Hoff- 
mann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer $. 184 ff. 


ὅ Tab. I afv, 7ff. Mas‘üdi IV 81 Εἰ Letzterer sagt: „Diese 
Festung gehörte as Satirün b. as Sanatrün (lies BY λα für 5 Am), 
dem König der Syrer in einem zum Lande al Maugil gehörigen Gau 
(rustäg) namens Bägarmäü* (ed. u, lies 2,>L). 

*) Kass. Dion. 68, 31. Ammian. Marcell. 25, 8, 5. 

5) Kass. Dion 68, 31: μετὰ δὲ ταῦτα ἐς τὴν Aoaßiav ἦλϑε, καὶ τοῖς 
Argnvois, ἐπειδὴ καὶ αὐτοὶ ἀφειστήκεσαν, ἐπεχείσησε. Vgl. ec. 21,1. 22. 


6) Herodian. 3, 1, 8. 9, 1--ῦ; vgl. Kass. Dion 76 (75), 10---12. 
Ammian. Marcell. 25, 8, 5. 


”) Kass. Dion 80, 3, 2. 
‚. ὃ Herodian. 3, 9, 3: ὁ δὲ Σεουῆρος διαβὰς τὴν τῶν ποταμῶν 
μέσην γῆν τε καὶ ᾿Αδιαβηνῶν χώραν, ἐπέδραμε καὶ τὴν εὐδαίψονα ᾿Δραβίαν" 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 229 


ahmt Capitolinus nach, wenn er den Macrinus geschichtswidrig 
ebenso glücklich wie tapfer gegen die Parther, Armenier und 
gegen die Arabes Eudaemones kämpfen lässt!). Es ist mög- 
lich, dass Herodian einen Anachronismus begangen und Zustände, 
wie sie in seinem späteren Alter eingetreten waren, irrig in eine 
frühere Zeit verlegt hat?). Dem steht aber entgegen, dass er das 
Gebiet dieser jemenischen Araber mit dem eigentlichen Südarabien 
verwechselt, was sich am einfachsten erklärt, wenn er jene Notiz 
einer schriftlichen Quelle entnommen hat. Wie dem auch sei, 
soviel bleibt bestehen, dass es spätestens um 238 jemenische 
Stämme in der Gegend von Hatra gab. Eine gewisse Bestätigung 
dieses Ergebnisses darf man darin erblicken, dass es in der That 
noch Spuren gibt, wonach die historischen Erinnerungen der 
mesopotamischen Araber bis in die Zeit des Bürgerkrieges zwischen 
Artabanos V. und seinen Brüdern zurückreichten?). Wir dürfen 
daher annehmen, dass schon unter Ardasir jemenische Stämme 
(Qoda’a) in der Nähe von Hatra sassen und ein Araber Daizan 
derjenige Fürst war, unter welchem die Festung nach langer 
hartnäckiger Belagerung von Säpür I. endlich genommen und 
zerstört wurde. 

Dagegen wäre es sehr befremdlich, wenn man dieselbe nach 
ihrem letzten Fürsten „das Hatre des Riesen Sanatrü“*) genannt 
hätte. Viel natürlicher ist es doch, dass sie jenes Epitheton nach 
einem Fürsten erhielt, der sich siegreich gegen feindliche Über- 
macht behauptet hatte, allein an die Niederlage Trajans dürfen 
wir nach dem Obigen, so verlockend es auch wäre, nicht denken. 
Allerdings führten damals auch andere Phylarchen von Mesopotamien 
iranische Namen, so Σ:ποράκης von Anthemusia5) und Aoßdvdng — 
arm. Ervand, ein Sohn des Königs Abgar®), indessen kam solches 
wohl auch noch später vor. 

Ich vermute, dass Mani den Riesen Sanatrüg von Hatr& in 
seinem Buche der Riesen aufgeführt und Näheres über ihn erzählt 
hatte”). Er musste dann spätestens im zweiten Jahrhundert n. Chr. 


φέρει, γὰρ πόας εὐώδεις, αἷς ἀρώμασι καὶ ϑυμιάμασι χρώμεϑια, πολλὰς 
δὲ κώμας καὶ πόλεις πορϑήσας τήν τὲ χώραν λεηλατήσας, ἐλϑὼν ἐς τὴν 
᾿Δἀτρηνῶν χώραν, προσκαϑεζξζόμενος τὰς άτρας ἐπολιόρκει. 

1) Capitol. Macrin. 12, 6: Pugnavit tamen et contra Parthos et 
contra Armenios et contra Arabas, quos Eudaemonas vocant, non minus 
fortiter, quam felieiter. Vgl. dagegen Kass. Dion 79 (78), 27, 4. 
Herodian. 4, 15, 8—9. 

2) So Albr. Wirth, Quaestiones Severianae p. 27. 

8) Vgl. Tab. I νἧν, 168. Δ"), 168. Porto, 6, Nöldeke, Gesch. 
der Perser und Araber S. 22 und A. 2. 

#) Bar ‘Ali bei Gesenius, Handwörterbuch der hebr. Sprache 
S. XVII. G. Hoffmann, ἃ. ἃ. Ὁ... S. 186. 

5) Kass. Dion 68,21. Arrian Parth. bei Suid. s.v. πρὸ ἔργου. στόλος. 

6) Kass. Dion 68, 21, 2. 

?) Daran scheint auch Kessler, Mani $. 201 zu denken. 


990 J. Marquart, 


gelebt haben. Vielleicht geben uns die Ruinen der uigurischen 
Manichäerstadt Cinän$ kat (Ydykut-Sahry bei Turfan) noch einmal 
nähere Kunde über diese verschollene Sagenfigur. Da Garamaea in 
älterer Zeit zum Königreich Adiabene gehörte!), so ist ebenso gut 
möglich, dass der Garamäer Satirün (Sanatruk) dem alten Königs- 
geschlechte von Adiabene angehörte, als dass er, was sein Name ver- 
muten lässt, ein Arsakide war. Wahrscheinlich stammte das reiche 
christliche Adelshaus Jazden, das später in der Hauptstadt von 
Garamaea seinen Sitz hatte, von den alten Königen von Adiabene ab. 

Nimmt man dies alles zusammen, so erscheint es auch frag- 
lich, ob der armenische Übersetzer von III. Makk. 6, ὅ 3), der den 
Namen des Assyrerkönigs Zevvaynosiu des griechischen Textes 
durch Sanatruk wiedergab°), wirklich an den armenischen König 
dieses Namens und nicht vielmehr an den gefeierten Helden von 
Hatre dachte, das gegenüber von Beth Garme, also nicht weit 
von Assyrien lag. 

Es würde zu weit führen, hier auf die Verknüpfung des 
Königs Sanatruk mit den armenischen Thaddaeus- und Bartholomaeus- 
legenden ausführlich einzugehen. Von denjenigen Stellen bei Faustos 
von Byzanz, wo das Martyrium des Thaddaeus in Armenien voraus- 
gesetzt wird, ist natürlich abzusehen, da sie späterer Interpolation 
dringend verdächtig sind. Das Alter des „Martyriums des 
hl. Thaddaeus und der Jungfrau Sanducht‘“, das aller 
Wahrscheinlichkeit nach von Moses Chorenac‘i benutzt worden ist, 
lässt sich bis jetzt nicht genauer feststellen. Dem armenischen 
Übersetzer der Addailehre (Labubna) war es sicherlich noch nicht 
bekannt?), wie er denn überhaupt keine Kenntnis davon zeigt, 
dass Thaddaeus in Armenien gepredigt habe. Solche Legenden 
entstanden gewöhnlich bei der Auffindung und Translation von 
Reliquien. Die Auffindung der Reliquien des hl. Apostels Thaddaeus, 
der Sanducht und des hl. Gregors des Erleuchters fand nach Stephan 
Asotik II 2 p. 82 = p. 114 trad. Dulaurier unter dem Marzpan 
Wahan Mamikonean statt), d. h. nach 484/85 und vor 505/6, 


1) Vgl. Osteuropäische Streifzüge S. 291 A.: die Naphthaquelle 
bei Ekbatana in Adiabene d. i. wahrscheinlich die Naphthaquelle bei 
Bäbä Gurgur. Noch im 4. Jahrhundert gehörte Beth Garme zum 
Gebiete Artasirs, des Königs von Hoadaijaß. — S. auch Chwolson, 
Die Ssabier I 697—698. 

2) Σὺ τὸν ἀναριϑιμήτοις δυνάμεσι γαυρωϑέντα Σενναχηρεὶμ βαρὺν 
Acoveimv βασιλέα, δόρατι τὴν πᾶσαν ὑποχείριον ἤδη λαβόντα γῆν, ... 
ἔϑραυσας, ἔκδηλον δεικνὺς ἔϑνεσιν πολλοῖς τὸ σὸν κράτος. 

3) Vgl. J. Dashian, Zur Abgar-Sage. WZKM. IV 152. 

4, Vgl. A. Carriere, La legende d’Abgar dans l’histoire d’Ar- 
menie de Moise de Khoren — Centenaire de l’Ecole des langues 
orientales vivantes, Paris 1895 p. 377. 

5) Dulaurier p. 187 verweist hiefür auf, das armenische Meno- 
logium (Jaismavurk‘) zum 30. Mai, sowie auf C‘amt'ean II p. 583— 
587, die mir nicht zu Gebote stehen. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 231 


in welchem Jahre bereits sein Bruder Ward patrik Marzpan von 
Armenien wart). Auch Moses Chorenac'i II 34 erwähnt „gegen- 
wärtig (wwın περ νη die Entdeckung der Reliquien der beiden 
(des Thaddaeus und der Sanducht) und ihre Überführung nach 
Arapar* d.i. nach dem Felsplateau von ESmiacin, wo im VII. Jahr- 
hundert der Katholikos Nerses III. eine glänzende Kirche zu Ehren 
des hl. Grigor erbaute ?). Diese Angaben sind sicherlich in manchen 
Punkten ungenau, allein um die Mitte des VI. Jahrhunderts nahm 
die armenische Kirche apostolischen Ursprung für sich in An- 
spruch®), und der Katholikos Johannes II., der Vorgänger des 
Moses, bezeichnet in einem Schreiben an den Bischof Wrt’anes 
von Siunik‘ den hl. Grigorios als Nachfolger des hl. Thaddaeus 2). 
Damals muss die Legende also bereits bestanden haben. Der Gau 
Artaz verdankt die Ehre, das Grab des Apostels Thaddaeus zu 
besitzen, wohl nur einem gesuchten Namensanklang: nach einer 
weit verbreiteten Legende soll nämlich Judas Thaddaeus in Arados 
(Arwad) oder Berytos das Martyrium erlitten haben). Später 
war im Gau Artaz der Sitz des Bischofs der Amatunier (Thomas 
Arcruni III 29 S. 209). Sonst finde ich in der älteren armeni- 
schen Literatur nur bei Faustos von Byzanz eine „Ruhestätte der 
Apostel“ oder „Apostelgräber der Herrenjünger* erwähnt, die 
gleich dem Prophetengrabe Johannes des Täufers in AStiSat in 
Taraun gedacht sind (Faust. Byz. ΠῚ 3 5. 7; 14 S. 36), aber 
neben diesem gar keine Rolle spielen. Es könnte sich zudem hier 
nur um importierte Reliquien handeln, welche der Erleuchter 
zusammen mit denen des Martyrers Athanagines in Kappadokien 
erworben hätte®). Der König Sanatruk ist wohl nur deshalb zum 


. ἢ GYberp Bulday 5. 42. 47. 48. 
2) Vgl. Carriere 1.1. p. 408 n. 2. 


®) Joh. abbatis monasterii Bielariensis chronica a. I Justini imp. 
(bei Mommsen, Chron. min. II 211 — M. G. Auct. antiquiss. t. XI): 
Armeniorum gens et Hiberorum, qui a praedicatione apostolorum 
Christi susceperunt fidem, dum a Cosdroe Persarum imperatore ad cul- 
turas idolorum compellerentur, renuentes tam impiam iussionem Romanis 
se cum provinciis suis tradiderunt. 

Johannes von Biclaro berichtigt also in erwünschter Weise die 
ziemlich unklaren Angaben des Moses Katankatvac‘i II 48 5. 408 ft. 

2 Ybee Buldag 8.78. 

5) Mich. Syrus p. 92 — 147. 148 ed. Chabot; Salomon von Bacra, 
Book of the Bee p. 49, 2 = 106 (Anecd. Oxon. Sem. Ser. vol. I 2.) 
Vgl. Rich. A. Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 29. 
II 2, 155 ff. 163. 176. — Mos. Chor. II 52 5. 131 bringt Artaz mit dem 
Gau Ardoz im Lande der Össeten zusammen. 

6) Agathangelos S. 607/8 —= 71, 56ff. ed. Lagarde lässt den Grigor 
aus den Gegenden der Griechen einige Überreste von den Gebeinen 
Johannes des Täufers und des hl. Zeugen Athanagines mitbringen und 
auf Bagavan (in Bagrevand) und AStisat verteilen, weiss indessen nichts 
von Reliquien eines Apostels oder Jüngers. Uchtanes II 88 S. 66 er- 


2323 J. Marquart, 


Henker des Apostels Thaddaeus ausersehen worden, weil er der 
einzige armenische König älterer Zeit war, von dem sich noch 
einige Erinnerungen erhalten hatten. 


In die armenische Bartholomaeuslegende ist Sanatruk erst aus 
dem Martyrium des Thaddaeus eingedrungen. Das griechische 
μαρτύριον Βαρϑολομαίου, mit welchem die lateinische passio Bar- 
tholomaei übereinstimmt, lässt den Apostel nach Indien gehen, 
wo er den König Πολύμιος bekehrt, aber durch dessen älteren 
Bruder ’Aorenyns (Astriges, Astiarges etc.) hingerichtet wird. 
Spätere Texte, wie Ps. Epiphanios, Ps. Dorotheos, Ps. Sophronios 
und Ps. Hippolyt, behalten zwar die Predigt des Apostels im 
„glücklichen“ Indien (Ἰνδοῖς τοῖς καλουμένοις εὐδαίμοσιν) bei, 
verlegen aber seinen Tod nach Οὐρβανόπολις, ᾿Δρβανόπολις oder 
᾿Αλβανόπολις (ἐν τῇ ᾿Αλβανῷ πόλει, ἐν ᾿Δλβανίᾳ πόλει) in Gross- 
armenien!). Dagegen ist der König Astriges im lateinischen 
Breviarium apostolorum und den von ihm abhängigen Texten als 
Mörder des Apostels mit übernommen?). Bei den Syrern heisst 


er „10009, „1AM0IO, „A900 ὅ), AIG‘), „Avaragathi“ 


d.i. wohl 30/°), Varianten die auf 9 —= *Puotiyng 


zu weisen scheinen. Allein wenn der König Polymios dem Säta- 
wähanakönig Pulumäj? entspricht, welchen Ptolemaios VII, 1, 82 
unter dem Namen “Σιροπτολεμαῖος (Siri Pulumäji) als Herrscher 
von Paithan kennt (Ernst Kuhn), so muss natürlich auch sein 
älterer Bruder Astriges in Indien gesucht werden, und zwar ist 
das glückliche Indien — Dakginaäpatha, Dekkhan, wie ’Aooßie ἡ 
εὐδαίμων — al Jaman „der Süden*, eig. die rechte ἃ. 1. die 
glückliche Seite. 


Die Stätte des Martyriums, die überall nach Grossarmenien 
gesetzt wird, heisst in syrischen Texten gasıS5/, SPa1>jo/, 


Pa1>05/ 6), „Arvoin“”), im armenischen Martyrium Nepebwtnu 


wähnt beim Amtsantritt des Katholikos Abraham unter den Kleinodien 
der Patriarchalkirche von Dvin „die Reliquien der hl. Apostel, welche 
der hl. Grigor aus Rom gebracht hatte, die ihm vom frommen Kostan- 
dianos geschenkt worden waren“. 

1) Vgl. Lipsius 8. ἃ. Ὁ. II 2, 65 ff. 58—62. 

3) Vgl. Lipsius a. a. Ὁ. I 147. 210. II 2, 50 Ar Sr 
104 Α. 1. 


®) So die drei Hss. des Salomon von Βδρῖᾶ, Book of the Bee 
p- 0, 18. 

#) Mich. Syr. p. 02, 35 — 148. 

5) Cod. Syr. Barberini 101 saec. XII bei Moesinger, Acta Bar- 
tholomaei p. 63, zitiert von Lipsius a.a. O. II 2, 104 A. 2. 

6) Payne-Smith, Thes. Syr. 

”) Als zweite Tradition mitgeteilt im cod. Syr. 101 der Barberini- 
schen Bibliothek; s. Anm. 5. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 233 


Urbianos!), in dem aus dem 9. Jahrhundert stammenden Briefe 
des Moses Chor. an Sahak Arcruni fJeppestnu Urbanos?), bei 
Mos. Chor. II 34 5.112 U, pFewtnu Arebanos (v. Ἰ 1. phrgusmu 
Arevbanos). Dies beweist, dass hier überall griechische Quellen 
zu Grunde liegen. Salomon von Bacra, der cod. Barberini 101 
und Michael der Grosse lassen den PBartholomaeus in Inner- 
Armenien?) predigen, wo er nach 30jähriger*) Thätigkeit von 
Hürasti, dem König von Armenien gekreuzist und in der von 
ihm erbauten Kirche bestattet wird. Ein Ort wird hier also nicht 
genannt. Allein nach Stephan Asofik I 5 5. 46 = 39 erleidet 
Bartholomaeus das Martyrium „bei uns in der Stadt (),pwgfrt 
Arabion“>), und dies ist augenscheinlich derselbe Name und wohl 
auch derselbe Ort wie das castellum Arabvonis der Acta 
Archelai et Manetis, wohin Mani, nachdem er aus dem persischen 
Gefängnis entkommen, geflohen war®) und wo er nachher hin- 
gerichtet wurde. Nach seiner Niederlage in der Disputation mit 
Archelaus in Charchar will die erregte Volksmenge den Mani an 
die Barbaren ausliefern, qui erant vicini ultra Strangam fluvium. 
Hierauf kehrt Mani auf demselben Wege, auf dem er gekommen, 
zurück und begibt sich nach Überschreitung des Flusses Stranga 
wieder ad Arabionis castellum (p. 195, 10). Mit dem Flusse 
Stranga, der als Grenzfluss zwischen Persien und Rom gilt (p. 41), 
ist offenbar der Tigris gemeint. Der Name ist aus dem Alexander- 
roman (2, 14.15) bezogen”), wo er aber den ’Aod&ng (Curt. 5, 4,7. 
5, 9, 2. 8 etc.), den heutigen Bänd-i Amir bezeichnet, welchen 
Alexander auf dem Marsche von Susa nach der Persis überschreiten 
musste®). Damit sind für Arabion-Urbanopolis bezw. castellum 


1) Vitae et martyria sanctorum, Venedig 1874, 1 5. 208. Vgl. 
Lipsius II 2, 58. 


2) Werke des Moses Chor., Venedig 1865, S. 295. — Der Ver- 
fasser verheisst S. 284 den Bagratuniern, sie würden Könige werden 
in Dvin. 

3) Michael sagt einfach „Armenien“, Salomon fügt dazu noch 
Ardastr (0x. ταῖς 1), Qgtarböl (Ox. δία. εἰ), „DP (σ.1. αϑ, 0) 
— Down?) und 00, Prüharmäan (Ox. 

Ὁ Mich. Syr. „dreijähriger*. N. 

R Vgl. dazu Tab. I Mn, 5: Wo) He Ralel  Laki 059} 
: ji 2 

6) Acta disputationis Archelai et Manetis bei Routh, Reliquiae 
sacrae I? 48, 9. 194, 12. 


Ἢ Vgl. Nöldeke, ZDMG. 44, 399. 


8) Der Name des Flusses wird bei Arr. 3, 18, 6. 10 nicht genannt. 
Da Στράγγας ursprünglich den persischen Aod&ng bezeichnet, drängt 
sich von selbst die Vermutung auf, dass es in irgend einer Weise aus 
Aodyyas — mp. Arang entstanden sein werde. Arang ist die mittel- 


bar) 


234 J. Marquart, 


Arabionis sowohl Erevan (j. Eriwan) im Gau Kotajk‘, Ervandasat 
und Ervandakert im Gau Arsarunik‘t), Atbag?) und andere Orte 
in Grossarmenien, als Σιπασίνου Χάραξ oder Karchä de-Maisan ?) 
ausgeschlossen. Das Richtige hat bereits G. Hoffmann ge- 
sehen): es ist u)? Arcwan (Bedjan, Acta mart. et sanct. II 


349, 9. Synod. orient. ed. Chabot p. 33, 29. 34,18. 36,15 = 


272—274 a. 410. 60, 12 = 307 a. 486) oder ‚aus)y ano 
Maähöze d-Arswan (Bedjan IV 134, 3. Synod. orient. p. 53, 10 = 
299 a. 486; 109, 4 — 366 a. 554; 110, 18 ΞΞ ΙΒ zz 
164, 23 — 423 a. 585; 214, 7 = 479 a. 605), auch [259 ‚o,/ 
„Ar&wän jenseits des Flusses“ (Synod. or. p. 43, 21 = 285 a. 424) 
in der Provinz Beth Garme. Chabot vermutet, dass die Diözese 
Maähöze d-Arswän südlich vom Kleinen Zab lag, dass es aber zeit- 
weilig einen Bischof für die Gegend im Norden des Flusses ge- 
geben habe). Jedenfalls ist aber weder an ger καὶ Arcwagan δ) 


in der Nähe von Sirawän in Mäsabadän noch an Bawanduz, 
Rowändiz am Rawändiz-Cai zu denken, welch letzteres ins Gebiet 
der Provinz Adiabene fällt. In Karchaä da-Beth Solöch, der 
Hauptstadt von Beth Garme, gab es seit alters nicht wenige 
Manichäer’?). 

Die Todesstätte Mani’s nach der christlichen Manilegende 
wurde also einfach auf Bartholomaeus übertragen, welcher somit 
den nachmals von jenem Erzketzer verwüsteten Acker zuerst an- 
gepflanzt hatte. Unklar ist nur, wie man dazu kam, jenen Ort 


persische Umschreibung von aw. Rarha, dem bei den Griechen (bezw. 
Persern) Aod&ns entspricht, bezeichnet aber später auch den Tigris. 
War gr. APAITAZ einmal in ZPATT’AZ verlesen, so musste daraus 
notwendig Στράγγας werden, da die Gruppe oe ungriechisch ist. 


1) A. v. Gutschmidt, Rh. Mus. N. F. XIX, 174. 

3) Armenisches Kalendarium zum 18. Februar; vgl. Lipsius 
II 2, 100. 103 A. 

8, K. Kessler, Mani I 89 ff. 

4) Bei Nöldeke, ZDMG. 44, 399. 

5) Synod. orientale p. 66. 

6) So Mis‘ar b. al Muhalhil bei Jäqg. 1 ἢ", 91. IV Ὁ, 13. 
Mas‘üdi, Murüg III 69. VI 187. — Murüg VI 225 ed. >, 


M „>20. Kitäb at tanbih 91,3 P „>, L „mal. 


Wo, 13 P „>01, L „>gaol. Qod. HF, 7 „usy]. Mug. οἷν, ult. 
B „me, N0,3 „>yj. Letztere Schreibweise zeigt, dass nur 


Dr καὶ oder re) in Betracht kommen können, da nur dann der 


Abfall des anlautenden a zu erklären ist. 

”) Akten der Märtyrer von-Karchä da-Böth Salöch bei G. Hoff- 
mann, Auszüge 46—50. 52. Bedjan, Acta mart. et sanct. II 512, 
11 ff. 289, 4. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 235 


nach Grossarmenien zu verlegen. Eine Beeinflussung der Bartholo- 
maeuslegende durch die Manilegende wird auch darin zu erkennen 
sein, dass nach gewissen Texten dem Apostel die Haut abgezogen 
und wie ein Sack ausgestopft wurde!). Dies war aber bekanntlich 
das Schicksal Mani’s. 

Erst in Armenien hat man den letzten Schritt gethan und 
den König Astriges durch den bereits aus der Thaddaeuslegende 
bekannten Apostelmörder Sanatruk ersetzt?). Übrigens ist das 
armenische Martyrium des Bartholomaeus eine späte Kompilation 
verschiedenartiger Legenden 5). 

Der Name Sanatrük Some war übrigens auch noch später 


im Gebrauch: so hiess der letzte König von Bahrain im ersten 
Drittel des 3. Jahrhunderts‘) und noch ein Christ in der Ver- 
folgung Sapürs (a. 662 Gr. = 351 n. Chr.) 5). 

Natürlich ist jetzt auch die von dem sogenannten Mar Abas 
Meurnac'i berechnete Regierungszeit des Sanatruk und seines Sohnes 
Wafars (164—193 und 194—213 n. Chr.) hinfällig und wertlos. 
Dasselbe gilt aber auch für die ganze, angeblich von Agathangelos 
verfasste Königsliste des Mar Abas, zumal was die Regierungszahlen 
anlangt. Ich werde die armenische Urgeschichte des Mar Abas 
in einem besonderen Aufsatze behandeln, worin ich zeige, dass 
dieselbe erst im 9. Jahrhundert und zwar wahrscheinlich unter 
dem Fürsten der Fürsten Bagarat von Taraun (Osteuropäische 
Streifzüge 5. 463 Nr. 18) verfasst worden ist. Noch später, jedoch 
vor die Königskrönung ASot’s des Grossen fällt dann die Geschichte 
des Moses Chorenac‘i. Es liegt daher kein Grund mehr vor, den 
Einfall der Chazirk‘ und Barsilk‘, welche nach Moses Chor. 2, 65 
5. 145 unter ihrem König Wsnasp Surhap das Thor von Cor 
passierten und den Kur überschritten, aber von Wafars zurück- 
getrieben und bis über das Thor von Cor hinaus verfolgt wurden, 
auf Sanatruk zu übertragen, zumal die Geschichte in der That 
von einem Einfall der Alanen zur Zeit des Königs Volagases 
weiss, auf welchem dieselben Albanien und Medien (Atropatene) 
schrecklich verheerten und auch Armenien und Kappadokien heim- 


1) So ist der Ausdruck ἐκδαρϑεὶς ὥσπερ ϑύλαξ bei Ps. Hippolyt 
ed. Lagarde (Lipsius II 2, 60 A.) und Theodoros Studites (eb. S. 101 ἢ) 
aufzufassen. Das Breviarium apostolorum (eb. S. 55 A. 3) sagt nur 
vivens decoriatus. 

32. Ahlich Lipsius II 2, 99£. 

®) Der auch in der koptisch-äthiopischen Gruppe wiederkehrende 
Zug, dass der Apostel zu den Parthern und Elamiten gekommen sei 
(Lipsius II 2, 77. Ergänzungsband S. 96), beruht lediglich auf einem 
etymologischen Kalauer a la Moses Chorenac‘. 

4) Tab. I αὐ, 2. Dinaw. Yo, 13. 

5) Bedjan, Acta mart. et sanct. IV, 166. — Der Name kommt 
auch in der jüdischen Literatur vor; 5. Sam. Krauss, Griech. und 
lat. Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum II (1899), 403. 
5. Fränkel, ZDMG. 55, 355. 


290 J. Marguart, 


suchten (Kass. Dion 69, 15, 1). Freilich ist nichts davon bekannt, 
dass er auf der Verfolgung der Feinde bei Darband im Kampfe 
gefallen sei, vielmehr musste er nach Kassios Dion froh sein, die 
ungebetenen Gäste durch eine Kontribution los zu werden. Doch 
werden auch noch unter Pius Einfälle der Alanen berichtet, über 
welche Einzelheiten nicht bekannt sind). 

Die vom König Sanatruk gegründete Stadt WP&w2gp Meurk* 
hat weder mit δρᾷ, Mebin, Wpsncft Mrevin — Nisibis, 
noch mit dem Gau IJ’garp Mzur in Hocharmenien, dem Lande 
Muzri der Assyrer, das Geringste zu thun, obwohl Mar Abas 
augenscheinlich alle drei Namen kombiniert hat. Wie aus der 
Erzählung des Faustos unzweideutig hervorgeht, lag Meurk‘ am 
östlichen Euphrat (Murad-su), der bei den Armeniern gewöhnlich 
U,pwswup Aracani, bei Plin. h.n. 6, 128 und Tae. ann. 15,15 
Be .i. Ar(a)cant, Kass. Dion 62, 21, 1, 4 "Aovavies, BbR, 
h.n. 5, 84 Arsanus, byzantinisch ᾿Δραῖνος Ἢ d. 1. mittelarmenisch 
U,p$%f (gen. Arondy) 3) heisst, von Faustos und Agathangelos aber, 
die als Griechen gelten wollen, Yafpımın Ep’rat = Eöpgdıns 
genannt wird*®), und zwar ist die Stadt noch in Taraun zu suchen, 
wo königliche Domänen lagen, die gleich den anderen Domänen 
der Aufsicht des Oberkammerherrn (Hajr mardpet) unterstanden 
(Faust. 4, 14 S. 117; 5,3 8. 195). Die beiden Flüsse, an deren 
Gemünd die Stadt lag, sind der Murad-su (Aracani) und der Qara- 
su, armenisch (J’#y Mel, bei Xen. anab. 4, 4, 8 Τηλεβόας, der 
den Gau Taraun durchströmte?). Mecurk‘ muss also in der Nähe 
der Festung Otakan (Jus/yuis gelegen haben. Hier finden sich 
auch die Stromschnellen, von welchen Faustos spricht. Toma- 
schek sagt von O4akan®): „Noch sind die Ruinen dieser „rund- 
lichen“ Veste’) am Westrande der Ebene von Mus vorhanden, am 


1) Capitol. Pius 5, 4. 

?) Prokop. Pers. I 17 p. 84, ae Theoph. cont. V Ρ. 269, 17, 
bei = Kallisthenes II 15 cod. C p. 71 n. 25. 26 ed. Müller ᾿Αρσινόης. 

Μὰ δι von Edessa S. 251; vgl. Hübschmann, Die alt- 
armenischen Ortsnamen ὃ. 406 Α. 2 — Indogerm. Forsch. Bd. 16, 1904.) 

*) Agath. S. 606. 607. 613. 620. 630. 632 — p. 71, 48. 58. 60; 
73, 20; 75, 99; 78, 91. 15. Faust. 5, 3 5. 105: 43 S. 262. 

5) Men. er. Geogr. 5; 81, 4 ἂν ΑΝ σα Ἵν yepmd' Ἐπ 
gkutı ey ἴκ wohwbh jbeppwm „Taraun, in welchem der Fluss Met 
läuft und in den Euphrat fällt“. [Vgl. Hübschmann, 8. ἃ. Ὁ, 323.] 

6%) Sasun und das Quellengebiet des Tigris 8. 11 τ SBWA. 
Bd. 133 Nr. IV, 1895. [Vgl. Cuinet, La Turquie d’Asie II 587, 
zitiert bei Hübschmann, Die altarmenischen Ortsnamen 8. 326. 459 f. 
(hier nicht vorhanden).] 

”) Tomaschek leitet den Namen also irrig von arm. oy ἃ. 1. auf 
„Ring, Kreis“ ab. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 237 


rechten Ufer des Aracani, dort wo der Strom von steilen Felsen 
eingeengt zu werden beginnt.“ Die Gründung des Sanatruk hatte 
eine strategisch sehr wichtige Lage, da sie die Verbindungen mit‘ 
dem Euphrat (über Palu und Ziata-Charput nach Melitene), dem 
Quellgebiet des Euphrat-Araxes (über Chnis nach Hasan-qal'a und 
Karin-Erzerum) und den beiden Hauptstädten Tigranokerta (über 
den Taurus und durch das Thal des Nvugiog-Batman-su) und 
‚Artaxata (über Melazgerd und Kara-kilissa nach Bagavan-Ü-kilissa 
bezw. Dijädin-Armavir) beherrschte. 


Dass Meurk‘ geradezu mit Ofakan identisch sei, ist nicht 
wahrscheinlich. Letzteres gehörte nachmals den Mamikoniern, und 
zwar einer Erzählung des Faustos (5, 3 S. 195) zufolge schon 
unter König Pap (371—375). Allerdings scheinen die Mamiko- 
nier erst nach dem Untergange des Königtums als Erben des Ka- 
tholikos Sahak (f 438) die mächtigsten Grundbesitzer in Taraun 
geworden zu sein!), indem ihnen die reichen ehemaligen Tempel- 
güter von Astisat zufielen. Ihr Stammsitz war Tajk. Da nun 
die historische Ermordung des Oberkammerherrn GAak?) in einer 
zweiten Version (Faust. V 6), die einen historischeren Eindruck 
macht als die mit ihr nur ganz oberflächlich ausgeglichene Legende 
V 3, nicht nach Ofakan, sondern nach dem grossen Dorfe des 
königlichen Bodens?) im Gau Ajrarat, das man Ardeank‘ nennt, 
verlegt wird und andererseits IV 14 von der Ermordung eines 
anderen Oberkammerherrn unter König Arsak bei Mcurk‘ in der 
Nähe von Ofakan die Rede ist*), so ist es wahrscheinlich, dass 


1) Lazar P’arpec‘i I 18 S. 114/115 — Langlois, Collection II 278. 

2) Ammian. Marcellin. 27, 12, 14. 

3) Ich fasse „upfiu als Gen. zu πεῖ „Inneres, Boden, Erde, Grund, 
Wurzel“, der gewöhnlich „Pr, lautet. 


4) Faustos kennt fünf Oberkammerherren unter den Königen Tiran, 
Arsak und Pap, in Wahrheit hat man aber wohl nur deren drei zu 
unterscheiden: 

a) der ruchlose Hajr mardpet, welcher unter Tiran die Notabeln- 
geschlechter ausrottet (III 18) und unter Arsak von Savasp Arcruni bei 
Meurk‘ ermordet wird (IV 14). Wahrscheinlich hatte er beim Regierungs- 
antritte Arsaks weichen müssen und war dann vor dem Konflikte des- 
selben mit dem Katholikos Ners&s wieder eingesetzt worden. 

Ὁ) Drstamat (V 8), unter den Königen Tiran und Arsak (wahr- 
scheinlich in der ersten Zeit Tirans und in der ersten und letzten Zeit 
Arsaks), wird mit letzterem zusammen nach Persien in die Gefangen- 
schaft abgeführt. Als darauf ein Krieg zwischen Persien und den 
K‘usank‘ ausbricht, zieht Drstamat mit ins Feld und rettet in der 
Schlacht durch seine Tapferkeit dem König Säpür das Leben. Darauf 
sollen er und der gefangene König Arsak im Schlosse der Vergessenheit 
sich gemeinsam den Tod gegeben haben. Allein Arsak hat nicht durch 
Selbstmord geendet, sondern ist hingerichtet worden (Ammian. 27, 12, 3: 
Arsaces ... diserueiatus cecidit ferro poenali), und Drstamat muss 
identisch sein mit dem Eunuchen Gylaces, der schon vor der Gefangen- 
nahme Arsaks gentis praefeetus gewesen und als Überläufer zu Säpür 


238 J. Marquart, 


die O4akan-Legende nach dem Vorbilde dieser älteren Erzählung 
später erfunden ist, um so mehr, als der Mamikonier MuSe4, der 
V 3 als Mörder des Oberkammerherrn erscheint, seine Lorbeeren 
fast durchweg andern abgeborgt hat. Die Geschichte des Unter- 
ganges des Oberkammerherrn bei Mcurk‘ kennt in Taraun neben 
den zur königlichen Krondomäne gehörigen Dörfern, die der Auf- 
sicht des Hajr mardpet unterstehen, nur Domänen des Katholikos 
Nerses, welche jener gleichfalls zur Krondomäne zu machen trachtet. 
Die Vermutung liegt daher sehr nahe, dass die Erwähnung der 
mamikonischen Festung Ofakan ein Anachronismus sei und die 
ganze Legende ihre endgiltige Gestalt erst nach dem Tode des 
Katholikos Sahak erhalten habe. Dem steht jedoch entgegen, 
dass schon unter König Tiran von einem „anderen Hause“ der 
Mamikonier die Rede ist, welches sie damals aufgaben, um sich 
in die Festungen ihres Stammlandes Tajk‘ zurückzuziehen). 
Ofakan soll nach Moses Chorenac‘i (2, 84) ursprünglich dem 
Geschlechte der Slkunek‘ angehört haben, das bei einem Aufstande 
gegen den König Trdat von Mamgon, dem angeblichen Stamm- 


gekommen, also nicht in Gefangenschaft geraten war: (Sapores) Gylaci 
spadoni et Arrabanni (so V), quos olim susceperat perfugas, commisit 
Armeniam. horum alter ante gentis praefecetus, alter magister fuisse 
dicebatur armorum Ammian ib. $5s. Er fehlt in dem Verzeichnis 
der Uberläufer bei Faust. IV 50, und V 18 wird nur das Haus Anget, 
nicht auch der inzwischen ermordete Oberkammerherr und Fürst von 
Ang} unter den Abgefallenen aufgeführt; doch vgl. IV 55 S. 176. Bei 
Faustos heisst es dagegen von Gtak ungenau v3 S. 196): „welcher 
in den Tagen des Königs Arsak oder seines Vaters Tiran einmal jenes 
Amt der Kammerherrnwürde gehabt hatte“. Die Angabe, dass Drstamat 
aus Treue seinem Herrn im Tode nachgefolgt sei, ist eine Erfindung 
so gut wie der Selbstmord Arsaks. Den Anlass zu derselben gab der 
Name Drstamat — pers. Drust-amat „heil gekommen“, der aber nur 
ein persischer Ehrenname ist, den ihm der König Säpür aus Anlass 
seiner Errettung verliehen hatte. 

Nach dem Kriege gegen die K‘usank‘ betraut Sapür den Gylaces 
(Gtak) und Arrabannes (arm. [Jz.wse.u%) mit der Unterwerfung Armeniens, 
und es folgt die Belagerung der Festung Artagerk‘ in Arsarunik‘, die 
sich bis in den Winter hineinzieht und mit dem Verrate der beiden 
armenischen Führer ihren vorläufigen Abschluss findet (Ammian. Mar- 
cellin. 27, 12, 5—9. Faust. IV 55). Im folgenden Jahre wird Pap 
zum König erhoben und im Spätherbst Artagerk‘ von den Persern 
eingenommen und zerstört (Ammian. $ 9—12. Faust. V 1. IV 55—59). 
Diese Ereignisse gehören in die Jahre 370 und 371, wie Sievers, 
Studien zur Geschichte der röm. Kaiserzeit 268f. richtig gesehen hat. 
Der Krieg gegen die K‘usank‘ macht es jetzt begreiflich, weshalb Säpür 
nicht sogleich nach der Gefangennahme des Königs Arsak in Armenien 
eingerückt ist. Das genaue Datum des letztern Ereignisses ist unbekannt, 
kann aber wohl schon 367 sein. Im Anfang des Jahres 372 werden 
Gylaces und Arrabannes von Pap auf Anstiften Säpürs ermordet; 
Ammian. $ 14. Faust. V 3 (ohne Namen) — V 6 (Glak). 

c) Der Hajr mardpet wohnt der Beisetzung des Katholikos Nerses 
bei (Faust. V 24 5. 222 £.). 


1) Faust. III 18 5. 47. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 239 


vater der Mamikonier, ausgerottet wurde, worauf dieser vom 
König zum Danke mit deren Gütern belohnt wurde. Diese Aus- 
rottung des Geschlechtes Slkunik‘ ist aber wie die der Manda- 
kunier!) lediglich eine Erfindung des Moses. Der Geschlechtsname 
U, {πεν findet sich in der älteren Literatur, soviel ich sehe, 


nur einmal: W,ypre4 Uyfachfr bei Elise wardapet 5. 173 


= Langlois I. 215, und ausserdem macht Moses 3, 20 S. 206 
den Eremiten Gind aus Taraun, einen Schüler des Chorbischofs 
Daniel (Faust. 6, 16), zu einem Slkunier. Wir wissen nur, dass 
die Mamikonier der Sage zufolge ein fremdes, aus Üenastan ein- 
gewandertes Geschlecht waren 2), das aber nach Faustos schon im 
ersten Drittel des 4. Jahrhunderts die erbliche Würde des Heer- 
führers (sparapet) der armenischen Krone besass?). Wie weit 
diese Darstellung Vertrauen verdient, ist freilich sehr fraglich, 
da sie durchaus im Dienste der Mamikonier steht und uns meist 
jede andere Kontrolle fehlt, und da, wo eine solche möglich ist, 
diese in der Regel nicht zu gunsten jener Erbrechtstheorie ausfällt. 
Schon unter Trdat wird ein sparapet sämtlicher Truppen Gross- 
armeniens namens Artavazd erwähnt, der ohne Zweifel ein Mami- 
konier sein soll. Der Name fehlt indessen im griechischen 
Agathangelos*) und kann aus Faustos 3, 4 S. 9 (vgl. 11 S. 28) 
erschlossen sein, wo Wat'e, der Sohn Artavazds, als Patriarch 
des mamikonischen Geschlechtes aus dem Stamme des Heerführer- 
tums Armeniens und grosser Heerführer der Truppen Chosrows II. 
bezeichnet wird. Moses, der die Mamikonier aus der altarmenischen 
Geschichte so viel wie möglich ausmerzen will, macht nun jenen 
sparapet Artavazd zum Mandakunier (2, 76. 82. 85), weiss aber 
der vorwitzigen Frage, weshalb denn die Mandakunier in der 
Folge in der armenischen Geschichte gar keine Rolle mehr spielen, 
durch die billige Auskunft vorzubeugen, sie seien durch Artasir 
(bis auf den geflohenen Artavazd) ausgerottet worden (2, 78). 
Dieser Anachronismus geht auf eine ältere von Moses benutzte 
Urgeschichte der Mamikonier zurück, welche die Stammväter der 
Mamikonier Mamik und Konak unter dem armenischen König 
Chosrow I. und dem letzten Partherkönig Artavan in Armenien 
einwandern liess, gleichzeitig aber das fünfte Jahr des Perserkönigs 
Artafir dem ersten des Kaisers Probus und dem 35. Chosrows 
gleichsetzte5). Moses will also die Neugierde seiner Leser be- 
friedigen und erklären, auf welchem Wege das fremde Geschlecht 
_ der Mamikonier zu so grosser Macht in Armenien gelangt sei, und 
legt sich für diesen Zweck eine besondere Theorie zurecht, wonach 


1) Diese Unters. I 47—49. 

5) Faust. 5, 4 S. 204. 37 5. 2478. 
®) Faust. 3, 4 Ε΄. 

4) Agath. 641 — Lag. p. 80, 98. 
5) Sebeos 12—13. 


240 J. Margquart, 


dies durch Zurückdrängung und Ausrottung alteinheimischer später 
unbedeutender Geschlechter erreicht worden sein soll. Das Vorbild 
zu dieser Auffassung lieferte ihm Faustos, bei dem von der Ver- 
nichtung zahlreicher Geschlechter, der Manavazier und ÖOrdunier, 
der Bznunier, der bdeasche von Atönik‘, RStunier und Arecrunier, 
unter den Königen Chosrow II. und Tiran berichtet wird. 


Zu 8.42 2.28 ff.: Von grosser Wichtigkeit für die Archäologen 
ist die Nachricht des Mas‘üdi IV 74: „Es gab in Qümis einen 
hochgeehrten Feuertempel, namens 4,> B um: D 2), 
dessen Erbauer unbekannt ist. Es heisst, dass Alexander, als er 
(die Gegend) eroberte, denselben unbehelligt liess und nicht aus- 
löschte. Man sagt ferner, dass an jenem Orte ehemals eine ge- 
waltige wunderbar gebaute Stadt lag mit einem mächtigen Götzen- 
tempel von wunderbarer Form. Da ward jene Stadt samt ihren 
Gebäuden zerstört; hierauf ward nach ihr jener Tempel erbaut 
und jenes Feuer in ihm aufgestellt.“ 


Zu 8.62 A.1: Zu „as; Sarbür ist noch hinzuzufügen 
die Form „300 ND9 [9.5 für ya DI j2,2 bei Simeon 
von Beth Arsäm (Assemani, B. O. I 353). Der hier genannte 
Johannan, Bischof von Karcha da-Beth Särı in Both Garme, er- 
scheint auf der Synode des Mar Akakios a. 486 als Bischof von 
Karcha dea-Beth Seloch Synod. orient. p. 300. 301. 306. Wir 
dürfen also auch hier die Entwicklung annehmen: *Sarbük, Sarbüg, 
Sarbui, *Sarui, Sari. Der Übergang von ὦ in 2 findet sich auch 
im Kurdischen (Socin, Grdr. f. iran. Phil. I 2, 267), sowie in 
neupersischen Dialekten (P. Horn eb. 5. 27. Geiger eb. 5. 384). 


S. 66 2.3 v.u. lies „blau* statt „braun“. 


Zu 8. 84 2. 26ff.: Schlegel behält mit seinem Proteste 
gegen die Gleichsetzung der chinesischen Umschreibung Jen-ts’az, 
An-ts’al mit dem Namen "400001 bezw. Arzoae recht. Die alte 
Aussprache Am-ts’ad gibt nämlich in Wirklichkeit den Namen der 
Massageten wieder, aw. *masja-ka (gesprochen massjaka), ap. 
*maddhaka, skt. *matsja-ka „Fischesser“. Damit wird aber die 
Nachricht, dass die Alanen die Nachkommen der alten Massageten 
seien, nur um so wichtiger, und die Vermutung, dass ”40g00: ein 
politischer Ehrenname sei, fast zur Gewissheit erhoben: wenn noch 
um 125 v. Chr. Massageten am untern Jaxartes geboten, so kann an 
ihrer Identität mit den im 1. Jh. v. Chr. hier herrschenden Aorsen 
nicht gezweifelt werden. Dadurch gewinnt der ethnologische Teil 
der ptolemäischen Karten von Margiana, Baktrien, Sogdiana und dem 
Sakenlande für uns erst praktische Bedeutung. Dass die Karte von 
Sogdiana die Völkerverteilung um die Mitte des 2. Jh. v. Chr. wieder- 
geben will, ist unbestreitbar. Dasselbe wird dann auch für Baktrien 
angenommen werden dürfen, zumal ich schon auf anderem Wege 
zu dem Schlusse gekommen bin, dass sich die Tocharer mit 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 241 


Bewilligung der hellenischen Könige und nicht erst 
nach dem Untergange der hellenischen Herrschaft im Norden 
des Paropanisos in Baktrien niedergelassen hatten. Dann kann 
aber die Vorlage des Marinos für die ethnologische Darstellung 
jener Gebiete nur Hipparchos gewesen sein, der den zu seiner 
Zeit eingetretenen Völkerverschiebungen Rechnung trug. Wenn 
daher Ptolemaios in Margiana zwischen Derbikkern und dahischen 
Parnern auch Massageten kennt (VI 10 p. 498, 5), so bestehen 
gegründete Zweifel, ob er sie richtig angesetzt hat — in der 
Verschiebung von Völkern und selbst Städten hat Ptolemaios 
bezw. Marinos in allen weniger bekannten Ländern, in Germanien 
wie in Skythien und gerade auch in Ostiran das Menschenmög- 
liche geleistet. Dagegen braucht man nicht mehr zu der Ver- 
mutung zu greifen, dass er die Massageten einer veralteten Quelle 
entnommen habe, vielmehr hatte sie Hipparchos noch als zu seiner 
Zeit bestehendes Volk verzeichnet. Inwieweit Marinos seinem 
Ansatze gefolgt oder etwa mit Rücksicht auf neuere Nachrichten 
über die Gebiete zwischen dem unteren laxartes und der Wolga 
(VI 14 p. 426ff.), welche dort andere Völkernamen nannten, von ihm 
abgewichen ist, ist in grösserem Zusammenhange zu untersuchen. 
Natürlich verdient aber der Augenzeuge Cang-kien vor den grie- 
chischen Geographen den Vorzug. 

5. 85 Z. 28: Utidorsi Aroteres ist verdorben aus Ovroı, 
Aoo00: οὗ ἀνωτέρω. Vgl. 5. 84 A. 2. 

Zu 8.85 Ζ. 80: Die vor den Gaeli stehenden Arsi sind 
wohl in der Landschaft ’Aooirıs zu suchen, welche Ptol. 6, 9 
p. 617, 23 in die Nähe des Koronos (des östlichen Elburz) nach 
Hyrkanien verlegt. Die hinter den Zarangae stehenden Arasm? 
gehören nach Drangiana und sind gewiss identisch mit den fried- 
lichen ’Agıdoncaı oder Eveoyeraı (Arr. 3, 27, 4), die von den roman- 
tischen Alexanderhistorikern sehr unpassend in ’Agıuconol umgetauft 
worden sind (Diod. 17, 81,1. Curt. 7, 3,1. Justin. 12, 5, 9). Die 
Bezeichnung Arasmi —= mp. *a-razm „kampflos, unkriegerisch*“ 
ist dagegen völlig zutreffend, von wem sie auch herrühren mag. 
Dann haben aber auch die Marotvan? mit der Maeotis nichts zu thun. 

5. 86 Z. 15—16: Der bei Athenaios überlieferte Name 
Ὀμάρτης ist nicht anzutasten und entspricht einem ap. Hauma- 
arta „der echte Hauma“, wie ich anderswo zeige. Dieser Name 
passt zum mythischen Charakter der Legende. 

S. 92 Z. 20ff.: Nach Bartholomae, Idg. F. VII (1896), 
60 f. gehören afrime. anhado, armaesaide, armaesta mit gr. 
ἠρέμα, -μαῖος zusammen und bedeuten „in Ruhe befindlich“, afs 
armaßesta also das stehende Wasser im Gegensatz zum fliessenden. 
Skyth. &oıua bleibt aber durch osset. ärmäst „nur“ gedeckt. 

5. 95 Z. 14—19 lies „dass nach dem Vorgange der Begleiter 
bezw. Geschichtsschreiber Alexanders .... auch Hekataios durch 
den einheimischen Namen des indischen Kaukasos an den grossen 

Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 16 


940 J. Marquart, 


nordkaukasischen Fluss erinnert wurde und so sein Parapanisos 
dazu beitrug.“ 

Zu S. 94—96: Der alte Hekataios hatte die gandhärische 
Stadt Kaspapyros oder Kaspatyros, die ihm aus dem Berichte des 
Skylax über seine denkwürdige Indusfahrt wohl bekannt war, als 
Σχυϑῶν ἀκτή bezeichnet!). Kaspatyros hat weder mit Kabul 
(Ptol. Κάβουρα) ?), noch mit Ka$mir (Kasmira)?), noch mit Kasja- 
papura, dem älteren Namen von Mültän®) das mindeste zu thun, 
sondern ist in der Nähe von Puskalawati, dem alten Mittelpunkte 
von Gandhära zu suchen. Die Bestimmung des Hekataios ist also 
richtig, sofern unter den Skythen die Saka, ἃ. 1. die Sakah 
Haumawargäh, zu verstehen sind, die auch in den Länderver- 
zeichnissen des Dareios®) mit Gandära zusammengestellt werden 
und zwischen Gandhära und Baktrien gewohnt haben müssen (oben 
S. 140. 142). Sie sind aber schon von Herodot mit den nördlich von 
Sogdiana hausenden spitzmützigen Saken zusammengeworfen worden, 
ein Irrtum, der dann auch die geographische Wissenschaft der 
späteren Zeit beherrscht hat, so dass noch Eratosthenes und selbst 
Marinos die Saken und Sogdianer der ganzen Länge nach Indien 
gegenüber liegen liessen®). Der Ausdruck ἀκτή, welchen Hekataios 
von Kaspapyros gebrauchte, hängt wohl damit zusammen, dass 
hier die Schiffahrt auf dem Indus begann und jene Stadt ein 
wichtiger Stapelplatz für den Handel zwischen Indien und den 
Ländern im Norden und Osten des Hindukus und Pämir war, 
welchen die Saken wie später die Aorsen vermittelten”). Die 
seltsame Vorstellung des Hekataios, welche sich das Land der 
Saken als Hinterland einer bei Kaspapyros beginnenden Küste 
denkt, erklärt sich daraus, dass er dem Indus einen östlichen 
Lauf gab). 


1) Hekat. fr. 179 bei Ὁ. Müller, FHG. I 12: Κασπάπυρος, πόλις 
Tavdagınn, Σκυϑῶν ἀκτή. ἝἙἝ καταῖος Aoie. 

a ΓΗ So Kiepert, Monatsber. der Akad. der Wiss. zu Berlin 1856 

®) Lassen, Ind. Alt. I? 53 A.5. II 635. 

4) Berüni, India !Y1, 8 = 1 298. 

5) Beh. I 16/17. Persep. I 18. NR. a, 24, 

6) Strab. ı« 8,8 p. 513: καὶ Σάκας μὲν καὶ Σογδιανοὺς τοῖς ὅλοις 
ἐδάφεσιν ἀντικεῖσθαι τῇ ᾿Ινδικῇ. Ptol. I 16 p. 54, 20-22: καὶ τοὺς 
μὲν μεσογείους Σογδιανοὺς καὶ τοὺς Σάκας γειτνιάξειν ἀπὸ μεσημβρίας 
τῇ ᾿Ινδικῇ. ! 

ὅ Vgl. Lassen, Ind. Altertumsk. II® 570. 624. 

$) Her. 4, 44: οἱ δὲ (die Expedition des Skylax von Karyanda) 
ὀρμηϑέντες ἐκ Κασπατύρου τε πόλιος καὶ τῆς Πακτυϊκῆς γῆς ἔπλεον 
κατὰ ποταμὸν πρὸς ἠῶ TE καὶ ἠλίου ἀνατολὰς ἐς ϑάλασσαν. Es ist hier 
gleichgiltig, ob dieser Fehler dem Skylax selbst zur Last fällt oder 
erst durch falsche Deutung seines Berichts seitens des Hekataios ent- 
standen ist. Ebenso wenig thut hier zur Sache, ob Herodot den Bericht 
des Skylax selbst vor Augen hatte oder ihn nur aus Hekataios kannte, 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 243 


Nördlich von Gandhära im fruchtbaren Thale des Swät glaubten 
die Hellenen das weinreiche Nysa, die Gründung des Dionysos, 
gefunden zu haben!), und in jener Gegend hat man sich der 
hellenischen Überlieferung zufolge auch den indischen Götterberg 
Meru zu denken?). Die Begleiter Alexanders nannten den mit 
dem Swät vereinigten Pangkora, der im Paropanisos entsprang 


Dass dieser auf seiner Weltkarte den Indus mit östlichem Laufe ein- 
getragen hatte, steht durch das Zeugnis des Hipparchos bei Strab. 
ß 1, 34 p. 87 völlig fest: Ταύτῃ δ᾽ εἶναι παράλληλον τὸν ᾿Ινδὸν ποταμόν, 
ὥστε καὶ τοῦτον ἀπὸ τῶν ὀρῶν οὐκ ἐπὶ μεσημβρίαν ῥεῖν, ὥς φησιν 
᾿Ερατοσϑένης, ἀλλὰ μεταξὺ ταύτης καὶ τῆς ἰσημερινῆς ἀνατολῆς, καϑάπερ 
ἐν τοῖς ἀρχαίοις πίναξι καταγέγραπται. Es wäre aber höchst seltsam, 
wenn Skylax wirklich berichtet hätte, er sei auf dem Indus gen Osten 
gefahren und dort ins Meer eingelaufen. Dieser Irrtum würde kaum 
begreiflicher, wenn sich Skylax auf dem Kabulfluss einschiffte und 
daher der erste Teil der Fahrt bis zur Vereinigung desselben mit dem 
Indus in der That eine östliche Richtung hatte, da die Stadt Kaspa- 
pyros bezw. Kaspatyros, wo die Einschiffung erfolgte, nur am Uhnter- 
laufe des Flusses nicht allzu weit von seiner Einmündung in den Indus 
bei Attock oder am Indus selbst gelegen haben, also jene westöstliche 
Fahrtstrecke nur sehr kurz gewesen sein kann. Vgl. M. A. Stein, 
Ancient Geography of Kasmir p. 12 n.2: „Proper navigation begins 
now at Jahängira, a place situated on the left bank of the Käbul 
River, some six miles [von mir gesperrt] above the confluence of the 
latter with the Indus at Attock. 'The lower part of the Käbul River’s 
course lies in a well-defined single bed which, in view of the natural 
configuration of the banks, cannot have changed materially in historical 
times. Above Jahängira the current becomes too strong for safe 
navigation. 

I doubt very much whether the Indus immediately above Attock 
can ever have been suitable for proper navigation. .... Taking into 
account these ceircumstances I should not be surprised if Sceylax’s expe- 
dition had chosen some place near Jahängira for the start on their 
voyage. There are many ruined sites near the latter place, and near 
Alladher, elosely on the Indus.‘ 

Ich neige daher zu der Ansicht, dass die Vorstellung des Heka- 
taios und Herodot vom Laufe des Indus durch allzustarke Verkürzung 
des Itinerars des Skylax zu Stande gekommen ist — man müsste denn 
annehmen, letzterer habe vom Hörensagen eine dunkle Kunde von der 
heiligen Gangä erhalten und nun die Laufrichtung dieses Stromes auf 
den Indus übertragen, also absichtlich geschwindelt. Vgl. übrigens 
auch Niebuhr, Uber die Geographie Herodots. Kl. Schr. I 144. 153. 
Lassen? I 514 A.3. II 121. 


2) Nach Arrian 5, 1,1 hat man sich Nysa in dem von Alexander 
durchzogenen Gebiete zwischen Kophen und Indus zu denken. Ver- 
schiedene Umstände deuten aber darauf hin, dass wir es in Käfıristän 
zu suchen haben. Vgl.L.v.Schröder, WZKM. XII 398ff. Gerade 
das Swat-Thal war aber in alter Zeit ein hochkultiviertes Gebiet, das 
lange Zeit einen Hauptsitz des Buddhismus bildete. — Andere wollen 
Nysa der Stadt Nagara oder Dionysopolis bei Ptolemaios gleichsetzen, 
die man mit Nagarahära, 4—5 miles w. von Galalabäd identifiziert 
hat. Vgl. M’Crindle Il. p. 333—340. 

2) Arrian 5, 1,6. 2,5. Megasthenes bei Arrian Ind. 5, 9. Diod. 
ΠΠ| 38, 4. Plin. h. n. 6, 79. 


16* 


244 J. Μαγαυδτί, 


und in Gandhära in den Kophes mündete, Χοάσπης. Nach Curtius 
VIII 10, 21—22 liess Alexander, nachdem er seine getrennte 
Streitmacht (Arr. 4, 24, 9—25, 5) wieder vereinigt hatte, nach 
Überschreitung des Choaspes (Choaspe amne) den Koinos zur Be- 
lagerung der reichen Stadt Deira zurück, während er sich selbst 
gegen Mazaga, die Residenz des Assakaners wandte. Aus Arrian 
ergibt sich jedoch, dass Alexander den Koinos erst nach der Er- 
stürmung von Massaga gegen Βάξιρα aussandte, das sich aber nicht, 
wie er gehofit hatte, freiwillig ergab, sondern von Koinos ein- 
geschlossen werden musste und erst auf die Nachricht von der 
Einnahme der Festung Ora von den Einwohnern verlassen wurde, 
die sich auf die für uneinnehmbar gehaltene Felsenveste ”4oovog!) 
zurückzogen (Arr. 4, 26—23, 1). Curtius lässt also die Unter- 
nehmungen gegen die beiden Städte Βάξιρα und ἥάασσαγα fälsch- 
lich neben statt nach einander stattfinden. Ehe Alexander nach 
Massaga gelangte, musste er den tiefen und reissenden Fluss 
Γουραῖος überschreiten (Arr. 4, 25, 6. 7). Es scheint demnach, 
dass mit Curtius’ Choaspes derselbe Fluss gemeint ist, welchen 
Arrian Γουραῖος nennt. Letzterer heisst bei Megasthenes Γαρροίας 
(Arr. Ind. 4, 11) und entspricht nach Kern der Guruhä oder 
Garuhä, welche Warähamihira, Brhat-Samhits XIV 23 in die 
nordwestliche Abteilung verlegt. Derselbe Fluss ist nach Lassen 
(Ind. Altertumskunde II? 140 Anm. 6) unter der Gaurz: zu ver- 
stehen, die an einer Stelle des Mahäbhärata neben dem Suwästu 
genannt wird. Es ist ohne Zweifel der Pangkora, der durch fünf 
Zuflüsse gebildet wird und in seinem Unterlaufe von Osten den 
Swät aufnimmt. Augenscheinlich galt aber im Altertum letzterer 
als der Hauptarm, welcher dem vereinigten Strome seinen Namen 
gab. Aus Aristoteles meteorol. 1, 13 ergibt sich ferner, dass den 
Begleitern Alexanders der Choaspes neben dem Indus als der be- 
merkenswerteste vom Paropanisos nach Süden strömende Fluss 
erschien: ἐν μὲν οὖν τῇ Asiau πλεῖστοι μὲν ἐκ τοῦ Παρνασοῦ 
καλουμένου φαίνονται ῥέοντες ὄρους καὶ μέγιστοι ποταμοί, τοῦτο 
δ᾽ ὁμολογεῖται πάντων εἶναι μέγιστον ὄρος τῶν πρὸς τὴν ἕω τὴν 
χειμερινήν. 2.2... ἐκ μὲν οὖν τούτου δέουσιν ἄλλοι τε ποταμοὶ καὶ 
ὁ Βάκτρος καὶ ὃ Χοάσπης καὶ ὃ ᾿Δράξης. τούτου δ᾽ ἀποσχίξεταε 
μέρος ἂν εἰς τὴν Μαιῶτιν λίμνην. δεῖ δὲ καὶ ὃ ᾿Ινδὸς ἐξ αὐτοῦ. 
Diese Stelle setzt voraus, dass man den vom Westen in den Indus 
mündenden Strom als die Fortsetzung des Χοάσπης ἃ. 1. des 
PanSgkora-Swät und den Κώφης d. 1. den Oberlauf des Käbul- 
flusses als dessen Nebenfluss auffasste. Später erkannte man aber, 
dass der Choaspes in Wirklichkeit ein Nebenfluss des Kogpng oder 
Κωφήν sei. Aus einer Vermengung dieser beiden Ansichten er- 


!) Nach Abbott der Berg Mahäban am Westufer, etwa 8 miles 
von Embolima. Vgl. M’Crindle, The invasion of India by Alexander 
the Great? p. 335 — 338. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 245 


klärt sich Strabons Angabe μὲ 1, 26 p. 697, wo er von Alexanders 
Zuge nach Indien spricht: ἀνέστρεψε δ᾽ οὖν (von Baktrien aus) 
ὑπερϑεὶς τὰ αὐτὰ ὄρη κατ᾽ ἄλλας ὁδοὺς ἐπιτομωτέρας ἐν ἀριστερᾶ 
ἔχων τὴν ᾿Ινδικήν, εἶτ᾽ ἐπέστρεψεν εὐθὺς ἐπὶ αὐτὴν καὶ τοὺς ὅρους 
τοὺς ἕσπερίους αὐτῆς καὶ τὸν Κώφην ποταμὸν καὶ τὸν Χοάσπην. 
ὃς εἰς τὸν Κώφην ἐμβάλλει ποταμὸν [zei] κατὰ Πλημύριον πόλιν. 
δυεὶς παρὰ TRPTAI!) ἄλλην πόλιν, καὶ διεξιὼν τήν τε Βανδοβη- 
vnv?) καὶ τὴν Tavdagitıv?). Vgl. Lassen, Zur Gesch. der Griech. 
und Indoskyth. Könige S. 132. Ind. Altertumsk. II? 137 A.2. 
Der Choaspes floss also an einer Stadt Γωρύα oder Γωρυαία 
vorbei, die wir uns wohl am Zusammenflusse der Guruhä (Panzkora) 
und des Suwästu zu denken haben. Wenn es dagegen heisst, der 
Choaspes habe die Landschaften Bavdoßnvn und Γανδαρῖτις (Gan- 
dhära) durchströmt, so ist dabei offenbar der Unterlauf des Käbul- 
flusses als Fortsetzung des Pangkora-Swät betrachtet. Strabon 
sagt sodann weiterhin ($ 27 p. 698); ἤδη δὲ πρὸς τῷ ᾿Ινδῷ πάλιν 
ἄλλη πόλις Πευκολαῖτις. πρὸς 7 ξεῦγμα γενηϑὲν ἐπεραίωσε τὸν 
στρατόν, verlegt also Πευχολαῖτις in die Nähe der Vereinigung 
des Käbulflusses mit dem Indus, während es nach Plin. h.n. 6, 62 
noch 60 m. p. vom Indus entfernt*) war und am wahrschein- 
lichsten mit den Ruinen von Carsadda, einer der Acht Städte 
(Hastnagar), unweit der Vereinigung des alten Laufes des Käbul- 
flusses mit dem Swät identifiziert wird®). Es ist daher nicht 
schwer zu erkennen, dass bei Strabon Πλημύριον und Πευκολαῖτις 
die Plätze getauscht haben und ersteres fälschlich an den Zu- 
sammenfluss des Choaspes d. i. des Pangkora-Swät und Kophes 
verlegt ist, während es im Sinne der Quelle, welche den Choaspes 
Gandhära durchströmen liess, in die Nähe der Mündung des Käbul- 
flusses in den Indus zu setzen ist. Πλη Μύριον bezw. Πλη Γύριον δ) 
ist in IAnTovoıov zu verbessern, und darin sehe ich denselben Ort, 


der bei Hüan-tuang (M&m. 1 125. Hoei-li 165) EEME Pean- 


,, ἦ) γώρυδι ἄλλῃ πόλει x γώρυδα ἄλλην πόλιν i Coray γωρυδάλην 
πόλιν ald., lies Γωρύαν oder Γωρυαίαν. 
2) βαρδοβηνὴν Dh μανδοβηνὴν F. 
8) γαρδαρίτιν F γανδαρίτιν h. 
*) s. M’Crindle, The invasion of India by Alexander the Great 
p. 59 und N. 8. 


5) Vgl. Court, J.A.S.B. vol. V, 1836, p. 394. 479. Vivien de 

Saint-Martin, Mem. sur la geogr. greeque et latine de !’Inde p. 36 ss. 
Mem. analytique sur la carte de l’Asie centrale et de I’Inde bei 
Stan. Julien, Mem. de Hiouen-thsang ΠῚ 308 und N.3. A. Foucher, 
Notes sur la geographie ancienne du Gandhära. Bull. ἃ. l’Ecole 
frangaise d’Extreme-Örient I (1901), 334 ss. 
f 6) Kramer gibt folgende LAA: πλιγύριον 5 (cod. Paris. 1408): 
idem legitur in marg. CF. πληγήριον moxz (m — Venetus Nr. 378, 
o — Paris. 1394, x — Mediceus plut. 28 Nr. 19, z = Mediceus 
plut. 28, 15). 


946 J. Marquart, 


lo-tu-lo genannt und als Geburtsort des berühmten indischen 
Grammatikers Pänini bezeichnet wird. Man nimmt allerdings seit 
Stan. Julien (Hiouen-thsang, Mem. p. 125 ἢ. 2) an, dass das 
Zeichen # in Pfan-lo-tu-lo ein Schreibfehler sei für & so, weil 
der Kommentar zum Ganaratnamahödadhi angibt, dass mit dem 
Ethnikon Saläturija im Sütra Pän. 4, 3, 94 Pänini selbst gemeint 
seit) und man darum Salätura als Namen der Geburtsstadt Pänini’s 
erschliesst. Allein für die Echtheit des anlautenden 9 tritt eine 
dritte unabhängige Quelle ein, die Weltkarte des Castorius. Hier 
sehen wir über Alexandria Bucefalos, in der Nähe des Indus- 
übergangs, die Station Spatura, Geogr. Rav. SIMTVRA, worin 
Tomascheks Scharfsinn ?) die Stadt Salazura erkannt hat. Allein 
die Schreibweise der Karte setzt zunächst eine Form SPALATVRA 
— skt. *Svalätura voraus, während Πλητύριον eine ionisierende 
Form (wie Πευκολαῖτις) darstellt. Die Stätte des alten Salätura 
bezw. Spalatura sieht Cunningham in dem heutigen Dorfe Lähür 
unweit Und (Udabhända) nw. von Attock, wo bis vor kurzem die 
alte Strasse von Puskaräwatı nach Taksasilä den Indus erreichte. 
Ein Schloss ‚„ias kennt Berüni, India }P%,, nahe der Mündung 


des Käbulflusses in den Indus unterhalb Waihand (Und) >). 


1) Lassen, ἃ. ἃ. O. II? 474 A.5. 


3) Zur histor. Topographie von Persien I 58 — SBWA. Ba. 102, 
1883, 8. 200. 


®) Nach diesen Darlegungen will ich den Verdacht nicht länger 
zurückhalten, dass in Herodots Κασπάτυρος etwas mehr stecke als ein 
einfacher Schreibfehler. An Κασπάπυρος, der von Steph. Byz. bezeugten 
Form des Hekataios, ist natürlich nicht zu rütteln. Dagegen würde 
man der Ehre Herodots bezw. seiner Gewährsmänner schwerlich durch 
die Vermutung zu nahe treten, sie möchten die Hauptstadt von Gan- 
dhära, wo die Expedition des Skylax ausgerüstet wurde, und den Ort, 
wo dieselbe sich einschiffte, zusammengeworfen haben. Es ist daher 
die Frage, ob sich für den von Hekataios überlieferten Namen Κασπά- 
πυρος eine Erklärung finden lässt. Ich vermute, dass es ein anderer 
Name für Puskalawati „die Stadt des blauen Lotos“ war, und zwar 
möchte ich darin die griechische Umbildung eines präkr. *.Kus(u)wapura 
sehen, in altpersischer Lautform Kuspapura — skt. Kusumapura „die 
Blumenstadt“. Wie die Hauptstadt von Magadha neben dem eigent- 
lichen Namen Pätaliputra „der Sohn der Trompetenblume* auch die 
Bezeichnungen Pusapura oder Kusumapura „die Blumenstadt“ führte), 
konnte wohl auch mit Puskaläwati das synonyme Kusumapura wechseln. 
Man hätte sich dann zu denken, dass ersterer Name zu Skylax’ Zeit 
vorzugsweise von der Landschaft gebraucht wurde, woraus dann Herodots 
Πακτυική entstand. Ausser der Hauptstadt KAZT"AI'TPOZ wird Skylax 
auch den Ort der Einschiffung erwähnt haben, der dann kein anderer 
gewesen sein kann als ZT’AAATTPOZ am Indus. Dass diese beiden 


a) Kusumapura die Residenz des Samudragupta nach der prasasti 
von Allähäbäd Ζ. 7; s. Bühler, WZKM. V 227. Vgl. auch Lassen, 
Ind. Alt. I? 168 A. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 247 


Von den beiden Landschaften, welche der Choaspes durch- 
fliessen soll, bleibt nach dem oben Gesagten für den wirklichen 
Choaspes d. 1. den Swät nur Bavdoßnvn übrig, ein Name, der 
bis jetzt noch keine Erklärung gefunden hat. In buddhistischer 
Zeit heisst die vom Swät durchflossene Landschaft Udjana „der 
Garten“, präkr. Uggäna, in älterer Zeit dagegen, so im Mahä- 
bhärata und noch bei Asoka, finden wir für dieses Gebirgsland 
nur den Namen Kamböga. Man würde der Textüberlieferung 
Strabons keineswegs Gewalt anthun mit der Vermutung, dass 


BANAOBHNH durch DBuchstabenvertauschung zunächst aus 
KANBOAHNH und dies aus KAMBOAHNH entstellt sei; ὃ — ὁ 


wie in Ζαμασπία — Gäamäspt Ktes. Pers. 44. Die Kamböga 
werden bei Ptol. 6,11 p. 420,7 ed. Wilberg in der Form Τάμβυξοι 
(für I&ußvgor?), in der Kosmographie des Julius Honorius c. 13 
(bei Alex. Riese, Geogr. lat. min. p. 32, 5) als Pambothi (lies 
Cambothi) und in Uamuot verdorben beim sog. Aethicus eb. 
p- 77, 40 erwähnt. 


Megasthenes kennt sowohl den Zoaorog wie den Γαρροίας, 
bezeichnet aber beide ungenau als Zuflüsse des Kophen, weiss also 
nicht, dass sie sich zuvor vereinigen, ehe sie in den Kophen münden. 
Auf diesen Irrtum geht auch die Darstellung des Ptolemaios zurück, 
der ausser dem Suastos noch einen namenlosen Zufluss des Κώας 
(präkr. *Kuwa — wedisch Kubhä; 5. Sylvain Levy, L’itineraire 
d’Ou-k’ong p. 36. Extrait du Journ. as., Sept.-Oct. 1895) kennt, 


benachbarten Orte, deren Namen einander graphisch so ähnlich sehen, 
von den griechischen Geographen vermengt wurden, kann nach dem 
S. 174f. Bemerkten nicht Wunder nehmen. 

Was die Umschreibung betrifft, so beobachten wir hier wiederum 
dasselbe Streben nach Vokaldissimilation wie ὃ. 179. Ausserdem ver- 
dient hervorgehoben zu werden, dass die Laautentwicklung skt. sm: 
präkr. sw, sp und skt. sm: präkr. sw, sp gerade für das Präkrit der 
nordwestlichen Inschriften charakteristisch ist. Vgl. auch den Volks- 
namen Asmaka, welchen Warähamihira, Brhat-Samhitä XIV 22 in der 
nordwestlichen Abteilung aufzählt (vgl. noch V 39. 73. 74. IX 18. 27. 
XVI 11. XXXI 15) und der bei den Begleitern Alexanders unter den 
verschiedenen Formen Aoraoıoı (Arr. 4, 23,1. 24,1; bei Strab. p. 691 
und 698 wird Ὑπάσιοι oder ἱἱππάσιοι gelesen), Aspagani (Plin. h. n. 
6, 79) und Aocaxnvoi (Arr. anab. 4, 23, 1; 25, 5. 6; 80, 5 ete. Ind. 
1,1. 8. Curt. 8, 10, 22. Strab. ss 1,17 p. 691. 27 p. 698) überliefert ist, 
welche auf zwei Präkritformen *Aswaka — ap. *Aspaka und *Assaka 
zurückgehen. Die Form Aswaka findet sich selbst in gutem Sanskrit 
als Variante von Asmaka. 

Allerdings äussert Prof. Kern gegen obige Erklärung von Κασπά- 
πυρος Bedenken, da kusuma Paroxytonon ist und daher wohl zu 
‚*®kosuma, *kasuma, nicht aber zu *kusma, *küswa werden konnte. Doch 
dürfte dieser Einwand kaum das Kompositum Kusumapura treffen, das 
wohl als Proparoxytonon betont wurde (vgl. Purusapura, arab.-pers. 
eh Purusäwar, 1. Fesawar), wodurch das mittlere % seinen Ton 
verlor. 


248 J. Marquart, 


welcher aus dem Lande der Paropanisaden komme und sich bei der 
Landschaft Γωρυαία mit dem Koas vereinige (VI 18,2 p. 435, 3—5 
ed. Wilberg). Damit ist deutlich die Guruh& gemeint. 

Χοάσπης — ap. huwaspa „trefflliches Wasser besitzend* ist 
eine Iranisierung des Sanskritnamens, welcher erst dem Megasthenes 
und Ptolemaios bekannt wurde, wie Ὑδάσπης — ap. *widar-aspa, 
aw. *wedat-aspa „Rosse erlangend* für skt. Wetasta. Nach 
Fah-hian lag das Königreich AMWS Sukfsit)-hat)-to ἃ. 1. pali 
Suwatthu südlich von U-cang (Udjäna)?). Hüan-uang schreibt den 
Namen des Flusses Ἐκ ἘΣ Τὰ ἃ ΡΠ] Su-p’an-fat-sut-tu?), worin 
nichts als eine Kombination von vulgärer und gelehrter Trans- 
skription zu erkennen ist, nämlich Su-p’an τ *Suwat, präkr. 
Suwatthu mit phonetischem Komplement fat-sut-tu — skt. vastu; 
keinesfalls darf daraus aber mit Lassen, Zur Gesch. der Griech. 
und Indoskythischen Könige S. 144, Ind. Altertumsk. II? 140 
A.6 ein skt. Subhawastu erschlossen werden; denn in der Lebens- 
beschreibung findet sich dafür, wie es scheint, die Schreibung 


Ein I Be Al Su-p‘o-sat-tu d.i. Suwästu‘). 

Es ist nun sehr wohl möglich, dass der Mythograph Heka- 
taios diesen Fluss nach dem Gebirge, aus welchem er kam, einfach 
Parapanisos nannte und das an ihm wohnende Schlaraffenvölkchen 
der Nysaier mit den seligen Hyperboreern der hellenischen Sage kom- 
binierte. Vielleicht kannte er auch bereits die indische Sage von 
den Uttara kurawas’), die man sich ebenso wie die Hyperboreer 
im hohen Norden dachte und im Himälaja lokalisierte. Eine Spur 
davon, dass man die Paropanisaden mit den Uttara Kurawas zu- 
sammenbrachte, bewahrte noch die Karte des Orosius, welche im 
Taurus mons östlich von der Quelle eines Flusses Ottorogorras 
die montani Paropanisadae verzeichnete, wofern diese Darstellung 
nicht lediglich auf einer Vermengung von Gandhära mit den 
Γανδαρίδαι beruht. Weiter gegen Osten war die eivitas Ottorogorra 
eingetragen δ). 


1) Schallnachahmender Ausdruck für lachen. 

2) Beal, Travels of Fah-hian and Sung-yun p. 28. Fä-hien, A 
record of Buddhist kingdoms transl. by James Legge p. 29. 

8) Hiouen-thsang, Mem. I 132 5. τ 

4) Vgl. Julien, Liste des mots abreges (Mem. II 563; in der Über- 
setzung Hoei-li’s, Vie et voyages de H. ths. p. 86 steht Sou-p°o). 

5) Vgl. Megasthenes bei Strab. 15, 1, 57 p. 711: περὶ δὲ τῶν yı- 
λιετῶν Ὑπερβορέων (Μεγασϑένην) τὰ αὐτὰ λέγειν Σιμωνίδῃ καὶ Πινδάρῳ 
καὶ ἄλλοις μυϑολόγοις und dazu Schwanbeck, Megasthenis Indiea 
p. 6öff. nach Lassen, Zschr. f. d. Kunde des Morgenlandes II 67. 
Ind. Altertumskunde? I 511. 2, 653. 693 f. 

6) Oros. 117: a fonte fluminis Gangis usque ad fontes Auminis 
Ottorogorrae, qui sunt a septentrione, ubi sunt montani Paropanisadae, 
mons Taurus (dieitur Caucasus); a fontibus Ottorogorrae usque ad ci- 
vitatem Ottorogorram inter Phunos Seythas et Gandaridas mons Caucasus. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 249 


Nach Aristeass von Prokonnesos waren die Hyperboreer das 
äusserste Glied einer Völkerreihe, die von seinen Berichterstattern 
eigentlich von Ost nach West verlaufend gedacht war, von ihm 
und seinen Nachfolgern aber irrig als eine nordsüdliche aufge- 
fasst wurde. Nach Aristeas waren über den einäugigen Arim- 
aspen die goldhütenden Greife und die ripäischen Gebirge, von 
welchen der Boreas wehe und auf denen der Schnee niemals aus- 
gehe, über den Greifen und den Ripäen aber wohnten die Hyper- 
boreer, die bis ans Meer reichten). Da nun die Sage von den 
goldhütenden Greifen unzweifelhaft auf die Sandwüsten von Hoch- 
Tübät und die von ewigem Schnee bedeckten Ripäen auf die 
eisigeen, von Sven Hedin bezwungenen Hochgebirge von Tübät 
weisen, so muss das Volk, welches dem Aristeas Anlass zu 
seinen phantastischen Schilderungen der Hyperboreer gegeben hat, 
östlich von Tübät, also in China gesucht werden. Das Meer, bis 
zu dem sie sich erstreckten, ist demnach eigentlich der östliche 
Ozean 3.) 

Allein da sich die volkstümliche Kosmologie ein von ewigem 
Schnee bedecktes Gebirge nur im Norden denken konnte, so ver- 
setzte man die Ripäen und mit ihnen die Hyperboreer in den 
hohen Norden und das Meer, an welches sie reichten, ward folge- 
richtig zum Nordmeer. Während aber Aristeas den Pontos, an 
welchem die Kimmerier wohnten, im Gegensatz zu dem anderen 
Meere, an welches die Hyperboreer stiessen, als Südmeer bezeich- 
nete?) und noch Hekataios von Milet an der alten Vorstellung 
von dem die Erde umfliessenden Okeanos festhielt 4), erklärt Herodot 
auf Grund seiner bessern Kunde von Osteuropa und Nordasien, 
man wisse nicht, ob dieser Kontinent im Norden von einem 
Meere umflossen sei), und rechnet den Pontos zur Boonin ϑάλασσα δ), 
wie er das Mittelmeer im Gegensatz zur ’Eovden ϑάλασσα als der 
vorin ϑάλασσα nennt. 

Im Vergleich hierzu bezeichnen die von den Begleitern Ale- 


1) Herod. 4, 13: ᾿Ισσηδόνων δὲ ὑπεροικέειν ᾿Δριμασποὺς ἄνδρας 
μουνοφϑαλμους, ὑπὲρ δὲ τούτων τοὺς χρυσοφύλακας γρῦπας, τούτων δὲ 
τοὺς Ὑπερβορέους κατήκοντας ἐπὶ ϑάλασσαν. Damastes von Sigeion bei 
Steph. Byz. 5. v. Ὑπερβόρειοι’ Aaudorns δ᾽ ἐν τῷ περὶ ἐϑνῶν (φησὶν) 
ἄνω Σκυϑῶν ᾿Ισσηδόνας οἰκεῖν, τούτων δ᾽ ἀνωτέρω ᾿Αριμασπούς, ἄνω δ᾽ 
᾿Δριμασπῶν τὰ Ῥίπαια ὄρη, ἐξ ὧν τὸν βορέαν πνεῖν, χιόνα δὲ μήποτε 
αὐτὰ ἐκλείπειν, ὑπὲρ δὲ τὰ ὄρη ταῦτα Ὑπερβορέους καϑήκειν εἰς τὴν 
ἑτέραν ϑάλασσαν. 

32) Vgl. Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den 
skyth. Norden I 50#. — SBWA. Bd. 116 Nr. 15, 1888. 

8) Her. 4, 13: Κιμμερίους δὲ οἰκέοντας ἐπὶ τῇ vorin ϑαλάσσῃ ὑπὸ 
Σκυϑέων πιεζομένους ἐκλείπειν τὴν χώρην und Stein z. St. 

4) Schol. Apollon. Rhod. IV 259. Vgl. Her. 4, 86. 

5) Her. 4, 45. Vgl. 3, 115. 


6) Her. 1, 1. 4, 37. 


250 J. Marquart, 


xanders aufgestellten Hypothesen über die Konfiguration von Ost- 
europa und Mittelasien einen ganz gewaltigen Rückschritt. Den 
 Iaxartes und den Aralsee, den die Makedonen nicht selbst erreicht 
hatten, identifizierte man ohne weiteres mit dem Tanais!) und 
der Maiotis und die über jenen Gewässern hausenden Daher 
brachte man mit den europäischen Skythen zusammen ?). Ebenso 
betrachtete man den Hindukus als einen Ast des Kaukasus und 
liess auf ihm den Tanais entspringen®). Noch viel weiter gieng 
indessen der Abderite. Er setzte offenbar die Ripaien dem Kau- 
kasus gleich und betrachtete die Maiotis, vielleicht im Anschluss 
an Herodots Sprachgebrauch, als einen Teil des Nordmeers, nahm 
also eine Verbindung derselben mit dem nördlichen Ozean an. 
So wird es begreiflich, dass sich des alten Hekataios Zxvd&v 
ἀχτή und der Fluss Parapanisos vom Südabhang des indischen 
Kaukasos an die Nordwestecke des eigentlichen Kaukasus und 
den nördlichen Ozean versetzen lassen mussten. Wahrschein- 
lich geht auf den Mythographen auch die Vorstellung zurück, 
dass sich die Maiotis weit nach Norden erstrecke, der wir 
später bei Artemidor und Ptolemaios begegnen ὦ). Jedenfalls 
liess er aber die Nordküste von Keltike bis nach Skythien und 
in die Nähe der Maiotis reichen. Bei dieser Voraussetzung ver- 
stehen wir die Fragmente Plin. ἢ. ἢ. 6, 34: ab extremo aquilone 
ad initium orientis aestivi Scythae sunt. extra eos ultrague aqui- 
lonis initia Hyperboreos aliqui posuere, pluribus in Europa dictos. 
primum inde (scil. ab Europa) noscitur promonturium Celticae 
Lytharmis, fluvius Carambucis®), ubi lassata cum siderum vi Ri- 
paeorum montium deficiunt iuga, ibique Arimphaeos quosdam 
accepimus. Diodor. 2, 47,1: τῶν γὰρ τὰς παλαιὰς μυϑολογίας 
ἀναγεγραφότων “Ἑκαταῖος καί τινες ἕτεροί φασιν ἐν τοῖς ἀντιπέρας 
τῆς Κελτικῆς τόποις κατὰ τὸν ὠκεανὸν εἶναι νῆσον οὐκ ἐλάττω τῆς 
Σικελίας. ταύτην ὑπάρχειν μὲν κατὰ τὰς ἄρκτους, κατοικεῖσθαι δὲ 


1) Arrian 3, 30, 7. Plut. Alex. 44. 45. Strab. ı« 7, 4 p. 509/10. 
6, 49. Vgl. schon Aristot. meteorol. 1, 13 (oben S. 244). 

2) Arrian 3, 28, 8: καὶ Adag τοὺς ἐπὶ τάδε τοῦ Τανάιδος ποταμοῦ 
ἐποικοῦντας. Strab. τὰ 9, 8 p. 516: Φασὶ δὲ τοὺς Πάρνους Ζ΄άας μετα- 
νάστας εἶναι ἐκ τῶν ὑπὲρ τῆς Μαιώτιδος Ζίιαῶν, οὺς Ξανδίους ἢ Πα- 
ρίους καλοῦσιν. οὐ πάνυ δ᾽ ὡμολόγηται Adas εἶναί τινας τῶν ὑπὲρ 
τῆς Μαιώτιδος Σκχυϑῶν. Überarbeitet ist letztere Ansicht bei Curt. 
VI 2, 13—14. Vgl. Gutschmid, Gesch. Irans 31 A. 3. 


8) Arrian. 3, 80, 7, Strab. ı« 1, 4 p. 510; auf den europäischen 
Tanais übertragen bei Theophanes von Mitylene (Strab. ı« 2, 2 p. 493) 
und Theophanes Chronogr. p. 356, 24—25 ed. de Boor. Vgl. Ost- 
europäische Streifzüge S. 153 A. 3. 


%) Vgl. Müllenhoff, Ὁ. A. I 355 f£., II 170. 


5) Der Name Carambueis, Καραμβύκας lässt sich aus dem Ossetischen 
ableiten; vgl. kälin, -un „sich ergiessen“, Causat. kalın, -un „ausschütten, 
ausgiessen“. Ws. Miller, Die Sprache der Osseten 8. 57. 58 im An- 
hang zum Grdr. für iran. Phil. Bd. 1. 


Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 251 


ὑπὸ τῶν ὀνομαζομένων Ὑπερβορέων ἀπὸ τοῦ πορρωτέρω κεῖσϑαι 
τῆς βορείου πνοῆς οὖσαν δ᾽ αὐτὴν εὔγειόν τε καὶ πάμφορον κτλ. 
Steph. Byz. p. 267, 12: ᾿Ελίξοια, νῆσος Ὑπερβορέων, οὐκ ἐλάσσων 
Σικελίας, ὑπὲρ ποταμοῦ Καραμβύκα᾽ οἵ νησιῶται Καραμβύκαι ἀπὸ 
τοῦ ποταμοῦ, ὡς “Ἑκαταῖος 6 ᾿Αβδηρίτης. 

Die oben postulierte geographische Vorstellung wird uns nun 
in der That von Plutarch ausdrücklich bezeugt, der darin, wie 
Müllenhoff gezeigt hat, keinem Geringeren als Poseidonios ge- 
folgt ist. Der berühmte Stoiker, der bei seinen ethnologischen 
Kombinationen aus Namensanklängen ebenso weitgehende Folge- 
rungen zu ziehen wusste als unsere Assyriologen, leitete die Kim- 
bern von den alten Kimmeriern ab, und beginnt die Begründung 
dieser Hypothese mit folgenden Worten: εἰσὶ δ᾽ οὗ καὶ τὴν Κελτι- 
κὴν διὰ βάϑος χώρας καὶ μέγεϑος ἀπὸ τῆς ἔξωϑεν ϑαλάσσης καὶ 
τῶν ὑπαρχτίων κλιμάτων πρὸς ἥλιον ἀνίσχοντα καὶ τὴν Μαιῶτιν 
ἐπιστρέφουσαν ἅπτεσϑαι τῆς Ποντικῆς Σκυϑίας λέγουσι κἀκεῖθεν 
τὰ γένη μεμίχϑαι. Τούτους ἐξαναστάντας οὐκ ἐκ μιᾶς ὁρμῆς οὐδὲ 
συνεχῶς ἀλλ᾽ ἔτους ὥρᾳ καϑ' ἕκαστον ἐνιαυτὸν εἰς τούμπροσϑεν 
ἀεὶ χωροῦντας πολέμῳ χρόνοις πολλοῖς ἐπελϑεῖν τὴν ἤπειρον" di 
ὃ καὶ πολλὰς κατὰ μέρος ἐπικλήσεις ἐχόντων κοινῇ Κελτοσκύϑας 
τὸν στρατὸν ὠνόμαζον 1). Jene ethnologisch-geographische Theorie 
scheint sogar noch in der fränkischen Trojasage nachzuwirken, 
deren Trümmer uns beim sog. Fredegar, im Liber historiae Francorum 
und bei Aethicus erhalten sind. Denn wenn die Stammväter der 
Franken von Troja aus zunächst zu den Ufern des Tanais und 
den maeotischen Sümpfen gelangen und in der Nähe der- 
selben eine Stadt Sicambria bauen und weiterhin bei den maeo- 
tischen Sümpfen mit den Alanen kämpfen ?), so kann dies nur 
auf einer älteren Form der Fabel beruhen’), in welcher die 
Sugambern als Stammväter der Franken mit den Kimbern und 
Kimmeriern zusammengebracht waren, sei es, dass man sie mit 
den Kimbern zusammen aus dem Lande der Kimmerier an der 
Maiotis, das später die Alanen inne hatten, auswandern liess, sei 


») Plut. Mar. 11. Vgl. Müllenhoff, DA DH 169 £. 


2) Liber hist. Francorum c.2 ed Krusch, Μ. α. 55. rer. Meroving. 
t. 1 241, 20ff. Aethicus c. 103 p. 77, 26 ff. ed. Wuttke. Pannonien 
als Heimat der Franken ist aus Greg. Tur. II 9 höchst ungeschickt 
eingeschoben. Die Fabel, auf welche hier angespielt wird, ist nach 
Birt, Rh. Mus.N.F. 51, 1896 S.524f. vermutlich von den Galliern auf die 
Franken übertragen; vgl. Iustin. 24,4. Aethiceus lässt den Francus und Vassus 
von Alba Longa über Raetien nach den Einöden Germaniens gelangen 
(vgl. Tac. Germ. 3), dann heisst es: laevaque Maeotidas paludes de- 
mittentes more praedonum pyr[rjaticum et fero fisorum atque latronum 
degentes urbem construunt; Sichambriam barbarica sua lingua nun- 
cupant idem gladium et arcum, more praedonum externorumque positam. 

8) Dass die fränkische und gallische Trojasage eine noch über die 
Gründung der ceolonia Ulpia Trajana (Xanten) hinaufreichende Vorge- 
schichte hat, hat Th. Birt erwiesen: Rh. Mus. N. F, 51, 1896, 506—520. 


252 J. Marquart, 


es, dass man sie direkt von den Kimbern ableitete 3). Diese Fabel 
ist dann mit der trojanischen in höchst roher Weise verquickt 
worden 3. Bei Fredegar sind an die Stelle der Alanen die Türken 
getreten, die im Jahre 576 bis zum kimmerischen Bosporos 
herrschten, nachdem sie die Alanen unterworfen hatten; als eine 
Abzweigung von ihnen gelten die Awaren an der Donau). 

Zu ὃ. 103: Der Passus „Vielleicht hängt“ Z. 29 bis „eine 
zufällige sein“ 8. 104 Z. 14 ist zu streichen. | 


1) Vgl. die Etymologie bei Aethicus 1. 1.: Sichambriam barbarica 
sua lingua nuncupant id est gladium et arcum, welche den Namen in 
sica „Sichelschwert“ und cambria zerlegt. Vgl. Birt a. a. O. 5. 5l4f. 


2) Die Alban? bei Aethicus gehören von Anfang an in die troja- 
nisch-römische, die Alan? des Liber hist. Francorum in die maeotische 
Fabel. Auch die sog. fränkische Völkertafel (s. Müllenhoff, DA. 
ΠῚ 325 ff.) knüpft, wenn auch in äusserst abgerissener Weise, an Alba 
Longa an. Denn Alaneus, der erste König der Römer, der in E Muljus, 
in A Analeus heisst, ist niemand anders als Amulius, der letzte König 
von Alba Longa, und sein Sohn Papulus ist Numa Pompilius. In 
E, F und bei Nennius werden von jenem auch die drei Brüder Ermi- 
nus, Inguo und Istio abgeleitet, was auf eine Benutzung von Tae. 
Germ. 2 weist, wie die Einwanderung der Troer über Raetien nach 
Germanien bei Aethicus p. 77,25 auf Tac. Germ. 3. Eine Genealogie 
bei Nennius macht den Alaneus zum Urenkel des Numa Pompilius. 
Beim Barbarus Scaligeri (Eusebii Chron. I app. VI p. 199. 218 ed. 
Schöne) ist Francus Silvius der fünfte König von Alba. Es ist freilich 
ein gewaltiger Sprung, wenn auf Papulus unmittelbar Egetius, Egegius 
und Siagrius, d. i. die drei letzten Vertreter der Römerherrschaft in 
Gallien Aetius, Aegidius und Syagrius folgen, aber doch noch lange 
nicht so schlimm, als wenn der Verfasser des Liber historiae Franco- 
rum die Franken Marchomiris und Sunno (Gregor. hist. Fr. II 9) zu 
Söhnen des Priamos und Antenor macht (l. c. p. 244). 

8) Chronicarum quae dieuntur Fredegarii II 4-6 M. G. SS. rer. 
Meroving. t. II p. 45, 18—46, 27. III 2 p. 92, 1-12. Der Name des 
Eponymus der Türken Torguoth oder Torguotus erinnert an die chine- 
sische Form des Türkennamens: Tut-kut, ἃ. 1. Turkut. 


Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen. 


Abdagases 80 A. 3. Din 215 Α. 7. 
Abdus 81. Drstamat 237 A. 4. 
Acbatana 152. 

ee rn Ebimaris 217. 
Amalchius 84. : : 

An-ts’ai 83—85. 240 £. a he 
Anzan 155 A. 


2 β farnah- 184 A. 
Anzean-zor 138 A. 1. Frasargida 155 A. 


Arabion, castellum Arabionis 233.| 2 - 
Arasmi 941. fräta 121. 198 A. 1. 
Arevbanos 233. 


aric 104 A. 3. 132 A. 2. Gamir 112 A. 1. 
Ariobarzanes 34. 67. 72. Gandumawa 180. 
Arkadris 154. Garmapada 129. 
Arsi 85. 241. gas 80. 

Arzoae 85. Gaugamela 25 A. 
Asagarta 174. 176 A.5. Gögmal 25 A. 
Asguzäia 112. (Grometes 146. 
Asmaka 247 A. Guruhä 244. 
Adrina 162 A. 2. Gylaces 237 A. 4. 
Azdgar 217. 


Habirdip 137 A. 
Hajr mardpet 236. 


bagajäda 132. 135. Hal-Habirdipe 137 A. 
Bagajaric 132. Hartukka 185 A. 
Bardija 136 A. 5. Hrotic‘ 199. 
Birastes 217. . Hutana 162 A. 1. 
Bohtän 173. 
Buebar 217. Istunda 117. 

jarie s. arie 
Cambades 165 A. 4. Jautijä 144. 169. 174. 176. 
Cambalidus 165 A. 3. 
Camissares 106 A. 4. K da 165. 
Chaltojarit 104 A. 8. 132 A. 2. | Kapita 180. 
chan, chana 180. Käpisakanis 180. 
Charrae 34. 67. Kasak 27 A. 141 A. 5. 
Croucasis 81. Kasp 27. 141 A. 5. 


Cen-bakur 6. Kz 29. 


254 J. Marquart, 


Krmäna 144. 176 A. 5. Qaräinaka 184 A. 
Kukajarie 132 A. 2. Que 101. 
Kurd b. Mard 137 A. 173. 


Sakäh Haumawargäh 86. 137 A. 


Laböbnä 81 A. 2. 140. 142. 242. 


lamıX Sanatrük 18 A. 2. 218 ff. 
Lusat’aric 104 A. 8. 133 A. 3. Sander ἼΣΑ δ: 


Sandaramet 105 A. >. 


Ma&nacha 67. Sanot 18 A. 2. 
Maka, Mäkara 174. Santaksatru 88. 105. 
Mard s. Kurd b Mard. Sapin 216. 

Mareri 205. Sauromaces 31. 
Märgandak 72 A. 3. Scolopitus 78. 
Margazana 182. Silices 24 A. 

Maria 63. Sinnaces 81]. 
Mädrawäka 17. Sitrae 24 A. 

Meurk‘ 236. spah 18 A. 2. 

Met 236. Sppätaza 105 A. 5. 
Memarmali 67. Stranga 233. 

Mergis 137 A. 146. Su-p’an-fat-sut-tu 248. 
Mokk‘ 174. Sata-upairi-saena 73. 
Moscheni 174 A. 4. Salatura 246. 


Muzri 15 A. 4. 101. 104. 236. 


Mzur 15 A. 4. 237. Tardamü 106. 


Teuspä 105 A. 5. 


N 44 A. 2. 66. Tirari@ 132 A. 2. 
Nisaja 158 ff. Tuktamme 105. 
Nissa 160 A. 2. Tunäja 113. 


Nysa 243. 248. 
Ustanni 115 A. 162 A. 1. 


Olakan 236. 

Olotoedariza 133 A. Volagases 80. 

Oropastes 146. 

Ötene 174. Wachsuwarja 26 A. 2. 41 A. 
Watarsapat 226 A. 2. 
Wehkart 76. 

Pahlaw 170 A. 1. ; ä 

PT ἢ Windahfarräh 183 A. 4. 

Paradäta 76. N 

Parapanisos 95. 248. 250. Ziata 15 A. 5. 

Pariani 144 A. 4. Zit‘-aric 132 A. 

Parisigäje 216. Zutarimaj 133 A. 

Par-üparaesanna 73. 

Pastün 177. 

Patu%’arra 72. 

Pesdäod 76. Alykoi 171 A. 1. 

Phasiace 217. Aivia 174 A. 4. 

Plinos 78. Akoyodon 80. 

P’ok-tat 175 £. Auegdoı 25 A. 2944 737.180 

P’o-lo-si-na 75. Auparaı 5. “αμβάγαι. 

Pouruta 78 ἢ. 175. Auuwasens 36. 

Psacae 88. Auooyns 86. 137 A. 138. 

Psaceani 88. ᾿Αμύργιοι 86. 

pük, puk 198. Augısonvn 188 A. 

Pulumäji 232. "Aoovog 86. 


Puskaläwati 179. | A4ooooı 85. 240. 


Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen. 255 


Anragdraı 175. Κασπάπυρος 140. 178. 242. 246 Α. 8. 
Agdäns 233. Κάσπιοι 27 A. 3. 140 ff. 
Agayarös 176 A. 4. 179 A. 2. Κολάξαις 79. 


Aoßavomolıs 232. 
Aeylumase 90. 


“4ργιππαῖοι 90. “αβδάνης 80 A. 3. 
Agıueomol 9. “αμβάγαι 178. 
Aguevio N βραχυτέρα ΘΙ Α᾿ ὃ, “απάτες 78. 
‚Agoivos 236. Azvaoovgoı 108. 
᾿Αρσῖτις 241. Auyves 109. 
᾿Αρταξίας 98. “ύγδαμις 105. 


᾿Δρταφρένης 161 A. 2. 
᾿Δσπάσιοι 247 A. , 132 135 
Ascaunvoi 247 A. he 129 er F 
audvns : 
᾿Αστάσπης 161 A. 2. Muudd 190 
᾿Αστράμψυχος 211. re Ξ 
Μάραφις 137 A. 
Aston nyns 233. Mdodıe 137 A. 
rt: Μάρδοι 25 A. 40 A. 2. 57. 137 A. 
εἰν: μουν ἡ E s. auch μαρδοι. 
'ΜΜασσαγέται 77f. 136. 240. 
Bavdoßnvn 245. 247. Ματιανή 100. 
Βαρξαφραμάνης 185 Α. Μερδίας 137 A. 
Βαρξαφράνης S. BERENBenlIaenE- Meegıs 137 A. 
Βαρκάνιοι 143 A. 1. 144 A. 4. 170 Μιϑράκανα 129. 
Α. 2. Μύκοι, Μυκοί 174. 
Βασγοιδάριξα 188 Α. 
Βούμωδος 25 A. 


ΠΑΝ 'Καβολῖται. Ναπαται 78. 
ὠλῖται 8. Καβολῖται Νησαία 66. 72 Α. 1. 


Νιφάτης 186 Α. 


Γάβαι 82. 

Γαξακηνή 108. 

Γερμάνιοι 144. 176 Α. 5. ΟΑΧΡΟ 26 A. 2. 

Γοιτόσυρος 90. Οἰόρπατα 79. 

Tovowiog 245. Ὀμάργης 86. 137 A. 

Γωρύα 245. Ouderns 241. 
Ὀναφέρνης ΣΝ 

Aadincı 28 A. 175. Ὀξυάρτης 26 A. 2. 

Ζ4αϑουσα 212. Ὀξυδάτης 26. 

να 115. Ὀξυδραάνοι 27 Α. 

Ζαρεῖται 28 Α. Ὀστάνης 162 A. 1. 

“Ζαφέρνης 161. Οὐιτία 174. 

Ζέρβικες 139 Α. 1. 170 Δ. 2. Οὐρβανόπολις 252 τ. 


Οὔτιοι 144. 114. 
᾿Εκβάτανα 152. 


᾿ἙἘωρεῖται 178. παγαίη 18 A. 2. 
Παζάτης 145 A. 4. 211. 

Θαμαναῖοι 144. 176. Πάκτυες 175 ff. 

Θαμάσιος 106 A. Πακτυική 171—175. 178 ἢ. 
Πάλοι 78. 

Ἰάνδ 98, Πανϑιαλαῖοι 80. 

ΤῊΣ a 98, Πανξούϑης 145. 

0005 Παραιτακηνή 99. 

Ἰνδοὶ οἱ εὐδαίμονες 282. Παραλάται 79. 81. 
Παργυῆται 178. 

Καβολῖται 178. Παρμίσῃς 73. 


Καραμβύκας 96. 250 A. 5. Παρνασσός 76. 


200 


Παρνησός 75. 
Παρουηταί 74. 
ΠΙαροῦται 74 A. 1. 175. 
DIeooınraı 177 £. 
IIeoravrınnvn 40 A. 2. 
Παρυάδρης 72. 
Πασαργάδαι 154 A. 5. 
Πασιρέες 216. 
Πατιξείϑης 145. 
Ilnuvgıov 245 f. 
Πολύμιος 232. 


Ρευξιναλοι 79. 
ἱΡωξολανοί 79. 


Σαγάρτιοι 24 A. 
Σανδώκης 88. 105 A. 5. 
Σαραμάννη 63. 

Σάρβα 60. 

Σεκυνδιανὸς 72. 137 A. 


Σιγριανή, Σιγριανική 23 und Α. 4. 


Σίγυννοι 171 A. 1. 
Σίδικες 24 A. 

Σιλάκης 8. 

Ziovy& 62. 

Zxokos 79 A. 4. 112 A. 2. 
Σ κόλοτοι TEL. 

Σικύϑαι 112 Α. 2. 

Σμέρδις 145. 

Zusodouevns 186 A. 
Zovdage 105 A. 5. 
Σουσία 65. 

σποῦ 90 ἢ. 

Σύδροι 118. 

Σφενδαδάτης 108 A. 5. 136. 


Taßınvn 42 A. 3. 
Ταγαί 21. 54. 
Ταλαβρόκη 63. 
Τάμβυξοι 247. 
Τανυοξάρκης 138. 
Τάπη 21. 68. 


Τάπουροι 28 A. 33 A. 3. 40 A. 2. 


50. 57. 
Τερβισσοί 139 A. 1. 
Τηλεβόας 236 
Τουριούας 81 A. 3. 


Ὕπανις 94. 
Toravns 162 A. 1. 


Φρανιπάτης 185 A. 
Φωκλίς 179 A. 2. 


Xoconns 244 ff. 248. 
Xogoa@vn 40 A. 2. 71 A. 4. 


J. Margquärt, 


«Χωραμναῖοι 143 A. 5. 
«Χωρομιϑρηνή 24 A. 72. 


Ψευδαρτάκη 88. 


Össetisch. 


äfsad 88. 

ary 86 Α.1. 

art‘ 88. 

fallag 95. 

fandag 93. 

fuss 90. 

jäfs 88. 

kalin, kälin 250 A.5. 


Armenisch. 


wzwbunggf 82. 
rg lurggruny 89, 


Jap οὔ εὐ). 82. 


Chwärizmisch. 


9} 199. 
sms 198 A.2. 199. 


„ul: 198 A.3. 


Sogdisch und Faryänisch. 
el 198 A.3. 


UN 198 A.4. 201. 
„äh 198 A. 4. 201. 
wmmö 200 A. 8, 
& 6 A.2. 901. 
ὐζαθ 129. 198. 


BE 6. 134. 


' Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen. 


ἐ 53 198. 
2 200 Α. 1. 

ξ Bluns 198. 
eyiar 200 A. 8, 


Sagzi. 
jo οὐδ 199. 
Ἰφβίασ αν 199. 
je 199 Α. 1. 


Persisch-arabisch. 


MI 57. 

Da) 284. 
ed! 27. 29. 88. 
λα θὲ 82. 

& 6.4. 8. 

δὶ. 6 Α.9. 
552. 6. 184. 
m 127 Α. 9. 
ee 71 A.1. 
UN5> 240. 

> ı. 

zrr (5}0 160. 
Gew 62 A. 1. 

62. 
roll 298. 
DEN ‚25 108. 


let 53. 

Sub 62. 

za! 160. 
Usb 56. 
URNE 180. 
nl 4 A. 8. 
sa 32. 
SnzmlS 28 A. 
yamia δυο 24 A. 


we In 214 A. 6. 


za 56. 


izlalt zur 159 £. 


00% 174. 
Karls 89. 


ἰδ" 180. 
“19 214 A. 6. 


“Das/ 81 Α. 9. 


ἸῸΝ 112, 
“ıAmoIg 282. 
DT 26 Α. 9. 
ΓΙ ΞΩῚ 86, 


44.}, 11. 


Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 


325% M> 15 A. 4. 101. 108. 


Aramäisch. 


HM, a Jan 234. 


9 N.D9 j030 240. 


17 


257 


258 J.Marquart, Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen. 


aaa 81. 

μϑοξὰ 81 A. 2. 
0 10. 
TOR 121. 
SON 17. 

um 10. 

un 81 

oo (j00 727) 115 A. 


NED, „aDım 63 A. 


u) 8 11. 80 Α. 8. 
IT 8. 
.].μαλ 80 Α. 8. 
ὅ,μαϑ 11. 80 Α. 8. 
25:9. Ὁ 217. 
NY7nmD 121. 

La203 176 Α. 4. 


mn (MTOnN) 106. 
nn 114 Α. 1. 


Druck von @. Kreysing in Leipzig. 


Οεἰψακοθδνσηρ 
Strei ἫΝ ἢ 
206 Α.4.. 


DIE πῶ τ, 


RLIEFERUNGSGESCHICHTE 


DES HORAZ 


4 
M 


» 
Ἵ 

1% 
ἢ 


Bi VON 
ΝᾺ A 


0000 FR. VOLLMER. 


18 


y 7 ες 
Va! 
Μ' "“- 
7 ἑ 
͵ 
ια Ά 
"Ἢ \ 
N δ 
9 
Br ἡ 
DE ide 
' 
Ὗ 


‘Cum... pauci veteres scriptores traditione, ut ita dicam, 
tam firma et certa ad nos propagati sint quam Horatius, cre- 
das, emendationi in eo exercendae fines satis angustos prae- 
scriptos esse’ M. Hertz, ind. lect. Vratislav. 1889 p. 6. ‘Bei 
einem so gut erhaltenen Texte, wie es der des Horaz ist, spielt 
die emendatio oder die divinatorische Kritik keine große Rolle, 
aber eine noch geringere die recensio oder die Zurückführung 
des Textes auf die älteste und treueste Form der Ueberliefe- 
rung. Aber gleichwohl darf doch auch bei Horaz die recensio 
nicht ganz vernachlässigt werden’ W.v. Christ, Horatiana, 
"Sitz. Ber. ἃ. bayr. Ak. d. Wiss. philos. hist. Classe 1893 I 
p. 83. ‘Für Conjecturalkritik ist im Horazischen Text wenig 
Raum’ W.S. Teuffel-Schwabe, Gesch. ἃ. röm. Litt.* p. 502. 
‘Die Kritik des Horaz beruht auf dem codex antiquissimus 
Blandinius®’ M. Schanz, Gesch. d. röm. Litt. II 1? p. 125. 
‘Happily the text of Horace is one in which, if some points 
must always remain in uncertainty, the uncertainty is of a 
very bearable kind. The worst result of a bad judgement 
will usually be only to prefer the least probable of two rea- 
dings, either of which has much to say for itself, makes good 
sense, and has been supported by great scholars’ Horace, by 
E.C. Wickham, Ip. XII. 

Diese kurzen Citate geben wohl die Hauptgedanken der 
gedruckten communis opinio über Horazkritik wieder; den 
überlieferten Text anzuzweifeln oder gar eine Conjectur im 
Horaz zu machen gilt noch heute in weiten Kreisen als Spie- 
lerei oder beinahe als Blasphemie; Gewohnheitsmeinungen 


entscheiden: Bentleys und Meinekes kühnes Angreifen der 
18 ἢ 


262 Vollmer, 


Ueberlieferung gehört der Geschichte an, um zu schweigen 
von Hofman-Peerlkamps Athetesen; im Horaz-Text 'giebts 
nichts mehr zu tun’, höchstens wird gelegentlich zwischen zwei 
handschriftlich bezeugten Lesarten gewählt, sonst müssen 
Haupt-Vahlen’s, Hertz’, L. Müller’s, Kiessling’s Texte als Grund- 
lagen für sachliche und sprachliche Behauptungen und Unter- 
suchungen genügen. 

Und doch ist die kritische Ausgabe des Horaz schon 
1864—69 erschienen (13 ed. Keller-Holder 1899): dort 
lag das kostbarste Material, mit unendlichem, nie genug an- 
zuerkennendem Philologenfleiße zusammengebracht, vor. Wa- 
rum lag es, von kleinen Erträgen hier abgesehen, brach? 

Aber lag es denn brach? Ein Beispiel möge zeigen, daß 
nicht einmal die recensio zu Ende geführt worden ist. Ich 
habe noch keine nach Keller-Holders grundlegendem Werke 
erschienene Horaz-Ausgabe kennen gelernt, in der nicht (wie 
bei K.-H.) nach den ältesten Drucken zu lesen wäre carm. 
[ΡΒ δ 

Lydia, dic, per omnis 
te deos 070 668. 

Und doch ist der gesicherte Beweis in dem von Keller-Holder 
und ihren Vorgängern zusammengetragenen Material beschlos- 
sen, daß diese Fassung der Verse nicht die des Horaz, sondern 
die eines Karolingischen Glossators ist. In v. 2 haben alle 

unsere guten Hss. beider Klassen, wie ich sie unten scheiden 
werde, hoc deos vere; aber das besagt nicht sehr viel: aus- 
schlaggebend ist, daß im 1. Jahrh. nach Chr. Caesius Bassus 
(gramm. VI 270, 14) und nach ihm Victorinus (ibid. p. 87, 15. 
166, 1) und Fortunatianus (ibid. p. 300, 27) mit ausdrück- 
lichen Worten diese Lesart bezeugen, indem sie sie be- 
handeln und von ihr ausgehen!). Und aus derselben Quelle 
stammen die nicht ausdrücklich die fraglichen Worte sichern- 

1 Im kritischen Apparat von K.-H. ist diese Tatsache, wie leider 
auch so viele andere gleicher Art, dadurch verschüttet, daß die bloßen 
Worte der immer wieder nach dem Schultexte interpolierten Lemmata 
der Metriker als den ausdrücklichen Meinungsäusserungen gleichwertig 
verzeichnet sind. Kein einziger der von K.-H, für te deos oro oder hoc 
deos oro angeführten Grammatikernamen bezeugt wirklich diese Lesarten. 


Ebenso haben die Metriker in den Lemmata z. B. die falschen Lesarten 
1, 20, 1 potabis, 1,23, 1 Vitat. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 263 


den Zeugnisse des Diomedes (gramm. I 508, 37. 520, 27) ?). 
So verstehen sich denn leicht die aus dieser alten Ueberliefe- 
rung entstandenen zwei verschiedenen späteren Fassungen: hoc 
deos oro (ör) und te deos oro ΕΝ] (lemma Porph.): sie stellen 
nur zwei verschiedene Stadien des Eindringens der zu der Be- 
schwörung per ommis deos übergeschriebenen Glosse te oro dar. 
Es leuchtet ein, wie wichtig die recensio dieser Stelle für die 
Wertung der Hss.-Gruppen ist. 

Dies für den Zustand der gebräuchlichen Horaztexte wirk- 
lich bezeichnende 5) Beispiel ist aber nun leider nur ein Bei- 
spiel, nicht eine Ausnahme: es gehört zur Tragik der Geschichte 
auch unserer Wissenschaft, daß fast übermenschliche ἄϑλα 
den bewundernswerten Ringer im letzten Augenblick um den 
Diegespreis betrügen. So ist es mit der Keller-Holderschen 
Horazausgabe gegangen: im siebenten curriculum sind die 
Rosse ausgebrochen und der Wagen hat die creta nicht er- 
reicht. Wir danken den beiden emsigen Gelehrten eine fast 
überreiche, höchst fruchtbare, aber noch nicht bis zu Ende 
durchgearbeitete und darum hie und da trügerische Stoffmasse; 
zu leisten bleibt die Geschichte und damit die Kritik dieser 
Ueberlieferung mit der recensio des Textes: dann wird sich 
zeigen, daß auch der emendatio noch genug zu tun bleibt *). 

Daß es so mit dem Horaztexte steht, wird, um von den 
Griechen zu schweigen, den nicht überraschen, der weiß, wie 
es mit den übrigen lateinischen Klassikertexten bestellt ist: - 
die Autoren, für welche Ueberlieferungsgeschichte und recen- 
sio in guter oder auch nur in ziemlich ausreichender Weise 


?) Mit völlig treffendem Urteil hat diesen zweiten Vers schon ge- 
legentlich im Jahre 1869 behandelt Usener Rhein. Mus. 24, 337, ohne 
freilich der Sache weiter nachzugehen, weil es ihm auf anderes ankam, 
Von falschen Voraussetzungen aus besprach die Stelle W. v. Christ, 
die Verskunst des Horaz, Sitz. Ber. bayr. Ak. 1868 I p. 26, 4. 

ὅ Daß mit diesem Urteile keinem der durch sachliche oder sprach- 
liche Beobachtungen ausgezeichneten Horazforscher zu nahe getreten 
werden soll, brauche ich wohl nicht zu versichern; die recensio war 
eben nicht geleistet, das führte alle in die Irre, die sie geleistet glaubten. 

*) Ebenso wie ich urteilt F. Leo, Gött. gel. Anz. 1904, 849 ff., 
durch dessen Güte mir seine Abhandlung zuging, als diese meine Unter- 
suchungen schon einige Monate geführt worden waren. Auf Leo’s eigne 
Skizze der Ueberlieferungsgeschichte des Horaz werde ich unten zurück- 
kommen, da ich in wesentlichen Punkten zu andern Ergebnissen ge- 
langt bin, ’ 


264 Vollmer, 


geleistet sind, lassen sich an den Fingern herzählen ; die über- 
wiegende Masse, ich nenne nur Terenz, den größten Teil von 
Cicero und Livius, Ovid, harrt noch der bis ans Ziel dringen- 
den Arbeiter. 

Ich will im folgenden den Versuch machen die wichtigsten 
Zeugen über die Haupttatsachen der Textgeschichte zu verhö- 
ren: von vorn herein muß ich mich auf die Hauptsachen be- 
schränken aus dem Grunde, weil ich die Hss. des Horaz nicht 
selbst gesehen und verglichen °) habe, andrerseits die Hss.-Be- 
schreibungen bei Keller-Holder für genauere Untersuchungen 
nicht ausreichen. Freilich läßt sich bezweifeln, ob es je ge- 
lingen wird die Derivationsverhältnisse aller einzelnen Hss. 
mit Sicherheit festzulegen : jedenfalls gehört die Aufgabe ins 
Gebiet der mittellateinischen Philologie und läßt sich nur im 
engsten Zusammenhange mit der Kloster- und Gelehrtenge- 
schichte des 8. — 10. Jahrhunderts lösen. Das aber muß ich 
anderen überlassen. 

Naturgemäß geht der Sichtung und Wertung der Hess. 
voraus was wir von älteren Zeugen über die Geschichte des 
Dichtertextes erfahren. 


I. 


Diese indirecte Ueberlieferung‘) des Horaz 
ist, soweit ich sehe, noch nirgend im Zusammenhange genü- 


5) Diese Arbeit haben Keller-Holder wie es scheint in der vorzüg- 
lichsten Weise geleistet: was mir eine Controle ermöglichte, die vor- 
trefflichen Lichtdrucke bei Chatelain, paleographie des classiques latins, 
bestätigte bis auf kleinste Kleinigkeiten die Treue und Gewissenhaftig- 
keit der Vergleicher. Zur Nachvergleichung von Blieh mir Traube den 
herrlichen Band der Hagen-Sijthoffschen Ausgabe: den Oxon. hat mir 
für alle wichtigen Stellen M.E. A. Winstedt in freundlichstem Ent- 
gegenkommen verglichen, auch die Photographie einer Seite besorgt. 
Wickhams Collation ist, wie ich vermutete, vielfach ungenau. Uebrigens 
hat O, der aus dem XI., nicht aus dem X. Jahrh. stammt, für die re- 
censio gar keinen Wert, da er vollständig Mischhs. ist und von ® ebenso 
abhängig wie etwa u (Paris. 7973). Ich führe seine Varianten (O) hier 
im Aufsatze nur mit an, um dies Urteil zu beweisen, werde sie in der 
Ausgabe weglassen. Daß ich in den folgenden Listen ab und zu das 
Material kürze, bedeutungslose Einzelheiten beiseite schiebe, wird man 
mir hoffentlich nicht vorwerfen, sondern danken. Unsere Wissenschaft 
leidet heute gerade genug durch übertrieben pedantische I-Tüpfelchen- 
Zusammenstellungen. 

6) Ich übergehe in der folgenden Zusammenstellung absichtlich die 
sogenannten Nachahmungen bei Dichtern wie Prosaikern: nur die we- 
nigen Stellen, wo sie eine Variante ergeben, berühre ich. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 265 


“gend behandelt worden’). Ist sie auch nicht so reich und be- 
deutend wie bei Plautus ®) oder wie die von Ὁ. Ribbeck (Pro- 
lesomena p. 200 544.) gesammelte des Vergil, so hat es sich 
doch bitter gerächt, daß man sie vernachlässigte ὃ). 
| An ihrer Spitze stehe — Scherzes halber — Horaz 
selbst: nicht weniger als 5 ganze Verse wiederholt der Dichter 
in seinen Werken 19), vier ganz sicher als Selbsteitate: sat. 1, 
4,92 ego si risı (1, 2, 27) quod ineptus *pastillos Rufillus olet, 
Gargonius hircum’, dann Pantolabo scurrae Nomentanoque ne- 
‚poti (sat. 1, 8, 11. 2, 1, 22), weiter epist. 1, 1, 56 haec recimunt 
iuvenes dictata senesque “laevo suspensi loculos tabulamque 
lacerto’ (sat. 1, 6, 74), und carm. 4, 1,5 desine dulcıum "ma- 
ter saeva cupidinum’ (carm. 1, 19, 1); zweifeln kann man bei 
epist. 1, 6, 28 und sat. 2, 3, 163 quod (si) latus aut renes mor- 
bo tempiantur acuto, vielleicht liest Lucilius zu Grunde. 

Wie wichtig diese Art der Ueberlieferung ist, zeigt sich 
uns schon beim ersten Schritte. Denn der Vers sat. 1, 2, 27 
— 1,4, 92 pastillos Rufillus olet, Gargonius hircum hat die 
Doppelung der Tradition dringend nötig, um sich zu verteidigen 
gegen den zeitlich folgenden Zeugen, Seneca. Dieser bringt 
in den Episteln drei directe Horazeitate (sat. 1, 2, 27. 1, 2, 
114 Εἰ, 1,3, 11 ff); die beiden letzten stimmen zu unsern 
Hss.!!), aber eins giebt eine erhebliche und wichtige Abwei- 
chung: Buccillus statt Rufillus der Hss., zwar nicht ausdrück- 
lich, aber 3mal; und es ist gänzlich unwahrscheinlich, daß 
mittelalterliche Schreiber in den Seneca-Hss. einen Namen 
interpoliert hätten, den wir heute mit Mühe durch ein paar 
Steine belegen können. Auch giebt die Stelle Senecas (epist. 


”) Denn Kellers Epilegomena 5, 799 bringen nur eine ganz un- 
kritische und unvollständige Citatenhäufung. Natürlich verdanke ich 
den größten Teil des Materials Keller-Holders Apparat: daß ich alles 
selbst nachgeprüft und ergänzt habe, wird sich ja wohl zeigen. 

8) Siehe jetzt die äußerst bedeutsamen Sammlungen bei Lindsay, 
ancient editions of Plautus, Oxford 1904 8. 2—35. 

’ 9) Wie z. B. die Verdächtigung von carm. 1, 12, 37—40 durch die 
Zeugnisse des Quint. Prisc. Schol. Stat. einfach abgewiesen wird. 

10). Nicht hieher gehört der aus üblicher Wendung gebildete Halbvers 
sanum recteque valentem epist. 1, 7, 3. 1, 16, 21, eher sat. 1, 6, 6. 45. 46. 
4 Ἢ Die Abweichungen in sat. 1,3, 14. 15 sind Schreibfehler der 

en.-Hss. 


266 Vollmer, 


86, 13) nicht den mindesten Anhalt zu der Vermutung, daß 
der Briefsteller etwa scherzhaft dem Rufillus des Horaz einen 
Buccillus seiner eigenen Zeit substituiert hätte. Also es bleibt 
nichts übrig: Seneca las in seinem Horaz wirklich Buceillus. 
Dann irren unsere Horaz-Hss., denn leicht war eine Stelle 
nach der andern abcorrigiert? Es wäre möglich, da in der 
Capitalschrift BVCILLVS schon zu RVFILLVS werden konnte, 
und ich meine, diese Möglichkeit müssen wir, wo doch, wie 
wir unten sehen werden, unser Horaztext nur auf einer einzi- 
sen Hs. des 6. Jahrh. ruht, durchaus offen halten. Immerhin 
kann, obschon andere Zeugen zu den Hss. hier nicht hinzu- 
treten, RVFILLVS richtig sein. Einmal ist auch dieser Name 
durchaus nicht häufig; sodann aber bietet sich die Möglichkeit, 
daß wir hier die Hand des Probus verspüren. Es ist sehr gut 
denkbar, daß in der Zeit vor Seneca die falsche Lesung 
BVCCILLVS in die Hss. eindrang, daß aber von Probus aus 
guten Quellen das Echte hergestellt wurde. — Bei Sen. findet 
sich ferner ein Horazeitat in der apocolocyntosis 13: belua 
centiceps carm. 2, 13, 34. 

Der nächste Zeuge für Horazworte nach Seneca ist Cae- 
sius Bassus: den bis heute verkannten Wert seines Zeug- 
nisses für c. 1, 8,2 habe ich oben 15) erörtert. 

Eine Stelle (serm. 2, 4, 12—14) paraphrasiert Plinius 
der Aeltere, ohne daß sich eine Variante ergäbe !?). 

Auf ihn folgt mit einer ganzen Reihe von Citaten 15) 
Quintilian, ein deutlicher Beweis für des Dichters Ver- 


12) 8, 962. 


12) Die wahrscheinlich aus Plinius’ grammatischen Werken genom- 


menen Horazeitate bei späteren Grammatikern hat gesammelt Münzer, 
Beiträge zur Quellenkritik der Naturgesch. ἃ. Plinius 8, 44 Anm. Es 
sind folgende: Plin. libr. dub. serm. ed. Beck p. 80, 23. 53, 10. 62, 10. 
63,11. 77,9. Aus Zweckmäßigkeitsgründen und weil man nicht wissen 
kann, ob die späteren nicht eventuell nach ihren Horazexemplaren die 
Citate änderten, lasse ich hier und andern Orts die Citate ihren jetzigen 
Quellen, Charis. und andern. 

141) carm. 1, 4,13.. 1,12, 1. 1, 12,41., 1, 14,43. 1, 15, 2472748726. 
3, 6, 36. 4, 2, 11. 4,13, 12. sat. 1, 1, 100. 1, 4, 11. 1, 6, 103 (oder epist. 2, 
1, 192?) 1, 10, 44. 2, 6, 84. epist, 1,1,41. 1,1, 73. 1,5, 23. ars poet. 1—2. 
25. 63f. 139. 311. 359. 388. 401. Ich nenne hier und im folgenden nur 
die Horazstellen, die Stellen der Citierenden sind leicht bei Keller- 
Holder oder in meiner demnächst erscheinenden Ausgabe zu finden. 


“ἀν, Me er 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 367 


breitung in den Schulen 1). Manche dieser Citate sind frei 
fearm., 1, 12,1. 2,13, 26 sat. 1,4, 11. epist. 1, 1, 78. 1, 5, 23 
ars 399. 388. 401), andere gekürzt (sat. 2, 6, 84 nee... cice- 
ris; ars 25 ein paar Worte und dann et quae secuntur) ; 
Schreibfehler der Quint.-Eiss. c. 1, 14, 2 accipe statt occupa, 
4, 2, 11 solutus st. solutis; sonst stimmen die Lesungen zu 
den Horaz-Hss. bis auf ο. 1, 12, 41 intonsis, wo die Horaz- 
Hss. geben incomptis. Scharfsinnige Leute haben auch wirk- 
lich intonsis verteidigen zu können und zu müssen geglaubt 16) ; 
es muß vielmehr völlis außer betracht bleiben, einmal weil 
es Quint. durchaus nicht ausdrücklich bezeugt, weiter weil zu 
den Horaz-Hss. als ausdrücklicher Zeuge Servius tritt und 
außerdem incomptis auch in des Charisius Horaz stand: Quint. 
hat aus dem Gedächtnisse citiert, vielleicht auch Glosse für 
Text genommen. 

Hätten wir doch irgend ein Zeugnis über eine Lesung 
des Probus im Horaz! Sie würde uns wahrscheinlich manche 
Ansicht und Aussicht klären. Jetzt wissen wir nicht einmal, 
ob seine Ausgabe eine commentierte!”) oder nur ein Text mit 
kritischen Zeichen gewesen ist: im letzteren Falle konnten 
ganz gut von ihm getadelte Lesarten unter Weglassung dieser 
Zeichen einfach fortgepflanzt werden. Nur zwei echte Citate 
haben wir von ihm: carm. 3, 27, 31. 32 hatte er im Commen- 
tar zu Vergil (Aen. 9, 373 vgl, schol. Veronensia ed. Hagen 
p. 441, 15) adnotiert, von wo sie Servius übernahm ; ferner 
scheint doch die doppelte Tradition (Diomed. gramm. I 400, 10 
ohne des Probus Namen; Exc. Lavant. gramm. V 326, 4 mit 
Valerius) zu beweisen, daß er in einer einleitenden Abhand- 
lung über Declination ars poet. 60—62 citiert hatte: die Ver- 
derbnisse im Citat kommen natürlich nicht auf seine Rechnung. 


15) Ich verstehe nicht, wie immer und immer wieder Friedländers 
Commentar nacherzählt wird, zu Juvenals Zeit hätten die Büsten 
von Vergil und Horaz in der Schule gestanden: Juv. 7, 226 cum totus 
decolor essei Flaccus et haereret nigro fuligo Maroni hat schon der Scho- 
liast richtig von codices verstanden: bekanntlich fällt der Ruß (das 
heißt fuligo, nicht Rauch) schwalchender Lampen auch auf offene Rol- 
len nieder. 

16) 2. B. Kiessling im Commentar. 

17) Wahrscheinliche Spuren von Probus’ commentierender Tätigkeit 
wird demnächst Gudeman behandeln. 


268 Vollmer, 


Ich reihe an die Citate in den catholica (carm. 1,4, 1. 1, 14, 
17. 1, 30, 2. 1, 36, 13 epod. 9, 22 serm. 1, 5, 46 ars 139) und 
aus der app. Probi (epist. 1, 2, 53), die keinerlei Variante er- 
geben. 

Das einzige griechische Citat zum Texte des Horaz giebt 
uns Plutarch (epist. 1, 6, 45): eine Variante ist nicht zu 
erschließen. 

Weitere wenige Citate aus dem II. Jahrh. haben Sueton 
in der vita Horati (epist. 2, 1, 1--- 4), Juvenal (carm. 2, 
19,5) Scaurus (ars 75), Gellius (carm. 1, 3,4 oder 3, 
27, 20 in den noct. Att. 2, 22,2; serm. 1,5, 78), Fronto 
(serm. 2, 3, 253—257 mit verschiedenen Fehlern, aber auch 
der richtigen Form cubital gegen cubitale unserer Hss.); ich 
reihe an das Citat, das Kaiser Marcus Aurelius gebraucht 
haben soll (carm. 1, 17, 13 £.). 

Eine wirkliche Variante giebt allein Fl. Caper zu carm. 
1, 13, 2 Zactea statt cerea der Hss.; cerea ist auch bei Serv. 
ausdrücklich bezeugt 18). 

Aus dem Ill. Jahrh. kenne ich — denn Porphyrio muß unten 
im Zusammenhange mit der Horazüberlieferung behandelt wer- 
den — nur wenige Zeugnisse: Censorin citiert (17, 9) aus 
dem carm. saec. v. 21—24 mit verschiedenen Schreibfehlern der 
Hss., aber doch auch mit erwünschter Bestätigung von Zobiens 
in Klasse I. Serenus der Receptendichter führt an serm. 
2, 4,28. Sacerdos hat folgende Stellen: carm. 1,4, 8 
mit οὐδέ gegen writ, 1, 9, 7 mit deprome gegen depone, 1, 
36, 14. epod. 6, 5. sat. 1, 6, 69 ars 75 f. mit inclusa est gegen 
iunctis, T7 ΕΗ, 90 f. 251. 254—6. 257—8. 

Im IV. Jahrh. bringt zunächst Lactantius eine Reihe 
von Stellen (carm. 1, 22, 1—8. 3, 3, 1—4 bestätigt solida, sat. 
1, 8, 1—4, epist. 1, 1,41); nur 5 Stellen giebt Nonius (1, 
18, 5 crepat ausdrücklich bestätigt gegen die Glosse increpat; 
4, 14, 27 £. mit der lehrreichen Corruptel minatur statt medita- 
tur 15); sat. 1, 2, 89; 1, 3, 81 ligurrierit des Citats wegen in 
ligurrierat geändert, 2, 4, 73 frei citiert und noch dazu in den 


18) Vgl. unten S. 280 Anm. 35. 
19) Siehe unten S. 282 Anm, 39. 


- 
-- 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 269 


55. verderbt). Mehr hat Charisius?) (carm. 1, 1, 33. 


τ τυ. 1,12, 41 mit wncomptis. 1,29, 7£. 1,36, 8. 


| 2,18, 7f. mit clientae gegen clientes. 3, 1,17f. 3, 5, 10 mit 


et. 3, 14, 19f. mit vagacem, was ich trotz seiner Singularität 
beinahe für richtig halte, da Charisius durch die gute alte 
Bobbieser Hs. überliefert ist; vagantem der Horazhıss. kann 
Glosse sein, andere Zeugen fehlen. epod. 12, 25 verderbt, sat. 
1,1, 94. 1, 2, 89. (nicht 1, 9, 13). 2, 2, 122. 2, 3, 245. epist. 


1, 7, 22. 1, 16, 20. ars 75. 459). Fast ebensoviel Stellen giebt 


Diomedes aus (carm. 1, 6, 6 nach andern. 1, 9, 5. 1, 39, 


ΟῚ 2, 7, 3 nach andern. 2, 14, 1. 3, 24, 25. epod. 2, 21. sat. 
1,1, 94 mit Char., 1, 9, 54 frei citiert. ars 60—62. 179. 192 
mit Schreibfehler. 220—4 nach älterer Quelle verderbt. 220—1. 
_ 275—7, wo des Diomedes Text richtig peruncti sagt, während 


im Citat die Glosse infech eingedrungen ist. 288). 

An Char. und Diom. reihe ich eine Zahl der späteren 
Grammatiker an, deren Zeit unsicher ist, deren Citate aber ge- 
wiß zum größten Teile nicht auf eigene Lectüre des Dichters, 
sondern auf ältere grammatische Sammelwerke zurückgehen, 
Consentius führt an carm. 1, 9,1 sat. 1, 8,17. 1,10, 3. 
Begenus carm. 3, 21, 11 {, sat. 1, 2, 37 ars {9 1, 220 ff. 
(mit Diomed.), Macrobius sat. 2,4, 34; Cledonius giebt 
nur äußerlich betrachtet mehr aus: carm. 2, 7,3 mit andern, 
3, 5, 10 mit anderen (Wortstellung gestört). 3, 25, 2 mit 
anderen. 3, 27, 29. 3, 29, 37 mit Serv., 4, 11, 24 (epod. 4, 4). 
epod. 5, 1 mit anderen. epist. 1, 18, 79 corrupt wie bei Pom- 
peius. Dositheus hat sat. 1, 1, 94 mit anderen, 1, 2, 44 
cf. Prisc.; Ps. Sergius epist. 1, 15, 17 mit geänderter Wort- 
stellung. Pompeius bringt carm. 1, 9,5 mit Diom. (Ind. 


statt Particip für das Citat), 1, 18,15 cf. Serv., 2, 7,3 mit 
- anderen, 3, 1, 17f. mit anderen, 3, 23, 3 mit anderen, epod. 


17, 48 mit anderen, sat. 1, 10, 72, epist. 1, 18, 79 corrupt wie 


bei Cledon., ars 298 cf. Serv. Der Rhetor Rufinianus 
_eitiert sat. 1, 10, 20, Ps. Rufinian de schem. lex. epist. 1, 1, 


94—97. Der sog. Metrorius giebt den Vers epod. 12, 25, das 
carmen de fig. sat. 1,5, 23, der -Tractat de ultimis 


0) Ueber Plin. und andere Quellen dieser Grammatiker vgl. oben 
S. 266 Anm. 13. 


270 Vollmer, 


syllabis carm. 1, 6, 1 mit anderen, 1, 7, 32, ars 350 (cf. 
Serv.) und 377. Agroecius hat carm. 2, 13, 21 (cf. Serv.), 
epist. 2, 2, 170 mit falscher Lesung und Interpretation. Pho- 
cas giebt nur aus älterer Quelle (cf. Char. Prob.) carm. 1, 
4,1; der Tractat de dubiis nominibus eitiert carm. 
2,3, 6f. (ausgelassen te), 4, 6, 44 und sat. 2, 4, 33 (cf. Serv.). 
Endlich hat eine Glosse des Placıidus carm. 1, 83, 14 mit 
dem Schreibfehler continuit statt detinukt. 

Bedeutend ausgiebiger und wichtiger sind die großen Scho- 
liensammlungen zu verschiedenen Autoren. Freilich ist dieses 
Material nicht immer leicht zu benutzen: dieselbe Vorsicht, 
welche bei der Verwertung von Scholiennotizen für litterari- 


sche und sachliche Fragen angewendet werden sollte, leider ° 


oft nicht angewandt wird, ist auch bei den Citaten von nöten: 
unter den Einschiebseln und Anhängseln späterer, besonders 
Karolingischer Gelehrter, von denen unsere Scholien strotzen, 
sind auch solche mit Horaz-Citaten; auch in den neuesten 
Ausgaben, die mit der Vorlage des handschriftlichen Materials 
nach den besten Quellen nur ihrer nächsten Aufgabe genügen, 
liest man viel falsches Gut, das nie dem Serv. Don. oder Porph. 
gehört hat. Besonders schlimm steht es mit den Scholien zu 
Lucan, Juvenal und Persius, für die keinerlei verläßliche Aus- 
gaben vorliegen: in den Persius-Scholien finden sich, soweit ich 
sehen konnte, die Horazcitate fast nur in den Humanisten- 
Hss.: ich habe sie darum hier und in der Ausgabe ganz bei- 
seite gelassen, um nicht zu falschen Schlüssen zu verführen ; 
auch die Citate aus den Lucanscholien habe ich auf die Com- 
menta Bernensia Useners beschränkt, weil alles andere Mate- 
rıal unzuverlässig erschien. 

Es bringt eine große Zahl von Horazcitaten zunächst 
Donatus im a zu Terenz 3). Hier finden wir 
carm. 1,1, 19 ἢ. 1,3, 1. 1, 5, 5—9 (Schreibfehler Ei mürabi- 
Zur wie in RO). 1, Ü 17.1.19. 25, 1, US IO Teer 
3, 8, 5. epod. 5, 11, (mit Serv. Prise.). sat. 1, 4, 7. 2, 3, 216. 
2,4, 44 (mit Fecundi, freilich nicht ausdrücklich, gegen den 


21) Die Citate sind für die Ausgabe bis auf wenige, gekennzeich- 
nete, nachgeprüft in der sorgfältigen und höchst nützlichen Ausgabe 
von Wessner. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. >71 


"Bland.). 2, 6, 79—31. epist. 1, 10, 47. (1, 12, 19?). 1, 18, 69. 
2, 1,59. 2,1, 81 (Schreibfehler der Hss.). 2, 2, 75 (zweimal). 
ars 93. Dazu geben mit verschiedenen erwünschten Bestäti- 
‚gungen strittiger oder in den Hss. schwankender Lesarten die 
Excerpta de comoedia (Donat. in Ter. ed. Wessner p. 25) die 
Verse ars poet. 275—283. Keinen selbständigen Wert hat 
das Citat der ars des Donatus zu carm. 1, 6, 6. 

| Nächst Priscian die wichtigste Quelle indirecter Horaz- 
_ überlieferung ist der Commentar des Servius zu Vergil. 
Das erhellt klärlich aus der großen Zahl der angeführten 
Verse, rund 300, die hier alle herzusetzen keinen Zweck hat ??). 
Ich berühre nur die wegen Varianten bemerkenswerten Stellen : 
es zeigt sich, daß von den vielfachen Fehlern unserer Hss.- 
Klassen (namentlich der Gruppe ®) Servius völlig frei ist, denn 
_ natürlich darf man nicht Fehler, die in jeder Hs. von neuem 
vorkommen konnten, hier als Zeugen nehmen, z. B. colchos 
statt zolcos epod. 5, 21. 

Ebensowenig können für die Geschichte der Ueberlieferung 
verwertet werden nicht ausdrücklich bezeugte Varianten wie 
 carm. 1, 12, 11 Doctum statt Blandum, wo der Citierende nur 
das Verständnis des Citats sichern wollte. Aehnlich Nee statt 
Et carm. 1, 14, 5, Attollens statt Et tollens carm. 1, 18, 15, 
carm. 1, 34, 6 im Citat ausgelassen, 2, 16, 15. 3, 4, 77. 3, 10, 
14. 4,6, 26. 4,7, 25. 4, 8, 6 Qualis, serm. 1, 2. 29 tegit, epist. 
1, 2, 65 cervinam catulus statt tempore cervinam; Gedächtnis- 
fehler scheint epist. 1, 3, 19 vulpecula ausdrücklich statt cor- 
nicula. 

An anderen Stellen bleibt unsicher, ob wir von Servius 
gelesene Varianten oder Schreibfehler der Servius-Hss. anzuer- 
kennen haben: so crepet carm. 1, 18, 5 statt crepat, 2, 6, 18 
umbras statt brumas, 2, 14, 23 invisam cupressum statt des 
- Plurals, 4, 8, 6 prodidit statt protulit, serm. 2, 6, 27 multum 
statt cerfum, ars 53 cadant, 334 Et, 339 Nec. 

Sicher Fehler der Serviushss. liegen vor z. B. carm. 4, 

55) Die Sammlungen Keller-Holders konnte ich nachprüfen an einem 
mir von Rabbow und Dittmann freundlichst vermittelten index Ha gens: 
es zeigt sich auch hier die bewundernswerte Genauigkeit der Arbeit 


Keller-Holders, denn nur ein Citat fehlte: carm. 1, 28, 32 vices-ipsum 
steht bei Serv. Aen. 2, 433. 


272 | Vollmer, 


8, 6—8 (Ordnung), serm. 2, 5, 39 Persius statt Horatius ge- 
nannt, 2, 5, 595 Plenumque, epist. 1, 13, 19 Valde statt Vade. 

Aber von hohem Werte sind ausdrückliche Citate wie 
carm. 1, 12, 41 incomptis (gegen Quint.) 1, 13, 2 cerea gegen 
lactea (Caper), carm. 2, 18, 30 sede gegen fine der Horazhss., 
3, 90, 12 regnavit, 4, 14, 28 meditatur. 

Willkommen sind natürlich auch nicht ausdrücklich be- 
zeugte Lesungen da wo die Hss. des Horaz schwanken z. B. 
serm. 1, 5, 1 accepit Serv. gegen excepit der zweiten Klasse, 
epist. 1, 7, 21 ingratos, 1, 8, 12 wentosus, ars 339 ueht. 

Ja directe Fehler klären unsern Einblick in die Textge- 
schichte: wenn Servius 3mal ars poet. 45. 46 in verkehrter 
Ordnung citiert ἃ. ἢ. ebenso falsch wie unsere Hss. ordnen, 
so geht dieser Fehler doch wohl auf die Ausgabe des Pro- 
bus zurück. So enthalten die Servius-Citate, wenn sie nur 
richtig interpretiert und gewürdigt werden, höchst schätzbares 
Material ?°). 

Weniger zahlreich und minder wichtig sind die Horazei- 
tate in den unter dem Namen des Servius gehenden rein gram- 
matischen Schriften: vgl. zu carm. 2, 7, 3. 3, 1,17 (auch Char. 
Pomp.). 3, 23, 3. 3, 24, 21. epod. 17, 48 (mit anderen). ars 
298; nur ars 100 wird die Bestätigung von volent gegen die 
2. Hss.-klasse willkommen. 

Hier führen uns die durch sehr alte Hss. überlieferten 
Schriften de centum metris und de metris Horatii (darin die 
Fehler carm. 1, 27,1 usus, 2, 13, 1 Malo statt Ille) auf die 
Metriker überhaupt. Sie citieren alle ersten Verse der 
Oden und der Epoden, dazu verschiedene andere: aber alle 
diese Tractate tragen deutlich die Zeichen fortgesetzter Schul- 
und Gelehrtenbenützung, stehen zudem durch Quellenverwandt- 
schaft in engsten Beziehungen, so daß vereinzelte Zeugnisse 
über Varianten sich meist als Fehler leicht ausweisen, jedenfalls 
aufs schärfste zu controlieren sind. Daß sich trotzdem ein 


28) Ein Urteil wie bei Keller, Epilegomena 5. 799 ‘Desgleichen 
sind auch die bei verschiedenen antiken Schriftstellern vorkommenden 
Horazcitate, wofern sie von unserm Archetyp abweichen, sämmtlich 
ohne Bedeutung für die Textkritik’ war auch im Jahre 1879 kurzsich- 
tig und unvorsichtig. Wie viel richtiger verfuhr doch schon Dillen- 
burger, Zeitschr. f. ἃ. Gymn. Wes. II 1868 p. 322 ff.! 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz, 275 


- wertvolles Resultat aus ihnen gewinnen ließ, sahen wir oben 
- (8. 262). Ein anderes ergiebt sich zu carm. 38, 7,1 wo can- 
dida bei Diomedes allein erhalten ist: es spielt sicher mit dem 
Namen Asterie, während die candidı Favonw vergeblich von 
den Erklärern mißdeutet werden. 

Ich kehre zu den Scholiasten zurück. Die Scholien 
zu Juvenal bringen carm. 1, 6, 17. 1, 38,1. 2, 2, 5. 2,5, 
22f. 2,19, 1. 4,4,36 (wo ihr Zeugnis für Dedecorant mir 
sehr verdächtig ist, wenn es überhaupt so tradiert ist). epod. 
8, 19 f. sat. 1, 2, 6 (wo depellere aus der 2. Hss.-Klasse stammt: 
also das Citat karolingisch ?). 1, 9, 10. 1, 9, 78. Schwierigkeiten 
macht das Citat schol. Juv. 3, 192 proni Tiburis: in praeci- 
pii posita, ut Horatius "clivumque supinum’, das man gerne 
auf carm. 3, 4, 29 Tibur supinum beziehen möchte, zu dem 
doch der Wortlaut nicht stimmt. Aber ein Horazfragment zu 
 statuieren reicht die Sicherung der Ueberlieferung nun und 
nimmer aus (über Buch I 5. u. S. 281 Anm. 37): es wird Con- 
tamination von Citaten oder Namenverwechslung vorliegen. 

In dn commenta Bernensia Lucani finden 
sich folgende Horaz-Stellen: carm. 1, 7,29. 1,10, 19. 2,7, 
26 f., 4, 9,2 in andern Lucan-Scholien, die vielleicht nicht 
minder echt, aber nicht verläßlich herausgegeben sind, carm. 1, 
1, 25. 1,10, 11. 2, 10, 9—12. epod. 1, 1 serm. 2, 4, 29. epist. 
1,1, 28. 1,11, 22. ars 4. 50. 471: alles ohne bemerkenswerte 
Varianten; nur serm. 1, 3, 27 liest man eine krasse Interpo- 
lation im Voss. 11., deren Alter ich nicht zu bestimmen ver- 
mag: Ut Iyna vel. 

Auffallend viel Horazverse werden in den Scholien zu 
Statius angeführt. Davon stehen einige auch bei Servius u. a., 
die Mehrzahl scheint von Placidus selbst herangezogen zu sein. 
Ich zähle alle auf: carm. 1, 18, 3. 1, 1,14. 1,1, 24 mit < de- 
testanda. 1,2, 26 dreimal. 1, 3, 20 dreimal mit Bestätigung 
von acroceraunia. 1, 4, 4 (cf. Prisc.). 1, 7, 2 zweimal. 1,7,9 
mit Serv., 1, 7, 10 (Nec me statt Me nec). 1, 10, 3 nach Serv. 
1. 12, 13 mit parentis. 1, 12, 37 (cf. Prise.). 1, 12, 51. 1, 14,1 
(ef. Quint.). 1,15, 5 (mit Proteus statt Nereus der Horazhss. 
wohl aus Porph.). 1, 15, 22 (frei gestellt). 1, 17, 8. 1, 23, 11£. 


274 Vollmer, 


1,27, Ὁ. 1, 32, 145. 2, 9,24. 2,9, 10.2 Oro sea 
(cf. Serv.). 3, 2, 31f. (cf. Serv.). 3, 4, 64 mit der Glosse (zu 
Patareus) Lycius statt Delius. 3, 4, 72 zweimal. 3, 16, 5—7 
mit dem Schreibfehler misisset. 3, 22, 7. 3, 29, 61 Addunt 
statt Addant zur Vereinfachung des Citats. 4, 6, 21—24 mit 
victus. epod. 7, 17 mit der Glosse premunt statt agunt. 8, 11. 
10, 1 (cf. Serv.). 15, 21”). serm. 1, 1, 68. 1, 2, 2 Tcrees) 
2, 1, 26. epist. 1, 2, 57. ars 158. 

Bevor ich nun zu den reichen Horazcitaten bei Priscian 
übergehe, muß ich der zeitlichen Ordnung wegen die großen 
Kirchenväter erwähnen. Von ihnen hat besonders Hierony- 
mus den Dichter eifrig gelesen und gern ceitiert: wir lesen 
bei ihm carm. 2, 10, 11 dreimal. 2, 14, 1 zweimal. 3, 3, 7f. gar 
viermal; weiter 3, 30, 1. serm. 1, 3, 1—2 frei citiert. 1,3, 68 
zweimal; 1, 6, 60. 1, 8, 1—4 möglicherweise aus Lact. übernom- 
men. 1,9, 59 mit sinnverdeutlichender Umstellung. 1, 10,1 frei 
citiert. 1, 10, 34 zweimal, einmal freier citiert. 1, 10, 72 vertat 
statt vertas der Deutlichkeit halber. epist. 1, 1, 99 und 100 
der Bequemlichkeit wegen umgestellt. 1, 2,40. 1, 2, 508. 1, 2, 
96. 1,3, 31. 1,4, 15—16. 1, 11, 27 bequem in den Singular 
gesetzt. 2, 1, 114—117 zweimal. ars 21. 88. 94 desaeviet statt 
delitigat wohl der Deutlichkeit halber. 133 mit richtiger Wort- 
stellung. 139 das Praesens bequemer. 147 Et statt Nec des 
eigenen Zusammenhangs wegen. 359 frei citiert. 390. 

Weniger oft wird Horaz verwendet von Augustinus: 
bei ihm lesen wir carm. 2, 2, 9—12. serm. 2, 7, 86. epist. 1, 
1, 36—-37 zweimal. 1, 2, 40. 1, 2, 69. 1, 7, 29 mit der höchst 
wichtigen Bestätigung von vulpecula unserer Hss.; 1, 10, 41. 
1, 16, 55. ars 390 vielleicht aus Hier. 

Zweimal nur gebraucht Symmachus Worte des Horaz: 
epist. 1, 47 Circae pocula (cf. Hor. epist. 1, 2, 23) ist kein 
wirkliches Citat, und ars poet. 1 wird frei umschrieben. 

Dagegen nimmt Ausonius in seine eigenen Werke 
hinüber carm. 1, 12, 33. 2, 3, 15. 3, 11, 38. 4, 7, 16. epod. 5, 
27 ἢ, epist. 2, 2, 4, eitiert carm. 2,16, 27. Gewiß keinen 


24) Diese Verse resp. die Scholien mit ihnen fehlen in der auf un- 
genügender handschriftlicher Grundlage gemachten Ausgabe Jahnkes. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 275 


Ueberlieferungswert hat ars 141f. moenia bei Ps. Auson 445, 
in den periochae Odysseae. 

Sidonius umschreibt frei carm. saec. 1, ars 'poet. 15 
und 21, citiert wörtlich sat. 2, 1, 82 ohne Variante. 

Nach Servius hat niemand eine so reiche Fülle von Ho- 
razcitaten wie Priscianus. Sie gehen natürlich zum über- 
großen Teile auf ältere Grammatiker zurück, sind aber, wo 
diese verloren gingen, für uns höchst wertvoll. Man findet 
ein vollständiges Verzeichnis in Hertz’ Priscian. II (gramm. III) 
p- 935 ἢ, ich brauche also hier nur die Varianten betreffenden 
Stellen zu berühren. carm. 1, 15, 5 sichert Priscians Citat die 
Lesung Nereus; carm. 1, 37, 23 ist enses statt ensem nicht 
ausdrücklich bezeugt, also vielleicht Schreibfehler; 2, 2, 19 ist 
die Wortstellung zur Verdeutlichung der Construction geändert; 
2,13, 5 patris statt parentis die Glosse statt des Textwortes 
abgeschrieben; 2, 13, 40 ausdrücklich fimidos gesichert; 3, 4, 
69 wird wie 2, 17, 14 nicht ausdrücklich, aber durch zwei- 
maliges Citat gigas gesichert; 3, 6, 10 Non auspicatos bestä- 
tigt gegen die erste Klasse; 3, 6, 11 ist leider das an sich sehr 
gute nostris nicht ausdrücklich bezeugt, sonst würde ich nicht 
anstehen, nostros in unsern Hss. für angeglichen an impetus 
zu erklären; 3, 6, 44 ist in abeunte nocte die Glosse zu abeunte 
curru in den Text geglitten; für 3, 14, 14 scheint die Stelle 4, 
15, 18 zu beweisen, daß Priscians leider nicht ausdrückliches 
Citat mit ewiget (so auch rn) zur Bestätigung der Lesung von 
B ewiget zu verwerten ist, während alle andern Hss. ewimet 
geben; freilich ist die Möglichkeit nicht abzuweisen, dass B 
und π ihr exig- aus Priscian selbst haben. 4, 2, 10 Cum statt 
Seu natürlich zur Verdeutlichung des Citates. carm. saec. 49 
wird bobus bestätigt. Serm. 1, 2, 120 paulum Prisc. vgl. >. 
283 Anm. 42; 1, 8,38 veniant statt veniat vielleicht richtig; 
1, 9, 48 vivimus bestätigt; 2,1, 42 ferrum (nicht ausdrücklich) 
statt Zelum; 2, 2, 121 tum mit ® gegen tunc; 2, 3, 97 ne aus- 
drücklich bestätigt gegen que; ὦ, 3, 117 die Timesis unde- 
octoginta ausdrücklich gesichert; 2, 3, 163 zur Vereinfachung 
des Citats ind. statt coni.; 2, 3, 310 maiore Schreibfehler der 
Priscianhss. ; 2, 5, 26 pariem statt artem dgl.; 2, 7, 109 peccawit 
dgl.; 2,8, 2 Wortstellung leicht verändert; 2, 8, 10 «t bestätigt. 


Philologus, Supplementband X, zweites Heft. 19 


2706 Vollmer, 


2,8, 90 zum leichtern Verständnis edit in die Form seiner 
Zeit edat geändert; ebenso epist. 1, 6, 05 Vlixis einmal der 
' Kürze wegen citiert, aber an einer andern Stelle ausdrücklich 
Vlixei bestätigt; 1, 13, 6 urat flüchtig statt wuret; 1, 17, 30 
angui bestätigt. Besonders interessant ist das Citat von carm. 
3, 17, 4 wo uns zuerst von duple» scriptura und alit codices 
in der Horaztradition berichtet wird: Priscian sagt 6, 72 p. 256, 
16 apud Horatium duplicem invenio scripturam et *“fastos’ 
et fastus’ . .. *fastus’ in alwis codicibus. Nun trifft es sich, 
daß unsere Horazhss.-Klassen ziemlich reinlich sich scheiden: 
die II. Klasse hat fastus, die I (mit ihr ΔΙῸ, die oft aus ihr 
corrigiert sind) hat fastos, wie auch Servius liest. Natür- 
lich würde weit in die Irre gehen wer aus diesem Zufall fol- 
gern wollte, Priscian habe bereits unsere beiden Hss.-Klassen 
vor Augen gehabt: höchst wahrscheinlich besagt seine Notiz 
weiter nichts, als daß in seinem eigenen Exemplar, das fastos 
hatte, zunotiert war al. fastus. 

Die Citate des Eutyches, Priscians Schüler, sind we- 
niger zahlreich und auch, weil ohne erhebliche Varianten, we- 
niger wichtig. Citiert werden: Hor. carm. 1, 2,7 (cf. Serr.). 
1,4, 4 (cf. Prisc.). 1, 5, 13—16. 1, 34, 3—5. 2, 3, 18. 8, 27, 
25—28. 4, 4, 34. epod. 12, 11. serm. 1, 2, 34. 1, 2,45. 1,3, 
66. 1, 5, 24. 1, 6, 125 (cf. Serv.). 1, 8, 46 (cf. Prise.). 1, 9, 76. 
1,10, 71. 1,10, 79 (ind. zur Erleichterung statt coni.). 2, 2, 
10 (coni. st. ind.). 2, 7, 35. epist. 1, 12, 8. 1, 18, 40 (zerstörte 
Ueberlieferung). 2, 1, 33 (saltamus statt luctamur aus dem 
vorhergehenden Citat). 2, 1, 126. 2, 2, 159. 

Reihe ich hier noch an, daß Boethius sat. 2, 5, 59 
citiert, so meine ich die für die Ueberlieferungsgeschichte be- 
deutsamen Citate erschöpft zu haben. Denn, abgesehen von 
zwei, wie ich denke, auch abgeleiteten Citaten bei Venant. Fort. 
(ars 9) und bei Braulio (sat. 1, 4, 34), finden wir vom 6. Jahrh. 
ab außer bei Columba keine directen Horazcitate mehr bis zu 
den Karolingern. Doch davon später genauer. 


Was lehrt uns nun, abgesehen von der Controle unserer 
Hss. im einzelnen, diese indirecte Ueberlieferung? Vor allem 
dies, daß die Tradition unserer Hss. im ganzen zuverlässig 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 277 


und sicher ist. Denn an wirklich ernsthaften Varianten, die 
nicht in unsern Hss. auftauchen, lernen wir in Hunderten von 
Versen durch die indirecte Ueberlieferung nur kennen sat. 
1,2,27 = 1, 4, 92 Buccillus Seneca, carm. 1, 13, 2 lactea Ca- 
per gegen cerea Hss. und Servius, 3, 7, 1 candida (Diomed.) 
statt candide, vielleicht 3, 14, 19 vagacem Char. (nicht direct 
bezeust), 2, 18, 30 sede Serv., 3, 6, 11 nostris Prisc. (nicht aus- 
drücklich bezeugt). Freilich trifft es sich, daß die schwersten 
Wunden unserer Ueberlieferung in den Citaten nicht erschei- 
nen; aber wir würden noch viel öfter unsicher sein, wenn uns 
nicht die indirecte Ueberlieferung im Wirrwarr der hand- 
schriftlichen Varianten‘ Führer und Licht wäre. 


II. 


Nun zu dieser direeten handschriftlichen 
Ueberlieferung des Horaz selbst. Natürlich kann von 
einer umfassenden Beurteilung derselben überhaupt erst seit 
'Keller-Holders Ausgabe die Rede sein. Die ausführlichste 
und verständlichste Darstellung dessen, was die Herausgeber 
selbst gefolgert haben, finden wir in Kellers Epilegomena 
zu Horaz 8. 777 ff. Schon sie sahen ein 5), daß unsere Hss. 
auf ein Archetypon zurückgingen ; freilich nahm Keller wieder 
dieser Erkenntnis alle Wahrscheinlichkeit, indem er dies Arche- 
typon ins erste ?°) oder zweite Jahrhundert ἢ. Chr. setzte: was 
in aller Welt sollte denn damals Liebhaber und Schulmänner 
veranlaßt haben, ihre Exemplare nur aus einem und demselben 
Codex abzuschreiben? Und einen einzigen Codex für den 
ganzen Horaz gab es doch damals überhaupt nicht. Also: 
eine richtige Erkenntnis ””) ad absurdum geführt durch eine 
ganz unwahrscheinliche, weil unhistorische Erklärung. 

Einen anderen Weg schlug Christ ein (Horatiana p. 
114); er meint: ‘die alten... . Codices... gehen auf mehrere 


25) Denn das Märchen, Bentley habe geglaubt, alle unsere Hss. 
gingen auf die recensio des Mavortius zurück (entstanden aus Bentley 
praef. p. XXIV) tat ab Peerlkamp p. XXIIL | 

26) Die vermeintlichen Indicien für Neronische Zeit (Epileg. zu 
carm. 3, 17,1 und ars 387) sind phantastisch. 

2 Das Verzeichnis der den Hss. gemeinsamen Fehler (Epileg. p. 
778) ist richtig begonnen: wie es aussehen mußte, wird im folgenden 
(8. 279) sich zeigen. 

10." 


278 Vollmer, 


mindestens drei Archetypi des Altertums und zwar des 5. oder 
6. Jahrhunderts zurück’. Dabei sind übersehen oder nicht an- 
erkannt die allen unseren Hss. gemeinsamen Fehler. 
Consequenter und durchgreifender ist der Versuch 38), den 
Leo (a. a. OÖ.) bei Gelegenheit der Anzeige von Keller-Holders 
zweiter Auflage macht, die Gesamtheit unserer Ueberlieferung 
zu erklären. Daß diese eine ‘einheitliche’ ıst, erkennt auch 
Leo (ὃ. 851 f.). Er folgert das in Ergänzung des Kellerschen 
Beweises mit Recht einmal aus der trotz der Verschiebung 
von ars poetica und Satiren doch im ganzen einheitlichen An- 
ordnung der verschiedenen Bücher in den Hss., die um so be- 
weiskräftiger ist, als sie auf Willkür beruht, d. h. weder so 
weit wir wissen auf Horaz selbst zurückgeht 39) noch ehrono- 
logischer Folge 55) entspricht, weiter aus der Gleichheit der 
Büchertitel, die freilich, weil sie vom Dichter selbst herstammt, 


28) Nurals solchen will ihn Leo selbst gelten lassen ; vgl. S. 856 oben. 

2) Ueber die Frage einer Gesamtausgabe durch Horaz selbst rich- 
tig Christ, Horatiana S. 87, der nur die Technik der Edition nicht be- 
rührt. Horaz hätte selbst bei einer Gesamtausgabe seiner Werke kein 
anderes Mittel gehabt ihre Folge dauernd festzulegen als sie durchzu- 
numerieren. Es gab eben damals noch kein ‘Buch’ irgend welcher Art, 
das alle Horatiana zugleich gefaßt hätte. Von einer Durchnumerierung 
der Horazischen Gedichtbücher aber giebt unsere Ueberlieferung nicht 
die mindeste Spur. Denn der Zangemeistersche Traum von einem Com- 
mentar des Scaurus zu 10 Büchern Horaz ist eben ein Traum; die (i- 
tate sagen klipp und klar, daß Scaurus 10 Bücher Commentar zur 
ars poetica geschrieben hat, und das ist bei der Menge des darin zu 
besprechenden literarischen Materials durchaus glaubwürdig. 

80) Ich halte für beinahe sicher, daß bei der definitiven Zusammen- 
schreibung von Volumina in einen Codex wie bei den plautinischen 
Stücken die (nur auf den ersten Buchstaben sich erstreckende) alpha- 
betische Ordnung maligebend war: dann wäre die in der II. Klasse 
überlieferte Ordnung die althergebrachte: 

C armina 

De arte poetica 

E podon 

carm. saeculare 

E pistulae 

S ermones 
Daß das kleine carm. saec. unstät bleiben konnte, zeigt ja auch Porph. 
So würden sich am leichtesten die Ordnungsänderungen verstehen: Apo- 
graphon I wurde von jemand gemacht, der sich besonders für die 
lyrischen Metra interessierte (eine Parallele bietet die im Bernensis er- 
folgte Umordnung sogar der einzelnen Gedichte nach den Versmaßen) 
und darum die hexametrische Ars vor die Epist. u. Serm. zurückschob ; 
über die auf Grund von Porphyrions chronologischer Notiz zu epist. 
1,1,1 in späteren Vertretern von Klasse II erfolgte Umordnung von 
epist. nach sat. 5. unten S. 290 Anm, 70. Daß noch Nonius den Horaz 
in einzelnen Rollen hatte, zeigt Fr. Marx, Lucilius 8. LXXXIII. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 279 


nicht viel beweist, sodann aus den Titeln, Charakterisierungen, 
Inhaltsangaben der einzelnen Gedichte, die in der Tat auf ein- 
heitliche, nach-Horazische Formulierungen zurückgehen 51). 
Endlich, und das ist das wichtigste, auch von Leo an erster 
Stelle behandelte: aus den allen Hss. gemeinsamen Corrupteln. 

Aber Leo interpretiert diese “Einheitlichkeit’ anders als 
ich für richtig halten kann. Ich muß darum das von ihm 
nur angedeutete Material vollständig vorlegen. 

Wenigstens für die allen Hss. gemeinsamen Corruptelen. 
Denn sie sind und bleiben 5“) unser schärfstes Mittel, der Ge- 
schichte einer Ueberlieferung nachzuspüren. Titel und Scho- 
lien sind ihrer Natur nach jeder Veränderung ausgesetzt: sie 
werden verbreitert, gekürzt, geändert nach dem Belieben des- 
sen, der sich die neue Hs. herstellt: nur was der Schreiber 
nicht nach Willkür herstellen kann, verlorene oder bis zur Un- 
kenntlichkeit verderbte Worte des Autors selbst können in einer 
so verwickelten Ueberlieferung wie der des Horaz als untrüg- 
liche Wegweiser angesehen werden. 

Es folge also ein Verzeichnis der in allen unsern Hss. 
sich findenden überlieferten Fehler im Texte des Horaz °°). 

carm. 1, 2, 39 mauri Hss. Porph., Marst Bentley. 

12, 31 gquwia (qui B) Hss. (Bland.) 52), (metri- 
scher Fehler), Verbesserung unsicher. 


81) Darüber unten ὃ. 315 Anm. 126. 

5) Trotz Christ, Horatiana p. 105. 

33) Ich füge aus später zu erklärendem Grunde ausdrücklich, wo 
er bekannt, den Bland. antiquissimus zu, desgl. Porph. und die andern 
Scholien, natürlich nur die wirklich interpretierten Lesarten, nicht falsche 
Lemmata und Zufälligkeiten. Dland. ohne Klammer bedeutet ausdrück- 
liches Zeugnis des Cruquius wie ‘Bland. antiguissimus’ oder ‘4. Bland.', 
(Bland.) in Klammern allgemeiner gefaßte oder indirecte Bezeugungen. 

3) Ich glaube, daß hier Porph. die letzte Spur des Echten bewahrt 
hat, denn von einer Verschreibung wie quod in D! (R!?) oder einer 
Conjectur wie qua, die eine hier ganz unverständliche Beschränkung 
des Gedankens einführen würde, darf ich wohl absehen. Porph. sagt: 
‘quia voluere pro cum (con trad.) voluere. Eine merkwürdige Glosse: 
quia verstand im 3. wie in späteren Jahrhunderten jedermann! Viel 
eher bedurfte causales cum einer Glosse. Gewiß ist, wie so oft, das 
Lemma in Porph. interpoliert und wir haben zu versuchen, ob nicht 
aus der Erklärung das alte echte Lemma zu gewinnen sei. Ich vermute 
Porph. schrieb: ‘ut voluere’ pro cum voluere; temporales ut, bei Horaz 
gewöhnlich, bedurfte später der Erklärung. Es leuchtet aber, meine 
ich, ein, wie gut ut dem simul v. 27 entspricht, das auch 1,9, 9 im 
gleichen Gedanken steht. Das gwia der Hss. (guae O2 Conjectur) ist 
nichts als schiefe Glosse für ut, das causal interpretiert wurde. 


280 Vollmer, 


carm. 1, 20, 1?°) potabis Hss. Porph., potavi Vollmer 55). 
5 care Hss.. clare 5 
21, 13 Hic Hss., Haec Duhamel. 
23, 1 διαί Hss. (metrischer Fehler), Uitas 
(comm. τὰκ.) ς 
5 mweris.... aduentus Hss. Bland. Porph., 
vepris ... ad wentum Gongavinus und 
Muretus. 
25, 20 hebro Hss. Porph., euro 5 
27, 19 laborabas (laboras E5O) Hss. Bland., la- 
boras in ς 
31, 957) calena Hss., calenam lemma Porph. 


5) 1,13, 2 halte ich trotz Bentley das von Serv. und auch wohl 
von Porph. (d. ἢ. schol. AT) ausdrücklich bezeugte cerea für richtig. 
Das Citat bei Caper gramm. VII 98, 3 mit der Lesung lactea scheint 
interpoliert, freilich vor dem 9. Jahrh., da es in unsern ältesten Hess. 
schon steht. 

86) Die Unverständlichkeit des kleinen Gedichtes in der überliefer- 
ten Form wird allgemein anerkannt und ist durch zahllose Conjecturen 
für v. 10 Tu bibes (zuletzt Leo, Hermes 38, 306 Tu dares) zum Ausdruck 
gebracht. Durch potavi lösen sich alle Schwierigkeiten; natürlich ge- 
hört nun der Temporalsatz datus in theatro cum tibi plausus nicht zu 
levi sondern zu potavi. Damit findet das ganze Gedicht verständliche 
Veranlassung und Datierung: Horaz legt scherzend dem Gönner nahe, 
ihn den Freudentag bei besseren Sorten mitfeiern zu lassen. — Aber 
die Metriker lesen alle potabis? Nein, keiner bezeugt ausdrücklich 
dies Wort, sie citieren nur um des Versmaßes willen, und ihre Ci- 
tate sind nach den landläufigen Hss. des Horaz selbst abcorrigiert. 
Darüber mehr zu carm. 1,8,2 ὃ. 262. Aber Porphyrio bezeugt aus- 
drücklich potabis mit den Worten Maecenatem ad cenam invitat u. 5. w.? 
Das beweist nur das Alter des Fehlers. Darüber weiter unten im Zu- 
sammenhange (S. 314 £.). 

51) Ich muß in diesem Zusammenhange auf einen alten, zuletzt 
von L. Müller, Q. Horatius Flaceus, Oden und Epoden I S. 127 mit 
Recht wieder hervorgehobenen Gedanken zurückkommen: sein nächster 
Ertrag ist zwar die Fälschung der Pallavicini’schen beiden Oden ge- 
wesen, aber zu Ende gedacht werden muß er doch ganz gewiß. Der 
Bestand unsers 1. Odenbuches mit 38 Gedichten ist besonders auffällig, 
da carm. 1, 38 Persicos odi puer apparatus, mit den kleinen Gebeten 
carm. 1, 30 und 3, 22 das kleinste Gedicht, einen sehr lahmen Buch- 
schluß gegen die deutlichen Schlußgedichte 2, 20. 3, 30 abgiebt. Wie 
anders epod. 17, das Prachtstück, als letztes einer unregelmäßigen Ge- 
dichtzahl! Man kann doch bei allem Respect vor der Tradition von 
Jahrhunderten die Absicht der runden Zahlen 

sat. I 10 Gedichte 
carm. il 20 3 
ΠΗ 80 " 
epist. I 20 n 
nicht verkennen: sollte da (die 17 Epoden stehen abseits) wirklich das 
erste Buch carmina, das doch mit II und III zusammen redigiert ist, 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 281 


carm. 1, 31, 18 at Hss., ac s 
2, 18, 30 fine Hss., sede Serv. Aen. 6, 152 aus- 
drücklich. 
3, 1, 39 et ausgelassen Hss. 
14, 11 iam wirum expertae (schol. AT) male 
(n)ominatis (Porph.) (ominatis Bland.) 
Hss., Verbesserung unsicher. 
20, 8 «ik Hss. schol. Τ᾿, ılla Peerlkamp. 
24, 4 Tyrr(h)enum oder Tirr-Hss., Terrenum 
Porph. Lachmann. 
25, 9 Ex(s)omnis Hss. schol. AT, Edonis 
Bentley. 
26, 7 et arcus Hss., securisque Bentley. 
27, 60 I(a)edere Hss., elidere Lambinus. 
4, 2, 49 Teg. dum procedis Hss. Porph., Verbes- 
serung ungewiß. 
4, 17 r(a)eti Hss. Porph., raetis Ὁ: Heinsius. 
4, 22 Nescire Hss., Nec scire AO? Porph. °°). 
5, 18 Nutrit (r)ura Hss., Nutrit farra Bentley. 
8, 15 ff. schwer interpoliert, nie zu heilen; die 
Scholiasten commentieren verschiedene 
der unsicheren Verse. 
4, 10, 5 digurinum Hss., Ligurine Torrentius. 
14, 28 minitatwr Hss., meditatur R Serv. zwei- 


mit n. 33 versiegen? Langten des Dichters Scheden wirklich nicht zu 
40? Ich wäre der letzte, die Nummern eines lyrischen Gedichtbuches 
zu zählen, wenn es nicht Horaz offenbar selbst getan hätte. Hinzu 
kommt, daß ich von der Unversehrtheit von carm. 1, 38 nicht sicher 
überzeugt bin: ich verkenne nicht, daß neque te ministrum dedecet myrtus 
als verblümte Liebeswerbung die Pointe des kleinen Gedichts gewesen 
sein kann, muß aber durchaus die Möglichkeit offen halten, daß die 
Myrten bei Herrn und Diener doch auf eine noch zu rufende Myrtale 
oder Rhode berechnet sind. Es könnten also 275 carmina fehlen. Den 
Verlust auf ein ausgefallenes Blatt unseres Archetypons zu schieben 
geht nicht an, da keinerlei antike Tradition, weder Grammatiker noch 
Metriker, das etwa Verlorne kennen. Also müßte nicht nur die Ausgabe 
des Porphyrio, sondern schon die Ausgabe des Probus den Verlust ge- 
habt haben. Das ist so unwahrscheinlich, daß wir nach einer andern 
Erklärung des Bestandes carm. I 1—38 suchen müssen. Horaz wird, 
so meine ich, carm. 14—38, ἃ. ἢ. 35 Gedichte schon vor der Redaction 
von Buch I—IlI im Kreise des Maecenas bekannt gemacht haben: bei 
der definitiven Ausgabe wurden dann 1—3 an Maecenas, den Caesar, 
Vergil nach Gebühr vorangefügt und die metrische Ordnung getroffen. 
38) Bei Porph. ist zu emendieren jas non est statt fas est non. 


282 Vollmer, 


mal ausdrücklich, dieselbe Lesart geta- 
delt von Porph., minatur (so) Non. in 
Citat für diluvium 89). 

epod. 1, 15 laborem Hss. (metrisch falsch), labore 
Glareanus. 


2, 27 Fontes Hss. (Barbh. ), Frondes Markland 
(schol. A 3). 
4, 8 ter Hss., irium Barth. 
9, 28 currens Hss. schol. AV, Laurens Hein- 
sius. 
37 Ex(s)ecta Hss. Bland. 
87 magnum Hss. Porph., maga non Haupt. 
7, 13 caecus Hss., caecos ς 
9, 16 Lücke nach v. 16 oder νυ. 17 BERNER: 
Ad hunc. 
16, 61. 62 an falscher Stelle Hss. schol. TV. 
serm. 1, 1, 81 adflxit Hss. (Bland.), adfixit s 
88 ‚Si; Hss., sic ς 
108 redeo nemon ut auarus Hss., redeo qui 
nemo ut auarus Bland., redeo: cum ne- 
mo ut amarus Keck *°). 
2, 45*1) qwidam ... demeteret Hss., cuidam ... 
demeterent ς 
49 ut Hss., at < 
63 we Hss. (Bland.), ne ς 


89) Diese Stelle ist nächst 1, 8, 2 eine der lehrreichsten zu zeigen, 
wie genau die Grammatikerzeugnisse abgewogen sein wollen. Die 
alte echte Lesart meditatur ist schon vor Porph. und Non. glossiert 
worden: ungefährlich, weil dem Verse nicht genügend, ist die Glosse 
bei Nonius minatur, die gefährlichere minitatur stand schon im codex 
des Porph., der sie in seiner Schulmeisterweisheit vor dem guten medi- 
tatur bevorzugte; sie hat Apographon 1 occupiert; Apographon II über- 
nahm aus dem Archetypon meditatur mit der Glosse minitatur, daher 
konnte in R meditatur gewahrt werden, während die andern Hss. der 
Klasse II das glattere minitatur substituierten. Dies ist der einzige 
Fall, wo eine Discrepanz unserer Hss.-Klassen schon in älteren Zeugen 
erscheint (Porph. rechne ich hier nicht mit): daß er nichts für Zurück- 
datierung unserer Klassenteilung vor Nonius beweist, ist klar (vgl. 
S. 297 Anm. 80). 

40) Ueber diese Stelle siehe unten S. 311 f£. 

41) Serm. 1, 2, 27 rufillus Hss., buceillus Sen. epist. ist oben S. 265 £. 
behandelt. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz, 2383 


serm. 1, 2, 82 4", #5) est ausgelassen Hss. 
3, 70*) conpenset Hss. (Porph.), conpensat Sa- 
nadon.' 
4, 94 capitolinis Hss. Capitolini a Porph. 
141 weniat Hss., weniet s 
5, 51 claudi Hss. (Bland.), Caudi Porph. und D. 
6, 37 cogat Hss., cogit ς 
68 ac Hss., aut lemma Porph. (nec Bland.). 
102 peregre aut Hss., peregreue ς 
126 rabiosı tempora sigmi Hss. Porph., cam- 
pum lusumg. trigonem Bland. Goth. 
131 patruus Hss. Porph., praetor Bücheler. 
8, 15 quo modo Hss., qua modo Bentley. 
10, 86 Bibul Hss., Bibule Muretus. 
2, 1, 31 ogesserat Hss. (Bland.), cesserat ς 
2, 55 awuidienus Hss. metrisch falsch, Aufidie- 
nus 5 
112 »pwerum Hss., puer ἃ Goth. (emendiert). 
9, 234 In Hss., Tu Bentley. 
4, 19 mizto Hss., musto ς 
5, 86 quassa Hss. (Bland.), cassa ς 
6,.54 od Hss., at ς Goth. 
7u58 in falscher Ordnung Hss., verbessert 
ın E< 
2, 5 distinet (dest-) Hss. (Bland.?), detinet 
Goth. z 
3, 99 Heu...heu Hss. (Bland.) (exempla Va- 
tie.), eu ...sew s 
5, 28 ad summam Hss. (Bland.), adsumam Es 
6, 50 s(a)euum Hss., scaeuum Pithoeus (lae- 
vum E 2). 


epist. 1, 1, 5 


43) Serm, 1, 2, 120 paulo Hss., paulum Priscian. 18, 245, aber das 
Citat ist beschädigt, wahrscheinlich sind 2 Stellen contaminiert. 

48) 1, 3, 56 ist die Glosse cupimus in beiden Hss.-Klassen mächtig 
geworden. Nur Spuren führen auf das Echte: der cod. Goth. (Klasse 
II) hat es erhalten: furimus, und daß in der andern Klasse B fugimus 
eine nur durch einen Schreibfehler gestörte Bestätigung dieses 

chten. 

41, 8, 128 ist die Glosse guomodo für qui die Ursache geworden, 
daß in allen Hss, außer B zu lesen steht quo. 


284 
epist. 1 7 90 


10, /.23 
11 5 
18, 10 


Vollmer, 


simul Hss. (Bland.), semel z 
fastigia (uest- Bland.), fastidia < 
we Hss. (Bland.), ne ς 

ne Hss., neu < 


15, 43. 44 an falscher Stelle ARr Goth., corri- 


ΤΌ 0 


nach 18, 90 


80 


123 
167 
175 
ars poet. 45. 46 


101 

197 

458 

Diese Liste, die 
wenn ich mich nicht 


giert in den übrigen. 

st ausgelassen AR, si ergänzten EOF\L. 
et zw andere, (ni Bland.?). 

responsore Hss., res sponsore Bland. 
Inprorsum überliefert (so AR) daraus 
Hunc prorsus ®. Richtig verbessert In- 
trorsum oder -us in aEO und jüngeren. 
clare einmal ausgelassen Hss., zugefügt 
in Es 

c(h)lamidem Hss., chlanidem Cruquius. 
ullius Hss., ıllius 5 

Lücke. 

potioribus AERr, potoribus richtig ®O. 
oleam Hss., olea ς 

I(a)ewi aEORr (Porph.), emendiert in ® 
zu Livi(i). 

an falscher Stelle. 

boetum Hss., boeotum ἃ. 

est ausgelassen oder Uber, 
falsch gestellt in aER. 

contacta Hss. cantata Bland.; noch nicht 
verbessert. 

calentia Hss. Bland., carentia DO? 
quoniam Hss. (Bland.), guondam ς 

δὲ (Sed O) Hss., Sic 5 

in falscher Ordnung (3mal ebenso falsch 
Serv.). 

adsunt Hss., adflent ς 

peccare Hss., pacare 5 

Sic Hss., δὲ ὃς. 

ich hätte bedeutend vergrößern können, 
auf durchaus Sicheres hätte beschränken 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 285 


wollen *), und die durch Emendation heute noch corrupter 
Stellen in Zukunft wird wachsen müssen, bietet eine sichere 
Grundlage für die Entscheidung der Hauptfrage bei der Ueber- 
lieferung des Horaz ‘). Was lehrt sie uns? 

Mustern wir die Art der Fehler, so zeigen sich zwei Grup- 
pen: eine große Reihe solcher Corruptelen, wie wir sie ganz 
gut einer alten Ausgabe 47) zutrauen dürfen, die auch zum Teil 
durch die Scholien als alt bestätigt werden: so maur:, potu- 
bis, veris adventus, hebro, Jam wirum expertae, Teque dum 
procedis u.s. w. Aber daneben taucht eine andere Reihe auf 
von solchen Fehlern, die unmöglich durch eine antike Ausgabe 
sanctioniert und so weiter verbreitet worden sein können *°): so 
serm. 1, 6, 102 peregre aut, 2, 3, 234 In statt Tu, epist., 1, 3, 33 
Heu... heu statt Seu... seu, 1, 16, 45 Inprorsum statt In- 
trorsum, 2, 2, 123 calentia statt carentia, 167 quoniam statt 
quondam, ars 197 peccare statt pacare, um nur die ganz deut- 
lichen aufzuzählen. Diese gemeinsamen Fehler aller unserer 
Hss. lassen für mich nur eine sichere und schlagende Er- 
klärung zu: unsere ganze directe Ueberliefe- 
rung des Horaz geht auf ein einziges anti- 
kes Exemplar zurück”). 


#5) 2, B. halte ich epist. 1, 15, 4 perriuor in ARr ἃ. ἢ. den besten 
Vertretern beider Klassen für verderbte Ueberlieferung, also PERIUOR 
statt PERLUOR; in allen andern Hss. ist die Verbesserung perluor in 
den Text aufgenommen. 

46) Ich habe die verschiedenen Grade der Zuverlässigkeit unserer 
Ueberlieferung, die im wesentlichen durch die Erhaltung der besten 
Zeugen wie ABCR bedingt wird, in der Liste nicht bezeichnet, weil 
sie für das Gesamtbild kaum in betracht kommen. 

#7) Hier befinde ich mich in Uebereinstimmung mit Leo. Dieser 
folgert (3. 851): ‘die gesammte handschriftliche Ueberlieferung hat 
einen im späteren Altertnum zu suchenden gemeinsamen Urquell’ und 
weiter (S. 852): es ‘sind aus gangbaren grammatischen und rhetorischen 
Tractaten die metrische und Gattungsbezeichnung einmal hinzugefügt 
worden; einmal d. h. in einer Ausgabe, die nach der Natur dieser An- 
gaben nicht älter sein kann als das 2. Jahrhundert’. (ὃ. 853): “diese 
Ausgabe war eine commentierte Schulausgabe’, (ὃ. 854): ‘es kann kein 
Zweifel sein, daß der Horaztext deshalb einheitliche Ueberlieferung 
hat, weil Probus ihn philologisch fixiert hat’. Gegen diesen letzten 
Satz Leos habe ich einzuwenden, daß der Zustand unseres doch auch 
von Probus rezensierten Vergiltextes gerade nicht für weitgehenden 
Erfolg der Sicherung und Einheitlichhaltung durch Probus spricht; 
vgl. Ribbeck, Prolegomena ὃ. 265 ff. 

958) Völlig beiseite lasse ich Fehler, die in jeder neuen Abschrift 
von neuem gemacht werden konnten wie care, calena, raeli, nescire u. 5. W. 

49) Mit dieser Folgerung gehe ich über Leo hinaus. — Mein Schluß 


286 Vollmer, 


I. 


Dieser Schluß wird manchem, der nicht gewohnt ist solche 
Dinge zu erwägen, ungeheuerlich erscheinen: Horaz, der be- 
liebteste römische Lyriker, soll uns nur in einem einzigen 
Exemplare des Altertums überkommen sein? Und doch zeigt 
eine ruhige historische Erwägung, daß wir, auch wenn uns 
die Fehler der Hss. nicht zwängen, diesen Fall als höchst 
wahrscheinlich ansetzen müßten °°). 

Es ist eine noch nicht ins rechte Licht gesetzte Tatsache, 
daß die Lectüre und Benutzung des Horaz nicht wie die des 
Vergil in unabgerissener Kette Altertum und Mittelalter verbin- 
det, sondern daß Horaz fast zwei Jahrhunderte 
lang ganz ungelesen geblieben ist°*). 

Bekanntlich verdanken wir dem Fleiße von Martin 
Hertz die Analeda ad carmımum Horatianorum historiam 
(ind. Vratisl. I 1876. Π 1878. ΠῚ 1879. IV 1880. V 1882), 
eine Geschichte der Verbreitung und Wirkung der Horatiani- 
schen Dichtungen bis zum 6. Jahrh., die freilich auf kritische 
Ausnutzung des gesammelten Materials nur gelegentlich, nicht 
systematisch Rücksicht nimmt. Die Arbeit von Hertz hat 
dann, zum Teil auf Grund von dessen Materialien, M. Mani- 
tius bis etwa zur Renaissance fortgesetzt in den Analek- 
ten zur Geschichte des Horaz im Mittelalter, Göttingen 1893. 


würde noch eine bedeutende Stütze erhalten durch die Betrachtung 
der festen Bücherordnung unserer Hss.: vor dem 4. Jahrh. war doch 
ein Codex, der den ganzen Horaz enthielt, höchstens eine Merkwürdig- 
keit; die feste Folge der nicht durch Zahlenordnung zusammengehal- 
tenen Bücher in unsern Hss., die weiter unten noch darzutun ist, ver- 
langt den Ansatz eines Archetypon frühestens des 4. Jahrhunderts, 
Wenn aber, wie ich oben S$. 278 Anm. 80 vermutet, die Ordnung der 
Bücher alphabetisch ist, verliert dieser Schluß allerdings an Bündigkeit. 

50) Tatsächlich ist er gar nicht ungeheuerlich; Traube sagt 
(Sitz. Ber. Bayr. Ak. ἃ. Wiss, III. Kl. XXIV 1904 5. 14) ‘der gewöhn- 
lichste Fall, nämlich daß nur eine alte Hs. den Text forttrug und in 
Karolingischer Zeit verschwand, nachdem sie ihn der mittelalterlichen 
Tradition überwiesen hatte. 

51) Natürlich versteht sich diese wie ähnliche Behauptungen im 
folgenden cum grano salis: daß z. B. factisch im 8. Jahrh. in Italien 
nirgend ein Horaz gelegen oder von niemand gelesen worden sei, wird 
kein Vernünftiger zu beweisen sich unterfangen. Wohl aber fehlt es 
an wirksamer Verbreitung und allgemeiner Beachtung: nur so 
ist es zu verstehen, daß von unsern erhaltenen Hss. keine einzige auf 
ein anderes antikes Exemplar zurückgeht als dasjenige welches zur 
Karolingerzeit allgemein verbreitet wurde. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 287 


Aber fordert schon die Sammlung von Hertz oft zur Con- 
trole und Ergänzung auf, so muß bei Manitius jeder Satz 
und jedes Citat geprüft werden. Indessen darf sein Buch 
wohl nach der negativen Seite als beweiskräftig gelten und nur 
in diesem Sinne will ich es verwerten. | 

Es ist sicher: mit dem 6. Jahrhundert reißt überall die 
Kenntnis des Horaz ab: weder in Afrika Corippus, noch in 
Spanien °?) Isidor, Braulio, Eugenius, noch in Gallien Alcimus 
Avitus oder Venantius ὅ5) haben selbst den Horaz gelesen. 

Nur in Italien ὅ 5) hat Kloster Bobbio den Horaz besessen ; 
das beweisen Columbans Citate; aber er ist frühe verloren ge- 
gangen: der Catalog saec. X hat ihn nicht mehr°®). 


52) Ich muß hier die Belege von Manitius S. 15 durchsieben: 
Hor.carm.1, 12, 3 b.Isid. orig. 16, 3, 10, vielmehr in Arevalos Note 


dazu. 
me „ Pa, PaustDerv. 
1,20, 7 52 2.2.16 3, 10, vielmehr in Arevalos Note. 
ri „ „rer nal, 3% 5 aus. Hier, 
ΠΟ le, , ai 15. 8... Re 19,128 der. 
ΕΝ FOR Air 8, 11, 104 
we... 1, 2, 14 = difi. 1,448 also aus älte- 
rer Quelle. 
ΕΠ ΙΝ} 0 ..2..,.10....1: -12,sicher . aus ;Schiffsnamen- 
katalog. 
BmEı,.,V., 1, 39, 24 aus Metrikern. 
an 165 5; 19. .Δβ Serv. 
sat. 1, 6, 108 „ „ „ ..20, 12, 4 aus vollständigerem Serv.? 
Be, ΠΡ 12. 1,25 aus Serv. 


ans nt 19,24, 11. ans. Serv. 
Be... 0, 8, 7, 5 aus Serv. 
Es ist kein Zweifel: Isidor hat seine Horazeitate nicht aus dem Dichter 
selbst, wenn wir auch an ein paar Stellen das Mittelglied der Verbrei- 
tung nicht mehr kennen. Beweiskräftig scheint auf den ersten Blick 
zu sein das Citat Faenum habet in cormu, longe fuge (sat. 1, 4, 34) bei 
Braulio epist. 11 (Migne 80, 657€); wer aber im gleichen Briefe liest 
En dum urceum fingere volo, ut ait Terentius, amphoram finxit ma- 
nus und vergleicht was ich zu dieser Stelle adnotiert habe (Mon. Germ. 
hist. auct. antig. XIV 290, 12), wird mit mir glauben, daß Braulio aus 
einer Verssammlung, nicht aus Horaz selbst schöpft. Die weiteren 
Stellen bei Manitius beweisen nichts: Hor. carm. 1, 6, 6 bei Julianus 
stammt aus Charisius. 

58) Daß die Verse über Dichtkunst und Malerei (ars 9 f.) von Ve- 
nantius (carm. 5, 6 praef. 7) zuerst citiert worden seien, ist doch auch 
nicht zu glauben, obwohl wir heute keine Quelle nachweisen können. 
Die andern Anklänge bei Hertz V 23 sind nicht beweiskräftig. 

 _ ®*) Zu Anfang des 6. Jahrh. hat zweifellos Maximian noch gründ- 
lich seinen Horaz gelesen: Nachweise, besonders zur ersten Elegie, in 
Wernsdorfs Anmerkungen. 

#5) Aber eine Spur von seinem Vorhandensein geben sicher die 
Fragmenta Bobiensia saec. VIII—-IX gramm. VII 541 sqq., die vielleicht 
zum Teil direct aus den Glossen dieser Hs. abgeschrieben sind. 


288 Vollmer, 


Erst bei den Karolingern‘) und zwar durchaus nicht bei 
den ältesten 57) finden wir wieder lebendige d. ἢ. direete Be- 
nutzung und Kenntnis des Dichters. 

Das älteste Zeugnis nämlich, das wir für wirkliche Lec- 
türe des Horaz in dieser Zeit haben, sind die Exzempla 
diversorum Auctorum, prosodische Beispiele wohl gegen Ende 
des VIII. Jahrh. in der Lombardei gesammelt?®). Die Horaz- 
citate darin°®) sind sehr interessant. Sie zeigen ganz deut- 
lich, daß auch der Urheber der Sammlung keinen andern Ho- 
raz kannte als den Archetypus unserer Hss.: die Fehler epist. 
1, 3, 83 Heu... heu statt Sew.... seu, 1, 13, 14 pyrria 
reden ganz sicheres Zeugnis. Andrerseits tragen sie Spu- 
ren der Entwicklung, welche die II. Klasse der Hss. ge- 
nommen hat: während sie richtig geben epist. 1, 1, 76 quem, 
1, 5, 19 Facundi, 1, 16, 49 negitatque, fehlen sie schon mit 
Rör epist. 1, 6, 53 his statt hic, mit ® serm. 2, 2, 95 Oceu- 
pat, 2, 5, 7 aut qui und vor allem epist. 2, 2, 71 Plures statt 
Purae, wo R Plurae hat. Einen Teil der Stellen des Flori- 
legiums hat vor 825 Micon in sein gleichartiges Opus °°) 
aufgenommen, auch 5 neue hinzugefügt, in denen aber charac- 
teristische Varianten fehlen. 

Mit dem 9. Jahrhundert sind wir dann mitten im vollen 
Zuge der Wiederverbreitung des Horaz: die Hss.-Kataloge er- 
wähnen ihn jetzt‘) und unsere noch jetzt führenden Hss. 


56) Daß auch Aldhelm und Baeda Horaz nicht aus eigener Lectüre 
kennen, beweist wider Willen Manitius Sitz. Ber. Wien. Ak. 1886 
CXI S. 563 und Analekten 5. 17; die Citate Baedas stammen aus Pris- 
cian, Augustin, Hieronymus; nur für ars poet. 111 weiß ich den Ver- 
mittler nicht anzugeben. 

57, Darüber siehe P.v. Winterfeld, Rhein. Mus. 60, 1905, 33 ff. 
Er beschränkt sich auf die indirecten Zeugnisse, hat die Horaz-Hss. 
selbst nicht verhört: dennoch kommt sein Resultat so ziemlich der 
Wahrheit nahe. 

5) Ed. H. Keil, progr. Halle 1872 vgl. Traube PMA III 5. 273 
Rhein. Mus. 44, 479. Mündlich belehrte mich Traube, daß sie eventuell 
doch erst in den Anfang des IX. Jahrhunderts zu setzen seien und daß 
die uns erhaltene Hs. doch wohl aus Tours stamme. 

59) Liste bei Traube PMA Ill p. 782 f., darin auch die Miconstellen. 

60) Traube PMA ΠΙ p. 280 ft. 

61) Die ersten Erwähnungen sind die in Lorsch (IX. Jahrh.) kber 
Horatii poetae in uno codice Becker, catalogi p. 110 n. 429 und in Ne- 
vers; siehe Manitius, Philologisches aus alten Bibliothekskatalogen 
Rh. Mus. 47 Erg. Heft 5. 28 ff. Gegen die Annahme, Corvey habe im 
IX. Jahrh. einen Horaz besessen, Traube PMA Ill p. 42 not, 3. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 289 


stammen aus dieser Zeit. Dies ins einzelne hinein zu verfol- 
gen, kann nicht meine Aufgabe sein: dazu bedarf es anderer 
Sammlungen als sie bis jetzt gemacht sind und als ich sie 
machen könnte 55): ich wende mich wieder meinem Hauptziele, 
der Analyse der uns jetzt vorliegenden Ueberlie- 
ferung zu. 


IV. 


Von dem Kellerschen 3-Klassen-System unserer Hss. brau- 
che ich hier wohl nicht mehr zu reden. Der leise Nachklang 
dieses Gedankens bei Christ (Horatiana S. 114) entbehrt der 
Beweise. Schärfer hatte schon W. Teuffel durchgegriffen. Ein 
neues 3-Klassen-System, wonach unsere erhaltenen Hss. in 
2 Klassen zerfallen, die dritte vom Blandinius antiquissimus 
gebildet werde, stellt Leo auf (5. 850). Die Prüfung dieser 
Theorie verbindet sich mit der- Begründung einer neuen. 

Die eine alte Handschrift 55), welche aus Italien her den 
Horaz der fränkisch-germanischen Bildung vermittelt hat, ist 
zweimal selbst abgeschrieben worden und dann verloren 
gegangen. Aus den beiden Apographa, die selbst ebenfalls 
verloren zu sein scheinen, stammen alle unsere älteren Hss. °%). 
Diese zwei Apographa waren untereinander verschieden einmal 
durch die Anordnung der Bücher, sodann durch eine Reihe 
von Abschreibefehlern und durch den Scholien- und Glossen- 
bestand. 

Ein sehr wichtiges äußeres Kriterium nämlich für uns, 
die Horaz-Handschriften zu sondern, ist die Anordnung der 
Bücher‘®), denn so leicht wie sich aus andersartigen Hss. ein- 
zelne Lesarten übertragen liessen, konnte natürlich nicht die 
ganze Ordnung der ursprünglichen Hs. geändert werden. Diese 
Ordnung war in I, der ersten Klasse, folgende: 

_ 6%) Hinweisen möchte ich doch beispielshalber für die Erklärung 
des Zustandes unserer zusammengeflickten Münchener Hs. (CE) auf den 
Brief Froumunds bei Becker catalogi 40, 2. 

63) Wie sie aussah, wird unten noch auszuführen sein. 

64) Ich berücksichtige aus der Masse der Kellerschen Hss. nur 
A(a)BC(E)D R und © = (Föilr): es hat keinen Wert noch mehr Exem- 
plare der jüngeren Mischhss. heranzuziehen. Dazu tritt der Bland.; 
Ο ist jung und wertlos (8. S. 264 Anm. 5). 


65) Ueber sie, nicht durchgreifend und auch nicht verläßlich genug, 
Christa.a. Ο. 5, 89. Schärfer Leo 85. 851. 


290 Vollmer, 


C(E) D Bi; A 
1. carm. carm. carım. carm. 
2. epod. -- epod. epod. 
3. carm. saec. — carm. 58,66. carım. saec. 
4. ars τος ars — 
9. epist. epist. -ος (epist.) 5 
6. serm. serm. serm. — 


Von dieser Folge unterscheidet sich Klasse II im wesent- 
lichen nur, aber doch deutlich genug, durch die Stellung der 
ars poetica°”). Hier finden wir nämlich geordnet: 


RFAlör 0 Porph. Bland. 
1. carm. 1. carm. l. carm. 1, carm. 
4. ars 4. ars 4. ars 4. ars 
2. epod. 2. epod. Ὁ. carm. saec. 2. epod. 
3. carm. saec. 3. carm. saec. 2. epodon 3. carm. saec.°®) 
5. epist. 6. serm. . 6. serm. 98, 6. serm.°°) 
6. serm. 5. epist. 5. epist.(4” 5. epist. 


Es zeigt sich also, daß im Laufe des Fortlebens der 
Klasse Il noch einmal, und zwar auf Grund von Porphyrions 
Notiz zu epist. 1, 1, 1, eine Umstellung vollzogen worden ist, 
die Umordnung von epist. und serm.’°). Daß das kleine carm. 


66) Die Epistelnverse in A von anderer Hand als die carmina. 

67) Aus den Worten des Sidonius carm. 9, 221 non quod post sa- 
tiras, epistularum sermonumque sales, novumque epodon, libros carminıs 
ac poeticam artem Phoebi laudibus et vagae Dianae conscriptis voluit 
sonare Flaccus wird niemand eine bestimmte Folge in einer Hs. er- 
schließen wollen, nicht einmal für ars poetica oder carmen saeculare. 
Mit keiner in Hss. sich findenden Ordnung deckt sich, daß Charis. 
gramm. I 202, 26 und 204, 5 die ars poetica als in epistulis eitiert, 
während doch schon Quint. das gesonderte Buch kennt. 

68) Es verläßt uns für die Stellung der ars im Bland. das positive 
Zeugnis des Cruquius p. 3091: in codicibus Blandimüs duobus ... ante 
libros Erwößv...locum habet. Aber das negative 8. 8081 (s. Anm. 69) 
genügt. Vgl. Mützell, Zeitschr. f. d. Gymn. Wes. IX 1855, 868 
Schweikert, Cruquiana p. 10. 

69) Die sonderbare Nachricht des Cruquius p. 8081 Antiqwissimus 
... ex Bibliotheca Blandinia ... habet, Q. H. F. Carmen seculare expli- 
cit: incipit Eclogarum liber primus, maiusculis quibusdam (ia tamen ut 
aliquo modo legı possent) characteribus erasis, atque in earum locıs de- 
pictis aliis, qui lectori τὸ Sermonum eschibent besagt wohl in Wirklich- 
keit, daß auch im Bland. zuerst EPISTULARUM libri folgen sollten 
statt der SERMONUM; der Titel ECLOGARUM für die Satiren steht 
in keiner Hs. Cruquius wird unter der Rasur gelesen haben was er 
wünschte, ECLOGARUM statt EPISTULARUN. 

10) Hiebei hat gelehrte Ueberlegung der Karolinger mitgewirkt: 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 291 


saec. bei Porph. seine Stelle mit den epod. vertauscht hat, ist 
ganz unwesentlich, wie das Saeculargedicht denn auch in der 
mit dem sog. Porphyrio zusammen tradierten vita Oratii nur 
nachtragsweise genannt wird 71). 

Zu der Scheidung der Hss. nach der Bücherordnung stim- 
men aber auch die Textvarianten. Ich verzeichne hier das 
Charakteristische, ohne auf Orthographica und ähnliche Klei- 
nigkeiten einzugehen. Aber ich mache von vornherein darauf 
aufmerksam, daß 1752) und O im ersten Teile (carm. epod.) 
oft von Klasse I her interpoliert sind, hingegen E ab und zu 
und seltener D von Klasse II her beeinflußt wird, während der 
ältere C’?) rein die 1 Klasse widerspiegelt. 


carm. 
1, 3, 19 turbidum'*) ADEAIO Bland. turgidum ἘΦ. 


20 acroceraunia ADEO acrocerauniae Rd. 
7, 17 perpetuos ADE (Serv.) perpetuo OR?’® perpetuus R! ? 
12, 2 clio ABDEIO c(a)elo ἘΦ. 

15 ac ΑΒΔ] et EDR, aut ®, qui Ο. 


schol. yF zu epist. 1, 1, 1 ‘epistularum libri' ultimi sunt swi operis 
hibri, licet seriptorum witio in multis codieibus locum sermonum occupaue- 
rint. Das ist natürlich geschöpft aus Porphyrio z. d. St. Aber eben 
so sicher ist m. E., daß man die Abschreiberphilologie des Porphyrio 
überschätzte, wenn man aus seiner Notiz einen Beweis entnähme, daß 
er, d. h. der Grammatiker des 3. Jahrhunderts, die serm. vor den 
epist. gelesen hätte wie seine Hss. sie bieten; im Gegenteil: die Ord- 
nung epist. serm. war der Anlaß zu der Notiz, die sich ja unmittelbar 
aus epist. 1, 1, 10 ergab. 

11) Ob der Servius Fortunatiano dü gramm. IV 468 überhaupt ir- 
gend welchen Ueberlieferungswert hat, ist mir äußerst zweifelhaft; 
jedenfalls zeugt seine Notiz p. 472, 10 höchstens für die Ursprünglich- 
keit der Folge epist. serm., für nichts weiteres. Daß ich in der Aus- 
gabe die übliche Anordnung belasse, wird mir hoffentlich niemand als 
Verehrung des heiligen mumpsimus auslegen: wer zur Vorstellung der 
Entwicklung des Horaz eine gedruckte Folge nötig hat, dem ist ohnedies 
nicht zu helfen, und im übrigen haben wir Philologen gerade genug 
Citiernot und- ärger. 

15) Diese Beeinflußung zeigt sich außer der Uebernahme der Ma- 
vortius-Subscription in Al und O besonders in Al deutlich dadurch, daß 
hier wie in A hinter Buch III der carmina derselbe index der griechi- 
schen Odenbezeichnungen mit Erklärungen folgt: Erotice :amatorie, prag- 
matice : causative u. s.w. In O scheint dies Stück nicht zu stehen. — 
Vgl. ferner noch carm. 4, 14, 5 lux all) kibri sol A, lux (ve)l sol l. — 
O ist übrigens, wie die entstellte Subscriptio zeigt, nächstverwandt mit 
Brux. 9776—8. 

18) Ich erinnere hier daran, daß bis carm. 8, 27,1 in Kellers edi- 
tio minor 1878 und auch in 12 1899 überall fälschlich im Apparate C 
statt E gedruckt ist; der ältere Teil C beginnt erst mit diesem Verse, 

”%) Die echten alten und richtigen Lesarten habe ich gesperrt, da- 
mit um so leichter die gemeinsamen Fehler ins Auge springen. Bei 
zweifelhaften Lesungen fehlt die Sperrung. 


Philologus, Supplementband X, zweites Heft. 20 


28, 
29, 


Vollmer, 


57 laetum ABDE 


20 Crines ADE Bland. ΟΣ 
3 Pones ABDEAO 
11 Auersis A, Versis E 
3 leuwi ABDEO Porph. 
13 nobilis AEO 
13 currit ADE (Porph.) 
6 obsoleti ABDEAO 
44 wites ABDEO 
16 ue ABD 
22 ire ADEAIO? 
27 Vulgauit ADE 
7 inlabetur ΑΔ] 
14 acheront(h)iae ABE 
10 et ausgelassen ABE 
54 Diüiudicata ABE 
10 Inauspicatos ABAl 
27 intermissa AB 
11 et ausgelassen ABA 
alto ABEO 
6 sacris ABrO 
4 fastos ABEA1O 
4 ponticum ABA1O 


6 consilio ABEAIO (Bland.) 
14 naidum ABEA1O! 

5 rumpat ABOAO 

10 inminentium ABCALO 
71 reddit ΑΒΟλΙ 

6 et ABCA1lO 

9 inuwicem ΑΒΟΛΙΟ 

2 uersum ἈΒΟΛΙ(Ο 9) 

6 Nec ABCO 

8 iura ABC 

34 alueo ABC RAIO! 
57 africus ABC(01?) 

9 domo ΑΒΟΛΙ 

18 Largi ABC 

20 citrea ABCO (Porph.) 

2 Iule (-ἰὰ ΟἹ ABCA1lO (Porph.) 
14 Sanguine ABCAl 
27 auis ABC 

10 qua ACAl 

7 Verni ABC 
36 Dedecorant ABCO (schol. Juv.) 
65 Mersus ABCA1O 


7 it ABO 
34 Diffuso ΑΒΟλΙπ 
10 inpressa ABCAl 
15 celeris fuga ΑΒΔ] 
34 duxit ΑΒΔ] 

8 μὲ ABA1O 

581 silebo ABA1O 


18) Vgl. 5, 289 Anm. 83. 


latum RO®. 

Cultus R&(0:?) 

Ponis R®. 

Et uersis DRO®. 

elewi ἈΦ. 

nobiles R®. 

curret RO®. 

obsolelis R®. 

uitis ἘΦ, 

que ERO®. 

Δέον RO!® (Porph.). 
Volgarit ΟΦ (Porph.). 
inlabatur ERO®. 
acheruntiae RO® (Porph.). 
et haben Bland. RO® (Porph.). 
Disiudicata (R!?)O®. 

Non auspicatos ERO®. 
inpermissa ΟΦ. 

et haben EROFr. 

arto Bland. R®. 

diuis ER® Porph. 

fastus ἈΦ (Porph.).; οἵ. Prise. 
publicum Bland. Rr!, apu- 

lieum E®O%, 

concilio R®. 

naiadum RO?® (Porph.). 
rumpit ἘΦ. 

inminentum R®. 

reddet RO® Porph. 

ac R®. 

in wices R®. 

uerso R® Porph. 

Ne R®, 

iuga RO® (Porph.). 
aequore PO? 18). 
africis RO® (Porph.). 
domum RO® (Porph.) 
Largis ΟΦ. 

cyprea R®. 

Iulle ἈΦ. 

Sanguinem RO®. 

apis RO®. 

quae O® (Porph.), qui R 
Vernis (R?)O!®. 
Indecorant R® Porph. 
Merses Rö Messes n? Mer- 

sae F. 

et ROör (F?). 

Defuso Bland. RO!F?. 
inpulsa RO®. 

celeres fugae ΟΦ, 
ducit ROG. 

que R®. 

sileri ἈΦ, 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 293 


carm. 
4, 9, 35 que ausgelassen ΑΒΔ] que RO®. 
52 peribit ΑΒΔ] perire Bland. RO®. 
10, 6 ın ABORI in ausgelassen R®. 
11, 7 awet ABO habet ἈΦ. 
13, 14 clari ΑΒλ] cart Bland. RO®, 
14, 5 τ Aal sol RO®,. 
15, 10 euaganti Ar Porph. etuaganti RO®. 
carm. 5860. 
5 Quod ABCAl Bland. O? Quos RO®-Quo π. 
23 totidem ABCA1lO | totiens R(Censorin) potiens ©, 
39 urbes ABCA1O urbem ἈΦ, 
epod. 

1, 21 ui adsit auxilii ABO ut sit aucilli) Rd, uti sit au- 
Porph. ii 5 ‘quartus Blandinius’. 
23 pascua ΑΒΟΛΙ pascwis Bland. RO, 

29 ca(n)dens ABOAO tangens ΒΕ δ(π Ὁ). 
34 nepos ABCA10! ut nepos RO’®. 
2, 25 ripis ABCAlO a πὶ risis R! riuis Bland. 
’®, 
5, 3 aut ABCAIO (Porph.) et ἈΦ. 
15 illigata ABOAIO (Porph.) implicata R®. 
18 cupressos ABCA1O cupressus R®. 
20 strigis nocturnae ABCAlO nocturnae strigis R® 
(Porph.). 
21 aut ΑΒΟΛΙΟ atque ἈΦ (Porph.). 
- 60 laborarunt ΑΒΟΛΙΟ laborarint Bland. Ro. 
63 superba ABCA1lOr suwperbam Bland. ἈΦ. 
65 infectum ABCO imbutum R® (Porph.). 
79 marı ABON1O? mare RO!D 
102 effugerint ABCA1O effuwgerit R® Porph. 
6, 3 wertis ABO uertis R'r! werte Bland. R?O°®. 
petis ABO petis R'r! pete Β΄ ΟΦ, 
5 lacon ABCO laco R®. 
7, 15 albus ora pallor ABOMO ora pallor albus R®. 
(Porph.) 
10, 19 sinu notus AC Bland. sinus noto (notu R) RO. 
1, 2 percusswm AB (metrici) perculsum RO®C. 
12, 2 guid ABCO cur R®. 
3 mittes ΑΒΔ] mittis ROSDC. 
8 crescit ΑΒΟΛΙΟ (Porph.) crescat R®. 
13, 11 cecinit grandi ABCA] grandicecinit ΟΦ. 
14, 3 utsi ABOilnO! uti RO’, 
10 N(on) acreonta AB AcreontaC Anacreonta RO®. 
15, 12 wire: ABCA1lO Porph. wirium R®. 
.16, 12 Τῆι ἡ (EtquiB, EqueC) ABC Eques RO®. 
14 uidere ΑΒΟΛΙΟΙ uideri ΟΦ. 
38 perpremat ABCO! (Porph.) perprimat RO’®. 
17, 5 Refixa ABCO Defixa ἘΦ. 
11 Luxere ABCA1O! Unxere Bland. RO’®. 
18 Relatus ABO31 Relapsus RO® (Sacerd.). 
22 amictus ABCA1O! amicta RO2S, 
97 sacrum ABOIIR!O! sacra R’O°’®. 
60 proderat ABil proderit ΒΟΦΟ. 
64 laboribus ABCAl doloribus RO’® (Porph.) ceru- 
ciatibus O!. 
72 innectes (-is ΟἹ) ABCA1O nectes ἘΦ. 


20 * 


294 Vollmer, 


epod. 


17, 80 pocula ΑΒΟΛΙΟ 
81 exitus ABON 
serm. 
1, 1, 88 patiens aBDE RO! 
55 mallem (-e B) BDEO? 
79 optarem aBDEO! 
2, 6 propellere aBDEO! 


poculum R® (Porph.). 
exitum RO® (Porph.). 


. sapiens (Bland.) O2® Porph. 


malim RO!S (exempla Vat.) 
optarim ΒΟ’ Φ. 
depellere RO2®. 


Serm. 1, 2, 100 scheint Klasse Il ausgelassen zu haben: 
in FAl ist 100 falsch vor 99 gestellt, 100 ließen aus ἘΠ ὃ. 
Der Fehler hängt zusammen mit der Abirrung von circumdata 
v. 96 auf circumdaia v. 99; denn 99 haben ®R nicht palla, 
sondern nam te (aus 96) und R! hat Lücke. Also ganz deut- 
lich: Fehler einer Abschrift, nicht einer Ausgabe. 


serm. 


1, 2, 121 philodemus aBDEO 
124 dat aBE (Porph.) 
127 wereor aBDE 
130 Desiliat aBDE 
8, 37 filix aBDEO? 
43 Ac BDE 
56 incurtare BDE, 
4, 15 Accipe iam aDE 11) 


25 elige aDE(O'?) 
26 misera ambitione aDEO 
30 tepet aDEO schol. T 
35 non hic aDEO 
50 grandi aDEO 
54 puris aDEO 
58 uerbum aDEO? 
65 et 70 suleius und sulei aDEO 
79 Inguit aDE 
93 si quae aDE (Porph.) 
103 aliud aDE 
110 Baius aDE Bland. 
123 selectis aDO?2 
5, 1laccepit aCE (Serv. Porph.) 
15 ut ausgelassen CDO (Porph.) 
73 dilapso aED OÖ 
97 dein aCDE 


6, 4 imperitarint aUDEO? 

6 ut 03, at ut E, aut ut Ὁ 
natos aE, natus CD 
7, 21 concurrunt aDE 
8 6 Ast aDEO 
1, 9, 52 atqui aDE OÖ 

62 wenis et aKO (Porph.) 
66 bilis aDE O 

10, 13 urbani aDEO 


76) Serm. 1,8, 28-83 fehlt R. 


philodamus R® (Porph.). 

det RO® D. 

metuo ΟΦ. 

Dissiliat RO®. 

flex Οἱῷ 9), 

At ΟΦ. 

inerustare OD Porph. 

Accipiam (Bland.) RO® 
(exempla Vatic.) Porph. 

erue RO2®. 

miser ambitione R®. 

patet ἘΦ. 

non non ἈΦ. 

grandem R®. 

pueris R®. 

versum RO!®. 

sulgius und sulgi R®. 

Inquis RO®. 

si qua RO®: 

aliquid ΒΟΦ. 

Barus RO®. 

electis RO!® electi ἘΝ. 

exccepit (-ipit R) ΟΦ Ὁ. 

ut ἘΦ aR. 

delapso R® C. 

de(h)ine BOR? (Β΄ non liquet) 

(Porph.). 

imperitarent RO!®. 

aut RO!®da. 

natum R2O®. 

procurrunt RO®. 

Est ἈΦ. 

atque ἘΦ. 

venisset ἘΦ D. 

bellis K®. 

urbane ᾧ Porph. urbem R!. 


7) Von serm. 1, 3,135 an fehlt B durch serm. epist. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 295 


serm. 


1, 10, 24 ut aDEO Porph. 


27 latini aDEO (Bland.) 
39 spectanda (-tia E) aDE 


40 potes aDEO 

44 ἀπ οὐ aDE (Serv.) 
2, 1,18 cum aDEO 

22 que aDE 


2, 30 te peiere (dep-E) aDE Porph. 


35 quo aDE (Porph.) 
60 repotia aDEO? 

99 trausius aDEA 

116 edi luce aDE 


3, 4 αὖ ipsis aErO (D fehlt) 


83 veri aEO? 
93 periret aDE 
108 quid discrepat DE 
174 insania aDE 
183 aut aDEO 
213 witio aDEl- 
227 Et dieit aDE 
235 uellis aDEl 
240 absorberet aDE 
291 Magne (-no E) aDE 
292 ue aDE 
4, 2 wincunt aDEIO 
22 peragit aDE 
6, 57 et aE (Ὁ) fehlt) Οἱ 
7, 13 doctus 4810 
19 acrior aEO! 
84 fert EIO? 
et quis E 


epist. 


1, 1,48 Discere AEO 
72 aut AEO? 


101 putas AEIS Porph. 
2, 4 Planius AEO? 
ὃ aestuws AMO: 
33 atqui AEO 


3, Aturres AE Porph. FX10? 
6, 1lexterruit uirum AB”) 


18 Suscipe AEilr 
48 primus. AEO? 
53 hic ΑΒΔ] 
64 patria AEy 
68 nil AE 

7, 73 hic AEO 


8, 12 ventosus AE (Serv.) RO? 


11, 24 Ut AEO? 


et ἘΦ. 

latin(a)e R®. 

spectata RO®. 

potest ἈΦ. 

ductu R®. 

dum © 18). 

ue ΟΦ (Porph.). 

te patet DO. 

quwid ®, quod O. 

reportia ®0! (Porph.). 

trauius ®O (Porph.). 

et edulce (de luce Δ) ® et di- 
luce Ο, ( et) edulce (Porph.). 

atipsis ® Bland. 

verum ΦΟΊ΄. 

perisset ΦΟ. 

quidiscrepat(Bland.)O®a. 

ula)esania ®O. 

et ®. 

ausgelassen ®O. 

Edicit ΦΟ. 

uerris (Bland.) ΟΦ. 

ex(s)orberet ΟΦ. 

Mane ΟΦ. 

que ΟΦ. 

uwincent Bland. ®. 

peraget ΟΦ. 

ut ΟΦ. 

doctor Bland. ®. 

ac prior 0°’8, 


feret O!®. 

ecquis ®, acus corr. in ec- 
quis Ο. 

Dicere ἈΦ. 


ausgelassen in II, denn 

et RO!ön, ac Fi. 

putat R®, puta corr. in putes Ο 

Plenius (Bland.?) RO!®. 

aestum Bland. RO!®. 

atque Bland, ἈΦ. 

terras Bland. RO!ör. 

exterret (-ἰξ ΒΚ utrumque ΟΦ, 

Suspice ROFö Porph. 

primum RO!®. 

(h)is ROdr (Ex. Vat.) 

patri(a)e RO. 

non ΟΦ. 

ausgelassen R®, dafür est in- 
terpoliert Al. 

uenturus Bland. 018. 

Tu Bland. ΟΦ. 


18) Von sat, 2, 1,16 an fehlt in den Satiren R. 
15) Ich halte das für durchaus richtig: nur gehört utrum zum fol- 


genden Satze. 


296 Vollmer, 


epist. 
1, 15, 32 donabat AEO? donarat Bland. ΒΟ τῷ, 
16, 5 sö AE (Porph. lemma) ni ΒΟΦ. 
8 benigni AE benign(a)e ΟΦ. 
51 Suspectos AEO Suspectus R®. 
17, 28 loca AEO? ioca RO’®, 
30 angue AEO angui R® Priscian. 
18, 82 et quid AE RO ecqwi(d) ® Porph. 
107 ut AEO? Porph. et Bland. RO'®. 
111 donat AE RO ponit (-at πὴ (Bland.) ®. 
19, 13 textore AHO Porph. extore R, ex ore ®. 
90 oblinat ΑΒ O obtinet R®. 
47 iste (om. A)E Ὁ ile ἈΦ. 
2, 1, 27 Dietitet a0? Doctitet EO! Dieit et Rn, Dicat et Φ. 
37 que aE ΟἹ ne R®O2. 
46 etiam aE ΟΣ et idem Rn, et item ΟΦ, 
73 et ausgelassen AE et RO®. 
158 lata aE OÖ nata ἘΦ. 
186 gaudet aE Bland. O (Porph.) plaudet Τῷ. 
198 nimio aE Rr Bland. mimo ΟΦ Porph. 
205 l(a)euae aEO? I(a)eua RO'®, 
226 eo rem weniuram aEO forem uenturam Ἐπ, item fore 
venturum ΕΔ], 
2, 2, Simitaberis aE Bland. imitabimur (-üur 10) RO®, 
llextrudere aEO exccludere Bland. R®. 
44 wellem aEO? possim (-em ΟἿ) RO!S, 
63 tu quod aB50 quodtuR®. 
77 urbem aE Porph. OÖ urbes R®. 
87 ut aEßO et ἈΦ. 
112 feruntur aDE3O2 ferentur ΟΦ. 
ars 
49 et ausgelassen aBC et (Bland.) RO®, 
76 inclusa est BCO wunctis (-us Rr) aus Vers75R® 
111 effert (-eret B) aBCO et certi ἈΦ. 
117 wirentis aBCO uigentis R®. 
196 amice aBCO amici Ἐπὸ amicis RAl, 
203 pauco aBC Porph. Or paruo R®. 
212 haben aBCO lassen aus ἈΦ. 
223 Inlecebris aBCO Incelebris ἈΦ, 
237 et BC Bland.! an R Bland.? ΟΦ. 
279 Aeschylus aBC Aeschynus vel -inus ΟΦ, 
294 Praesectum BC Bland. Perfectum RO®. 
305 ex(s)ortita aBC Ἐπ ex(s)orsipsa ΟΦ, 
319 Tocis aBC Bland. iocis ΟΦ. 
327 albani aBC (al)bini ΟΦ. 
328 triens(h)ew aBC Bland. Ὁ irienem Ran, triens est ®. 
339 uelit aBCO (Serv.) uolet ἈΦ. 
400 honor aBC honos RO®. 
421 agri BC agris ROba. \ 


In dieser Liste — sie wird nicht lang erscheinen, wenn man 
bedenkt, daß sie abgesehen von den oben aufgeführten ge- 
meinsamen Fehlern der Hss. und den Zeugnissen der indirec- 
ten Ueberlieferung eigentlich den ganzen kritischen Apparat 
zu Horaz birgt — sind für den, der sie zu lesen versteht, die 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 297 


wichtigsten Tatsachen der Ueberlieferung und damit die Richt- 
schnur der recensio beschlossen. Ich will versuchen das zu 
entwickeln. 

Zunächst ist klar, daß diese Varianten nicht Ausgaben °°), 
sondern Abschriften bedeuten: ganz significante Schreibfehler 
z. B. carm. 1,12, 2 CELO statt CLIO, 3, 2. 22 IRE statt ITER, 
4, 15, 10 ET VAGANTI statt EVAGANTI, epod. 14, 10 
NACREONTA statt ANACREONTA, serm. 1, 4, 15 ACCIPE 
IAM statt ACCIPIAM u. s. w., dann eine Reihe von Wort- 
umstellungen, ferner Abirrungen wie serm. 1, 2, 100, ars 76, 
Auslassungen wie ars 212; ganz klar erkennen wir die Capi- 
talschrift des Archetypons epist. 2, 1, 226 wo FOREM statt 
EO REM in Klasse II übergegangen ist, vgl. auch epist. 1, 
15, 32 DONARAT II und Bland. statt DONABAT. 

Welche Abschrift ist die bessere? Das zeigt deutlich die 
Verteilung des Sperrdruckes, der auf der linken Seite über- 
wiegt: list zweifellos die getreuere Copie, aber auch sie wim- 
melt von Fehlern und kann daher nur bei ganz gleichwerti- 
sen Lesungen relativ größeres Ansehen beanspruchen. Ks ist 
ja überhaupt nicht die Aufgabe der Recensio, Lesarten nach 
ihrer Güte zu zählen, sondern für jede einzelne Stelle den Ar- 
chetypus zu rekonstruieren. 

Und nun beginnen die Zweifel. Ist denn die oben ste- 
hende Liste beweiskräftig, ist sie nicht willkürlich und un- 
sicher? Niemand weiß besser als ich, wie schwer sie zusam- 
menzustellen war, wie genau jede Stelle geprüft werden mußte, 
mit wie viel verschiedenen Möglichkeiten zu rechnen war. Und 
ich fühle durchaus die Verpflichtung, für eine Reihe von Stel- 
len meine Erwägungen klarzulegen, damit mein Urteil nicht 
als Willkür erscheine. 


Υ. 


Während im ganzen die Reconstruction der 1. Abschrift 
kaum Schwierigkeiten macht®!), wird dieselbe Aufgabe für 


80) Nirgends finden sich Spuren einer Recensionsarbeit wie z. B. in 
den alten Plautusausgaben A und P; auch werden die Varianten 
dieserbeiden Klassen nicht von antiken Zeugen be- 
stätigt (über carm. 3, 17,4 fastus oder fastos siehe 8. 276), mit 
einer Ausnahme, die ich oben ὥ. 282 Anm. 39 behandelt habe. 

81) Diese erheben sich nur da, wo die führenden Hss. ABC nicht 


298 Vollmer, 


Apographon II durch eine ganze Reihe von Umständen er- 
schwert. Hier spielt mit die Unvollständigkeit und Unzuver- 
lässigkeit der Collation des Blandinianus vetustissimus, das 
Fehlen von R in einem Teil der Satiren, der aber auch, wo 
er erhalten, bisweilen durch Glossen und Varianten getrübt 
ist. So müssen wir uns oft genug statt des sicheren Zeug- 
nisses Bland. RO mit dem magern R® oder gar ® genügen 
lassen °?). Vor allem aber kommt in Betracht der Zustand 
der Kerngruppe von Klasse Il, der Gruppe ®. Wäre sie so 
wenig getrübt wie etwa AR, so würden uns Hunderte von Zwei- 
felu erspart bleiben), In Wirklichkeit ist aber die Gruppe 
®, in der sich zusammenschließen F (--ε ψῳ)δλὶπ, lauter sicher 
oder wahrscheinlich mittelfranzösische Hss., ganz besonders 
fehlerhaft und verderbt. Ihre Verwandtschaft im einzelnen histo- 
risch zu erklären, muf3 ich einer besonderen Untersuchung über- 
lassen; für mich genügt hier festzustellen, daß sie durch hun- 
derte von gleichen Fehlern zusammengehalten werden und 
daß nur in den Garmina und Epoden Al oft von der I. Klasse 
her beeinflußt sind, wie sie auch die Mavortius-Unterschrift, 
indirecter Herkunft, tragen. Ich muß aber hier wenigstens 
die große Menge der charakteristischen Fehler zusammen- 
stellen, damit das Zeugnis dieser Gruppe nicht länger über- 
schätzt werde: die Gruppe ist zahlreich und mächtig geworden 
vor allem weil Heiric®*) und sein Kreis den Horaz in dieser 
Form kennen gelernt, nachgeahmt und verbreitet hat; tatsäch- 


erhalten sind, also vor allem in den Satiren und Episteln, und auch 
hier giebt in der Regel der Consensus aE, wo nicht Glossen die reine 
Ueberlieferung gestört haben, den rechten Weg an. 

82) Unter den von Keller-Holder verglichenen Hss. habe ich nach 
einem weiteren von ® unabhängigen Vertreter gesucht, aber keinen 
gefunden: auch u hängt von ® ab: vgl. z. B. carm. 4, 4, 48. 4, 6, 17. 
4, 7,15 4,410, 5.2.2: 

88) Die Fälle wo ® allein das Echte bewahrt hat, sind selten: am 
wichtigsten carm. 3, 29, 34 wo aequore für das glatte Flußbett (vgl. 
Thes. ling. lat. I 1027, 32) in allen andern Hss. und natürlich auch 
in den Ausgaben durch die Glosse alweo verdrängt worden ist; 3, 27, 
55 Defluat mag Conjectur sein; siehe noch serm. 2, 3, 183 et, 2, 7, 19 
ac prior; über ars 305 vgl. unten 3. 305. 

84) Siehe vor allem die schon von Traube PMA. III S. 424 Anm. 8 
hervorgehobene Stelle carm. 2, 20, 13. 

8) Wo andere Hss. zu ® hinzutreten, ist meist derselbe Schreib- 
fehler oder dieselbe Glosseninterpolation zwei- oder mehrere Male ge- 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 


299 


lich ist dieser Zweig der Ueberlieferung der wildeste, am 


meisten durch Schreibfehler wie Interpolation entartet. 


Hier 


in der Gruppe ® haben wir in der Tat eine Art von recensio 
vor uns, freilich keine des Altertums, sondern eine des 9. Jahr- 
hunderts und eine, in der die kühnsten Interpolationen neben 


den törichtesten Schreibfehlern stehen. 


carm, 


2,02, 


16, 
17, 


11 super vacto ® 
18 uelorum ® 
8 urit®®) ΦΟ 
27 teucro®’) BDO 
2 hoc deos oro ὃπ 
te deos oro FA1O 
6 Largiri potis ᾧ 
7 Depone Φ 
17 animas laetis © 
13 parentum FörDO DBland. 
marg. 88) 
15 aut terram För 
51 fatis ausgelassen För 
57 regit Fön 
‚5 tum ®D 
Ὁ actus ® 
5 increpat FörEO2 
15 Extollens (At t. rn) FönO! 
5 facıles FörlO2 Porph. 
14 te ausgelassen ® 
3 hitus ® (ohne πἶ) ἢ 
19 et För 
6 te torret Fön 
17 s(a)eua ΦΟ 
26 fugiunt Fön 
5 Antehance ᾧ (Porph.) 
7 agit ΦΟ (Porph.) 
28 exitium ®O? 
3 breseis Fön 
6 tegmess(a)e BO 
5 Pompib ® (Porph,) 
7 comptus FörO 
14 ab aere Fön ab aere vel aere Οἱ 
11 cedunt FörO 
18 cytharae For 
24 comam För 
25 Dum FörO 
ὃ Colchica ® (Porph.) colchia Ο 
23 discretas Filn?O (ὃ deest) 
13 paterno Fr (ὃ deest) 
81 forset FörO? 
19 Loetalis Fön 


TE ὃ a έν, ὐλνδᾳ ὃρ 


ΠῚ 
S 


SS 3 33 


ze wi τ Be 


S 


δι) 


statt ϑβιρεγίθοίο 


ultorem. 

uisit, 

teucr\. 

hoc deos vere. 


Large reponens. 
Deprome. 
laetis animas. 


parenlıs. 
ac (et EDR) terras. 
fatıs. 
reget. 
tunc. 
Ssaucims. 
cerepat. 
Et tollens. 
fecilis. 

te, 

latum, 

ac. 

torret. 
serva. 
diffugiunt. 
Antehac. 
aget. 
excilium. 
briseis. 
tecmessae. 
Pompei. 
coronatus. 
aere, 
decedunt. 
eythara. 
comas. 
Cum. 
Colcha. 
discriptas. 
paternum. 
forsan. 
Natalıs. 


macht, in den jüngeren Hss. wie Ὁ auch einfach aus ® übertragen 


worden. 


..°°) Was sich die Abschreiber bei der Verbreitung dieser ganz tö- 
richten Lesart gedacht haben, kann ich nicht erraten. 


900 Vollmer; 
carm. 
2, 17, 25 alas ausgelassen För 
te Fön statt cum. 
18, ὃ clientes DO „ . ‚chientae, 
36 Reuin)xit Fön „  HBeuexit. 
20, 3 terra FörO ΕΣ 6} 1188 
13 (o)aor FörEO Heirie αἰ notior. 
3, 1, 43 Delinit (-net O) ®@DO „ . Delenit. 
3, 10 Innisus FörO ,  Zmisus. 
12 bibit FörOE (Porph.) ,» ‚bibet. 
4, 10 limen apuliae BOE (Porph.) „ limina pulliae. 
16 ferenti ΦΟΣ (Porph.) „.. ‚foreniu 
81 arentes Fön „ urentes. 
5, 51 amicos FörO „ propinquos. 
53 clientium ®O (Porph.) „.  elientum. 
6, 35 et ausgelassen FörO 
8, 27 rape (spe rn!) För n„ "tape 
9, 9 rigei © .  regik 
21 Quamuis FörO? , Quamguam. 
10, 6 situm FörO (Porph.) „ satum. 
13, 11 sub womere FörO! „ uomere. 
16 Nymphae För „ Zymphae. 
18, 7 ocreterrae ® (Porph.) „  eraterae. 
19, 11 Munere Fön »  Murenae. 
14 attonitus cyathos FörO „ eyathos attonitus. 
27 chloe Fön »„ rhode 
20, 3 paulum För »„  paulo 
23, 9 aleido För „ algıdo 
24, 26 aut FörO PR. 
27 quaerit Fön » quaeret. 
60 hospitem FArO „ hospütes. 
25, 16 fraxinus För (Porph.) „ . frasxinos. 
27, 1 quid AlnO „(OR 
37 culpa FrO! (Porph.) „  eulpae. 
3, 27, 55 Defluat richtig FörO „ Defluit. 
71 uisus ᾧ »  imuisus. 
29, 34 aequore riehtig FörO? „ valveo. 
62 Tum FörO , Zune 
4, 1, 11 Comitabere FörO! » Comissabere. 
37 ego te Fön (te ΟἿ) , δῆδ. 
2, 6 Cum...saluere För Bland. ,), Quem .. . aluere. 
58 orbem Alt „ νη. 
4, 6 propulit &AlnO „ γον), 
41 arma ® » . alma. 
43 uel ausgelassen ᾧ (per F, etör) 
6, 17 captis ausgelassen För 
38 nocte lucem Fön (noctem lu- 
cem Οὗ ,», noctilucam: 
7, 19 herebis vel -bit ® „ heredıis. 
8, 25 aequum Fön „ . aeacum. 
10, 5 falsche Wortstellung FörO 
12, 11 Delectante(m) För „ Delectantque. 
16 mereberis För „.. merebere. 
14, 5 Aeterne et Fön „ Aeternet. 
15, 23 ue FönO? BL: } 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 


carm. Ssaec. 


26 est ausgelassen FörC! 
51 imperet FAR!O2 
δ honos ® 
epod. 
1, 10 Quem ΦΟ 
2, 19 gaudens För 
5, 1 regis ΦΟ 
21 cole(h)os DO 
34 immemori Fön. 
95 dum Fön 
6, 15 oppetiwerit F (81?) πὶ 
13, 9 cyllena För 
15, 17 tu ausgelassen För 
16, 33 flauos FörRO, saeuos Al 
17, 17 circ(a)e Εδὶπὸ 
62 St ΦΟΞ Ps. Porph. 
67 alite FörRO? 


serm. 
1, 1, 88 at FildO2 
91 campum FrX1802 
94 habebas ®B! 
105 besellz (ues- O!) ΦΟΊ 
2, 3 tigilk DO! 
12 fusidius ΦΟΞ 
19 hoc FX180 
34 Hac Filö 
1 Munificum ΦΟΙ 
71 ferbwit Φ 8) 
90 linceis FAlO (lynceis E) 
93 depygis BaO 
97 dum © 
officiunt FA1O? 
117 praesto aut ΦΟΞ 88) 
133 pyge Φ 
3, 29 actus ® 
33 pectore BO? 


35 insederit ᾧ (Porph. lemma) 


38 amici ® 

64 (h)aut © 

65 modestus ᾧ 

76 quatinus ᾧ 

92 ante me DO 
4, 82 amplicer WA1O! 

49 insanıt &R 

54 uerbum & 

73 Non ® 

87 imus © 

125 fraglei ® 

126 uides ® 

131 Ignoscat ᾧ 

139 Incumbo ®0! (Porph.) 
5, 8ὃ lingu(a)e 0! 


81) z fehlt von 1, 2, 70 ab in den serm. 
88) Von serm. 1, 2, 114 fehlt auch ὃ, also Φ = Fl. 


statt impetret. 


” 


Ἢ 


Sn 3 


> ae ΜΞ. Β΄ δ΄ “ἢ 


9 5. 5 5» 


ἈΝ δ, δ 88, Δϑ'! δ Ἔ δ ΠΡ, ΑΘ ἄγη, .85 ἐδ. ξυνὰ πὰ Ὁ Ξ 


δ, ΟΝ ΘΝ, δ θ᾽. rn 


honor. 


Qua. 
gaudet. 


regit. 
Jolcos. 
inemort. 
cum. 
petwerit. 
cyllenea. 


rauos. 
Cir ca. 
Sed. 
alıtı. 


an. 
campo. 
avebas. 
Visell. 
Tigell. 
Fufidius. 
hic. 


- Hue. 


Munifico. 


conferbutt. 


Lynecei. 
depugis. 
tum. 
officient. 
praesto. 
puga. 
aptus. 
corpore. 
inseuerit. 
amicae. 
ul. 
molestus. 
quatenus. 
ante mea. 
ampliet. 
insanus. 
werbıs. 
Nee. 
unus. 
Slagret. 
auvdos. 
ignoscas. 
Inludo. 
longe. 


801 


902 Vollmer, 


serm. 


1, 5, 26 anzyr ® statt Anzur. 
40 uarus ΦΟ x Varius (ebenso 93. 1, 6, 
50. 1, 9, 23. 1, 10,44. 81). 
71 recie ®@DO - "recht 
97 gratia ®@DO? »  Gnatia. 
6, 65 aut ᾧ ».. CE 
73 et ©0! a: 
75 octonis ... αὐγὰ (-re O') 90 ,„ octonos ...aeris. 
83 seruabat ® „ . seruauit. 
90 οὲ Φ „ab 
ἡ, 1 tumidusque © . tumidus. 
28 multum ΦΟ ,) ιμῖίο. 
8, 9 wlis DO! » mil. 
12 ciprus ® »  cippus. 
48 caliandrum © (Porph. 4 mal) , caliendrum. 
9, 12 agebam ®E „ .  atwebam. 
13 ficos Φ Ps, Charis, „  Wicos. 
16 Prosequar ®PDO »„ Persequar. 
63 tendit ® tendis. 


1, 10, *#1—*8 diese falschen Verse sind nur in ® erhalten und einigen 
jüngeren Hss. 89). 


89) Diese Tatsache zwingt uns gegenüber den früheren Betrach- 
tungen (zuletzt F., Marx, Rhein. Mus. 41, 1886, 552 ff.) die Frage zu 
erwägen, ob es denn ganz undenkbar sei, daß diese 8 Verse in der 
Karolingerzeit interpoliert worden seien. Höchst verdächtigend ist doch 
außer der beschränkten hslichen Bezeugung der Umstand, daß Porphy- 
rio sie nicht commentiert hat, ein Umstand, der nach der unten zu 
erschliessenden Lage unserer Ueberlieferung fast völlig die Möglichkeit 
abschneidet, daß die Verse aus dem Altertum überkommen seien. Und 
daß die Verse, wie Marx meint, ursprünglich für einen andern Zweck, 
ein litterarhistorisches Gedicht oder als prooemium einer Luciliusrecen- 
sion gedacht und gemacht und erst nachträglich der Satire vorgeflickt 
seien, ist unerwiesen, unerweislich und bei dem Uebergang mitten im 
Verse ut redeam illuc ganz unwahrscheinlich. Hinzu kommt eine wich- 
tige Kleinigkeit: die übliche Emendation in v. 4 quo melior vir (et 
est ist schlecht, wie auch Marx erkannte; mit Zonge subtilior fängt not- 
wendig eine zweite, von quo unabhängige Apposition an. Vier an sich 
ist gut, es gehört nicht zum Praedicat, sondern zu ille: hoc lenius vlle 
vir quo melior est. Der Fehler vir aber zeigt uns m, ἘΠ, deutlich, in 
welche Zeit die Verse gehören: seit dem 5. Jahrh. werden einsilbige 
Wörter, die auf Consonant ausgehen, verschiedentlich als Länge be- 
handelt (z. T. natürlich nach Beispielen von Nachwirkung ursprüng. 
licher Doppelconsonanz wie pes und par): fac, ac, cor, an, nec u. 8. w- 
und solche Dinge bildeten die Karolinger nach; so haben wir bei Hei- 
ric von Auxerre (PMA III p. 427 ff.) in der vita Germ. 1, 34 vel 
(in thesi) und 1, 480 nec (in thesi); für ver selbst beweist der Vers 6, 6 
hoc vir, hoc mulier, hoc u. 5. w. nichts. Den folgenden Vers lese ich 
mit Marx: qui multum puerum et loris et funibus ussit Exoratus und 
erkenne mit ihm eine Nachahmung von Juvenal. 6, 414 quae vicinos 
humiles rapere et concidere loris Exorata sole. Diese Nachahmung 
Juvenals passt wiederum vortrefilich auf Heirie, der diesen Diehter 
vielfach nachbildet, ihn sogar glossiert hat (Traube PMA III p. 424 
Anm. 3). Kurz, ich halte Heiric für den Verfasser die- 
ser 8 Verse, die von ihm eben für die interpolierte Recension des Ho- 
raz gemacht worden sind, die wir in ® erhalten haben und von der wir 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 3083 


serm. 
1,10, 5 num 50a statt nam. 
65 urbanis ᾧ „  urbanus. 
75 mihbus WAl „.  wihbus. 
2, 1, 49 quis...certet BOD » για... ovortes. 
2, 22 lagonis ® (Porph.) »„ lagois. 
38 rarıs ® (Porph.) „ raro. 
4] quamuis ® » qQuamquam. 
58 fundere ® „ defundere. 


65 qui DO qua. 


95 Occupat ® (exempla Vat.) ,) Oceupet. 
99 Asia que(t) ® „ «48 laquer. 
114 metatum ® ,) metato. 
Ὅ 21 faber © (0?) „  uafer. 
39 urget DO ,), angit. 
41 siet ® Eur WU, ‚2 
63 similis cuncta Fl! ,» ‚similem cunctum. 
72 iura ®a0?2 „ws. 
96 contraxerit BO „.  construxerit. 
98 uelutin ® ,»  Weluti. 
108 ıste ᾧ ,), Vstis. 
128 tu insanus ® „. tun sanus. 
142 opimus ® » Opimaus. 
152 quod vis ®D! , quid vis. 
156 empti ® „ . emptae. 
246 ut ausgelassen BO 
247 posiella (-lo 1.) ® ,γ) . plostello. 
266 habet ausgelassen Fl 
272 Qw Fl „ Qu 
286 uulgo © wie es scheint ,) συ. 
317 tandem DOa »  tantum. 
4, ὃ utique (antique 1) ® „ Anytique. 
11 celebrabitur © , . eelabitur. 
14 prohibent © „ cohibent. 
47 tamen ® (om. O) „  tantum. 


sahen, daß eine charakteristische Lesart eben von Heiric in eigenem 
Gedichte verwandt wurde (oben S. 289). Wie aber kam denn Heiric 
zu solch ausgezeichneten Kenntnissen über Lucilius, Valerius Cato, Or- 
bilius? Man beachte doch, daß alles was in diesen Versen erwähnt 
oder gestreift wird, bei Sueton de gramm. steht oder aus dessen Noti- 
zen zusammenphantasiert werden konnte; Suet. 2 (Lucilii saturas) le- 
gisse se... apud Philocomum Valerius Cato praedicat, 11 das Capitel 
über Cato, mit dem Lobe seiner Tätigkeit als Lehrer: er war eben ein 
anderer und besserer Mann als der plagosus Orbilius (puerum ist na- 
türlich Horaz, nicht Cato); aber von Cato stand auch der Vers bei 
Suet. qui solus legit ac facıt poetas: da haben wir das emendare parat 
und den defensor des Lucilius. Also Heiric kannte aus Fulda (vgl. Sue- 
ton. ed. Reifferscheid 8. 410 f.) her das kostbare Fragment über die Ge- 
schichte der römischen Grammatik: er fand in seinen Hss. die 10. Sa- 
tire des Horaz mit Nempe incomposito wie ihm schien abrupt beginnen 
und dichtete nun unter der Maske des Horaz den falschen Eingang, 
nicht ohne Witz und Geschick. Daß Heiric diese Verse machen konnte, 
wird jeder zugeben, der in der vita Germani neben ausgeleierten Versen 
und mancherlei Fehlern Reihen findet, denen man genaue Lectüre der 
Horazischen Satiren anfühlt auch ohne daß directe Nachahmung vorläge. 


304 Vollmer, 
serm. 
2, 4, 49 neseit FA statt ne sint. 
66 quae Φ » qua. 
68 addens ® „ addes. 
5, 8 dolosos Φ „ doloso. 
6 redeat Fl » . redeam. 
7 aut qw Fl ern Vat.) n ı ‚alque. 
38 si (sis O) F “ : 
48 Arripe ® „  Adrepe, 
89 neuel Fla „Neue. 
104 multum F1O ".  aultum. 
6, 27 locuti ® »  locuto. 
38 tabellas Fl „ tabellıs. 
40 proprior Da „  propior. 
61 hortis © , .horis. 
89 ausgelassen in F, an falscher 
Stelle A! 
106 udbi ausgelassen FA 
109 aflat FA „  afert. 
7, 19 est melius ® ,» lewius. 
38 supino Fl » supinor. 
49 urgentis Fl ,  turgentıis. 
53 Tecum Fl »„ ΤᾺ cum. 
78 supra FIO2 „super. 
79 ut est mos FAO! „. uti mos. 
88 potestne ® „  potesne. 
99 morventes FA „ mouentes. 
100 et ausgelassen ® 
105 qui dum Fl! „qui im. 
8 4da Fi ἀρ  ΉΣΟΣ 
40 imis BCO! ,) . mi. 
95 atris (deest 1) ®C » ἢ Ans 
epist 
1, 1, 6 exornet Ἐδλ] „ .. .exoret. 
14 addietus ®(=FöAln)OPorph., „  adductus. 
76 quae © " . quem. 
2, 10 Quod FörlO! » θιμᾶ, 
13 Nune ® „.. ‚Aunc, 
34 cures ἘδλΙῸ , . eurres. 
59 ıram © „.. trae. 
4, 11 modus et ® , mundus. 
6, 26 et wia Frlö tn RR 
5l pondere ® pondera. 
7, 3 sanum ausgelassen, teilweise recteque interpoliert ®O. 
22 agit FOA1O! statt ait. 
52 lewi ® „.. .lasue. 
57 locum 0! n: "la 
93 dicere ®R „ .. ponere. 
11, 7 glabüs ® „ gabüs; ebenso 1, 15, 9. 
15, 45 abo ᾧ ΝΣ 
46 uallis © 2... wills. 
16, 14 utelis utilis DEO2 „  aptus et utilis 59). 


50) Diese Stelle ist sehr lehrreich: jeder ist zunächst geneigt das 
pointierte utilis utilis als Horatianisch anzusprechen, und doch bezeugt 
die Abwägung der Ueberlieferung, daß aptus et utilis (so ARO!r) im 
Archetypon gestanden haben muß: in ® ist der Fehler begangen und 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 305 


epist. ; f 
1, 16, 45 Hunc prorsus ® statt Inprorsum, richtig In- 
trorsum. 
61 zustum sanctumque FAlO » iusto sancioque. 


63 Quo...quo® (Qui...quo 0!) „ Quwi...qui. 

17, 14. 15 Verwirrung in ® und O wegen der gleichen Versschlüsse. 
19 regibus FA statt rectius. 
38 peruenerit ®O! ,) peruenit. 

18, 45 quotiensque (quotiens quoque 


Al) ducit (-ei rn) ® quotiensque educet. 


81 fidens est FIO? „ Jidentem. 

19, 23 patrios ® »..' Parios. 

20, 2 nudus FAl , mundus. 

2, 1, 79 nelc) ® „.. necne. 

91 haberes ® . haberei: 
98 Tune © „ı .ıNunc, 
149 uerti coepit FAl ,» coepit uerti. 
159 peperere FAlO! » pepulere. 
207 imitare ® ,.  imitata. 

2, 71 Plures ᾧ (exempl. Vat.) , . Purae. 
83 curü Ἰλὸπ (curüs 0?) "» euris. 
135 parentem ® „ . patentem. 
199 procul ® „ domus procul absit. 
203 colore ® ΔΗ ‚loeulire, 

ars. 
18 fluvius ® »„ plwvius. 
154 plus oris ᾧ (0'?) » plausoris. 
168 permutare DO »..mox mutare. 
190 spectata AlörO „ .  spectanda. 
462 proiecerit ΦΟ „ deiecerit. 


Zu der Gruppe ® treten nun für die Reconstruction der 
II. Abschrift”) Bland. und R. Für R wird die Zugehörigkeit 
zur Il. Klasse hinlänglich durch die Bücherfolge erwiesen ; im 
übrigen reden die Varianten der Klassenliste. Doch muß ich 
einige Stellen berühren, die in R aus Klasse II herausfallen. 
serm. 1, 1, 33 muß patiens alte Glosse zu sapiens gewesen sein, 
die apographon I occupierte und dann auch inR in den Text 
drang; ebenso liegt die Sache epist. 1, 18, 111, wo donat 
Glosse für ponit ist; über epist. 1, 8, 12 siehe unten 8. 307 
über carm. 4, 14, 28 meditatur vgl. ὃ. 282; dieselben Schreib- 
fehler sind 2mal gemacht in I und R epist. 1, 18, 82 et quid 
statt ecguid, 2, 1, 198 nimio IRr Bland. statt mimo; ars 305 
wird ex(s)ortita IRr zu ex(s)ors ipsa aus Scholien gebessert sein. 

Schwieriger, aber doch auch mit vollkommen ausreichen- 


verschlimmbessert worden, daraus nach E übertragen. Anders und 
doch für E gleichwertig 1, 16, 59 clare (clare\. 

᾿ς ἢ) Ich lasse Ὁ als zu junge und unselbständige Abschrift von 
jetzt ab außer Betracht. 


906 Vollmer, 


der Sicherheit läßt sich beweisen, daß auch der Bland. nicht 
etwa, wie Leo (natürlich in anderem Sinne als ich) meint, ein 
drittes Apographon für sich darstellt, sondern aus dem I. ge- 
flossen ist. Zunächst der freilich nur für die Unabhängigkeit 
von I, nicht für die Gebundenheit an II ziehende Beweis aus 
der Bücherfolge??): aber auch Cruquius’ unvollständige Zeug- 
nisse für die Varianten °°) genügen vollauf. 

Ich zähle zunächst aus der Liste S. 291 ff. noch einmal die 
Fehler auf, welche beweisen, daß der Bland. aus unserm ein- 
zigen Archetypon stammt: carm. 1, 12, 31. 1, 23,5. 1, 27,19. 
epod. 5, 37. serm. 1, 1,81. 1,2, 63. 2,1, 31. 25,56, epist. 
1,2,5. 1, 3, 33.4.7, 96. 1, 10, 25. 1, 1.3. RR, 
167: natürlich nicht alle gleich beweiskräftig, aber in ihrer 
Gesamtheit unerschütterlich. Die dagegen zu sprechen schei- 
nenden Stellen, an denen der Bland. ganz allein das Echte 
hat, werde ich weiter unten behandeln. 

Die Ableitung des Bland. aus unserm II. Apographon be- 
weisen mit Sicherheit folgende gemeinsame Fehler”): 


53) 8. oben 8. 278 und 290. 

98) Viel zu groß ist das Verzeichnis der Lesarten des Bland. bei 
Mewes, Festschr. ἃ. Friedr. Werd. Gymn. Berlin 1881 8. 63 ff£., bes- 
ser, aber auch noch nicht genügend gesiebt das bei Höhn, de cod. 
Bland. antig. S. 27 ff. Ich habe selbst die Notizen des Cruquius noch 
einmal durchgearbeitet und verwerte nur ganz ausdrückliche Zeugnisse: 
mein Standpunkt in dieser Frage deckt sich, von Einzelheiten abge- 
sehen, mit dem von Kukula, de Cruquii codice vetustissimo Wien 
1885; sein Verzeichnis der Lesarten des Bland. steht S. 45—64. Zu 
scharf urteilt Häussner, Cruqg. und die Horazkritik 8. 54. 

94) Ausscheiden muß eine Reihe von Stellen. Zuerst carm. 8, 24,4 
da hier der Bland. mit πὶ das Richtige hat. Die diplomatische Lage 
an dieser viel behandelten Stelle ist folgende: Apographon I hatte 
ponticum (AB; 10! wie oft aus I), Apographon II publicum (so R Bland. 
r'), dafür interpolierte ® mit metrischem Fehler apulicum, was die 
jüngeren EO? recipierten. Es sind also ponticum und publicum ganz 
gleich gut überliefert: was stand im Archetypus? Durch Schreibfehler 
die eine Lesung aus der andern ableiten zu wollen wäre Spielerei. Die 
Entscheidung giebt hier Porph., der (zu v. 1 non terram tantum, verum 
etiam maria occupantem) terrenum, Lachmanns glänzende Conjectur, 
sichert. Excerpt aus Porph. ist auch das im Haupt-Porph. ausgelas- 
sene Scholion A et mare publicum: omnibus patens mit dem Vergilcitat. 
Bezeichnend ist, daß Schol. A die Discrepanz zwischen diesem Scho- 
lion und der Lesart in A zu beseitigen suchte und ins Lemma des 
Scholions ponticum hineincorrigierte. Also ist in Klasse I dieselbe In- 
terpolation, die schon im Archetypon Tyrrhenum aus Terrenum machte, 
fortgesetzt und publicum in ponticum verderbt worden. Der Schol. T 
(Karolinger) verwendet dann Tyrrhenum auch in der Erklärung neben 
publicum. carm. 4, 13, 14 ist die Entscheidung zwischen cari und οἵαν 


= re a "ee u 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 307 


carm. 4, 2,6 Oum ... saluere Bland. ® statt Quem .. . aluere. 
epod. 2,25 riuis Bland. R? (risisR!) ® gegen ripis ABCOAIT! 95). 
epod. 6, 3 verte Bland. R?O?® statt uertis R!O!r71ABOA1®). 
serm. 2, 7, 13 doctor Bland. ® schol. T statt doctus aElO 97). 
epist. 1, 2,4  Plemwus (Bland.)°) RO!® gegen Planius 
AEO?. 
8  aestum Bland. RO!® gegen aestus AEAO?. 
33 atque Bland. RD statt afqui. 
3,4  terras Bland. RO!ör statt turres??). 
8,12 wenturus Bland. ΟΦ (Porph.) statt vento- 
sus 10) AERO? (Serv.) Schol. T. 
11,24 Tu Bland. RO!® statt {Π|. 
15, 32 donarat Bland. RO!® statt donabat. 
18, 107 et Bland. RO!® statt ut AEO? Porph. 
2,2, 11 ezxcludere Bland. R® statt exirudere. 
Diese Stellen beweisen zur Genüge die Abhängigkeit des 
Bland. von Apographon Il, seinen Schreibfehlern wie Glos- 
sen!"). Dagegen beweisen nichts die Stellen, wo Bland. in 


zu unsicher zur Verwertung in unserer Frage; schol. A gemmarum 
pretüs ist wohl interpolierter Porphyrio, nicht gemmis (Vatican.) ge- 
kürzter. epod. 1, 21 ist unwahrscheinlich, daß der quartus Bland., der 
das interpolierte uti sit auxili hat, der älteste ist. Vgl. Höhn, de 
cod. Bland. antiq. Jenae 1883 p. 15; Mewes, de cod. Horat. q. Bland. 
voc. nat. atg. indole p. 59. 

89) Die Verteidigung von ripis durch Keller Epileg. p. 360 halte 
ich für wohlbegründet. Zu beachten ist, daß möglicherweise riues nicht 
einmal in Apographon II stand: BR! hat risis, was schon Keller richtig 
als Mißverständnis aus ‘langobardischer’, besser insularer Schrift er- 
klärt, und ripis hatte auch πὶ. Der Bland. wäre also hier schon von 
secundärer Interpolation in πὶ abhängig, genau wie an der folgenden 
Stelle. 

96) Hier ist wohl auch dem II. Apographon unbedingt uertis, etwa 
mit der Glosse werte (zu quin uertis gehörig) zuzugestehen: R!r! schrie- 
ben noch das Richtige ab, die andern die Glosse, 

97) Ob doctor wirklich schon im Apographon II stand, ist nicht 
auszumachen, da R fehlt und !O zu unselbständige Zeugen sind. Scho- 
lion T ist hier natürlich karolingisch. 

98) sic habent Bland. Divaei Martin. Nann. codices Cruquius. 

99) Vielleicht hat hier Apographon II noch turres mit Glosse terras 
gehabt, denn FAl haben noch turres, was freilich auch aus Porph. re- 
stituiert sein kann. 

100) Hier möchte ich wegen des Porphyriocitats (s. u. S. 314) glau- 
ben, daß wirklich der Schreibfehler uenturus schon im Archetypon II 
stand und daß in R das Echte aus der Randglosse (= Schol. T) oder 
aus Serv. restituiert wurde. 

101) Ich warne ausdrücklich davor, aus dem Umstande, daß nur 
eine dieser significanten Stellen in den carmina steht, irgend etwas zu 


Philologus, Supplementband X, zweites Heft. 921 


908 Vollmer, 


Falschem oder Wahrem gegen Il zu 1 stimmt. Es sind folgende: 
carm. 1, 15, 20 Crines Glosse statt Cultus. 
carm. saec. 5 Quod als Interpolation im Bland., was in I 
als Schreibfehler sich fortpflanzte!%). 
epod. 10, 19 sinu notus gleiche, naheliegende Interpolation 
wie in 1. 
serm. 1, 10, 27 latini kann nach patrisque Schreiberverbesse- 
rung statt des wie es scheint in II überlieferten latin(a)e sein. 
epist. 2, 1,198 nimio gleicher Schreibfehler statt mimo wie in 1. 
ars 237 et gegen an”). 
ars 294 Praesectum gegen Perfectum 194). 
ars 319 locis leichte Verbesserung statt z0cis. 
328 Trienseu gegen trienem 195). 
Bleiben übrig folgende, für die eine sichere Erklärung nicht 
auf der Hand liegt, vielleicht einfach directe Uebertragung der 
Varianten von I, etwa gar erst durch Bland.?, anzunehmen ist! %®): 
carm. 1, 3, 19 Zurbidum *"Bland. cod. omnes. 
serm. 1,4, 110 Baius ‘4. Bland.’ 
epist. 2, 1, 186 gaudet ‘cod. Bland. antiquiss.’ 
epist. 2, 2, 8 imitaberis ‘omnes Bland.’ 

Es bleiben zu betrachten die Stellen, an denen der Bland. 
allein von allen Hss. das Richtige bietet 1907), Das sind die 
Stellen, denen die verlorene Hs. ihren Ruhm verdankt; Bent- 
ley hat ihn begründet und seine Nachfolger 1985) haben ihn ins 
Ungemessene und Unangemessene vergrößert. Die Frage ist, 
wie weit ist dieser Ruhm verdient und wie erklärt er sich 
aus den Tatsachen der Ueberlieferungsgeschichte ? 


folgern: diese Zufälligkeit würden wir zu prüfen haben, wenn wir die 
Hs. selbst hätten; die jämmerliche Collation des Cruquius verdient 
kaum, daß man die Frage aufwirft. 

10°) Bezeichnend ist, daß Schol. A die Lesart Quos erklärt. In Ὁ 
stand zuerst Quos, was die zweite Hand in Quod änderte (falsches be- 
zeugt hier Wickham). 

103) Die Stelle zeigt, daß in Abschrift II die Interpolation an über- 
geschrieben war: ei nahm daraus noch richtig Bland.!, acceptierte dann 
aber die Correctur an wie ΟΦ (freilich ist Cruq. mehrdeutig). 

104) Auch hier sind wohl ΟΦ durch Glosse verderbt und praesec- 
tum stand noch im Texte von Abschrift I. 

106) Auch hier wohl eu noch in Abschrift LI. 

106) Immer vorausgesetzt die Richtigkeit der Collation des Crugui- 
us, über die in einzelnen Fällen zu streiten ich nicht erst anfange. 

101) Vgl. Höhnp. 44f. Kukula p. 67 f. 

108) Siehe besonders Haupt opusc. III p. 45. 


“απ πων αν 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 309 


Ich greife gleich den Stier bei den Hörnern. Daß serm. 
1, 6, 126 campum lusumque trigonem Bland. der echte Horaz 
ist und rabiosi tempora signi (L IL Porph.) krasse Interpolation, 
brauche ich wohl nicht mehr zu beweisen 195). Wie ist zu 
verstehen, daß allein der Blandinianus (denn der ganz junge 
Goth. ist von ihm beeinflußt) diese kostbare Lesart ge- 
rettet hat? Hier ist einmal das Zeugnis des Cruquius un- 
schätzbar, weil vollständig: sed supposita sunt puncta vulga- 
taque lectio est adnotata. Wir erkennen deutlich den Sieges- 
lauf der bestechenden Interpolation, welche die Erklärer der 
Mühe enthob das schwere lusumque trigonem zu bewältigen. 
Ein Zufall — statt der Expungierung Rasur im Bland. — 
und das Echte war unwiederbringlich verloren. Niemand, der 
meinen Auseinandersetzungen über Klasse II der Hss. gefolgt 
ist, wird sich wundern, daß die Interpolation eben diese 
Klasse II ganz occupiert hat: wie konnte sie aber auch Klasse I 
ergreifen ? Hier muß ich einsetzen: es ist durch nichts zu er- 
weisen, daß rabiosi tempora signi im Apographon I gestanden 
hat; freilich haben es unsere einzigen Vertreter dieses Apo- 
graphons heute aED, aber diese sind auch an anderen Stellen 
vielfach interpoliert, die reinen alten Zeugen ABC feh- 
len in diesem Teil der Satiren; hätten wir sie, so würde 
ohne Zweifel der Bland. nicht allein stehen. Aber Porphyrio 
bezeugt doch auch rabiosi tempora signi? Nein, wir haben 
hier einfach zu folgern, daß die dürftige Glosse caniculares 
dies dieit qui sumt caloratissimi und ihr Ableger im Schol. T 
nicht echter Porphyrio 119), sondern karolingische Weisheit ist, 
die natürlich, nachdem im Texte die alte Lesart verschwunden 
war, auch das alte Scholion zu der Stelle verdrängte 111). 

Wir sahen, wie sich diese Stelle, das ‘Schiboleth’ der Horaz- 
kritik, im Rahmen unserer Ueberlieferungsgeschichte erklären 
ließ: in ähnlicher oder anderer Weise sind andere Stellen zu 
begreifen. 
_ 109) Ich verweise einfach auf Bentley und auf Mewes, Progr. 
Friedr. Werd. Gymn. Berlin 1882 $. 19. 

110) Ueber die Abhängigkeit des Vaticanischen Porph. von Apo- 
graphon II, seinen Fehlern und Glossen s. u. 5. 314. 
 _ 1) Daß Porph. das Wort trigonem erklärt hatte, ist sicher. Und 
ich würde unbedenklich die Glossen trigone und trigona (Gloss. VII p. 
366) auf ihn zurückführen, wären nicht gleichartige Stellen aus Mar- 


tial vorhanden. 
21 Ἢ 


910 Vollmer, 


Zuerst epist. 1, 16, 43: res sponsore ‘sie habet cod. Bland. 
antiquissimus’ statt responsore der anderen Hss. (AE R®O). 
Daß das Zeugnis des Cruquius hier wahr sei, bezweifle ich 
nicht, glaube auch mit Höhn (δ. 43), daß Cruquius von selbst 
nie an der Vulgata Anstoß genommen haben würde. Aber 
die Stelle vermag ebensowenig für Selbständigkeit der Ueber- 
lieferung des Bland. zu zeugen wie etwa carm. 4, 4, 22 Nec 
scire (falsch Nescire BC R®) für Selbständigkeit von AO? oder 
sat. 2, 7,19 ac prior (gegen acrior aE) für die von ®O? 112), 
Ist res sponsore im Bland. Ueberlieferung, was ich durchaus 
für möglich halte, so ist eben in Apographon I und den andern 
Vertretern von II der äußerst nahe liegende Schreibfehler re- 
sponsore öfters gemacht worden: ist es secundär, so kann es selbst 
durch Schreiberirrtum, kaum durch Conjectur entstanden sein. 

Eng verwandt sind die beiden folgenden Stellen: sat. 2, 
4, 44 fecundae leporis und 2, 8, 88 anseris albae: an beiden 
hat allein der Bland. das fem. erhalten, richtig verteidigt von 
Hoehn p. 45 ff. nach andern. Daß in den andern Hss., des 
Horaz wie des Donat, das üblichere masc. fecundi und albi 
nterpoliert ist, kann nicht wunder nehmen: wahrscheinlich 
aber würden wir doch auch anderswo das Echte erhalten ha- 
ben, wenn nicht an diesen Stellen wieder die führenden codd. 
beider Klassen ABCR fehlten. 

Völlig ausscheiden muß meines Erachtens. die Stelle serm. 
1,7,17; wer in pigrior, der nüchternen Glosse des Bland. 
echte Lesung anerkennt, beraubt den Horaz eines der nied- 
lichsten Witze in diesem scherzhaften Gedichte: 

aut si-disparibus bellum incidat, ut Diomedi 

cum Lycio Glauco, discedat — pulerior 
dann zieht den Kürzeren der — Langsamere: wie witzlos wäre 
das: der Mann, der die eherne Rüstung gegen die goldene ein- 
tauschte, τῷ δὲ φρένας ἐξέλετο Ζεύς, war sprichwörtlich ob seiner 
gutmütigen Dummheit, nein — der Schönere; das genügte zur 
Kennzeichnung des Typus wie der gleichartigen Zeitgenossen. 

Wie man ferner aus der ganz fehlerhaften und unsicheren 
Lesung des Oruquius serm. 1, 3, 131 clausaque ustrina Tonsor 


11) Vol. AST etwa carm. 3, 14, 14 exiget B, 4, 14, 28 meditatur R, 
sat. 1, 3, 56 furimus Goth. (cf. B), zum Teil anderer Art. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 311 


erat überhaupt hat Tonsor in die Horaztexte aufnehmen kön- 
nen, verstehe ich nicht. 

Verlockender war gewiß serm. 2, 3, 303 manibus in Er- 
wägung der künstlerischen Darstellungen der Scene. Aber, 
diplomatisch betrachtet, ist auch hier der Lesung des Bland. 
unbedingt zu mißtrauen. Cruquius bezeugt für den Bland. 
antiquissimus manibus portauit statt demens cum portat, ἃ. h. 
er verwechselt offenbar ein Glossem mit dem Texte; dagegen 
beweist nichts der Gothanus mit manibus cum portat, im Gegen- 
teil, er zeigt, daß im Bland. auch andere Leser als Cruquius 
zwischen Glosse und Text nicht mehr zu unterscheiden ver- 
mochten. Außerdem genügt portat vollkommen zur Schil- 
derung des Bildes und demens im Vordersatze erhöht die Wir- 
kung der im Nachsatze folgenden Frage ganz bedeutend. Und 
wie in aller Welt sollte demens durch Verschreibung oder 
Glossierung entstanden sein ? 

Weiter carm. 4, 6, 21 flexus Bland. gegen victus der Hss. 
Die Differenz kann nur aus Glossierung hervorgegangen sein. 
Da ist aber doch wohl alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß 
nicht ein verständliches fexus durch ein viel kühneres Bild 
victus erklärt worden ist, was dann beide Hss.-Klassen occu- 
piert haben müßte, sondern daß vichus das Alte ist, für das 
in einer einzigen Hs. die Glosse flexus in den Text glitt. 

Aus dem Bland. wird in die üblichen Texte auch aufge- 
nommen serm. 1, 3, 60 versemur statt versetur der andern Hss.; 
‚aber versetur ist scharf und richtig, versemur wird aus einer 
allgemeiner gehaltenen Umschreibung (etwa wie beim Schol. 
T) in den Text gedrungen sein. 

Noch bleibt allein 115) übrig die schwierige Stelle serm. 1, 
1, 108, wo die Lesung des Bland. qui nemo ut auarus Teci- 


113) Denn carm. 1, 31, 18 kann ich ac nicht als genügend bezeugt 
für den Bland. ansehen; natürlich würde auch dann die Stelle keine 
Bedeutung haben. Ob sat. 2, 3, 313 zantum des Bland. gegen tanto 
richtig ist, bezweifle ich sehr. In keinem Falle hat die Stelle entschei- 
denden Wert für unsere Fragen, da sie sich leicht erklären ließe. 
Vollends rein orthographische Differenzen wie az epist. 1, 10, 3; quoi (??) 
ars 426 sind wert- und bedeutungslos. Daß sat. 1, 6, 68 nec des Bland. 
Irrtum oder ungenaues Referat des Cruquius sei, hat schon Bentley 
vermutet ; Porph. hat richtig aut im Lemma; in Cruquius Notizen wird 
wohl Lambins Conjectur anstelle der hs.-Lesart geglitten sein. Wert- 
los sind auch Stellen wie serm. 2, 3, 189 at, epist. 2, 2,16 laedıt, carm. 
4, 4, 73 perficiunt. 


912 Vollmer, 


piert zu werden pflegt. Alle übrigen Hss. BDERO® haben 
nemon (ne non DO®) ut auarus. Da diese Lesung vollkom- 
men unsinnig ist!!*), so ist die Annahme ausgeschlossen, daß 
sie sich wie etwa rabiosi tempora signi sieghaft ausgebreitet 
habe. Zudem haben wir an unserer Stelle anders als serm. 
1, 6, 126 von den reinen Führern der I Klasse wenigstens B, 
so daß, sogar die Selbständigkeit des Bland. als III. Abschrift 
vorausgesetzt, zwei Zeugen gegen einen stehen würden. Es 
bleibt nichts übrig: qui nemo ut ist nicht Ueberlieferung, son- 
dern aus serm. 1, 1, 1 leicht zu machende Conjectur sei es 
eines Karolingers im Bland. oder seiner Vorlage sei es des Cru- 
quius (man bedenke, daß Nannius mit cur vorangegangen war). 
Und ich kann diese Conjeetur nicht einmal für richtig halten: 
Horaz stellt am Schlusse des Sermo gar nicht mehr die Frage 
. qui fit? das ist längst geschehen, und sie ist beantwortet; er 
faßt nur noch einmal die Tatsache in anschaulicher Schilde- 
rung zusammen, um mit inde fit ut v. 117 die Bionisch-Epi- 
kureische Maxime anzuknüpfen. Darum ist für mich kein 
Zweifel, daß die Conjectur cum nemo, die ich mit Keck’s 
Namen bei Holder finde, richtig ist 115). Wie dem aber auch 
sei: als Ueberlieferung hat nur zu gelten nemon ut; sie mag, (so 
schon Keller, Epileg. 432), da die Schreibungen nemon, vin 
u. ä. auch sonst im Archetypon gestanden haben, aus dem 
Zwange hervorgegangen sein, den durch die Lücke entstande- 
nen Hiat zu beseitigen 16). 

Somit hoffe ich erwiesen zu haben, daß keine Tatsachen 
vorliegen, die uns zwängen, den Blandinius als Ill. selbstän- 
diges zu Apographon oder gar als Vertreter eines II. Archetypon 
anzusetzen. Vielmehr ist der Bland. eine der wichtigsten Stüt- 
zen der II. Klasse unserer Hss.: R und Bland. zeigen uns, daß 
das II. Apographon noch lange nicht so corrupt war als die 
Gruppe Φ es erscheinen lassen würde, wäre sie allein erhalten. 


112) Daß sie Bentley hat passieren lassen, ist historisch bedeutsam. 

115) Zu beachten ist, daß auch Porph. zu v. 117 zusammenfaßt cum 
nemo suo contentus sit... merito evenit, ut nemo se feliciter vixisse credat. 
Natürlich beweist dies allein nicht, daß Porph. noch cum nemo las, 
aber es spricht doch auch nicht dagegen. 

116) Zusetzen möchte ich doch noch, daß ich ut avarus mit Porph. 
verstehe a quibus dissentire tamen avarum ait qui proposito suo gaudeat 
solus (vgl. v. 66 f.), nicht mit den neueren Erklärern als utpote avarus. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz, 919 


vl. 


Außer den Hss. haben wir noch einen Vertreter der 1]. 
Klasse in den Lemmata unseres Porphyrio'”). 

Ich kann natürlich hier nicht die ganze Porphyrio-Frage 
behandeln, muß aber einiges Wesentliche und Wichtige strei- 
fen, da bis in die neuesten Abhandlungen hinein 1.5) die Ge- 
schichte der Horaz-Scholien sehr zum Schaden der Klarheit 
und Wahrheit getrennt von der Geschichte des Dichtertextes 
selbst behandelt wird 119). 

Was wir Porphyrio zu nennen gewohnt sind, die Scho- 
lienmasse des Vatic. 3314 und Monae. lat. 181, ist weder der 
vollständige, noch der reine d. h. in seiner Gesamtheit echte 
Commentar des Porphyrio: es ist vielmehr eine in der Karo- 
lingerzeit wohl zu Lorsch !?°) gemachte und dann weiter ver- 
breitete1?2) willkürliche Sonderabschrift der Scholien einer 
Handschrift der zweiten Klasse des Horaz. Daß darin echte 
Porphyrio-Notizen in Masse fehlen, ist eben so natürlich und 
sicher wie daß Karolinger-Zusätze in Masse darin stehen: wir 
müssen uns nur gegenwärtig halten, daß dies Scholienconglo- 
merat vor der Sonderabschrift eben als Randscholien eines 
Textexemplars fortlebte, bei jeder neuen Abschrift mit neuen 
Auslassungen weitergegeben, in jedem einzelnen Exemplar be- 
liebiger Erweiterung und Interpolation ausgesetzt 1"). 

Bei der Sichtung und Wertung der im Porph. steckenden 
Horazüberlieferung ist nun principiell folgendes zu beachten: 


117) In der Ausgabe lasse ich diese Bezeugungen im allgemeinen, 
weil sie secundär sind, unberücksichtigt: Kellers Angaben Pph. und 
Porph. führen fast immer irre. 

118) Vgl. Graffunder, Rhein. Mus. 60, 1905, 128 ff. Ausgabe 
der Scholia Pseud-Acronis von Keller IIS.IIIf. Wessner, Berl. 
Phil. Woch. 1905, 249 ff. 

119) Hier ist erst Leo 3. 853 und 856 richtig vorgegangen. 

....0) Vgl. das Zeugnis in B: pomponw expositionem in oratium quam 
vidı in lorashaim bei Holder, Porph. p. 612. | 

. #1) Wir finden sie saec. XII zu St. Bertin, zu Corbie, noch .oder 
‚wieder mit Horaz verbunden zu Salzburg (siehe Becker, catalogi 
antiqui ind. 5. v. Horatius), während die glosae super »poetriam oder 
super sermones, super odas wohl spätere Producte sind. Jüngeres bei 
Manitius Philolog. a. alt. Bibliothekscatalogen 5. 29, darunter ein 
Horaz cum commentario Servü grammatici, natürlich Phantasie. 

122) Vgl. A. Kiessling, de personis Horatianis comm. ind. 
schol. Gryph. 1880 p. 6, W. Meyer, Porph. praef. p. VI. 


914 Vollmer, 


im allgemeinen sind sowohl die Lemmata wie sonstige directe 
Anführungen immer der Gefahr ausgesetzt gewesen nach dem 
Texte des Exemplars, in dem die Scholien gerade standen, ab- 
corrigiert zu werden ebenso wie die oben behandelten Metri- 
kercitate: instructiv ist carm. 2, 7, 1, wo aus dem Texte von ® 
ad Pompilium sodalem corrigiert worden ist, während zu 2, 
7,15 das richtige Pompeium stehen blieb; oder epod. 16, 37, 
wo ins Lemma hinein ewpers corrigiert wurde, während das 
Scholion das richtige ew(s)pes erklärt, dem aber dann noch ein 
Zusatz expersque virtutis angehängt wurde. Bis zu welchem 
Grade diese Abcorrigierung der Lemmata ging, zeigt deutlich 
serm. 2, 2, 116, wo der ganz unsinnige Schreibfehler ei edulce 
aus ® in das Lemma von Porph. überging, obschon das Scho- 
lıon selbst deutlich auf «ce hinwies. Andere Beispiele serm. 
1, 3, 35 insederit mit ® im Lemma, inseuerit richtig erklärt. 
serm. 1, 3, 92 me mit ® im Lemma, mea richtig in der Er- 
klärung. carm. 4, 14, 27 minitatur im Lemma, meditatur in der 
Erklärung getadelt. serm. 1, 4, 139 Incubo im Lemma u. 8. w. 
in Mengen. Ab und zu springt die Interpolation auch weiter: 
z. B. finden wir die falsche Lesung wenturus epist. 1, 8, 12 im 
Citate des Porph. zu serm. 2, 7, 28'??), während der echte 
Porph. vielleicht in der Glosse TI’ erhalten ist ventosus : flui- 
tans. Ganze Scholien sind zu falschen Lesungen der Gruppe ® 
oder von ihr ausgegangener Interpolationen gefälscht worden 
z. B. zu sat. 1, 6, 126 die Erklärung von rabiosi tempora signi!?*), 
zu carm. 3, 14, 6 diwis, zu epod. 17, 62 St, zu serm. 2, 3, 201 
quorum, zu epist. 2, 2, 83 Curw!?”®) u. s. w. 

Von diesen jungen, bei der Tradition mit Apographon II 
entstandenen Fehlern und Interpolationen ist zu scheiden eine 
ältere Gruppe von falschen Erklärungen, die sich an Irrtümer 
aller unserer Hss. anschließen, deren Entstehungsart aber die 
gleiche sein könnte, nur daß die Fälscher nunmehr im 4.—5. 
Jahrh. zu suchen wären. Natürlich kann man bei solchen 
Fällen zweifeln, ob nicht Fehler der Vorlage des Porphyrio 


138) Vgl. oben S. 307 Anm. 100. 

1?4) Vgl. oben 8. 309. VER | ) 

125) Dies ein ganz besonders schlagendes Beispiel, weil Curi über- 
haupt nur Schreibfehler für curis war. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 315 


oder Irrtümer des Grammatikers selbst die Ursache unserer 
handschriftlichen Corruptelen sind. Und ich gestehe, daß mir 
diese letztere Erklärung weitaus die einfachste erscheint, die 
mit einem Schlage die Lösung zahlreicher Schwierigkeiten er- 
möglicht. Nehmen wir an, daß Porphyrio im 3. Jahrh. 
einecommentierte Ausgabe!” des Horaz besorgt 
hatte, daß das Archetypon unserer Hss. aus dem 6. Jahrh. 
ein Exemplar dieser Ausgabe war, so, glaube ich, haben 
wir alle Wege geöffnet, die zur Erklärung der Einzelheiten un- 
serer Horazüberlieferung nötig sind. So würde sich z. B. ver- 
stehen die Zustimmung des Porph. zu den Fehlern carm. 1, 
2, 39 mauri, 1, 20, 1 potabis, 1, 23, 5 weris ... adventus, 1, 
25, 20 hebro, 4, 2, 49 Teque dum procedis, 4, 4, 17 raeti, epod. 
2,27 Fontes (?), 5, 28 currens Schol. AV, 5, 87 magnum, 
serm. 1, 6, 131 patruus, alles Fehler, die ihrer Natur nach 
recht alt sein können. 

Diesem consensus der Fehler widerspricht natürlich nicht, 
daß, während in einem späteren Exemplare der Ausgabe Text- 
fehler sich einschlichen, im Commentar versteckt und unent- 
deckt von den alles gleichmachenden Lesern das Echte sich 
erhielt: solche Beispiele finde ich in carm. 1, 31, 9 calenam, 
3, 24,4 Terrenum, 4, 4, 22 Nec scire mit A, 4, 14, 28 medi- 
tatur, serm. 1, 4, 94 capitolin:, 1, 5, 51 caudi, 1, 6, 68 aut, 
und Aehnlichem 1537). 


16) Einen Beweis für Entstehung des Porphyrio-Commentars in 
Verbindung mit dem Text, also einer Ausgabe, hat schon Wessner, 
comm. philol. Jenens. V 1894 p. 161 gefunden in dem scholion zu serm. 
1,9, 52 ne necesse sit frequenter ostendere, quis quae verba habeat aut unde 
ineipiat loqui, hoc observandum est deinceps ut supra, ut, ubi duo puncta 
interposita sunt, alteram personam loqui intellegas. Sicherer als diese 
Notiz, die späteren Ursprungs sein kann, ja wohl sicher ist, scheint mir 
der Umstand, daß Porph. die Sueton-vita seinem Commentar vorge- 
schrieben hatte: das gehört zur Alexandrinischen Technik der ἔχδοσις. 
Im allgemeinen vgl. jetzt über das Verhältnis antiker Commentare zum 
Texte Diels, Didymos p. XXVII Leo, Nachr. Gött. Ges. 1904 p. 258. 
— Auf diese Ausgabe des Porph. geht nun gewiß auch die ältere For- 
mulierung der Gedichttitel mit z. Teil uns sonst unbekannten Perso- 
nendaten (vgl. Kiessling de Horatian. carm. inscriptionibus ind. 
Gryph. 1876) zurück; daß sie zum Teil nur in Apographon II erhalten 
sind, ist nichts auffälliges. 

1:1) Die in unserem ‘Porphyrio’ erwähnten Textvarianten sind fol- 
gende: carm. 2, 6, 24 legitur et ‘vatis Orati’, carm. saec. 4 non ‘tempore 
Pprisco dicendum fuit, sed: tempore quo(d) prisca imitatur. serm, 2, 1, 79 


316 Vollmer, 


Wie aber schon mehrfach angedeutet, ist das, was wir 
heute Porph. zu nennen gewohnt sind, mit nichten alles, was 
wir von Porphyrio haben. Während unser ‘Porph.’ mit Apo- 
graphon II und dann mit ® sich verbreitete, gingen Excerpte 
aus der in Apographon II noch vollständigeren Sammlung in 
den Bland. über. Das wichtigste Plus dieses Armes ist die 
außer in ® auch im Bland. erhaltene vita Suetoni. Also hatte 
Porph., der bekanntlich allein diese vita citiert (zu epist. 2, 1,1; 
comm. Cruq. zu carm. 4, 1, 1) seinem eigenen kümmerlichen Ela- 
borat (wenn es überhaupt sein eigenes ist und nicht späteres 
Machwerk, denn das Citat zu serm. 1, 6, 41 könnte auch auf 
die Suetonvita gehen) die Suetonvita vorausgeschickt. Jede 
gute Nachricht, jedes Autoren-Fragment in dem commentator 
Cruguianus geht auf die vollständigere Porphyrio-Sammlung 
in Apographon II zurück. 

Und genau so liegt, wie wir nach dieser Analogie ruhig 
annehmen dürfen, die Sache mit den Scholien A und den übri- 
gen Pseud-Acronischen Scholien: Apographon I wie Apogra- 
phon II haben jedes ad libitum von den Porphyrionischen 
Randscholien des Archetypon excerpiert '?®). Mit dieser Er- 
kenntnis ist der Weg zur Reconstruction des wirklich echten 
und einigermaßen vollständigen Porphyrio-Commentars vorge- 
zeichnet. 


‘diffingere’ legitur et ‘diffidere. 2,2, 50 ‘victor’ legitur et ‘auctor’. 2,5, 
69 quidam ‘Anerio’ ὕφ᾽ ἕν legunt. 2, 3,166 verum quidam legunt ‘bara- 
thro’ ut veniat a nominativo barathrus. 2,3, 238 ‘nocte citata’ legitur et 
‘vocata’. epist. 1, 11, 12 “wolet’ (legitur) et “uouet’. 2, 2, 54 ist die Va- 
riante verloren (ne oder nil?). 2,2,80 zu lesen: ‘Et con r)acta s. u. 
u. legitur et ‘cont[r]Jacta’: caute impressa ut ea sequendo contigerit tmi- 
tator. 2, 2, 82 “insenuitque 1.’ legitur et “insonuit'. Dazu die Conjectur 
epist. 1, 3, 10 haustu(s): num ‘haustw? Daß von diesen Varianten ir- 
gend etwas auf Probus zurückgehe, ist unerweislich; die meisten sind 
junge Schreibfehler und ihre Verbesserungen gewiß erst karolingisch. 
Auch vovet epist. 1, 11, 12 ist kaum alt. 

128) Ein directes Zeugnis für dieses Verhältnis haben wir bei dem 
Scholion T zur ars poet. 288. Kiessling, (de pers. Horatianis p. 7) 
wunderte sich mit Recht, woher der Scholiast solche Weisheit habe, 
und meinte, der Pseudo-Acron habe Sueton excerpiert. Nun aber steht 
ein Teil dieser Notiz im Scholion des alten Victorianus zu Ter. Haut. 
prol. 36 (Schlee p. 76) mit der Quellenangabe secundum Porphyrio- 
nem. Damit haben wir den unumstößlichen Beweis, daß Schol. TV 
authentische Porphyrio-Scholien enthalten, die in unserem ‘Porph.’ ein- 
fach fehlen. Vgl.nochim allgemeinen über das Verhältnis von Schol. A 
und Schol. T Wessner, quaest. Porph. p. 167 ff. bes. p. 185. 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 317 


Der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Hypothese 
liegt darin, daß sich ebenso wie im ‘Porph.’ auch in den 
Blandinischen und den übrigen Scholien echte Lesarten ver- 
steckt erhalten haben: besonders lehrreich ist epod. 2, 27, wo 
unser Porph.-Scholion gar nichts besagt und sicher späteres 
Product ist, während Schol. AT’ durch das Vergileitat, dessen 
Subject saepes ist, für Frondes gegen Fontes eintreten. carm. 
1, 23,1 hat der comm. τυ. das richtige Vitas statt Vitat 
bewahrt (in der expos. metr. scheint es rückverbessert zu sein 
wie ἴῃ den jüngeren Hss... Und derartiges wird sich wohl 
noch mehr finden. 


WALL 


Es bleibt für die Geschichte der Ueberlieferung noch ein 
Punkt zu besprechen. Wir sahen, daß die Hs. des Horaz, 
welche in die Karolingerzeit übertrat, ein Exemplar der Aus- 
gabe des Porphyrio war. Wir können es nun aber noch genauer 
bestimmen. Es war nach der bekannten Subscription dasje- 
nige Exemplar dieser Ausgabe, das nach dem Jahre 527 Vet- 
tius Agorius Basilius Mavortius besessen und emendiert 
hatte. Daß es eben diese Hs. selbst und nicht eine Abschrift 
derselben war, wird mir durch die fehlerlose Erhaltung der 
Subseriptio wahrscheinlich 13). Die Subscriptio ist uns be- 
kanntlich hinter den Epoden mit dem Titel des carm. saec. 
erhalten und zwar allein im Apographon I!?°) und hier wie- 
der nur in Α 13). Daß damit kein Anlaß gegeben ist zu 
glauben, Apographon II sei von Mavortius unabhängig, zeigt 


129) Gerade umgekehrt scheint es mit dem Puteaneus des Pruden- 
tius zu sein: wenn der Name am Ende der Cathemerinon, wie doch 
seine Stellung wahrscheinlich macht, Rest der subscriptio ist, so ist 
der Puteaneus eine Abschrift des Mavortius-Exemplars, nicht dieses 
selbst. 

130) Denn ihr Erscheinen in AlOq Brux. ist secundär, wie wir schon 
oben (S. 291) sahen; für O vgl. Wickham Horace I p. 407. Daß diese 
Hss. nicht direct aus A beeinflußt sind, zeigt neben Textvarianten ihr 
richtiges EX COM. DOM. neben dem falschen EX COMEN. DOM. in A. 

181) Da wir den Schluß von A nicht haben, da ferner das subscri- 
bierte Exemplar, nach dem die Vorlage von Al und O abcorrigiert wor- 
den ist, auch nur die carm. und epod. enthielt oder nur für die erste 
Hälfte benutzt worden ist, so wissen wir nicht, ob die Subscription 
von Mavortius am Ende des ganzen Horaz wiederholt worden ist. 


918 Vollmer, 


am besten das Beispiel des Vegetius, wo die subscriptio des 
Eutropius auch nur in einer Hss.-Klasse (E) erhalten ist, 
während die Abhängigkeit beider Klassen von einem Urcodex 
außer Zweifel steht!??). Die Schreiber ließen eben ad libi- 
tum die ihnen unnütz scheinende subscriptio fort. Unter die- 
sen Umständen gewährt uns die Tatsache der emendatio durch 
Mavortius weiter gar keine Belehrung, als daß wir den ter- 
minus post quem des Archetypon kennen: irgend welche Les- 
arten als Mavortianisch zu erkennen, fehlt uns jeder Anhalts- 
punkt. 

Dies Exemplar des Mavortius, den Text und den Com- 
mentar des Porphyrio umfassend 1538), fand also (etwa in Bob- 
bio?!3*) irgend einer der wohl von Kaiser Karl mit der Suche 
nach einem Horaz beauftragten Gelehrten. Der Text war 
noch in Capitalis rustica geschrieben 155), die Scholien etwa 
in Cursive. Es wurde zweimal abgeschrieben, wie ich ver- 
mute, beidemale in insularer Schrift!?‘). Während die für 
die Schreiber der damaligen Zeit leicht lesbaren Abschriften 
oft und schnell vervielfältigt wurden, ging das Urexemplar 
zu Grunde. Die ersten Abschriften enthielten verhältnismäßig 
noch nicht allzuviel Fehler, aber die Verderbnisse steigerten 
sich in den jüngeren schnell: die hauptsächlichste Fehlerquelle 
war das Eindringen der Glossen in den Text anstelle der 
schwierigeren echten Lesarten 157); seltener, aber doch nicht 

13?) 8. Vegetius ed. Lang”? p. XVII. 

188) Um sich die äußere Einrichtung eines solchen Codex vorzu- 
stellen, sehe man etwa das Bild eines Blattes von A (Chatelain, pa- 
leogr. des class. lat. I planche 82) an. 

184) Vgl. oben 8.287. Daß der Bland. aus Rom stamme (Cruqg. 
Ῥ. 647 in Blandinüs iam ante annos septingentos aut circiter sceriptis Ro- 
maque Gandavum perlatis) ist natürlich naive Anschauung des Cruguius. 

135) Vgl. oben 8. 297. 

186) Vgl. für Apographon I: carm. 1, 19, 11 Auersis A statt Aut 
versis, 3, 25, 14 naidum statt natadum mit a unter der Zeile, 3, 29, ὃ 
iura statt iuga, serm. 1, 3, 56 fugimus statt furimus, 2, 5, 93 periret 
statt perisset, 2, 7, 19 acrior statt ac prior, epist. 1, 16, 5 δὲ statt m 
u. a.; für Apographon 11: epod. 2, 25 risis R! statt ripis, epist. 1, 8, 12 
uenturus statt wentosus, ars 117 wigentis statt wörentis. Die Fehler sind 
für I beweiskräftiger als für II; ich halte nicht für unmöglich, daß II 
westgotisch war, und erst ® insular. Doch darüber mögen Kundigere 
entscheiden, wenn die Frage überhaupt sicher aus den Fehlern zu ent- 
scheiden ist. 


137) Bin paar der älteren Beispiele wenigstens seien hier zur Kenn- 
zeichnung und gegenseitigen Sicherung zusammengestellt: carm. 4, 7, 


Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 319 


ganz ausgeschlossen sind directe Uebertragungen der Lesungen 
der einen Hss.-Klasse in die andere '?®). So entstanden un- 
sere Hss., die das historische Entwicklungsverhältnis vielfach 
durch solche Correcturen verdunkelt haben. 

Um nun kurz die Geschichte des Horaztextes zu recapl- 
tulieren und anschaulich zu machen, setze ich ein Stemma her: 


Horatius 


| 
editio Probi 
| 


editio Porphyrionis cum commento 


exemplar Mavorti cum commento Porphyrionis 


A 
I cum schol. A II cum ‘Porph.’ et vi- 


ta Suetoni 
N 


Bee re. Did ἃ Φ 
Ἐλ]ὸπ ‘Porph.’ 


* * 
* 


Damit bin ich am Ziele. Niemand verkennt weniger als 
ich, daß im einzelnen zu dieser Untersuchung Nachträge und 
Verbesserungen geliefert werden müssen, daß besonders für 
die richtige und gesicherte Ordnung und Herstellung der Il. 
Klasse noch viel zu tun bleibt. Es muß eben ein Teil der 
Arbeiten Holders und Kellers, die genaue Beschreibung und 


17 vitae Bland. Odrn statt summae, 4, 14, 28 minitatur viele statt medi- 
tatur, 1, 15, 20 cerines I Bland. O statt cultus, 3, 29, 34 alueo ABC RAl 
statt aequore, epod. 5, 65 infectum ABCO statt imbutum, epod. 17, 64 
doloribus und cruciatibus statt laboribus u. 5. w. 

138) Das deutlichste Beispiel ist die Abcorrigierung der Vorlage von 


Al und O nach der ersten Klasse durch die ganzen Oden und Epoden 
hindurch. 


320 Vollmer, Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 


Prüfung der Hss. unter historischen Gesichtspunkten 
von neuem gemacht werden. Sollte diese meine Untersuchung 
dazu anregen, so würde einer ihrer Hauptzwecke erreicht sein. 
Aber ich hoffe, auch der andere wird gefördert werden: zu 
einer von historisch begründeter Würdigung 
der Veberlieferung ausgehendn Nachprüfung 
des Horaztextes einzuladen 159), Ich selbst habe schon, 
niemandem zu liebe noch zu leide, eine Reihe von eingebürger- 
ten Lesungen beseitigt oder verdächtigt, wahrhaftig nicht aus 
 Neuerungssucht. Aber ich meine allerdings: heute, wo wir haupt- 
sächlich durch die mittellateinische Philologie gelernt haben 
die Geschichte eines Klassikertextes wirklich nachzuerleben, 
hat vor allem Horaz ein Recht darauf, daß man sich nicht 
länger auf die Willkür früherer Kritiker, seien sie auch so 
genial wie Bentley, verlasse, sondern methodisch die wirkliche 
Ueberlieferung herstelle und prüfe. 


139) Ich wollte gleichzeitig mit diesem Aufsatze eine kritische Aus- 
gabe, deren Ms. fertig bei mir liegt, erscheinen lassen, muß aber nun, 
plötzlich vor neue große Aufgaben gesetzt, die Ausgabe um einige Zeit 
zurückschieben. Den Aufsatz halte ich (auf die Gefahr einiger Ver- 
sehen und Lücken hin) nicht länger zurück, um genauere Untersu- 
chungen in Fluß zu bringen. 


Inhalt. 

Seite 

Neuere Urteile über Horazkritik und -recensio. Die recensio ist 
noch nieht gemacht I, N) Ve - 
- I. Indirecte Ueberlieferung . 264 

Il. Directe Ueberlieferung. Frühere Beurteilung. Verzeichnis 

der allen Hss. gemeinsamen Fehler. Alle Hss. gehen auf 
ein Archetypon zurück . 277 

Ill. Horaz im 7. und 8. Jahrh. verschollen, erst im 9. durch die 
Karolinger wieder verbreitet . . ραν a... 


IV. Zwei Hss.-klassen, d. h. zwei Apographa ‘der Urhs. . . . 289 
V. Das zweite Apographon schwierig zu reconstruieren: Ver- 
derbnis der mittelfranzös. Gruppe ®. Auch der Bland. ge- 


hört zur 2. Klasse, ist nicht selbständig . . 297 
VI. Gemeinsame Fehler des Porphyrio und der Hss.: also das 
Urexemplar eine commentierte Ausgabe des Porphyrio . . 313 


VI. Die Urhs. das Einzelexemplar des Mavortiuss . . . . . - 817 


Inhalt. 901 
Notanda. 

Seite Seite 
Buceillus: Rufillus 265 Macrobius 269 
W.v. Christ 261. 263 Anm. 2. 278 Maximianus 287 Anm. 54 
Anm. 29; 32. 289 metrici 262. 272 
commentator Cruquianus 316 Metrorius 269 
Gesamtausgabe d.Horaz278 Anm.29 Micon 288 
Handschriften: einzelne: Nonius 268 
alte zu Lorsch 288 Anm. 61 Phocas 270 
alte zu Bobbio 287. 318 Plin. maior 266 
A 317 Anm. 130. 131 Plutarch 268 
B 264 Anm. 5 Pompeius 269 
Bland. 279. Anm. 33. 290 Anm. Priscianus 275 
68 u. 69. 298. 306 ff. 318 Anm. 134 Probus 267 
CE 289 Anm. 62. 291 Anm. 73 Quintilianus 266 
aE 297 Anm. 81 Rufinianus 269 
Δ] 291 Anm. 72. 317 Anm. 130 Sacerdos 268 
O 264 Anm. 5. 291 Anm. 72, Scaurus 268 
317 Anm. 130 schol. Juvenalis 273 
R 298. 305 schol. Lucani 273 
u 298 Anm. 82 | schol. Statii 273 
& 298 ff. Seneca 269 
Heirice von Auxerre 298. 302 ff. Serenus 268 
Hertz 261. 286 Ps. Sergius 269 
Holder u. Kellers Ausgabe 262 f. Servius 271 
264 Anm. 5. 271 Anm. 22 Sidonius 275 
indirecte Ueberlieferung: 264 ff. Suetonius 268 
Agroecius 270 Symmachus 274 
Aldhelm 288 Anm. 56 Venantius 287 Anm. 53 
Augustin 274 Vietorinus 269 
M. Aurelius 208 | Juvenalis sat. 7, 226 267 Anm. 15 
Ausonius 274 | Keller (s. auch Holder) 277 
Baeda 283 Anm. 56 | Leo 263 Anm. 4. 278. 289 
Boethius 276 , Manitius 286 
Braulio 287 Anm. 52 | Mavortius 277 Anm. 25. 317 
Caesius Bassus 266 ı monosyllaba gelängt 302 
carmen de figuris 269 | Nonius 278 Anm. 30 
Censorinus 268 | Ordnung der Horazbücher 278 
Charisius 269 Anm. 80. 285 Anm. 49. 289 ff. 
Cledonius 269 , Pallavicini’s Oden 280 Anm. 37 
Columbanus 237 | Porphyrio 290. 313 ff. 
Consentius 269 in Lorsch 313 Anm. 120 
Diomedes 269 interpoliert 313 ff. 
Donatus in Terentium 270 Ausgabe des Horaz 315 
Dositheus 269 zu c. 4, 4, 22 281 Anm. 38 
Eutyches 276 zu sat. 1, 6, 126 309 
Exempla divers. auctorum 288 | Probus 266. 267. 285 Anm. 47 
Fl. Caper 268 | Prudentii cod. Puteaneus 317 
fragmenta Bobiensia 287 Anm.55 Anm. 129 
Fronto 268 | Rufillus: Buceillus 265 
Gellius 268 | scholiasta A 316 
glossae Placidi 270 | Sueton de gramm. 303 
gramm. de ult. syllabis 270 | Sueton vita Horati 316 
gramm. de dub. nominibus 270 | Titel der Bücher 278 
Hieronymus 274 | Titel der Gedichte 315 Anm. 126 
Horatius 265 | Usener 263 Anm. 2 

Isidorus 287 Anm. 52 | Zahl der Gedichte in einz. 
Juvenalis 268 Büchern 280 Anm. 37 

Lactantius 268 


322 


Inhalt. 


Genauer behandelte Horazstellen. 


Seite 


earm. Ὁ Ὁ 262 
12,731 279 Anm. 34 
41 267 

19. Ὁ 280 Anm. 35 
15, © 275 
20 308 

19, 11 292.318 Anm. 136 
20... 280 Anm. 36 
ΝΗ ἯΙ 280. 817 
1, 18 3ll Anm. 113 
38 281 Anm. 37 
liber I nicht unvollständig 281 
Anm. 37 

2,17, .14 275 
18, 30 272 

3, 4, 69 275 
6, 10 275 

11 275 

ale; 273 

14, 14 275 
19 £. 269 
ΠΗ. 276 
24, 4 306 Anm. 94 
29, 34 298 Anm. 83 

4, 4 2 310 
6, 21 811 

13, 14 306 Anm. 94 
14, 28 282 Anm. 39 


carm. saec. 5 


epod. 1, 


6, 
serm. 1, 1, 


308 
21 307 Anm. 94 
25 307 Anm. 9 


27 317 
3 307 Anm. 96 
38 305 


serm. 1, 1 108 
2, 27 


epist. 1, 


18, 111 
ars poetica 45 f. 
237 
294 
328 


Juni — Juli 1905. 


283 Anm. 42 

283 Anm. 43 

811 

283 Anm. 44 

310f. 

265 

309 

310 

302 Anm. 89 

275 

sıl 

311 Anm. 113 
310 

307 Anm. 97 

310 

310 

307 Anm. 99 

295 Anm. 79 

276 

274 

307 Anm. 100 
316 Anm. 127 
285 Anm, 45 

304 Anm. 90 
310 

284 

305 

272 

308 Anm. 103 
308 Anm. 104 
308 Anm. 105 


DE 


SENECAE HERGULE OETAEO 


SCRIPSIT 


AEMILIUS ACKERMANN. 


Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 22 


ὟΝ ἃ 
ΔῊ να ἱ 
Br ὠ 
ἀν og 
or ἀπ 
ὟΣ 
I " 
' ΔΆΝ 4 ΤΊ 
. an a 3 
N, RN rg. N 
ν᾽ Ἀν ἀν, Fin. { 
? RE Ν 
ἰ μα αὶ 
u ut A . ; Ων 
ἢ NSS ΤῊΝ 
N YA \ I 
7 
x i ἢ ἡ 
Ϊ 4 
u de ᾿ ᾿ 
! ι \ fr ᾿ Ϊ 
Mm wer Ἷ γῇ ἣ Ϊ 
ὮΝ. ὸ τὺ h κὰ } 


Iam iterum ac saepius disputaverunt viri docti, utrum 
Hercules Oetaeus fabula nomine Senecae inscripta tota et in- 
divisa sit tragoedia ab uno eodemque poeta scripta an dıiversis 
ex partibus composita compluribus auctoribus originem debeat. 
nec magis nimirum de poeta ipso constabat. 811 enim non- 
nullas fabulae partes spurias, 8111 totam tragoediam Senecae 
abiudicandam, alii totam clarissimo illi philosopho esse relin- 
quendam demonstrare studuerunt. et magna est series virorum 
doctorum, qui in Hercule Oetaeo tractanda operam ac studium 
collocaverunt. quos cum Mich. Muellerus (in Senecae tragoedias 
quaestiones criticae p. 1 sq.), Schanzius (Handbuch der klas- 
sischen Altertumswissenschaft VIII, IU2 p. 39 sq. et p. 50), 
G. Richterus (in editionis [1902] nota titulo subiecta p. 319 sq.) 
diligenter enumeraverint, hanc quaestionem iterum ab ovo 
tractare supersedeo et satis habeo nihil commemorare nisi 
haec. Richtero, qui quondam totam tragoediam a Seneca 
abiudicaverat (de Seneca tragoediarum auctore a. 1862 p. 31), 
Melzerus probavit (de Hercule Oetaeo Annaeana a. 1890) fabulam 
a Seneca breviter delineatam, non absolutam et perpolitam 
esse. itaque Richterus iam ad id progressus est, ut in anno- 
tationibus eis, quas memoravi, scriberet sententiam Leonis, qui 
solam priorem fabulae partem a Seneca esse profectam statue- 
rat (de Senecae tragoediis observationes criticae a. 1878), stare 
non posse. sed Leoni non item Melzerus persuadere potuit. 
Leo enim cum nuper dixerit (Göttingische Gelehrten-Anzeigen 
a. 1905 fasc. 1 p. 5): ‘Man wird mir glauben, dass ich dieser 
Jugendarbeit wie einer fremden gegenüberstehe; so darf ich 
wohl sagen, dass ich fast alle gegen meine Beweisführung er- 
hobenen Einwendungen für unrichtig halte’, in pristina opi- 
nione sua perseverat. Birtius autem, qui olim Herculem Oetaeum 
spuriam fabulam esse contenderat (zu Senekas Tragödien, Mus. 


Rhen. t. 34), per colloquium mecum communicavit se nunc 
22 * 


996 Aemilius Ackermann, 


propensiorem esse in partem eorum qui genuinam eam esse as- 
severent; certe unius poetae esse. itaque rogavit me vir doc- 
tissimus, ut ipse quoque huic quaestioni operam navarem. quae 
cum ita essent, meum esse putavi denuo has res excutere et 
disputare, praesertim cum nonnulla me invenisse crederem ar- 
gumenta adhuc a viris doctis neglecta. quaenam sunt haec ar- 
gumenta? aut Leonem aut Melzerum recte dixisse comprobare 
nolo ; solummodo demonstrare conabor argumenta eorum, qui 
Herculem Oetaeum totam et indivisam tragoediam ἃ Seneca 
. scriptam esse negant, parum valere. quae res tractanda tres 
sibi requirit partes. primum enim de auctoritate, tum de uni- 
tate, tertium de consilio huius tragoediae quaeram. 


I. De Herculis auctore. 


Quis igitur sit auctor Herculis Oetaei nunc considerandum 
est. Leo, qui hanc quaestionem ex integro institwit, argumen- 
tationem suam incipit his a verbis (l. 5. p. 48): habet aufem 
haec fabula quibus vel obiter intuenti a religquis differre vi- 
deatur : titulum antiquwitus praefert cum prima fabula commu- 
nem; agitur primum ad Oechaliam, dein Trachine; chori au- 
diuntur duo; spatium complet reliquis fere duplo ampliorem (sic). 
communem titulum vir doctissimus, quamquam ipse priorem 
tragoediae partem (v. 1—740)!) genuinam aestimat, argumen- 
tum esse contendit. sed versus 1—740 quemnam titulum ha- 
bent? Birtius qui traditi fabularum Annaeanarum ordinis causis 
sciseitandis diligenter operam dedit (Mus. Rhen. 34 p. 532), 
secundum res et titulorum naturam ordinatas esse tragoedias 
recte dixisse videtur. sed cum Hercules alter et in re et in 
tituli forma cum antecedente fabula egregie concordet (utro- 
bique enim viri nomen est), non est cur cum Birtio Her- 
culem Oetaeum spuriam esse credamus, praesertim cum Her- 
culi priori fabulae in initio positae respondeat Hercules alter 
in fine exstans. atque cum post Herculem furentem semper bi- 
narum fabularum tituli inter se congruant, non versimile esse 
mihi quidem videtur Thyestem non habere quo spectet. prae- 
terea Herculem Oetaeum non unicum exemplum esse puto quo 
indicetur eundem poetam duas tragoedias eodem titulo prae- 


1) Numeris a Richtero editore adhibitis sum usus. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 3937 


scriptas fecisse. Sophocles enim duos Aiaces scripsit, Aiacem 
μαστιγοφόρον et Aiacem Aoxpöv. atque in Aiacis superstitis hy- 
pothesi legimus hanc fabulam Aiacem μαστιγοφόρον nomina- 
tam esse, ut ab altero Aiace discerni posset, nam ἐν ταῖς διδα- 
σχαλίαις ψιλῶς Αἴας ἀναγέγραπται. hac re mihi probatur Sopho- 
elis Aiacibus eundem titulum (sc. Αἴας) fuisse ?). sed haec om- 
nia, quae protuli, si falsa essent, cum infra (in tertia parte) dixe- 
rim quibus causis commotus poeta iterum Herculem tractaverit, 
non ita aegre ferrem?). religua Leonis argumenta, quae supra 
(p. 326) commemoravi, cum Hercules Oetaeus sit δρᾶμα dva- 
γνωστιχόν (cf. part. alt.), nullius momenti sunt. sed ponamus 
hanc fabulam in scaenam esse productam, tamen in eo, quod 
duobus locis res agitur, offendere non possumus. nemo enim 
nescit et in Aeschyli Eumenidibus et in Sophoclis Aiace idem 
fieri. ac Birtius vir doctissimus non solum in Ouriatii Materni 
Domitio praetextata, sed etiam in Senecae Phoenissis scenam 
mutari comprobare conatus est (p. 526 sqq.). quod duo chori 
inducuntur, cum in Agamemnone idem deprehendamus, ab An- 
naeano usu non abhorret. accedit quod Melzerus (l. s. p. 12) 
et Steinbergerus (commentationes Guilelmo de Christ dedicatae 
p. 189) dubitant, an in Medea quoque duplex sit statuendus 
chorus. nec est cur versuum multitudinem vituperemus. cum 
enim Hercules alter ex versibus 1996, Hercules prior ex 1326 
constet, differentia non tanta est, quae ferri non possit. atque 
cum Aristoteles dicat (ars poet. cap. 7): τοῦ μήχους ὅρος“ ὃ)» 
μὲν πρὸς τοὺς ἀγῶνας χαὶ τὴν αἴσϑησιν, οὐ τῆς τέχνης ἐστίν, 
solummodo deliberandum est, utrum spatium, quod Hercules 
Oetaeus complet, sit tantum, ut in scaenam produci non possit 
an etiam aliae tragoediae eiusdem longitudinis inveniantur. 
Sophoclis Oedipus Coloneus 1779 ex versibus composita est et 
Euripidis Phoenissis sunt versus 1766. Iuvenalis ingentes fa- 
bulas irridet I 4 sqg.: 
impune diem consumpserit ingens 
Telephus aut summi plena iam margine libri 
scriptus et in tergo necdum finitus Orestes ? *) 


?) Cf. G. Hippenstiel de Graecorum tragicorum principum fabularum 
nominibus Ὁ. 15 566. 

°) De communi titulo etiam Melzerus disputavit p. 13. 

*) Of. Friedlaenderum ad 1., qui duos alios adnotavit. 


328 Aemilius Ackermann, 


itaque in Herculis alterius versuum numero haerere non pos- 
sum?) (cf. partem alteram et tertiam). aegre quoque tulerunt 
Bentleius®) et Leo’), quod Hercules Oetaeus et Octavia fabulae 
solae cantico terminantur. contra dieci potest Annaeanas tra- 
goedias omnes praeter Phaedram et Octaviam, in quarum initiis 
monodia invenitur, a prologo incipere. hac re num Phaedram 
esse spuriam probatur ? 

Multos vero Herculis Oetaei locos imitatione e ceteris Se- 
necae tragoediis expressos esse contenderunt Goebelius°), Rich- 
terus°), Leo 19), Birtius"'), Tachavus'?). sed haec res, cum et Leo 
(I p. 49) et Tachavus (l. s.) lubenter concesserint iure optimo 
obici posse Senecam solere semet ipsum exscribere etiam in 
religuis fabulis, praesertim ubi de rebus similibus agatur, sine 
dubio cautionem habet. atque Melzerus, qui plurimos locos ἃ 
viris doctis collectos iniuria huc referri putaverit, quinque 
tantum versiculos fortasse alicuius momenti esse dixit (p. 21sgq.). 
ego autem reliquas fabulas Annaeanas perscrutatus aliam tra- 
goediam inveni, in qua eadem licentia atque in Hercule Oetaeo 
admissa est. conferas enim inter se haec: 

Med. 222: huc ferat et illuc 

Hf. 999: huc eat et illuc 
Med. 215: vidua Thermodontiis 
Hf. 246: vidua Thermodontiae 
Med. 270: libera cives metu 
Troad. 581: libera Graios metu 
Med. 288: precor brevem largire fugienti moram, 
dum extrema natis mater infigo oscula 
Troad. 760: brevem moram largire dum offi- 
cium parens 
nato supremum reddo 


ἐ, Conferas etiam Melzerum p. 18. 

°) Albert Stachelscheid, Be Emendationen zu Senecas Tragoe- 
dien, ann. Fleck 125, p. 492. 

1. Die Komposition der Chorlieder Senecas, Mus. Rhen. 52 p. 512. 

8) Quaestiones Horatianae, pars II in Muetzell, Zeitschrift für das 
Gymnasialwesen XVI, p. 738 adn. 1. 

9) De Seneca tragoediarum auctore p. 30 56. 

10) Editionis vol. I p. 51 sg. 

11) L. s. p. 522 sqq. et p. 536. 

1?) Zu Senecas Bun Philol. 46 [1887], p. 378 sqq. 


Med. 


Meed. 


Med. 


Med. 


Med. 


Med. 


Med. 


Med. 


Med. 


Med. 


Med. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 329 


431: o dura fata semper et sortem asperam 
Troad. 1056: o dura fata saeva miseranda 
horrida 
432: cum saevit et cum pareit 
Phoen. 35: cum occidis et cum pareis 
446: totus in vultu est dolor 
Ag. 128: totus in vultu est dolor 
493: dum licet abire, profuge teque hinc eripe 
Thy. 428: reflecte gressum, dum licet, teque eripe 
531: nunc summe toto Iuppiter caelo tona 
Hf. 1202: nunc parte ab omni, genitor, iratus 
tona 
590: bene est, tenetur 
Troad. 630: bene est, tenetur 
561: excidimus tibi? 
HO 1332: exeidimus tibi? 
652: quamvis bene fata nosset 
Phoen. 83: fata bene novi mea 
896: pars ultionis ista qua gaudes quota est? 
Hf. 1191: cladiıs tuae pars ista quam nosti 
quota est? 
945: unicum afflictae domus 
Troad. 462: unica afflietae domus 
1019: bene est, peractum est 
Oed. 998: bene habet, peractum est. 


Hos locos si vidisset Richterus qui, cum in Hercule Oetaeo 
octo tantum versiculos imitando effectos exstare credidisset, di- 
cere jam ausus est (l. s. p. 30): imitatoris imbecillitas vel eo 
se prodit, quod multa ex aliıs fabulis, imprimis ex Hercule 
priore, in usum suum convertit, aut verbis imitatoris umbecil- 
htas non usus esset, aut Medeam quoque spuriam putavisset. 
itaque si Medea genuina est fabula, etiam Hercules Oetaeus 
a Seneca scripta esse potest. 

Sed ne dicas non satis diligenter me hac in re versatum 
esse, versus am affero hos: 

Hf. 46: nec satis terrae patent 


Med. 


Hf. 605: non satis terrae patent 
185: liberet fines metu 


990 


Aemilius Ackermann, 


Med. 270: libera cives metu 
Thy. 279: bene est, abunde est 
Thy. 889: bene est, abunde est 
Thy. 348: rex est qui posuit metus 
Thy. 383: rex et qui metuit nihil!?) 
Hf. 522: infernus imo sonuit e fundo fragor*) 
Thy. 262: imo mugit e fundo solum 
Hf. 330: talis incessu venit 
Troad. 465: talis incessu fuit 
Hf. 1189: His etiam, pater, 
quicquam timeri maius aut gravius potest? 
Oed. 828: malum timerimaius hisaliquod potest? 
Hf. 1202: nunc parte ab omni, genitor, iratus tona 
Thy. 1080: committe et omni parte violentum 
intona 

Hf. 953: quo, nate, vultus huc et huc acres refers 

Troad. 1092: pro turre, vultus huc et huc 
acres tulit 

Hf. 1009: Megara furenti similis e latebris fugit 

Phoen. 427: vadıt furenti similis aut etiam furit 

Hf. 1283: fortis in pueros modo 

Troad. 755: fortis in pueri necem 
Hf. 1012: quo misera pergis? 
Phaed. 142: quo misera pergis? 

Phaed. 155: quid ille qui mundum quatit 
vibrans corusca fulmen Aetnaeum manu 
sator deorum ? 

Oed. 1023: non si ipse mundum coneitans divum 
sator corusca saeva tela iaculetur manu 

Phaed. 258: decreta mors est 

Phoen. 244: decreta mors est 
Phaed. 525: non equidem reor 

Troad. 868: non equidem reor 
Phaed. 1271: o dira fata, numinum ὁ saevus furor 

Oed. 75: o saeva nimium numina, Ο fatum grave 
Oed. 521: mitteris Erebo vile pro cunctis caput 

Ag. 231: oppone cunctis vile suppliciis caput 


18) Versum delevit Leo vol. II p. 251. '*) Delevit Leo II p. 375. 


De Senecae Hercule Oetaeo, 991 


Oed. 868: dehisce tellus, tuque 
Troad. 519: dehisce tellus, tuque 
Hf. 1148: nescio quod animus grande praesagit malum 
Phoen. 278: magna praesagit mala 
paternus animus 
Thy. 958: mens ante sui praesaga mali 
ΗΟ 1455) : nescio quod animus grande praesa- 
gıt malum 
Hf. 1138: quis hic locus, quae regio, quae mundi plaga? 
Troad. 498: quis te locus, quae regio seducta, 
invia 
tuto reponet ? 
HO 1197}: quis me locus, quae regio, quae 
mundi plaga 
defendet ? 
Alios locos collegit et cum Octaviae versibus composuit 
Fr. Ladek (de Octavia praetexta. dissertationes Vindobonenses 
II p. 52 sqgq.). sed iam satis me demonstravisse credo ceteris 
in fabulis locos imitatione expressos non minus raro quam in 
Hercule Oetaeo inveniri. ac si tales loci in altero Hercule ali- 
quanto crebrius exstarent, non multum valeret. tale quid etiam 
alii poetae et scriptores sibi permiserunt. in fine Euripidis 
Alcestis, Medeae, Andromachae, Baccharum, Helenae scriptum 
videmus: 
πολλαὶ μορφαὶ τῶν δαιμονίων 
πολλὰ δ᾽ ἀέλπτως χραίνουσι ϑεοί" 
χαὶ τὰ δοχηϑέντ᾽ οὐκ ἐτελέσϑη, 
τῶν δ᾽ ἀδοκήτων πόρον εὖρε ϑεός. 
τοιόνδ᾽ ἀπέβη τόδε πρᾶγμα 17). 
ex Xenophontis Hellenicis totas paragraphos ad verbum fere 
in Agesilaum translatas esse recte vidit H. Hagenius (de Xe- 
nophonteo qui fertur Agesilao capita V p. 11). nec ab Dione 
Chrysostomo tales repetitiones sunt alienae; confer H. de Ar- 


15) Leo solummodo versus Hf. 1148 et HO 745 vidit (Ip. 51); 
pertinent autem haec verba ad sermonem cottidianam, legimus enim 
iam apud Terentium (Heautont. 236): 
sed nescio quid profecto mi animus praesagit mali. 

16) Non igitur in Hercule priore et altero fabulis solis haec verba 
exstant. confer Leonem 1 p. 52. 

11) Hos versus non semper genuinos esse contendit Lindskog non 
primus (Studien zum antiken Drama p. 17). 


992 Aemilius Ackermann, 


nim Leben und Werke des Dio von Prusa p. 416 sqq. haec 
omnia si animo complectemur, etiam Senecae eorundem verbo- 
rum iterationem indulgebimus?®). 

Nonnumguam autem verbis iterum usurpatis aliquid durius- 
culi vel obscuri et contorti inhaerere dixerunt 1), Heinsius, Leo, 
Birtius, Tachavus. atque Heinsius (apud Scriverum p. 346) 
Herculis Oetaei versus 661/62: 

nec gemmiferas detrahit aures 
lapıs Eoa lectus in unda 
rettulit ad Phaed. 391: 
nec niveus lapis 
deducat auris, Indici donum maris. 
eredidit enim detrahit (HO 661) inepte pro deducit positum 
esse. idem vituperavit Leo (p. 50 adn. 2), qui cum versus 
1— 740 genuinos aestimaret, hunc locum a Seneca esse scriptum 
ipse contendebat. atque quamquam aures deducere paulo melius 
dictum est quam aures detrahere, tamen hoc non ita aegre fere- 
mus, ut argumentum contra fabulae auctoritatem esse concedamus. 

Plura Leo protulit (I p. 51 sqq.), sed numquam recte. 
quamquam iam Melzerus argumenta eius diluere studuit (p. 22), 
tamen cum paene nusquam satis accurate contradixerit, aliqua 
mihi erunt addenda. versus (Π 0 1048): 

abrumpit scopulos Athos 
Centauros obiter ferens 
facile intellegi possunt, nam vertendum est: ‘Der Athos reisst 
Felsen ab, auf denen er oben Centauren trägt‘. alii poetae 
similiter locuti sunt cf. Claudiani Gigantomach. Graec. v. 59: 
᾿Εγχέλαδος δ᾽ οὐ λῆγε μάχης, ἀνὰ δ᾽ ἥρπασε νῆσον 
πρόῤῥιζον πολέεσσιν ἐρειδομένην ὀρέεσσι 
ρθῶ δ» οἀαείνμεόνε υρή ρος δὲ ἐν δέ τε νήσῳ 
δένδρεα καὶ ποταμοὶ ϑῆρές τ᾽ ἔσαν ὄρνιϑές τε. 
et Apollin. Sidon. ο. IX, 88: 
Nec Flegrae legis ampliata rura, 
missi dum volitant per astra montes 
Pindus, Pelion, Ossa, Olympus, Othrys 
cum sılvis, gregibus, feris, pruinis 


18) Addere poteram in Aristophanis Vespis (1030—36) eosdem versus 
exstare, qui in Pace (752 sqq.) leguntur. 


ὩΣ ΣΝ"... ἕ ὡρκ᾽ λυ ΣΝ 


De Senecae Hercule Oetaeo. 333 


saxis, fontibus, oppidis levati 
vibrantum spatiosiore dextra. 
Ad HO 1293: inter infernos lacus 
possessus atra nocte cum Fato steti 
Leo non recte adnotavit: Heinsius scribere voluit obsessus, recto 
iudicio, nam de homine male diei sensit quod apte de rebus 
dicitur. Melzerus iam attulit 
Troad. 562: nate, quis te nunc locus 
fortuna quae possedit. 
praeterea conferendi sunt loci hi: Stat. Theb. VII 550: 
Tene ille, heu demens, semel intra moenia clausum 
possessumque odiüs Argiva in castra remittet? 
X 676: iuvenis multo possessus numine. 
carm. epigr. lat. 1243 v. 3: quem numquam cupidae possedit 
gloria famae. — 
HO 1347: agnosce mater — ora quid flectis retro 
vultumque mergis ? 
Leo negavit mergere idem significare posse quod abscondere. 
hoc iam notum erat N. Heinsio (adversariorum libri IV p. 279) 
et ex lexicis satis superque constat. 
HO 1392: surgat hinc illine nemus 
artusque nostros durus immittat Sinis: 
sparsus!?) silebo. 
Leo aegre tulit participium perfectum sparsus, quod Melzerus, 
cum duo illi loci, quos attulit, in hanc rem omnino non quadrent, 
non feliciter defendit. videas autem ipse: 
Troad. 344: Illo ex Achille, genere qui mundum suo 
sparsus per omne caelitum regnum tenet 30). 
poeta dieit Achillem genere suo per omne regnum sparsum 
totum tenere mundum. Achillis corpus num Melzerus credidit 
multas in partes divisum esse? alter locus est Med. 625 sqq.: 
ille vocali genitus Camena, 
cuius ad chordas modulante plectro 
restitit torrens, siluere venti, 
cum?! suo cantu volucris ?? relicto 


19) Sparsus hoc loco idem est atque in partes divisus. 
20) His de versibus iam Leo dixit (G. G. A. p. 10 adn. 1): Troad. 


‚344 ist überhaupt anders. 


1) Tum praebet E. 25) volueres E. 


994 Aemilius Ackermann, 


adfuit tota comitante silva, 
Thracios sparsus iacuit per agros, 
at caput tristi fluitavit Hebro”: 
contigit notam Styga Tartarumque, 
non rediturus. 
in sententia: T’hracios sparsus iacwit per agros Orpheum esse 
subiectum Melzerus contendit, quod tamen prorsus incredibile 
est. neque enim Orpheus, dum canit, sparsus iacebat, neque, 
cum magnitudo eius tot cubitorum non esset, per agros iacere 
poterat, neque in partes divisus lyram modulabatur. atque 
cum Melzero si in eadem sententia sumus, contextus sermonis 
male interrumpitur. quid enim 5101 volunt verba af caput, quae 
sine dubio ad antecedentia respiciunt? re vera autem in versu 
630 subiectum est Hebrus casus nominativus, qui ex dativo 
in sequente versu exstante supplendus est. Seneca igitur 
narrat fluminis prope Orpheum partem substitisse, Hebri caput 
autem fluxisse. Similis locus in Hercule Oetaeo invenitur 
(cf. p. 340). itaque cum Melzeri propugnatio non prospera 
fuerit, alio modo huie participio perfecto sparsus excusatio 
paranda est. legas autem, quae infra (p. tert.) hac de re disputavi. 

De versu 1556 quae Leo disseruit, cum optime a Melzero 
(p. 23) refutata sint, sufficit commemorare, non Leonem pri- 
mum, sed Peiperum post versum 1556 lacunam statuisse. 

Hf. 745 sqq. Theseus de iudicibus infernis locutus 
reges adhortatur, ne crudelitati assuescant. eandem hor- 
tationem prorsus inepte et χαχοζήλως HO 1560—63 inser- 
tam esse idem Leo autumavit, cui oblocutus est Melzerus verbis 
his: HO 1556 sq. autem aliquis est rerum contextus: inter 
inferorum iudices dehince Hercules quoque erit; quanto igiur 
gravior erit post mortem regum et tyrannorum poena, praeser- 
tim cum illos potissimum uleisci vivus solitus sit. liceat mihi 
paulo accuratius hanc rem explicare. poeta dieit (v. 1550 sqgq.): 
‚nunc ad Acherontem vadit Hercules, quem Charonis cumba non 
solum, sed una cum multis vilibus umbris transferet. tamen 
Hercules inter viles umbras non manebit, sed inter iudices in- 
fernos sedebit 


28) Hoc conieeit Gronovius, traditum est in Εἰ: ad caput tristis 
fluitavit Hebri, in A: ad caput tractus flwvialis Hebri. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 335 


. 


facta discernens, feriens tyrannos. 

proinde, o tyranni, iusti este ac ferrum tenete purum.* itaque 
haec hortatio non prorsus inepte, sed plane apte inserta est. 
cur autem auctor eam indiderit, infra (cf. tert. part.) dixi. 

HO 1721 plane rustico obiurgio in Philoctetem invehitur 
his verbis: ‚ignave iners inermis’ ceterum compositus et man- 
suetus, sed transtulit hoc ex Thy. 176: ‚iguave, iners, enervis'. 
hoc recte dietum esse Melzerus Leoni concessit, ego non item 
concedo. in versu 1717 Hercules Philoctetem flammas poscit. 
v. 1718 hortatur Philoctetem, ne segniter facem comprehendat. 
sed Philoctetes segnis est. hac re iratus exclamat Hercules: 
quid dextra tremuit et Philoctetae manum pavidam appellat 
(v. 1719). etiam arcum reposecit. atque cum Philoctetes etiam 
nunc cunctetur, periratum Herculem verba gnave, 1678, 
inermis adhibere non mirum est. neque quae sequuntur sunt 
mansueti. dicit enim Hercules: en nostros manus quae tendat 
arcus. intellegenda autem haec verba sunt sic: haec tua ma- 
nus, quae pavida et ignava est nec rogum incendere audet, no- 
strum nunc tenet arcum omnibus populis notum. itaque obiur- 
gatio illa et cum antecedentibus et cum sequentibus verbis 
coneinit. neque hoc loco neglegamus rem non ipsam in scaena 
agi, sed a nuntio narrari. ceterum vide Melzerum. 
Totam vero scaenam quae est HO 1399 sqgq. ex Hercule fu- 
rente male expressam esse contendit Leo, qui enixe operam dedit, 
ut imitatoris manum detegeret. statuit autem hanc de fu- 
rore scaenam inepto loco fabulae immissam esse, cum dixit: 
de calamitate sua multum multumque declamavit et decantavit 
(sc. Hercules), de furore nihil audivimus ; nec quae novissimo 
loco dieit magis sunt reliquis insana. subito docemur Alcme- 
nae verbis furorem instare: 

1402: ei mihi, sensum quoque 

excussit illi nimius impulsus dolor. 
quod Melzerus contra dixit, nihili est. multis autem annis 
ante Melzerum excellenter de hoc loco disputavit vir doctissi- 
mus Birtius (l. s. p. 516). recte enim ostendit ea, quae Her- 
cules novissimo loco loquatur, sine dubio magis esse reliquis 
insana. ‘Plötzlich’ inquit ‘schlägt Herkules statt der (voran- 
gegangenen) Klagen einen kampflustigen Ton an, indem er 


336 Aemilius Ackermann, 


mit seiner Krankheit zu fechten verlangt: 

v. 1399: ubi morbus, ubinam est? estne adhuc aliquid mali 

in orbe mecum ? veniat, huc aliquis mihi 

intendat arcus: nuda sufficiet manus. 

Diese Herausforderung macht auf Alkmene mit Recht den Ein- 
druck des Wahnsinns’. hoc recte dietum esse pro certo habeo. 

De versibus 1408 sqgq. satis bene disseruit Melzerus (p. 24). 
nec vituperandus est locus 1415—1418. 

Denique Birtius (p. 511) et Melzerus (]. s.) mihi probave- 
runt in Megara v. 1452 memorata offendi non posse. quae cum 
ita sint, iam in illa de Herculis furore scaena conexus verbo- 
rum nusquam interrumpitur. 

Neque verum est quod Leo ad versum 1406: dolor iste 
furor est: Herculem solus domat adscripsit: huius enim coloris 
gratia omnis de furore scaena inserta est. aeque perperam 
Melzerus dixit (p. 23): denique ne id quidem spernendum est, 
quod Leo ipse adnotavit, ideo nostro loco Herculem fwrentem 
fingi, ut color ville magnificus (ΗΟ 1407) inseratur. veram 
causam, quam in tertia huius libelli parte explanabo, viri docti 
non deprehenderunt. 

Birtium offendit (p. 532), quod in prologo Hercules nimis 
se efferat et caelum expugnare in animo habeat. idem in Her- 
cule priore fieri, ibi autem Herculem furore impulsum tale 
quid loqui. cur poeta Herculem ita insolescentem fecerit, ibi- 
dem (tert. p.) expositurus sum. 

Ultimus Tachavus in Hercule Oetaeo sententias imitatione 
male expressas animadvertisse se opinatus est ?*). ac primum 


comparavit 
HO 170: commoda cladibus 
magnis magna patent; nil superest mali 
iratum miserae vidimus Herculem 
cum 


Troad. 422: hie mihi malorum maximum fructum abstulit, 
nihil timere. 

dubitavit enim, num verba commoda ... patent satis intellegi 

possint et cum antecedentibus cohaereant. negavit autem vir- 

gines, cum tempus futurum ignorent, dicere posse: nil superest 


2) Zu Senecas Tragoedien, Philol. 46 [1887] p. 378 sqg. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 337 


mali. in verbis commoda ... patent quiequam.,obscuri non vi- 
deo atque verto: ‘Großes Unglück ist zugänglich für große 
Vorteile’ vel ‘Großes Unglück ist oft von großen Vorteilen be- 
gleitet. v. 119—142 virgines Oechalides de clade sua conque- 
runtur; hanc cladem eis intulit Hercules, immanis ille heros 
(143—170). tamen unum commodum magnum hac clade nac- 
tae sunt: nullum malum superest, nam iratum Herculem vi- 
derunt, quo maius malum inveniri non potest (170—172). ita- 
que verba commoda ... patent cum antecedentibus conveniunt 
atque conspirant et virgines, cum Herculem iratum omnium 
maximum esse malum sciant, dicere possunt: mil superest mali. 
Herculis iram haud dubie perguam horribilem poeta finxit, sed, 
quod infra (p. tert.) demonstrare studui, non sine consilio ac 
iudicio hoc fecit. 

Deinde Tachavus HO 107 sq. cum Troad. 150 contulit. 
hac quoque de re inspicias quae in altera parte dixi. 

Postremo vir doctissimus composuit 

HO 122: felices sequeris, mors, miseros fugis 

cum 
Troad. 1171: Mors votum meum, 

infantibus violenta virginibus venis, 

ubique properas, saeva: me solam times 

vitasque, gladios inter ac tela et faces 

quaesita tota nocte, cupientem fugis. 
credidit enim Tachavus Hecubam, cum diu mortem quaesivisset, 
verba felices sequeris, mors, miseros fugis sane dicere potuisse, 
sed virgines Oechalides, quae ante urbem expugnatam nondum 
miserae fuissent, inepte sic loqui. hae sane argutiae ac spinae 
sunt. fortasse autem, dum Hercules Oechaliam obsidet, virgi- 
nes tot calamitates perpessae sunt, ut iam paulo ante urbem 
penitus expugnatam miserae essent quaererentque mortem. quis 
ita ut Tachavus cum poeta aget? nusquam ergo in Hercule 
Oetaeo versus stolida imitatione ex ceteris tragoediis expressi 
inveniuntur. 

Consideremus nunc quo iure Herculis Oetaei scriptorem 
stultum atque ineptum hominem esse dixerint. primus D. Hein- 
sius ineptias deprehendisse sibi visus est. adnotavit enim ad 

HO 387: quiequid in nobis fuit 


338 Aemilius Ackermann, 


᾿ 

olim petitum cecidit aut pariter labat. 

aetas citato senior eripuit gradu 

materque multum rapuit ex 1110 mihi 535). 
inepte redundat locus et pweriliter luwuriat (apud Seriv. p. 
347). at equidem tantamı luxuriam non video. quod in ea- 
dem sententia et eripuwit et rapwit invenimus, non ab usu poe- 
tico abhorret et rerum progressus est planus neque ullam 
praebet offensionem. — 

D. Heinsius si his temporibus vixisset, versus 1792, 1890, 
1697 sq., cum iam diu emendati sint, non reprehendisset (cf. 
p. 345). et quia eidem viro doctissimo codex Florentinus nondum 
notus erat, etiam in versibus 761 et 1599 haerere potuit 
(p. 347 et 344). nec Richterus tunc, cum libellum quo de Se- 
neca tragoediarum auctore agitur scripsit, Etruscum satis no- 
vit (p. 26). ipse quoque in versu 1595: passus an pondus ti- 
tubavit Atlas? eadem de causa ac 1). Heinsius offendit. credi- 
dit enim Florentinum praebere lassus, editionem principem 
passus. sed cum neque lassus neque passus ei placuisset, fas- 
sus scribi voluit. opinionem suam ut defenderet, statuere de- 
buit active positum esse titubandı verbum pro quatiendo, haec 
igitur coniectura prorsus reicienda est et nuper Richterus ipse 
passus in textum recepit, quod sine dubio satis apte dietum est. 

HO 424: causa bellandi est amor. 

totiens timebit Herculi natam parens 

quotiens negavit, hostis est quotiens socer 

fieri recusat: si gener non fit”), ferit. 
haec verba D. Heinsio nauseam moverunt (p. 347), sed quid 
vituperandum sit, non dixit. quam ob rem de hoc loco verba 
facere nolim. 

HO 644: caespes Tyrio mollior ostro 

solet impavidos ducere somnos 
D. Heinsius caespitem somnum ducere posse negavit (p. 346), 
sed iniuria; nam somnos ducere non solum dormüre significat (hoc 
modo loquitur Vergilius Aen. IV 560: nate dea, potes hoc sub casu 
ducere somnos), sed etiam somnos afferre vel somnos inducere. 


25) Sic legendum esse mihi probavit M. Muellerus (in Senecae 
tragoedias quaestiones criticae p. 43 sq.). 

2°) Fit legimus ex coniectura N. Heinsii (l. 5. p. 444); codices 
praebent est. 


= 70 A -ς--- «α᾿υἐς.- 


u A Ν mn ln m Zn ZU a a u 


De Senecae Hercule Oetaeo. 339 


cf. Horat. epod. 14, 3: 
Pocula Lethaeos ut si ducentia somnos 
arente fauce traxerim 
et Ovid. Metam. II 735: 
ut teres in dextra, qua somnos ducit et arcet, 
virga sit. 
itaque poeta non dieit caespitem dormire, sed sopire. 

Post D. Heinsium Swoboda nonnulla invenit quae vitu- 
peraret 57). huius viri doctissimi opus ipsum, quod ut ex bib- 
liothecis mutuarer mihi non contigit, me non inspexisse con- 
fiteor. sed Melzerus Swobodae argumenta, quae diluere studuit, 
attulit p. 26. ac pauca Melzeri verbis mihi addenda sunt. 
Swoboda aegre tulit (p. 335), quod Hercules ΠῸ 80 sqg. 
stulta et ridieula promittat. simili ex causa haesit in versibus 
1741 5.4. (p. 348). poetam autem consulto Herculem adeo 
intumescentem induxisse infra studui probare (p. tert.). 

Aliud argumentum est hoc: HO 907 sq. ab Hf 1341 sq., 
cum hie Athenis, illic Cinyphio fonte Hercules Megarae et li- 
berorum caedem expiasse feratur, ita dissentit, ut unus utrius- 
que fabulae auctor statui non possit (p. 343). iam Melzerus etiam 
in ceteris tragoediis tales sententias inter se pugnantes inveniri 
conatus est demonstrare. sed optimum exemplum, quod vidit 
A. Pais (Il teatro di Seneca p. 83), est hoc: locasta dieit 

Oed. 1034: hoc iacet ferro meus 

coniunx 
et similiter Oedipus loquitur 
Phoen. 105: ensem parenti trade, sed notum nece 
ensem paterna. 
iam legas Oedipodis verba 
Oed. 768: redit memoria tenue per vestigium 
cecidisse nostri stipitis pulsu obvium 
datumque Diti 6. 4. 8. 
nunc ense, nunc stipite Laium a filio suo interfectum esse 
poeta dieit. nonnumquam igitur Seneca cum se ipso discrepat. 

Versus vero HO 1036—1099 ab homine insulsissimo et 
absurdissimo scriptos esse Goebelius praepropere contendit 
BT A. Senecas Tragoedien übersetzt und erläutert, Wien 1830, 
III p. 335 sqq. 

Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 23 


940 Aemilius Ackermann, 


(l.s. p. 738 sq.). cuius argumenta cum iam Melzerus maxi- 
mam in partem infirmaverit (p. 27), pauca adiungere verba suf- 
fieit. vir doctissimus in eo offendit, quod poeta Bistones Hebrum 
accolentes (v. 1042) et Getas in Rhodope habitantes (v. 1032, 
1092) fecit. item credidit (p. 743) MO 161 Parthos prorsus 
inepte commemorari, qua re simul contra temporum regionum- 
que rationem peccetur 38). vir doctissimus si locos, quos Leo (1 
p- 202 sq.), Melzerus (p. 28), F. Harderus 35) (p. 451) attule- 
runt, inspicere potuisset, talem neglegentiam a Seneca alienam 
esse non dixisset. 

HO 1040: et dum fluminibus mora est, 

defecisse putant Getae 
Hebrum Bistones ultimi. 

Goebelius adnotavit: guwid? quod Bistones Hebrum defecisse 
putant! nimirum, si totus fluvius tamquam persona stetit, non 
aliter id fieri potuit, nisı ut continuum flumen staret a fonte 
usque ad ostia, nec animo concipi potest usquam ta aquas 
discissas fuisse, ut altera pars moraretur, altera flueret, sive 
ut usguam aqua deficeret, intermitteret. contra monendum est 
poetam omnino non dicere totum Äumen stetisse. undae, quae 
prope Orpheum fluunt, cum morentur, fieri non potest, quin 
flumen paulatim ex ostiis deficiat (cf. Melzerum p. 27). ac si 
tibi mirum videtur alteram fluminis partem subsistere, alteram 
fluere, revoco te ad Medeae locum, quem supra (p.333sq.) tractavı. 

Versum HO 1059: et serpens latebras fugit si ponamus 
serpentes latebras raro relinquere solere, facile intellegi posse 
Melzerus recte dixit (p. 27). sed cum exempla non addidit, 
affero haec: 

Oed. 152: perdidit pestem latebrosa 59) serpens. 

Med. 684: tracta magicis cantibus 
squamifera latebris turba desertis adest. 

Stat. Theb. II 410: dixerat. ast 1}}1 tacito sub pectore dudum 
ignea corda fremunt, iacto velut aspera saxo 
comminus erigitur serpens, cui subter inanes 
longa sitis latebras totumque agıtata per artus 


38) Jdem iam D. Heinsius vituperavit (apud Ser. p. 348). 

29) Bemerkungen zu den Tragödien des Seneka. Aus der Festschrift 
Johannes Vahlen zum 70. Geburtstag gewidmet. 

30) Significationem huius adiectivi exposuit Richterus (de. tr. a. p. 28). 


De Senecae Hercule Oetaeo. 341 


convocat in fauces et squamea colla venenum. 

Ad HO 1088: cantus praemia perdidit Goebelius in- 
dignatus quaesivit (p. 740): quid faciens? at apertissime poeta 
dixit: nec credens 6. 4. s. (1086). quia enim Orpheus non cre- 
didit Eurydicem sequi, retro se vertit, quo factum est, ut con- 
iugem perderet. in versu 1079 sic, non sed, in v. 1090 Zune, 
non Zum tradıtum est. atque haec pronomen demonstrativum 
in versu 1092 optime positum est, quod iniuria negavit Goe- 
belius. idem versus 1036—1099 spurios esse eo quoque con- 
firmarı putavit, quod eadem de Orpheo narratio et Hf. 569 sqg. 
et Med. 625 sqg. legitur. hac eadem re pro Seneca auctore 
pugnari Melzerus fortasse recte dixit (p. 28). chorum HO 
163—172 ineptias proferre Goebelius contendit (p. 743), sed 
argumentis nullis probavit. itaque hoc omittamus. 

Herculis Oetaei auctorem prave et perverse cogitantem 
hominem fuisse etiam Leo studuit ostendere (Ip. 53 sq.). at- 
que ut poetam magnopere ineptire satis demonstraret, multa 
collegit, sed omnia falso. ego, cum iam Melzerus (p. 28 56.) 
nonnulla recte contra dixerit, paucis rem absolvere potero. 

HO 842: factum est scelus, 

natum reposcit luppiter, Juno aemulum. 

reddendus orbi est; quod potest reddi exhibe®!: 

eat per artus ensis exactus meos. 
Leo adnotavit: δὲ superi Herculem reposcunt, non est Dei- 
anirae scelus quo occidit; quod orbi ıllum reddendum putat 
non est cur se ipsa interficiat. hunc locum Leo non intellexit. 
Steinbergerus (l. s. p. 192) optime docuit reposcere hic idem 
esse ac morti eripere vel vitae reddere, non autem ad superos 
vocare. reddere idem significare posse quod dare satis notum 
est?®). Deianirae hac in scena inconstantiam, qua ad ferrum, 
quod bis capessit bisque improbat, ad extremum revolvitur 
(v. 868), non miram esse Melzerus exemplis ex ceteris tra- 
goediis collectis demonstravit (p. 29). praeterea conferas quae 
diximus in altera parte. 

A poetis numquam Herculei ensis mentionem fieri Leo 


1) Redde praebet Εἰ, sed reddi legendum esse mihi probavit Birtius 


(l. s. p. 540). 
83) Of. Tachav. Philol. 48 p. 742 et p. 747 et Melzer. p. 29. 


23 ἢ 


342 Aemilius Ackermann, 


perperam putavit. Steinbergerus (l. s. p. 193) vidit Aristopha- 
nis locum, ran. 664 καὶ τὸ ξίφος γ᾽ ἐσπᾶτο μαίνεσϑαι δοκῶν 
(sc. Ἡρακλῆς). Harderus attulit (]. 5. p. 456) Horatii versum 
c. IV 4,61: non hydra secto corpore firmior. quin etiam 
in Hereculis furentis versu 1229 Herculeus ensis commemoratur. 
Bentleius 55) autem et Withofius ?*), quos Leo (G. 6. A. p. 11 
adn. 1) et alii secuti sunt, pro voce ensem coniecerunt arcum. 
contra Melzerus (p. 4 adn. 2 et p. 29) et Harderus (l. s. p. 455 sq.) 
ensem hoc loco retinendum esse statuerunt. quae res utut se 
habet, certum est Herculis alterius auctorem ense Herculeo 
commemorato non peccavisse. | 
Deianira mortis consilium his verbis confirmat (922): 

frustra tenetur ille qui statuit mori, 

proinde lucem fugere decretum est mihi, 

vixit satis quicumgue cum Alcide occidit. 
quo de loco Leo haec dixit: debuit: proinde frustra me 
tenetis. dixit: frustra tenetur qui mori decrevit, proünde 
mori decrevi; frustra tenetur qwi statwit mori, proinde mori 
statwi. sine dubio aliter haec verba intellegenda sunt. Deia- 
nira dicit v. 922: “rustra mihi quae mori statui mortem dis- 
suades, proinde moriendi mihi consilium non labefactatum est’. 
quae interpretatio si 101 non placet, cum Melzero (p. 29) ver- 
sum 924 ante 923 ponas. 

HO 1268: quis dies fletum Herculis, 

quae terra vidit? siccus aerumnas tuli. 

tibı ılla virtus, quae tot elisit mala, 

tibi cessit uni; prima et ante omnis mihi 

fletum abstulisti: durior saxo horrido 

et chalybe voltus et vaga Symphlegade 

rictus meos infregit et lacrimam expulit. 
Leo adnotavit: suum scilicet vultum superari non potwisse nisi 
alio vultu etiam duriore putidus sensus est; quo quantopere 
ineptiat scies si praecedentem sermonis partem perlegervs. 
nempe iterum iterumque questus est quod pestem quae fixa 
medullis lateat corpusque intus depopuletur videre nequeat 
multumgque divinwit serpensne sit an malum aliquod et Her- 


55) Ann. Fleck. 125 p. 483. 
34) Praemetium crucium criticarum praecipue ex Seneca tragico 
p- 121. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 343 


culi ignotum. ram eius vultu rictus suos infractos esse numtiat. 
Melzerus perperam concessit (p. 29) his versibus putidum 
sensum inesse. reetissime Steinbergerus (l. 5. p. 193) vidit 
Herculem non de alio, sed de suo ipsius vultu cogitare. Leo 
fortasse hunc in errorem non cecidisset, si in versu 1274 pro 
meos scriberetur swos, quod pronomen sane paulo melius in 
sensum quadrat. sed id, quod nunc in codieibus exstat, cum 
rietus illi et ad Herculeum vultum et ad Herculem ipsum 
pertineant, ego facile feram, Birtius minus, qui coniecit: richus 
et os infregit et lacrimam expult. 

ΠΟ 1472 HERC.: Habet, peractum est, fata se nostra explicant; 
lux ista summa est: quercus hanc sortem mihi 
fatidica quondam dederat et Parnassio 
Cirrhaea quatiens templa mugitu specus®?): 

‘dextra perempti victor, Alcide, viri 
olim iacebis; hie tibi emenso freta 
terrasque et umbras finis extremus datur’. 
in comparationem vocavit Leo Sophoclis locum (Trach. 1159): 
ἐμοὶ γὰρ ἦν πρόφαντον Ex πατρὸς πάλαι, 
ἀνδρῶν πνεϑυτων μηδενὸς ϑανεῖν ὕπο, 
ἀλλ᾽ ὅστις "Ardou φϑίμενος οἰκήτωρ πέλοι. 
ὅδ᾽ οὖν ὁ ϑὴρ Κένταυρος, ὡς τὸ ϑεῖον ἣν 
πρόφαντον, οὕτω ζῶντά μ᾽ ἔχτεινεν ϑανών. 
φανῶ δ᾽ ἐγὼ τούτοισι συμβαίνοντ᾽ ἴσα 
μαντεῖα χαινά, τοῖς πάλα: ξυνήγορα, 
ἃ τῶν ὀρείων καὶ χαμαικοιτῶν ἐγὼ 
Σελλῶν ἐσελϑιὼν ἄλσος εἰσεγραψάμην 
πρὸς τῆς πατρῴας χαὶ πολυγλώσσου δρυός. 
contendit autem vir doctissimus poetam Romanum duo oracula 
a Sophocle commemorata tam claude (sic Leo) et oblique inter 
se coniunxisse, ut de una tantum sorte loqui videatur 55). ar- 
gumenta, quae Melzerus protulit (p. 19/20), cum ad rem ip- 
sam vix spectent, non nisi ambages sunt. facile autem Leo- 
nis verba refutari possunt, nam poeta Romanus satis aperte 
5) Traditum est nemus. specus eoniecit primus N. Heinsius (l. 8. 
Ρ. 286), deinde Wilamowitzius (cf. Leo I p. 55 adn. 5). 
88) Si Leo recte dixisset, non multum valeret. talia enim Senecam 


nonnumguam 5101 indulsisse demonstravit Harderus (Festschrift Johan- 
nes Vahlen p. 451). Ä 


944 Aemilius Ackermann, 


de duobus oraculis cogitat. dieit enim: quercus hanc sortem 
mihi dederat et specus (sc. hanc sortem mihi dederat). hanc 
sortem singularem numerum poeta pro plurali posuit, ut ma- 
gis fortiter et efficaciter loqueretur. et alterum oraculum est 
hoc (1476): dextra perempti victor , Alcide, υἱγῖ olim vacebis, 
alterum (1477): hie tibi emenso freta 

terrasque et umbras finis extremus datur. 
verba finis ewiremus non de morte, quod Melzerus voluit 
(p. 20), sed, ut apud Sophoclem, de fine migrandi et laboran- 
di intellegenda sunt. differentia, quae in eo agnoseitur, quod 
Herculi oraculum alterum datum esse a love Sophocles dicit, 
ab Apolline autem poeta Romanus narrat, Leonis opinionem 
confirmare non potest. nam poeta aut ita rem 5101 finxit, ut 
Hercules Iovis oraculum ore Apollinis acceperit (cf. Leo I 
p. 55), aut, quod Seneca saepius sibi concedebat, ab exemplo 
suo recessit. praeterea monendum mihi videtur cum Herculis 
fama notissima esset breviter logui poetae Romano licuisse. 
HO 1595: Heu quid hoc? mundus sonat. ecce maeret, 

maeret Alciden pater; an deorum 

clamor, an vox est timidae novercae 

Hercule et viso fugit astra luno ὃ 

passus an pondus titubavit Atlas? 

an magis diri tremuere manes 

Herculem et visum canis inferorum 

fugit abruptis trepidus catenis? 
Leo adnotavit: mundus sonuit: inde comiecturas capit cho- 
rus; at ut conicere possit manes trepidare Cerberoque aufu- 
giente tumultum exoriri, fragorem imo de fundo audisse debet, 
ut Hf. 521: cur mugit solum? 

infernus imo sonwit e fundo fragor. 
hunc Herculis furentis versum fortasse aptissime allatum esse 
dices, sed conferas, quid de eodem loco idem Leo iudicaverit 
(II p. 375). hoc, inquit, recte dietum esset, si ex inferis nune 
demum Hercules emergeret; at per viam publicam ad Thebas 
accedit. ıitaque in Hercule priore idem factum est quod in 
Hercule altero. sed cum illum versum vir doctissimus deleret, 
Herculis Oetaei locum auctori opprobrio dedit. adde quod Leo 
plane perperam hunc locum tentavit, nam mundum non caelum, 


i 
h 
, 


De Senecae Hercule Oetaeo. 345 


sed rerum universitatem significare Melzerus recte vidit?”) (p. 29). 
De cantico HO 1518 sqq. Leo dixit (G. @. A. p. 9): Der 
Schluß ist mißglückt, wie auch einiges im Liede selbst; ar- 
gumenta autem vir doctissimus non addidit. 
Denique Birtius in Hercule Oetaeo res insulsas deprehen- 
disse sibi visus est. 
HO 278 DEI.: Iole meis captiva germanos dabit 
natis (lovisque Ποὺ ex famula nurus)? 
non flamma cursus pariter et torrens feret 
et ursa pontum sicca caeruleum bibet. 
vir doctissimus adnotavit (p. 535): Hilflos verunglückt bei aller 
Gesuchtheit ist z. B. folgender Vergleich (278—281). In 
hohem Masse beeinträchtigt wird derselbe überdies durch die 
zwischengestellten Worte, die in Parenthese stehen. 
haec recte dixisset Birtius, si versus 280 sic legendus esset. 
neque enim dubium mihi videtur, quin nonnulli codices de- 


 teriores meliorem lectionem praebeant hanc: 


num flamma cursus pariter et torrens feret 58) 

et ursa pontem sicca caeruleum bibet? 
dieit igitur Deianira: ‘prius famma et torrens pariter cursus 
feret et ursa pontum bibet quam patiar lolam Herculi natos 
parere et lovis nurum fieri.’ 

ΗΟ 1452: Megara appellatur clara. quod adiectivum non 
satis apte positum esse Birtius suo iure contendit (p. 511). 
similem locum inveni in Troad. 1112: signa clari corporis 33). 
fortasse cum N. Heinsio (l. s. p. 285) scribendum est cara. 

Itaque viri docti Herculis Oetaei auctorem esse hominem 
ineptum ac stolidum iniuria dixerunt. 

Aliud est, quod Herculis Oetaei scriptorem esse linguae 
inopem et scribendi socordem poetam contenderunt®°). iam 


81) Nonnumquam mundus idem est atque inferi cf. Macrob. I 16, 

16—18, Festum (ed. Thewrewk) I p. 120 et p. 146 —149. 
᾿ 88) Forma feret et in E et in A tradita retinenda est. solent enim 

nonnulli poetae, in quorum numero etiam Seneca est, verbi n. singularem 
usurpare, si ullo modo tolerari potest. exempla huius rei postea for- 
tasse occasione data afferam. ' 

30) Similis non similis est locus Phaed. 1247: huc, huc reliquwias 
vehite caris corporis. 

10) Ὁ. Heinsius (ap. Scriv. p. 347), Goebelius (l. s. p. 740), Richte- 


‘rus (ἃ. S. tr. ἃ. p. 30), Leo (I p. 57), Birtius (p. 535, 537 sq.). in eo 


quod Deianira Iolam novies captivam vel paelicem appellat (v. 278—391) 
Birtium haerere non debuisse probavit Melzerus (p. 30). 


946 Aemilius Ackermann, 


Leo, qui ipse concessit (I p. 57) Senecam in tragoediis non 
semper curiosissimum variandi sermonis fuisse, ceteris ex fa- 
bulis pauca exempla huc pertinentia collegit. multa autem con- 
gessit Melzerus (p. 30). quae quamgquam sufficiunt nonnulla 
mihi liceat addere. in Troadibus inveni: v. 610 timent, 612 
timere, 618 timet, 626 timor, 632 timorem, 642 timor; Oed.: 
519 regis, 520 reges, 524 rege, 525 regi, regno; Hf.: 1192 
manus, 1196 manus, 1203 manum, 1211 manum, 1236 ma- 
nus, 1260 manus (semper in trimetri fine), praeterea 1193 
manus, 1244 manibus, 1255 manibus; in Thyeste: 434 timo- 
ris, 435 timendum, timeo, 447 timentur, 449 timere, 468 ti- 
memur, 473 timendum, 482 times, 483 timori, 486 timendum, 
times et 414 regni, 425 regno, 432 regni, 442 regnare, 444 
regnum, 470 regnum, regno, 472 regnes. quod non in versi- 
bus 410, 415, 441, 451, 455, 458, 459, 463, 468, 489 et nec in 
vss. 457, 460, 463, 465, 466, 471, 472 legitur, urgere nolim. 
sed praeterea conferendi sunt versus hi: 529 regnum, 531 re- 
giam, 534 regnum, 540 regna, 542 regni et 564 timuit, 572 
timor, 580 timuere, 590 timuit, 595 timuere et 889 sat, 890 
satis, 895 sat, 899 satis, 900 satisque, 913 satur. fortasse mi- 
hi concedes Thyestis auctorem copiosiorem poetam scriptore 
Herculis Oetaei non fuisse, praesertim cum ex eadem fabula 
ıam Melzerus alias voces saepe iteratas collegerit. 

Neque vero repetitis tantum dictionibus incuriosam elo- 
cutionem offendere, sed magis etiam sententiis neglegenter 
constructis sive vitiose pronuntiatis contendit Leo (l p. 57). 
sed omnia argumenta quae protulit aut a Melzero (p. 30/31) 
aut nunc ab ipso (6. G. A. p. 10 adn. 1) refutata sunt *). 
itaque eis, qui Herculem Oetaeum a Seneca abiudicaverunt, 
iam multa argumenta erepta sunt. 

lam vero metricas rationes inter hanc ceterasque fabulas 
admodum aequales esse viri docti, qui hac in re versati sunt, 
omnes concesserunt. nihilo setius nonnulla a Senecae arte ali- 
ena in Hercule altero inveniri dixerunt. ac Leo protulit hoc 
(I p. 59): itaque in summa aequalitate modo negleciam modo 
duriorem in Hercule Oetaeco synaloepham deprehendimus. 


41) Ad HO 1604 quem tulit Poeans etiam comparandus est ver- 
sus Hf. 494: vel ex coacta nobilem partum feram. 
praeterea conferas infra p. 876 sq. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 347 


Schmidtius *?) et Leo (I p. 58) iam satis demonstrarunt in re- 
liquis Herculis Oetaei senariorum locis eodem modo quo in 
Annaeanis fabulis verba verbis coagmentari. de synaloepha 
quae in fine versuum admittitur plura verba mihi facienda sunt. 
scilicet in trimetrorum exitu omnium fabularum monosyllabum 
cum antecedente vocabulo nusquam coalescit, nisi quod aphae- 
resis vocis est saepius invenitur. conglutinatur autem est nus- 
quam cum antecedente monosyllabo, contra cum bisyllabo in 
Hf. sexies (55, 383, 952, 1172, 1191, 1268), in Troad. quater 
(298, 787, 909, 997), in Phoen. octies (55, 79, 288, 368, 378, 
454, 598, 629), in Med. sexies (230, 448, 896, 921, 976, 1004), 
in Phaed. sexies (358,.435, 636, 697, 711, 1239), in Oed. ter 
(274, 834, 865), in Agam. quinquies (109, 152, 154, 426, 924), 
in Thy. quinquies (205, 257, 449, 899, 906), in HO octies 
(59, 236, 405, 824, 1242, 1258, 1806, 1820), in Octav. quater 
(108, 458, 604, 825). cum trisyllabo copulatur est Trroad. 911, 
Med. 25, Thy. 718, 1013, HO 882, 940, cum quadrisyllabo ver- 
bo ΠΟ 1979, Oct. 442, 496, cum quinque syllabarum voce 
Oed. 515. 
 Porro bisyllabum in senarii fine positum nusquam cum 
antecedente vocabulo coalescit, contra trisyllabum, de quo in- 
fra (p. 349 sq.) paulo fusius loquar, creberrime. etiam verbum 
quadrisyllabum coalescit Med. 407, 471, Oed. 823, Agam. 787; 
quinque syllabarum vocabulum Phaed. 580, 955, Thy. 911; 
vox'sex e syllabis composita Phoen. 133, 165, Oct. 446, 541, 870. 
Monosyllabum in trimetri exitu invenitur Ff. 1162, Troad. 
42, 56, 475, Phoen. 205, 234, 495, Med. 125, 692, Phaed. 713, 
Oed. 938, 1016, ΠΟ 870, 939, 1206, 1351, 1354, 1826, 1858 *°). 
monosyllabum in versus fine non ferri nisi antecedente mono- 
syllabo dixit Leo (I p. 59). itaque vituperavit Herculis Oetaei 
poetam qui scripserit v. 939: para laborem. scelera quae quis- 
quam ausus est. neque enim animadvertit vir doctissimus Me- 
deae versum 692: caelo petam venena. iam iam **) tempus est. 


4 De emendandarum Senecae tragoediis ratjonibus prosodiacis 
et metricis p. 17 sqq. 

45) Non omnia exempla deprehenderunt Schmidt p. 39 et Leo I p. 59. 

“*) In E iam semel exstat, in A legitur iam nunc. Gronovium 
autem recte dam iam scripsisse eo apparet, quod in E saepius ea vox, 
quam bis positam esse postulamus, semel tantum tradita est. legimus 


948 Aemilius Ackermann, 


quem si vidisset, non delevisset (I p. VII) Herculis furentis 
trimetrum (1162): 

quis tanta Thebis scelera moliri ausus est, 
praesertim cum hic illi Herculis Oetaei senario (939) similis 
sit. ter igitur his in fabulis monosyllabo non coalescenti ante- 
cedit bisyllabum. 

Porro Leo reprehendit quod auctor tratae sat est (HO 
1354) et tanto sat est (Π 1558) scribere maluit quam iratae 
est satis et tanto est satis (Ip. 60). sed legat Oed. 938: pen- 
sabis ictu? moreris ; hoc patri sat est. 

Bisyllabum non coalescens saepissime in trimetri fine in- 
venies, item trisyllabum. verbum quadrisyllabum non coales- 
cens exstat ın Hf. quater decies (11, 92, 218, 232, 244, 325, 
408, 484, 516, 626, 758, 908, 915, 997), in Zroad. ter decies 
(60, 183, 155, 222, 280, 325, 558, 652, 809, 901, 1069, 
1080, 1106), in Phoen. sexies (129, 191, 206, 448, 550, 566), 
in Med. undecies (14, 33, 39, 266, 268, 456, 512, 709, 713, 
718, 731), in Phaed. quater (384. 1023, 1225, 1229), in Oed. 
quater (768, 812, 847, 1048), in Agam. sexies (137, 186, 566, 
197, 928, 935), in Z’hy. novies (115, 195, 679, 707, 745, 1012, 
1039, 1055, 1060), in FO undecies (733, 804, 1135, 1227, 1237, 
1273, 1380, 1389 1474, 1485, 1650), in Oct. bis (835, 837). 
Richterus (de S. tr. a. p. 18) vidit Herculis Oetaei poetam a lege 
qua cavetur, ne in trimetrorum exitu vocem quadrisyllabam prae- 
cedat iambica, sexies recessisse (804, 1273, 1380, 1389, 1485, 
1650). sed Richterus ipse concessit quinque exemplis (804, 1273, 
1380, 1485, 1650) excusationem a nomine proprio paratam 
esse. idem vidit legem illam etiam in Phoenissis bis (191, 
206) 45) violatam esse, ubi nomen proprium veniam non praebet. 
fortasse ex Agamemnone quoque versus 797 huc referri potest: 

AGAM.: secura vive. CASS. mihi mori est securitas. 
nam morti est, quia est cum »morv coalescit, tamquam una vox est. 
differentia igitur non exstat. quinque syllabarum verbum in 
trimetri fine positum non coalescit Hf. 246, Troad. 861. Phoen. 
223, Med. 215, Phaed. 229, 271, 852, Oed. 395. Agam. 660, 
enim Troad. 191 ite pro ite, ite, 625 hac pro hac hac, 627 ite pro üe, 
ite, 1141 iam pro iam iam, HO 753 ille pro {{| 6, ille, 1234 qwid pro 


quid, quid, 1506 quam pro quamquam 1930 fallor pro Fallor, Jallor. 
#5) pro novos in E traditum est non vos. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 349 


Thy. 23, 424, HO 21, 1642. vocabulum non coalescens, cui 
sex syllabae sunt, invenitur Phaed. 1157. 

Restant cretici in senarli exitu positi. Senecae in tragoe- 
diis fere legitimum esse creticos hoc loco exstantes cum an- 
tecedente vocabulo coalescere Schmidtius recte vidit (p. 37 sq.). 
inter centenos trimetros clauduntur creticis coalescentibus in 
Hf. 12,non coalescentibus 2,1, in Troad. coalesc. 10, non c. 1,19, 
in Phoen. ce. 10, non c. 1,95, in Med. c. 12, 5, non c. 2,29, in 
Phaed. c. 10, 2, non c. 1,05, in (δα. c. 9, 27, non c. 0, 67, in Ag. 
c. 8, 36, non c. 1, 46, Thy. c. 11, non ce. 1, 94, in ΠΟ c. 9,6 non c. 
1,14, in Oct. c. 7,7 non c. 0,52. Leo numeros semper fere paulo 
a meis recedentes computavit (1 p. 58). qui vir doctissimus creti- 
corum coalescentium usum in Octavia rariorem esse quamquam 
recte dıxit, tamen hac in fabula plures inveniuntur quam ipse 
in Agamemnone exstare sibi persuaserat. idem creticos non 
coalescentes in Octavia prorsus evitatos esse contendit. sed 


. scriptos videmus tales v. 237, 457, 468. Leo cum solum ver- 


sum 457 vidisset, perperam eum delevit (cf. Herm. 10 p. 439). 
atque ut opinionem suam nobis probaret 8118 argumentis 
allatis hunc versum inepte intercalatum esse demonstrare stu- 
duit. Plane idem, inquit, hoc versu Nero dieit atque sequenti 
et synaloephae locus non est in personis mutandis. versus 
Octaviae 456—458 sunt hi: 

NER. ferrum tuetur principem. SEN. melius fides. 

NER. decet timeri Caesarem. SEN. at plus diligi. 

NER. metuant necesse est. SEN. quicquid exprimitur grave est. 
qui versus exstant in colloquio, quod inter Neronem et 
Senecam habetur. Seneca ut imperator moderate regnet po- 
stulat, contra Nero vi uti mavult. cum Senecae reclamatione 
Caesaris animus magnopere conecitatus sit, imperator ira im- 
pulsus bis idem dicere facile potest. praecipue autem quae iam 
dixit iterat, ut sua plurimum interesse timeri quam maxime 
manifestet declaretque omnino non se curare amorem populi. 
accedit quod Nero non plane idem his duobus versibus dieit, nam 
sradatio inest in verbis: decet timeri... metuant necesse 
est. hoc vidit Fr. Ladek (l. s. p. 102). praeterea conferas quae 
Richterus editor adnotavit. ceterum hoc loco in personis mu- 
tandis synaloepham admittendam esse equidem censeo. exstat 


950 Aemilius Ackermann, 


enim talis verborum conglutinatio etiam in Agamemnonis 
versu 794: | 

AGA. credis videre te Ilium® CAS. et Priamum simul. 
huic versui a Graeco nomine excusationem paratam esse, Oc- 
taviae loco a Latino non item Leo dixit (I p. 59 adn. 8). sed 
haec inter nomen Latinum et Graecum differentia minima est. 
neque Fr. Ladek (l. s. p. 102) neque Lucianus Muellerus (ann. 
philol. 89, p. 423) hoc discrimen statuere voluerunt. nescio 
igitur, cur Octaviae versus in codicibus bene traditus, si Aga- 
memnonis genuinus est, spurius aestimandus sit. itaque cum 
Octaviae scriptor ter (2337, 457, 468) trimetrum cretico non 
coalescente terminaverit, nulla hac in re differentia exstat. 

Sed in ceteris Senecae fabulis non coalescenti eretico semper 
syllaba longa antecedit, contra in Octavia semel (v. 393 genus 
impium) et in Hercule Oetaeo ter (v. 406 caret Hercule, 757 ferar 
obruta, 1847 daret Hercules‘) eadem sede bisyllabum bibreve 
invenimus. parva igitur differentia artis sane adest, atque quam- 
quam concedo hanc rem momenti alicuius esse, tamen, si nihil 
alıud accedit, minimum valere existimo. ei, qui hanc ob cau- 
sam Herculem alterum Senecae abiudicari vult, etiam Aga- 
memno, cum non nisi in hac fabula et in Octavia synaloepha 
in personis mutandis admissa sit, insitiva ducenda est. neque 
putabit idem Phoenissas genuinam tragoediam esse, nam sex 
syllabarum vox in senarii fine posita coalescit bis tantum in 
Phoenissis et ter in Octavia (cf. p. 347). ıtaque illo argumento 
αὖ] iam non licet. 

Cretico non coalescenti in Hercule Oetaeo nusquam ante- 
cedere vocabulum, cui plus tres morae sint, contra idem in re- 
liquis tragoediis saepissime admitti, contendit Birtius (p. 559 sq.); 
itaque emendandum esse censuit versum ΠΟ 899: nemo no- 
cens sibi ipse poenas abrogat, praesertim cum sensus inep- 
tissimus esset. vir doctissimus cum tradita verba intellegi non 
possint Gronovium totum versum genuinum esse falso credi- 
disse suo iure dixit *°). ipse autem coniecit: nemo innocens sibt 
ipse si poenam abrogat. quae verba, quamvis bonum sensum 


36) Exempla haec collegit Schmidtius (l. 5. p. 53). 
41) Inrogat legimus in A 
48) Gronovii sententiam iniuria defendit Tachavus, Philol; 48 p. 749. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 351 


praebeant, tamen cum nimis abhorreant a tradita lectione, 
mibi non satis placent. aliam autem emendandi rationem in- 
grediendam esse puto. Deianiram Nessi fraude deceptam Her- 
culem necare Birtius ipse vidit (p. 511 sq.). quod facinus morte 
sus expiare constituit, ut se non nefariam aut perditam fe- 
minam, sed dolo captam esse indicet. facınorosi hominis non 
esse poenas sibi adrogare Birtius recte dixit. itaque Deianira, 
si poenas sibi vindicat, non scelerata femina est, sed, ut ma- 
gistri mei verbis utar, eine tragische Heldin. quam ob rem 
Hyllo dicenti: si te ıpsa dammas, scelere te misera argwis 
Deianira respondet: 
nemo nocens*?) 5101 ipse poenas adrogat °°). 
adrogare idem fere significare quod vindicare notum est. ita- 
que cretico adrogat antecedit tradıta vox poenas, cui quattuor 
morae sunt. iam legas HO 15: 
quod terra genuit, pontus aer inferi. 

aer habet quattuor moras. atque ne dicas verbum aer (= ἀήρ), 
cum accentum in altera syllaba habeat, facilius ferri posse, de- 
monstrabo Senecae temporibus hoc vocabulum in priore syllaba 
acutum esse. aer efficit spondeum. quodsi verba spondiaca in 
secundo vel tertio vel quarto trimetri pede posita sunt, ictus 
rhythmicos et verborum accentus inter se consentire necesse 
est (cf. p. 358). iam intuearis 

Hf. 677: sie pronus aer urget atque avidum chaos 

Hf. 704: immotus aer haeret et pigro sedet 

Phaed. 474: solis et aer pervius ventis erit. 
haec exempla si cui non sufficiunt, afferre possum hexametros 
dactylicos, quorum in fine eadem vox exstat °!). conferas Ovid. 
Met. VI 47; Lucan. I 646; Stat. Theb. Π 3; VI 399; VI 
617; VIII 413; XII 248. etiam verbum aether = αἰϑήρ 55) et 
nomina propria velut Theseus, Peleus Romani in prima syl- 
laba acuebant. 

Quod Birtius HO 445 pro propius ewigat seripsit poenas ewi- 
φαΐ (p. 514), cum ipse postea hane coniecturam reiciendam esse 

#9) Nocens hoc loco eum significat, qui scelestus atque improbus est. 

. 30%) Richterus per errorem scripsit in Εἰ traditum esse arrogat. 
51) Etiam in hexametri exitu verborum accentus cum versus nu- 


mero concinere notum est. 
5) Of. Hf. 959; Phaed. 524 ; Oed. 220; Agam. 727; HO 52, 1764. 


352 Aemilius Ackermann, 


dixerit (p. 559), mihi auxilio vocare non possum. conceden- 
dum autem est in Hercule Oetaeo creticum in trimetri fine 
positum cum antecedente plus trium morarum voce non coa- 
lescentem bis (15, 899) inveniri. consideremus vero, quo modo 
haec res in ceteris fabulis se habeat. antecedit cretico non 
coalescenti vocabulum, cui plus tres morae sunt, in Hf. duo- 
decies (255, 397, 495, 641, 652, 657, 698, 715, 992, 998, 
1042, 1333), vocabulum, cui duae tantum morae sunt?), de- 
cies (265, 406, 654, 1139, 1197, 1246, 1252, 1290, 1323, 1329); 
in Troad. illud septies (519, 523, 889, 898, 936, 951, 1112) 
— hoc quater (8, 191, 224, 227); in Phoen. illud sexies (148, 
249, 256, 285, 501, 619) — hoc septies (64, 163, 244, 279, 358, 
491, 520); in Med. illud decies (127, 151, 152, 203, 547, 562, 
972, 684, 700, 887) — hoc quinquies (167, 412, 493, 735, 916); 
im Phaed. illud septies (166, 213, 238, 563, 396, 1247, 1256) 
— hoc ter (715, 884, 1170); in Oed. illud ter (12, 78, 965) 
— hoc bis (89, 1014); in Aga. illud. sexies (252, 394a, 435, 
472, 551, 802) — hoc quater (243, 280, 282, 783); in Thyest. 
illud quater (52, 320, 1011, 1061) — hoc undecies (59, 111, 
176, 261, 280, 295, 334, 409, 1067, 1082, 1093); in HO illud 
bis (15, 889) — hoc novies (43, 406, 465, 757, 965, 1143, 1218, 
1750, 1847) °*); in Oct. illud nusguam — hoc quater (237, 393, 
457, 468). Octaviam fabulam, quae maxime a religuarum usu 
discrepat, ab anonymo quodam auctore scriptam esse constat. 
vidimus autem Senecam ipsum sibi non constare. atque hac 
in re Thyestes et Hercules Vetaeus vix inter se differunt. credo 
igitur Birtii quoque argumentum a me abolitum esse. 
Senecam creticum in trimetri fine positum ubi longa syl- 
laba antecedit fere semper cum antecedente voce coalescentem. 
facere iam vidimus (p. 349). itaque consentaneum est creticorum 
non coalescentium eos, quibus prima littera vocalis vel h est, 
cum facilius coalescere possint, ereticis a consonante incipien- 
tibus rarius usurpari. exstat autem creticus non coalescens, 
cuius prima littera vocalis vel ἢ est, in Hf. quinquies (v. 397, 
406, 657, 715, 1329), creticus qui a consonante incipit septies 


53) Verbum tres moras habens nusquam antecedit cretico non CO- 
alescenti. ) 
84) Versus 445 dubius est; de versu 574 p. 353 disputavi. 


De Senecae Hercule ia) 353 


decies (155, 265, 495, 641, 652, 654, 698, 992, 998, 1042, 
1139, 1197, 1246, 1252, 1290, 1323, 1333); in Zroad. 1116 
ter (227, 519, 898) — hic octies (8, 191, 224, 523, 889, 
936, 951, 1112); im Phoen. 1116 quater (64, 148, 358, 491) — 
hic novies (163, 244, 249,.256, 279, 285, 501, 520, 619); in 
Med. ille quinquies (412, 493, 562, 735, 887) — hic decies 
(127, 151, 152, 167, 203, 547, 572, 684, 700, 916); in Phaed. 
ille bis (563, 884) — hie octies (166, 213, 238, 715, 896, 
1247, 1256, 1170); in Oed. ille bis (89, 1014) — μἷο ter 
(12, 78, 965); in Aga. ille quater (234, 252, 282, 472) — 
hic sexies (280, 394*, 435, 551, 783, 802); in Thy. ille ter 
(280, 295, 1061) — hic duodecies (52, 59, 111, 176, 261, 
302, 334, 409, 1011, 1067, 1082, 1083); in HO ille bis (15, 
899) — hic sexies (43, 465, 965, 1143, 1218, 1750); in Oct. 
ille bis (237, 468) — hie semel (457). itaque Hercules Oetaeus 
hac in re cum Annaeanis fabulis plane congruit, Octavia non 
item. bis in Hercule altero creticum non coalescentem a vocali 
vel ἢ littera incipere dixi, quamquam v. 574 vulgo legitur: 
dum poscit lolen; sed iecur fors horridum. 

cum Herculis Oetaei poeta nusquam alibi fors, sed novies for- 
san vel forsitan (361, 408, 473, 1781, 768, 912, 1398, 1429, 
1791) usurpaverit, verisimile mihi videtur, etiam in versu 574 
olim forsan exstitisse. atque quod creticus horridum ab h litte- 
ra incipit, id indiciolum est, quo affirmetur horridum ab auctore 
ipso cum antecedente voce conglutinatum esse. itaque cum in 
optimo codice non fors, sed forsan traditum sit, re vera scri- 
bendum esse forsam mihi persuasum est??). forsam vel forsitam 
legimus carm. epigr. Lat. 1013, 4 et 1279, 19 56). in codicibus 
saepius forsam vel forsitam esse scriptum multis locis allatis 
demonstraverunt Ribbeckius?”) et Schuchardtius (l. s.). addere 
possum etiam in Annaeanis tragoedis ter forsam exstare (cf. 
Troad. 274, 660, Ag. 990). elisam autem alteram vocis for- 
sam syllabam nusquam alibi inveni. 

Haec omnia quae de synaloepha dixi si diligenter consi- 

55) Sic emendandum esse per collogquium me docuit Birtius. coniec- 
tura Melzeri forsan rude non probabilis est (p. 34). 

56) Hune locum iam vidit Schuchardtius, der Vokalismus des Vul- 


gärlateins I p. 117. 
δ) Proleg. Vergil. p. 420 et ann. Fleck. 57 p. 188. 


354 Aemilius Ackermann, 


deraveris, fortasse concedes Herculis Oetaei poetam eodem 
modo, quo Senecam, elisionibus usum esse. 

Eundem non aliter ac Senecam caesuris usum esse expo- 
suerunt Schmidtius (l. s. p. 55 sq.) et Richterus (ἃ, 8. tr. a. 
p. 16). in caesurae loco hiatum facilius ferri mihi probavit 
R. Klotzius (Grundzüge altrömischer Metrik a. 1890 p. 172). 
quem virum doctissimum recte defendisse puto tradıtam lec- 
tionem in versibus his: 

Hf. 1284: pavidamque matrem? arma nisi dantur mihi, 

Thy. 302: prece commovebo: hinc vetus regni furor, 

HO 1201: sortis carerem. ὁ ferae, victae ferae, 

Oct. 516: tristes Philippi, hausit et Siculum mare, 
praesertim cum hiatus semper littera ὦ vel m molliatur. 
Klotzium secutus est Gleditschius (Metrik der Griechen und 
Römer? p. 287 adn. 2), contra impugnaverunt L. Muellerus 
(de re metrica? p. 185) et Birtius (Mus. Rhen. 34 p. 12). 
Thyestis locus est hie (296): 

gnatis tamen mandata quae patruo ferant 

dabimus: relietis exul hospitiis vagus 

regno ut miserias mutet atque Argos regat 

ex parte dominus. si nimis durus preces 

spernet Thyestes, liberos eius rudes 

malisque fessos gravibus et faciles capi 

prece commovebo°®): hinc vetus regni furor 6. 6. 8. 
haec Atrei verba sunt. Muellerus et Birtius singularem nu- 
merum commovebo, cum non Atreus ipse, sed eius filii ii sint, 
qui Thyestis liberos commoveant, non apte positum esse dixe- 
runt. sed olim legi haec: Caesar castra poswit. at constat 
Caesarem non ipsum castra posuisse. ut Caesar castra poni, ita 
Atreus liberos Thyestis commoveri iussit. sensus igitur satis 
aptus est. | 

HO 1200: ubique mors me fugit, ut leto inclitae 

sortis??) carerem. ὁ ferae, vietae ferae. 
editio princeps habet pro ferae, victae ferae. hanc coniecturam, 
tametsi mihi magis placet ea, quam Birtius proposuit (ubique 


58) Precommovebunt A; preces movebunt editio Ald.; pueri movebunt 
Bentleius; prece commovebunt L. Muellerus. 

89) Sic cum Leone pro tradito verbo mortis legi velim ; fortis prae- 
bet A. 


νὰ ἀρ ας 


| 
4 
= A 
| 
a 
ἢ 


De Senecae Hercule Oetaeo. 355 


mors me fugit. ut titulo inclitae mortis carerem, ceterae victae 
ferae) °°), tamen cum hiatus et a caesura et a littera m 58.015 
excusationis habeat, accipere nolim. 

In Hercule furente Hercules facinus voluntaria morte 
expiaturus est; dicit enim (v. 1277): 

Si vivo, feci scelera; si morior, tuli. 

purgare terras propero. iamdudum mihi 

monstrum impium saevumque et immite ac ferum 

oberrat: agedum dextra, conare aggredi 

ingens opus, labore bis seno amplius. 

ignava cessas, fortis in pueros modo 

pavidamque matrem ? arma nisi dantur mihi 6. 6. 8. 
pro pavidamgque matrem legimus in A pavidasque matres, quae 
verba ab editoribus in textum recepta sunt. sed sine dubio 
Etruscus, ut solet, lectionem meliorem praebet, nam verbis: 
fortis in pueros modo pavidamgque matrem Hercules aperte allu- 
dit ad scelus, quod commodum in se suscepit. qui cum unam 
matrem necaverit, dicere non potest pavidasque matres. itaque 


 etiam hoc loco hiatus admittendus est. eandem licentiam de- 


prehendimus in Octavia (v. 516), ad quem versum viri docti 
nihil quod persuadeat coniecerunt. 

Accedit Herculis Oetaei locus hie (1399): 

HERC.: ubi morbus, ubinam est? estne adhuc aliquid mali 
in orbe mecum ? veniat, huc aliquis mihi 
intendat arcus: nuda sufficiet manus. 
procedat agedum. ALCM. Ei mihi 6. q. s. 

sic versus 1402 et in E et in A traditus est. itaque etiam hoc 
loco hiatus exstat, nam coniectura Avantii, qui huc post age- 
dum inferre voluit, vacillat et claudicat. superest locus unus, 
qui vulgo sic legitur 
ΗΟ 1260: quaecumqgue pestis sive quaecumque es fera, 
palam timere! quis tibi in medias locum 
fecit medullas ? ecce direpta cute 
viscera manus detexit; ulterior tamen 
inventa latebra est — o malum simile Herculi! 
unde iste fletus? unde in has lacrimae genas? 


60) Birtio oblocutus est Tachavus, Philol. 48 p. 750. nuperrime Birtius 
editionem prineipem secutus esse videtur (cf. Philol. 63 fasc. 3 p. 431). 


Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 24 


956 Aemilius Ackermann, 


invictus olim voltus et numquam malis 
lacrimas suis praebere consuetus (pudet) 
iam flere didicit. 
sed Etruscus praebet v. 1265: unde has lacrimas dan quam 
ob rem hoc modo legendum est (1265): 
unde iste fletus? unde has lacrimas gerit 
invictus olim voltus et numquam malis 
lacrimas suis praebere consuetus? pudet: 
iam flere didiecit 51). 
hiatus vero, quem in versu 1265 deprehendimus, semiseptena- 
ria°?) et h littera vocis has tolerabile fit. sexies igitur his in fa- 
bulis admissus est hiatus, cui semper et a caesura et a littera 
h vel m excusatio parata est. praeterea Birtius mihi probavit 
(der Hiat bei Plautus p. 97 sq.) apud Terentianum Maurum 
aliosque poetas hiatum non solum in caesurae sede, sed etiam 
aliis versus locis ἢ littera molliri. itaque inter Herculem 
Oetaeum ceterasque fabulas huius rei differentia non invenitur. 
Pessimum vero esse versum HO 1298: votum spopondit; 
nulla propter me sacro dixit Leo (I p. 60). desideravit enim 
semiseptenariam qua, ut eiusmodi trimeter asperior leniatur, 
effici putavit. hanc ob rem placuerunt viro doctissimo versus. 
HO 299: pro me gerebas bella, propter me vagas, 
Phoen. 336: superate et aliquid facite propter quod patrem. 
praeterea autem comparandi sunt senarü hi: 
Troad.500: quis proteget? qui semper, etiam nune tuos, 
Phoen. 35: cum occidis et cum pareis, olim iam tuum, 
176: eduxit oculos. haeret etiam nune mihi, 
Med. 278:. lacerumque fratrem, quiequid etiam nunc novas, 
520: fortuna semper omnis infra me stetit, 
567: quicquid potest Medea, quiequid non potest, 
Oed. 618: Pentheus tenetque saevus etiam nunc minas, 
γα. 197: patrique Orestes similis? horum te mala, 
ΗΟ 724: vix ora solvi patitur etiam nunc timor. 
atque in versibus Phoen. 176, Med. 278, HO 1298 non so- 
lum caesura semiquinaria inest, sed post quartam arsin (Sen- 
kung) etiam incisio (1. 6. semiseptenaria) exstat. his autem 


61, Sie interpungendum et E sequendum esse mihi persuasit Birtius. 
62) In versu 1265 semiquinariam maiorem vim habere concedo, 


De Senecae Hercule Oetaeo. 357 


trimetris, cum ehiam cum nunc et propter cum me in unam 
quasi vocem coeat, excusatio satis superque parata est‘®). 
Perpauca porro de interpunctione dicenda sunt. Leo vidit 
(I p. 59) HO 9097 post arsin (Senkung) anapaesti primum 
trimetri pedem obtinentis levem interpunctionem positam esse. 
quod cum idem Hf. 514, Med. 426, Oed. 927 inveniamus, a 
Senecae arte non alienum est. 
ΗΟ 465: quas Pontus herbas generat aut quas Thessala 
sub rupe Pindus aluit (sie E): ubi inveniam malum 
cui cedat ille? | 
versus 466 sine dubio corruptus est: interpolati codices prae- 
bent Pindus aut ubi, ' quod nihili est. Peiperus editor pro 
alwit seribi voluit alt. hanc coniecturam si accipimus post 
solutam tertiam thesin (Hebung) gravem exstare interpunctio- 
nem nobis concedendum est. quod cum Birtio non tolerabile 
videretur, coniecit (p. 537): Pindus: tale ubi 6. q. 5. ego Pei- 
perum sequi malim, nam vidi Agamemnonis versum (969): 

EL. Tuto quietus, regna non metuens nova: 

iustae parenti satis OLYT. at iratae parum. 
Post primam thesin solutam interpunctio gravis invenitur 
Thy. 39; levis Hf. 504, Troad. 607, Med. 447, Phaed. 1180, 
Aga. 660, Thy. 1089, Oct. 146. 
HO 981 vulgo legitur: 
et quiequid aliud restitit: ab illis tamen. 

post priorem moram quartae thesis solutae interpunctio exstat 
gravis. talem trimetrum sane pessimum neque alibi in Hercule 
ÖOetaeo neque in reliquis fabulis inveni. atque cum in Floren- 
tino pro restitıt tradıtum sit cessit, in propatulo est versum a 
poeta aliter scriptum esse. Leo tunc cum hunc locum tractavit, 
de virorum doctorum coniecturis iudicavit (Ip. 59): gwidquwid 
tentatum est, pingwi Minerva tentatum est. nosse enim non 
potuit Birtii qui cessit imbellis scite coniecit emendationem, 
de qua Tachavus dixit (Philol. 48 p. 746): die endliche Hei- 
lung der mit vielen Konjekturen beglückten Stelle. 

Ante ultimum senarii pedem levem interpunctionem cre- 


63) Itaque paulo maiorem quam Seneca licentiam sibi concessit Au- 
sonius, quem exempli causa affero, in hoc senario (epigr. 48): 
cor ergo versus, immo Rufus non habet. 
24 * 


398 Aemilius Ackermann, 


brius invenire possumus, gravem tantum ἢ. 373, Troad. 1000, 
1005, Phoen. 205, 234, Med. 125, Phaed. 425, Oed. 697, 698, 
Ag. 52, 701000, 1006, 1016, (fortasse v. 1267 cf. p. 356), 1806. 

Et quoniam omnia perseguimur, volumus quidem certe, 
etiam de accentu verborum cum numerorum rationibus exae- 
quando dicendum est°*). quae res quomodo apud veteres Ro- 
manos se habuerit nos docuit Osc. Brugmannus (Quemadmo- 
dum in iambico senario Romani veteres verborum cum numeris 
consociarint), qui in tertio pede, inquit (p. 52), ὁ. 6. in medio 
versu verborum accentus et ictus rhythmici semper concimerent 
oportuit, in altero et quarto, tertio proximis, sola fere vambica 
verba ceteris quodammodo leviora admiıssa erant, primo loco 
et ultimis, qui mazxime distant a tertio, ommi modo verborum 
accentum neglegere licwit. Seneca, quem Brugmannus non ex- 
cussit, hanc legem ipse quoque in omnibus fabulis secutus 


est; conferas locos in tabula adiecta conscriptos **). 


Verborum accentus cum numeris non concinentes. 


fabu- 


δ in altero pede 


12, 103, 310, 332, 359, 382, 
395, 434, 440, 446, 492, 513, 
Herc. | 644, 818, 939, 975, 1046, 
fur, | 1049, 1149, 1138, 1156, 1176, 
1191, 1193, 1194, 1208, 1257, 
1267, 1276, 1282, 1303, 1305. 

(32 ex.). 


12, 35, 61, 196, 207, 210, 

261, 291, 307, 334, 336, 369, 

417, 426, 438, 451, 498, 508, 

513, 515, 516, 547,587, 618, 

Troa- | 626, 654, 676, 697, 702, 736, 
des | 741, 760, 861, 882, 904, 911, 
961, 1003, 1057, 1087, 1129. 

(41 ex.). 


in quarto pede 


1, 35, 46, 230, 258, 264, 298, 313, 329, 
340, 349, 354, 371, 406, 412, 426, 427, 
498, 448, 473, 474, 488, 603, 605, 614, 
628, 633, 634, 645, 656, 690, 707, 723, 
927, 960, 996, 1027, 1081, 1150, 1151, 
1157, 1161, 1172, 1173, 1175, 1177, 1220, 
1232, 1234, 1272, 1273, 1275, 1288, 1292, 
1294, 1309, 1321, 1828, 941; (59 ex.). 


2, 23, 31, 46, 56, 167, 208, 209, 232, 
242, 248, 279, 300, 315, 318, 334, 347, 
350, 360, 365, 413, 414, 419, 429, 457, 
466, 474, 476, 482, 496, 490, 499, 522, 
546, 548, 574, 577, 592, 595, 598, 601, 
610, 646, 655, 661, 690, 694, 737, 740, 
746, 749, 758, 763, 766, 777, 773, 786, 
788, 792, 803, 869, 881, 895, 913, 916, 
972, 977, 979, 992, 993, 1005, 1008, 1058, 
1059, 1072, 1090, 1095, 1109, 1110, 1135, 
1138, 1143, 1144, 1152, 1157, 1162, 1168; 
(87.0x.), ; 


64) Perpauca hac de re disseruerunt Schmidtius (l. s. p. 41 sq.) et 


Richterus (de S. tr. a. p. 18 sq.). 


**) neglexit bis in quarto pede: R 
Oed. 766: superi inferique, sed animus contra Innocens, 
Thy. 415: fulgore non est quod oculos falso auferat. 


a Ve a το 


De Senecae Hercule Oetaeo. 


399 


fabu- 
lae 


Phoe- 
nissae 


Medea 


Phae- 
dra 


Oedi- 
pus 


Aga- 
mem- 
non 


Thye- 
stes 


 Hercu- 


les 
Oe- 
taeus 


in altero pede 


32, 40, 49, 104, 105, 117, 
134, 158, 166, 182, 201, 204, 
211, 219, 226, 235, 258, 308, 
312, 323, 337, 344, 366, 386, 
392, 400, 451, 469, 478, 500, 
509, 525, 532, 604, 612, 628, 
633, 634; (38 ex.). 


3, 21, 155, 161, 163, 167, 
176, 180, 200, 207, 234, 245, 
271, 280, 288, 406, 441, 442, 
491, 539, 545, 564, 567, 676, 
681, 692, 911, 912, 935, 949, 
1017; (31ex.). 


100, 115, 136, 139, 155, 215, 

266, 380, 381, 388, 425, 584, 

607, 637, 657, 663, 682, 690, 

709, 998, 1012, 1039, 1166, 

1231, 1235, 1240, 1267; 
(27 ex.). 


29, 249, 266, 294, 296, 328, 

330, 334, 373, 398, 511, 526, 

663, 672, 776, 781, 790, 792, 
824; (19 ex.). 


415, 524, 697, 724, 726, 787, 
791,802, 991, 1011; (10ex.). 


13, 39, 42, 176, 210, 243, 
263, 287, 296, 406, 407, 416, 
418, 442, 454, 462, 484, 485, 
489, 497, 508, 523, 526, 682, 
717, 720, 723, 890, 893, 896, 
898, 970, 973, 975, 991, 992, 
1029, 1031, 1035, 1052,1075, 
1082, 1084; (43 ex.). 


34, 35, 54, 58, 79, 99, 258, 
263, 272, 278, 294, 350, 404, 
405, 535, 560, 739, 743, 747, 
752, 769, 811, 820, 825, 886, 
899, 910, 911, 924, 945, 961, 


je ee ee TE TE 


in quarto pede 


11, 28, 26, 28, 30, 39,51, 66, 71, 73, 
79, 149,158, 163, 180, 190, 191, 195, 
199, 202, 206, 233, 248, 27), 284, 289, 
294, 300, 305, 357, 442, 447, 476, 477, 
506, 507, 518, 535, 548, 552, 555, 597, 
899, 563, 582, 599, 615, 645; (48 ex.). 


19, 53, 126, 140, 141, 160, 168, 169, 186, 
218, 221, 233, 240, 242, 245, 246, 260, 
262, 281, 380, 436, 437, 453, 458, 474, 
479, 483, 485, 488, 497, 536, 543, 574, 
726, 728, 735, 881, 886, 901, 908, 915, 
932, 971, 1006, 1010; (45 ex.). 


92, 112, 119, 167, 178, 207, 
365, 404, 412, 423, 441, 448, 
454, 479, 497, 498, 508, 519, 546, 618, 
647, 656, 678, 683, 686, 690, 699, 847, 
859, 868, 876, 892, 924, 930, 948, 1020, 
1051, 1062, 1084, 1087, 1089, 1121, 1173, 
1176, 1226, 1242, 1250; (51 ex.). 


251, 
452, 


358, 
458, 


15, 26, 68, 81, 263, 297, 347, 387, 390. 

512, 518, 527, 550, 579, 614, 631, 632, 

636, 655, 664, 666, 667, 673, 694, 695, 

700, 766, 767, 770, 787, 795, 798, 814, 

849, 864, 872, 940, 948, 953, 999, 1008, 
1012, 1031, 1034; (44 ex.). 


5,9, 35, 47, 49, 112, 113, 124, 131, 142, 
145, 149, 151, 154, 188, 198, 199, 206, 
218, 242, 246,272, 2380, 265, 286, 297, 
301, 304, 8985, 4055, 4075, 414, 452, 481, 
489, 555, 575, 587, 695, 699, 735, 742, 
747, 799, 886, 931, 961; (47 ex.). 


9, 19, 29, 37, 62, 86, 88, 106, 116, 200, 
218, 219, 241, 244, 252, 254, 278, 279, 
280, 286, 294, 299, 302, 304, 313, 314, 
335, 410, 415, 417, 428, 430, 444, 481, 
482, 483, 496, 499, 541, 625, 628, 629, 
631, 634, 667, 677, 684, 687, 690, 713, 
716, 719, 731, 749, 769, 782, 897, 899, 
919, 973, 1001, 1036, 1088, 1092, 1096, 
1099; (66 ex.). 


7, 10, 13, 30, 43, 52, 56, 64, 98, 
266, 268, 273, 289, 305, 306, 308, 8 
311, 312, 313, 314, 327, 331, 334, 
367, 372, 377, 378, 395, 396, 401, 
427, 432, 434, 438, 439, 459, 463, 


900 Aemilius Ackermann, 


fabu- 


es in altero pede in quarto pede 


1139, 1172, 1192,1224,1241, 488, 513, 532, 546, 547, 569, 574, 714, 
1248, 1258, 1268, 1267, 1274, | 750, 756, 760, 761, 804, 807, 823, 842, 
1291,1307,1333,1435, 1488, | 844, 846, 848, 855, 857, 869, 889, 909, 
1491, 1502, 1511, 1678, 1693, | 917, 943, 955, 959, 965, 972, 976, 986, 
| 1697, 1709, 1710, 1721,1723, | 991, 994, 1020, 1027, 1028, 1134, 1165, 
Hercu- | 1726, 1748, 1786, 1787, 1797, | 1166, 1168, 1183, 1201, 1244, 1264, 1268, 
les 1805, 1825, 1830, 1836, 1855, | 1290, 1295, 1296, 1302, 1309, 1328, 1325, 
Oe- 1859, 1975; (68ex.). 1328, 1336, 1349, 1372, 1376, 1380, 1389, 
taeus 1406, 1408, 1402, 1415, 1419, 1434, 1436, 
1444, 1457, 1462, 1469, 1485, 1613, 1629, 

1646, 1650, 1698, 1716, 1719, 1722, 1739, 
1745, 1760, 1774, 1778, 1781, 1782, 1802, 
1803, 1809, 1814, 1822, 1827, 1845; 

(186 ex.). 


Cum illa regula a Brugmanno constituta non diserepat, 
quod nescio verbum in tertio pede accentum rhythmicum ter 
in media syllaba habet cf. 

HO 752: urit lues nescio qua; qui domuit feras, 

Phaed. 1019: provolvitur: nescio quid onerato sinu, 

Oed. 334: pudet deos nescio quid. huc propere admove. 
verba nescio quid vel nescio qua tamquam unam vocem effi- 
ciunt. neque hac re tragoedias inter se differre neque multi- 
tudine locorum, ubi verborum accentus ictui rhythmico repu- 
gnat, ex tabula illa apparet, cum senarios singularum fabula- 
rum numerans Herculem Oetaeum penitus cum reliquis An- 
naeanis congruere videas. iam Richterus hune numerum inüt 
— non semper subtiliter executus (d. S. tr. a. p. 16). 

Seneca, qui aut secundo aut quarto pedi creberrime vocem 
ita immisit, ut praeter linguae consuetudinem acueretur, simul et 
in secundo et in quarto pede eiusdem versus verborum accentus 
a numeris abhorrere noluit. cuius rei perpauca exempla exstare 
videntur: 

Troad. 334: quod non vetät lex, hoc vetät fieri pudor, 

Phoen. 158: totus nocens sum; qua voles mortem exige, 

Med. 245: hoc est penes te. si placet damna ream, 

Thy. 973: satias dapis me nec minüs Bacchi tenet. 
et in secundo et in tertio trimetri pede verborum accentus 
neglecti sunt bis: 

Oed. 334: pudet deös nescio quid. huc propere admove, 


De Senecae Hercule Oetaeo. 361 


HO 752: urit lues nescio qua; qui domuit feras. 
ex quibus locis discimus Romanos pronuntiasse re vera penes 
te et nocens sum. item uni trium syllabarum voci respondent 
verba nön vetat et nec minus. de versibus Oed. 334 et HO 
752 p. 360 dixi. 

Vocabula proceleusmatici vel paeonis quarti mensurä com- 
prehensa cum Romani temporibus Plautinis in prima syllaba, 
postea autem in secunda acuerint‘°), mihi examinandum est, 
utrum Herculis Oetaei scriptor eodem modo quo Seneca talia 
quadrisyllaba ietu percusserit necne. inveniuntur autem haec 
verba in trimetri initio et exitu et medio in senario iambico. 
si in initio exstant, semper in secunda syllaba accentum habent, 
si in fine leguntur, semper in prima acuta sunt. ergo is 
poeta, qui tales voces in versus initio rarius quam in fine po- 
suit, in prima syllaba eas acuere maluit; contra is, qui sae- 
pius in initio eas posuit, secundam acuere solebat. cum medio 
in senario haec verba modo in prima modo in secunda syllaba ac- 
centum habeant, nobis numerandum erit, utrum acuendi genus cre- 
brius usurpatum sit. exstant autem eius modi vocabula in initio un- 
decies (Med. 53, 172, 272, 433, 490, 556, Phaed. 619, Oed. 278, 
Agam. 14, 194, 283), in fine quinquies (ΠῚ. 408, Med. 266, 
268, 471, Oed. 847). medio in trimetro acuit poeta has voces 
in Hf. in prima syllaba bis (757, 1183), in secunda semel 
(1050); in Troad. quater (195, 607, 752, 757) — ter (329, 330, 
429); in Phoen. quinquies (61, 108, 242, 331, 533) — ter (88, 
105, 240); in Med. quinquies (253, 499, 559, 561, 925) — bis 
(249, 450); in Phaed. septies (161, 240, 242, 732, 937, 1082, 
1186) — quater (732, 1002, 1230, 1247); in Oed. quinquies (35, 
515, 821, 879, 1030) — quinquies (240, 245, 768, 937, 1021); 
in Ag. septies (7, 25, 115, 165, 169, 449, 929) — ter (145, 288, 
403°) ; in Thy. semel (641) — ter (298, 307, 897), in HO octies 
(433, 754, 877, 953, 1467, 1756, 1823, 1829) — ter (361, 432, 
1305). Hercules Oetaeus igitur melius quam Thyestes cum 
religuarum usu convenit. sed mirum est, quod poeta haec 
quadrisyllaba verba saepius in initio (quo loco accentus in se- 


65) Of. W. M. Lindsay, über die Versbetonung von Wörtern wie 
facilius in der Dichtung der Republik, Philol. 51 [1892] p. 364 sq. 
et Fr. Stolz, Lateinische Grammatik? p. 101. | 


362 Aemilius Ackermann, 


cunda syllaba haeret) quam in fine posuit, contra medio in 
senario primam syllabam erebrius acuit. quin etiam semel (in 
Thyeste) medio in trimetro secundam acuere maluit. atque in 
Oed. quinquies prima, quinquies secunda accentum habet. hac ex 
re sine dubio concludi potest Senecae temporibus genus acuendi 
anceps et incertum fuisse. fortasse autem cum hae voces, si 
omnia exempla computamus, undequinquagies in prima, unde- 
quadragies tantum in secunda syllaba acutae sint, etiam tunc 
prius ıllud acuendi genus, quod postea desiit esse, magis quam 
alterum floruit. hoc non ab omni probabilitate abhorrere ap- 
paret ex usu Phaedri, qui paulo ante Senecam seripsit. hie in 
initio senarii tale quadrisyllabum verbum nusquam posuit, con- 
tra in fine undenonagies (1 pr. 5; 5, 1; 17,1; 19, 8; 20, 4; 22, 
6; 24,9; 25, 1; 27,5; 28,1; 29,5; 30,9; I pr. 10; pr. 15; 2, 
8; 3,2; 4,2; 4,3; 4,5; 6,2; 7,13; 8,1; 8,26; III pr. 23; 
pr. 25; pr. 44; 1,6; 2,17; 3,6; 5, 6; 7, 22; 10,14; 10, 24; 
10, 30; 10, 32; 10, 34; 11,4; 14,10; 15, 16; 16,6; 17, 8; 
18, 2; 19, 1; ep. 3; ep. 5; ep. 15; ep. 35; IV pr. 1; pr. 19; 
1,8; 2,4; 5, 215 7, 265: 11, 4;)11, 1657 1, τ τ τσ. 
19, 5; 20,.16;.21, 3; 22,3; 22, 7; 22, 10; (22 meer: 
25, 19; ep. 2; ep. 10; V 4,10; 4,11: 5,34; 7,23; App. 2,10; 
3, 11; 3, 1354, 28; 5,656, 4; 10, 15; 13, II IB 2 πὸ 
16, 7; 17,5; 26, 5; 27, 3; 28, 8; 29, 9). medio in versu δου 
haec verba Phaedrus in prima syllaba quaterdecies (11,2; 19,4; 
19, 10; 20, 6; 26,6; II 3,1; 10, 21; IV 5,36; 7,16; 1179; 
Υ 4,8; App. 3,1; 13, 15; 16, 6), in secunda vicies quinquies 
(I pr.7; 31,13; Ipr.9; ‚1,12; 3,5; 8,7, ΠΕ τ στο. 
10, 8; 13, 8; ep. 14°); ep. 26; IV 2,15; 6,5; 24,13; 25, 2; 
25, 12; .V pr. 5; 4,12; App. 8,28; 10, 7, 1,8718, 2723735 
29, 10). apud Phaedrum centies ter prima syllaba, quinquies 
et vicies secunda acuta est. quam ob rem versimile videtur 
Romanos etiam Phaedri ac Seneae temporibus voces quibus 
mensura proceleusmatici vel paeonis quarti erat, in prima syl- 
laba acuere maluisse quam in secunda. 

In Herculis Oetaei cantieis synaloepham longarum voca- 
lium magis etiam quam in reliquis vitatam esse ea docere, 


66) Versus III epil. 14, in quo celerius legimus, fortasse spurius est. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 363 


quae Schmidtius (p. 25 sq.) composuerit, dixit Leo (1. p. 60). 
sed hoc omnino verum non est, nam differentia nulla exstat 
nisi haec: ‚longa vocalis cum brevi copulata his in tragoediis 
semel tantum invenitur (HO 1956 certe ego)’. Senecam cum 
in metris Iyricis etiam lenissimo atque usitatissimo genere 
coniungendarum vocalium abstineret, hoc loco semel licentiam 
sibi permisisse concedendum est. esto ıgıtur hoc singulare, 
sed etiam in ceteris tragoediis nonnulla aeque singularia in- 
veniuntur; vide Troad. 191, Thy. 233, Phoen. 426, Ag. 146 
(cf. Schmidt p. 12 sq.). 

R. Bentleius (opuscula philologica, Lipsiae a. 1781 p. 232 et 
p. 228/229) argumentum esse voluit, quod nonnumgquam in 
Hercule Oetaeo anapaesticum versum tribracho terminari vidit. 
at si nunc viveret, hoc non proferret. sciret enim Agamemno- 
nem fabulam, quam eodem vitio 57) laborare ipse deprehendit, 
a Seneca scriptam esse. 

Goebelius (l. 5. p. 740) aegre tulit, quod ΠῸ 1060 phe- 
recrateus versibus glyconeis insertus est. si non satis consta- 
ret hunc versum delendum esse, afferrem Phaedrae locum (v. 783), 
quo versus glyconeus intra systema asclepiadeum exstat‘?). 

In anapaestum terna vocabula perraro admissa sunt 59), 
ΗΟ 173 (at ego infelix), 186 (vel in Eridani), 191 (vel in 
Edonas), Thy. 827 (guidguid id est), 963 (quidgquid id est), Hf. 
1090 (sed ut ingentr) 75), Med. 815 (atque eadem est). differentia 
igitur quae Richterum offendit (de. S. tr. a. p. 23) non adest. 

In anapaesticis versibus verbum dactylicum in secunda 
syllaba acutum voci anapaesticae anteponere boni poetae no- 
luerunt. haec lex bis in HO (186 fingite superi, 1883 Arca- 
des obitus), semel in Hf. (1064 solvite superi) frangitur (cf. 
Leo I p. 60). 

HO 151: nullis vulneribus pervia membra sunt, asclepia- 
deum versum monosyllabo terminatum vituperavit Leo (I p. 60). 
sed legas Horatii versus (c. IV 13, 1 et 6): 


#7) Hanc rem re vera vitium esse, cum ultima syllaba versus ana- 
paestici apud Senecam anceps sit, credere non possum. 

68) Corruptus versus 1080 Goebelio non vituperandus erat; accedit 
quod in E integer glyconeus traditus est. 

69%) Exempla haec praeter quod in Medea exstat iam vidit Schmid- 
tius (l. s. p. 68). 

10). Hic locus non emendandus est. 


964 Aemilius Ackermann, 


andwere, Lyce, di mea vota, di 
et lentum sollicitas: ille virentis et. 


praeterea simile vitium in Thyeste invenitur. Seneca enim 
vitare studebat, ne versum anapaesticum monosyllabo clauderet. 
quod sibi concessit semel in Aga. (v. 78) et quater in Thy. 
(827, 883, 963, 968). si vero in anapaesti fine monosyllabum 
posuit, semper aliud monosyllabum antecedens fecit. bisyllabum 
autem antecedit semel in 7. 968. ceterum illud argumen- 
tum leve esse Leo cum priorem Herculis Oetaei partem genui- 
nam putaret, ipse confessus est (I p. 70). 

Birtius iure aegre tulit (l. 5. p. 516) locum hunc HO 198: 
sıbi Tantalis est facta superstes, quo in versu anapaestico vox 
dactylica in prima syllaba acuta (Tantalis) exstat. quamquam 
hoc apud Senecam sane nusquam alıbi inveni, tamen non ab 
omni arte metrica alienum esse cognosces, si videris Terentiani 


Mauri versus hos (G. L. ed. K. VI p. 379): 


atque ille poeta Faliscus 
cum ludiera carmina pangit 
‚uva uva sum et uva Falerna 
et ter feror et quater anno’ 
libro quoque dixit eodem 
undae unde colonus eoae 

a flumine venit Oronti. 


itaque non solum Terentianus ipse bis in eodem versu (ludiera 
carmina) verbum dactylicum posuit in prima syllaba acutum, 
sed etiam Faliscus ille poeta, quem Annianum esse Lachmannus 
nos docuit (ad Terent. Maur. p. XII), similiter peccavit (Au- 
mine). praeterea conferas versus hos: 


fuge moenia iam Telamoniade, 
date Pierides mihi carmina doctiloquorum, 
sua munera fert Venus alma rosas iuveni Cinyreidae, 
date vina mihi, date serta, iuvat dare tempora tota Lyaeo. 
haec exempla inveni apud Servium (G. L..ed. K. IV p. 462). 
concedo autem versus a me allatos paulo diversos esse ab Her- 
culis Oetaei loco, quo, si prorsus singularis esset, cum etiam 


Verba, in quibus mutae cum liquida copulatio modo positionem facit, modo non facit (ef. p. 365). 


—— En a 
'ragoe- ; e- \ E i - ἢ 
Den) ager | Atreus Atridas En Cyclas | duplex | fibra |flagrare| hydra | latebra | lugzbris | nögrare pater petra |pharetra| pxter retro sacer | stzaprum supra ae tenebrae| ter | zterque | volzcer 
> Prseee BEIBEHBEREBEE "erregen aeg 
934 1007 716 507 46 1335| 990] 626 689 805 51 1234| 993 
222 1009 488 δ 280 ἦν εἰ zn 750 1209 
1012 446 888 678 617 668 FE 
Hercules 458 440 817 713 940 
furens 398 988 825 898 
966 1022 941 1246 
1002 1310 
ν 1315 
341 596 [1116 1065 889 | 342 644 893 
Troades 
180 180 547 55 3 192 126| 507 
562 121 36 841 277 EN δ 1 
636 301 49 461 
os δ 90 489 
Ρ oen1s- 617 95 
880 961 
333 
336 
496 
I 
DET oT VoRREEET Tome VOREREEERET Ἠ δ τ δ ΤΡ Ὃς Πς ,ὋἝῚπ ὋἝτἪἝἋἊἋἝ}ςὺ } VIE Tome -αιῷὺᾷῷςὧΛΊςπον οι Ἕ- τε Toms am ommmmemammeT mm Tom mm a Ta Lese VEEREEE) 0.0.0. KEBEREERE) VEEEE 
701 250 24,118 710 6 
685 132,209 : 299 
Ι 211,44] 577 
Medea 912,950 880 
957,982 770 
913 
m En | 
529,1051 1021 93 990 171 947 11023 896 93 107| 424] 97| 160,560 | 935 940] 94] 679 
Phaedra | 1057,1105 1262 676 499] 684 689 11158 1273 
1278 726 
357 608] 362] 553 18, 54,635 534 367 849] 802) 322 664 999) 820 1086 361 
377 998) 866,951 576 864] 806) 397 592 680 
391 998 896] 876 > 
: 1043 851 10 
Oedipus 379 
384 
522 
. 822 
513 1275 729 | 807 922] 756 34,35 28] 468 217 514. 84,289] 177| 155/1009 493| 472] 3 
Agamem- 292 537 512 488] 721 127 
non 4108 941 714 
985 } 198 
le τ 8}. ᾽.᾽ ee li 2 en Se ἡ er τ {μευ ee ee ee ee ee re | | ae 11 re ἢ πα en re ee ee | EEE ΕΕΘΘΙΕ Ve BE Eee Eee ἘΞ EEE ΚΕΝῸΣ 
182 | 180,271 757 98 41 887 115 93| 407| 46 655 786 709 
231,412 1064 288. 890 419 695 222 1016 897 743 
Thyestes 513,683 310 976 459 981 1019 994 1088 
704,712 979 776 1008 
737 1094 
er) | er ee 11 τ Θ᾽. 5 ee] Be RR A τ κ᾿ | are 5  πῸ 1E rer rrae fer ΣῈ ΞΞ ΘΕ ER RE N = EEE Er Een u ἘΞ 5 ἢ 
: 803 9471138611005] 19) 914 1264 938 31 804 187 49| 1347]1634| 957 367 349 11488 oo 1425 118 
122116621868] 94 1406 988 1720 1298 ᾿ un an 
5 1277 284 1408 1142 
ΗΟ 918 1798 1246 
1194 1808 
1292 1426 
1860 1785 
1650 
"1 ἡ τ ΩΓ 0} 9} ||. Ὁ} ΡΠ | > 21] Bere Beer 1- Ne Bee ern ee ee ae Bee Le 2 
412 
50 102 513 416| 156 132 : 
182 249 559| 230 u 
444 387 
Octavia 487 489 
510 606 
586 746 
| 641 756 
| 
mm s}s}--„_o_coma er m NN NN een 


»π σα ασ νι σα ug ae er RU ENDETE DENE GE AA GENE EEE TERN 


ΕΓ: 


= -. ΕΣ καῇ ΤΡ I» t 22 
> a ὩΣ: 2: 3 


3= ΓΝ mine ἫΝ σαν τὰκ νους ee ge un nn a en Dermannı m a u en ee αν ne en “- Ὁ nn ee rt Ὡν “» -"ν ee συμ» οὐ ae rm ar rn Tee ee ee, rn 
᾿ E στὰ Ἂν 
= 3 
De 7 
ET ETUI u een I a aa a a ee a N NE) ET Te AR er RT waren nn ne EZ 
4 Pe 
- 
ur 
E wi 
Υ --- 
-, στον - vu nen e-. er -- = nn - --- nn ae ἢ... ee De 
u TEE RE ET TEE EEE ET A ΘΟ ER RE EEE TER Arten en re σ᾽ 
e m“ nenn innen en erinnere 
. Ei 
. Σ ξ: » 
᾿ ἱ ξ ii 
| | 8 
u % 
+ Ἕ A 


De Senecae Hercule Oetaeo. 365 


in ceteris fabulis haec vel illa a communi usu abhorreant (cf. 
Leo. I p. 71), nihil probaretur”!). 

Breviter, ut ad res prosodiacas transeamus, de syllabarum 
natura brevium ea productione disputandum est quam mutae 
cum liquida coniunctio efficit. qua de re praeclare disseruit 
Schmidtius (l. 5. p. 32 sq... qui fabulas Annaeanas, praeter- 
quam quod verba Hebrus, Oyclas, hydra, fibra correptis sylla- 
bis prioribus non nisi in Herc. Oet. posita essent, omnes inter 
se congruere recte vidit’?). de mensura nominis Hebri cuius 
syllaba prior semel in HO (v. 19) correpta est, in reliquis 
autem tragoediis tantummodo in primi vel tertii pedis arsi 
(Senkung) invenitur, omitto quaerere. vocabulorum Cyclas, 
hydra, fibra syllabae priores in ceteris fabulis semper productae 
sunt. quam rem tamen noli putare quantulumcumgque contra 
Herculis Oetaei auctoritatem indicium. nam apud Senecam 
mutae cum liquida copulatio modo positionem facit, modo non 
facit. quod ut demonstrarem verba ad hanc quaestionem per- 
tinentia collegi et conscripsi in adiecta tabula, ex qua, quanta 
sit inter singulas tragoedias differentia, facile cognosci potest. 
vide modo quatenus e. g. in voce patris patrem Medea discordet 
cum Herc. fur. et in voce retro Agam. cum eodem Herc. fur. vel 
ubrumgue producta prima non occurrere nisi in Phoenissis. 
itaque eo, quod verborum Uyclas, hydra, fibra syllabae 
priores nonnumquam in 4/0 corripiuntur, nihil efficitur. quo 
argumento perperam usus est Leo (Ip. 61). 

Contractae perfecti formae velut abit, perit, quas his in 
tragoediis in senario saepius adhibitas, a metris vero lyrieis 
exclusas esse Schmidtius monuit (l. s. p. 10), ter admissae sunt 
in anapaesticis versibus Herculis Oetaei (1865 perit, 1868 pe- 
rit, 1911 abit) et semel in glyconeo (1062 adit). contra dicere 
possum in verbis deesse et deerrare similem contractionem 
fieri, quae crebro in trimetris, semel tantum in cantieis inve- 
nitur Hf. 832 derat hoc solum numero laborum. locos, 
quibus hae contractae formae exstant, collegit Schmidtius 
een 11): 

71) Oeterum moneo eos versus vitio metrico laborantes, quos non 
tetigi, aut correctos esse aut certe emendatione indigere velut 368, 


1176, alios. 
3) Trimetri 5011 ἃ Schmidtio hanc in quastionem vocati sunt. 


366 Aemilius Ackermann, 


Richterus aegre tulit (de S. tr. a. p. 15) quod HO 1095 
quattuor bisyllabum est. at situnc vidisset locos, quos Geor- 
ges (s. v. quattuor) attulit, et verba legisset, quae Fr. Stol- 
zius fecit (Lateinische Grammatik ὃ p. 33/34), fortasse hoc ar- 
gumento non usus esset. praeterea iam Schmidtius (p. 13) de- 
prehendit in Agamemnone u vocalem vocis suapte ad consonan- 
tem depressam esse v. 250. atque in Ovidii quae feruntur 
Halieuticis milvus bisyllabum effieit v. 95. talia igitur Sene- 
cae temporibus”?) non inaudita erant. 

Quae Richterus de nominibus propriis velut Oechalia, 
Electra, Phaedra et de o vocali in ablativo gerundi casu cor- 
repta disputavit, cum Hercules Oetaeus his in rebus penitus 
cum Annaeanis fabulis consentiat, nullius momenti sunt (ef. 
Richter de S. tr. a. p. 15) 72). 

HO 782: hie rupe celsa, multa quam nubes ferit, 

annosa fulgent templa Cenaei Iovis. 

ut stetit ad aras omne votivum pecus 6. 6. 8. 
poeta cum in versu 783 templum commemoret, sequenti au- 
tem arae mentionem faciat, continuationem sermonis inter- 
mittere videtur. hanc ut restitueret, Birtius templum et aram 
hoc loco unum idemque esse nobis probare voluit (Mus. Rhen. 
34 p. 533). sed mihi quidem viri doctissimi sententia non 
placet. nam scriptor non solum aram sed etiam templum in 
illa rupe exstitisse dicit”°). quam ob rem bene res se haberet, 
si legeremus: ‘ut stetit ad aras templi Cenaei lovis omne 
6. 4. 5. et quamquam haec verba (templi Cenaei lovis) re vera 
in versu 784 non scripts videmus, tamen ex antecedente fa- 
cile audire possumus. duae igitur atque inter se diversae res 
sunt templum et ara. itaque huius fabulae poeta, cum 80- 
phocles templum non commemoret (cf. Trach. v. 238 et v. 993), 
ab exemplo suo recessit. nunc vide versus 

ΗΟ 101 sqq.: vos pecus rapite ocius 


18) Placent enim mihi Birtii verba haec: innotwisse Halieutica dixi- 
mus simul atque edita sumt post nonum Plini librum et ante bricesimum 
alterum neque post Vespasiani aetatem neque ante Neroneam (De Halı- 
euticis Ovidio poetae falso adscriptis p. 159). 

14) addere possum Phoen. 558: petendo patriam perdis ? 

75) ex poetae verbis (annosa fulgent) sequitur, ut templum hoc 
loco non τέμενος, sed aedificium sit. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 367 


qua templa pollens ara Cenaei Iovis 
austro timendum spectat Euboicum mare. 
quaeritur quid 5101 velint verba Zempla pollens ara. Birtius 
vertit (p. 533): der Altar vertritt den Tempel. at non solum 
aram sed etiam templum illo loco fuisse iam vidimus. prae- 
terea hanc significationem verbi pollendi nusquam alıbi inve- 
nimus. bis tantum pollere idem est quod valere, wert sein (cf. 
Birt), nam in Agamemnonis versu 805 cuncta pollens dietum 
est pro omnipotens. verba Zempla tollens ara in codicibus de- 
terioribus (A) tradita sensum non praebent. quibus de causis 
hie locus emendandus est. iam anno MDCXVIII Rutgersius 
eoniecit (cf. Variarum lectionum libri VI p. 92) templa tollens 
acta Sophoclem (Trach. v. 237) secutus. sed non recte conie- 
cit, nam vocis aciae, cum esset Graecum verbum ἀχτή, casu 
nominativo Romani non utebantur. itaque fortasse tibi place- 
bit emendatio haec: qua templa tollens ora Cenaei Iovis. ora vox 
sımillima est arae et Zempla tollens in A traditum facile mutari 
poterat in Zempla pollens. conferendi autem sunt versus hi: 
Phaed. 1042: opima cervix arduos tollit toros, 
Stat. Sılv. V 2, 70: sılva comas tollit, 
Hf. 662: Spartana tellus nobile attollit iugum, 
Phoen. 602: hinc nota Baccho Tmolus attollit iuga, 
Ag. 729: geminumque duplices Argos attollit domus. — 
Transeo ad 
ΗΟ 746: regna triumphi, templa Iunonis pete: 
haec tibi patent, delubra praeclusa omnia. 
verba regna triumphi, sequentibus (templa Iunonis) apposita, 
non scite dicta sunt pro regna ubi Iuno triumphat. accedit 
quod hic versus, cum a vocalis verbi regna producta sit, prop- 
ter metrum quoque suspectus est. his de causis Birtii qui 
pigeat triumphi seripsit (p. 538) emendationem accipio; nam 
ceteri viri docti quod coniecerunt, id mihi non probaverunt. 


si vero tradita verba retinere mavis, tibi concedendum est bre- 


vem vocalem ante duas consonantes sequens verbum incohan- 
tes productam esse. poetam autem propter hoc reprehendi no- 
lim, quia exempla huius rei exstant haec: 

Hf. 950: hiemsque gelido frigida spatio refert, 

Phaed. 1026: immugit, omnes undique scopuli adstrepunt. 


908 Aemilius Ackermann, 


praeterea Leo apud Tibullum, Lucanum , Statium, Manilium 
scriptos vidit septem locos huc spectantes (cf. I p. 203 adn. 4). 

Haec omnia cum ita sint, constat rationes metricas et-res 
prosodiacas Herculis Oetaei nusquam cum Senecae usu dis- 
crepare. 

Quo constituto properemus ad ea virorum doctorum ar- 
gumenta consideranda quae ad orthographiam pertinent. talia 
autem argumenta sine dubio levissima sunt, nam fortasse Se- 
neca ipse nunc hoc, nunc illo modo scripsit et quid verisimi- 
lius est quam scribas has rationes arbitrio suo mutavisse ? 
Richterus (d. S. tr. a. p. 27) formam abbreviatam viden pro 
videsne nusquam invenit in his tragoediis 181] HO 1207 vi- 
den ut laudis conscia virtus. sed hic locus, cum in Εἰ tradıtum 
sit videt, non satis certus est. Phoen. 394 legimus in E viden, 
sed etiam hic locus corruptus est. quod tamen sufficit ut de- 
monstretur Richterum hoc argumento uti non debuisse. atque 
cum ipsa forma videsne in Senecae fabulis omnino non exstet, 
nescimus utrum videsne maluerit scribere poeta quam viden 
necne. ac ne dicas formam viden non nisi ad sermonem vul- 
garem pertinere tecum communico Statü locum hune: 

Theb. X, 812: haec erat, haec metuenda manus ferrumque 

quod amens 
ipsa dedi; viden ut iugulo consumpserit ensem ? 

similis forma satin”’®) exstat Oed. 956, contra satisne le- 
simus Phaed. 635. 

Idem Richterus contendit (l. s. p. 27) in sola hac fabula 
bis adiectivorum in is, e formatorum inveniri ablativum, qui 
e pro ὃ adsumsperit (v. 1450 quale (sc. stipite) et 1844 inco- 
lume nato). neque enim vidit Agamemnonis locum 807 (sup- 
plice fibra), neque novit verba haec: Zuweilen haben jedoch 
die Dichter, namentlich Ovidius nach Bequemlichkeit des 
Versmasses den Ablativ auf e zugelassen (cf. Neue- Wagener, 
Lateinische Formenlehre? II p. 54, ubi permulta exempla con- 
gesta sunt). eundem librum (p. 529) si inspexeris dativum Zofo 
pro toti etiam a bonis poetis velut a Propertio et Ovidio non 
evitatum esse primo obtutu cognosces. itaque Senecae quoque 
hoc indulgebimus (cf. Leo I p. 61). 


ΤΡῚ traditum est statim, quod Leo correxit. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 369 


Substantiva domus et colus in Hercule Oetaeo praeter 
Senecae usum plurali numero quartam declinationem sequi di- 
zit Leo (I p. 61). sed domüs quarto casu semel tantum exstat 
v. 1916, nam locus v. 1633, quem vir doctissimus huc rettulit, 
cum in E et in A tradıtum sit nemus et recentiores codices 
domos praebeant, nimis incertus est. domos autem scriptum 
videmus HO 1870. itaque in HO nunc forma domus, nune 
domos usurpata est. ac si Leo recte dixisset substantivum do- 
mus plurali numero apud Senecam nusquam quartam declina- 
tionem sequi, tamen hoc argumentum non esset. Statius enim 
domüs adhibuit Theb. V 97 et IX 798, domos V 107, 149, 
427. sed re vera invenitur domäüs apud Senecam: 

Ag. 729: geminumque duplices Argos attollit domus, 

Hf. 239: post haec adortus nemoris opulenti: domus. 
quo loco altera manus domus in domos mutavit. colos tradi- 
tum est Hf. 559, HO 372, 668 77), colus HO 218, 768, 1084 58). 
modo igitur habemus formam colos, modo colus. velut Statius 
seripsit colus Silv. III 1, 172, Ach. 1 582 et 635, Theb. X 649, 
colos Silv. I 4, 64, Theb. V 150. ac mihi persuasum est Sene- 
cam si saepius in reliquis fabulis quartum casum substantivi 
colus plurali numero adhibuisset, nonnumquam colus seriptu- 
rum fuisse. idem Leo contendit (I p. 61 adn. 9) HO 520 vocem 
tabum usurpatam esse contra usum Senecae, qui tabes prae- 
tulerit. Zabes traditum est: Phoen. 164, Med. 641, Oed. 652, 
HO 528, 716, 738, 1194, Oct. 512, tabum Hf. 785, HO 520, 
786. Statius voce Zabum decies usus est: Theb. VII 765, IX 
19 et (2, X 290, 298, XI 87, 582, XII 283, 567, XII 701; 
formam tabes inveni ter: Theb. II 14, 677, III 129. 

Sequitur scriptura guom. Leoni concedendum est in hac 
fabula sola formae quae est guom certa vestigia comparere: 
v. 987, 596 quum, 607 quem, 610 quom, 301 qum, 209 quin. 
quod argumentum vir doctissimus cum priorem tragoediae par- 
tem, in qua hae formae exstant, genuinam aestimaret, nihil va- 
lere ipse credidit. apud Statium, qui alibi semper cum seripsit, ter 


1 HO 668: altera manus colus fecit ex colos. 

18) versus HO 1097 et 1180 non iure Leo huc revocavit, nam 1097 
colus est genetivus singularis (velut Oed. 985), et v. 1180 legimus in E 
turpe scelus. 


370 Aemilius Ackermann, 


in Silvis legimus guom (14,29; I 5,39”), Π 3, 69); hac re 
num comprobatur Silvas non a Statio profectas esse? 
Praeterea Leo 5101 persuasit Herculis Oetaei auctorem fere 
ubique volgus, voltus, inclutus sceripsisse, contra Senecam sem- 
per vulgus , vultus, inclitus. exempla autem vir doctissimus 
non attulit, neque enim potuit afferre. nusguam volgus in HO 
tradıtum est°), ter tantum exstat vulgus 605, 806, 1745. in- 
clitus legimus: Hf. 339, 847, Troad. 236, 463, Phoen. 185, 536, 
Med. 130, 226, 367, 511, Aga. 125, 310, 400a, Thy. 123, 190, 
HO 422, 1200, 1984, inclutus: Hf. 134, Troad. 714, Oed. 221, 
Ag. 369, 918, ΗΟ 332, 882, 1415, 1427, 1481, 1515, 1832. 
itaque si severe agere volumus, Oedipus, cum nusquam inchtus 
habeat, maxime a ceteris fabulis abhorret. vultus vel voltus 
in Hercule Oetaeo invenitur tricies bis (v. 165, 170, 199, 227, 
230, 247, 251, 356, 483, 700, 705, 808, 1017, 1258, 1266, 1273, 
1290, 1296, 1348, 1489, 1555, 1574, 1603, 1608, 1645, 1684, 
1708, 1724, 1726, 1753, 1978, 1992). sed dubii sunt loci 356, 
808, 1753, nam 356 traditum vultumgque depravatum videtur 
esse ex multumgque, quod in A legimus. 808 scriptum videmus 
vultus,, sed prior u exstat in rasura alterius manus. versus 
1753 in E omissus est. supersunt igitur loci undetriginta. inter 
quos voltus legimus terdecies (251, 1258, 1266, 1273, 1290, 
1296, 1489, 1603, 1608, 1645, 1708, 1724, 1992), vultus sexies 
decies (165, 170, 199, 227, 230, 247, 483, 700, 705, 1017, 1348, 
1555, 1574, 1684, 1726, 1978). itaque auctor non fere ubique 
voltus, sed saepius vultus scripsit. hoc cum constet, facile cre- 
das etiam dubüis illis locis (808 et 1753) olim vultus exsti- 
tisse. ergo duodevicies formam  vulius deprehendimus. itaque 
Richterus, si iterum Senecae tragoedias edendas curabit, locis 
quibus vultus tradıtum est, non scribet voltus, quod nuper 
fecit (cf. v. 247, 1348, 1684, 1726, 1978), sed quibus voltus 
exstat, vulius in textum recipiet. dicet aliquis: differentia 
quamvis parva inter Annaeanas tragoedias et Herculem Oetae- 
um profecto exstat, nam non nisi in hac fabula nonnumguam 


19) 15,39: traditum est quogue. Vollmerus editor coniecit cum- 
que. sed apertum videtur hoc loco olim quomque exstitisse. quomque, ut 
pauca exempla afferam, legimus Plaut. Bacch. 252, Capt. 356, 924, 926, 
927, Truc. 451, 516, Terent. Andr. 63, 488, Heaut. 578. 

2), BE, etiam Birt (1.8, ..516}. 


% De Senecae Hercule Oetaeo. 371 


voltus et quarto pluralis casu colus scriptum est. itaque mihi 
liceat addere perpauca quibus demonstratur in ceteris tragoe- 
diis rem orthographicam non’ melius se habere. ablativum sin- 
gularis vocis laurus legimus Ag. 779 lauru, Thy. 54 autem 
lauro. suboles scriptum est Troad. 463, 528, Phaed. 468, so- 
boles Ag. 157. semel set pro sed traditum est Oed. 1009. vae- 
cors exstat Phoen. 291, Med."123, Phaed. 1155, Oed. 1005, 
Ag. 734, HO 1408, contra vecors Troad. 285. vaesanus legi- 
mus Phoen. 584, Med. 123, 738 Ag. 724, HO 1930, vesanus 
Hf. 1095. decumus deprehendimus Troad. 76, decimus Ag. 502. 
claudere inveni Hf. 306, 986, Troad. 167, Phoen. 246, Med. 
458, 464, Phaed. 222, 534, 781, 863, 939, 1226, Oed. 505, 
Ag. 109, 559, 718, 889, Thy. 335, 491, 1068, HO 956, clu- 
dere Hf. 281, Troad. 139, 186, 317, Phoen. 148, 467, Med. 
820, Phaed. 47, Thy. 232,916, 1041, ΠΟ 599, 1441 81). cui haec 
non sufficiunt, inspiciat indicem orthographicum editionis Rich- 
terianae, ubi plura huc pertinentia collecta sunt. 

Ne quis miretur quod HO 771 hocne®?) et 1243 haecne 
invenitur, affero locos hos: Phaed. 1269 haecne; Stat. Theb. 
1173 hancne, 1189 hiene, V 633 hocne, VII 20 hicne, VIL 705 
hicne, IX 421 huncne, IX 715 haecne. 

lam absolvimus atque redarguimus omnia argumenta ad 
res orthographicas spectantia. sed haec leviora, illa vero gra- 
via atque magna sunt, quae ad usum loquendi pertinent. pri- 
mus, quod sciam, huic rei operam ac studium navavit D. Hein- 
sius (apud Scriv. p. 344 sqq.). qui quae de usu verborum 
ichus et ambo disputavit, ea bene diluta sunt a Leone (1 p. 66) 
et a Melzero (p. 31). recte autem vidit HO 150 (vetare So- 
lem) et 1624 (veiare Phoebum) vetare pro arcere positum esse. 
hunce usum ut excusaret Melzerus (p. 32) attulit Statii locum 
- Theb. XII 558: quos vetat igne ÜOreon h. e. rogis et igne 
supremo interdieit. praeterea autem comparandi sunt loci hi: 

Valer. Flaccus VIII 303: nec longius inter 

quam quod tela vetet, superest mare, 
Stat. Silv. III 1, 173: avertam luctus et tristia damna vetabo, 


81) cJudere, ut hoc addam, etiam repperi luven. VII, 26, Stat. Silv. 
II 4,11; IV 6,67; V 1,168; Theb. U 6; II 307; VI 727; VII 434; 
ὙΠ 198; X 451; XI 58; 


85) in E traditum est hoccine, sed res metrica poscit hocne. 
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 25 


372 Aemilius Ackermann, 


Tacit. ann. ΧΙ 20: inter Mosam Rhenumque trium et vi- 
ginti milium spatio fossam perduxit (sc. Corbulo), qua incerta 
Oceani vetarentur. 

D. Heinsius aliique aegre tulerunt, quod HO 1586 (gquam 
tuas laudes populi quwiescant) quiescendi verbum accusativum 
recipit. Melzerus dixit apud Plautum et apud Statium idem 
inveniri, sed exempla non attulit Georgium secutus. loci au- 
tem Plautini qui huc referri possint, non satis quadrant, nam 
Most. 1173 (tu quwiesce hanc rem modo petere) non accusativus 
sed infinitivus e gwiesce pendet et Mil. gl. 927 (quiescas cetera) 
cetera fortasse adverbii vicem tenet. apud Statium quwiescere 
semel active positum est 

Theb. IV 432: hic late iaculis circum undique fixis 

effusam pharetra cer vice m excepta quiescit. 
accedit quod Servius ad Verg. Ecl. 8, 4 adnotat: gquwiesco du- 
plicem habet significationem; et aliter dico quiesco ego et ali- 
ter quiesco servum. 
ΗΟ 987 (Deianira alloquitur Hyllum): 

ignave dubitas? Herculem eripuit tibi 

haec, haec peremit dextra cui debes patri 

avum Tonantem. majius eripui decus, 

quam in luce tribui. si tibi ignotum est nefas, 

a matre disce. 
hoc loco in luce tribuere male pro parere dietum esse eredidit 
idem Heinsius. neque enim vidit Deianiram verbis maius eripwi 
decus quam in luce tribui non in universum loqui, sed Hyllum 
compellare. ad eripwi et tribui semper supplendum est ἐδ. 
itaque Deianirae verba hoc modo intellegenda sunt: maius do- 
num nunc tibi eripui quam tune tibi tribui cum te in lucem edidi. 

ἨΘ [517 tum longum ferens 

harundo vulnus tenuit haerentem fugam 
mortemque fixit. 
fixit pro intulit usurpatum 1). Heinsio displieuit. sed vulnera 
figere legimus apud Martialem (epigr. 1 60, 4): 
alta iuvencorum vulnera figet ubi? 

Non iniuria D. Heinsius in eo haesit quod genus quater 

pro genere humano positum est AO 63, 760, 1810, 1863. hoc 


ὉΡ ur u Zu | ὦ 


| 
| 


De Senecae Hercule Oetaeo. 373 


prorsus singulare esse concedimus, quod tamen excusatione non 
caret. legas Phaed. 466: | 
providit ille maximus mundi parens, 
cum tam rapaces cerneret Fati manus, 
ut damna semper subole repararet nova. 
excedat agedum rebus humanis Venus, 
quae supplet ac restituit exhaustum genus: 
orbis iacebit squalido turpis situ, 
vacuum sine ullis piscibus stabit mare, 
alesque caelo derit et silvis fera 
solis et aer pervius ventis erit. 
pro ‚exhaustum genus’ codices deteriores praebent ‚humanum ge- 
nus’ non recte, nam genus non de genere humano solo, sed de om- 
nibus animalibus dietum est, quod ex sequentibus verbis apparet. 
itaque Seneca similiter atque Herculis Oetaei auctor peccavit ®?). 
HO 1883: flete Herculeos, Arcades, obitus, 
nondum Phoebe nascente genus. 
Ὁ. Heinsius adnotavit: ‚nescit (sc. poeta) quid dicat’. vir doc- 
tissimus ipse non cognovit hoc loco ablativum absolutum (non- 
dum Phoebe nascente) e substantivo (genus) pendentem ad- 
missum esse. quam ad rem infra redibit disputatio (p. 376 sq.). 
Quae Goebelius de usu adiectivi immemor dixit (]. 5. p. 740), 
refutata sunt a Melzero p. 31/32. 
Richterus vidit (de. S. tr. a. p. 25) HO 1861 quamquam 
non ad verbum finitum accedere. idem HO 1506 fieri depre- 


- hendit Leo (I p. 62). perperam autem Richterus contendit (l. 5. 


- .adn. 1) solos recentiores scriptores et poetas 510 locutos esse. iam 


Georges attulit exempla haec: Sallust. hist. I fr. 48 8 2: nam 
bellum atque arma, guamgquam vobis invisa, tamen quia Lepido 


 placent, sumunda sunt et Cicer. de finib. V ὃ 68: nec vero 


umgquam summum bonum assequi quisquam posset, sı omnia ıllo, 
quae sunt extra, quamquam eapetenda, summo bono contineren- 
tur. praeterea repperi Statii locos hos: Silv III 3, 70; V 2,105; 
Theb 1669; IV 820; V 300; ΥἹ 41 ; XI 399; XII 206, 394. 

Richterum id quoque offendit quod genus ter (HO 40, 


- 1699, 1884) nationem significat. sed hanc significationem sae- 


 pissime inveniri inter omnes constat. quae Richterus de loco 


88) Phaedrae locum iam Richterus vidit (p. 26 adn. 1). 
25 Ὁ 


374 Aemilius Ackermann, 


HO 1849 (alıgqua mater) disputavit, a Leone (Ip. 66) et a 
Melzero (p. 32) profligata sunt et verba sua de versibus 191 et 
482 facta nuper in editione vir doctissimus ipse tacite in irritum 
vindicavit. nec magis valent, quae de HO 520 (tabum) disse- 
ruit (cf. Leo II p. 383). 

Sonandi verbum pro praedicari oa (HO 692) aegre 
tulerunt Richterus (p. 26) et Birtius (p. 516). Ovidius scrip- 
sit®*) te carmina nostra sonabunt (unsere Lieder werden dich 
preisen), apud Senecam legimus (Oed. 402): carmen somet 
(ein Lied soll gesungen werden). modo igitur transitive, 
modo intransitive usurpatum est sonare. atque cum Mar- 
tialis dieat 1 61, 6: Nasone Paeligni sonant (die Päligner 
werden wegen Naso gepriesen), verba: felix alius magnusque 
sonet (ein anderer mag glücklich und groß gepriesen werden) 
non adeo mira sunt. praeterea Birtius ipse dixit etiam 
apud Nemesianum sonare idem significare quod praedicart. 
accedit quod locus non ita bene traditus est, ut certissime aliquid 
affirmari possit. codices enim deteriores pro sonet praebent volet. 

Porro Richterus in eo haesit (p. 26), quod HO 668 colus 
per synecdocham pro lana et 1661 nodus pro clava dietum 
est. tales translationes notissimas atque omnibus poetis usi- 
tatissimas esse contendit Melzerus (p. 31). addo Val. Flaceci 
verba 6, 645: diva supremas rumpit wnigqua colus. 

HO 887: quicumque fato ignoscit et parcit sibi, 

HO 982: parce iam, mater, precor. 

isnosce fatis; error a culpa vacat. 

Richterus adnotavit (p. 26): singuları deinde phrası poeta 
utitur, fatis ignosce, id est delictum fatı culpa commissum non 
vindicare. similem locum in Troadibus inveni v. 22: 

stat avidus irae vietor et lentum Ilium 

metitur oculis ac decem tandem ferus 

ignoscit annis. 
cf. etiam Melzeri verba p. 39. 

Denique Richterus, qui Oedipum quoque et Agamemnonem 
fabulas spurias existimabat, attulit (p. 29) edisserendi verbum 
non nisi ΠΟ 1617, Ag. 966, Oed. 787 exstare. nobis qui scia- 
mus has duas tragoedias genuinas esse, hac re nihil probatur. 


84) hunc locum Ovidianum esse testatur Georges. 


BE 


EEE I ΟΣ ΤΣ 


De Senecae Hercule Oetaeo. 375 


idem credidit in his solis fabulis vocabulum paedor inveniri. 
sed legitur ΠΗ, 628 85). autumare non solum in Hercule Oetaeo 
et Oedipode, sed etiam in Phaedra (257) exstare Richterus ipse 
vidit. adiectivum altisonus HO 530 traditum praeterea rep- 
peri Ag. 582 et Phaed. 1134. adiectiva in ficus terminata neque 
in HO neque in Thy. exstant (cf. Richt. p. 29 et p. 3 adn. 2). 
praepositionem propter etiam Phoen. 336 usurpatam esse iam 
Leo deprehendit (I p. 66). cf. Richt. p. 25. 

Jam Leonem audiamus. qui vir doctissimus aegre tulit 
(1 p.56) quod HO 1600 magis pro potius positum est. iam 
Melzerus (p. 34) hoc leve argumentum diluit. 

HO 1652 * victrice felix, iuvenis, has numquam irritas 
mittes in hostem ; sive de media voles 
auferre volucres nube, descendent aves 
et certa praedae tela de caelo fluent. 

Leo reprehendit (I p. 62) quod v. 1653 sive secundo loco tan- 
tum diiunctis sententiae membris apparet°®). ac Birtius ad- 
notavit (p. 549): Unmöglich richtig aber ist das sive, da kein 
zweites sive daneben steht, dem es entspräche. cum Leoni, qui 
lacunam statuit (cf. editionem), sententia per sive incohata 
fuisse videretur (velut sive eris in acie), Birtius pro swe de 
coniecit δὴ vel 6. quam viri doctissimi emendationem appella- 
verunt Tachavus ‘eine evidente Textverbesserung’ (cf. Philol. 48 
p. 745/46) et Melzerus egregiam coniecturam (p. 34). mihi 
autem carus magister meus sententiam suam non probanvit. 
nam certum videtur hoc loco praepositionem de retinendam esse. 
simillimus enim locus exstat in 
Phaedra (816) 57) aut si tela modo spargere Parthico 

in caelum placeat, nulla sine alite 

descendent, tepido viscere condita 

praedam de mediis nubibus afferent. 
praeterea compares HO 1621: nube de media vocat, HO 1655: 


tela de caelo fluent, 


Med. 799: tibi de medio rapta sepulchro 
fax nocturnos sustulit ignes. 


80) quod vidit Habruckerus (quaestionum Annaeanarum capita IV 
pars I p. 6). 

86) moneo in E non siwve, sed si traditum esse, 

87) attulit Leo (I p. 51). 


376 Aemilius Ackermann, 


itaque censeo particulam sive servandam esse. Hercules enim 
sagittas Philoctetae dat, ut vel hostes vel aves interficiat. et 
legi apud Draegerum (Historische Syntax der lateinischen Spra- 
che ? II p. 148): sive ‚oder wenn’ ist zuweilen in vel si auf- 
zulösen, so dass vel von si getrennt gedacht, zu einem Satze ge- 
hört, von dem der Bedingungssatz mit si abhängt. ac non solum 
Draegerus ipse, sed etiam CFW. Muellerus (Ueber den Ge- 
brauch von sive p. 9 sq.) locos collegerunt, ubi particula sive 
secundo loco tantum exstans hanc significationem habet. Muel- 
leri libellum si inspicies facile cognosces Terentium, Horatium 
(ter), Vergilium, Tibullum (bis), Propertium (ter), Ovidium, 
Persium eandem licentiam atque Herculis Oetaei auctorem 510] 
permisisse. hoc igitur non argumentum est, quo aliquis uti 
possit. ceterum concedendum est Senecam tragicum particulam 
sive hac significatione alibi non adhibuisse. 

Versus ΠΟ 1592 et 1830 Leoni, cum ipse videret Her- 
culis Oetaei poetam his locis ab usu aliorum non abhorrere, 
non afferendi erant 88). 

HO 1760: o quanta, Titan, ad nihil moles abit. 

A praebet: in nihil. Leo adnotavit (1 p. 63): noverat inter- 
polator (se. autor lectionis A) constantem Senecae aliorumgque 
usum; praecipue ex Ovidii transformationibus notissimum est 
abeundi verbum translato sensu, quod dem significat quod 
mutari, cum in praepositione coniunctum. mihi non verisi- 
mile videtur hoc loco abire pro mutarı positum esse. verba 
ad nihil abire per analogiam orta sunt ex locutione quae 
fuit abire ad plures, ad inferos (= mori) 83). similiter Cicero 
dicit Tusc. 1 8 32: abüt ad deos Hercules. ceterum ne id 
quidem veri dissimile est hoc loco praepositionem ad, quae in 
codicibus deterioribus non tradita est, librariis imputandam 
esse, praesertim cum HO 962 (in hanc abire coningum turbam 
libet) verbum abeundi, quamquam sensum translatum non habet, 
tamen cum in coniunctum sit. 


Neque plus valet quod bis?) in HO (975 teque languenit 


ss) HO 1592 Richterus fortasse recte coniecit impendens et ad HÖ 
1830 comparandus est Hf. 605: atque in labores non satis terrae patent. 

89) cf. Birt, Das Arvallied, Archiv für Lexikographie XI p. 165, 
168, 188. 

90) jniuria huc rettulit Leo HO 1500, ubi vulgo legitur sie 


De Senecae Hercule Oetaeo. 377 


manu Non audit arcus et. 1884 flete Herculis, Arcades, obi- 
tus, Nondum Phoebe nascente genus) ablativus absolutus sub- 
stantivo obnoxius invenitur (cf. Leo I p. 57 et p. 62). facile 
enim intellegitur quid poeta dicat. de loco HO 975 optime 
disputavit Melzerus p. 31. verba 1885 nondum Phoebe nascente 
genus dieta sunt pro: Arcades iam genus erant cum Phoebe 
nondum nata esset. quam ob rem poetae hunc ablativum ab- 
solutum bis tantum adhibitum ignoscemus. 

Quod pronominis personalis casus genetivus interdum ad 
substantivum ita accedit ut ultro cum pronomine possessivo 
mutari possit vituperaverunt Leo (1 p. 64) et Birtius (l. 5. 
p- 516). loci, quos iam Leo vidit, sunt hi: HO 557 perbibat 
formam mei (flammas mer A), 954 nunc veram ἐμ (tuam A) 
agnosce prolem, 1216 nam quis dignus necis Herculeae super- 
est auctor nisi dextra tui?, 1502 licet sit falsa progenies mei 
(mihi A). versus 949 recipe me comitem tibi (twi A), 1242 haec 
moles mea est (mei est A), 1966 quwiequid in nobis tur Mortale 
fuerat ignis evictus ἐμ Leo afferre non debuit. nam verba 
thbi (v. 949) et mea (v. 1242) in ἘΠ tradita satis apte dicta 
sunt et v. 1966 genetivum legi necesse est; pendet enim tw 
e quicguid 5). primum moneo locos, cum modo in E, modo 


in A pronominis personalis genetivus pro possessivo pronomine 


exstet, non satis certos esse. deinde Leo ipse concessit huius 
genetivi usum qui mediae latinitatis scriptoribus frequentatus 
sit, certe plerumque librariorum culpa ortum esse. tum apud 
Senecam rhetorem, Ovidium, Vergilium, Catullum eandem li- 
centiam admissam esse idem vir doctissimus vidit. et nescio 
an haec sufficiant, ut loci illi excusentur. sed pauca addere 
possumus. Melzerus recte dixit (p. 32) genetivo pronominis 
personalis personam gravius premi quam pronomine possessivo. 
hac de causa Deianira dieit (555): 
si quas decor 

Ioles inussit pectori Herculeo faces 

extingue totas, perbibat formam mei, (non loles). 
hac de causa chorus Herculem alloquitur verbis his (1216): 


nascente Hercule Nox illa certa esi. sed in E traditum est sive nas- 
centem Herculem 6. q. s. et A praebet sive nascente Hercule Non illa 
certa est. itaque hic locus nimis, dubius est. 

51) locum recte interpretatus est Melzerus p. 9 adn. 2, 


Pr) 


378 Aemilius Ackermann, 


nam quis dignus necis Herculeae 
superest auctor nisi dextra tui? 
nam Hercule dignus auctor Herculeae necis solummodo Her- 
cules 1086 ist. hac de causa Deianira certior facta quantum 
facinus commiserit dieit (952): 
adde me comitem tuis, 
Threica coniunx, sceleribus; natam tuam, 
Althaea mater, recipe, nunc veram tui 
agnosce prolem. 
prolem tui, quae sceleratissima femina fuisti. 

Restat locus 1502 licet sit falsa progenies mei (mihi A), 
qui simili excusatione caret. itaque credo hoc loco mei ex 
mihi depravatum esse. talıs enim error facillime evenire po- 
terat, velut ΠΟ 949 legimus in E recipe me comitem tibi, in 
A autem comitem tui. fortasse eo quoque, quod hic tibi in E 
traditum est, opinio mea paulum affırmatur. itaque etiam hoc 
argumentum refellimus, quod levius esse Leo ipse concesserat 
(I. p. 70). praeterea alia causa inveniri potest, cur huic pro- 
nominis personalis usui venia tribuenda sit (cf. part. tert.). 

Age nune illa videamus quae Birtius castigavit. qui vir 
doctissimus ad ZO 104 (par {6 est superis cui pariter dies 
Et fortuna fwit) adnotavit (p. 533): wo fast unverständlich 
fuit gesagt ist statt esse desiit”). sed iam N. Heinsius dixit 
(l. s. p. 436) traditam lectionem non temere sollicitandam esse. 
vidit enim duos Vergilii locos hos: ‘sed fortuna fwit (Aen. VII 
413) et fwimus Troes, fuit Ilium (Aen. Π 335). nonnumquam 
igitur fuisse idem significat quod esse desiisse. conferas etiam 
Melzer. p. 32/33. 

In Hercule Oetaeo verborum guota est et vitam reddere 
usum, qui Birtio displieuit (p. 533 et p. 534), ab Annaeano 
non abhorrere demonstravit Melzerus (p. 32). vide etiam infra 
(p. tert.). 

Idem Birtius in plurali populi haesit p. 537/38: Ueber- 
haupt, inquit, braucht der Dichter dieses Herkules fast ständig 
bombastisch den Plural populi cf. v. 1586, 1818, 1811 und 
1536 sogar Arcades populi vetusti, 1018, 1918, 1993, 1335, 
855 und sonst, seltener den Singular wie 1541; dagegen hat 


95) hoc Tachavo quoque molestum erat, Philol. 46 p. 981, 


j 


| 


\ 


De Senecae Hercule Oetaeo. 379 


Seneka meist den Singular und würde ihn auch in der Mehr- 
zahl der angeführten Stellen angewandt haben. vituperavit igi- 
tur vir doctissimus quod poeta pluralem singularis loco posuit, 
nam in universum si rem consideramus, Seneca huius vocis plu- 
ralem saepius singulari usurpavit°°). cum Birtius contenderet 
Med. 58, 484, 794, Phoen. 614, Troad. 772, Ff. 1241, Phaed. 
158 pluralem adhibitum esse, quia singularis intelligi non 
posset, Melzerus non solum Thy. 648 et Ag. 602, sed etiam 
Med. 58 et Troad. 772 pluralem pro singulari legi dixit (p. 31). 
Troad. 766 5.4. Andromacha filium suum alloguitur, quem 
mox necatum iri 5010. ac magnopere lamentatur misera mater, 
quod Scamandrius numquam rex et dominus fiet. dieit enim 
BT: 

Iliaca non tu sceptra regali potens 

gestabis aula, iura nec populis dabis 

victasque gentes sub tuum mittes iugum, 

non Graia caedes terga, non Pyrrhum trahes. 
sane Birtio concedendum est hoc loco singularem populo intel- 
legi non potuisse; nam Andromacha non tam de Troiano po- 
pulo quam de omnibus eis populis cogitat, quos Astyanax rex 
in dicionem potestatemque suam redegerit. 

Med. 56 chorus canit: 

Ad regum thalamos numine prospero 

qui caelum superi quique regunt fretum 

assint cum populis rite faventibus. 
etiam hoc loco Birtium quam Melzerum sequi malim. verba 
enim in universum dicta sunt. itaque cum legamus ad regum 
thalamos, poscimus pluralem cum populis. contra recte attulisse 
videtur Melzerus locos Thy. 648 et Ag. 602. nec desunt alia 
exempla. HO 1916 poeta Alcmenam inducit quaerentem quo 
loco Hercules mortuus versetur: 


38) pluralis exstat in ΠΡ. novies (191, 230, 293, 557, 560, 667, 708, 
775, 1241), singularis ter (169, 382, 838); in Troad. bis (772, 1137) — 
quater (893, 1009, 1083, 1120); in Phoen. ter (265, 325, 614) — semel 


(51); in Med. ter (58, 484, 794) — bis (604, 977); in Phaed. sexies 


(150, 494, 529, 562, 759, 911) — bis (488, 988); in Oed. bis (573, 607) 
— septies (33, 76, 396, 589, 744, 784, 874); in Aga. semel (602) — semel 
(181); in Thy. bis (88, 648) — sexies (188, 204, 206, 411, 644, 875); 
in HO duodevicies (27, 420, 607, 608, 612, 672, 855, 1018, 1335, 1536, 
1586, 1605, 1811, 1818, 1871, 1876, 1918, 1993) — ter (1541, 1810, 1824). 


980 Aemilius Ackermann, 


iamne Elysias, o nate, domus 

iam litus habes 

ad quod populos natura vocat? 
pluralem populos reprehendit Birtius. sed conferas 

Hf. 186: nimium, Alcide, pectore forti 

properas maestos visere manes: 

certo veniunt tempore Parcae. 

nulli iusso cessare licet, 

nulli scriptum proferre diem: 

recipit populos urna citatos. 

Hf. 707: Quid ille opaca qui regit sceptro loca, 

qua sede positus temperat populos leves? 
praeterea afferre possum Hf. 293, Phoen. 265, Phued. 529, 
Oed. 573. maxime idoneus locus est Troad. 1136, ubi in versu 
892 Helena ab Andromacha appellatur pestis ewitium lues 
utriusque populi (sc. Graecorum et Troianorum); similiterque 
nuntius dieit (1160): uierque flevit coetus. at in versu 1136 le- 
gimus : ferror attonıtos tenet utrosque populos. haec verba sine 
dubio bombastisch dieta sunt. compares etiam quae infra hac 
de re disputavi (p. tert.). differentia ergo non adest. 

Tachavus haesit (Philol. 46 p. 380) in voce ultimus; cf. 
HO 107: quisquis sub pedibus fata rapacia 
et puppem posuit fluminis ultimi. 


hoc enim loco contra usum Senecae, qui Phaed. 98, Oed. 869, 


Hf. 1107, Troad. 146 adiectivum imus adhibuerit, ultimi pro 


mi vel inferni positum esse. Oed. 869 legimus: 
Dehisce tellus, tuque tenebrarum potens, 
in Tartara ima, rector umbrarum, rape 
retro reversas generis ac stirpis vices. 

exstat autem similis locus Zroad. 519: 

Dehisce tellus, tuque, coniunx, ultimo 
specu revulsam scinde tellurem et Stygis 
sinu profundo conde depositum meum. 


ultimus specus idem significat quod Tartara ima. praeterea, 
quod summum est, Tachavus omnino non recte contendit HO 


108 ultimi pro imi dietum esse. ultimum flumen est der letzte 
Fluss. homines dum vivunt multa flumina transire et saepius 


in mari navigare solent. si vero mortui sunt, ultimum flumen 


De Senecae Hercule Oetaeo. 981 


(sc. Acheron) eis transeundum est. quo traiecto numquam post- 
hac flumen ullum transgredi possunt, nam Acherontis undae, 
ut Vergilii verbis utar, irremeabiles sunt ?‘°). 

Iam pervenit haec disputatio ad particularum usum, qui ubi de 
auctore quaeritur magni momenti est. nec tamen necesse est Sene- 
cam omnes particulas, quibus uti solebat, in omnibus tragoediis 
adhibuisse (cf. Melzer p. 35). itaque si discrimen non nisi parvum 
exstat, circumspectius nobis iudicandum est. eliam particulam in 
omnibus ceteris fabulis usurpatam in HO prorsus desiderari et 
bis tantum (v. 710, 724) etiammum legi contendit KRichterus 
(d. S. tr. a. p. 24). inveni eiam in HO 1406, qui tamen lo- 
cus corruptus est. Senecam hac particula perraro usum esse 
ıiam Melzerus vidit. exstat enim semel in Phoen. 427, semel 
in Oed. 678, semel in Ag. 983, bis in Med. 499, 678 bis in 
Phaed. 226, 705, Thy. 889, 896; quater in Hf. 492, 965, 1189, 
1261, quater in Troad. 303, 8570, 670, 733. itaque non differentia, 
sed similitudo Richtero statuenda erat. efiammum traditum est 
in Hf. semel 936, Troad. semel 500, Phoen. ter 176, 273, 368, 
Med. bis 278, 1012, Oed. bis 618, 680, Thy. bis 257, 914, 
ΗΟ bis 710, 724, Phaed. nusquam. itaque cum Melzero quaero: 
hac re num contra Phaedram suspicio nobis movebitur ? 

Idem Richterus aegre tulit quod saltem septies in HO 
(87, 932, 1259, 1317, 1374, 1416, 1914) legitur,, in- ceteris 
ter tantum Med. 1015, Ag. 492, Hf. 1204 (hunc locum primus 
Melzerus vidit). contra dico particulam nuper in his omnibus 
fabulis vitatam semel exstare in Phaedra 788. 

Porro Richterus in eo haesit, quod in 70 particula nempe 
paulo crebrius quam in ceteris tragoediis invenitur. nempe 
enim scriptum videmus in /f. semel 44, Troad. ter 325, 340, 
144 °°), Phoen. bis 522, 523, Phaed. bis 244, 645, Oed. semel 
716, Ag.semel 702, Thy. semel 412, HO decies 332, 359, 363, 366, 
369, 374, 437, 903, 1911, 1912 (cf. Melz. p. 33). Phoenissae 
fabula composita est ex versibus 664, contra Hercules Oetaeus, 
quae ex 1996 versibus constat, triplo maius spatium complet. 

94) Vergilium hoc loco (Aen. 4, 425) non de Acheronte, sed de 
Styge loqui mihi non ignotum est. 

85) Troad. 933 pro sicre perperam Richterus coniecisse videtur 


nempe cf. Symbola Doctorum Jenensis Gymnasii in honorem Gymnasii 
Isenacensis collecta, particula prior p. 32. 


382 Aemilius Ackermann, 


itaque si sexies tantum nempe in HO exstaret, Hercules alter 
optime cum Phoenissis conveniret. nunc autem, cum decies°*) 
nempe in ΠῸ legatur, auctorem huius tragoediae Richterus 
vituperare ausus est. quam ob rem memorabile esse mihi vi- 
detur nempe bis (HO 332 et 437) in E omissum et locum 369, 
cum in Florentino traditum sit nempe Thespides vacant, in A 
autem mene Thespiades vocant, non satis certum esse 37). prae- 
terea et Leo (I p. 66) et Melzerus huic particulae id quoque 
praesidio esse contenderunt, quod v. 3951—379 quinquies quasi 
in una periodo membra argumentationis conectat. iam vero 
particulas autem, ceu, comminus, nonnumgquam, proprie non nisi 
in Troadibus inveni (cf. v. 927, 20, 348, 904, 435). neque ta- 
men Troades spurias dices. 

Fere particulam a Senecae usu alienam bis tantum in 
HO (407, 452) adhibitam esse Richterus dixit (p. 25). pri- 
mum moneo fere in Etrusco omnino non tradıtum esse, nam 
versus 407 omissus est et v. 452 fare invenitur. deinde exstat 
fere Troad. 438 et fortasse 1145. qui locus corruptus est: 
legimus enim in A et fere, in E autem effert, quod nihili est 
et metrum delet. maxime igitur verisimile est codices deterio- 
res meliorem lectionem praebere. 

Forte quater in HO positum (500, 522, 722, 929) offen- 
dit eundem Richterum. nisi forte seriptum vidi Ag. 960 et 
Phaed. 628°°). adde quod negue nusquam invenitur nisi semel 
in Oed. 381. iamne concludi potest Oedipum insitivum esse? 

Donec non solum semel in HO 429, sed etiam quater in 
Oed. 622, 745, 760, 960 exstare Richterus ipse vidit. accedit 
quod versus ΠῸ 429 in E non traditus est. 

Palam legimus Ag. 258, HO 1261, 1516, 15179). Rich- 
tero displicuit quod palam Ag. 258 praepositionis vicem tenet, 
contra in HO semper adverbium est. at inter omnes constat 
palam adverbium poetis et scriptoribus prosae orationis usi- 
tatissimum esse, palam autem praepositionem perraro inveniri. 


96) Richterus ipse novies tantum nempe deprehendit, recte autem 
numeravit Melzerus p. 33. } \ 

91 ΗΟ 374 N. Heinsius pro nempe ila cervix seribi voluit Ne- 
meaea cervix (1. s. Ὁ. 442). 

98) Agamemnonis locum iam Richterus vidit. 

99) ]ocos HO 1516 et 1517 non attulit Richterus, 


De Senecae Hercule Oetaeo. 383 


atque Ag. 258 (ultimum est nuptae malum, Palam marita pos- 
sidens paelex domum) iam prima manus marita correxit in 
mariti, quod Richterus nuper ipse in textum recepit. differen- 


τς tia igitur non exstat. sed pro corollario addo praepositionem 


coram semel tantum usurpatam esse Pf. 1264 (genitore coram). 

Potius, quod Hf. 1265 Thy. 522, Phoen. 110, 494, Phaed. 
613, 655, 622, Med. 507, Troad. 355, 694, Oct. 76, 580 re- 
periatur, nusgquam in HO, Oed., Ag. legi Richterus dixit. 
re vera autem haec particula invenitur: //f. 427, 1014, 1094}, 
1265, Troad. 351, 650, 690, 1059, Phoen. 110, 494, Med. 507. 
 Phaed. 443, 612, 655, 622, Oed. 629, Ag. 308, 882, Thy. 413, 
522, 1021, HO 852 (i. e. in ea parte quam Leo spuriam 
aestimat), Oct. 177, 578. Hercules Oetaeus, cum etiam in 
Med. et Oed. semel tantum potius admissum videamus, pror- 
sus cum Annaeanis fabulis consentit. 

Interim legimus Troad. 997, Phaed. 1274, ΠΟ 4091), 481, 
930. atque cum haec particula Troad. 997, Phaed. 1274, HO 
409 proprio sensu usurpata sit, habet ΠῸ 481 et 930 notionem 
particulae interdum, quod vituperaverunt D. Heinsius (ap. Ser. 
p- 340 sq.), Richterus (p. 25), Birtius (p. 516). sed πο usum 
in Senecae scriptis prosa oratione conditis frequentatissimum 
esse vidit Melzerus p. 34. quod solummodo in HO bis ın- 
terim pro interdum positum est, cum haec particula rarissime 
in tragoediis inveniatur, sine dubio casui tribuendum est. 
adiungo particulam actutum semel tantum in Phaedra (624) 
exstare. 

Hauddum HO 80 pro nondum positum esse contendit Leo 
(Ip. 65), qui ipse vidit (Ip. 30) in E non hauddum, sed haud 
traditum esse!%): 

ΠΟ 79: si post feras, post bella, post Stygium canem 
haud astra merui, Siculus Hesperium latus 
tangat Pelorus, una iam tellus erit. 

ego quidem hos versus intellegere possum. neque sensus neque 
res metrica postulat ut hauddum seribamus. neque alibi Her- 
culis Oetaei poeta usquam hauddum usurpavit, contra nondum 
septies 201, 213, 546, 774, 1159, 1614, 1884. 


100) versus 409 in E desideratur. 
101) A praebet nondum. 


984 Aemilius Ackermann, 


Ultra HO 1245 idem significare quod »posthac Leo recte 
dixit (I p. 62). sed legas Phaed. 945: 

En perage donum triste, regnator freti! 
non cernat ultra lucidum Hippolytus diem 
adeatque manes iuvenis iratos patri. 

Leonem usum particularum hinc et inde Herculis Oetaei 
auctori perperam crimini dedisse demonstravit Melzerus p. 34. 

Bis in HO (859 et 1408) deinde ad particulam interroga- 
tivam ita accedit, ut non temporis progressum indicet, sed id 
quod ante dietum est cum vi quadam repetat. hunc usum sin- 
gularem esse Leoni concedendum videtur (cf. Leo I p. 63 et 
Melz. p. 34). sed etiam reliquae tragoediae nonnulla a com- 
muni usu aliena habent. particulae 760, citra, iniro!”) non 
nisi in Oed. exstant (v. 598, 951, 557). in Medea sola in- 
veniuntur perpetuo, priusqguam, quippe (v. 196, 298, 256:%) 
438). solummodo in Phaedra leguntur minime, pone, verum, 
vero (v. 895, 1046, 428, 1082). 

Leo (I p. 64) et Birtius (p. 516) vituperaverunt fors HO 
574 pro forsan positum, a Seneca alienum. hoc loco non fors, 
sed forsam legendum esse iam Birtius mihi persuasit cf. supra 
p. 353. praeterea Leo ipse concessit (I p. 70) hoc argumentum 
non multum valere. 

Forsitan vel forsan a poetis saepe cum indicativo futuri, 
multo rarius cum indicativo praesentis vel praeteriti coniungi 
dixit idem Leo (I p. 63). itaque cum bis tantum in reliquis 
fabulis, quater autem in HO forsitan vel forsan cum indicativo 
praesentis vel praeteriti coniunctum esse animadverterit, Her- 
culis Oetaei poetam contra Annaeanum usum peccavisse con- 
tendit. Leo ipse apud Vergilium, Ovidium, Propertium, Tibullum, 
Lucanum, Statium, Valerium deprehendit tres et triginta locos, 
quibus idem admissum est!°*). ac non omnes poetae forsan vel 
forsitan cum indicativo futuri coniungere maluerunt. Statius 
enim has particulas e quibus sexies indicativum praesentis vel 
praeteriti pendere vir doctissimus vidit, non nisi quater, quan- 
tum scio, indicativo futuri adıunxit (cf. Silv. 13, 62; II 3, 65; 


102) tradıtum est antro. 
108) Med. 256 quippe in E omissum est. 
104) apud Ovidium solum inveniuntur tredecim exempla. 


ΨΥ" ΨΩ ΘΝ ΩΝ ρον πα να αν δ τὰ πο παι A 


De Senecae Hercule Oetaeo. 385 


V 3, 154; Theb. X 447). in HO forsan vel forsitan cum in- 
dicativo futuri coniunctum est quinquies 408, 473, 574, 912, 
1429, cum indicativo praesentis vel praeteriti quater 361, 1781, 
768, 1398. dubius locus est v. 1791, quo futurum legendum 
esse mihi Melzerus satis probavit (p. 34). constat igitur Her- 
culis Oetaei auctorem forsan vel forsitan saepius cum indica- 
tivo futuri coniunxisse quam cum indicativo praesentis vel 
praeteriti. itaque cum Leo ipse viderit bis!) in ceteris tragoe- 
diis (Phaed. 238, Thy. 747) et in pedestribus Senecae sermonibus 
haud raro eandem licentiam inveniri, contendere audeo hac in re 
Herculem Oetaeum cum Annaeano usu omnino non discrepare. 

Aliud Leonis argumentum est hoc (Ip. 66): pro Seneca 
saepius da adhibuit, ut ad numen testemve qui imvocatur Pro- 


- wime accedat. Hercules Oetaeus eo a reliqwis recedit, ut pro 
non wmvocandis tantum numinibus addat, sed subinde idem non 


arte cum alia voce conexum ut ὁ aliasque exclamandı particulas 
ponat. In Herc. Oet. pro ad numen testemve accedit v. 290, 


- 966, 1173, 1175, 1275, 1364, 1531, non accedit 219, 770, 965, 


Er Pi Ρ»" 


1231, 1419 bis, 18031°%) (cf. Melz. p. 34). itaque si rem ad 
calculos vocare placet pro septies ad numen testemve accedit 
et septies exlamandi particulae vicem tenet. Melzerus recte 
vidit pro etiam Ag. 35 et Oed. 19 ut exclamandi particulam 


- positum esse. pro facınus scripsit Seneca de brevit. vitae 12, 2197), 


_ apud Statium pro fere semper particulae ὁ vicem tenet οἵ. 


αν. 2 


Silv. I 1, 101; Theb. II 92; ΠῚ 308, 370; V 824, 674, 718; 


IX 14, 180; X 270, 874; XII 382. adde quod desuper, tan- 
tisper non nisi in Thyeste inveniuntur (v. 163, 451, 280). 
 neque tamen spurius est Thyestes. 


Jam unum argumentum nondum refutatum superest. inter- 


105) perperam addidit Melzerus Med. 290 et Thy. 316, quibus locis 


BT DEE RT EI he 


a 5. 


non forsan vel forsitan, sed fortasse exstat. 
106), HO 211 pro in A traditum in E omissum est. hoc loco olim 


ὦ exstitisse coniecit Wilamowitzius. cum lole in sequenti versu patrem 


appellet, fortasse tb? supplendum estt (tibe 8ὲ tumulum fata. dedissent). 
— ΗΟ 1201 traditam particulam ὁ retinendam esse supra (p. 354 sq.) 


 exposuil. — bene Melzerus de versibus 1231 et 1803 disputavit (p. 
84/35). — ΠΟ 1778: ὁ nimis felix nimis, HO 1803: pro nimis felix 


nimis. his exemplis usum particulae pro optime illustrari Leo credi- 


dit. legat vir doctissimus HO 1827: 0 misera pietas et Oed. 19: pro 
misera pietas. 


107) hoc exemplum et alia vidit Birtius (Philol. 63 fasc. 3 Ὁ. 430 sq.). 


986 Aemilius Ackermann, 


iectionem ei mihi sexies (1024, 1172, 1181, 1205, 1402, 1784) 
in ΠΟ, in reliquis fabulis nusquam legi dixit Leo (I p. 69). sed 
duo loci 1181 et 1205 nimis dub sunt; nam 1181 in E tra- 
ditum est potwisset mihi et in A potuissem mihr. atque cum 
Lipsius potwissem ei mihi coniecisset, Birtius placuisset mihi 
scribi maluit (p. 541). ΠῸ 1205 in E legimus: »erdidi et 
mortem mihi totiens honestam, in A perdidi mortem hei mihi 
e. 4. 5.798) itaque quattuor tantum loci satis certi sunt: 1024, 
117210), 1402110) 1784. Leoni concedendum est hanc inter- 
iectionem ceteris in tragoediis nusquam usurpatam esse. parva 
igitur differentia exstat. sed cum hoc fere solum argumentum 
sit quod non infirmari potest, non credibile videtur hac una 
particula effici, ut Herculem Oetaeum spurianı esse cuiquam 
persuadeatur (cf. Melz. p. 35). an credis etiam Herculem furen- 
tem, Phoenissas, Agamemnonem fabulas non a Seneca seriptas 
esse? inveniuntur enim particulae mox, furtim, istue!!!), raro 
undecumgque non nisi in Hercule furente 112). agite, ideo, mem- 
bratim, subinde in Phoenissis tantum leguntur 15). atque in 
sola Agamemnone exstant attamen 40.85.4), hodie 752, 971, 
interea 965, posthac 964, siquidem 806, extra 967, encliticum 
-pte (suapte) 250*'?). addere liceat interiectionem δὲ mihi bonis 
poetis usitatam esse (cf. Leo Ip. 67 sq.). 

Quis igitur sit auctor Herculis Oetaei noniam incertum 
esse credo. omnia enim argumenta virorum doctorum, qui fa- 
bulam hanc a ceterarum poeta abiudicaverunt, refellisse ac di- 
luisse mihi videor. itaque cum traditum sit Herculem Oetaeum 
tragoediam a Seneca profectam esse, eruditissimo illi Neronis 
magistro relinguenda est. 


108) perdidi et dietum est pro et perdidi. quare verba in E tradita 
retinenda esse puto. 

109) in A pro impendo ei mihi exstat impendo male. 

110) A praebet et mihi. 

111) tradıtum est istum. 

11:3) πὶ 458,.1179, 1029, 825, 1011: 

118) v. 334, 804, 170, 232. 

114) vidit Richterus (ἃ. S. tr. ἃ. p. 27), 

115) suapte deprehendit Schmidtius (l. s. p. 13). 


De Senecae Hercule Oetaeo. 387 


IL. De unitate tragoediae. 


Deinceps, ut erat propositum, examinanda sunt argumenta 
eorum qui Herculem Oetaeum totam et indivisam tragoediam 
esse negaverunt. exstiterunt enim qui hanc vel illam fabulae 
partem spuriam aestimarent. ac Swoboda quidem canticum 
illud, quod legitur 1031—1130, cum reliqua tragoedia non 
cohaerere se perspexisse opinatus est (l. 5. p. 344) 11°). in eodem 
cantico haesit Goebelius (l. 5. p. 738 sq.). qui vir doctissimus 
versus 1036—1099 ab Herculis Oetaei scriptore abiudicavit 
causis commotus his. verba, inquit, ‚Ilkus stetit ad modos 
(v. 1036)‘ negquaquam cohaerent cum praecedentibus, et versus 
1092 sententiam, quae ab wnitio legitur (1031sq.) foede iterat; 
versibus autem 1093—1099, quamquam plane vix eswplicari 
possunt, extenuarı tantum ac debilhtariı verba 'aeternum fieri 
nihil (1035) in promptu est; nec vero versus 1099 magis ad 
ceteros quadrat; namgque quid sibi vult oratio quae vocatur 
directa? quid futurum poterit? Swobodae et Goebelii argu- 
menta Melzerus non satis accurate refellit (p. 20 et 27). neque 
enim negavit versibus 1036—1099 digressionem contineri, neque 
operam dedit, ut demonstraret totum canticum cum reliqua 
tragoedia artissime cohaerere. — In scaena illa v. 742sqgq., ut ad 
rem ıpsam accedamus, Hyllus matri narrat Herculem brevi 
spatio interiecto moriturum esse. qua re cognita chorus ma- 
gnopere miratus quod viribus pollentissimus ille heros, Iovis 
filius, morti obnoxius est quaerit, quomodo hoc fieri possit. 
quaerenti autem venit in mentem Orphei, qui, quamquam om- 
nia cantu suo vicerat, mortem superare non potuit. nonne ar- 
tissime canticum cum antecedentibus versibus cohaeret? nunc 
quoque elucet in glyconeis 1036—1099, quibus chorus ma- 
gnam Orphei cantus vim describit, digressionem non inesse. 
hac enim re chorus probare id ipsum studet Orpheum non 
minus potentem heroem fuisse quam Herculem et nos addu- 
cere ut, cum vocalis ille vates mortis vincula solvere non 
potuerit, nunc etiam Herculem e vita discessurum facilius cre- 
damus. ubi igitur poeta a proposito digressus est? 

EI Tee. de, re, cartiorem me fecit Melzerus (p. 20). 
Philologus, Supplementband x, drittes Heft. 26 


388 Aemilius Ackermann, 


Sententia quae ab initio (1031 sq.) legitur, non foede, sed 
commode iteratur 1092. primum enim comperimus Orpheum 
cecinisse aeternum fieri nihil. tum certiores fimus, quantus 
heros Orpheus fuerit, deinde quo tempore cecinerit. cf. etiam 
Melzer p. 27. | 

Versibus autem 1093—1099 extenuari tantum ac debili- 
[811 verba aeternum fiert nihil quis credat? solus versus 1099 
ad 1035 respicit et sine dubio bene respicit. sed cum etiam ex 
ultimo Goebelii argumento appareat eum versus 1093 sq. non 
satis intellexisse paulo accuratius de eis loquar. 

HO 1093: Leges in superos datas 

et qui tempora digerit 

quattuor praecipitis deus 

anni, disposuit vices; 

nulli non avidı colus 

Parcas stamina nectere: 

quod natum est, poterit 117) mori. 
M. Muellerus (l. s. p. 54) agnoscendam esse censuit sententiae 
conformationem hanc: leges in superos datas et vices disposuit 
qui deus tempora digerit anni. mihi verisimile videtur hos ver- 
sus intellegendos esse sie: deus, qui leges in superos datas et 
tempora quattuor praecipitis anni digerit, disposuit vices 6. q.S.: 
quae verba verti velim hoc fere modo: Der Gott, welcher die 
für die Himmlischen gegebenen Gesetze und die vier Zeiten 
des schnell enteilenden Jahres anordnet, verteilte die Rollen. 
So befahl er den Parzen jedem Menschen ein Gewebe gierigen 
Fadens zu knüpfen. Darum muß alles Geborene sterben. recte 
disseruit M. Muellerus de verbis avidi colus. colus est avidus 
sul ipsius consumendi, quia hac re simul hominis vita consu- 
mitur 118). non item bene Muellerus de versibus 1097—99 dis- 


117) Quin poterit (1099) perperam traditum sit, non dubito. 

118) Verba avidi colus sic intellegenda esse negavit Koetschau (Phi- 
lol. N. F. 15 p. 153). neque enim credidit fieri posse, ut colus sui ipsius 
consumendi avidus sit. quam ob rem pro avidi coniecit rapidi. sed hoc 
loco poeta usus est notissima illa figura quam vocant enallagen attri- 
buti. haec autem a poetis saepissime usurpata est. ac perlegas exem- 
pla quae Friedlaenderus ad Martial. I 15, 7 et ad Juvenal. II 170 ad- 
notavit. Statius Theb. V 274 stamina appellat crudelia, sed re vera non 
stamina crudelia, sed Parcae crudeles sunt. praeterea affero Oed. 164, 
Hf. 555, Phaed. 439. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 389 


putavit, quos hoc fere modo verti vult: ‘Gott befahl den Par- 
zen jedem Menschen die Möglichkeit des Todes zu geben. 
Daher wird alles Geborene sterben können’. credidit igitur ver- 
bum poterit (1099) recte tradıtum esse, quod omni probabili- 
tate caret 115). in versibus 1090 sq. legimus Orpheum cecinisse, 
ut desiderium suum coniugis iterum amissae solaretur. sed 
quale est solacium id quod omnes homines mori possunt? 
Orpheo, si de Eurydices morte se consolari volebat, sine dubio 
dicendum erat omnes homines mori necessarium 6556"), 
itaque suo iure Goebelius haesit in voce poterit. sed fere om- 
nes viri docti, qui hunc locum tractaverunt, verbum poterit 
corruptum esse concesserunt. pro poterit coniecerunt N. Hein- 
sius (l. s. p. 537) patitur, Birtius quem Leo secutus est quod 
erit, Richterus (Symbola Doct. Ien. Gym. p. 28) opus est, 
Koetschau (p. 154) toleret. N. Heinsium et Richterum reete 
indicativum praesentis desiderasse mihi quidem persuasum est. 
nec video cur Goebelius orationem directam improbaverit. poeta 
dieit: 
nulli non avidi colus 
Parcas stamina nectere: 
ex quo sequitur: 
quod natum est, (debet) mori. 
Richteri emendatio mihi placeret, si melius cum traditis litte- 
ris conveniret. equidem credo legendum esse properat, quod 
facillime in »poterit depravarı poterat. properat autem bene 
alludit ad verba avidi colus. cum colus sit avidus, homines 
mori properant. atque adiuvant me Tachavi verba haec (Phi- 
lol. 48 [1889] p. 728): wie denn Seneka properare häufig in 
Beziehung auf den Tod gebraucht wie Af. 674, 487 Oed. 129, 
HO 1525, Troad. 1173, Phoen. 99. addere possum Hf. 873 
et 178 151), qui locus aptissimus est: 
dum fata sinunt, vivite laetı: 
properat cursu vita citato 
volucrique die 


119) Muellerus contendit (p. 55) verba quod natum est, poterit mori 
(1099) ai valere atque aeternum fieri nihil (1035), sed omnino verum 
non est. 

120) Hoc recte monuit Koetschau (p. 154). 

21) Vidit primus M. Muellerus (l. s. p. 54). 


26 * 


990 Aemilius Ackermann, 


rota praecipitis vertitur anni; 

durae peragunt pensa sorores 

nec sua retro fila revolvunt. 
si versus HO 1093 sq. cum his conferes magnam similitudi- 
nem deprehendes. in utroque loco legimus verba praeeipitis 
anni, in utroque Parcae commemorantur. itaque cum Hf. 178 
scriptum videamus properat cursu vita citato, mihi proba- 
tur etiam Ὁ 1099 olim exstitisse quod natum est, prope- 
rat mori. am in cantico illo (1031—1130) omnia plana sunt. 

Alium autem locum tentavit Goebelius, cum versus 
163—172 spurios esse statuit (p. 743). verba, inquit, v. 173 sq. 
aptıssıme respondent versur 162, sed nihil eis rei est cum se- 
quentibus versibus (163 sq.), quos etiam multis alüs de causis 
esse respuendos apparet, praeterguam quod. contra lugentium 
naturam pugnant quae, quicumque versus 168—172 excudit, 
chorum Oechaharum virginum amplius dicentem indueit. nam, 
posiquam patriam urbem ab Hercule captam esse atque ever- 
sam pronuntiaverunt, consentaneum erat conticescere ac {μοί 
se tradere, sed non tales ineptias proferre. haec Goebellii ver- 
ba vix digna quae redarguantur facillime refellere potuit Mel- 
zerus (p. 28). 

Peiperus et Richterus cum olim opinarentur fabularum 
harum cantica in strophas dividenda esse saepius nonnullos 
versus spurios esse cogebantur statuere. sed cum nunc inter 
omnes constet strophicam distributionem deprehendi non posse 
hac de re verba facere non opus est. 

De Habruckeri libello (quaestionum Annaeanarum capita 
IV pars II), quem neque bibliothecae neque librarius mihi tra- 
dere potuerint, tantummodo Leonis iudicium referre possum. 
Habruckerus, inquit (1 p. 71), coniecit (p. 47 sq.) fabulae ini- 
tium (1—-232) et finem (1691 sq.) ab alio quodam solido Se- 
necae operi adsuta esse. honoris causa illum nomino et ut 
hanc laudem incolumem habeat. namgque argumenta quae Pro- 
tulit non multum valent nec diffieultatum quas et alıı et nos 
cognovimus ulla coniectura ista eliminatur ; finem vero tragoe- 
diae ponit quo termimari ommino nequit, id quod et ipsum am 
concessurum puto ; denique, quod summum est, pessimam par- 
tem vitiisque refertam Senecae relinquit, quo digna habet Her- 


De Senecae Hercule Oetaeo. 391 


eulis lamenta, indignam Alcmenae de nati religqwiis declama- 
tionem: quae ab uno eodemque profecta esse quovis pignore 
adfirmarim. itaque cum Leo, quamquam ipse Herculem Oetaeum 
indivisam tragoediam esse negavit Habruckeri, argumenta repu- 
diaverit, facilius ferri potest, quod libellum viri doctissimi ip- 
sum non inspexi. 

Quid autem Leo ipse se detexisse opinatus est? qui cum olim 
(I p. 71 54.) crederet post versum 705 non eandem Deianiram 
comparere quae cum nutrice collogquium v. 256 sqg. habuit, 
versus 706 usque ad finem (v. 1996) a reliquae tragoediae auc- 
tore, Seneca scilicet, abiudicavit. nunc autem, cum Birtius 
(p. 511 54.) et Melzerus (p. 15) post versum 705 eandem Dei- 
anıram in scaenam prodire penitus demonstraverint se a vero 
aberrasse Leo coactus est confiteri (G. G. A. p. 7 adn. 1). ita- 
que maximum argumentum viro doctissimo ereptum est. atque 
quamquam concessit priorem et alteram fabulae partem in re 
inter se non dissentire, tamen in virtute poetica prorsus inter 
se discrepare perrexit contendere. et nunc versus 740—1996, 
quos a Senecae arte alienos putavit, spurios esse statuit. sed 
cum argumenta quibus ad tragoediam Senecae abiudicandam 
usus est, omnia a nobis profligata sint, nemini non conceden- 
dum est et ın re et in virtute poetica duas ΘΒ partes plane 
inter se congruere. et si Leo recte dixisset in posteriore plura 
quam in priore cum Senecae usu discrepantia inveniri, id ta- 
men, cum altera pars fere duplo amplius spatium compleat, 
non multum valeret, nam pluribus in versibus etiam plura 
singularia exstare consentaneum est. 

Ipsam priorem partem, quam Senecae reliquit, consensu 
atque unitate carere idem Leo affirmare conatus est. integram 
inquit (I p. 74), de Herculis morte tragoediam seribere Seneca 
an mente non habuit; singulas scaenas scripsit, alteram de vir- 
ginibus ex Oechalia abductis, alteram de Deianirae zelotypia. 
atque opinionem suam probare studuit argumentis his (I p. 73): 
prımum enim dwas scaenas habemus inter se vix cohaerentes: 
siquidem unam fabulam duobus locis agi a Senecae arte cete- 
rum constanter observata alienum est. deinde captivas quae 
v. 155 sq. nondum sciant Trachina an Thebas abducantur, 
v. 233 dudum intrasse Deianirae domum a probabilitate ni- 


392 Aemilius Ackermann, 


mium abhorret; denique quod tantum non singulare est, in se- 
cunda scaena alius chorus inducitur. de primo et tertio Leo- 
nis argumenta iam supra (p. 327) satis superque diximus. secun- 
dum fortasse alicuius momenti esset, si Herculem Oetaeum in 
scaenam productam esse crederemus. sed vel sic haec fabula 
ab Annaeano usu non aliena est. Melzerus enim optime de- 
monstravit (p. 13) solere Senecam in eis quae extra scaenam 
gerantur rebus temporis rationem parum diligenter instituere. 
quamquam exempla quae Melzerus attulit, sufficere videntur, 
tamen pauca ex aliis poetis addere mihi liceat. In Euripidis 
Helena dum chorus tertium canticum canit pugna navalis com- 
mittitur et in Andromacha Orestes Pthia Delphos proficiscitur 
eodem fabulae loco. similis vel maior licentia admissa est in 
Euripidis Electra 133). his igitur Leonis argumentis Herculis 
Oetaei primum et secundum actum inter se discrepare nequa- 
quam probatur. ac ne quis illud proferat quod Richterus edi- 
tor (p. 320) statuit in Hercule altero quattuor personas in 
scaenam procedere, moneo in Agamemnone idem fieri !”**. 
Melzerus, qui recte vidit versus 195 (resoneique malis 

aspera Trachin) et 224 (sed iam dominae -tecta petantur) non 
nisi Trachine ante regiam pronuntiari posse, prologum, post 
quem scaena mutanda sit, cum reliqua tragoedia cohaerere ne- 
gavit (p. 11). Leo autem, cum versus 126 (hac ducet pecudes 
6. q. 8.) et 135 (ad Trachina vocor) legisset, haec verba solum- 
modo in Euboea dici posse statuit (G. G. A. p. 9). quam ob 
rem prologum et priorem cantici partem in Euboea, alteram 
partem Trachine agi credidit. Richterus (cf. edit. p. 324 
adn.) adnotavit: In prologo Euryti regnum in Euboea habes 
(v. 100), tum virgines captae patriam Oechaliam profitentur 
Aetolam (125 sqq.), Joles lamenta Trachine audiuntur ante re- 
giam (v. 195. 224). en diversa primi actus lineamenta! et 
recte quidem statuerunt viri docti prologum in Euboea agi. 
dieit enim Hercules v. 99: 

Sed tu, comes laboris Herculei,. Licha, 

perfer triumphos, Euryti victos lares 

stratumque regnum. vos pecus rapite ocius 


122) Οὗ Lindskog, Studien zum antiken Drama p. 11 adn. 2. 
12-2) Cf. Kiesslingii adnotationem ad Horat., de arte poetica v. 192. 


v 


De Senecae Hercule Oetaeo. 393 


qua templa tollens ora Cenaei Jovis 

austro timendum spectat Euboicum mare. 
huie loco coneinunt verba Hylli (v. 775 sq.), qui matri narrat 
Hereulem pallam illam perniciosam in Euboea prope templum 
Cenaei Jovis induisse. Herculem igitur in Euboea versantem 
poeta indueit. chorus autem iam alibi est. legas v. 125: 

iam gelidus Dolops 

hac ducet pecudes qua tepet obrutus 

stratae qui superest Oechaliae cinis. 

110 Thessalicus pastor inops loco 

indocta referens carmina fistula 

cantu nostra canet tempora flebili ; 

et dum pauca deus saecula contrahet, 

quaeretur patriae quis fuerit locus. 

felix incolui non steriles focos 

nec iejuna soli iugera Thessali: 

ad Trachina vocor, 6. q. 8. 
apertissimum est chorum non ad Oechaliam Aetolam, sed apud 
Oechaliam Thessalam versari. dieit enim perspieue felix ın- 
colui wungera sov 1 ἢ 6 8 5 α 1 et illo loco (sc. quo olim Oecha- 
lia stetit) Thessulicus pastor nostra tempora canet et 
hac qua nunc Oechalia obruta iace, Dolops pecudes ducet. 
Dolopes autem in Thessalia sedes habebant 135). 

Iolen paulo post ante Deianirae domum Trachine loqui 
iam supra (p. 392) diximus. is qui etiamnunc contendet Hercu- 
lem Oetaeum ita scriptam esse, ut in scaenam produci possit, 
satis fatuus est. sed forsitan quispiam dixerit cum prologus 
in Euboea, cantici primi pars prior in Thessalia, pars altera 
Trachine agatur, male inter se has scaenas cohaerere. re vera 
autem prologus et duae cantiei partes artissime inter se cohae- 
rent. in prologo enim Hercules de rebus gestis gloriatur atque 
narrat se Euryti regnum perdidisse. tunc chorus in scaenam 
procedit et de patria urbe ab Hercule deleta querelas facit. 
itaque in re ipsa canticum cum prologo consentit atque con- 


. 158) Itaque poeta dieit in prologo Oechaliam Euboicam, in cantiei 
priore parte Oechaliam Thessalam ab Hercule eversam esse. cf. Har- 
der 1. s. p. 452. 


394 Aemilius Ackermann, 


cordat. neque quae lole dicit discrepant cum antecedentibus 
verbis. incipit enim his a versibus: 
At ego infelix non templa suis 
conlapsa deis sparsosve focos, 
natis mixtos arsisse patres 
hominique deos, templa sepulchris, 
nullum querimur commune malum: 
alio nostras fortuna vocat 
lacrimas, alias flere ruinas 
Me fata iubent. 
nonne apertissime [016 ad antecedentia chori verba respicit ὃ 
chorus collapsa templa et interfectos homines questus est. at 
Iolae non hac de re, sed de sua fortuna lamentandum est, 
nam regis filla nunc captiva et paelex facta est. iam vides 
Herculem, chorum, Iolam ita loqui velut si scaena omnino 
non mutetur. quomodo autem hoc fieri potuit? Hercules 
Oetaeus non fabula ἀγωνιστικὴ est, sed δρᾶμα ἀναγνωστιχόν. 
nunc scaena mutanda, nunc duplex chorus, nunc quarta per- 
sona, nunc multitudo versuum satis habent excusationis cf. su- 
pra p. 327 sq. et infra p. 412. nec iam dici potest nimium a 
probabilitate abhorrere captivas, quae v. 135 nondum sciant 
Trachina an Thebas abducantur, v. 233 dudum intrasse Dei- 
anirae domum. neque offensionem praebet quod poeta dum no- 
naginta chori versus decurrunt (70 1518—1606), ingentem 
rogum exstructum et Herculem crematum esse finxit !?*). nunc 
tolerabile est quod palla illa media in scaena ac luce Nessi 
sanguine illinitur tenebris tegendo!?°). atque intellegere possu- 
mus Deianiram, quae nutrici dicat (v. 475): 
sed te per omne caelitum numen precor, 
per hunc timorem : quiequid arcani apparo 
penitus recondas et fide tacita premas, 
a choro non item taciturnitatem postulare. quod Sophocles, 
cuius fabulae in scenam producebantur, sibi non indulsit, cf. 
Trach. 596: μόνον παρ᾽ ὑμῶν εὖ στεγοίμεϑ᾽. ὡς σχότῳ 


χἂν αἰσχρὰ πράσσῃς, οὔποτ᾽ αἰσχύνῃ πεσεῖ 126). 


154) Hoc vituperavit D. Heinsius (ap. Ser. p. 325 sq.). 
125) Θυοᾶ offendit Melzerum (p. 6 sq.). j 
126) Teo tunc, cum putavit Deianiram non innocentem Nessi fraude 


14 


De Senecae Hercule Oetaeo. 395 


nunc id quoque feremus quod moriturus Hercules dilaceratus 


in scaenam prodit ibique paulatim veneno succumbit 157). ita- 
que neminem non concessurum spero Herculem Oetaeum esse 
δρᾶμα Avayvworınöv. fortasse autem poetae ignosci non vis 
quod in eadem fabula Oechaliam HEuboicam cum Oechalia 
Thessala confudit. sed hic error non tantus est, quantus vide- 
tur. narrabant enim antiqui de Oechalia 'Thessala idem ac de 
Ochalia Euboica. legas Eustathium (ad Iliadem ed. Lipsiae 1827 
p. 242): δῆλον δὲ ὅτι Εὔρυτον βασιλέα Οἰχαλίας οἱ μὲν τῆς 
Θετταλιχῆς εἶπον, οἱ δὲ 6. 4. 5. idem iam Strabo commemorat 
(VIII p. C 339). atque iam supra (p. 339) vidimus Senecam 
nonnumquam cum se ipso discrepare. in una Oedipode fabula 
dieit Laium ferro (v. 1034) et stipite (v. 769) necatum esse. 
plura eiusmodi exempla collegit Harderus (l. 5. p. 451 sq.). 
itaque etiam haec discrepantia a Senecae arte tragica non alie- 
na est. 

Sequitur ut consideremus argumenta Tachavi, qui versus 
104—172 spurios esse studuit probare (Philol. 46 p. 378 sqq.). 
quia enim primos versus (104—106) non satis intellexit, sen- 
tentiarum progressum versibus 107’—117 turbarı eredidit. ver- 
tit autem 104 —106 sic: ‘Wer bis an sein Lebensende glück- 
lich ist, ist den Göttern gleich; dem aber ist das Leben ein 
langwieriger Tod, wer es verseufzen muß.’ at ante Tachavum 
iam Birtius rectissime vidit (p. 534) vertendum esse hoc fere 
modo: ‘Wer zugleich mit dem Glück auch das Leben verliert, 
ist den Göttern gleich; für den aber, der das Leben unter 
Seufzen langsam dahin schleppen muß, ist es dem Tode gleich.’ 
hoc poeta confirmat versibus 107”—110: ‘is, inquit, qui mor- 
tuus est, quicgquam mali noniam perpeti potest’. itaque versus 
107—110 optime cohaerent cum antecedentibus 123). nec locum 
111—118 Tachavus intellexit. dixit enim chorum laudare eum 
qui post cladem gravem acceptam se ipsum vita privet. quare 


captam, sed mendacem et dolosam feminam esse, chorum consulto ab 
ea neglegi et decipi contendit. dixit enim (I p. 72) nec quod nutrice 
absente Amori preces fundit (sc. Deianira), id ex animi illam sententia 
ἴω Ku adstant enim mulieres quas sibi ex patria comites duxerat 
v. 581). 

7) Hoc loco Birtium (p. 529) sequor. 

1:8) Quam ob rem non per stolidam imitationem ex Troadibus ex- 
pressi sunt dicendi. cf. supra p. 337. 


906 Aemilius Ackermann, 


aegre tulit quod virgines in cantici fine non consilium capiunt 
se ipsas interficiendi. re vera autem chorus eum celebrat qui 
in ipsa clade accipienda mortem non fugit. et haec sane alia 
Ὁ res est. virgines eo tempore quo Hercules Oechaliam expugna- 
vit mortem neque fugerunt neque nactae sunt. itaque apte 
dieunt 125) (v. 121): 

nos non flamma rapax, non fragor obruit: 

felices sequeris, mors, miseros fugis, 

stamus 6. 6. 8. 
stare ıdem sonare ac vivere contenderunt Birtius et Melzerus 
(ρ. 11), negavit Tachavus. qui vir doctissimus non recte dixit 
stare semper idem significare quod vigere vel florere. conferas 
enim Valer. Flacc. VII 353 nec notis stabat (= erat) conten- 
ta venenis (sc. Hecate). 

Denique Tachavus haesit in versu 143. sed ipse concessit 
hunc versum si cum Leone post 150 traicimus offensioni non 
esse. itaque versus 104—172 Herculis Oetaei auctori relin- 
quemus. 

Jam poscit nos Melzerus. hie vir doctissimus statuit Her- 
culem Oetaeum fabulam a poeta breviter delineatam, non abso- 
lutam et perpolitam esse. composuisse eum singulas scaenas, 
antequam de totius fabulae consilio et ordine satis ei consta- 
ret, nam et plures inveniri eiusdem consilii scaenas et male 
cohaerentes et inter se pugnantes neque dubitandum videri 
quin Seneca si extremum perpoliendi operis laborem adhibuis- 
set, gemellis locis deletis in solitum versuum numerum tragoe- 
diam fuerit contracturus (p. 3 et p. 13). ac primum quidem 
dicendum est de eis scaenis, quas bis in ΠῸ exstare Melzerus 
deprehendisse sibi visus est (p. ὃ sqq.). comparavit autem Π 
256 sqq. cum 410 sqqg., quia aegre tulit, quod Deianira et 
v. 200 sq. et v. 435 sq. de interficiendo marito cogitat 1?°). 
sed ego non video cur Deianira bis de eadem re loqui non 
possit. atque commode Leo contra dixit (G. G. A. p. 8): ‘In 


122) Hoc negavit Tachau. 

130) Prius necis consilium a Deianira haud aperte significatum esse 
Melzerus perperam contendit. quid enim hac re apertius esse potest ὃ 
Deianira dieit 
v. 305 qui dies thalami ultimus 

nostri est futurus, hic erit vitae tuae. 
cf. etiam v. 330. 


De Senecae Hercule Oetaeo, 397 


der großen Scene mit der Amme liegt es durchaus im Gange 
des geschilderten Affekts, daß der zu Anfang das Weib be- 
herrschende Mordgedanke durch die Reden der Amme, die ihn 
scheinbar dämpfen, wieder angefacht wird.’ hoc igitur bene 
est. nec vituperare debuit Melzerus quod Deianira in poste- 
riore loco propalam dieit se Herculem necare in animo habere. 
iterum enim recte contendit Leo (]. s.): ‘daß Deianira den Her- 
kules hatte töten wollen, konnte Seneka nicht deutlich genug 
ausmalen, da es den späteren unabsichtlichen Mord vordeutet’??'). 
deinde Melzero displicuit quod nutrix bis ab iisdem verbis 
(perimes maritum) incipit loqui (v. 315. 436). iam tertium 
Leo auxilio mihi vocandus est. qui vir doctissimus recte vidit 
haec verba in versu 315 prorsus aliter accipienda esse quam 
in v. 436. priore enim loco (perimes maritum cwius 6. q. 5.) 
poeta sententiam relativam efferri vult, posteriore vocem mari- 
tum, quod ex Deianirae responso (paelicis certe meae) aperte 
elucet. denique Melzerus contendit extrema Deianirae verba, 
quibus ampliori orationi finem faciat, simile praebere argu- 
mentum: languere dolorem eam sentire et ut servet impetum, 
se adhortari (v. 307 sq. v. 434/5). cum Melzero obloqui super- 
fiuum esse Leoni visum sit!??), pauca mihi contra dicenda sunt. 
de priore loco (v. 307 sq.) Melzerus recte disseruit. sane Dei- 
anira cum dolorem mitigari animadvertat, se admonet ut ani- 
mi violentiam integram habeat. sed haec admonitio frustra 
est, nam lenior ae placidior fit Deianira, quod Melzerus ipse 
concessit (p. 3). itaque in posteriore loco non sentit dolorem 
languere, sed scit dolorem languisse et se non adhortatur ut 
servet impetum, sed ut recuperet 135). 

Porro Melzerus inter se componi voluit versus 845 sq., 
8585q., 863sq.; offendit autem in eo, quod Deianira ter ferrum 
eligit, ter improbat et bis (v. 846/47. 870) similis causa cur 


131) Haec Leonis verba nemo non mirabitur. is qui statuit versus 
740 564. spurios esse, hoc loco dixit Senecam Deianiram de Herculis 
nece tam aperte loquentem fecisse eo consilio, ut hanc ad rem, quam 
actam esse postea (v. 742 sqq.) audimus, animos praepararet. 
4822) Dies, inquit, schien mir eines Wortes wert zu sein; die übrigen 
„ Wiederholungen“ nicht. 

188) Ac Melzerus iam cognovit cur poeta eandem rem bis tracta- 
Be quod cum nos sciamus omnino verum non esse inutile est con- 
siderare. 


398 Aemilius Ackermann, 


ferrum improbetur additur 155). vir doctissimus anımum huma- 
num non satis novit; constat enim homines ira perquam con- 
citatos eam rem, in qua haerent, iterare solere. ac revoco te 
ad Octaviae locum, de quo supra (p. 349) locutus sum. ridieu- 
lum mihi quidem videtur argumentum hoc: accessit, quod et 
Vergili locus Didonis mortem describentis (Aen. IV 494) et 
Horati Od. III 27,37 (levis una mors est = HO 866) ani- 
mum scribentis movebant. credidit igitur Melzerus Senecam, 
quem Herculem Oetaeum scripsisse non negat, tam imbecil- 
lum ac stolidum poetam fuisse, ut quia verbis Vergilianis et 
Horatianis locum dare voluit eandem rem bis vel ter tractare 
cogeretur. quis credat praeter ipsum ? 

Alias rerum repetitiones Melzerus repperit in versibus 
884sqgq., reprehendit autem quod ter eadem sententia ab Hyllo 
profertur errorem culpa vacare (885sq. 90084ᾳ. 983) et bis 
legitur voluntaria morte Deianiram ipsam de se fateri (889. 
898) et bis Deianira dicit voluntaria morte innocentiam pro- 
bari (890. 899). sed mihi maxime consentaneum videtur Hyl- 
lum semel iterumve idem dicere. Deianirae certum ac decre- 
tum est mortem sibi asciscere et cum Hylli verbis aurem non 
praebeat, hic facere non potest, quin eadem verba saepius pro- 
ferat. atque cum Hyllus bis dicat Deianiram voluntaria morte 
se ıpsam scelere commisso arguere, etiam bis Deianira respon- 
det voluntaria morte innocentiam probari. opinionem suam 
Melzerus eo affırmari voluit, quod contendit iustam senten- 
tiarum seriem versibus 895/96 male interrumpi et verba qui- 
bus Hyllus sperari posse dieit etiam ex hoc certamine Hercu- 
lem ut soleat vietorem discessurum esse (v. 911sq.) melius legi 
post eos versus, quibus vivere adhuc illum Hyllus pronuntiet 
(v. 893/94). si in loco aliquo contextus dicendi intermittitur 
verisimile est locum male traditum esse. itaque correctura 
hic locus Melzero sanandus erat. iam multis annis ante Mel- 
zerum Birtius vidit (p. 540) in versu 897 pro virum sequeris 
scribendum esse virum seguaris. ac sane recte Birtius emen- 
davit, habeo enim similem locum, quo Phaedra dieit (Phaed. 
254) virum seguamur, morte praevertam nefas. nec de Hylli 


184) Talia tolerabilia esse Melzerus ipse contendit p. 29. cf. supra 
p- 341 


De Senecae Hercule Oetaeo. 399 


verbis quicquam veri statuit Melzerus. cum Deianira in versu 
892 dieat vitam relinquere et Alciden sequi in animo se ha- 
bere, Hyllus apte respondet ei non sequendum esse virum qui 
nondum mortuus sit. in versibus 910/11 Deianira, quia Herculis 
neeis culpam sibi attribuit, de se interficienda cogitat. iure oblo- 
quitur Hyllus: ‚tibi culpa ulla omnino non attribuenda est, 
nam Hercules non morietur, sed malum vincet atque ipse vi- 
vet‘. itaque utroque loco Hylli verba optime cum antece- 
dentibus conveniunt. ideo perperam dixit Melzerus his rebus 
certe effieitur, ut haud ıta bene singula dısposita esse putemus: 
seripsit wimirum poeta, ut quaeque cogitantı se obtulerunt. 

Idem Melzerus haesit in versibus 970—1002. γὴν enim, 
inquit (p. 5), ferri potest, quod post lonyas ıllas de mortis 
genere dubitationes denuo Deianıra eodem revolwitur. quue δῖ 
sola leguntur, optima sunt, si post ılla (845 5q.) legentes defati- 
gant. Utrum hoc recte dixerit necne sane dubium est; nam 
alıı eisdem rebus delectantur, quae 8111 fastidiunt. cur autem 
poeta Deianiram ita conquerentem induxerit infra (p. 412) 
dixi. et id quod vir doctissimus contendit versus 970—1002 
non apto loco collacatos esse ad irritum redegi p. 404 sg. 

Melzerus etiam aliıam scaenam bis elaboratam se inve- 
nisse credidit. comparavit enim versus 1131sqg. cum 1336 sqgq. 
et iudicavit sic: priorem scenam scripsit Sophoclem secutus qui 
solum fecit Herculem lamentantem. mox in cogitationem inci- 
dit optimam novandı aligquid praeberi occasionem Alcmena in 
scenam missa. Itaque posteriorem composwit. Sed ingenio 
quamvis uberrimo in ılla scribenda exchausto, quwid adderet novi, 
non habwit. iam vir doctissimus novem locos in priore scena 
exstantes cum novem quae in posteriore inveniuntur conferri 
voluit non cognoscens, quibus causis impulsus poeta Alcmenam 
dolentem in scaenam produxerit. nonnullos locos inter se simi- 
les exstare mihi consentaneum ac necessarium esse videtur. 
conferas autem quae hac de re infra (p. 412) exposui. 

Canticum (v. 1518sggq.) duas inter se simillimas partes 
continere Melzerus satis fortiter contendit (p. 6), tamen om- 
nino id verum non est. virum doctissimum si legere potuisset, 
quae Leo contra dixit (G. G. A. p. 8/9) hoc argumento non 
usurum fuisse verisimile est. 


400 Aemilius Ackermann, 


Item falso credidit (p. 10) poetam locum (v. 1758—1831) 
postea (v. 1840—1939) iterum tractavisse!?°). dixit autem a 
versu 1840 tamquam de novo Alcmenam ordiri lamentari et 
multa 13%) hic repeti, quae iam antea legantur. quod si Melzerus 
reputasset, quid omnino sibi velit Hercules Oetaeus fabula, 
hoc argumentum non protulisset (cf. infra p. 412). 

ΗΟ 51 ın E traditum est pars quota est Perseus mei?, 
in A pars quota est quam prosequor?. adnotavit Melzerus 
(p. 12) In tanta lectionum diversitate num alteram ex altera 
ortam esse putabimus ? mimime vero: neque enim errore oriri 
potuit, cum utraque optimum praebeat sensum nequwe scribae 
emendatione, cum non esset, cur emendaretur aut cur sie emen- 
daretur. Sed ita, ni fallor, res se habet: scripsit Seneca pri- 
mum: ‚pars quota est Perseus mei?‘ fortasse postea locum illu- 
straturus pluribus exemplis additis. Cum autem procedente 
opere eo pervenisset, ubi eos enumerare placuit, qui minoribus 
virtutibus caelestem sedem meruerunt, Apollinem, Bacchum, Per- 
seum (v. 92 5q.), priora respiciens delevit illa verba, apposuit : 
‘pars quota est guam prosequor 2’ 159) haec Melzeri verba in dul- 
cedinem fabulae composita sunt, sed a vero satis abhorrent. co- 
dices deteriores non solum depravati, sed etiam interpolati sunt. 
atque auctor lectionis A non scriba stultus, sed homo doctus 
erat, quod (ante Melzerum) iam Leo cognovit (I p. 1sq.). nec 
Melzerus potuit intellegere, cur auctor lectionis A hunc locum 
emendaverit. sed constat eos versus emendari solere qui cor- 
rupti sunt. itaque in eo exemplari, quod interpolator ante oculos 
habebat, hie locus depravatus erat. haec res num nimis mira est? 

Aegre id quoque tulit Melzerus, quod vidit Herculem bis 
(v. 30. v. 52sq.) dicere: mundum exhaustum Iunoni feras ne- 
gare in se mittendas. hanc ob rem poetam non vituperandum 
esse, infra (p. 411) explicavi!?”). 


135 


) Melzerus etiam vidit qua de causa poeta eandem rem bis trac- 
taverit: etenim, inquit, ingenium satis fecundum nondum exchauserat, sed 
multa et praeclara, quae diceret habebat. haec multa et praeclara con- 
stant ex sex versibus a Melzero allatis. 

136) Sex inter se similes locos invenisse sibi visus est. 

1366) Verba pars quota est quam yprosequor a Seneca, qui creticos 
non coalescentes perraro in trimetri fine posuit (cf. supra p. 349), pro- 
fecta esse veri dissimile est. 

151) Coloris inferendi causa Senecam falso bis idem scripsisse Mel- 
zerus credidit. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 401 


Proximum est, ut consideremus, quibus de causis Melzerus 
dixerit inveniri in Hercule Oetaeo nonnulla quae parum inter 
se coneinant (p. 654.). illud primum argumentum, quod media 
in scaena palla Herculi mittenda Nessi sanguine illinitur 
(v. 565/66), iam supra (p. 394) refutavimus. et corruptum ac 
lacunosum locum (v. 715sq.) quisgquam cum Melzero argu- 
mentum putabit ? praeterea viro doctissimo displicuit, quod 
non satis apparet, utrum forte casuque, ut in Sophocle, an 
praesagiente animo ut rem experiatur Deianira vellus, quo 
vestem Herculi missam tinxerat, solibus exponat. sed hoc ar- 
gumentum idem est atque antecedens, nam loci corruptione fac- 
tum est, ut hanc rem nesciamus. 

Etiam in Hylli moribus describendis poetam certum con- 
sılium aut non habuisse aut non tenuisse idem Melzerus con- 
tendit (p. 7). haesit enim in eo, quod Hyllus praesente matre 
paulo plaeidioribus verbis quam absente ea utitur (ef. v. 914 so. 
et v. 1027sq.). sane concedo Hyllum antea (v. 914) dixisse 
matrem suam cum Nessi fraude decepta sit scelus non com- 
misisse. contra in versibus 1027 54. sie loquitur: 

o misera pietas: si mori matrem vetas, 

patri es scelestus; si mori pateris, tamen 

in matre peccas — urget hinc illinc scelus. 

inhibenda tamen est, verum ut eripiam scelus. 
tamen non recte Melzerus aduotavit pulcherrimus hie locus 
esset, sı scelere matris patrem mori Hyllus putaret ; nunc inep- 
tissimus est, cum Nessi fraude illum iacere sciat. legas Hylli 
verba (v. 1030): 

inhibenda tamen est, verum ut eripiam scelus, 
ex quibus elucet Hyllum voluntariam Deianirae mortem maius 
scelus putare quam Herculis necem a Deianira commissam. 
postea Hyllus dieit (v. 1421): scelere materno hie perit, Fraude 
ılla capta est. ergo Hyllus quamvis probe sciat matrem fraude 
deceptam esse, tamen facinus eius appellat scelus. in Hercule 
furente Hercules amens liberos et coniugem necat. et Amphi- 
tryon quamquam privignum suum furore impelli vidit (ef. 
v. 952 sqgq., 973sqq., 991 544.), tamen in versu 1004 Herculis 
factum scelus appellat : 

scelus nefandum, triste et aspectum horridum. 


402 Aemilius Ackermann, 


idem Amphitryon dieit v. 1200: 
Luctus est istic tuus 
crimen novercae: casus hic culpa caret 
et v. 1237: Quis nomen usquam sceleris errori addidit ὃ 

guamquam ipse addiderat. itaque Amphitryon idem facit quod 
Hylius, nam Hercules cum furat facinus eius scelus appellat, 
cum autem Hercules animi compos sit, errori nomen sceleris 
addendum non esse dieit. ac revoco Melzerum ad se ipsum 
(p. 28): ıta enim, inquit, solebant veteres indicare, qui ex facto 
et deorum numine nullam putabant sceleris esse excusabionem. 

Aliam atque maiorem discrepantiam in Η Ὁ admissam esse 
ıdem vir doctissimus statuit verbis his (p. 7): Quoniam enim in 
Oeta moriturus Hercules scena elatus erat, duabus omnino ra- 
tionibus fabula continuari ac finiri potwit: aut narranda erat 
Herculis mors et apotheosis aut ipsi erat in ϑεολογείῳ apparen- 
dum. utrumque in Hercule Oetaeo fieri videmus. quae si Mel- 
zerus recte dixisset, poeta sane vituperandus esset. sed re vera 
Herculis apotheosis omnino non narratur. in versibus 1607 — 
1757 nuntius nusquam huius rei mentionem facit. quam ob 
rem vir doctissimus nobis probare conatus est in ea lacuna, 
quam Leo post versum 1754 statuit, Herculis consecrationem 
olim narratam fuisse. quod ut demonstraret attulit versus 1645, 
1703, 1709, 1725, 1603, 1610—16. singulos locos tractare 
non opus est, nam alteri!?®) prorsus nihil valent!??), de alteris 
infra (p. 410 sq.) disputavi. recte statuit Melzerus hoc Sed aut 
combustum et mortuum esse Herculem dicendum erat aut ipso ex 
solo ad astra illum ascendisse. itaque satis bene viri doctissimi 
. argumenta refellam, si demonstrabo nuntium (1. 6. Philoctetam) 


138) Οὗ, verba Leonis (G.G. A. p. 9): ‘Aber dazu muß er annehmen, 
daß der verlorene Schluß des Botenberichts die Apotheose enthalten 
habe; während alles vorher und nachher, das Gespräch des Boten mit 
dem Chor wie die Klagen Alkmenes und die Erzählung selbst, nichts 
enthalten, als daß Herkules mit unerhörter Tapferkeit den Tod erdul- 
det hat. Die Apotheose haben die Menschen nicht gesehen’ 6. ἃ. 8. 

189) HMO 1603: chorus diecit: 

laeto venit ecce voltu 
quem tulit Poeans umerisque tela 
gestat et notas populis pharetras, 
Herculis heres. 
Melzerus quaerit An laeto voltu Philoctetam ab Herculis funere venturum 
esse putamus (v. 1603), nisi victor ignes evasisset heros? sed in propatulo 
est Philoctetam eo gaudere quod Herculis sagittas hereditate accepit. 


De Senecae Hercule Oetaeo, 403 


apertissime dicere Herculem mortuum esse. quaerit chorus 
v. 1607: 
Fffare casus, iuvenis, Herculeos precor 
voltuque quonam tulerit Alcides necem. 

respondet nuntius quo nemo vitam. supplendum igitur est 
Hercules eo vultu necem tulit quo nemo vitam. itaque apertissime 
Philoctetes Herculis mortem narrat, quod Melzerum nune con- 
cessurum spero. ipse iam hunc locum vidit et adnotavit quod 
autem chorus primis verbis Philoctetam interrogat ‚quonam vultu 
tulerit Alcides necem (v. 1608)’, non obstat hwic opinioni. miram 
enım rem suspicari non potest. praeterea vel ideo ita interrogart 
volwit Seneca, ut responderi possit egregie (v. 1609): ‚quo nemo 
vitam’. lubenter concedo eo, quod chorus illo modo interrogat, 
nihil probari; sed Philoctetae responso probantur omnia. acce- 
dit quod chorus suspieari potuit Herculem in caelum recep- 
tum esse. est enim suspicatus in versibus 1564 8566. et v. 1595 qq. 
dubitavit, utrum Hercules in caelum an ad inferos ierit. quin 
etiam Senecam coloris expingendi causa inducere nuntium plane 
falsa narrantem Melzerus videtur contendisse, quod tamen ne- 
minem umquam approbare credo. nec magis Melzero fides 
habenda est cum dixit Denique quod non ante omnia inter deos 
receptum esse Herculem nuntius pronuntiat, inde factum esse 
videtur, quod totum Senecae animum occupaverat color ille: inter 
labores Herculeos ignem quoque abisse. an Senecae animus ita 
mediocris erat? sine dubio Melzeri argumenta nonnumquam 
satis mira sunt et quamquam huic rei obloqui operae non pre- 
tium esse videtur, tamen infra (p. 410) pauca verba de hoc 
argumento feci!?°). 

ΗΟ 1831sgq. Hyllus per octo tantum versus loguitur. 
quare Melzerus dixit (p. 10) Quae vero media leguntur Hyllı 
et Alcmenae verba (v. 1831—9), ipsa quoque scenam facrunt 
aut non perfectam ab auctore aut misere traditam. Pauca 


_ enim haec Hylli verba non sufficiunt. Sed etiam si excidisse 


quaedam, ut supra dieimus (p. 9 adn.), putemus, male haec 
cum ultima fabulae scena concinunt, in qua, quamquam non 
est, cur exisse Hyllum ewistimemus, nullus respiceitur : at prae- 


140) Sex illas causas quibus commotum Senecam Herculis apotheo- 
sim descripsisse Melzerus putat, noniam opus est considerare. 


Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 27 


404 Aemilius Ackermann, 


sentem filium neglexisse divum patrem υἱῷ par est. utrum 
pauca Hylli verba sufficiant necne, in dubio relinquo, nam cer- 
tum est post versum 1839, qui cum sequenti omnino non cohae- 
reat, lacunam exstare. atque in ultima scaena Hyllus sine 
dubio adest. ante versum 1940 in Εἰ legimus inscriptionem 
vox Herculis et dem (sc. Alcmena, Hyllus), in A Hercules 
Alcmena. Melzerus saepius eo peccavit quod lectiones E et A 
idem valere credidit. Hercules autem Hyllum non compellat, 
quia ei iam non cum filio sed cum matre verba facienda 
sunt!*'). venit enim quasi deus ad terras, ut dieat (v. 1972): 

praesens ab astris, mater, Alcides cano: 

poenas cruentus iam tibi Eurystheus dabit; 

curru superbum vecta transcendes caput. 

me ıam decet subire caelestem plagam: 

inferna ΥἹΟῚ rursus Alcides loca. 

Scaenas vero male inter se cohaerentes in HO bis inveniri 
Melzerus opinatus est. statuit auiem hoc (p. 5): adde quod ne 
loco quidem apto collocata sunt (sc. haec verba). nam v. 936 
— 963 ad inferos iam descendisse Deianira sibi visa est, poe- 
nam sociasque δὲ elegit, neminem suis parem inveniri dolmit. 
haec optime continuarentur v. 1002 sq., quibus furias praesentes 
se videre opinatur. v. 964—970 eo nimirum consihio insert 
sunt, ut de morte iterum verba possent fieri, cum eis, quae ante- 
cedunt, vix cohaerent. primum igitur vir doctissimus dixit ver- 
sum 963 optime continuari versu 1003, deinde versus 964— 
970 tantum insertos esse. fortasse per lapsum calami scripsit 
970 pro 1003, sed non satis certus sum. non invitus concedo 
et v. 936sq. et v. 1003sq. Deianiram de inferis loqui, sed inter 
hos duos locos magna est differentia. priore enim loco scele- 
rati homines, qui apud inferos poenas dant, enumerantur, po- 
steriore ei nobis ante oculos proponuntur, qui poenas accipiunt. 
atque utroque loco Deianirae verba plane cum antecedentibus 
congruunt. postquam nequissimarum mulierum mentionem 
fecit dixitque (v. 962): 

in hanc abire coniugum turbam libet; 
sed et illa fugiet turba tam diras manus, 


141) Hyllus, quem divus pater non appellet, loqui non audet. 


De Senecae Hercüule Oetaeo. 405 


se re vera minus noxiam feminam esse quam illas bene affır- 
mat verbis his (v. 964): 

inviete coniunx, innocens animus mıhi, 

scelesta manus est. 6. q. 8. 
in vss. 984 sq. Deianira a filio necem petit. atque cum dixe- 
rit (1000): 

patet ecce plenum pectus aerumnis: feri. 

scelus remitto, dexterae parcent tuae 

Eumenides ipsae 
aptissime ei in mentem venit ipsi furias instare poenas acci- 
pientes. 

Prologum, post quem scaenam mutandam esse censuit, cum 
religua tragoedia non cohaerere Melzerus perperam contendit 
(p. 10sq.). sed quomodo haec res se habeat, iam supra satis 
superque explicavimus (p. 992 sq.). vidimus enim Herculem 
Oetaeum esse δρᾶμα λεχτικών. contra dicet aliquis hac re satis 
demonstrari Herculem Oetaeum a Seneca, qui tragoedias non nisi 
populo spectandas scripserit, esse abiudicandam. quid Leo de 
Phoenissis ? taquwe, inquit (I p. 82), hanc scaenam non seripsit 
Seneca eo consilio, ut solidam inde tragoediam faceret nec populo 
spectandam nec amicıs audiendam, verum ut aptum declamationi 
suasoriae!*?) argumentum, Iocastam scilicet filios suos ab ultımo 
discidio dehortantem, versibus tractaret. 81 Seneca hanc scaenam 
neque spectandam neque audiendam scripsit, legi eam voluit. 
simili consilio ac Phoenissas Herculis Oetaei scaenas Leo, cum 
versus 1—-740 tantum genuinos agnoverit, originem debere 
statuit (1 p. 82). versibus 1—740 continentur actus primus, 
secundus, tertii prima scaena. supra vidimus (p. 393sq.) hos 
actus nequaquam inter se discrepare. si igitur Leo concessit 
Senecam scaenam unam vel tres actus tragoediae in usum lec- 
tionis scripsisse, etiam concedere debet Senecam tragoediam 
legendam totam dare potuisse. sed fuerunt qui totam Hercu- 
lem Oetaeum fabulam spuriam iudicarent. atque hi fortasse 
argumentum esse volent, quod 70 in scaenam produci non po- 
test. sed certe a Graecis poetis δράματα ἀναγνωστικά seripta esse 
inter omnes constat (cf. Griech. Litteraturgeschichte ed. Christ ὅ 


=), Cr. Leo @.G.A. p. 6 ad '2. 


406 Aemilius Ackermann, 


p. 279). utrum poetae Komani tales fabulas fecerint necne, 
non satis certo scimus. et quamquam Birtius mihi penitus 
probavit (p. 528sq.) Senecae tragoedias in scaenam produci 
non posse, tamen Schanzius nuperrime (a. 7901) in litterarum 
Romanorum historia (II 2 p. 52) contrarium contendit. itaque 
anquirendum est, num in Senecae tragoediis ipsis indieia in- 
veniri possint, quibus affirmetur eas in scaenam produci non 
posse. atque affero Leonis verba haec: ‘Immerhin beweisen auch 
bei dieser verschwindend geringen Teilnahme des Chors an der 
Handlung die Scenen, in demen der Chor mit einer Person 
redet oder Wechsellieder singt, dass auch in diesen Stücken 
Chor und Schauspieler auf gleichem Boden agieren. Senekas 
Stücke sind, gleichviel ob für Aufführung bestimmt oder nicht, 
für die römische Bühne gedacht, die für Chor und Schauspieler 
Platz hatte; sie könnten natürlich auch vor dem hellenischen 
Proskenion gespielt werden’ (cf. Mus. Rhen. 52 p. 513). sicum 
Leone statuimus Senecae tragoedias in scaenam produci posse, 
etiam credendum est chorum partes suas egisse eodemque 
loco quo histriones versatum esse. atque revoco te ad Phae- 
dram Annaeanam. iam -mirabile est, quod nescimus, utrum 
chorus ex mulieribus an e viris constet!*°). sed alia sunt magis 
mira. legas haec (v. 824): 

Quid sinat inausum feminae praeceps furor ? 

nefanda iuveni crimina insonti apparat. 

en scelera! quaerit crine lacerato fidem, 

decus omne turbat capitis, umectat genas: 

instruitur omni fraude feminea dolus ?*). 
chorus igitur Phaedrae facinus damnat, contra in Hippolytum 
benevolus est, quod ex versibus quoque 821sq. aperte elucet. 
atque hic idem chorus, qui Phaedrae delietum scelus appella- 
vit, adest in ea scaena, qua Phaedra Theseo narrat se ab 
Hippolyto vi affectam esse. quid facit chorus? nonne Hippoly- 
tum defendit? immo vero omnino nihil diecit, silentio contentus 
est. idem chorus, quamquam Hippolytum favore amplectitur, 
tacet, cum Theseus a Neptuno tristissimum illud donum petat. 


148) Of. Leo (l. s. p. 411 adn. 3). 
144) Jd quod chorus hoc loco de rerum progressu refert Leo ipse 
‘Stilwidrigkeit’ dixit (l. 5. p. 512 adn. 3). 


δε να οὐδε το ἕο ἀντ τ FWETTTRE 


De Senecae Hercule Oetaeo. 407 


hie chorus, qui semper silentium tenet, cum lingua uti maxime 
necesse sit, num partes egerit in tragoedia eodemgque loco ste- 
terit atque histriones? fac te esse spectatorem. audivisti cho- 
rum nonnumquam cum histrionibus locutum esse (cf. v. 358. 
404). audivisti eum deos rogavisse, ut Hippolytum tutarentur 
(cf. v. 821). audivisti eum Phaedrae factum valde vituperare 
(ef. v. 824sgg.). cum autem res maxime flagitet, ut chorus 
loquatur, operae non pretium esse putat pauca verba facere, 
quamgquam nihil obstat; neque enim antea promiserat se taci- 
turum esse. quae si ante oculos fieri videres, Phaedram inep- 
tam fabulam esse diceres. ac tale quicquam non commisit Eu- 
ripides, quem in Phaedra componenda Seneca secutus est, 
Euripides ille ab Aristotele vituperatus, quod chorum non satis 
partiecipem actionis reddat '*°). apud hunc poetam chorus Phae- 
drae promittit se nihil proditurum esse (cf. Hipp. v. 710 5α.). 
tamen postea, ut Hippolytum defendat, valde operam dat (cf. 
v. 891sgq., 899sq., 1036 sq.). perperamne igitur Leo contendit cho- 
rum Annaeanum personae partes agere atque eodem loco quo hi- 
striones versari? non prorsus falso hoc vir doctissimus dixit, nam 
saepius chorum cum persona aliqua loquentem Seneca fecit. ita- 
que modo partes suas agit chorus, modo non agit. quod non 
tolerabile fit, nisi Phaedram putas esse δρᾶμα λεχτικόν. ac nunc 
sane chori taciturnitatem ferre possumus. accedit alterum ar- 
gumentum, quod iam Birtius vidit (p. 529): "Theseus (Phaed. 
1247 sqq.) singulas lacerati filii corporis partes diligenter spec- 
tat atque perlustrat, ut eas agnoscere totumque corpus resti- 
tuere possit’. talem fabulam in scaenam produci Oskar Wilde, 
cuius Salome horrorem movet ac taedıum, fortasse vellet, sed 
Senecam idem sibi permisisse incredibile videtur. his de causis 
concedendum esse censeo Phaedram esse tragoediam lectioni 


 destinatam. adde quod etiam in ceteris fabulis nonnulla indicia 


eodem spectant. in Agamemnone non solum duplex chorus in- 
ducitur, sed etiam quarta persona procedit. Oedipus fabula 
sex constat actibus. alia argumenta collegit Birtius (p. 529sq.). 
Ac Pais (Il teatro di Seneca) Phoenissas, Oedipodem, Agamem- 


145) Ars Poet. c. 18: χαὶ τὸν χορὸν δὲ ἕνα δεῖ ὑπολαβεῖν τῶν ὑποχριτῶν 
χαὶ μόριον εἶναι τοῦ ὅλου καὶ συναγωνίζεσθαι μὴ ὥσπερ Εὐριπίδῃ ἀλλ᾽ ὥσπερ 
Zopondei. 


408 Aemilius Ackermann, 


nonem, Herculem Oetaeum tragoedias propterea potissimum 
spurias esse statuit, quod eas in scenam produci non posse 
sensit. itaque fortasse nemo negabit Herculem Oetaeum eo, 
quod est δρᾶμα ἀναγνωστιχόών, a Senecae fabulis non abhorrere. 


Il. De consilio poetae. 


Quibus rebus expositis satis me demonstravisse spero Her- 
culem Oetaeum totam et indivisam a Seneca scriptam esse 
tragoediam, quam non spectari sed legi poeta voluit. alia vero, 
ut tertiam opusculi partem aggrediamur, est vis fabulae lectae, 
alia in scaenam productae. at fortasse quispiam quaeret: “51 
Seneca non e scaena animos spectatorum movere in anımo 
habuit, quale fuit eius consilium, cur similem rem atque in 
Hercule furente iterum tractavit’ !*%)? Seneca non solum poeta 
tragicus, sed etiam Stoicus philosophus erat. ac philosophia haec 
fortasse nobis suppeditat consilium, quo ille Herculem Oetae- 
um scripserit. iam de parte morali et huius sectae et Cynicae 
institutionis perpauca mihi referenda sunt. Öynici, ut postea 
Christus, imprimis plebem adibant. virtutem esse praedicabant 
φρόνησιν, quae labore conciliaretur. voluptatem a plurimis ho- 
minibus exoptatam, qua φρόνησις in periculum adduceretur, 
maxime vilem esse atque noxiam. contra bonum putandum 
esse laborem plurimis odiosum, nam eo φρόνησιν impetrarı. 
his de causis Oynici Herculem tutelam et exemplum imitan- 
dum credebant. neminem enim tam negotiosam et molestam 
vitam tam fortiter et audacter communis utilitatis causa egisse 
qualem praestantissimum illum heroem (cf. Zeller, Griech. 
Philos. II 1? p. 306 sq.). propinqui autem erant Cynicis et 
finitimi Stoici philosophi (cf. Zeller ΠῚ 1? p. 350). Stoici 
quoque ab hominibus postulabant, ut numquam disisterent 
omnibus ceivibus prodesse (cf. Zeller 1. 5. p. 237); et una de 
multis virtutibus erat φιλοπονία (cf. Zeller 1. s. p. 241 adn. 2). 
Stoicus philosophus altior esse debebat omni incommodo. pau- 


146) Herculem Oetaeum fabulam post Herculem furentem ortam 
esse mihi probavit Leo (I p. 53). 


De Senecae Hercule Oetaeo. 409 


pertas, dolor, morbus, contumelia, mors animi constantiam 
fraugere non poterant; contra voluptas contemnebatur (cf. Zeller 
l. 5. p. 215 sq.). vir vere Stoicus cupiditatum expers, beatus 
ut Iuppiter ipse, nulla re indigebat, nullo malo premebatur 
(cf. Zeller 1. s. p. 251). talem perfectissimum hominem re 
vera rarissime vel numquam vixisse cum Stoici ipsi non igno- 
rarent, exemplum autem optimi viri desiderarent, Herculem 
specimen philosophi vere Stoici esse statuebant. hunc enim 
putabant, ut ait Seneca (de const. II 1), invietum laboribus, 
eontemptorem voluptatis et victorem omnium terrorum (cf. 
Zeller 1. s. p. 269 et p. 334). atque in nodum difficillimum 
incidebat, cui nodus Herculaneus expediendus erat; cf. Senecae 
epist. 87, 33. itaque et Öynici et Stoici Herculem exemplum 
ad imitandum sibi ante oculos proponebant. quare consenta- 
neum est hos philosophos insignis herois robur ac virtutes 
illustravisse et celebravisse.. auctor est Diogenes Laertius 
(VI 16) Antisthenem scripsisse tres hos libros: Ἡραχλῆς ὃ 
μείζων ἢ mepi ἰσχύος, Ἥραχλῆς ἢ Μίδας, Ἡραχλῆζς ἣ περὶ 
φρονήσεως ἢ ἰσχύος 147). ab eodem traditum est (VI 80) Dio- 
genem Sinopeum Ἡραχλέα tragoediam fecisse !*®).. nec non 
memorabilia mihi videntur Teletis philosophi (in fine tertii 
saeculi) verba haec: χαὶ Ἡρακλέα μὲν ὡς ἄριστον ἄνδρα γεγο- 
γότα ἐπαινοῦμεν (cf. Teletis reliquiae ed. Ὁ. Hense p. 20). 
perpauca igitur de Hercule scripta ante Christum natum orta 
memoriae prodita sunt. sed summi momenti est tragoedia illa 
Ἡρακλῆς, quam scripsit Diogenes. plura imperatorum Roma- 
norum temporibus apud Stoicos philosophos invenimus. legi- 
mus apud Senecam (de beneficiis I 13, 3): Hercules nihil sıbi 
vecit; orbem terrarum transwit non concupiscendo, sed wudicando, 
quwid vinceret, malorum hostis, bonorum vindex, terrarum maris- 
que pacator. Cornutus Leptitanus capite tricesimo primo libri, qui 
ἐπιδρομὴ τῶν κατὰ τὴν “Ἑλληνικὴν ϑεολογίαν παραδεδομένων in- 
seribitur, Herculis gloriam exornat. Epictetus Hierapoli Phrygia 
natus occasione data Herculis industriam atque laborem laude de- 
corat (cf. manuale I 6, 33; II 16, 44—45 ; III 22, 57; IV 10,10). 
unde unus locus afferendus videtur III 26, 31: © δ᾽ Ἡραχλῆς 


141) Hercules minor fortasse spurius erat. 
148) Hanc tragoediam genuinam fuisse non satis constat. 


410 Aemilius Ackermann, 


ἁπάσης γῆς καὶ ϑαλάττης ἄρχων χαὶ ἡγεμὼν ἦν, χαϑαρτὴς ἄδι- 
κίας χαὶ ἀνομίας, εἰσαγωγεὺς δὲ δικαιοσύνης καὶ ὁσιότητος καὶ 
ταῦτα ἐποίει χαὶ γυμνὸς al μόνος. Heraclitus Homeri inter- 
pres capite tricesimo tertio τῶν Ομηρικῶν ἀλληγοριῶν Her- 
culem tractat. saepius Dio Prusensis, quem Chrysostomum 
vocant, Herculis mentionem facit (cf. indicem editionis Arni- 
miani II p. 355). cuius oratio octava maxime nobis opem fert 
atque auxilium. mihi enim probaverunt ἴδ. Weber (de Dione 
Chrysostomo Cynicorum sectatore p. 140) et Arnim (Leben 
und Werke des Dio von Prusa p. 265) Dionem hac oratione An- 
tisthenis Herculem maiorem imitari. itaque Herculis exemplo Dio 
affirmare studet laborem bonum esse atque a paragrapho XXX. 
usque ad XXXV., Herculis labores, propter quos superatos heroem 
post mortem deum creditum esse dicit ($ 28), enumerat et illustrat. 
nec hoc satis, sed etiam ἐγκώμιον “Πρακλέους idem Dio scripsit 
(cf. Suidas 5. v. A. et Arnim, Leben und Werke p. 155) 143). 

lam suspicamur, cur Seneca Herculem Oetaeum compo- 
suerit. nam in Hercule furente nil fere nisi ipsum furorem 
nimirum descripserat; iam vero etiam sublime exemplum viri 
vere Stoici legentibus proponere voluit. hoc si in animo ha- 
buit, Herculem quam maxime laudibus efferre debuit; quod 
studiose diligenterque exsecutus est. enixe enim operam dedit, 
ut aerumnis Invictum praedicaret. quin etiam omnia fere ex- 
aggeravit, adauxit, cumulavit; sic enim itur ad astra; sic 
homo deus fit. agitur de summis rebus Stoicae religionis. 
quare etiam illam de furore inseruit scaenam, ut Herculem 
furorem quoque faceret vincentem 3). eandem ab causam 
Herculem in rogo positum dolores et mortem prorsus contem- 
nentem (v. 1741 sq.) finxit 159). eadem de re Herculis aerum- 
nas iterum iterumgue commemorare non cessavit 151) et nun- 
tium insuper induxit compluriens dicentem ignem quoque ab 
Hercule perdomitum esse 52). etiam divinis laudibus Seneca 
Herculem ornavit velut Christum Christiani, ut quasi religionem 
Herculeam poeta tradere et propagare dicendus sit. seilicet Her- 


1485) Arnimium sequor. 

149) Cf. supra p. 336. 150) Cf. supra p. 339 et Melzer p. 27. 

161 Hoc aegre tulerunt Ὁ. Heinsius (ap. Ser. p. 347 sq.) et Rich- 
terus (de S. tr. a. p. 30). 

152) Οὗ, supra p. 403 et 402. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 411 


cules Christusque sunt dei et mulieris mortalis filii. uterque 
est σωτὴρ ἀνθρώπων. cum enim Christus peccata mundi in se 
susceperit, Hercules 5101 proposuit consilium hoc ΠῸ 1701: 

si pace tellus plena, si nullae gemunt 

urbes nec aras impias quisquam inquinat, 

51 scelera desunt, spiritum admitte hunc, precor, 

in astra. 
Christus cruci suffixus, Hercules flammis consumptus est. in 
rogo lovis filius, quia dolores vicit, astris dignum se praebuit 
(cf. ΗΟ 1713). etiam in eo cum Christo comparari potest, 
quod post mortem inferna loca superavit (cf. HO 1976) et 
deus quoque factus est (cf. HO 1942). iam certum videtur 
Senecam Herculem prorsus singulari modo collaudare voluisse. 
quod ex aliis quoque rebus elucet. legas ΠῸ 1390 (Hercules 
loquitur) : 

hine taurus minax 

cervice tota pulset et quidquid fuit 

solum quoque ingens; surgat hinc illine nemus 

artusque nostros durus immittat Sinis: 

sparsus silebo — non ferae excutient mihi, 

non arma gemitus, nil quod impelli potest. 
re vera hoc loco perfectum sparsus pro futuro si sparsus ero 
positum est. sed huic heroi numquam victo per hyperbolen 
licet adhibere perfectum 155). 

Hercules laboribus vinei non potest, quia viribus pollen- 
tissimus est. ac robore suo fretus dicere audet se caelum ex- 
pugnare !°*) et Iovem ipsum superare posse 156). tanti herois 
iram perquam horribilem esse necessarium videtur 155). neque 
aegre ferimus, quod idem aliquotiens dieit mundum exhau- 
stum Iunoni feras negare in se mittendas 157). vindicem facino- 
rum et scelerum Hercules eo se praestat, quod iudex infernus 
de malis hominibus et de cruentis regibus mortuis poenas re- 
petit. hanc ob rem Seneca inseruit illam adhortationem, ne 
reges cerudelitati assuescerent !?®). 

153, Cf. supra p. 333 SQ. 

152) Of. supra p. 336 et p. 339. 

155) Of. Melzer p. ὃ et supra p. 402. 


156) Cf. supra .p. 337. 
157) Οὗ supra p. 400. 158) Οὗ, supra p. 334 sq. 


412 Aemilius Ackermann, 


Melzerus non perspexit, cur poeta Alcmenam in scaenam 
produxerit neque quibus de causis Seneca Alcmenam et Dei- 
aniram tantopere lamentantes fecerit. sed hac re data est oc- 
casio Herculis virtutum iterum atque iterum tractandarum 
valdeque laudandarum 155). praeterea Alcmena ipsa dieit, cur 
ita conqueratur, cf. 

HO 1849: deriguit aliqua mater, ut toto stetit 

succisa fetu, bisque septenos gregem 

deplanxit una: gregibus aequari meus 

quot ille poterat? matribus miseris adhuc 

exemplar ingens derat: Alcmene dabo. 
itaque Alcmena exemplo suo omnes matres docebit, quomodo 
amissio liberorum ferenda sit. hac enim re matres orbas con- 
solabitur. cui haec deliberanti iam non venit in mentem Ma- 
riae, miserae Christi matris? itaque poeta non vituperandus 
est, quod Alcmenam, cuius verba instar praedicationis et con- 
solationis sunt, in scaenam misit. 

Denique his rebus factum est, ut fabulae ambitus solito 
maior fieret; iam vero propter pondus rerum tractatarum et 
unicam gravitatem etiam versuum multitudo exuberans excu- 
sabitur '°). immo de ambitu tragoediarum Seneca ipse iudicium 
tulit (epist. 72, 20): ‘quomodo fabula, 510 vita; non quam 
diu, sed quam bene acta sit, refert’ 161). 

Haec omnia si accurate considero de poetae consilio mihi 
iudicandum est hoc modo. Herculem invietum heroem, qui 
communis utilitatis causa plurimos labores maximosque dolores 
perpessus post mortem inferis superatis deus in caelum receptus 
sit, inducit Seneca, ut lectoribus Herculem exemplum ad imi- 
tandum proponat. hoc enim exemplo animos gravibus calami- 
tatibus afflictorum et debilitatorum erigere studet atque indu- 
cere, ut omnes huius vitae molestias ac miserias ipsamque mor- 
tem fortiter patienterque perferant. Herculis exemplo com- 
probare intendit auctor homines, si res postulet, nec labori 
nec periculo parcere debere, ut bono publico serviant. 

Antiquis hominibus, imprimis plebi, mors terrorem maximum 
incutiebat. itaque consentaneum est religiones esse ortas, quae 


159) Cf. supra p. 399 sq. 160) Of. supra p. 327 sq. et p. 39. 
161) Hunc locum opportune attulit vir doctissimus Birtius. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 413 


tales sollicitudines animis eximerent. sed cum timor mortis 
non deleatur, nisi sperare possumus animas nostras numquam 
morituras, necessarium est eas ita institutas fuisse, ut homines 
mortuos perpetua vita beata donarent. huic rei aptas se esse 
asserebant complures religiones. velut Orphici credebant anı- 
mam esse immortalem. vitam piam et sanctam degentes co- 
lebant Dionysum salutis auctorem, qui sectatores suos post 
mortem in caelum ad se recipiebat. ritus habebant singula 
scelera expiantes; qua expiatione is, qui propter peccata com- 
missa ne mortuus poenas pateretur timebat, efficere poterat, 
ut culpa libraretur inveniretque solacium. ac recte Blassius 
de Orphiecis dicere videtur 165): ‘wenn man auf den allertiefsten 
Grund geht, so ist hier allein ein Versuch, den Menschen mit 
der Gottheit, der er zunächst durch eigene Schuld entfremdet 
ist, zu versöhnen und in enge persönliche Beziehung zu setzen, 
und hier allein etwas, was man Gemeinde und Kirche nennen 
oder damit vergleichen kann.’ 

Magnam vim Orphici habuerunt ad Eleusinia sacra in- 
stituenda. homines haec in sacra receptos credebatur post mor- 
tem beate ac feliciter apud deos vivere, contra non admissos 
apud inferos in luto versari (cf. Blass 1. s.). 

Mithrae cultus homines misera vita et improborum ma- 
litia liberabat et mortuos vita prope deum beata perpetua 
donabat 105). id quod in multis sepuleris hominum Mithriacis 
sacris initiatorum legimus renatus in aeternum, testatur haud 
paucos credidisse se sacris his servari posse et participes fieri 
beati deorum regni (cf. Niebergall, Welches ist die beste Reli- 
gion in Schiele, Religionsgeschichtliche Volksbücher VI p. 54 
et 56). 

Maxime hominum animos commovebat religio Christiana, 
cui qui adhaerebant hunc cultum solum terrorem mortis pe- 
nitus vincere et aeternam vitam beatam praebere posse puta- 
bant. cuius rei pauca argumenta afferam. Iesus dieit Κατὰ 
᾿Ιωάνην 8, 51: ἀμὴν ἀμὴν λέγω ὑμῖν, ἐάν τις τὸν ἐμὸν λόγον 


162) Die griechische Religion in Weber, Die religiöse Entwicklung 
der Menschheit im Spiegel der Weltlitteratur p. 59. 

168) Fr. Cumont, Die Mysterien des Mithra p. 121 sq. et p. 102 sq. 
et A. Dieterich, Eine Mithrasliturgie p. 95 sag. 


414 Aemilius Ackermann, 


τηρήσῃ, ϑάνατον οὐ μὴ ϑεωρήσῃ εἰς τὸν αἰῶνα. atque πρὸς 
Κορινθίους α΄ 15, 55 scriptum videmus: χατεπόϑη ὃ ϑάνατος 
εἰς νῖκος. ποῦ σου, ϑάνατε, τὸ νῖχος; ποῦ σου, ϑάνατε, τὸ 
χέντρον; Υ. 87 τῷ δὲ ϑεῷ χάρις τῷ διδόντι ἡμῖν τὸ νῖκος διὰ 
τοῦ χυρίου ἡμῶν Ἰησσῦ Χριστοῦ. ergo mors Christianis non 
terribilis videbatur; sciebant enim se post mortem in vitam 
redituros esse. cf. πρὸς Κορινθίους α΄ 15, 12 sqg. Christiano 
mortuo non solum vita aeterna, sed etiam summa felicitas ob- 
tingebat. cf. πρὸς Φιλιππησίους 3, 20 sq. et ἀποκάλυψις ᾿Ιωάνου 
7, 14 866. 

In sepuleris saepe expressam videmus imaginem Amoris 
defunctos reddentis beatos. ac semper fere Amor nonnulla fert 
Bacchi et Veneris insignia, ut indicet, quibus ex rebus mortui 
voluptatem capere possint. Amor dormiens ad beatum de- 
functorum somnum alludit. convivii corona, quae crebro in eius 
collo suspensa est, rursus significat vini usum. eodem spectat 
quod nonnumquam ebrius fietus est. talibus in imaginibus 
mortui vice functus mortem esse beatam ostendit. in sepul- 
crorum Romanorum anaglyphis saepe expressi sunt Amores, 
qui laete et felieiter se gerentes de beata post mortem vita 
alludunt (cf. Furtwaengler in Roscher s. v. Eros). 

Alıa religio, quae homines immortales se reddere posse 
promittebat, est Herculanea, cuius certa vestigia permultis 
sepulcris 1565) impressa sunt. in antiquo Florentiae sarcophago 
Hercules Alcestim ex inferis reducit (cf. Clarac, musee de scuip- 
ture, t. V p. 36 nr. 2018 pl. 801). in cippo sepulcrali expres- 
sum videmus simul et Herculem et Medusae caput, quod est 
signum terroris mortis 1°). in alio sarcophago Hercules in cae- 
lum receptus deus sedet inter deos Olympios (cf. Stephani, 
Der ausruhende Herakles p. 197). sine dubio omnia haec ar- 
tificia Herculem mortis vietorem fingunt. 

Post mortem Hercules vitam degit laboribus et doloribus 
liberam, voluptatum plenam. itaque in sepulcris heroem saepe 
quieti se tradere videmus (cf. Stephani 1. 5. p. 195). permultis 
sepulcris duodecim illae res ab Hercule gestae impressae sunt 


16%) Sepulcra, quae commemoro, plerumque primis post Christum 
natum saeculis orta sunt. 
165) Of. Stephani, D. a. H. p. 197. 


ED 


u las 


an Sup υεν 


U EEE 


De Senecae Hercule Oetaeo. 415 


(cf. Stephani 1. s. p. 199 sqg.). quas imagines qui contempla- 
batur eum recordari necessarium erat postea beatam vıtam 
huius vitae labores secutam esse; qua re ipse confirmabatur, 
ut omnes iniurias ac dolores patienter perferret. 

Non solum duleis quies, sed etiam variae voluptates ma- 
nebant defunctos, qui cibo post mortem et potione et amore 
corpora delectabant. cuius rei multa indicia inveniuntur. in 
collectionis Torloniae sarcophago Hercules clavam in porci ca- 
pite collocat, quod si quis intuebatur colligebat se post mor- 
tem epulis se dedere posse (cf. Stephani 1. 5. p. 183 et 117). 
creberrime Hercules in sepulcris socius Bacchici thiasi fietus 
est. ac saepe ebrium heroem videmus scyphum et convivil coro- 
nam gerentem (cf. Stephani 1. 5. p. 197 sqq.). idem agitur 
in tabula Albana et in aliis artis monumentis 155). vinum igi- 
tur mortuos sumere solere eredebant antiqui. id quod Hercules 
compluriens manum Maenadi affert, defunctos venere quogue 
delectari indicat (cf. Stephani 1. 5. p. 198). 

Iam concedendum esse videtur Herculeam religionem ido- 
neam fuisse, quae hominum animos accenderet, ut omnes la- 
bores et ipsam mortem fortiter perpeterentur. quod aperte 
elucet ex imaginibus, in quibus Hercules ipsius defuncti locum 
obtinet. in sarcophagi operculo maritus cum coniuge fictus est. 
ac iacet vir in pelle leonina scyphum et convivii coronam ge- 
rens, prope eum pharetra est plena sagittarum (cf. Furt- 
waengler, Intorno a due tipi d’Amore in Bull. dell’ Iust. 1877 
p- 125). in tabula marmorea Musei Neapolitani Hercules et 
Omphale sculpti virum atque uxorem mortuos significare vi- 
dentur (cf. Stephani 1. s. p. 202 sqq.). pueros quogue mor- 
tuos Herculis vice functos esse demonstrat Furtwaenglerus 
(l. s.). qui vir doctissimus recte iudicat sie: 'E certo, era un 
pensiero molto consolante il vedersi identificato con quell’ 
eroe vincitore della morte e che per la sua forza era arrivato 
all’ immortalitä’ 157). 

Nonnumquam Hercules Amoris specie in sepuleris fietus 

166) Of. Jahn, Griechische Bilderchroniken, p. 39 sq. et tabula sub 
littera 2 publicata. 

167) Hoc loco id quoque afferri potest, quod Iustinus gnosticus Her- 


culem prophetam, quo Jesus solus praestantior erat, cultui Christiano 
inseruit (cf. Wilamowitz, Heracles® I p. 103). 


416 Aemilius Ackermann, 


est. nudus puer (Amor-Hercules) pelle leonina indutus clavam 
et scyphum gerere solet. pauca exempla afferam. 

I. sarcophagi tabula in palatio Mattheiano asservata. cf. 
Stephani 1, s. p. 1%. 

Il. fragmentum in Vaticano repositum. cf. Platner, Be- 
schreibung der Stadt Rom II 2 p. 45 nr. 100. 

III. sarcophagi fragmentum in Museo Lateranensi. cf. 
Benndorf et Schoene, Die antiken Bildwerke des Lateranen- 
sischen Museums nr. 82. 

IV. anaglyphum sepulerum significans in Museo Latera- 
nensi. cf. Benndorf et Schoene 1. 5. nr. 344 (ρ. 215). 

V, eippus sepulcralis in Louvro. cf. Furtwaengler, Bull. 
dell’ Inst. 1877 p. 126. 

VI. duleis pietura parietaria Campana in opere inscripto 
Pitture d’Erculano t. II p. 39, ubi Amor cervum domat cor- 
nibus arreptis, quae imitatio est cervum domantis Herculis Pa- 
normitani; similia plura Πα 

Jam nobis considerandum est, quomodo factum sit, ut 
Hercules cum Amore confunderetur. supra (p. 415) vidimus 
pueros mortuos nonnumquam Herculis specie fictos esse. ‘Dall’ 
altro canto sappiamo che era l’uso di rappresentar 1 fanciulli 
e ragazzinı morti sotto l’immagine di Amori, οἷὸ che mostrano 
e statue che danno ad Eros i tratti di un fanciullo reale (p. 
es. Fröhner Notice ἢ. 368) e tanti sarcofaghi’ (cf. Furtwaengler 
l. s. p. 125 sq.). modo igitur puer mortuus fictus est Her- 
cules, modo Amor. qua ex re necesse est secutum esse ut 
Hercules cum Amore confunderetur. quae confusio oriri non 
poterat, nisi religio Amoris Herculeae simillima erat. ac iure 
dicit Stephani (l. s.p. 198): ‘Herakles, das Vorbild des Men- 
schen überhaupt, ist hier Träger ganz desselben Gedankens, 
den wir anderwärts durch einen Knaben oder Eros ... ausge- 
sprochen fanden.” parva tamen differentia exstat. is qui Her- 
culis imaginem sepulcris imprimebat, indicare volebat aeternam 
vitam beatam esse praemium huius vitae laborum dolorumque 


(cf. Stephani 1.8. p. 198). 


67”) Adde sarcophagi tabulam quae fuit in palatio Giustiniano. 
Hercules vir tenet facem, proprium Amoris insigne. quae tamen fax 
fortasse postea addita est. cf. Stephani 1. 5. p. 199 nr. 10 et p. 198 adn. 1. 


De Senecae Hercule Oetaeo. 417 


Iam vero sepulcralis relisio Herculea, quam commodum lu- 
stravimus, magis apta erat pauperibus ac miseris, minus felici- 
bus et potentibus, quibus mors quiequam grati aut iucundi dare 
non poterat. quo factum est, ut homines beati et pollentes Her- 
culem venerantes alium Herculem colerent. viro patienti ante- 
‘ ponebant heroem vincentem et pollentem, quod ex multis te- 
stimoniis apparet. in inscriptionibus Hercules crebro appella- 
tur Victor vel Invietus vel Kaddivıxos. οἵ. C.LL.I 541, I 
1568, 1660, III 877, 1340, IV 733, V 5508. VI 328 legimus 
Herceuli Vietori Pollenti Potenti Imvicto. Macrobius narrat 
111 12, 1: et sane ita Menippea Varronis adfirmat, quae in- 
seribitur Λλλος οὗτος Ἡρακλῆς, in qua, cum de Imnvicto 
Hercule loqueretur, eundem esse ac Martem probavit. alıa 
Herculis cognomina sunt Sanctus, Tutor, Conservator, Pater 
ef. C.IL. VIII 2496, X 3799, VIII 2346, 4634. pacis auctor 
celebratur Hercules inscriptione bilingui O.LL. X 5385: εὐχὴ 
Ἢ ραχλῇ, ϑαλλοφόρῳ, ἱερῷ, εὐαχούστῳ.. .. Δ. Κορνήλιος... 
Herculi pacifero, invicto, sancto sacrum ... L. Cornelius .... 
in nummis quoque Hercules appellatur pacifer. cf. Stephani 
l. s. p. 181 adn. 3 et Peter (in Roscher s. v. H. p. 2986 sq.). 
comparandus est locus Vergilii, Aen. VI 801: 

nec vero Alcides tantum telluris obıvit, 
fixerit aeripedem cervam licet aut Erymanthi 
pacarıt nemora et Lernam tremefecerit arcu 
et Olaudiani, de raptu Pros. II prol. 9: 
Sed postquam Inachiis Alcides missus ab Argis 
Thracia pacifero contigit arva pede.... 
quin etiam Dionysius Halicarnassensis Herculem propagasse cul- 
- tum atque humanitatem dieit cf. antiquitates 1 41: ὁ δ᾽ ἀληϑέσ- 
᾿ς τερος, ᾧ πολλοὶ τῶν Ev ἱστορίας σχήματι τὰς πρᾶξεις αὐτοῦ διηγη- 
᾿ς σαμένων ἐχρήσαντο, τοιόςδε. ὡς στρατηλάτης γενόμενος ἁπάντων 
χράτιστος τῶν nad” αὑτὸν Ἡρακλῆς nal δυνάμεως πολλῆς ἡγούμε- 
νος ἅπασαν ἐπῆλθε τὴν ἐντὸς ᾿ωὠχεανοῦ, καταλύων μὲν εἶ τις εἴη 
τυραννὶς βαρεῖα χαὶ λυπηρὰ τοῖς ἀρχομένοις ἢ πόλις ὑβρίζουσα 
χαὶ λωβωμένη τὰς πέλας ἣ μοναὶ ἀνθρώπων ἀνημέρῳ διαίτῃ 
χαὶ ξενοχτονίαις ἀϑεμίστοις χρωμένων, χκαϑιστὰς δὲ νομίμους βα- 
σιλείας xal σωφρονικὰ πολιτεύματα al βίων ἔϑη φιλάνϑρωπα 
χαὶ “κοινοπαῦ. οἵ. Epicteti verba quae p. 410 attuli. 


418 Aemilius Ackermann, 


In nobilium igitur aestimatione Hercules erat invietus, 
pollens, sanctus, pacifer heros, legum defensor, humanitatis 
auctor; cui qui similis vel aequalis erat cum summis lau- 
dibus dignus putaretur, non mirum est exstitisse, qui vel 
a se vel ab aliis cum lovis filio compararentur 165), scrip- 
tum est de Alexandro Magno et Commodo apud Athenae- 
um XII cap. 53: πολλάκις δὲ καὶ λεοντῆν καὶ ῥόπαλον ὥσ- 
περ 6 Ἡρακλῆς (sc. ἐφόρει ᾿Αλέξανδρος). τί οὖν ϑαυμαστὸν 
εἰ χαὶ nad ἡμᾶς Κόμμοδος ὃ αὐτοκράτωρ Ent τῶν ὀχημάτων 
παρακείμενον εἶχεν τὸ Ἡράχλειον ῥόπαλον ὑπεστρωμένης αὐτῷ 
λεοντῆς καὶ Ἡρακλῆς χαλεῖσϑαι ἤϑελεν, ᾿Αλεξάνδρου τοῦ ’Apı- 
στοτελιχοῦ τοσούτοις αὑτὸν ἀφομοιοῦντος ϑεοῖς; conferas etiam 
Baumeister, Denkmäler I p. 8981685, De Pompeio Plinius 
(n. ἢ. VII 95) narrat: verum ad decus imperi Bomani , 
non solum ad viri unius pertinet victoriam, Pompei Magni 
titulos ommis triumphosque hoc in loco nuncupari, aequato non 
modo Alexandri Magni rerum fulgore, sed. etiam Herculis 
prope ac Liberi patris. M. Antonius genus suum, ut pro 
Hercule se gerere posset, ab Antone, Herculis fieto filio, de- 
duxit. ef. Plutarchus, Ant., cap. 4 et 36. etiam M. Vipsanius 
Agrippa cum Iovis filio comparabatur. cf. Peter]. 8. p. 2982 109), 

Multo maioris momenti erat, quod imperatores Romani cum 
Hercule componebantur. Caesares Augusti 179) re vera pollentis- 
simi ac potentissimi erant et saepius vietores ac paciferos se 
praebebant. ut Herculi in commemorata inscriptione (0.1... VII 
4634) cognomen pater datum est, ita Augustus appellabatur 
pater patriae. cum haec imperatorum cum Hercule comparatio 
in consuetudinem ac morem venire coepisset, imperator idem qui 
Hercules putabatur et publica quaedam religio Herculea orta est. 

Augustum vere anni XXIV. ex Hispania Romam 


168) Omnia fere, quae hac de re commemoro, apud Peterum (in 
Roscher s. v. H.) inveni. conferas etiam G. Wissowa, Religion und Kul- 
tus der Römer p. 83 et p. 229. 

1682) De Alexandri in Hercule aequatione cf. etiam Seneca, de 
beneficiis I 13, 1 sq. 

=) Brutus moriturus ἀναβοήσας τοῦτο δὴ τὸ ἫἩράχλειον᾽ 
® τλῆμον ἀρετή, λόγος ἄρ᾽ ἦσϑ᾽, ἐγὼ δέ σε 

ῶς ἔργον ἥσχουν᾽ σὺ δ᾽ ἄρ᾽ ἐδούλευες τύχῃ 

παρεκχάλεσέ τινα τῶν συνόντων, ἵνα αὐτὸν ἀποχτείνῃ. cf. Cass. Dio 47, 49. 

ch) In compluribus inscriptionibus Hercules appellatur BE NEE: 
cf. C.LL. II 1303, 1304, VIII 2346. 


a --- 
- ar 


δ 
2 


De Senecae Hercule Oetaeo. 419 


redeuntem Horatius celebrat cum Hercule comparans 
c. ΠῚ 14, 1: Herculis ritu modo dictus, o plebs, 
morte venalem petiisse laurum 
Caesar Hispana repetit penatis 
victor ab ora. 
ad quem locum Kiessling editor recte adnotasse videtur: wenn 
v. 4 victor so emphatisch gestellt ist, so dachte jeder römische 
Leser dabei an die beliebteste Gottheit der plebecula, den Her- 
cules Victor der ara maxima, der sich auf der Heimkehr von 
Iberien mit den Rindern des Geryones diesen Dienst gegründet. 

Caligula Herculem imitatus χαὶ ῥόπαλον καὶ λεοντῆν 
ἐφόρει. cf. Cass. Dio 59, 26, 6. 

Cum Nero ex Graecia reverteretur, populus excelamavit: 
᾿λυμπιονῖχα οὐᾶ, Πυϑιονῖκα οὐᾶ, Αὔγουστε Αὔγουστε, Νέρωνι 
τῷ Ἡρακλεῖ 6. 4. 5. cf. Cass. Dio 63, 20, 5. apud Suetonium 
(Nero, cap. 53) legimus: destinaverat etiam, qwia Apollinem 
cantu, Solem aurigando aeqwiperare existimaretur, imitarı οἵ 
Herculis facta; praeparatumque leonem aiunt, quem vel clava 
vel brachiorum neswibus in amphitheatri arena spectante populo 
nudus elidere. Neronem in nummis quoque Herculis specie 
fietum esse ostendunt Peter 1]. 5. p. 2982 et Stephani 1. 5. p. 192. 

Hercules in nummo fictus Galbam significare videtur. 
cf. Peter 1. 5. p. 2982. 

Domitianus in via Appia aedificavit Herculis tem- 
plum, in quo collocatus est herois statua imperatoris vultum 
praeferens. cf. Martial. ep. 9, 64, 1: 

Herculis in magni vultus descendere Caesar 
Dignatus Latiae dat nova templa viae 
et ep. 65, 1: Alcide, Latio nunc agnoscende Tonanti, 
Postquam pulchra dei Caesaris ora geris, 
Si tibi tune isti vultus habitusque fuissent e. q. s. 
et 101,1: Appia, quam simili venerandus in Hercule Caesar 
Consecrat, Ausoniae maxima fama viae. 
Martialis adeo Domitianum maiorem Aleciden celebrat ; minor est 
Hercules ipse cf. 9, 101, 11. in nummis Herculem huius im- 
peratoris locum tenere contendit Stephani 1. 5. p. 192. 
In nummo quodam Herculis facta cum rebus a Traiano 
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 98 


420 Aemilius Ackermann, 


gestis composita esse dicit Peter 1. 5. p. 2983. fortasse Trai- 
anus quoque Hercules in nummis fictus est. cf. eundem ]. s. 

In clipeo Hercules ora Hadriani gerit. rursus in num- 
mis heros imperatoris vicem tenet. cf. Peter 1. 5. p. 2984 sg. 
et Stephani 1. s. p. 192 et 157 17. 

Antoninum Pium in nummis Herculis specie fietum 
esse demonstrat Stephani 1. s. p. 157 et p. 192. 

Praecipue pro Hercule se gerebat Commodus, qui se 
ita coli iussit, velut si Iovis filius re vera esset, voluitque no- 
minari Romanus Hercules. cf. Cass. Dio 72, 15. idem auctor 
de statuis narrat hoc: χαὶ γὰρ τοῦ χολοσσοῦ (sc. Κόμμοδος) 
τὴν χεφαλὴν ἀποτεμὼν Aal ἑτέραν ἑαυτοῦ ἀντιϑεὶς χαὶ ῥόπαλον 
δοὺς λέοντά τέ τινα χαλχοῦ ὑποϑεὶς ὡς Ἥρακλεϊ ἐοικέναι, 
ἔγραψεν Aobx:os Κόμμοδος ἩἫἩραχλῆς (cf. 72, 22, 8) et χαὶ ἀν- 
δριάντες αὐτοῦ παμπληϑεῖς ἐν ἩἫἩραχλέους σχήματι ἔστησαν 
(ef. 72, 15, 6). talis statua nobis servata in Vaticano repo- 
sita est. ef. Clarac 1. 5. t. V p. 253 nr. 2471 pl. 963. etiam 
in nummis Hercules Commodum significat. plura eiusmodi 
collegit Peter 1. 5. p. 2987 sqg. 

Septimius Severus, Caracalla, Geta, Alexander Severus 
Herculem et Bacchum colebant deos patrios. Caracalla, post- 
quam multos apros cecidit nec leonem fugit, Hercules dic- 
tus est !7?). cf. Peter 1. 5. p. 2992sq. Caracallam in nummis Her- 
culem fietum esse dicit Stephani |. 5. p. 192. 

Maximinus I. propter corporis robur Hercules vel 
Antaeus appellabatur!”?). cf. Peter 1. 5. p. 2994. 

Imperatores Gallienum, Postumum, Probum 
in nummis Herculis specie fictos esse docent Stephani 1. 5. p. 192 
et Peter p. 2995 et p. 2997. 

Maximianum Herculium appellatum esse auctor est 
Ammianus Marcellinus, qui exc. 8 1 narrat Diocletianus cum 
Herculio Maximiano imperavit annos XX. unde copiarum quo- 


171) Hispani maxime colebant Herculem Gaditanum. Prellerus (R. 
M.? Π 2 p. 299) dieit: Später sind es besonders die Kaiser von 5} ἃ- 
nischer Abkunft, Galba, Trajan und Hadrian, auf deren Münzen 
und Denkmälern der göttliche Heros als Sinnbild zugleich ihrer Hei- 
mat und ihrer Taten erschien. itaque Senecam id quoque, quod Cor- 
dubae natus erat, ad Herculem fabulam tractandam induxit. 

172) Of. Ael. Spart., v. Carac. 5, 5. 

173) Hoc traditum est apud Jul. Capitol., Maxim. duo 6, 9, 


De Senecae Hercule Oetaeo. 421 


que pars quaedam nominabatur Herculiana cf. Ammian. 22, 3, 2 
et Claudian. de bello Gild. v. 418 17. Herculem in nummis fic- 
tum Maximianum esse docent Peter l. s. p. 2997 et Stephani 
l.s. p. 192. 

Denique Constantio Chloro cognomen erat Her- 
culius 175) cf. Peter 1. s. p. 3001. 

Ita propagata per saecula Herculis veneratione factum est, 
ut etiam post annum CCCC. et post Christianae fidei victoriam 
carmen scriberetur de laude Herculis. cf. Birt, Claudian. 
p. 399 sqq. 

Contemplati sumus Herculem virtutis exemplum, qui visus 
est Senecae, populo, imperatoribus. deprehendimus autem ali- 
quam certe venerationis differentiam. sepuleralis enim Hercules 
mortuos donabat aeterna vita beata, de qua vix cogitabat Stoi- 
cus philosophus, qui Troad. 971 544. chorum induxit canentem : 

Verum est an timidos fabula decipit 

umbras corporibus vivere conditis, 

cum coniunx oculis imposuit manum 

supremusque dies solibus obstitit 

et tristis cineres urna cohercuit ? 

non prodest anımam tradere funeri, 

sed restat miseris vivere longius ? 

an toti morimur nullaque pars manet 

nostri, cum profugo spiritus halitu 

immixtus nebulis cessit in aera 

et nudum tetigit subdita fax latus? 
et v. 397 post mortem nihil est ipsaque mors nihil. 
neque vero liberali atque philosophia exculto Senecae ani- 
mo placere poterat illud Herculem imitandi genus, quo non- 
nulli imperatores velut Caligula et Nero utebantur. itaque ipse 
ad imitandum exemplum proposuit et deo aequiperavit eum 
Herculem, qui communis utilitatis causa labores omnes suseipe- 
ret, dolores vinceret. cognoverat enim philosophus hoc: ‘die 
höchste aber der Tugenden ist die Menschenliebe gegen Alle. 


114) Glaudiani locus est hic Herculeam suus Alcides Ioviamque 
cohortem Rex ducit superum. Alcides est Maximianus. ceterum vide 
Birtii praefationem p. XXXII adn. 3. 

5) Traditum est apud Lactantium, de mortibus persecutorum, 
cap. 52, 9. 


28 * 


422 Aemilius Ackermann, De Senecae Hercule Oetaeo. 


Keiner ist schlechter als der andere, auch nicht der Sklave. 
Und endlich: sei hilfreich selbst deinen Feinden’ (cf. Birtius, 
Eine römische Litteraturgeschichte a. 1894 p. 161). 

Celebrare ac praedicare Herculem Senecae fuit consilium. 
hanc ad rem perficiendam adiuvit scriptorem id, quod scholis 
declamatoriis et oratoriis interfuerat. atque ut consilium suum 
consequeretur, artem rhetoricam auxilio 5101 arcessivit!7%), huc 
pertinent quae viri docti de verborum pompa ac tumore et de in- 
flata ac turgida oratione dixerunt!’”). at non temere hoc genere 
loquendi Seneca usus est. ut Leo ipse concessit (I p. 65), rhe- 
toris est pronominis personalis genetivum pro pronomine pos- 
sessivo usurpare!’°). rhetoris est pluralem vocis populi per 
superlationem pro singulari ponere'’?). rhetorem decent, quod 
jam Birtus vidit (p. 533), interrogativa verba 89) pars quota est? 
similia plura. arte igitur rhetorica adhibita Seneca effici puta- 
vit, ut Hercules quam maxime laudibus efferretur. itaque poeta 
in hac fabula componenda, cum Herculis gloriam et apotheosin 
exornare studeret, certum consilium habuit. 

Cum iam nihil quod ab eius ingenio atque indole alienum 
videri possit in Hercule Oetaeo superesse credam satis confir- 
masse mihi videor tragoediam hanc totam et indivisam a Se- 
neca eo consilio scriptam esse, ut Herculis lJaudem praedica- 
ret, mortem celebraret hominibusque imitandum fortissimi viri 
exemplum ante oculos proponeret. habes igitur, candide lec- 
tor, meum de Hercule Oetaeo iudieium, quod aut sequeris aut 
falsum aestimabis, si aliud est tuum. tu autem, si tibi ea, quae 
disputata sunt, minus probabuntur, ipse denuo hanc fabulam 
pertractes velim. 


176) Οὗ R. M. Smith, de arte rhetorica in L. A. Senecae tragoediis 


perspicua. 
177) Cf. Birt p. 532 et Leo G.G.A. p. 10. 
118) Cf. supra p. 377 sq. 119) Οὗ supra p. 378 5αα. 


180) Of, supra p. 378. 


Berichtigung. 


Seite 330 zeile 10 v. u. ist Corusca zu lesen statt corusca. 
Seite 347 zeile 6 v. u. ist tragoediarum zu lesen statt tragoediis. 
Seite 380 zeile 19 v. o. ist „bombastisch“ zu lesen statt bombastisch. 


Herculis Oetaei versus qui afferuntur vel explicantur ?). 


V. 1--740 p. 326, 332, 


405. 
wi 
v. 10 


“4 ππ4π1π145 
sv) 
part 


ax<si< 
οι σι 
SH 


104 


107 


A ee 
ἐφ 
> 


. 107—110 p. 395. 
. 107—117 p. 395. 


104—106 p. 395. 
104—172 p. 395,396. 


p- 359. 
p- 359. 
p- 359. 
p. 351, 352, 


p. 400. 
. 351, 359, 
359. 
359. 


p. 337, 380. 


1) Ubi tab. adscripsi, 
qua continentur verba, in 
positionem facit, modo non faecit. 


EFF ERS EEEREEEEeEeeeeEee 


108 


. 111—118 


119—142 
121 

122 

125 

126 

135 

143 
143—170 
150 

151 

161 

163— 172 
165 

170 
170—172 
173 

186 

191 

195 

198 

199 

201 

209 

211 

213 

218 

219 

224 

227 

230 

233 

236 

247 

251 

256 

258 

263 

266 


significatur tabula illa 


"Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ῥ Ὁ Ὁ Ὃ Ὁ 'Ὁ Ὁ Ὁ Ὃ Ὁ Ὁ "Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὃ 'Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὁ 'Ὁ 


380. | 
395. 


w 
NG 
N 
st 
Te) 
o 


ΕΣ 


44π444π{5 


4115 


268 
272 
273 
278 
278—391 
280 
284 
289 
290 
294 
299 
301 
305 
306 
307 
308 
310 
911 
912 
918 
914 
315 
327 


GESEEER 
ΘΟ 9 9 


351—379 


> m ca co 
DIT 
le σὺ ὁ. 


www 
ARD 
“ἢ 9 τὺ ὥ 


368 


5 Ὁ 5} Ὁ "5 Ὁ "Ὁ 
[Ὁ] 
τι 
ἐφ 


-᾿ 
ως 
σ' 


p- 359. 
p. 359. 
p. 359. 
p. 345,859. 
p- 345. 
p. 345. 


359. 
. 370, 381, 


359. 


Ῥ. 359. 
p. 382. 
p. 381., 
p- 370. 
p- 359. 
p: 353, 361, 


p- 381. 
p- 381. 
Ῥ. 359, tab. 
p. 365. 


ad p. 365 pertinens, 
quibus mutae cum liquida copulatio modo 


ποτ “τυ τ -ὸ- 


en ME ee σοὺ πα "de 


ὩΣ 


Aemilius Ackermann, 


p. 381,382. 
v.359, 369. 
. 381,382. 


359. 
359. 
331. 
359. 
359. 
399. 
359. 
. 847,359. 
350, 352, 


382. 
383. 


VORSETTRSTET SRISTTRTTT 


P- 
p. 352, 358, 
p. 357. 


Ῥ. 358, 385. 


394. 
359. 
383. 
374. 


- Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ 
ὧϑ 
.2 
ὥῷ 


p- .360, 383. 
p- 360. 


. 358, 385. 


ΕΕ ΤΥ ΤΕΥ TEE TEST 


4ππ4π4π5 


“4 π4π458 


555 p- 377. 
997 p. 377. 
560 p- 359. 

. 565/66 Ε 401. 
569 . 860. 
574 3 „352, 399, 
360, 384, 385. 

587 p. 369. 
996 p: 369. 
599 p. 371. 
605 p. 370. 
607 p. 369, 379. 
608 p- 379. 
610 p- 369. 
612 p. 379. 
644 p. 338. 

. 661 Ῥ. 332. 
661/62 ρ. 332. 
668 p. 369, 374. 
672 p- 379. 
692 p. 374. 
700 p. 370. 
705 p. 370, 391. 
706 p- 391. 
710 p. 381. 
714 p. 360. 
715 p. 401. 
716 p. 369. 
122 p. 382. 
724 p. 356,381. 
733 p. 348. 
738 p. 369. 
739 p- 359. 
740 p. 397. 
740—1996 p. 391. 
742 p. 387,397. 
743 Ῥ. 859. 
745 Ῥ. 331. 
746 p- 367. 
747 p. 359. 
750 p. 360. 
752 p- 359, 360, 
361. 

753 p. 348. 
754 p. 361. 
756 p- 360. 
757 p- 350, 352. 
760 p- 360, 372. 
761 p. 338, 360. 
768 Ῥ. 969, 369, 
385. 
769 p. 359. 
770 p. 385. 
771 p. 371. 
774 p- 383. 
775 p. 393. 
782 p. 366. 


v. 783 
v. 784 
v. 786 
v. 787 
v.803 
v. 804 
tab. 
806 
807 
808 
811 
820 
823 
824 
825 
842 
844 
845 
846 
846/47 
848 
852 


+ 


ERFFFEFFELFFEEEEEEEREEEFEEEEEEEEEE 
es) 
or 
00 


an a π᾿ δ’ τὰ 
[19] 
.-- 
o 


4<44< 
co 
per! 
00 


p. 348, 360, 


370. 
360. 
370. 


Sie ee Ὁ 
φ 
σι 
© 


p. 360. 
PT. 


“τ πτππτ 444: π 4 π4 4 3 ΡΞ 3 ππκ484 


ΣΕ ΣΣΣ 


Herculis Oetaei versus qui afferuntur vel explicantur. 


. 924 p. 342, 359. 

. 929 p. 382. 
930 p. 383. 
932 p- 381. 
936 p. 404. 
938 tab. 

939 p. 347, 548. 
940 Ρ. 347. 
943 p- 360. 
945 p- 359. 
947 tab. 

949 p- 377, 378. 
952 p- 378. 
953 p- 361. 
954 p- 377. 
955 p. 360. 
956 p. 371 
957 tab. 

959 p- 860. 
961 p- 359. 
962 p. 376, 404 
963 404. 
964 405. 
964—970 p. 404. 
965 p. 352,353, 
360, 385 

966 p. 385. 
‚970 p. 404, 

. 970—1002 4 999, 
972 . 360. 
975 4 376, 377. 
976 p. 360. 
981 p- 357. 
982 p. 374. 
983 p. 398. 
984 p. 405. 
986 p. 360. 
987 p. 372. 
988 tab. 

991 p. 360. 
994 p- 360. 
1000 ».358,405. 
1003 p. 404 
1005 tab. 

1006 p- 358. 
1016 Ῥ. 358. 
1017 p. 370. 
1018 p- 379. 
1020 p: 360. 
1024 . 386. 
1027 p. 360, 401 
1028 p- 360. 
1030 ᾿ 401. 
1081 988. 
‚1091-1180, 337,390. 
. 1032 . 340. 

. 1035 ᾿ 988, 889, 


v. 1086—1099 p. 339, 


341, 387. 

v. 1040 p. 340. 

v. 1042 p- 340. 

v. 1048 p. 332. 

v. 1059 p. 340. 

v. 1060 p. 363. 

v. 1062 p. 365. 

v. 1079 p. 341. 

v. 1080 p- 869. 

v. 1084 p. 969. 

v. 1086 p- 341. 

v. 1088 p. 341. 

v. 1090 p. 341,389 

v. 1092 p. 340, 341 
388. 

v. 1093 p: 388, 390. 

v. 1093—1099 p. 388. 

v. 1095 p. 366. 

v. 1097 p. 369. 

v. 1097—99 p. 388. 

v. 1099 Ῥ. 388, 389, 
39. 

v. 1131 Ὁ. 2399. 

v. 1134 Ρ. 360. 

v. 1135 p- 348. 

v. 1139 p- 360. 

v. 1142 tab. 

v. 1143 Ῥ. 352, 353. 

v. 1159 p- 383. 

v. 1165 p- 360. 

v. 1166 p- 360. 

v. 1168 p- 360. 

v. 1172 p. 360, 386. 

v. 1173 p- 385. 

v. 1175 p. 385. 

v. 1176 p. 365. 

v. 1180 p- 369. 

v. 1181 p- 386. 

v. 1183 p- 360. 

v. 1192 p. 360. 

v. 1194 tab., p. 369. 

v. 1200 ».354, 370. 

v. 1201 Ῥ. 354, 360, 
385. 

v. 1205 p. 386. 

v. 1206 p. 347. 

v. 1207 p- 368. 

v. 1216 Ῥ. 819; 

v. 1218 p. 352, 353 

v. 1221 tab. 

v. 1224 p- 360. 

v. 1227 p. 348. 

v. 1231 p- 385. 

v. 1234 p. 348. 

v. 1237 p. 348. 

v. 1241 Ρ. 360. 


BEE ES ee ee Eee en ee ee Eee 


. 48498 
1243 
1244 
1245 
1246 
1248 
1258 
370. 
1259 
1260 
1261 
1263 
1264 
1265 
1266 
1267 
1268 
1273 
1274 
1275 
1277 
1290 
1291 
1292 
1293 
1295 
1296 
1298 
1302 
1303 
1305 
1307 
1309 
1317 
1323 
1325 
1328 
1332 
1333 
1335 
1336 
1347 
1348 
1349 
1351 
1354 
1360 
1363 
1364 
1370 
1372 
1374 
1376 
1378 
1380 
1386 
1389 


425 


p- 347, 377. 
p. 371. 
p. 360. 
p- 384. 
bg: 

. 360. 
τ 347,360, 


p. 331. 
p- 359. 
5 382. 

. 360. 
τὰ 960, tab. 
Ῥ. 856. 
p. 370. 
p- 358, 360. 
p- 342, 360. 
p- 348, 370. 
p. 343, 360. 
p. 385. 
tab. 
p. 360, 370, 
p. 360. 


p. 360,399. 


tab. 


420 

v. 1390 p. 411. 

v. 1392 p. 333. 

v. 1398 p- 353, 385. 

v. 1399 p. 339, 355. 

v. 1402 ».355,360, 
386. 

v. 1406 p. 336, 360, 
tab., 381. 

v. 1408 p. 336, 360, 
tab., p. 371, 384. 

v. 1415 p. 360, 370. 

v. 1415—1418 p. 336. 

v. 1416 Ρ. 581. 

v. 1419 p. 360, 385. 

v. 1421 p. 401. 

v. 1425 tab. 

v. 1426 tab. 

v. 1427 p- 370. 

v. 1429 Ῥ. 353, 385. 

v. 1434 p- 360. 

v. 1435 p- 360 

v. 1436 p. 360 

v. 1440 tab. 

v. 1441 p- 911. 

v. 1444 p. 360. 

v. 1450 p. 368. 

v. 1452 p. 336, 345. 

v. 1457 p. 360. 

v. 1462 p- 360. 

v. 1467 p- 361. 

v. 1469 p- 360. 

v. 1472 p. 343. 

v. 1474 p. 348. 

v. 1476 p. 344. 

v. 1477 p. 344. 

v. 1481 p- 370. 

v. 1485 p. 348, 360 

v. 1488 ρ.86θ0, (80. 

v. 1489 p. 370. 

v. 1491 360. 

v.1500 376 

v. 


Zeadsasiieeaıı 


1502 .860, 377, 
378. 


1506 p. 348, 373. 
1511 p. 360. 
1515 p- 370. 
1516 p- 382. 
1517 p. 382. 
1518 p. 345,399 
1518—1606 p. 394. 
1531 p. 385. 
1536 p. 379. 
1541 p. 379. 
1550 p. 334. 
1555 p. 370. 
1556 Ῥ. 334. 
1558 p. 348. 


44445485 


Ε  Υ: 


PERF 


. 1560—63 p. 334. 
1564 p. 403. 
1574 p. 370. 
1586 p.372, 379. 
1592 p- 376. 
1595 Ῥ. 338, 344, 
403. 

1599 . 338. 
1600 ν. 37. 
1603 Ῥ. 370, 402. 
1604 p. 346. 
1605 p. 379. 
1607 p. 403. 
1607—1757 p. 402. 
1608 p- 370. 
1610—16 p. 402. 
1613 p. 360. 
1614 p- 383. 
1617 p. 374, 
1621 p- 375. 
1624 p. 371. 
1629 p- 360. 
1632 tab. 

1633 p- 369 
1634 tab. 

1642 p. 349. 
1645 p. 370, 402. 
1646 . 360. 
1650 p. 348, 360, 
tab. 

1652 p. 375 
1653 p- 375 
1654 tab. 

1655 p. 375 
1661 p. 374 
1662 tab. 

1678 p- 360. 
1684 p. 370. 
1693 p. 360. 
1697 p. 338, 360. 
1698 p- 360. 
1699 373. 
1701, ps: 
1703 Ῥ. 402. 
1708 Ῥ: 370. 
1709 p- 360,402. 
1710 p. 360. 
1713 p. 411. 
1716 p- 360. 
1717 Ῥ. 335. 
1718 Ῥ. 335. 
1719 p. 335, 360. | 
1720 tab. 

1721 p- 360. 
1722 p. 360. 
1723 p. 360 
1724 p. 370 


Aemilius Ackermann, 


EEEFREFFENERFER 


Re FE ESEREFSEREEFRE FEIERTE 


1725 p. 402. 
1726 p. 360, 370. 
1739 p. 360. 
1741 p. 339,410. 
1745 p: 360, 370. 
1748 Ῥ. 860. . 
1750 Ῥ. 352, 353. 
1753 p. 370. 
1784 p. 409. 
1756 p- 361. 
1758—1831 p. 400. 
1760 p. 360, 376. 
1764 p. 351. 
1774 p- 360, 
1778 p. 360, 385. 
1781 Ῥ. 353, 360, 
385. 

1782 p. 360. 
1784 p- 386. 
1785 tab. 

1786 p. 360. 
1787 p- 360 


1191 p.358,385. 
1179)20υ p. 388. 
1797 ρ.381, 360. 


1798 tab. 
1802 p. 360. 
1803 p- 360, 385 


1805 p- 5 
1806 p- 347, 358. 
1809 p- : 
1810 Ῥ. 372, 379. 


1811 p. 379. 
1814 p- 360. 
1818 p. 379. 
1820 p- 347. 
1822 p- 360. 
1823 p. 361. 
1824 p. 379. 
1825 p. 360. 
1826 p. 347. 
1827 p. 360, 385 
1829 p: 361. 
1830 p- 360, 376. 
1831 p- 403 
1832 p. 370 
1836 p: 360. 
1839 p. 404 
1840 p- 400. 
1840—1939 p. 400. 
1844 p. 368. 
1845 p. 360. 
1847 p- 350, 352. 
1849 p- 374, 412. 
1855 p. 360. 
1858 p. 347. 
1859 p. 360. 


Res quae tractantur. 427 
v. 1861 p- 373. v. 1890 . 338. v. 1972 p. 404. 
v. 1863 p. 372. v. 1911 Ὴ: 905, 381. |v. 1975 p- 360. 
v. 1865 p- 369. v. 1912 p. 381. v. 1976 p. 411. 
v. 1868 p- 365. v. 1914 p- 331. v. 1978 p. 370. 
v. 1870 p. 369. v. 1916 p. 369,379. | v. 1979 Ῥ. 347. 
v. 1871 Ῥ. 379. v. 1918 p. 379. v. 1984 p. 370. 
v. 1876 p: 379. v. 1930 p. 348, 371. | v. 1992 p. 370. 
v. 1883 p. 363, 373. | v. 1940 p. 404. v. 1993 p- 379. 
v. 1884 p- 373, 377, |v. 1942 p. 411. v. 1996 Ῥ. 391. 
383. v. 1956 p- 363. 
v. 1885 Ῥ-. 977. v. 1966 p- 377. 
Res quae traetantur. 
Prooemium p. 325 sq. tantur p. 390. 
A. DeHerculisauctore p. 326—386. argumenta Habruc- 
titulus p. 326 sg. keri refutantur p. 390 5α. 
scaenae mutatio p. 327. |  argumenta Leonis 
duplex chorus p. 327. | refutantur p. 391 5α. 
multitudoversuum!)p. 327 Βα. |  HerculesOetaeusest 
canticum in fine | δρᾶμα ἀναγνωστικόν p. 392 sqq. 
exstans p. 328. argumenta Tachavi 
loci imitatione e ce- diluuntur p. 395 Βα. 
teris tragoediis |  argumenta Melzeri 
expressi p. 328 sqg. diluuntur p. 396 sqaq. 
loci stolida imita- Senecae Phaedra est 
tione expressi p. 332 sqq. δρᾶμα ἀναγνωστικόν p. 405 544. 
ineptiae Ῥ. 337 sqg. C. De consilio poetae p. 408—422. 
linguae inopia p. 345 sg. Herculem et Cyniei 
sententiaeneglegen- exemplum imi- 
ter constructae p. 346. tandum sibi ante 
rationes metricae p. 346 sqgq. oculos propone- 
res prosodiacae p- 365 sqq. bant p. 408 5α. 
orthographia p- 368 5αα. philosophorum de 
usus loquendi p- 371 sqg. Hercule scripta ρ. 409 sq. 
B. De unitate tragoe- Senecae consilium Ὁ. 410 566. 
diae p- 387—408. nonnullaereligiones 
argumenta Swobo- antiquae p. 412 sqq. 
dae et Goebelii religio Herculea p. 414 sqgq. 
refutantur p- 387 sqq. Senecae ars rheto- 
argumenta Peiperi rica p. 422. 
et Richteri refu- Conclusio p. 422. 
1) cf. etiam p. 394 et 412. 


428 


Aemilius Ackermann, Index vocabulorum. 


Index vocabulorum. 


Abire (ad, in) 

abit (= abiit; similia) 

adrogare (v. 899) 

alere (v. 466) 

aliquis (= quidam v. 
1849) 

altisonus 

ambo 

autumare 

Bistones (Hebrum ac- 
colentes v. 1042) 

claudere (cludere) 

colus 
„ == 1818) 

cum (quom) 

Cyclas (Y) 

deinde 

detrahere (= deducere 
v. 661) 

domus 

donec 

ducere (d. 
sopire) 

edissere 

ei mihi 

etiam 

etiamnum 

fere 

ferre (= gignere) 

fibra (1) 

figere (— inferre) 

fors 

forsam 

forsan »: 

forsitan 

forte 

fuisse (= esse desiisse) 


somnos ΞΞΞ 


A (= natio) 
Getae (in Rhodope ha- 
bitantes) 
haud 


hauddum p- 


Hebrus (ex ostiis de- 
fecit) _ 

Hebrus (6) 

Herculeus (ensis v. 869) 

(Herculis) sors (v. 1473) 

„ voltus(v.1273) 

hocne (= hoccine; si- 
milia) 

ictus 

ignoscere (fatis) 

imbellis (v. 981) 

immemor 

inclitus (inclutus) 


ἘΠΈΜΕΝΕ a a We a ea 


p 
p 
genus (= g. humanum) p. 
p 
Ρ 
p 


p 

p 

Ρ 

Ρ 

2 p 
hine p- 
p 

Ρ 

p 

p 

Ρ 

Ρ 


376. 
365. 
351. 
397. 


. 374. 
379. 
371. 
375. 


340. 
371. 
369. 
374. 
369. 
365. 
384. 


332. 
369. 
382. 


338. 
374, 
386. 
381. 
381. 
382. 
346. 
365. 
372. 


353, 


. 382. 
11378. 
372. 
. 378. 


. 340. 
. 883. 
383. 


. 340. 
. 360. 
. 341 
. 343. 
. 942. 
384. 


107, 
Dh 
. 374. 
. 857. 
. 818. 
ou, 


884, 


56. 


incolume (Abl. v. 1844; 
similia) 

inde 

interim 

magis 1 pol 1600) p. 

Megara (v. 1452) 

mergere (= abscondere 
v. 1348) 

mundus 

nempe 

nodus (= clava) 

nondum 

obiter 

paedor 

palam 

Parthus (v. 161) 

pati (v. 1599) 


populi (= populus) p. 3 


possidere (v. 1294) Ῥ. 


potius 383. 
pro (particula) . 385. 
proinde (v. 923) p. 342. 
propter p. 375. 
quamquam 373. 
quattuor (bisyllabum 
v. 1095) p- 366. 
quiescere (active usur- 
patum) . 372. 
quotus p. 378, 422 
reddere (= dare) p. 341. 
2... (ὌΡΟΣ τ 
vitae) p- 341. 
reddere(r.vitam=mori)p. 378. 
regnum (regna trium- 
phi v. 746) p. 367. 
saltem 331. 
serpens (raro latebras 
relinquit v. 1059) p. 340. 
sive (secundo loco tan- 
tum exstans v. 1653) p. 375. 
sonare (= praedicari) p. 374. 
spargere (v. 1394) p. 333, 411 
stare (= vivere) p. 396. 
tabes p. 369. 
tabum p. 369, 374 
tollere (templa tollens 
ora v. 102) p. 367. 
toto (Dativus) p. 368. 
tribuere (in luce v. 990) p. 372. 
ultimus p- 380. 
ultra (= posthaec) p- 384. 
vaesanus (v. 1930) p. 371. 
vetare (= arcere) p. 371. 
viden (= vıdesne v.1207)p. 368. 
vulgus p- 370. 
vultus (voltus) p. 370. 


BB τῦ Ἢ 'Ξ' Ban 


368. 
384. 
383. 
. 375. 
336, 345. 


333. 
844. 
381. 
374. 
383. 
332. 
375. 
382. 
340. 
. 898. 


378 sq., 422, 


DAS AUSLEBEN 


DES GLAUSELGESETZES 


IN DER RÖMISCHEN KUNSTPROSA 


TH. ZIELINSKI. 


we ἡ» Ἐπ᾿ 5. 


- Er = 


Das Ausleben des Clauselgesetzes in der römischen 
Kunstprosa. 


I. Die Panegyriker. 


1. Im Folgenden biete ich zunächst eine Formenstatistik 
für sämmtliche Panegyriker mit Ausschluß des Plinius. Zu- 
grunde gelegt ist die Ausgabe von Bährens: doch bin ‘ich 
überall dort, wo der große Textverderber durch eine seiner 
willkürlichen Conjecturen die Ölausel zerstört hat, stillschwei- 
gend auf die Ueberlieferung zurückgegangen. Ueberhaupt ist, 
um das nebenbei zu bemerken, auch für Bährens das Clausel- 
gericht zu einem Gottesgericht geworden. 

Die statistische Tabelle ist, um die Vergleichung zu er- 
möglichen, ganz nach dem Muster derjenigen entworfen wor- 
den, die ich für Ciceros Reden ausgearbeitet und meinem ‘Clau- 
selgesetz’ beigefügt habe; nur sind der Vereinfachung wegen 
für M, S und P überall nur die Summenzahlen angegeben 
worden. Was über diese Classen im Einzelnen zu sagen ist, 
wird später nachgeholt werden. Die Kenntnis des genannten 
Buches setze ich, um Wiederholungen zu vermeiden, überall 
voraus. 

Was einem zunächst auffällt, ist eine große Unifor- 


 mirung der Clausel bei diesen Spätlingen. War bei Cicero 


der Procentsatz der V-Clauseln 60%, bei Plinius gar nur 50%, 


80 steigt er hier auf 66%. Ganz zurückgegangen ist der Pro- 


centsatz der selteneren Clauseln M, S und P: bei Cicero um- 
faßten sie immerhin 12,7%, bei Plinius gar 18,1, hier nur 


4,9. Aber die Uniformirung ist tatsächlich noch viel größer, 


als es darnach scheinen könnte. 


432 Th. Zielinski, 


| 


| 
| 
ἱ 


Εἰ. ἢ. 81: nee 
sis als als als 5|Ξ Ε] 
ΠΕ 8.0188 7/8188], 
ΞΞΕΈ ΒΕ Ξκ καὶ Ἑ ΑΠ]Ὲ " 
ss Κὶ 8 ἢ ΚΕ 55 Ξ [0]@ 
SER FE EEE: 
N 39 39 22 42 81 62] 44 
PR EN τος 16 20] 10 18 12 22 13 
en 7 a A I 
ἜΝ A REEL 12. 16| 16 16 18 26 17 
Be en σὐνν ı— 2 3 3 — 
v: | 72] 81 48 78] 65114 75|1242411209)295]1402| 66,0 
L EIS ORLIAUON ». 18.2.4 8 4 617 18 19] 80 4 
BD μα ὦ 9. 917 9 12 16 9 18 217 18 28] 101 1,9} 
I γλ ν Ἂ - δ), 11 4 815 926 816 12 20 44] 118 8,} 
IRIESRIUNSITRETS — 111 1 Dame I 
EEE τὶ .Μ.8.488 8.3 4.8 2.4 8 88 
αὐ τι πο πος 2-17 —— ἢ ποτ 12374 
weint ΔΆ. δὲ _ 9) — 2} ΡΝ, δ 
a ee 1.1.4 Ha 5 
24 — _- —i- ον .»ϑὃὈΆᾷ}ν.ὲ..:} .- 1 SI .ὄὕ 
gan  ςτῶς τ. 9). -ἰ 9 ἘΠῚ Εν 
πιο ΡΟ 
= -. an: .—. |— 11-1 le 4 
g τ πη 97. - 8.1 2  Ξ Ξ  - 
Be τον οι ee 6 
BT rn N EN ı 3-7 32423236 1-— 8] 25 
zart) ABS BELLE 1.8 -- — 4232 1-76 27 
4τ-ος euer I τ ἢ ον 
ΠΟ rag ΣΝν 8 - |<) SL. are | 
L: 86 41 85 36 4 59| 87 65 69 70132] 620 29,1} 
ΒΤ ΤῸΝ τς -- ΜΝ 1: 16) 5 97 1,20 
M: 4 ὃ m 8 ὁ 4 9 618 61 9,9 
Pe 1. 


4 ' 1 15. 0,8 


I 


176 118198.828 808 451 2125100 ἢ 


Summa [1121133 8711510 


Die Fixirung der Wertelassen ist aus Cicero ge- 
wonnen und hier der Bequemlichkeit wegen beibehalten; das 
Verhältnis hat sich indessen gewaltig verschoben. Bei Cicero 
waren in der Tat die fünf Clauseln der V-Classe die ‘bevor- 
zugten’: der seltensten unter ihnen (2: 7,2%) schloß sich die 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 433 


häufigste der L-Classe (1?) erst mit 4,3% an. Aber schon 
bei Plinius ändert sich die Sache. Infolge des ‘Entwickelungs- 
gesetzes’ (‘Clauselg.’ 64) werden die schweren Clauseln immer 
seltener; schon bei Plinius hat es 3 nur auf 4%, 2 gar nur 
auf 1,8% gebracht und sind beide hinter die besten der L- 
Classe, 1? (7,5%) und 1" (4,4%) zurückgetreten. Bei den 
Panegyrikern hat sich die Bewegung in derselben Richtung 
noch weiter vollzogen: 8 ist mit ihren 2,3% nicht nur hinter 
1? und 1?, sondern sogar hinter 1! zurückgetreten, und gar 
2 selbst hinter einigen Ableitungen der Hauptformen II und 
Il. Der für Plinius aufgestellte Satz, daß für ihn 1, 2, 1°, 
3 und 1? die bevorzugten Clauseln sind, gilt — nur in etwas 
andrer Reihenfolge — auch für die Panegyriker: auch hier 
haben es nur die fünf genannten Clauseln je über 100 Fälle 
gebracht und umfassen zusammengenommen 1670 Fälle, d.h. 
fast 80%. Das ist somit erst der wahre Ausdruck für die 
Uniformirung der Clausel bei den Panegyrikern. 

Uebrigens ist die Clausel 1° zwar noch immer (im Gegen- 
satz zu Cicero, der 1? bevorzugte) die beste unter den L-Clau- 
seln, aber doch nicht mehr im selben Grade wie bei Plinius, 
bei dem sie sogar 3 überflügelte: sie steht mit ihren 8,1% _ 
weit hinter 3 (16,2%) und 2 (13,7%) und nicht allzufern 
von 1? (7,9%). So bleibt Plinius mit seiner Bevorzugung 
von 1°? vorläufig isolirt; es ist noch zu untersuchen, ob diese 
Bevorzugung eine Eigentümlichkeit seines individuellen rhyth- 
mischen Gefühles ist, oder ob er sie mit seinem Zeitalter teilt. 
Und nach dem Zurücktreten von 1? und 1? bleiben 1, 2 und 
3 die bestbevorzugten — eben dieselben, aus denen sich der 
mittelalterliche Cursus entwickelte. Dabei hat die weibliche 
3 der männlichen 2 den Rang abgelaufen und umfaßt mit 
der gleichfalls weiblichen 1 nahezu 50% gegenüber .den 13 
der männlichen 2; eine gewiß recht auffällige Vorliebe für 
tönende Periodenschlüsse. 

2. Zur Typologie. Dieselbe Uniformität, von der die 
Formenstatistik Zeugnis ablegt, waltet auch in der Typologie. 
Hier sei zunächst ihre Tabelle für 1 mitgeteilt, wobei wir der 
bequemeren Uebersicht wegen die Procentsätze für Ciceros 
Reden nachfolgen lassen. 


484 Th. Zielinski, 


I mE IV V VI ΠΥ ΙΧ X XI XI |summa| 0%) | Cicero 


a ya 681 1 yore ΡΝ 
β. 4 GE .,88  15..8.ϑὄ 12.234. 985 95) ee 
v 80 22 14 30 24 48 80 88 77 49 101 | 458 | 66) 492 
δ 8ὃ8.ϑ»-ῳ .Ρ»β.78 PT 110 1877 Me 
Ey re ee 3 De 4-1 2999 

Summa 39 39 22 42 31 62 44 57119 90 150 | 695 100 100 | 


Der Caesurtypus 1y, der bei Cicero als der bevorzugte 
immerhin nur dıe Hälfte aller Fälle umfaßte, hat es bei den 
Panegyrikern auf rund zwei Drittel gebracht; ihm gegenüber 
sind die Typen ἃ und ß, nicht aber ö, merklich zurückgegangen. 
Bei ἃ nimmt es uns nicht wunder: schon Quintilian fand diesen 
Typus, dessen Vorkommen bei Cicero nur vom Häufigkeitsge- 
setz geregelt wird, qualitativ anstößig (‘Clauselg.’ 60). Mög- 
licherweise ist diese Erscheinung im Anschluß an de Jonge 
(s. u.) daraus zu erklären, daß diese zwei Typen (@ und ß) in 
der Clausel nur einen Hauptacceni bieten. 

Doch birgt der Typus 1ß noch eine interessante Ueber- 
raschung, die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen. Hier 
folge der Anfang des Registers, der die 138 Fälle umfaßt: 


II 11 dexte)ris gubernatis IV 9 conciliabu)lum juventutis 
12 ocea)num petiturae medi)us Camenarum 
ocea)nus redundavit 10 praesci)us futurorum 
14 mani)bus resolvatis 18 inco)lis frequentari 
5) III 1 debi)ti repraesentem Hercu)lis renascuntur 
7 gaudi)o triumphare V 4 similitudi)nem requirebat 
9 radi)i sequebantur 6 recep)tu recursuque 
10 Hercu)l&s adorari 10 omni)bus careretur 
12 mutu)um reversuri 11 ocea)num videretur 
10) 14 cum relinguuntur 20) 13 omni)bus videretur 


Es ist kaum nötig fortzufahren. Soviel sieht jeder Leser: 
wo die ß-Stelle nicht durch ein Monosyllabon ausgeführt wird 
(wie in Nr. 10), ist das Anlaufswort ein Proparo- 
xytonon. Davon weisen die 20 angeführten Fälle nur eine 
Ausnahme auf, nämlich Nr. 17, die indessen auch sonst nicht 
einwandfrei ist; Bährens hatte für recepftu — recessu vorge- 
schlagen, was die Sache clauseltechnisch nicht besser macht. 

Im Ganzen finden sich unter den 138 ß-Fällen nur fol- 
gende Ausnahmen: 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 435 


V 6 recep)tu recursuque ἡ 10) 20 bel)lo lacesserunt r 


VII 12 su)ä fatigarunt 29 ma)nu teneretur F 
VII 3 iunc)tus peroravit 30 re)rum figurandi Ὁ 
8 e)ras haberemus XI 19 ho)nor petitus sit 
5) IX 9 non de)cet laborare 21 hono)rum petendorum 
13 non e)rat reservasti 15) XII 13 mo)dum coerceri 
20 fo)re spopondisti exem)plis abundantem 
21 ti)bi reservavit 25 lau)dis videbatur 
X 15 gra)du reponantur 32 do)mi reliquisses 


Also 18 Fälle, darunter 4 kritisch unsichere, 2, für die 
auch eine andre Form concurrirend in Frage kommt (Nr. 7 
und 8: bei pyrrhichischer Messung des ersten Disyllabons 
1.11β) und 2 (Nr. 5 u. 6), die gar keine Ausnahme bilden, 
weil non decet und non erat je einem Proparoxytonon gleich 
kommen; strenggenommen demnach nur 10 Ausnahmefälle, 
darunter 6 mit jambischem, 4 mit spondeischem Anlauf. Da- 
mit vergleiche man die ‘Clauselg.’ 30 gegebene Tabelle für 
Cicero Bd. III, wo auf 208 1ß-Fälle 138 mit spondeischem An- 
lauf kommen, dazu 18 mit jambischem, und die proparoxyto- 
nirten Anläufe zusammen nur 52 Fälle umfassen ! 

Wir haben demnach ein für das Ausleben der Clausel- 
technik charakteristisches Anlaufsgesetz vor uns; fragen wir 
nach seinem Sinn, so hilft uns die Wahrnehmung weiter, daß 
unser Gesetz für die 1Bö-Fälle offenbar keine Gel- 
tung hat, sondern nur für die reinen 1. In der Tat, man 
vergleiche die vorhandenen Fälle: 


II 3 cae)li rapit solem XI 19 seditio)nem manus emp- 

8 volu)ceres dedit cursus tae 

IV 3 me sciens fallo 10) XII 6 fortu)nae suae par est 

V 18 cu)ris vacant gentes 8 quae tibi debes 

5) VI 11 deside)rent novas vires 27 homi)ni novum fatum 
14 Constanti)no pater deest 41 nol)let licet posset 

VII 14 suspen)sä manu tractem 44 soller)tes manus ducant 

X 32 defaeca)tum statim pu- 15) 45 mater)no sinu clausit 
rumst 


Unter 15 Fällen — oder, mit Abzug der 2 Monosyllaba- 
Fälle Nr. 3 und 11 — unter 13 haben wir 10 mit paroxyto- 
nirtem, 3 mit proparoxytonirtem Anlauf — ein ähnliches Ver- 
hältnis wie bei Cicero. 

Soweit hatte ich die Frage im Sommer 1904 gefördert, 
indem ich mir für die Panegyriker clauseltechnische Notizen 
machte. Dann erschien 1905 das wichtige Buch de Jonge’s 
über die Clauseln bei Cyprian, und dort fand ich 8. 60 f. eben 


Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 29 


436 Th. Zielinski, 


dieselbe Beobachtung betreffs der Anläufe in 18 und 1ßö bei 
diesem Autor. Auch bei Cyprian ist somit der proparoxyto- 
nirte Anlauf bei 18 obligatorisch, während 1858 darin keiner 
festen Regel unterworfen ist. Es ist somit billig, daß wir 
unser, für die späte Kunstprosa sehr wichtiges Gesetz das de 
Jongesche Anlaufsgesetz nennen. 

Was seine Erklärung anbelangt, so scheint mir de Jonge 
auch darin auf dem rechten Wege zu sein, daß er es mit dem 
obenerwähnten, von ihm gleichfalls entdeckten Gesetz der 
zwei Accente in Verbindung brachte. Seine Erweiterungs- 
theorie jedoch, die uns noch später beschäftigen soll, kann ich 
mir nicht aneignen; vielmehr denke ich mir die Sache 80. 
Eine 185-Clausel wie cu)ris vacant gentes hat in ihrem Körper 
zwei Hauptaccente; für sie ist daher der Accent des Anlaufs- 
wortes gleichgiltig. Anders 1β soli)bus perurendam: da sie 
es im Klauselkörper zu einem zweiten Hauptaccent nicht 
bringen kann, so verlangt sie mindestens einen möglichst kräf- 
tigen Nebenaccent. Nun haben nur die Proparoxytona auf 
der Endsilbe einen kräftigen Nebenaccent; daher diese hier 
fast obligatorisch sind. 

Es erübrigt noch, für 2 und 3 eine möglichst kurze Ty- 
penstatistik zu geben; es geschieht im Folgenden. 


I II IV Vv VI VO VOR IX X Xi XIU|summa| 0%, |Cicero 


Y 10 17 0 16 2 18 10 28 28 33 52 299 |78,7| 48,3 
ὃ 6 ᾽ :τοὔὦ- ὦ 3 2 18 10 ee 
εῶβε-- 1 -- ---- το. - τ ΙΝ 


Summa16 20 10 18 12 22 18 25 46 51 58| 291 | 100) 87,7 | 


Wie jeder sieht, ist die typologische Uniformirung hier 
noch weiter gediehen, als bei 1; und nun noch die Diäresen- 
clausel 3. Doch bedarf es für diese nicht einmal einer Ta- 
belle: das Diäresengesetz wird fast ausnahms- 
los eingehalten. Eine gewisse Freiheit in der Hand- 
habung dieser Clausel finden wir — seltsamerweise — erst 
beim spätesten der Panegyriker, Pacatus, der auf 70 Fälle die 
Diärese nur 58mal einhält, während von den 12 restirenden 
9 die Caesur ε bieten, die 3 übrigen sich auf ß, y und γζ ver- 
teilen. Sonst habe ich mir 2 Ausnahmen bei V notirt (e), 1 
bei VIII (y), 2 bei IX (e) und 2 bei XI (e). 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 437 


Zu bemerken ist übrigens, daß von der Syllaba anceps 
vor der Diärese ein ausgedehnter Gebrauch gemacht wird; 
vor der Doppelzeitigkeit der ersten Silbe der Basis soll noch 
im Folgenden die Rede sein. 

Was endlich die schweren Clauseln anbelangt, so ist ihre 
Behandlung viel freier: von den 23 2-Fällen entbehren 7 der 
Cäsur, von den 48 3-Fällen gar 25 der Diärese, von welch 
letzteren wiederum auf Pacatus der Löwenanteil kommt. 

3. Die seltenen Clauseln. Von den 27 Fällen der S- 
Classe kommt die größere Hälfte, wie zu erwarten, auf S3; 
merkwürdig ist aber, daß von diesen 14 Fällen volle 12 dem 
Mamertinus gehören (XT), sodann 2 dem Claudius Mamertinus 
in seinem Genethliacon, während sie in den übrigen 9 Reden 
nicht vorkommt. Die übrigen 13 Clauseln der S-Classe seien 
im Folgenden angeführt: 


51: X 18 Constantinum esse! XII 2 lon)geque prospecti 

ΧΙ 25 fortunae vultu sunt 
S2:VI 3 gentium praesentant 33 fi)des laboratura 

XI 2 lae)teris, ingratus sis 10) 5.39: IX 7 expe)rimentum no- 

5) 5 glori)ae refutarentur vissent 

26 optimus judex est ut de tesperarent f 

31 meru)isse, cum faetus SS: XII 10 vide)ras jam Histro 


sis praetendebas } 
12 candi)dati ne declaretur Ὁ 

Von der einzigen Nr. 3, die gut ist, abgesehn, haben wir 
es mit den drei späteren zu tun; da erweist man ihnen wohl 
zu viel Ehre, wenn man sie ernst nımmt. Mir scheinen die 
Nr. 1, 2, 5, 9 und 10 als V1 intendirt zu sein (Nr. 10 kann 
auch durch die Schreibung -menta geholfen werden), die übri- 
gen, bis auf die kritisch unsicheren, als V2. Und wer weiß, 
ob nicht auch die 12 S3-Fälle des XI eigentlich als V3 ge- 
meint waren ? 

Wir fahren mit der M-Classe fort. 


113: IV 6 adyta transtulerit 2?: II 4 va)stator imitatus 

X 10 quia nihil similest est 

23 operis erigitur 8 Diocleti)anus imi- 

XI 31 oneris impositum tatus est 

5) 155: VII 22 facta beneficiis 10) Ill 13 ab)esse videamini 
VIII 10 commen)dare bene- IV 16 nostra celebranda 

ficia. sunt 

11 tanta beneficia VII 16 quis quis imitatus est 

XII superve)nire bene- VII 2 Subve)nire rs δ τα 

fieia es 


29 Ὁ 


438 


IX 10 vicit apud Actium 
15) nomen habitura sit 
X 16 umbra comitata sit 
27 a)cervus onerosior 
6 vi)cere patientiam 
XI 26 impera)torisopulentia 
20) 29 ef)frena superaverant 
XII 19 can)dore proficiseitur 
24 in)junge patientiam 
pauper)tatesatiavimus 
91 tu)ique reputatio 


25) 41 tra)hente properatio 
2°: XIl47 praedi)care quae pro- 
pria sunt 


3°: XII33 funibus vela tacuit 
3*:1Il 15 quod spem ubertate 
superas 
XI121 mirantes explet oculos 
30)3'°: ΠῚ ὃ equus aut velivola 
navis 
3° III 6 invi)cem pietate colitis 
XI 33 subjieiamus oculis 
3“: ΧΙΠ 1 partici)pant videri 
posse video 
41: X 33 dif)ficilis existimatiost 
35) 36 habet eorumque fra- 
tribus 
4°: XII 12 be)ata quia non eram 
tua 
4tr: II 7 so)luto animo aclibero 
sumus 
IV 12 conten)tae meritis 
conscientiae 
VI 4 principiis consecutus 
es 
40) 4':III 10 ho)minibusque accep- 
tiora sunt 
4tr: IX 12 vir)tutis et clementiae 
tuae 
X 4 au)daciorem veritas 
facit 


Th. Zielinski, 


5: X 35 praebeat sed benigni- 
tati 

9°: XII 9 est labor sine necessi- 
tate 

45)&: II 4 nomi)ni juxta prin- 
cipem subisti 

X 33 ar)cessendae gratula- 

tioni 

XII 30 fihdem vincendi ne- 
cessitatem 

5°: 1V 8 vigilanti)aepatientiae 
magistras 

ΧΙ 9 cum deerant quibus 
Juberent (?) 

50) 5°: III 12 indi)cium perturbatio- 
nis oculi 

Str: XIl 2 imperato)rem decet 
quam dquem minus 


necessest 
6: VII 13 tempo)rarius ille tran- 
situs fuit 
θ᾽: XII 30 temeritas sed neces- 
sitas erat 


6: VIIL14 amo)ris nostri contu- 
meliam feres 

55)6t:XI 4 pe)riculi plenum ne- 
gotium fuit 

XII 45 aurium saltim mole- 

stiä luit 

8: VIIl12 venturis pensitationi- 
bus neget 

MS2tr: IX 22 tu)am sequitur 
fortuna 
MS2t: VIII12 in futuro securos 
60) MS3!: XII 25 rabiem parta 
irritabant Ὁ ἢ) 

MS3*: XII 12 cum potest nun- 
quam voluit 

MS3tr; VIII 14 muneris abste 
accepisse 


Hier mache ich zunächst auf die Clausel 138 aufmerksam. 


Bei Cicero (‘*Clauselg.’ 58) kam sie nicht vor und konnte auch 
nicht vorkommen — warum, ist ebendort erklärt. Der cicero- 
nianische Accent folgt dem Viersilbengesetz; das Wort bene- 
fieium trug den Accent auf der viertletzten Silbe, eine Olausel 
wie, dcta beneficiis hätte das Harmoniegesetz verletzt. Das 
ist nun anders geworden; das Dreisilbengesetz kam zur Herr- 


!) Der ganze Satz lautet in den Hften: crescebat in dies habendi 
fames et parandi rabiem parta irritabant. Der Concinnität wegen än- 
derte Bährens parandi in pariendi; die Clauseltechnik lehrt, dass viel- 
mehr umgekehrt parta in parata zu ändern ist (93 intendirt als V3). 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 


439 


schaft, der Accent von beneficium verschob sich auf die dritt- 
letzte Silbe, und nun stand der Clausel 1°? nichts mehr im 


Wege. 


So genau folgt die Entwickelung der Olauseltechnik 


der Entwickelung der Accentuation; so wichtig ist die Kenntnis 
der ersteren für die richtige Beurteilung der letzteren. 

Das Register soll uns im folgenden noch beschäftigen ; 
jetzt lassen wir die letzte, die P-Classe nachfolgen: 


P1: UI 2 protulit in lucem 
19 praemia fatorum 
IX 20 secu)ros adorirentur 
X 32 significaturus 
5) 38 ambiti)one sui gaudent 
XI 19 probro)sissimum adula- 
bant 
20 pecuni)ae coacervandae 
23 herba)rum vicem olus 
vulgost 


P2:III 13 esse pacem colere 

10) IX 6 missili)bus sed hastis 
gladiis 

XII 10 semper exercitus es 
P3:V 14 gentium proveniebant 
X 10con)eordiae commoditates 
P3::IX 19 moli)mine currüs inve- 
heretur 
15) X 34 prin)eipe tam sero fru- 
erentur 


Doch dürften die wenigsten also intendirt worden sein. 
Falsche Messungen vermute ich in Nr. 1 (= Li!y), 3 (= Vle), 
Ze ὁ (— V1B8), 6 (V3 m. Syll. and), 7 (= Vila), 8 
(V1ßd), 11 (V3y), 12 (= 13°), 13 (= Vle), 14 (= Vle). 


4. Tonik statt Quantität. 


Im folgenden seien zunächst 


die choriambischen Clauseln der dritten Hauptform — also 
185 — für die letzten drei Panegyriker zusammengestellt: 


X 1 judicia perleguntur 
2 spes volucres constiterunt 
4 si)bi similes intuetur 
6 perseque)ris, miseros li- 
berasti 
5) 12 de te aliud non licebat 
15 labo)ris pretium respuis- 
sent 
negotio)rum ratio metien- 
dast 
24 ingenio repperisti 
vulneribus interissent 
10) 28 extenta acies pertineret 
31 servitium sustinebat 
32 quam quae oculis hauri- 
untur 
33 eximiä fortitudo 
34 honesta)tem referendam 
arbitremur 
15) 35 utilitas singulorum 
perdomit ac condiderunt 
37 quam facilis supplicanti 
38 frangen)dis vitiis consti- 
tutae 


simplicita)tis laqueos per- 
diderunt 
20) XI 4 invidiam congerebat 
5 vulneribus sauciasse 
6 nefan)dis stimulis exci- 
tasse 
7 Hi)strum placuit navigari 
8 sideribus consecrasti 
25) 13 verticibus perferatis 
14 Constan)tinopolim pervo- 
lasse 
„ di)vini animus praevidebat 
15 face)res etiam non meren- 
tem 
16 di)gnum facerenon deceret 
30) 17 desidiae non refugi 
18 me fieret post repulsam 
obtinuit arbitratur 
23 nominibus abstinebant 
24 amico)rum paria profe- 
runtur 
35) militibus diligaris 
30 principiis commodorum 
32 offieiis sempiternis 


440 Th, Zielinski, 


XII 3 scientiä medicos saepe vidi 22 tu)is populis te videri 
4 excutio veritatem 50) 24 interitum Gratiani 
40) 7 luxuriä vindieavit 25 a)missa metu relliguorum 
praeterito perdidisti 26 atque inhians exigebat 
8 optas)sent facere, dum do- 27 munificus imperator 
cerent 28 Gallaicus eruisset 
9 consilio re juvabas 55) 29 corporibus impiabant 
11 excidium Galliarum 35 ΔΟΡῚ poterant occuparant 
45) 14 an)gustus eratnoster orbis 37 et crotalis personabant 
16 non etiam diligebat 38 attonitus avolabat 
redunda)vit nisi dandi vo- 45 pot)est etiam non timeri 
luptas 60) 46 de)cernere posses trium- 
19 su)perfuerat orbitati phum 


Was hier zunächst auffällt, ist die große Zahl der choriam- 
bischen Clauseln: 60 L3" gegenüber 122 V3 (ich bitte, diese 
Zahlen einstweilen nicht an der Tabelle zu controliren) ist ein 
ganz unvernünftiges Verhältnis, wenn man bedenkt, daß bei 
dem doch viel freieren Cicero auf 1787 Clauseln V3 nur 433 
L3", also noch kein Viertel kommen. Aber auch die 9 er- 
sten Panegyriker widerlegen unsre Zahl: sie bieten auf 150 
V3 nur 21 L3", also gerade soviel, als wir bei diesen uni- 
formen Gesellen erwarten durften. — Dazu kommt indessen 
noch folgendes. Von den angeführten 60 Clauseln haben nicht 
weniger als 15 eine Syllaba anceps vor der Diärese (Nr. 1, 
7, 9, 13, 29, 32, 34, 39, 40, 42, 48, 53, 54, 55, 88); nun 
wissen wir aus Cicero, daß die Clausel 3‘ die Syllaba anceps 
vor der Diärese überhaupt nicht gestattet. Nun könnte man 
freilich überall die Syllaba anceps vermeiden, man brauchte 
nur z. B. Nr. 1 ani)morum judicia perleguntur als 5° zu lesen. 
Aber damit würde man die Zahl der schlechten Clauseln M5° 
(cf. das Register S. 438) von 5 auf 20 bringen, was nicht 
die geringste Wahrscheinlichkeit hat. Einen letzten Beweis 
liefert die Typologie. Von den angeführten 60 Fällen halten 
nur 2 — Nr. 47 und 60 — die Diärese nicht ein, die übrigen 
sind alle 3'ö-Clauseln; ganz natürlich bei der bereits fest- 
gestellten Uniformität unsrer Redner. Es ist indessen auf- 
fällig, daß von den 58 3Wö-Clauseln nur 2 den Einschnitt β 
geben (Nr. 45 und 51), kein einziger den Einschnitt y: wir 
haben fast nur β' ὃ- (27) und reine ö-Fälle (29). Diese über- 
wogen freilich auch bei Cicero, aber doch nicht in dem Maße; 
bei ihm war eine andre rhythmische Feinheit maßgebend. 

Fragen wir nun, was die β' ὃ- und reinen ö-Fälle in der 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 441 


Basis gemeinsam haben, so finden wir auch die λύσις der ganzen 
Aporie: esist de Verwendung der Proparoxytona 
spes völucres constiterunt 

ingenio repperisti, 

Ist dem aber so, so haben wir in den angeführten 60 
Clauseln überhaupt keine choriambischen, son- 
dern gewöhnliche V5-CGlauseln mit tonischer 
Basis: 

völucres eönstiterunt, 
in)geniö repperisti. 

Die Clausel V3 hat demnach bei den drei letzten Pane- 
gyrikern die Form =<—_=||— — — =. Nun hat auch die Syll. 
anc. in der Diärese nichts Auffallendes mehr: sie ist in der 
Clausel V3 gestattet, selbst bei Cicero, und ist bei tonischer 
Rhythmisirung erst recht legitim. 

Was machen wir indessen mit den Nr. 45, 51 und 60, 
die die Einschnitte B und y bieten? Es ist zu betonen, daß 
sie alle drei dem Pacatus zukommen, der auch sonst, wie wir 
gesehn haben, in der Clauseltechnik freier ist. Wir haben 
sie in der Tabelle als unzweifelhafte 3"-Fälle notirt, die übrigen 
zu V3 geschlagen. 

Nun aber weiter. Ist einmal die Clausel <_- = || — — —. 
als V3 anzunehmen, so ist nicht einzusehn, warum sie durch- 
aus einen langen Anlauf haben muss: war aber der Anlauf 
kurz — = _=|| — _ —\, so gibt sie sich äußerlich als L3!. 
Wir müssen also gewärtig sein, auch diese Clausel bei den 
letzten Panegyrikern übermäßig vertreten zu finden; und das 
trıfft auch zu. 


X 5 itineris non habetis 10) 29 an)te licuit experiri 
20 ad aciem detulerunt XI 5 hominibus praedicantur 

25 habuerit dignitatem 25 es)se miserum nec videri 
avidior quam salutis 34 culpae)que documentum 
5) 27 potueris evocare fuerunt 
XI 4 addie)ta dominis serviebat 36 continua)re jaculis occu- 
cineribus excitavit pare 

12 age)requam aliisimperare 15) vel in acervo jacere 

15 comitio consulatus 40 sibi aliquä vindicabit 


Auch hier dasselbe numerische Mißverhältnis — 16 Fälle, 
während die 9 ersten Panegyriker zusammen nur 7 bieten, — 
auch hier dieselbe Verteilung auf ß!ö- (9) und reine ö-Fälle 
(7), wobei die ersten, als 3! gemessen, das Auflösungsgesetz 


442 Th. Zielinski, 


aufs härteste verletzen. Kurz, es unterliegt keinem Zweifel, 
daß wir auch die scheinbaren L3'-Clauseln vielmehr als V3- 
Clauseln mit tonischer Basis anzusprechen haben. Darnach 
sind auch die Zahlen in der statistischen Tabelle 5, 432 ge- 
geben. 

Also: mit Nazarius (X) beginnt das tonische Prineip in 
der Basis von V3 das quantitative zu verdrängen; wir haben 
ein Mittelding zwischen der classischen V3 und dem mittel- 
alterlichen cursus velox. Es fragt sich indeß: wie sind die 
9 ersten Panegyriker zu beurteilen? Hier fehlt uns das Haupt- 
argument für die Annahme einer tonischen Basis: das nume- 
rische Mißverhältnis. Die 21 L3®-Fälle nebst den 7 1.81 
können recht gut als solche bestehn. Qualitativ freilich haben 
wir dieselben Erscheinungen, wie bei X— XII: auch hier ver- 
teilen sich die choriambischen Clauseln auf B!ö- und ö-Fälle 
(bis auf V14 credere te navigante ydö und VII 6 proditionis 
suorum Ε), auch hier baben wir unter den Clauseln L3! nur 
eine der tonischen Messung widerstrebende (III 14 maria. plena 
esse vestri), während zwei umgekehrt bei quantitativer Messung 
das Auflösungsgesetz verletzen (V21 rur)sus habeat condito- 
rem und VIII 9 umenti)bus oculis eminentem). Ich habe es 
für das Sicherere gehalten, bis auf weiteres die Rubriken LS! 
und L3® beizubehalten. 

Noch bemerke ich, daß das Gesagte auch auf 4 ange- 
wendet worden ist, die bei der geringen Anzahl der Fälle keine 
selbständigen Schlüsse gestattete.e Auch hier ist demnach für 
I—IX quantitirende, für X—XII tonische Basis angenommen 
worden. 

Doch bietet die gesammte Grundform IV nebst VI und 
VIII auch sonst bemerkenswertes, weshalb wir ihre Vertreter 


folgen lassen — die Clauseln der M-Classe aus deren Register 
S. 437 ἢ. wiederholt. 
4: II 7 nominis consecutus est 5 gloriae || exitum ferunt 
13 sub Remo et Romulo tuis 'magni)tudine congruentia 
III 11 limina || imminentibus 10) XI 5 oculos providentiae 
VII 2 qui te amant, plurimum 14 commodis publicis vacat 
sciunt 21 in)dignior judicabitur 
5) IX 4 sanguinis gratulatio 24 fildelium diligentia 
23 vi)eisse tam prodigos sui 25 innocentissimum legis 


X 4 sunt amorem invicem cre- 15) 30 Julianum recepimus 
ant 31 debitus restitutus est 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 


XI112 vi)xisse te legibus tuis 
29 etiam in osculis erant 
11 im)perium deprecatus es 
20) 14 priva)tim sui poenitentia 
20 osculo consecratus est 
indigere arrogantia 
21 numinis conscientiam 
25 no)bilibus solitudines 
25) 41 consule et vota conveni 
45 hauriet innocentiam 
4:11 3 deduxe)rint quae victoriae 
auxerint 
5 exerci)tu sed paucis co- 
hortibus 
IX 14 armis non pulverem pati 
30) X 24 conciliatri)ces pacis lacri- 


mas daret 
30 conse)eratos in litteris 
habet 


31 i)psius taeterrimum caput 
XI 5 ge)nus quod nullus refel- 
leret 
26 clau)sae sunt omnes bonos 
habet 

35)XIl7 sine exempli periculo 
10 impera)tori pugnare te tibi 
16 ımpo)nendumst provin- 
ciae caput 


Man beachte den letzten Einschnitt. 


bei 4: 
„ 4 „ 1 „ 3 
„ Ιγο " 2 „ 


„ VH VI, —, ,-- 


443 


24 fece)runt affeetu innocen- 
tiam 
40 cum sit quae vicerit tua 

4°: X 33 dif)ficilis existimatiost 
36 habet eorumque fratribus 
4°:XII12 be)ata quia non eram tua 
4: 1 7 so)luto animo ac libero 
sumus 
IV 12 conten)tae meritis con- 
scientiae 
VI 4 principlis consecutus es 
4':1IH 10 ho)minibusque acceptiora 
sunt 
4':IX12 vir)tutisetelementiaetuae 
X 4 au)daciorem veritas facit 
6:VIL13 tempo)rarius 1116 transitus 


fuit 

ı:X1130 te)meritas sed necessitas 

erat 

6:Vllli4amo)ris nostri contume- 
liam feres 

6:X[4 pe)riculi plenum negotium 
fuit 

XII 45 aurium saltim molestiä 

luit 

8:VIIll2 venturis pensitationibus 
neget 


Wir finden ıhn: 


inö 15, nel,in{ 1, in n Smal 


» 1 „ 9 " 
ra „4 in y 2mal 
Ἀγ) ΕΊΣ „ 6 a δ᾿ Αὴ 


Was hier auffällt, ist die Häufigkeit des Einschnitts in 


Ἢ: zusammengenommen umfaßt er 27 Fälle, ἃ. ἢ. die volle 
Hälfte; bei Cicero war sein Procentsatz in 4 auf 14, in 4 auf 
22, also durchschnittlich auf 18% beschränkt. Das hängt, 
wie ‘Olauselg.’ 123 erklärt worden ist, mit der Aversion gegen 
 jambische Schlußwörter zusammen. Daß diese bei den Pane- 
 gyrikern noch größer geworden ist, beweist das fast vollstän- 
dige Fehlen von 28 (oben ὃ. 436), die von dem ciceroniani- 
schen Procentsatz 11% auf 2% zusammengeschrumpft ist; wie 
ist unter diesen Umständen die Beliebtheit der jambischen 


| Schlußwörter hier zu erklären? Diese Beliebtheit, — verbun- 
den mit der Tatsache, daß die ganz schlechten Clauseln VI ἢ, 
sämmtlich das jambische Schlußwort aufweisen, — legt die 


Vermutung nahe, daß wir auch hier das Eindringen des 


444 Th. Zielinski, 


tonischen Princips zu constatiren haben. Darnach 
hätten wir in den angeführten 27 Fällen keinen jambischen, 
sondern einen trochäischen Auslaut: plurimum seiunt, prödigös 
δῖ u. s. w. — QÜlausel V1. Fraglich würde freilich bleiben, 
ob diese Annahme auf die 3 letzten Panegyriker zu beschränken, 
oder auf alle auszudehnen sei, da der Procentsatz der n-Schlüsse 
bei II—IX um nichts geringer ist, als in X—XH, ist eine 
Entscheidung kaum möglich. Wir haben daher in der stati- 
stischen Tabelle mit diesem Resultat nicht gerechnet. 

Mit dem Eindringen des tonischen Princips hängen wohl 
auch die ‘falschen Messungen’ zusammen, die wir oben 8. 437 
und 439 vermutet haben; verallgemeinern läßt sich diese Be- 
obachtung jedoch nicht. 

5. Prosodisches und Grammatisches. Indem ich auf 
den entsprechenden Abschnitt in meinem ‘Clauselg.” 171 ff. 
verweise, lasse ich in aller Kürze das für die Panegyriker no- 
tirte nachfolgen. 

1. Positio debilis: Verlängerung IV 12 remiseris 
lucrumst (V15 :M6); VII 16 Iucra contempsit (Vly : Pl); 
VI 5 patre potiorem (1,12: P12); X 12 tenebras non imbibi- 
stis (V8 : 19. Unbestimmt X 24 conciliatri)ees pacis la- 
crimas daret (L4:L2?, vielleicht aber V1ö, cf. oben 5. 443). 
Sonst kurz. 

2. S impura: unbestimmt. IX 20 fore spopondisti 
(V18:L1!, oben 5. 485). 

3. Synizese: XI 20 pecuni(ae coacervandae? (VIB: 
P1, vielleicht aber V1«, cf. oben 5. 439). 

5. Die Vorsilbe red. X 24 ingenio repperisti (V3: 
PP3); IX 13 sed aciem rettudit (1,2 : P2?); XI 25 amissa 
metu relliquorum (L3®":P8S?°); VII 13 relliquis haereamus. 
Zweifelhaft XI 28 serena refundi (Viy : PP3; nicht aufg.). 

6. Suffix -culum: XII 14 pericla rapuissent (1,15: 
P1?), sonst periculum. 

7. @en. Sing. von -ium. Hier ist die Wandelung 
interessant. Die Panegyriker stehen unter dem Einfluß einer- 
seits der classischen Tradition, die - verlangt; andrerseits ihrer 
Umgangssprache, die -i angenommen hatte; so ist denn der 
Gebrauch schwankend. Die classische Form ΠῚ 5 veniam si- 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 445 


lenti petam (V2 : M6°, vielleicht aber V1 mit tonischer Ca- 
denz); III 8 desideri celeritate (1,55 : M3°%); vielleicht auch 
XI 32 expectes vicem benefici (M2? : M6°, nicht aufg.). Die 
vulgäre VI 7 pignus imperii (L1?y:L45); VII 15 esset imperii 
(L1?y: MA"); XII 2 silentii redimant (1,15 : P2). 

8. Endvocal ὁ und ὁ. In mihi etc. beliebig: X 25 
qui {ἰδὲ cedunt (V18:P3), dag. X 23 ıpse tıbi sumis (1,15: 
Pl). Bemerkenswert ist die eingerissene Kürze des Schluß-o: 
1) im Nom. sg.: II 9 Similitudo sed morum 11] 18 Juno pla- 
cata, V 7 necessitudo sumpsisset, X 16 magnitudo testetur, 26 
nemo servaret, 25 formido sanare, XI 15 ambago celaret (Vly: 
ΠΩ und noch schlechtere) ; VII 20 nemo potuisset, VIIL5 con- 
suetudo cohibebat, X 28 longitudo tenuarat, 22 mansuetudo ra- 
tionem, XII 26 vorago revomebat (1,15: P3); VII 4 sermo ju- 
stitiae, XI 29 amplitudo quam tribws (L1?:P2); ΧΙ 5 dis- 
similitudo discordiam, puleritudo praestantior, XII 45 nemo 
post maximum (V2:V2, die indessen bei den Panegyrikern 
keine V-Olausel ist, oben 8. 433); XI 24 curamus ut nemo 
possit (V3 : 59); Ausnahme XII 2 accusatio vocabatur zweifel- 
haft, da vielleicht tonisch V3; — 2) in ambo: Ill 7 ambo se- 
niores (L1? : P3); — 3) in der 1 P. sg. der Verba: ὙΠ 1 
dicabo sermonem (Viy:MS2); II 7 prospicio Romanus, III 1 
facio jacturam (L1'y: MS2®); III 18 quaero rationem, VII 24 
confido placuisse (L1?: P3); V 5 celebrabo temporibus, VII 14 
expecto consilwum (L1?:P2); XII 47 dispensato miracula 
(V2:V2). Keine Ausnahme ΠῚ 14 audeo praedicare (V3 
m. Syll. anc.), eher noch VIII 12 queo satis dicere (V2 : 1,21); 
— 4) ın den Adverbien: XI 27 guando mutabunt (Vly : 52); 
sero reparandum (1,15 : P3); continuo si velles (Li!y : MS2t). 
Dag. XII 35 ultro videret lacessi (V3 : 1.95); — 5) besonders 
bemerkenswert im Gerundium: V 3 participando tutelam, 6 
veniendo fecisti, VI 4 oriendo fecisti, XII 36 festinando tar- 
dare, 38 frustrando differret (V2:82 u. ä.): II 11 consen- 
tiendo retinetis, VII 3 nascendo merwisti, IX 16 inchoando vio- 
laret, XII 5 enumerando tenuere (L1?: P3); ΠῚ 15 vinde- 
miando deficimus (1,15: P2); XII 37 occupando celementiam 
(V2: V2). Sonst ist das o im Dat. Abl. sg. natürlich lang; 
VIII 12 in futuro securos, die einzige Instanz dagegen, ist 


446 Th. Zielinski, 


wohl mit falscher Messung von sec. als V3 intendirt. 

10. -ri- in fut. ex. und conj. pf. nach classischer 
Tradition lang: III 12 publicae viceritis (V3 : P2), 4 vestri 
sinum secesseritis (L3" : PQ*). 

11. Synkopirte Yıanbelstäm met XI 20 rejeie- 
batur (V1:Pl). 

12. Einzelne Wörter IV 12 promiscus et vilis est 
(V2:L2%); XI 11 poculo fortusio (V3 : P2). 

6. Elision. Die Frage nach Hiatus und Elision wird sich 
bei diesen späten Classicisten mit ihrer angelernten Technik 
schwerlich ganz zum Austrag bringen lassen. Nach der clas- 
sischen Tradition ist Hiatus nur bei den Clauseln 3 ff. in der 
Diärese gestattet; diese wird im allgemeinen eingehalten, bei 
den ersten sogar streng. Aber VII scheint andren Principien 
zu folgen: wenn ich nicht irre, elidirt er nur vor est (7 videö 
gratissimumst 16 praemiumst imperator); man vergleiche 10 
prospieit quam || ignoscit (V1: 52), 13 firmitatem habitura 
(L1?: PP3; freilich ist mit falscher Messung auch V3 mög- 
lich); ef. auch 22 ora circumeat (1,13. Ebenso VIII: 2 voto 
quam || ingenio (1,15 : P2). Die übrigen sind wieder strenger. 

Zu beachten bei Pacatus (XII) — vielleicht auch schon 
früher — die facultative vulgärlateinische Abstoßung des s in 
der Endung us, weshalb diese vor Consonanten kurz bleibt; 
besonders auffällig 38 credo me Galliae? sed inviswW sum. Hi- 
spaniae committo? sed notw’ sum (Construction: V2 || V2). 
Doch bleibt der Umfang dieser Erscheinung noch zu unter- 
suchen. | 


II. Cyprian. 


Die Clauseltechnik des hl. Cyprian hat Ed. de Jonge 
neulich zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung ge- 
macht. (Les clausules metriques dans Saint Cyprien. Louvain- 
Paris 1905). Der erste Teil seines Buches enthält eine kri- 
tische Besprechung der modernen Theorien,.der zweite speciell 
die Clauseln Cyprians, der dritte die Lehren der antiken Theo- 
retiker. Ich werde es hier hauptsächlich mit dem zweiten Teil 
zu tun haben. 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 447 


Mein ‘Clauselgesetz’ wurde dem Verfasser erst nach Voll- 
endung seines Buches benannt; in einer besonderen Nota ὃ. 
149—153 setzt er sich mit ihm auseinander. Auch diese Nota 
soll uns im Folgenden beschäftigen. 

Vor allem freue ich mich meine weitgehende Ueberein- 
"stimmung mit dem Verf. zu constatiren. Ueber die Methode 
sind wir einig: im Unterschied einerseits von der einseitig ty- 
pologischen Methode Bornecques sowohl wie von der einseitig 
morphologischen E. Müllers u. a. bekennen wir uns zur syn- 
thetischen, die beide Momente gleichmäßig in Betracht zieht. 
Auch im einzelnen werde ich vielfach Uebereinstimmung zu 
constatiren haben. Dem gegenüber haben die Divergenzen 
nicht viel zu bedeuten; sie erklären sich, wie ich meine, daraus, 
daß dem Verf. ein qualitativ wie quantitativ einfacheres Ma- 
terial vorlag (bei ihm anderthalbtausend, bei mir achtzehn- 
tausend Clauseln), und ich hoffe mit der folgenden Bespre- 
chung zur Ausgleichung beizutragen. Ich bemerke, daf meine 
Beobachtungen über die Panegyriker von seinem Buch unab- 
hängig gewonnen sind: obgleich er seine Untersuchungen 
damals z. T. bereits im Musee Belge gedruckt hatte, waren 
sie mir dennoch nicht zur Hand, und ich habe sıe erst nach- 
träglich vergleichen können. Natürlich wird die Bedeutung 
der Uebereinstimmungen dadurch wesentlich erhöht. 

1. Formenstatistik. Der relativ geringe Umfang des 
behandelten Autors gab dem Verf. die Möglichkeit, auf S. 36 
bis 59 alle Clauseln der Reihe nach aufzuführen ; zu Grunde ge- 
legt hat er die Hartelsche Ausgabe und eine Clausel dort an- 
genommen, wo Hartel eine schwerere Interpunction hat. Eine 
Nachvergleichung des I. Tractats ergab, daß dort auf 168 
Clauseln nur 4 offenbar übersehn worden sind: Kap. 4 sanctus 
animarei und omme quod possumus, 4 ubique divisa und 11 
exitus turpis; da somit die Zuverlässigkeit hinreichend war, 
glaubte ich für alles übrige die de Jongeschen Tabellen zu- 
grundelegen zu können. Auch die Messungen waren fast überall 
richtig; von dem offenbaren Lapsus I 9 abgesehn, wo delin- 
quitur minus est als 2 statt als 1? notirt ist, hätte ich fol- 
gendes einzuwenden. I 10 ist qwis inter haec verö subveniat 
unstatthaft da vero — Dat. von verum; wir haben somit 


448 Th. Zielinski, 


nicht 1°, sondern PZ; III 19 ist nach Cicero cottzdie zu messen, 
die betr. Clausel somit 15; IV 30 decöre deformis est wahr- 
scheinlicher als deeöre, die Clausel daher 2y, nicht 2; V 23 
paria fecerimus sicher, nicht -rimus (oben S. 446), die Clausel 
somit 3, nicht 115 (bei de J. irrtümlich 21). 

De Jonge unterscheidet bei Cyprian nur 9 Clauselformen, 
nämlich die drei bestbevorzugten Vl, V2 und V3, sodann 
die drei besten der L-Classe 11, 1? und 15 nebst 2! und noch 
2 der M-Olasse 115 und 2°. Die übrigen (im Ganzen 74) be- 
zeichnet er als „anomal“ und behandelt sie besonders. Von 
ihnen läßt sich eine Anzahl aus diplomatischen Gründen — 
augenscheinlich richtig — unter die gewohnten Schemata bringen, 
die meisten jedoch sind widerspenstig und sollen uns noch be- 
schäftigen. 

Uebrigens ist es nicht ganz richtig, daß unter den von 
de Jonge angenommenen normalen Clauseln sich unsre V3 
befindet; de Jonge erkennt eine solche (ἀ. ἢ. --- — ---ἰ --- — —._) 
nicht an, sondern nur eine ditrochäische (d. h. die Cadenz 
allein, —— — —), die er als C bezeichnet. Seine Bedenken 
gegen meine Theorie entwickelt er ὃ. 151 f.; es ist notwendig, 
hierauf einzugehn. , 

Im Grunde ist es nur ein Bedenken — die Freiheit der 
kretischen Basis. In der Tat gestattet ihr ihre Pathologie 
alle möglichen metrischen Formen anzunehmen, ausgenommen 
den Trochäus; und geht dem Ditrochäus ein Trochäus vorauf, 
so wird er eben zur Öadenz geschlagen, wir erhalten 5 statt 3, 
und das Spiel beginnt von neuem: meine Theorie peut s’ ap- 
pliquer a toute prose et, par consequent, μ᾿ en explique aucune 
par elle meme. — Dies Bedenken habe ich eigentlich schon 
‘Clauselg.” S. 15 entkräftet; ich will es jetzt zahlenmäßig tun. 

Vor dem Ditrochäus, sagt de J., ist jedes beliebige Ge- 
bilde zulässig. Sehn wir zu. In Ciceros Reden finden wir vor 
dem Ditrochäus 


den Creticus (— = --- -Ο΄, — =D) 1787 mal = 35,7%, 
„  Molossus (-- — |. — . = 8) 1586 „ BL.l., 
„ Paon I (>. --- ---ὑ᾿ -ἷ΄͵ =D!) 192 , 3,8 „ 
„ Jonieus amin. (I -- — τι ς = 126) 226% 45, 
„Ran U. HF ον: χα ΤΙΣΙ Μδνοια 38) Me 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 449 


den Be Wr Hai I®) 243 „ 4,9 0), 
mb SL LU 2 Im) 488... 8,7, 
ἢ Epitrit II (— u. - — ir τῷ 148) 807 9 6,1 „ 
„ Trochäus (-- — - — - — . = V--Vllete) 199 „ a 

Summa 4995 


Ich denke, diese Zahlen reden? Die reine kretische Basis 
über ein volles Drittel, mit ihrer schweren Parallelform zusam- 
men über zwei Drittel aller Fälle; das genügt doch wohl, um 
von Grundformen und Ableitungen zu reden ? — Und wie steht 
es denn mit der Hauptform II? Gleich mir und andren läßt 
de J. die doppelkretische Clausel —  — :— — — als solche 
gelten, d. h. er verlangt für die kretische Cadenz auch eine 
kretische Basis. Warum begnügt er sich nicht mit dem einen 
Creticus? Wir haben doch vor dem Schlußereticus: 


den Creticus (— - —i— u. = 72) 1991 mal = 39,4 00 
% Da = Mr | RE — m "190 Fi 
ἢ aon DI ve: my, = Lo) ‘ ” In 
Tamm. (2 ——: — 0 —— La!) 266; ;, 52, 

ΡΣ" re. ee 92.» 
Ba τ᾿ Im 18, 
» Ἰραίοου α ταὶς ie m. 2, 
᾿ mesiemkun (-- .- —!i— u — = 19) 239. u, 4,7, 
Bet: - = Lee) ee (ἂρ 
„ Trochäus (--— u ----.-- -ξ ΤΥ, ΥἹ οἷο, 129 , 14,3 „ 
Summa 5111 


Also auch hier die reine kretische Basis über ein Drittel, 
mit ihrer schweren Parallelform zusammen zwei Drittel aller 
Fälle Und damit ist zahlenmäßig eins von beidem erwiesen: 
entweder nimmt man — — — :— — — als normale Qlausel an 
— und dann ist man gezwungen, auch —— — ἰ-- o — als 
normale Clausel anzunehmen. Oder man beschränkt sich hier 
auf den Ditrochäus (— — — —) — und dann ist man gezwungen, 


- auch dort nur den Creticus als Clausel gelten zu lassen. 


2 


Das ist der eine, der statistische Grund. Dazu kommt je- 
doch der von Norden erwiesene historische: wie der mittelal- 
terliche Cursus tardus < _ =: _ = auf die doppelkretische 
Clausel, so geht auch der Cursus velox Zi Hl ὦ ὦ am 
die kretisch-ditrochäische, nicht einfach auf die ditrochäische 
Clausel zurück. Wie dieser Uebergang durch die Uniformität 
der Spätlinge sowie durch das Vorwalten des tonischen Prinzips 
vorbereitet wurde, haben wir an den Panegyrikern gesehn 


450 Th. Zielinski, 


dort hat (oben S. 439 ff.) die Clausel V3 bereits die Form 
=_=:__-_, quantitative Cadenz mit tonischer Basis; und 
wie steht es mit Cyprian? De J. sagt es selbst, S. 64: wenn 
die Cadenz heil ist (und das ist die überwältigende Mehrzahl 
der Fälle), cette finale est regulierement precedee d’un poly- 
syllabe ἃ penultieme breve, ἃ. h. die normale Clausel ist 
= _=:___—_._, ganz wie bei den Panegyrikern. Allerdings 
bildet nach de J. die Heilheit der Cadenz die Vorbedingung 
dazu; das wollen wir sofort untersuchen, einstweilen sei con- 
statirt, daß nach de J. selber von den 360 ditrochäischen Aus- 
gängen über 300 den tonischen Creticus in der Basis bieten. 
Ich denke, das sollte genügen, um auch für Cyprian =_ =: 
— — — 8418 die normale Clausel gelten zu lassen. 

In der Tatsache sind wir einig, in der Erklärung gehn 
wir auseinander. Warum der tonische Creticus? Ich sage: 
weil er sich ganz natürlich aus dem quantitativen Oreticus der 
classischen Prosa entwickelt hat. De J. sagt (S. 68): weil die 
heile Cadenz nur einen Accent bietet und die Clausel deren zwei 
verlangt (‘Gesetz der zwei Accente’ oben 8. 436) so hat sich bei 
heiler Cadenz die ditrochäische Olausel zu einer kretisch ditrochäi- 
schen ‘erweitert. Warum gerade zu einer solchen? Die Frage 
findet keine Antwort. — Aber nicht einmal die Beobachtung ist 
richtig. Sie wäre es, wenn wir sagen könnten: die kretische 
Basis findet sich bei einaccentiger, nicht aber bei zweiaccen- 
tiger Cadenz: um uns von letzteren zu überzeugen, wollen wir 
die zweiaccentigen Fälle aufführen (NB.: Clauseln wie ecelesia 
non haberet, bei denen die eine Silbe der Cadenz durch ein 
Atonon gebildet wird, schlagen wir, gleich de J., zu der Haupt- 
masse mit heiler Cadenz). 


I 4 egomet saepe mecum 33 sacrificia Deo dixit esse 
II 5 solidum pars tenetur VII 14 sperare quos tu tueris 
8 in domo |] una edatur 15 ab eis quos tu adoras 
IV 6 gentilibus membra Christi 25 nostri salutare munus 
5) V 31 tui memor ipse non sis 10) poenitentia nulla serast 


VIII 18 possunt peccata tergi 


Von den 11 einzigen Beispielen bieten 5 (Nr. 1, 2, 4, 7, 
10) ohne weiteres die kretische Basis, 2 weitere die auch von 
de J. als äquivalent anerkannte, aus Monosyll. + Jambus beste- 
hende (Nr. 3, 8), und auch Nr. 11 widerstrebt nach seiner 


| 
| 
2 


Das Ausleben des Clauselgesetzes,. 


451 


Theorie nicht: wenn 8. 65 dolöri sit et pudori gut ist, ist es 
Wie man daraus sieht, hat das 


auch pössunt peccata tergi. 


Gesetz der 2 Accente auf die Basis der ditrochäischen Clausel 
keinen Einfluß: sie ist in jedem Falle kretisch. 

Kurz: auch Cyprian beweist, daß die ditrochäische Clausel 
nur als kretisch-ditrochäische normal ist. So glaubte ich denn, 
die de J.’sche Formenstatistik auf 5. 58 durch eine eigene er- 
setzen zu müssen, wobei ich den Rahmen der obigen für die 


Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 


—  ,,.-.--. 


—  ----.- 


—  ὠο»Ἕ-Ῥ-΄--ς-. 


D—— ,--- 
--- -, -- 
: m ποὺς 


--- ».».--.. 


ΓΙᾺ ΒΡ. ΕἸ 


EDER 


—  — ww — 


I Ad Donat. 
II De hab. virg. 


cath. 660]. un. 


πὰ σα IIII De 


IV De lapsis 


- or | VI De mortal. 


er 


Ast 15] bel ἘΙΞΙ ΟΕ τὰ base 


τ -α | VII Ad Demetr. 
μι τ VII Deo 


m 
et] 


p. etel. 


je 


LIFE FS FEB 


ol III III IT| won 


(ee, 


IX De bono pat. 
κα ΙΧ De zelo et liv. 


m 


θυ 


11,2 
19,7 


Summa 


16716111872721621137173113 


3 


81261081681 
0 


452 Th, Zielinski, 


Panegyriker entworfenen (5. 432). wiederhole. Die.diplomati- 
schen und metrischen; Correcturen de.J.’s habe ich mit aufge- 
nommen, die. kleinen Differenzen in. den Summen rühren daher, 
daß ich ein paar. zweifelhafte, Clauseln nicht. berücksichtigt 
habe. 

Für Cyprian, als solchen ist die. Tabelle zu. complieirt: für- 
ihn würden, 6 Rubriken, genügen, nämlich, die drei bestbevor-. 
zugten (V1, 2 u. 3) und die drei einfachen Ableitungen, won. 
Vi (L1’, 15 und 15); zusammengenommen umfassen sie von 
den 1631 Clauseln volle 1503. Ich habe dennoch, um die Ver- 
gleichung zu ermöglichen, den früheren Rahmen beibehalten. 
Soviel sieht man sofort: Cyprian ist noch uniformer als die 
Panegyriker. Der Procentsatz der V-Clauseln ist von 66 auf 
71 gestiegen und speciell der von V 1 von 31 auf 38. Und 
noch. eine Eigentümlichkeit, fällt auf: die Vorliebe für Li’, 
die den beiden andren Ableitungen gleichberechtigt an die Seite 
getreten ist. Doch soll davon noch unten die Rede sein. Die 
schweren Clauseln treten den Panegyrikern gegenüber noch 
mehr, zurück. Weiteres mag man der Tabelle selbst ent- 
nehmen. | 

2. Die Typologie. Ihr hat de J. einen besondren. Ab- 
schnitt gewidmet: (8. 60:ff.: les cesures) ; leider kann ihm hier 
der Vorwurf nicht erspart werden, daß er die Statistik voll- 
ständig, vernachlässigt hat. Unter A (= V1) führt er 9 ver- 
schiedene Cäsurenarten auf, ohne zu sagen, wie oft jede vor- 
kommt, so daß der Leser sie für gleichberechtigt halten muß. 
Auch hätten die Atona-Einschnitte billig ignorirt werden 
können; dadurch wäre die Zahl der Typen von 9 auf-5 zu- 
rückgegangen. Hier gebe ich meine Statistik für V1: 


it I II IV V VIVIIVOLIX X |summa 0% Cicero Paneg. 


11- 28 - 1 — 
5" 97 1824 Tan Mio Ὁ 
An Au lan de 1, sk 
6 
9 


1κ 


ı| 10 |1elı2@ | 5 
s| 9» 184 
Bi: } 20 
17 412 [66,6] 49,2 | 66 
2| 62 110 |102 | 9 


βὸ 
Y 48 37 51 65 43 36 52 8 
ὃ 2. a. 1 la. Kerne 


1 
0 
3 
7 
8 


Summa 60 54 76 109 66 51 70 55 49 28 | 618 | 100 | 100 | 100 | 


Wie man sieht, ist die Typologie nahezu dieselbe, wie 
bei den Panegyrikern — ein, erfreulicher Beweis. für die Con- 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 453 


stanz’ der typologischen Erscheinungen. Nur einen: Unterschied: 
finden wir, und der betrifft den: unwesentlichsten Typus, 1«:. 
beii Cyprian: ist er noch mehr zurückgegangen, als bei jenen. 
Die: Unbeliebtheit erklärt de J. aus seinem Gesetz. der zwei 
Accente: (S. 69); ich: glaube, mit‘ Recht. 

Der interessanteste Typus ist 18; verglichen. mit 1ß5; an 
ihm hat der Verf.. das Gesetz entwickelt, das ich. oben (ὃ. 436) 
das: ‘de: Jongesche Anlaufsgesetz’ genannt, habe. Die’ kleine 
Modification in: der Erklärung, die ich. vorschlagen zu müssen 
glaubte, bitte ich ebendort nachzulesen ;, denn. freilich,. de J. 
möchte auch: hier seine Erweiterungstheorie herbeiziehn. Die 
Clausel 18 bietet im Klauselkörper nur einen Accent;. um zwei 
zu haben, hat sie sich zu — —— | — — — erweitert. Nach- 
dem sich jedoch diese Theorie für V3 als unstatthaft erwiesen 
hat, wird.man auch hier an ihr nicht festhalten wollen ?). Doch 
das ist nebensächlich ; die Beobachtung. selbst. ist. wichtig und 
fruchtbar. 

Ich lasse die Tabelle für V 2: folgen: 


I IEIEIV V VEVILVIOIDIX X /summa | 90. |Cicero|Paneg. 
ΝΥ ld 2 lee. .ἢ:.9.1 
Y 22 16 13 18 1212 16 5 7 ὃ 130 |68,7| 43,3 | 78,7 
ὃ ΠΟ 5 δ δ᾽ 45 δ᾽ 2.5) δ᾽ 29, 889.) 4080 
Summa 31.23 18:24 20 16 22 12 914| 189 100 | a δ 


Die Uniformirung. ist Cicero gegenüber noch immer sehr 
groß, aber: doch: nicht‘ so groß, wie: bei den Panegyrikern, und 
der. Typus 25 ist stärker vertreten als dort. 

Dafür ist V3 gegenüber das genannte Uniformirungs- 
streben reichlich ebenso groß; die Diärese ist obligatorisch, 
an Ausnahmen: habe ich notirt: 3e in IIL,. IV, V, VL,VII und 
X je 1mal, 3y in V und 385 in VII je Imal, alles in allem 8. 
Freier ist, wie gewöhnlich, 8, die freilich: an sich. sehr selten 


2) Bine: dritte Erklärung erwähne ich:nur' unter dem Strich, weil 
ich ihr nicht zustimmen kann; sie könnte aus dem Hereinragen des 
torischen Princips geschöpft werden. Man nehme eine Clausel 1β mit 
ihrem Anlauf: ce)teri saginantur; die richtige: Betonung des. Cadenz- 
wortes ist bei quantitativer Accentuation natürlich sagındantur,. ganz 
wie es V1 verlangt. Bei tonischer Accentuation mußte daraus aber 
säginantur werden, und das: ist eine: V3-Cadenz; kein: Wunder,. daß)» 
sie nach: einer kretischen Basis, verlangte, eben nach ceteri. — Aber 
darf in Vi bezw. in der Cadenz von V3 ein Hereinragen des toni- 
schen Prineips angenommen werden? 


30 * 


454 Th. Zielinski, 


ist; sie ist mit y 2, mit e 6, mit | lmal vertreten, was zu- 
sammen 9 diäresenlose Clauseln ergibt. 

Nun die Ableitungen von V1. Was Li? anbelangt, bei 
Cyprian die häufigste, so hat de J. ganz richtig ihre Mono- 
typie (als 17) beobachtet (cf. mein ‘Clauselg.’ 44). Bei Cy- 
prian (wie übrigens auch den Panegyrikern) drängte sich die 
Beobachtung auf, da bei ihm die Concurrenzform 85 ganz ab- 
geht. Die Monotypie selber erklärt er aus dem Auflösungsge- 
setz, das er S. 73 im wesentlichen richtig formulirt. Dasselbe 
gilt natürlich auch für die viel seltenere 25. 

Complicirter ist L1!, die Cyprian so gern anwendet; es 
verlohnt sich, ihre Typologie zu geben: 


I IIMIV V VIVIVIIIIX X Isumma | 0.0 |Cicero |Paneg. 


118 ἃ (,(Β..9.. δι. 5,. ἃ ὁ... .3. 1 51, δ 18 
Y 31 saı 73 3 “ὉΠ 6 ΠΟ Er 
Summa 790901 95 561 | 108 100) 85 | 100 | 


Die Zahlen sind für die Panegyriker: 1:8 15, 1!y 71, 
d. h. das Plus des Cyprian entfällt ausschließlich auf den Ty- 
pus 115. Wir wollen diesen Typus etwas näher in Augen- 
schein nehmen 


I 8 faci)nora recensere V 1 vo)luit et audiri 
9 conscien)tia satis non sit 2 mo)nuit et instruxit 
10 ju)dice pavor nullus spirita)liter adoremus 
12 pertina)citer adhaerere 20) 12 adsi)dua repurgemus 
5) II 10 spirita)libus abundaret 35 pre)eibus et oremus 
21 in)lieit ut occidat VI 17 ju)dice coronatur 
23 caele)stia Deus misit VII 4 defectio)ne sit et in fine 
III 26 po)tius et augemus 11 ju)dice metus nullus 
o)pere fides nullast 25)VIIl 22 caele)stibus honorantur 
10)IV11 terre)stribus inhaererent 24 caele)stia recepturi 
ne)xibus inhaeserunt IX 24 timen)tibus honoremur 
18 sed et obest lapsis X 7 i)gnibus inardeseit 
25 a)nima fatebatur 10 e)ruit et abseidit 
cri)mine fefellerunt 30) 14 ex)eitat et hortatur 
15) 31 incen)dia quieverunt 16 inve)niat et armatum 
35 cri)mine minor non sit II 24 fa)cite magisterium (175). 
Hier sind es die Accente der ersten Silbe, die uns auf- 
fallen, facinöra, conscientia — sprach man zu Cyprians Zeit 
so? Und wenn nicht — wo bleibt bei facinora recensere der 


Charakter der Clausel gewahrt? Wenden wir uns zu Cicero, 
so finden wir in der Theorie der Nebenaccente die Erklärung; 
zu seiner Zeit wurde in der Tat im Redefluß conscientia ge- 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 455 


sprochen (mein ‘Clauselg.’ 280). Nimmt man für Cyprians 
Zeit dasselbe an, so wären alle Fälle gerechtfertigt, wo der 
ersten Clauselsilbe ein langer ‘Anlauf’ vorhergeht, also im 
Ganzen 21 (Nr. 2—7, 10, 11, 14, 16, 19, 22—30) aber es 
würden (vom anlauflosen 12 abgesehn) 10 ganz schlechte Ic- 
tuirungen facinöra, potius, opere etc. zurückbleiben. Ich glaube 
daher, daß wir de J. darin Recht geben müssen, daß in allen 
diesen Fällen das Hereinragen des tonischen Prin- 
cips anzunehmen ist: facino)ra recensere, conscienti)a satis 
non sit ete. Es wären somit alle diese Fälle einer tonischen 
Abart von VIß zuzurechnen: =|— —:—, oder vielmehr, 
da die Proparoxytonese des Anlaufswortes obligatorisch ist, 
= _)=|_x2_. Zu dieser Proparoxytonese ist das oben 
5. 434 Gesagte zu vergleichen. Der Clausel 11} ist aber nur 
der Typus y gut zu schreiben. 

Hier sind freilich die meisten Fälle von der Art spatia 
frenantur und daher nicht besonders aufzuführen; andre aber 
sind für jenes ‘Anlaufsgesetz’ wichtig, das ich ‘Clauselg.’ 
35 ff. entwickelt habe. De J. ist 5. 150 auf dies Gesetz ein- 
gegangen; da er sich zu ihm etwas skeptisch verhält, muß 
ich die Hauptmomente der Beweisführung wiederholen. Ich 
hatte wahrgenommen, daß in Fällen, wo die Clausel 1! (2! 
u. s. w.) nicht mit dem Wortanfang beginnt, die ihr unmit- 
telbare voraufgehende Silbe (= ‘Anlauf’) bei Cicero lang sein 
muß; so kommt in 1!y auf 80 Clauseln von der Art a)dicia 
— — τ’ nur zwei von der Art 'm&)moria —— —'. Die Beob- 
achtung zieht de J. natürlich nicht in Zweifel, wohl aber die 
Erklärung. Ich hatte S. 42 f. drei Erklärungsweisen vorge- 
schlagen und mich unter Ablehnung der beiden ersten für die 
dritte entschieden; de J. scheint geneigt, sich der ersten an- 
zunehmen. Sehn wir also zu. 

Die erste geht auf das Gleichgewichtsgesetz zurück. Die 
Clauseln 11, 2! u. 5. w. beginnen mit drei Kürzen; kein Wun- 
der, könnte man da sagen, daß man unmittelbar vorher eine 
Länge bevorzugt. Wohl, das würde für 11, 2!, 3! genügen, 
nicht aber für 2! und ε΄, die nur mit zwei Kürzen anfangen 
und auf sie drei Längen folgen lassen, mithin das Gleichge- 
wichtsgesetz durchaus nicht im Sinne der Kürzenhäufung ver- 


456 Th. Zielinski, 


letzen. Ist’demnach das Anlaufsgesetz aus dem Gleichgewichts- 
gesetz zu erklären, so darf 'es auf 2! und 8' keine Anwen- 
dung erleiden ; nun lehrt aber die Beobachtung, ‚daß auch in 
21 und 8! die kurzen Anläufe in der verschwindenden Min- 
derzahl vorhanden sind. Das ist doch, sollte man meinen, ‘ein 
'bündiger Inductionsbeweis, an dem Bacon und J. St. Mill ihre 
Freude gehabt haben würden? Dennoch will ihn de J. nicht 
anerkennen (5. 151); pour moi, sagt er, les «clausules 28 et 
38 (vielm. 218 οὐ 8'B) gwi relevent deja pour (deus:causes de 
la pathologie constituent un fait accessoire. Das verstehe ich 
nicht: sie sind doch einmal da, für das rednerische Bewußt- 
sein ist ‘2! eine Ölausel mit Längenhäufung, und man sieht 
nicht 'ein, warum da das Gleichgewichtsgesetz eine weitere 
Länge verlangen sollte. Nein, ich kann nur bitten, es mit den 
Regeln der inductiven Logik streng zu mehmen: (durch sie 
wird das Gleichgewichtsgesetz als Erklärung des Anlaufsge- 
setzes eliminirt. 

Und was hat denn de J. gegen meine eigene Erklärung 
einzuwenden? Das Anlaufsgesetz, hatte ich gesagt, erklärt 
sich aus dem Härmoniegesetz, welches die Coincidenz von lctus 
und Accent verlangt; nun verlangt im 1'y der Clauselietus die 
Betonung des Anlaufswortes auf der drittletzten Silbe, und das 
paßt wohl für den Typus zudreia, nicht aber für den Typus 
memoria, der vielmehr die Betonung auf der viertletzten Silbe 
hat (Viersilbengesetz). Das Harmoniegesetz als solches hat 
de J. auch seinerseits, unabhängig von mir gewonnen und 
fruchtbar gemacht (8. 67 84}; leugnet er vielleicht für (Cicero 
das Viersilbengesetz? Er sagt es nirgends und es dürfte ihm 
auch schwer fallen, da es 5. 234 ganz unabhängig vom An- 
laufsgesetz durch das Uebergewicht von über 150 Fällen gegen 
7 gewonnen ist. Ich darf also meine Beweisführung nach 
wie vor für unerschüttert halten. 

Und jetzt sind wir dank Cyprian in der Lage, die Gegen- 
probe zu veranstalten. Daß nämlich zu Cyprians Zeit das 
Viersilbengesetz längst durch das Dreisilbengesetz ersetzt war, 
ist für niemand zweifelhaft: es wurde nicht mehr memoria(m), 
sondern memöria(m) betont. Dadurch kamen Wörter vom 
Typus memöria(m) für den Accent gleich judicia (-is) zu stehn. 


Das Ausleben des 'Clauselgesetzes. 457 


Haben wir. daher unser Anlaufs&esetz mit Recht (für 
1170) in letzter Linie aus dem Viersilbengesetz hergeleitet, 5.0 
ist zuerwarten, daßes für Cyprian keine Gil- 
tigkeithaben wird. 


Und nun schauen wir zu: 


I 8 ho)minibus obrepat IV 25 vi)sceribus erupit 
II 1 neg)ligere letale 15)V 6 hu)milibus ignovit 
14 di)abolus invenit 8 do)cuerat orare 
15 Ar)tifiecis offensam 24 ha)buerät et pacem 
5) 17 di)abolus infecit VI 2 in)eipere regnare 
20 di)abolus obrepit 19 in)fremuit et dixit 
21 i)tinera vitate 20) 22 con)tigerit exire 
23 ho)spitia demonstrat 21 re)stituit et regno 
III 3 i)tineris errore desi)deria majora 
10) ὃ. domi)ceilia condentem ὙΠ 25 i)tinera monstramus 
IV 14 perjfidia praevenit 18 o)peribus insistät 
15 me)moria sublatast 25) VIIIL19 ne)quitia possedit 
16 per)veniat inlidunt 20 ma)teria consummat 


X 6 materia culparum 


Also in 14 Fällen (Nr. 2, 4, 8, 11, 13, 14, 18—22 und 
25—27) haben wir den langen, in 13 den kurzen Anlauf; ein 
klarer Beweis, daß für Cyprian zwischen ho-minibus und neg- 
ligere kein Unterschied bestand, daß für ihn das Anlaufsgesetz 
nicht gilt. Die Gegenprobe ist somit geliefert. 

Bei der Gelegenheit sei es erlaubt, noch auf andre Wir- 
kungen hinzuweisen, die das Schwinden des Viersilbengesetzes 
für Cyprian zur Folge gehabt hat. Ich weise noch einmal 
auf “Clauselg.’ 234 hin; dort habe ich die Clauselnformen zu- 
sammengestellt, die bei Cicero das Viersilbengesetz erweisen ; 
es sind zunächst die Basen in 1!5, 215 u. 5. w. (r£ficerent 
mentem etc.), sodann die Cadenzen in 25 u. s. w. (gaudium 
Yöficerent etc). Nun, alle diese Formen und Typen 
sind beiCyprian verschwunden: sie haben eben 
das Viersilbengesetz zur Voraussetzung. Andrerseits sehe man 
sich das Gesetz der Proparoxytonese an in der tonischen Basis 
von V3 und dem tonischen Anlauf von V1ß: es wirkt streng 
nach dem Dreisilbengesetz, Dömino receptura ist ebenso be- 
handelt wie itimeris salutaris, Dömim prosiliret ebenso wie 
facnora destiterunt. 


* * 
* 


Hier bleibe ich stehn; andre Fragen, die Clauseltechnik 


458 Th. Zielinski, 


Cyprians betreffend, lasse ich beiseite, da sie bei de Jonge ge- 
nügend erläutert sind. Dafür mögen einige Bemerkungen all- 
gemeiner Art hier Platz finden. 

Die Clauseltechnik dieser Spätlinge wird von zwei Kräften 
bestimmt, die sich störend kreuzen: die eine ist die rhetorische 
Tradition, die in den Gesetzen der ciceronianischen Zeit, be- 
wußt oder unbewußt, wurzelt; die andre der Zustand der zeit- 
genössischen Sprache, die seit Cicero eine gewaltige Evolution 
durchgemacht hatte. Aus dieser Zwiespältigkeit erklärt es sich, 
wie falsch es war, die Schriften dieser Periode zum Ausgangs- 
punkt zu nehmen: die Irrtümer Havet’s, W. Meyers und auch 
de Jonges erklären sich aus dieser unglücklichen Wahl. 

Gewiß, wären wir frei in unsrer Wahl — auch Cicero 
hätte uns nicht genügt. Die Reden des älteren δύο, oder doch 
des Gaius Gracchus hätten die Fundstätten hergeben müssen, 
aus denen wir das Material für clauseltechnische Schlüsse ent- 
nommen hätten. Nur die Zeit, die cönfringo gleich cölligo 
betonte, läßt uns die Parallelisırung der leichten und schweren 
Basen hinreichend begreifen; schon Cicero zeigt uns die Tra- 
dition im Kampf mit dem Sprachgebrauch der Zeit, es tritt 
das Verschiebungsgesetz auf, das uns cönfringo über cönfringo 
nach cönfringo und confringo überleitet. Damit ist über die 
schweren Ölauseln das Urteil gesprochen: von Cicero zu Pli- 
nius, von Plinius zu den Spätlingen sind sie in stetem Schwin- 
den begriffen (Entwickelungsgesetz). 

Immerhin ist die ciceronianische Technik noch verhältnis- 
mäßig einheitlich und rationeill; und da seine Reden für uns 
das erste größere Denkmal der römischen Kunstprosa darstellen, 
so war eben an ihnen und nirgendwo sonst das System der 
Clausellehre zu gewinnen. Das ist in meinem Buche über das 
‘Clauselgesetz’ geschehn; die vorliegenden Untersuchungen hatten 
ihren Zweck darin, für das dort gewonnene System die histo- 
rische Gegenprobe zu liefern. Das bewährte Hilfsmittel der 
Statistik musste auch diesmal zur Anwendung kommen; sind 
unsre Schlüsse nicht trügerisch, so ist jener Zweck erreicht. 

Ist er es aber, so erwächst daraus für die Fachgenossen 
die Verpflichtung, sich ihm gegenüber einer größeren Urteils- 
strenge zu befleißigen, als es bis jetzt vielfach geschehen ist. 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 459 


Meine Untersuchungen über die oratorische Rhythmik sind 
durch und durch empirischen Charakters ; ich gehe ganz voraus- 
setzungslos zu Werk und lasse die Zahlen reden; meine ryth- 
mischen Gesetze sind nichts als in Worte gekleidete Zahlen- 
verhältnisse und ebenso unwiderlegbar wie sie. Es ist nun 
bezeichnend, daß es Gelehrte englischer Zunge waren, die meinen 
Resultaten zuerst Beachtung und Zustimmung zollten: A. Clark 
in der Classical Review (1905 Nr. 3, 164—172) und K. Fl. 
Smith im American Journal of philology (1905 453—463). 
Man sieht, der Geist Bacons und J. St. Mills wirkt und zeugt 
weiter. In Deutschland habe ich mit Freude die principielle 
Zustimmung des Archegeten auf diesem Gebiete notirt, E. 
Norden, sowie gewiegter Ciceronianer, wie L. Gurlitt und Th. 
Stangl; auch die längeren Anzeigen Luterbachers und beson- 
ders Ammons und Kornitzers fielen ganz oder doch in der 
Hauptsache beipflichtend aus. Anderswo freilich war auffälliger 
Mangel an Verständnis zu constatiren, so bei Blass, May, Hä- 
berlin und Kroll. Bei der Neuheit der Sache ist es geraten 
auf ihre Einwände des näheren einzugehen. 

Zwar Häberlin gegenüber (Lit. Cbl. 05, Sp. 1434 f.) wird es 
schwer fallen: meine Untersuchungen führen ihn in eine „völlig 
fremde Welt“, und er muß darum meine Ergebnisse „a limine 
abweisen“. Das heißt, ohne Untersuchung; für einen Kritiker 
ein seltsames Verfahren. Und warum? Man höre: „Cicero 
hat eine übermäßig große Anzahl von Reden ausgearbeitet, 
gehalten und veröffentlicht, oft mehrere unmittelbar hinterein- 
ander. Wo blieb da für ihn die Zeit, die rhythmische Feile 
überall anzulegen? Hat er denn nicht auch einmal reden 
dürfen, wie ihm sozusagen der Schnabel gewachsen war?* — 
Wie nun, wenn ihm der Schnabel sozusagen rhythmisch ge- 
wachsen war?... Doch lassen wir den Scherz; die Sache ist 
ernsthaft genug. Mit solchen Einwendungen glaubt H. meine 
statistischen Nachweise widerlegen zu können! Das ist nun 
wieder für mich eine „völlig fremde Welt“, in der ich um 
alles nicht heimisch werden möchte. 

Gehn wir zu denjenigen Kritikern über, die sich die Sache 
weniger bequem gemacht haben, so ist an erster Stelle Fr. 


460 Th. Zielinski, 


Blass zu nennen (die Rhythmen der asianischen und römischen 


Kunstprosa 1905, 8. 113), dessen versöhnende Eingangsworte 
ich mit den gleichen Gefühlen eerwidere. Seiner polemischen 
Haltung meinen Ergebnissen gegenüber liegt ein doppeltes 
Mißverständnis zu Grunde. Erstens, daß 'er sich das Olausel- 
gesetz als angelernte Theorie vorstellt: „sie ist doch wielen 
gemeinsam gewesen, genialen und auch ganz mittelmäßigen 
Köpfen; dann aber ist sie notwendig auch einfach und faß- 


lich gewesen“. Von diesem Standpuncte aus sieht er mit vollem 


Recht in meiner Untersuchung „das Aeußerste an unwahr- 
scheinlicher Subtilität“. Hier ist eben die Grundvoraussetzung 
falsch: das Clauselgesetz ist keine theoretisch angeeignete Ta- 
bulatur, sondern ein practisches, unbewußtes Ueben, und Ci- 
cero hat das Correspondenz-, Zweikürzen-, S-Gesetz etc. eben- 
sowenig gelernt, wie die Gesetze der consecutio temporum und 
oratio obliqua, die bekanntlich auch nicht das Ideal von Ein- 
fachheit und Faßlichkeit darstellen. Man nehme nur em Bei- 
spiel — ein handgreifliches. Wie meine Tabellen mit ihren 
überwältigenden Zahlenverhältnissen unwiderleglich lehren, ist 
bei Cicero der Procentsatz der strengen Clauseln (vom J. 69 an 
bis zum Tode 62% mit ganz geringfügigen Schwankungen) 
ein fest normirter; wie mag er das erreicht haben? Hat er 
nach Ausarbeitung jeder Rede die „rhythmische Feile ange- 
legt“, den Procentsatz ausgerechnet und dann, wenn er etwa 
80% betrug — 18% V-Clauseln zu L-, M-, S- und P-Clau- 
seln verdorben, wenn er dagegen nur 50% ‘erreichte — dann 
12% der andren Classen zu V-Clauseln eingerenkt? Ich denke, 
hier läßt sich das automatische des ganzen Vorgangs ad oculos 
demonstriren. Die nähere Ausführung muß ich mir hier er- 
lassen; ich bitte, sie in dem eignen Aufsatze nachzulesen, 
den das ‘Archiv f. ἃ. ges. Psychologie’ 1906 bringt. Aber 
zu betonen ist auch hier, daß die Subtilität und Complieirt- 
heit, die unsre Untersuchung des Clauselgesetzes auf- 
weist, für das Bewußtsein der Uebenden nicht vorhanden 


war. Richtig und fein bemerkt Clark (a. ©. 168): A Roman ᾿ 


‘lisped in numbers, for the numbers came’. Es ist ja freilich 
nicht von jedem Philologen zu verlangen, daß er Fechner, 
Wundt u. a. studirt habe; allmählich müßte aber die Erkenntnis 


un u ee 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 461 


‚des Wesens psychologischer Vorgänge soweit durchgesickert 
sein, um solche elementare Mißverständnisse unmöglich zu 
machen. 

Das zweite Mißverständnis meines Kritikers ist, daß er 
mir vorwirft, ich sähe die correspondirenden '@lauseln nicht; 
ich denke, es genügt, meine Definition des constructiven Rhyth- 
mus gleich zu Anfang (S. 6) zu beachten, um sich zu über- 
zeugen, daß ich sie sehr gut gesehn habe. Hab’ ich doch 
‚auch eine Menge Beispiele gebracht, die jeder leicht finden 
kann, wenn er die im Index s. v. ‘constructiver Rhythmus’ 
angegebenen Seiten nachschlägt. Die Untersuchung über das 
Clauselgesetz ist der erste Teil der oratorischen Rhythmik; die 
Untersuchung über den constructiven Rhythmus wird den zwei- 
ten bilden. Blassens Ausführungen concurriren in keiner Weise 
mit dem erschienenen ersten Teil, sie schlagen durchaus in 
(diesen zweiten ein; aber freilich, aus den paar Fetzen, die er 
analysirt, läßt sich sein System nicht zusammenschneidern, dazu 
gehört hier, wie dort, das vollständige Material. 

Dasselbe ist auch May (Woch. £. kl. Phil. 1905, 316 £f.) 
zu erwidern, der mir gleichfalls den Vorwurf macht, daß ich 
den ersten Teil meiner Untersuchung nicht mit dem zweiten 
confundirt habe. Daraufhin hält er sich für berechtigt, meine 
Gesetze d. ἢ. die tatsächlichen Zahlenverhältnisse, schlankweg 
‘abzulehnen’. Mit demselben Recht und Erfolg könnte er das 
Einmaleins ‘ablehnen’. 

Was Kroll anbelangt (Berl. phil. Wft. 1905, 1659 £.), 
so beruht die Hauptmasse seiner Einwendungen auf seiner 
eignen falschen Berichterstattung, die ich denn auch in der- 
selben Zeitschrift rectificirt habe; hier soll von den übrigen 
die Rede sein. Zunächst wirft er mir vor, daß ich nur den 
Periodenschluss berücksichtigt habe, nicht auch Kola- und 
Satzschlüsse; daß der constructive Rhythmus der Satzschlüsse 
von der Periodenclausel verschieden ist, glaubt er mir nicht, 
hält daher mein Material für unvollständig. Da wäre ich nun 
neugierig, die statistischen Gründe seines Unglaubens zu er- 
fahren. Mein ‘unvollständiges’ Material enthält sämmtliche 
Periodenschlüsse, rund achtzehntausend Clauseln ; das 'vollstän- 
dige’ mit Einschluß der Satzschlüsse und Kola würde rund 


402 Th. Zielinski, 


hundertundzwanzigtausend umfassen; hat er sie unter Dach 
und Fach gebracht? Ich freilich auch noch nicht; aber doch 
einen guten Teil. Und da erkläre ich nochmals: die Perioden- 
clausel hat ihre Eigenheiten, die von Satzschluß und Kolon 
nicht geteilt werden. So ist die Clausel 2 nebst 2 nur im 
Periodenschluß eine Cäsurclausel gleich 1, sonst eine Diäresen- 
clausel gleich 3. So ist 16 nur im Periodenschluß ein ge- 
miedener Typus; im Satzschluß wird er häufiger, im Kolon 
sehr häufig. So ist 1? (esse videatur) nur im Periodenschluß 
die beliebteste aller ‘erlaubten’ Clauseln, im Satzschluß tritt 
sie hinter 1! und 15 zurück, ım Kolon ist sie recht selten. 
So ist SQ nur im Periodenschluß eine ganz seltene Qlausel, 
im Satzschluß und gar im Kolon ist sie ganz gewöhnlich. Das 
genügt doch? Es war daher methodisch ganz richtig, daß 
ich die Periodenclausel zunächst für sich betrachtete und für 
sie das Material vollständig gab; die andre Methode hätte nur 
zur Confusion geführt. 

Der zweite Vorwurf betrifft das ‘System kabbalistischer 
Zeichen’, durch das ich ‘das Verständnis meiner Schrift arg er- 
schwert’ haben soll. ‘Auch solche Philologen, die einen sprö- 
den und trockenen Stoff nicht scheuen, werden nicht ohne Ueber- 
windung an das Studium von 3!', MS83! herangehn und, am 
Schlusse angelangt, die Bedeutung dieser χαρακτῆρες teilweise 
bereits wieder vergessen haben’. Das ist nun psychologisch 
falsch: das Verständnis meines Zeichensystems wird auf jeder 
Seite vorausgesetzt und mit Hilfe der Tabelle, die die Auflösung 
gibt und aufgeschlagen danebengehalten werden kann, fortge- 
setzt geübt; wie soll es sich da gegen den Schluß verflüch- 
tigen? Aber auch abgesehn davon empfinde ich den Vorwurf 
als den denkbar ungerechtesten ; jeder einigermaßen ausführliche 
kritische Apparat stellt für- einen einzigen Text weit größere 
Anforderungen an das Gedächtnis des Lesers, als mein Zei- 
chensystem für das ganze Gebiet der prosaischen Rhythmik. Und 
was hätte ich denn tun sollen ? Jedesmal das metrische Schema 
wiederholen? Man denke sich das etwa in den textkritischen 
Partien S. 190 ff. durchgeführt, wo ich jetzt mit einem ‘*V3: 
P3’ eine ganze Streitfrage entscheide und damit (weil V ‘be- 
vorzugt’ und P ‘verpönt’ bedeutet) viel mehr sage, als wenn 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 463 


ich —- — = — - πος, — —- oo -- ον schriebe und dem 
Leser überließe, über den relativen Wert dieser Schemen selber 
schlüssig zu werden. Und wer hat denn in der Clausellehre 
gearbeitet, ohne ein Zeichensystem! ‘Aber die andren waren 
einfacher’. Aber auch viel weniger umfassend. Man hielt 
sich an die häufigsten Clauseln, an die V-Classe; sodann tropften 
allmählich einzelne der L-Classe hinzu. Deren sind nun, wie 
die Statistik lehrt, 18; das macht mit den 5 der V-Classe 23 
und mit 53, die gleichfalls häufig ist, 24; nun, und wenn 
man die bezeichnet hat, dann fällt der Rest nicht mehr schwer. 
Ich habe an meinem System lange gearbeitet, habe es oft ge- 
ändert, so sehr, daß mir meine ursprünglichen Notirungen 
fast unverständlich geworden sind; erst nachdem ich über ein 
Jahr lang nichts mehr zum Nachbessern gefunden hatte, glaubte 
ich es auch den Fachgenossen zur Benutzung empfehlen zu 
können. Da darf ich zum mindesteu erwarten, daß der Tadler 
mir sagt, wie ich es hätte besser machen sollen. 

Die Syllaba anceps in der Diärese (bei V3) soll ein ‘Un- 
ding’ sein: warum? Ich postulire ja nichts, ich beweise aus 
Zahlenverhältnissen, was ich aufstelle; worin ist der Beweis 
Ὁ. 96 ff. unecht? Die prosaische Rbythmik ist für uns ein 
neues Gebiet; da ist es doch geratener, vorsichtig tastend vor- 
zugehn und die Tore der Erkenntnis offen zu halten, als im 
Allwissenheitswahn von vornherein über wahr und falsch ab- 
zuurteilen. 

Ich soll zur Accentfrage ‘keine klare Stellung genommen 
haben’?). Ich pflege überhaupt nicht ‘Stellung zu nehmen’, 
sondern zu beweisen; alles, was ich in der Accentfrage be- 


ὅ Umgekehrt wirft mir der liebenswürdige Recensent der Revue 
eritique (1905 Nr. 51; das Epitheton ist älteren Andenkens) vor, ich 
wäre willkürlich von der vorgefassten Meinung einer Identität von 
Wortaccent und Clauselictus ausgegangen. Ich gehe von nichts aus 
als von den Zahlenverhältnissen; jene Identität ist nicht eine Voraus- 
setzung, sondern ein Ergebnis, das S. 225 ff. eben aus Zahlenverhält- 
nissen gewonnen wird. Schließlich findet der Kritiker bei mir nur eins 
zu loben — mein angebliches Gesetz quand la clausule ne commence 
pas avec un mot, m. ΖΦ. observe que la syllabe precedente est br£ve, 
si la clausule commence par une longue, et longue, si elle commence 
par une breve. Das soll wohl mein Anlaufsgesetz sein; ich habe es 
mit Mühe wiedererkannt. Konnte der Kritiker für meine Ausführungen 
wirklich nicht mehr Aufmerksamkeit übrig haben ? 


464: Th. Zielinski, 


weisen zu können glaubte, ist 5. 225 ff. gegeben. Da wird: 
zı B: aus: Zahlenverhältnissen bewiesen, daß Cicero: röficerent! 
betont hat; das gibt auch Kroll zu. Und genau aus: densel- 
ben Zahlenverhältnissen wird bewiesen, daß der: oratorische: 
Accent mit dem poetischen identisch gewesen ist; das. soll nun 
wieder ‘eine Ungeheuerlichkeit’ sein, ‘welche allein: geeignet 
ist, die: Verdienste von Z.’s Arbeit aufzuheben’. Die letztere 
Auffassung ist seltsam; m. E. zählen’ in der Wissenschaft nur 
die Treffer. Die Hauptsache: hat Kroll’ unerwähnt gelassen: 
meine Theorie der Nebenaccente. 19 ἃ [Ὁ sie vorhanden: waren; 
konnte kein ohrbegabter Mensch bezweifeln ; wo sie'zu:suchen: 
sind, lehrt eben die Clauseltechnik. Aber freilich nur: für den, 
der — ich wiederhole es — die Tore der Erkenntnis: freihält;, 
nicht für den, der sie durch vorgefaßte Meinungen: und Kraft-- 
wörter versperrt. 


Th. Zielinski. 


I. Inhaltsübersicht’). 


Seite 

I. Die Panegyriker τ. „7... 

8:1. Formenstatistik (432). — Uniformität: Cicero ge- 

genüber (431). — Verschiebung der Wertclassen (432). 

— Zurückgehn der schweren Clauseln (‘Entwickelungs- 

gesetz’ 433). — Bevorzugung der weiblichen: Glauseln: 

82. Typologie (433). — Uniformität auch darin. — 

Typologie von V1 (434). — Anwachsen von 1y auf Ko- 

sten. von I: und'lß. Proparoxytonese des Anlaufswortes 

in. 1β (‘de Jongesches Anlaufsgesetz’ 434). — Ihre Er- 

klärung (436). — Typologie von V2.und.V3. Syllaba 
anceps in. V.3: (437), 


1) Die folgenden Register sind ganz nach dem Schema des- im 
‘Clauselgesetz’ gegebenen entworfen, zu welcher Hauptschrift die vor-- 
liegende als eine Art Supplement zu betrachten ist. Die Paginirung‘ 
habe ich diesmal unverändert gelassen, da einige Fachgenossen sich‘ 
über die Aenderung im ‘Clauselgesetz’ beschwert hatten. Der Vorwurf‘ 
ist berechtigt. Jetzt wird verschieden eitirt,; je nachdem der Citirende: 
Supplementband oder Separatausgabe vor sich hat: Um die Reduc-- 
tion zu erleichtern, bemerke ich, daß die Differenz 588 beträgt. 


8 3. 


84. 


85. 


8 6. 


Das Ausleben des Clauselgesetzes. 


Die seltenen Clauseln (437). — Die S-Classe. 
— Falsche Messungen. — Die M-Ülasse. — Die Clausel 
158 (438). — Die P-Olasse (439). 

Tonik statt Quantität. — Statistik von Lötr bei 
den 3 letzten, Panegyrikern. — Scheinbares Uebermaß 
dieser Clauseln (440). — Es sind V3-Clauseln mit to- 
nischer Basis (441). —. Statistik der Hauptformen IV, 
VIund VIII (442). — Bevorzugung des iambischen Schluß- 
wortes. (443). — Ihre. Erklärung aus dem tonischen Prin- 
οἱ 

τι ARE OR und Grammatisches (444). — 
Positio debilis. — S.impura. — Synizese. — Vorsilbe 
red-. — Suffix -culum. — Gen. sg. von -ium. — Endvo- 
cale ὦ und o (445). — -ri- in fut. ex. und, con). pf. (446). 
— Synkopirte Verbalstämme. — Einzelne Wörter. 
Elision. (446). Einhaltung normal. — Sonderstellung 
von Pan. VII und; VIII. — Abstoßung des s (in.-us) bei 
Pan. XI. 


1, Cyprian . 


8.1, 


8.2. 


Die Untersuchungen de Jonges. (446). 
Formenstatistik (447). — Die Clausel, V 3, (448). 
— Ditrochäisch oder kretisch-ditrochäisch? —. Zahlen- 
mäßiger Beweis für Cicero. — Für Cyprian (450). — 
Widerlegung der de J.’schen Erweiterungstheorie. — Sta- 
tistische Tabelle (451). — Uniformität: (452). 
Typologie (452). — Statistik für V1, — Ueberein- 
stimmung mit den Panegyrikern. — De J.’sches Anlaufs- 
gesetz (453). — Statistik für 2 und V3. — Die Form 
111 (454). — Scheinbare Bevorzugung von 1'8. — Ihre 
Erklärung aus dem tonischen Princip (455). — Der Ty- 
pus ΤΎ und das Viersilbengesetz. — Mein ‘Anlaufsge- 
setz’ und de J.’s Bedenken gegen seine Erklärung. — 
Gegenprobe an Cyprian (456). — Verschwinden aller 
Formen und Typen, die bei, Cicero das Viersilbengesetz 
zur Voraussetzung haben (457). 


Allgemeineres (4517). — Zweispältigkeit der Clausel- 


technik. bei, den Spätlingen (458). — Modernität und 
classieistische Tradition. — Das clauseltechnische System 


nur an Cicero zu gewinnen. — Einwendungen Häberlins. 


(459). — Fr. Blass (460), — Mays (461). — Krolls. — 
Lejays (463). 


I. Clauselnindex. 


465 


446 


434. 452 | Μ1"8 438 V3 433. 437. 453 
453 | V2 436. 449. 453. 462  L8! 455 ff. 


434. 453 | L2! 455 ff. | S 
435 | V2 433. 137. 462 | S2 
462 L2! 455 ff. IV 
454 ff. V3 436. 448. 453 | VI 
433. 454. 462 | L3! 441. 455 ff.| VIII 
433 | Lätr 4359| P 


437 
462 
442 
443 
443 
439 


466 Register. 


III. Sachlicher Index. 


Abl. gerund. auf -ndo 445 | Mamertinus 437 
Adverbia auf -ὅ 445 | miht, tibr etc. 445 
amböo 445 | Nazarius 442 
Anlaufsgesetz 455. 463 | Nebenaccente 454. 464 
4 de Jongesches 436. 453 | nom. sg. III auf -ὅ 445 
Auflösungsgesetz 441 | Pacatus 436. 441. 446 
Cicero 434 f. 438. 440. 448 ff. 454 | periclu)lum 444 
Claudius Mamertinus 437 | Plinius d. J. 433 
Constanzgesetz 460 | Positio debilis 444 
constructiver Rhythmus 461 | promiscu(u)s 446 
cottidie 448 | Proparoxytonese 434. 441. 450 
Cursus 442. 449 Psychologische Grundlage 460 
Diäresengesetz 436. 453 | Quintilianus 434 
Ditrochäus schließend 448 | rejcio - 446 
Elision 446 , relliguus 444 
ΚΟ] απρδροβϑὺζ 433. 458 | repperi, rettudi 444 
1 Pers. sg. auf -ὃ 445 | -rimus, -ritis 446. 448 
Falsche Messungen 437. 439 | s impura 444 
fortuito 446 | Syllaba anceps 437. 440. 468 
gen. sg. 2): ἢ 444 | Synizese 444 
Gesetz ἃ. zwei Accente 486. 450.453 | Tonik 441, 448 f. 450. 458. 455 
Gleichgewichtsgesetz 455 | Uniformität 431. 433. 452 f. 
Harmoniegesetz 438. 456 | us: uw 446 
Hiatus 446 | Viersilbengesetz 438. 456 f. 464 
Kretische Basis 448 | Weibliche Clauseln 433 


IV. Stellenregister. 


Cypr. IV 30 448|Pan. X 20 435 | Pan. XII 10 437 
Pan. V 6 8.451 πῆς 229 4857. Ὁ ll Ua 488 
KR Barth, δῦ 485 | 


DIE PHILOSTRATE 


VON 


KARL MUENSCHER 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft 81 


Inhaltsübersicht. 


1. Der Verfasser der vita Apollonii und der vitae sophistarum . 469 
2. Der Verfasser des Heroikos und der Eikones . . . 2. ..49 
8. Die Philostrate bei Suida®. . : 2... 20 u esse 


Durch die Untersuchungen Bergks (Die Philostrate, in 
Th. Bergks Fünf Abhandlungen zur Geschichte der griechi- 
schen Philosophie und Astronomie, herausgeg. von G. Hin- 
richs, Leipzig 1883, S. 175 ff.), Rohdes (in der Recension dieses 
Buches, Götting. gel. Anzeigen 1884, I S. 32 ff.) und Fertigs 
(in seiner Würzburger Dissertation de Philostratis sophistis, 
Bamberg 1894) schien das Ergebnis gesichert, daß die erhal- 
tenen Philostratischen Schriften unter mehrere Träger des 
gleichen Namens zu verteilen seien, wenn auch die Zuteilung 
im einzelnen noch unsicher blieb!). Dagegen sind Schmid 
(im IV. Bande seines Atticismus, Stuttgart 1896, S. 16) 
wegen der einheitlichen Sprache und Jüthner (der Verfasser 
des Gymnastikos, in der Festschrift für ΤῊ. Gomperz, Wien 
1902, S. 225 ff.) wegen der gleichmäßigen gymnastischen Kennt- 
nisse, die in den Werken zu Tage treten, geneigt, zur Ansicht 
Kaysers, des Herausgebers des Philostratos, von dem einen 
Verfasser des Philostratischen Schriftencorpus (abgesehen von 
der einen Dialexis, den jüngeren Bildern und vielleicht dem 
Nero) zurückzukehren. Es ist daher nicht unnütz, festzustellen, 
was wir von den Philostraten wissen und wissen können. Dass 
dabei vieles längst Bekannte erwähnt werden muß, ist nicht 
zu vermeiden. 


1. Der Verfasser der vita Apollonii und der 
vitae sophistarum. 


In den βίοι σοφιστῶν wird das Werk τὰ ἐς ᾿Απολλώνιον ?) 
eitiert: τοῦτο μὲν δὴ (das Liebesverhältnis des Apollonios mit 


1) Vgl. Hirzel, Der Dialog II 1895 8. 337 ff. Christ *, Gesch. ἃ. griech. 
Litt., S. 752 ff. Aeltere Ansichten stellt Fertig a. a. O. p. ὃ ff. zusammen. 
Eine kurze Uebersicht über den Stand der Frage gab Weinberger, 
Philol. 57 (1898) S. 335 ff. 

?) Ueber den Titel des Apolloniusromans vgl. Leo, Die griech.-röm. 
Biographie, Leipzig 1901, S. 261. Apollonios wird in den Bioi noch 


31* 


470 Karl Münscher, 


der schönen Mutter des Sophisten Alexander Peloplaton) ὁπόσοις 
τρόποις ἀπίϑανον, εἴρηται σαφῶς Ev τοῖς ἐς ᾿Απολλώνιον (p. 77,5 
in Kaysers kleiner Ausg., I 1870. I 71, nach der ich durch- 
gehends citiere, vgl. v. Ap. p. 13,4 sqq., auch 252, 24 sqq. und 
217/8). Der Schluß auf den einen Verfasser der beiden 
Schriften ist schon längst aus dieser Anführung gezogen wor- 
den. Bereits in der Epitome Vaticana der v. soph. (ed. Kayser, 
Heidelberg 1838, p. XIII sqq.; cod. Vatic. 96, saec. XII) ist 
dem Titel Φιλοστράτου βίοι σοφιστῶν die Bemerkung beigefügt 
(p. XXVII Kays.): τούτου τοῦ Φιλοστράτου ἔοικεν εἶναι χαὲ 
τὰ ἐς τὸν Τυανέα ᾿Απολλώνιον " ἐν τούτῳ γὰρ τῷ βιβλίῳ μέμνηται 
τῶν εἰς τὸν Τυανέα 6 Φιλόστρατος. Eunapios führt im An- 
fange seiner Sophistenbioi (p. 454, 10 und 21 der Didotausg. 
von Boissonade) beide Werke seines Vorgängers an: er nennt 
ihn Φιλόστρατος ὃ Λήμνιος °). 

Den Sophistenbiographien geht ein Widmungsbrief voran 
an Antonius Gordianus; der Verfasser nennt sich darin selbst 
Flavios Philostratos. Seine Herkunft aus Lemnos, die uns 
Eunapios a. a. Ὁ. und anderweitige Anführungen bestätigen *), 
ergiebt sich mit Sicherheit aus v. Ap. 6, 27 p. 242, 24, wo 
er eine fabelhafte Geschichte mit den Worten einleitet: οἶδα 
γὰρ χατὰ τὴν Λῆμνον τῶν ἐμαυτοῦ τινα ἰσηλίκων οὗ χτξ, Den 
Örtsangehörigen läßt auch die genaue Lokalangabe bei der Er- 
zählung eines in Lemnos geschehenen Unglücksfalles v. soph. 


erwähnt p. 7, 20 und 35, 6. — Daß es unmöglich ist, bei Behandlung 
der Philostratfrage von Suidas auszugehen, hat schon Schmid a. a. O. 
S. 2 hervorgehoben. 

®) Nach Suidas wiesen ‘einige’ die Bioi (getrennt von der v. Ap.) 
einem jüngeren Phil. zu. Die Ansicht älterer Philologen (vgl. Fertig 
p. 8), daß beide Werke zu trennen seien, hat noch Heyne vertreten 
(Fertig p. 10) und später noch der Theologe Baur, Apollonius von Tyana 
und Christus, im Sonderabdruck (aus der Tübinger Ztschr. f. Theologie), 
Tübingen 1332, 5, 125 Anm. —=Baur, Drei Abhdlgn. z. Gesch. d. alten 
Philosophie u. 5. w., herausgeg. v. Zeller, Leipzig 1876, 8. 122. 

*) Synesius, Dio ec. 1 (in Arnims Dio II p. 313, 36) und de insom- 
niis p. 155 Ὁ; hier heißt der Verfasser der Bioi (die p. 86, 31 genannten 
ἐφημερίδες werden erwähnt) einfach ὃ Λήμνιος σοφιστής, ohne daß der 
Name genannt wird; ebenso nennt Suidas 8. v. Apollonius Tyaneus. 
und Krates (Kynikos) den Verfasser der v. Ap., Suidas s. v. Hermogenes 
und Michael Apostoles in der Subscriptio cod. Paris. (Mitte saec, XV., 
vgl. Kaysers gr. Ausg. praef. v. soph. p. II Anm. 7) den der v. soph. 
Vgl. auch Suidas s. v. σοφιστής, dazu Bergks Aenderung a. ἃ. O. 8. 176 
Anm. 1 a. EE — Die lemnische Abkunft des Flavios Phil. bestritt 
Weinberger a. a. O., dagegen Schmid, Philol. 57 (1898) 8. 508. 


Die Philostrate. 471 


p- 28, 28 sgq. περὶ τὸ χαλούμενον Kepas τῆς νήσου, τὸ δὲ 
χωρίον τοῦτο λιμήν ἐστιν ἐς χεραίας ἐπιστρέφων λεπτάς ὅ) er- 
kennen. ‚Jener Widmungsbrief liefert den terminus post quem 
für die Abfassung der Bio. Die wechselnde Anrede des 
Adressaten, der erst λαμπρότατος ὕπατος, dann ἄριστε Avdund- 
τῶν genannt wird, lehrt (s. Kayser v. soph. Heidelb. 1838 
p- XXVI und große Ausg., Zürich 1844, praef. d. v. soph. 
p. 1), daß das zweite Consulat des älteren Gordianus, das er 
mit Severus Alexander im Jahre 229/30 bekleidete, verflossen 
und ‘die Dedikation des Buches während des dem Consulate 
unmittelbar folgenden Proconsulates in Afrika (Capitol. Gord. 
2,4. 4,1. 5,1) erfolgt ist. Die Abfassung der Bioi wegen 
jenes Schwankens in der Anrede geradezu in die Jahre 230/1 
zu verlegen, wie das F. Rudolph, de fontibus, quibus Aelianus 
in varia historia componenda usus sit, Leipziger Studien z. kl. 
Phil. VI 1884, p. 4 sq., getan und auch Fertig a. a. Ὁ. p. 19 
gebilligt hat, wäre voreilig. Auch Kaysers Annahme, die Bioi 
seien noch zu Lebzeiten des Kaisers Severus Alexander, also 
vor 234 geschrieben, entbehrt sicherer Begründung. Sie ruht 
auf der Angabe Philostrats (v. soph. p. 125, 29), der Sophist 
Aspasios (über ihn unten $. 509) habe βασιλεῖ τε ξυνὼν καὶ καϑ' 
ἑαυτὸν μεταβαίνων viele Länder gesehen. Weder beweist der 
Ausdruck, daß der betr. Kaiser noch am Leben sein müsse, 
noch ist damit Alexander Severus gemeint, der als Knabe den 
Thron bestieg und erst in seinen letzten Regierungsjahren 
gegen Persien und an den Rhein zog, sondern Antoninus Cara- 
calla‘°). Nach Antipatros, der bald nach Caracallas Regie- 
rungsantritt starb (s. 5. 475), nennt Phil. nur noch Aspasios 
(p- 126, 21) als Inhaber des Amtes ab epistulis Graecis (Dessau, 
Inscr. Lat. sel. I 1666 ff. Suet. Claud. 28, ἐπὶ τῶν Ἑλληνικῶν ἀπο- 

5) Vielleicht = der Kerosbucht an der Ostküste von Limnos, s. die 
Skizze auf Tafel I bei Conze, Reise auf d. Inseln des thrak. Meeres, 
Hannover 1860. 

°) An Alexander bei der Philostratstelle zu denken, war Kayser, 
wie Clinton, Fasti Rom. I 1845 p. 255, veranlaßt durch den Text des 
Olearius βασιλεῖ τε ξυνὼν ᾿Αλεξάνδρῳ καὶ ἑτέροις, dem die hdschr. Be- 
glaubigung fehlt. Auch Klebs, Prosopogr. imp. Rom. I p. 169 folgt 
dieser Annahme. W. Schmid im Artikel Aspasios bei Pauly-Wissowa U 


1723 umgeht die Frage, welcher Kaiser gemeint sei. Das richtige steht 
schon bei Westermann, de epistularum scriptoribus gr. I, Leipzig 1851, 


p- 8 


479 Karl Münscher, 


χριμάτων Paton-Hicks, The inscriptions of Kos, 1891, 345, 4). 
Also ist dieser der von Caracalla erwählte Nachfolger Anti- 
paters gewesen, da Nichtbesetzung des Amtes unter Cara- 
calla nicht anzunehmen ist, ebensowenig, daß Philostrat den 
Inhaber der Stellung, der damals stets ein Sophist war, nicht 
genannt habe. Im Gefolge Caracallas, von dessen weiten Zügen 
wir noch sprechen werden, hat Aspasios viele Länder besucht, 
wenn er auch das Amt des ἐπιστολεύς noch unter Caraxallas 
Nachfolgern (Suidas sagt deshalb von ihm γεγονὼς ἐπὶ ’Ade- 
ξάνδρου tod Μαμαίας), behielt und den Lehrstuhl für Rhetorik 
zu Rom noch in hohem Alter mit Zähigkeit behauptete 
(s. 5. 509). So bleibt der einzige sichere terminus ad quem 
für die Abfassung der Bioi das Frühjahr 238, in dem der 
Proconsul Gordian als achtzigjähriger Greis den Purpur anzu- 
nehmen sich gezwungen sah und kurze Zeit darauf durch 
Selbstmord endete. Immerhin legt jenes Schwanken in der 
Anrede seines Gönners bei Philostrat die Vermutung nahe, 
daß das Consulat Gordians noch nicht lange zurücklag 7). 
Philostratos vermeidet zwar in den Sophistenbioi absicht- 
lich chronologische Angaben, doch reiht er die Vertreter der 
zweiten Sophistik im großen und ganzen in zeitlicher Abfolge 
aneinander (vgl. Perizonius, praef. zum Aelian p. XX der Ausg. 
der var. hist. v. C. @. Kuehn I, Leipzig 1780); die jeweilige 
Besetzung der rhetorischen Lehrstühle zu Athen und Rom so- 
wie die Berufungen zum Amte eines kaiserlichen Sekretärs 
boten dafür bequeme Anhaltspunkte. Je näher Phil. in seiner 
Darstellung seiner eigenen Zeit und dem Ende seines Werkes 
kommt, um so mehr dürfen wir erwarten, daß er mündlich 
Erfahrenes, eigene oder fremde Erinnerungen zur Ergänzung 
des ihm schriftlich vorliegenden Materials benutzt und uns da- 
durch zugleich Nachrichten über sein eigenes Leben über- 
mittelt 8). 
Im ersten Buche der Bioi beruft sich Phil. nur einmal auf 


”) Jüthner a. a. O. läßt die v. soph. 239 geschrieben sein, weil 
Clinton, Fasti Rom. 11845 p. 255 das Leben Phil.s unter diesem Jahre 
behandelt! | 

8) Vgl. Leo, a. a. O. S. 254 ff. Die Skepsis, mit der Leo (8. 257) die 
Berufungen Phil.s auf Zeitgenossen betrachtet, kann ich nicht teilen. 
S. unten 5. 494. 


Die Philostrate. 473 


einen Zeitgenossen als Gewährsmann. Ein gewisser Aristaios 
soll ihm von der Begegnung des zur Zeit Hadrians blühenden 
Sophisten Dionysios aus Milet mit Polemo erzählt haben; um 
Zweifeln an der Möglichkeit solchen Berichtes zu begegnen, 
sagt er (p. 37,17): ᾿Αρισταίου... πρεσβυτάτου τῶν κατ᾽ ἐμὲ 
Ἑλλήνων χαὶ πλεῖστα ὑπὲρ σοφιστῶν εἰδότος. Häufiger sind 
die Berufungen auf Augenzeugen im zweiten Buche. Eine 
Notiz über Herodes Atticus verdankt er einem Athener Ktesi- 
demos (p. 60,12). Ueber Aristides und Adrianos hat er von 
ihrem Schüler Damianos Kunde (p. 87,20. 88,20. 107, 24 
— 30). Zweimal beruft sich Phil. auf die πρεσβύτεροι (p. 74,8 
und 84,27). Wen wir darunter zu verstehen haben, lehrt 
p. 90,2, wo er statt dessen sagt: ὡς... τῶν ἐμαυτοῦ διδασ- 
χάλων ἤχουον. 

Phil. wird die damals übliche dreistufige (vgl. Apul. Flor. 
20 p. 97) höhere Schulbildung genossen haben. Die beiden 
'ersten Stufen, den Elementarunterricht beim γραμματιστῆς 
(litterator) und die Schule des γραμματικός hat er vielleicht 
noch in Lemnos, seiner engeren Heimat, absolviert, vielleicht 
schon in Athen, wo schon sein Vater, wie wir sehen werden, 
als Sophist und Litterat sich einen Namen gemacht hatte. Daß 
er dem rhetorischen Universitätsstudium zunächst zu Athen ob- 
lag, wo seit Marc Aurel wie in Rom Professoren mit kaiser- 
licher Besoldung neben den aus der Stadtkasse bezahlten Rhe- 
torik docierten, war für ihn als geborenen Lemnier selbstver- 
ständlich. Bildete doch Lemnos vereint mit Imbros und Skyros 
noch in der Kaiserzeit wie in der langen Zeit seit dem Königs- 
frieden 5) den hauptsächlichsten auswärtigen Besitz der Stadt 
Athen. Die Lemnier steuerten nach Athen (Vitr. 7, 7,2); 
wie die Kleruchen, die einst zur Besiedelung entsandt wurden, 
im Verbande ihrer athenischen Demen und Phylen geblieben 
waren, gehörten auch damals die Lemnier zur Bürgerschaft 
Athens!®). Die Zeugnisse dafür, daß auch die Familie der 


9) Allerdings mit einigen Unterbrechungen, vgl. U. Köhler, Ueber 
den auswärtigen Besitzstand Athens im Il. Jahrh., Mittlgn. des d. arch. 
Inst. in Athen I 1876 S. 257—268; dazu 83. Shebelew, zur Gesch. v. 
Lemnos, Beitr. z. alt. Gesch. her. v. Lehmann II 1902, S. 36—44. 
a ΝΣ Böckh, Staatshaushaltg. ἃ. Athener, 3. Aufl. v. Fränkel I 

S. 508. 


474 Karl Münscher, 


Philostrate athenisches Bürgerrecht besaß, werden uns noch 
später begegnen. 

Proklos von Naukratis bezeichnet Phil. ausdrücklich als 
seinen Lehrer (p. 104,27). Sein “Wir’bericht (p. 116, 21) über 
die Entgegnung des Larissäers Hippodromos auf Proklos’ 
Schmähschrift gegen alle Sophisten läßt uns in diesem einen 
zweiten Lehrer Phil.s erkennen. Beide gehörten durch ihre 
Lehrer Chrestos und Adrianos der ausgebreiteten und be- 
rühmtesten Schule der Sophistik, der des Herodes an. Proklos 
lebte noch mehr als 90 Jahre alt (p. 106, 16) mit ungeschwäch- 
ter Gedächtniskraft, als Phil. seine Bioi schrieb (sonst würde 
eine Nachricht über Tod oder Grabstätte nicht fehlen); er 
war also um 140 geboren. Hippodromos, der Sohn des reich- 
sten thessalischen Pferdezüchters jener Zeit, vier Jahre lang 
Inhaber des kaiserlichen Lehrstuhls für Sophistik in Athen 
(p. 117, 21), zweimal der Leiter der pythischen Spiele (p. 115, 21) 
als λλαδάρχης τῶν ᾿Αμφικτυόνων, davon einmal zur Zeit der 
Belagerung von Byzanz durch Septimius Severus, also der 
Pythien des Jahres 195 (Clinton, Fasti Rom. I p. 197), trat 
noch im Jahre 213 neben seinem Schüler, dem jüngeren Phil., 
dem ‚Lemnier‘ (8. unten 8. 494£.), in Olympia mit einer Epideixis 
auf: er starb 7Ojährig (p. 120,4), also fällt seine Geburt 
. aach 143 und wahrscheinlich eine beträchtliche Reihe von 
Jahren später, da Phil. ihm gegenüber den Proklos als zpe- 
σβύτερος (p. 116,26) bezeichnet. Damit rückt der Beginn seiner 
Lehrtätigkeit in das letzte Viertel des II. Jhhs. 

Als dritten Lehrer Phil.s dürfen wir (p. 109, 2 Ὀλυμπι- 
κούς τε ἡμῖν Scher καὶ Παναϑιηναϊκούς) Antipatros aus Hiera- 
polis in Syrien betrachten !). Zu Athen in der Sophistik 
durch Adrianos und Polydeukes, die beide den #pövos inne 
hatten, in der technischen Rhetorik durch Zeno '?) gebildet 


11) V, soph. II 24. Der Satz p. 109, 20 χαὶ ϑεῶν διδάσχαλον ἔκα- 
λοῦμεν αὐτὸν ἐν τοῖς ἐπαίνοις τῆς ἀκροάσεως bezieht sich auf Vorträge 
Antipaters, die er als Glied des kaiserlichen Hofstaates gehalten und 
Phil. als solches gehört bat, nicht auf die Studienzeit Phil.s. 

12) Zeno wird als rhetorischer Theoretiker (kein σοφιστής) von Phil. 
nicht behandelt. Vgl. Syrian. in Hermog. rn. στάσ. p. 60, 11 R,, π. ἰδ. 
p. 13, 9 (ὁπομνήματα τῶν Δηῃμοσϑενικῶν λόγων). Walz, rhet. gr. VI p. 21,3. 
111, 27 u. a. Ihn meint Suidas s. v. Ζήνων Kıreög; der Zusatz ruht 
auf Verwechselung mit dem alten Zeno, der auch über Rhetorik ge- 


Die Philostrate. 475 


(p. 108, 28 sqgq.), wurde dieser der Laufbahn des sophistischen 
Docenten durch seine Berufung an den Hof des Septimius 
Deverus entzogen. Seine syrische Abkunft wird dabei nicht 
ohne Einfluss gewesen sein; finden wir doch an Severus’ Hofe 
in den höchsten Stellen vorwiegend Volksgenossen der aus 
Syrien stammenden Kaiserin Julia Domna. Antipatros wurde 
‘der Leiter der griechischen Kanzlei des Kaisers, wurde der 
Erzieher der kaiserlichen Söhne Bassianus und Geta, erhielt 
das Consulat und war kurze Zeit Statthalter von Bithynien 15). 
Er gehörte zu den vertrautesten Freunden des Kaiserhauses ; 
der Hofarzt Galen (de theriaca 2 tom. XIV ed. Kuehn, Leipz. 
1827, p. 218) weiß zu rühmen, wie fürsorglich Severus auf 
das Wohl seines Antipatros bedacht war. Zum Danke für 
die ihm erwiesenen Ehren unternahm dieser es, die Taten des 
Kaisers als Geschichtsschreiber zu verherrlichen (p. 109, 3). 
Als nach Severus’ Tode Caracalla seinen Bruder Geta in den 
Armen seiner Mutter hatte ermorden lassen, erregte eine einiger- 
maßen freimütige Aeußerung Antipaters Caracallas Verdacht 
und Zorn: Antipater gab sich deshalb, wie es scheint, selbst 
den Tod durch Erhungern 1). Man darf vermuten, daß er 
noch 212 starb, 68jährig; seine Geburt fällt demnach ins 
Jahr 144 15). 

Die Zeit, da Phil. bei Antipatros studierte, muß vor dessen 
Eintritt in das höfische Amt liegen. Dafür haben wir einen 
terminus ante quem. Antipatros’ häßliche Tochter ward mit 
dem jungen Sophisten Hermokrates vermählt, doch wurde der 


schrieben hatte (Striller, de Stoicorum stud. rhet., Bresl. phil. Abhdlgn. 
I 2, 1886 p. 5—7) und noch in der späteren rhetorischen Litteratur 
eitiert wurde (v. Arnim, Stoicorum veterum fragmenta 1 1905 fr. 74—84). 
Andere Rhetoren dieses Namens bei Strabo 12, 8, 16 p. 578. 14, 2, 24 
p- 660. Sulp. Vict. rhet. p. 313, 3. — Ueber eine rhetorische Schrift 
Antipaters s. unten S. 539. 

13) Von dieser Stellung wurde er bald wieder enthoben, δόξας ἕτοι- 
μότερον χρῆσϑαι τῷ ξίφει sagt Phil. p. 109, 15, was man (vgl. Duruy, 
Gesch. ἃ. röm. Kaiserreichs, übers. von Hertzberg, IV 1888, 5, 265) auf 
übereilte Todesurteile gegen Christen deutet. 

14). So interpretiert Kayser, Heidelb. Ausg. p. 369, wohl richtig Phil.s 
umschreibende Worte p. 109, 18 λέγεται δὲ ἀποθανεῖν καρτερίᾳ μᾶλλον ἢ 
γόσῳ. Den Inhalt des verhängnisvollen Schriftstücks skizziert Phil. 
p. 109, 23 sqq. 

15) Vgl. W. Schmids Artikel Antipatros bei Pauly-Wissowa I 2517. 


4706 Karl Münscher, 


widerwillige Bräutigam nur durch den Einfluß des Kaisers zum 
Eingehen der bald wieder gelösten Ehe bewogen, und zwar 
zur Zeit als das kaiserliche Hoflager sich im Orient befand 
(p- 111,11). Ob der frühere (194—196) oder der spätere 
(197—201) Orientzug des Severus gemeint ist, läßt Phil.s 
jeder Genauigkeit abholde Ausdrucksweise nicht erkennen: 
aber vor 197 oder bereits vor 194 war demnach Antipatros 
kaiserlicher ἐπιστολεύς geworden !°). 

Die Studienzeit Phil.s wird demgemäß in das Ende der 
80er oder den Beginn der 90er Jahre fallen; sie weiter zu- 
rück zu verlegen, hindert uns die Nachricht des Suidas (s. 
unten S. 516), daß er ἕως Φιλίππου (244—49) gelebt habe. 
Nehmen wir an — ein hohes Alter war ihm offenbar be- 
schieden —, er sei etwa 75—80 Jahre alt geworden, so fiele 
sein 20. Lebensjahr, das er bei Beginn seiner akademischen 
Studien eher noch nicht erreicht als überschritten hatte !7), 
zwischen 184 und 194. 

Schließlich müssen wir der Reihe der Lehrer Phil.s noch 
den schon erwähnten Ephesier Damianos anfügen 18). Von ihm 
erklärt Phil. seine Nachrichten über Aristides und Adrianos 
zu haben (p. 107,29), und im Leben des Adrianos sagt er 
(p. 90,1): ὡς... τῶν ἐμαυτοῦ διδασχάλων Nxovov: vor allen 
gehört folglich Damianos zu diesen. So spricht denn Phil. 
auch von einer dreifachen ξυνουσία (p. 108, 19), die ihm Da- 
mian gewährt habe, wobei es unklar bleibt, ob wir darunter 
eine dreimalige Unterbrechung seiner athenischen Studienzeit 
verstehen sollen, oder ob — was doch wohl wahrscheinlicher 


16) Kayser, gr. Ausg. praef. p. VII (dem z. B. Göttsching, Apollonius 
von Tyana, Diss. Leipzig 1889, 5. 54 folgt) läßt Antipater sein Amt 
als ἐπιστολεύς 197 antreten; wodurch gerade dieses Jahr bestimmt sein 
soll, weiß ich nicht. Hertzberg, Gesch. Griechenlands unter d. Herr- 
schaft ἃ, Römer, III (1375) 5. 19 sagt, Antip. habe die griech. Kanzlei 
‘namentlich seit dem J. 198 (ja vielleicht schon seit 196)’ geleitet. 
Schmid läßt die Frage unberührt. 

17) Die rhetorischen Studien wurden meist in sehr jungen Jahren 
begonnen; ich erinnere nur an das Wunderkind Hermogenes, das 15- 
jährig ein berühmter Sophist war (v. soph. p. 83, 4), an den ‘Lemnier’ 
Phil, der 22jährig in Olympia auftrat (8. unten $. 499). — Bergk 
a. a. O. S. 179 läßt Phil. etwa um 171, Clinton, F. R. Ip. 257 (zu spät) 
um 181 geboren sein. 

18) In der Aufzählung der Lehrer Phil.s wird er überall (z. B. 
Kayser, gr. Ausg. praef. p. III u. s.) übergangen. 


Die Philostrate. 477 


— wenigstens die beiden letzten ξυνουσίαι als kürzere Besuche 
in der späteren Lebenszeit Phil.s anzusehen sind. 

Das für den weiteren Verlauf seines Lebens entscheidende 
Ereignis war Phil.s Eintritt in den gelehrten Hofstaat der 
Kaiserin Julia Domna, der Gemahlin des Septimius Severus. 
Cassius Dio (75, 15, 7. Xiphilin. p. 313, 15. Suidas 5. v. 
᾿Ιουλία Αὐγούστα) berichtet von den Verdächtigungen, mit 
denen Plautianus, der Gardepräfekt, lange Zeit der Günstling 
und παραδυναστεύων τῷ Σεβήρῳ (Xiphilin. p. 311, 30), die 
Kaiserin verfolgt habe, und bringt mit diesen Intriguen die 
Beschäftigung Julias mit der Philosophie in ursächlichen Zu- 
sammenhang. Wie dem auch sei, die ebenso schöne?) als 
geistvolle Frau hat einen Kreis von gebildeten Männern 
um sich versammelt, in dem ein reger Gedankenaustausch 
über die damals die Welt bewegenden litterarischen, wissen- 
schaftlichen und vor allem auch religiösen Fragen stattfand. 
Dio (Xiphilin. a. a. Ὁ.) spricht von σοφισταί, mit denen sie ver- 
kehrt habe, Phil. bezeichnet den Hofstaat der Kaiserin als 
einen xÖxAos (v. Ap. p. 4, 2—3), in dem γεωμέτραι (4. h. Astro- 
logen, vgl. Manetho 4, 128 sq. 210. Maass, Die Tagesgötter 
1902, Kap. 1,7) und φιλόσοφοι (darunter versteht er natür- 
lich vor allen die Sophisten) vereinigt gewesen seien (v. soph. 
p. 121, 26), aus dem Tzetzes, Chiliad. 6, 306, einen χορὸς 
ῥητόρων τε χαὶ τῶν γραμματευόντων macht. Phil. belegt Julia 
mit dem Ehrennamen ἣ φιλόσοφος (vgl. auch unten 5. 537) und 
rühmt von ihr, sie habe für alle ῥδητορικοὶ λόγοι Interesse ge- 
habt. Papinian und neben ihm Ulpian und Paulus, die großen 
Juristen, Cassius Dio und Marius Maximus, die Historiker, 
Serenus Sammonicus und Galenos, die Mediciner, Gordianus 
und ÖOppianos, die Dichter, Aspasios, Antipatros, Ailianos, 
Philostratos, die Sophisten, können wir als Glieder dieses 
glänzenden Hofstaates namhaft machen: Duruy (a. a. Ὁ. S. 129) 
schließt seine anmutige Schilderung dieses Kreises, dem auch 


19) Bernouilli, Röm. Ikonographie II 3 (1894) 8. 35—47, dazu Taf. 
XVI-XIX; der zweifelhafte Kopf der Münchner Glyptothek (Bernouilli 
S. 45, Taf. XIX) in Furtwänglers Beschreibung {!900) Nr. 354; 100 
Tafeln nach den Bildwerken der Glyptothek (1903), Taf. 76. Wie ihre 
Toilettenkünste sogar auf ihre Statuen übertragen sind, hebt Ilberg 
hervor (Aus Galens Praxis, Leipzig 1905, Κ΄. 29). 


478 Karl Münscher, 


der Kaiser selbst nicht fernblieb, mit dem Bemerken, man 
werde unwillkürlich an die italienischen Fürstenhöfe der Re- 
naissance erinnert. 

Wann Phil. in diesen Kreis um Julia Domna eingetreten 
ist, läßt sich nicht mit völliger Sicherheit feststellen. 196/7 
befand er sich jedenfalls noch nicht in den Hofkreisen: von 
dem Wettkampfe, den der Kaiser in einem dieser Jahre in 
Rom zwischen dem Sophisten Apollonios, dem Abgesandten 
Athens, und dessen Rivalen, dem Lykier Herakleides veran- 
staltete, kann Phil. nur von Hörensagen berichten 39). Daß 
er während des zweiten großen ÖOrientzuges des Severus an 
den Hof gekommen sei, ist, wenn auch nicht unmöglich — 
Julia Domna residierte zumeist wohl in Antiocheia — doch 
wenig wahrscheinlich. Dagegen spricht, wie mir scheint, 
folgende Erwägung: 199 ging Severus nach Afrika und be- 
suchte zunächst das Wunderland Aegypten bis hinauf nach 
Aethiopien, weniger aus politischen Rücksichten als aus Wiß- 
begier. Sein Leben lang erinnerte er sich mit Vergnügen an 
diese Reise, die ihm die Kenntnis so vieler Merkwürdigkeiten 
der Natur wie seltsamer Religionsgebräuche und wunderbarer 
Bauwerke verschafft hatte (Spart. Sept. Sev. 17,4. Xiphilin. 
75, 13,1—2, p. 331). Julia war die treue Begleiterin ihres 
Gatten auf seinen Feldzügen (mater castrorum heißt sie un- 
zählige Male); daß sie ihn auch auf dieser friedlichen Fahrt 
begleitet hat, ist zwar, so viel ich sehe, nirgends bezeugt, 
aber sicher zu vermuten 3). Auch dort in Aegypten wird sie, 
wie sonst auf ihren Reisen, ihren litterarischen χύχλος um sich 
gehabt haben, und indirekt wird dies durch eine Stelle der 


0) V. soph. p. 113, 30 φα σὶν αὐτὸν σχεδίου λόγου ἐχπεσεῖν. Vgl. 
p. 103, 21 sqq. Diese πρεσβεία des Apollonios nach Rom fand vor Severus’ 
zweitem ÖOrientzuge statt (p. 103, 27), also 196 oder 197 (vor oder nach 
dem Entscheidungskampfe mit Clodius Albinus in Gallien). p. 114, 7 
nennt Phil. als Grund für den Misserfolg des Herakleides auch sein 
Mißtrauen gegen Antipatros, folglich war dieser damals schon am Hofe; 
das stimmt zu obigem Versuche, seinen Amtsantrıtt zeitlich zu fixieren. 

1) A. de Ceuleneer, Essai sur la vie et le regne de Septime Severe, 
Bruxelles 1880, S. 125 und Re&ville, Die Religion zu Rom unter den 
Severern, übers. v. G. Krüger, Leipzig 1888, 8. 191 lassen Julia und 
Caracalla den Severus nach Aegypten begleiten; als ein Zeugnis dafür 
kann die Inschrift, die die Neueröffnung von Steinbrüchen bei Philae 
im J. 203 preist (C. J. L. III 75), wohl kaum gelten. 


“αὐ ED, FIR 


nun 


Die Philostrate. 479 


v. soph. (p. 103, 28) bestätigt, an der vom Aufenthalt des 
Kaisers in ‘Libyen’???) gesagt wird: ἐχεῖ xal τὰς ἐξ ἁπάσης γῆς 
ἀρετὰς συνῆγεν. Phil. aber war damals wohl noch nicht am 
Hofe, da er nirgends persönliche Kenntnis Aegyptens zeigt, 
die er z. B. bei Schilderung der Reise des Apollonius zu den 
Gymnosophisten bequem hätte verwerten können 339). Damit 
wird es wahrscheinlich, daß er bei Hofe — vielleicht durch 
seinen Lehrer Antipatros — erst in den Jahren nach 202 ein- 
geführt worden ist, in denen Severus nach Niederwerfung 
seiner beiden Rivalen und den gewaltigsten Feldzügen im 
Osten und Westen des Reichs in Ruhe zu Rom regierte. 

Am Schlusse der 'v. Ap. erklärt Phil, er habe nirgends 
ein Grab des Apollonius angetroffen, χαίτοι τῆς γῆς, ὁπόση 
ἐστίν, ἐπελϑὼν πλείστην. Von jeher hat man mit Recht diesen 
Ausdruck dahin gedeutet, daß Phil. hauptsächlich im Gefolge 
der Kaiserin Julia seine Länderkenntnis erworben habe. Da- 
bei ist zu berücksichtigen, dass Julia auch nach Severus’ Tode 
ihren fürstlichen Hofstaat beibehielt. Sie gewann bei Cara- 
callas Abneigung gegen die Regierungsgeschäfte erhöhten Ein- 
Aluß; sie hat auch ihren Sohn auf seinen Zügen begleitet, sie 


239) Darunter versteht Phil. hier Afrika einschließlich Aegypten, 
das man sonst gewöhnlich, wie v. Wilamowitz-Moellendorff, Die Text- 
geschichte d. gr. Bukoliker, 1906, S. 163 bemerkt, nicht zu Libyen rechnet. 

>») Seine Beschreibnng des Memnonskolosses als eines unlädirten 
Bildwerkes (v. Ap. 6,4 p. 208,3 sqq.; vgl. im allgemeinen Drexler bei 
Roscher, Mythol. Lex. II 2, 2661 ff.) erweckt durchaus nicht den Ein- 
druck, als habe er es jemals gesehen. Daß aber der Memnon an dieser 
Stelle wie auch Imag. 1, 7 p. 305, 20 und Heroik. p. 168, 2 als der 
‘klingende’ behandelt wird, ist für keins der Werke chronologisch ver- 
wendbar (vgl. Schmid, Philol. 57, 1898, 5. 504 gegen Re£ville a. a. 0. 
5. 202 Anm. 3). Die Restauration des Kolosses, die man seit Letronnes 
Abhandlg. (la statue vocale de Memnon, Paris 1833; vgl. Mommsen, 
C. J. L. ΠῚ p. 9) als ein Werk des Severus betrachtet, das er während 
seines ägyptischen Aufenthaltes anordnete, nahm jedenfalls Jahre in 
Anspruch, und noch mehr Zeit mußte vergehen, ehe man zu der Ueber- 
zeugung gelangte, daß seit der Restauration wider alles Erwarten der 
Memnon verstummt, in Wahrheit das natürliche Phänomen unmöglich 
geworden sei. Daß auch Kallistratos in seinen Ekphrasen, die sicher 
nach dem Werk des jüngsten der Philostrate, wahrscheinlich im IV. 
Jhh. geschrieben sind (vgl. Schenkl-Reisch, praef. p. XXII sq.), die 
Memnonstatue ruhig als die ‘tönende’ behandelt (am Schluß von Ekphr. 
1 und in Nr. 9), erweckt nicht eben großes Vertrauen zur fides des 
Verfassers, für die die neusten Herausgeber (p. XLVIII sqq.) nach an- 
deren so energisch eintreten. Einen Μέμνων hatte Dio geschrieben, 
den Synesios im Dio (p. 318 Arnim) zweimal neben der Τεμπῶν φράσις 
(vgl. Aelian, v. hist. 3, 1) erwähnt. 


480 ; Karl Münscher, 


hat mit Klugheit und Energie an seiner Stelle tatsächlich das 
Reich regiert. — 208 trat Severus seinen letzten Feldzug nach 
Britannien an, Julia begleitete ihn (Herodian 3, 15,6. Dio 
C. 76, 16,5). Auf Phil.s Teilnahme an dieser Expedition 
läßt vielleicht seine Angabe (v. Ap. p. 166, 9) schließen, er 
habe Ebbe und Flut des Oceans, über dessen Entstehung eine 
Theorie, angeblich des Apollonios, mitgeteilt wird, περὶ Ker- 
τοὺς gesehen. — Aus dem Beginn der Regierungszeit Cara- 
callas (212) erzählt Phil. als Augenzeuge die für die Stellung 
Julias und ihres Kreises zum neuen Kaiser überaus charak- 
teristische Geschichte vom Auftreten des thessalischen Rhetors 
Philiskos, eines Verwandten des Hippodromos, vor dem kaiser- 
lichen Gerichtshofe zu Rom ??). — Ende des Jahres 212 ging ᾿ 
Caracalla nach Gallien; die Kaiserin-Mutter und ihr litterari- 
scher Hofstaat befanden sich dort im Lager, als der Sophist 
Heliodoros erschien, ein Araber, als Vertreter seiner Heimat 
ans Kaisergericht gesandt. Hatte den Philiskos sein Mißerfolg 
vor dem Kaiser die Abgabenfreiheit gekostet 35) (nur die athe- 
nische Professur hatte er behalten), so gewann Heliodoros zum 
größten Aerger der zünftigen Sophisten des Kaisers Gunst, 
Ritterwürde für sich und seine Kinder und die erste Stelle 
eines kaiserlichen Anwalts in Rom 2°). — Nachdem er zu 
Pergamon bei Asklepios Heilung gesucht, zu Ilion als neuer 
Alexander dem Achill gehuldigt hatte, brachte Caracalla den 
Winter 214/5 in Nikomedeia an der Propontis zu, mit mili- 
tärıschen Rüstungen zum Partherfeldzuge beschäftigt. Die 
Regierungsgeschäfte überließ er seiner Mutter, ihr Name stand 
neben dem des Kaisers auf den Erlassen an den Senat. Trotz 
dieser Geschäfte, so erzählt uns Dio, der selbst in Nikomedeia 


28) V. soph. II 30 p. 121. Clinton I p. 221. Hertzberg a. a. O. IH 
Ὁ. 16 ff. — Ueber die Heordäer, mit denen Philiskos im Streite lag, 8. 
Kuhn, städt. und bürgerl. Verfassg. ἃ. röm. Reichs II, 1865, 5, 406. Sie 
besaßen das Privilegium, daß materna origo censeatur (Ulp. dig. 50,1, 
1, 2. Kuhn a. a. O. I, 1864, 8. 18). Außer Ilion, Delphi, den Städten 
von Pontus, die Ulpian (bez. Celsus) nennt, besaß später auch Antio- 
cheia dies Privileg, dem es Julian verlieh (Zosim. 3, 11, 5). 

34) Nach Mod. dig. 50, 4, 11, 4 hat Caracalla den Elementarlehrern 
(qui primis litteris pueros inducunt) überhaupt die Steuerfreiheit entzogen. 

5) V. soph. II 32 p. 124. Das Amt eines advocatus fisci wurde 
zumeist mit juristischen Fachleuten besetzt; vgl. Mitteis, Reichsrecht 
und Volksrecht, Lpzg. 1891, S. 193. Aber auch der Sophist Quirinus er- 
hielt τὴν τοῦ ταμιείου γλῶτταν (v. soph. p. 120, 24). 


Die Philostrate. 481 


anwesend war (78, 8,4), habe Julia noch mehr als sonst mit 
den ersten Geistern ‚philosophiert‘ (Dio C. 77, 18, 1—4). Für 
Nikomedeia dürfen wir also die Anwesenheit Phil.s vermuten, 
wie für Pergamon; Autopsie Phil.s hat für Pergamon bereits 
Göttsching a. a. Ὁ. 5. 58 aus der mehrfachen Erwähnung des 
dortigen Asklepiosheiligtums (v. Ap. p. 131,7 sqq., v. soph. 
p- 111, 24) gefolgert?‘). In das Jahr 215 fällt auch das Auf- 
treten des ‚Lemniers‘ Phil. vor Caracalla, das in Asien, wohl 
auch in Nikomedeia, stattgefunden haben muß (8. unten S. 500). 
— Schließlich finden wir Julia Domna in Antiocheia. Dort, 
in der Hauptstadt Syriens und des Orients in damaliger Zeit, 
der dritten Stadt des Kaiserreichs, weilte sie, während ihr Sohn 
den parthischen Feldzug antrat (216), und erledigte für ihn 
die Regierungsgeschäfte (Dio C. 78, 4, 2—3). Dort empfing 
sie die Nachricht von der Ermordung Caracallas, dem sie frei- 
willig in den Tod folgte, um nicht aus dem Glanze des Thrones 
in das Dunkel einer Privatexistenz hinabsteigen zu müssen, 
(Dio C. 78,23. Herodian 4, 13, 8). Auf Phil.s Aufenthalt in 
Antiocheia zu jener Zeit kann man unbedenklich seine Worte 
aus dem Widmungsbriefe vor den Bioi an Gordian beziehen: 
μεμνημένος δὲ χαὶ τῶν χατὰ ᾿Αντιόχειαν σπουδασϑέντων ποτὲ 
ἡμῖν ὑπὲρ σοφιστῶν ἐν τῷ τοῦ Δαφνείου ἱερῷ 37). Ueber Daphne 
weiß er deshalb antiochenische Lokalsage zu berichten (v. Ap. 
116 p. 16. vgl. Paus. 8, 20,2. Sozom. hist. ecel. 5, 19). 
Nach Julias Tode (217) löste sich natürlich der Kreis, 
der sich um sie vereint hatte; ihre Schwester Maisa ging mit 
ihren Töchtern und Enkeln auf Befehl des Macrinus nach 
Emesa, dem ererbten Sitze ihrer Familie, zurück. Phil. blieb 
selbstverständlich nicht dauernd in Syrien. Indessen scheint 
auf einen längeren Aufenthalt in dieser Provinz ein Umstand 
hinzuweisen. Photios nennt in der Bibliothek cod. 44 den 


26) In den Städten Kleinasiens zeigt sich Phil. überhaupt gut be- 
kannt. Er ist in Ilion bekannt (v. Ap. p. 133, 19). Ueber Ephesus 
s. oben ὃ. 476, Tyana unten ὃ. 485, Erythrae S. 491. Von Perge in 
Pamphylien (v. soph. p. 82, 24), desgl. von Seleukeia in Kilikien (v. 
soph. p. 76, 30) spricht er aus Autopsie. Die Berufung auf Aöxtor 
λόγο. (v. Ap. p. 325, 25) zeugt auch vom Verkehr mit Einwohnern 
Lykiens. — Gleiche Kenntnis Kleinasiens zeigt der ‘Lemnios’, 5. 8. 498. 

"ἢ Von Gordians Aufenthalt in Syrien wissen wir sonst nichts; 
Capitol. Gord. 9, 1 sagt nur plurimis provinciis ... ante (vor dem Pro- 
eonsulat in Afrika) praefuerat. 


482 Karl Münscher, 


Verfasser des Apolloniosromans Φιλόστρατος Τύριος 33). den 
gleichen Beinamen erhält er im Scholion zu Lukians Ikaro- 
menippos 1 (ed. Jakobitz IV p. 197), das wir der Hand des 
Bischofs Arethas verdanken *), und schließlich nennt Tzetzes 
in den Chiliaden 6, 303 den Flavios Philostratos auch Τύριος 
ῥήτωρ, wo gleichfalls der Verfasser der v. Ap. gemeint ist 


ς 


(er setzt hinzu ἄλλος δ᾽ ἔστιν ὃ ᾿Αττιχός). Demnach gab es 
unzweifelhaft Ausgaben der v. Ap., auf deren Titel Phil. als 
Tyrier bezeichnet war, bez. sich selbst bezeichnet hatte 39), So 
konnte sich aber Phil. nur nennen, wenn er das Bürgerrecht 
von Tyros erworben hatte °!), natürlich durch seinen Aufent- 
halt daselbst, den er benutzt haben mag, mit seiner sophisti- 
schen Kunst zu glänzen. Daß er Tyros zu seinem Wohnsitze 
wählte, seit Hadrian die μητρόπολις Syriens (Suidas 5. v. Παῦλος 
Τύριος ῥήτωρ. vgl. Cod. Just. 11, 22), von Severus als Haupt- 
stadt der neugegründeten Provinz Syria Phoenice durch das 
ius Italicum (Uip. dig. 50, 15, 1 pr. Paul. dig. 50, 15, 8, 4) 
und den Beinamen colonia Septimia (vgl. Höfner, Untersuch- 
ungen z. Gesch. ἃ. K. Sept. Sev. I, Gießen 1872, 8. 166) aus- 
gezeichnet, die splendidissima Tyriorum colonia..., nobilis 
regionibus, serie saeculorum antiquissima, armipotens, wie 


28) Die längere Epitome cod. 241 trägt nur die Ueberschrift: &v- 
εγνώσϑη ἐκ τοῦ εἰς τὸν ᾿Απολλώνιον ἀπὸ φωνῇς Φιλοστράτου. 

”) Vgl. E. Maass, Melanges Graux, Paris 1884, 8: 759 fi, Daß 
auch die Scholien zu Phil., besonders im Laurentianus LXIX 33 saec. 
ΧΙ, auf Arethas zurückgehen, macht R. Müller, de Lesbonacte gram- 
matico, Diss. Greifswald 1590, p. 109—112 wahrscheinlich. 

80) Vgl. Bergk a. a. O. S. 176 Anm. 1, dem der Zuname Τύριος 
rätselhaft erscheint, Kaysers Vermutung (Heidelb. Ausg. d. v. soph. 
p- XXXID, Τύριος sei aus Σύριος entstanden, erleichtert die Deutung 
nicht. Andere Deutungen (Meursius dachte an Phil. Aegyptius aus 
der 2. Hälfte des letzten Jhh.s v. Chr., v. soph. [δ p. 6, 19), und Aen- 
derungen (Voss: Μυριναίου; vgl. Fertig p. 52 Anm. 1) sind ebenso un- 
möglich wie falsch. — Ein anderer ist der von Joseph. antiqu. 10,11, 1 
erwähnte Φιλόστρατος ἐν ταῖς ᾿Ινδικαῖς αὐτοῦ χαὶ Φοινικικαῖς ἱστορίαις; der- 
selbe c. Ap. 1, 20; vielleicht auch Plut. frg. 6 Bern. ἐκ τῶν eig Ἡσίοδον 
ὑπομνημάτων (ein anderer sollert. aniım. 8 p. 965 ᾿Φ, Eüößosbe’). Dieser 
ist bei Pape-Benseler fälschlich mit dem Tyrios bei Photios cod. 44 
identificiert, weil er gerade als Quelle für Tyrische Geschichte eitiert 
wird. Kennen ist wohl zu trennen der Philostratos Tyrios, den Photios 
cod. 150 als Verfasser eines λεξικὸν τῶν παρὰ τοῖς δέκα ῥήτορσιν λέξεων 
κατὰ στοιχεῖον neben Julian und Diodor erwähnt. 

#1) Daß gerade Künstler und Gelehrte nicht selten das Bürgerrecht 
in mehreren Städten besaßen, zeigt Schmid, Philol. 57, 1898, 5, 503 £. 
an einer Reihe von Beispielen. 


Die Philostrate. 483 


Ulpian seine Heimat preist, und nicht Antiocheia, hatte ge- 
wiß seinen Grund in der bekannten Mißachtung, die die An- 
tiochener gegen Kunst und Wissenschaft an den Tag legten 
(vgl. Mommsen, Röm. Gesch. V * 5. 459 ff.) ; läßt doch Phil. 
seinen Geisteshelden Apollonios mit kräftigen Worten die An- 
tiochener als ἀνθρώπους ἡμιβαρβάρους Hal ἀμούσους geißeln 
(p. 16,24. vgl. auch p. 124, 22 τῆς ᾿Αντιοχείας συνήϑως ὑὕβρι- 
ζούσης nal μηδὲν τῶν "EAAnvır@v ἐσπουδαχυίας) ; auch mochte 
das tragische Ende Julias ihrem Schützlinge Phil. den Auf- 
enthalt in Antiocheia verleidet haben. 

In Tyros scheint also Phil. das große Werk, das er im 
Auftrage seiner hohen Gönnerin unternommen, die 8 Bücher 
τὰ ἐς τὸν Τυανέα ᾿Απολλώνιον, vollendet und herausgegeben zu 
haben. War Julia Domna auch gewiß nicht die Trägerin und 
Leiterin großer religiöser Reformbestrebungen, zu der man sie 
hat machen wollen 55), so ist doch leicht begreiflich, daß in 
jener Zeit des allgemeinsten, alles umfassenden Synkretismus 
die geistig hochstehende Syrerin an einem Apollonios von 
Tyana Anteil nehmen konnte. Es ist für uns schwer, über 
Leben und Art dieses Mannes sicheres zu ermitteln, denn schon 
damals, ein Jahrhundert etwa nach seinem Tode, schwankte 
sein Bild zwischen Licht und Schatten je nach der Auffassung 
des Beschauers. Die einen erklärten ihn schlechtweg für einen 
Betrüger und Zauberer (Lukian. Alex. 5. Dio C. 77,18, 4 
γόης nal μάγος) 38), die große Masse dagegen, und nicht bloß 


»2) Jean Reville in seinem bereits (Anm. 21) erwähnten, etwas über- 
schwenglich gehaltenen, aber ausgezeichneten Buche, Cap. VI und VII; 
dagegen bes. Göttsching a. a. O. S. 74 ff,, der seinerseits wieder allzu 
unkritisch geneigt ist, allen Klatsch der historia Augusta zu glauben. 

38) Die Lukianstelle ist das älteste Zeugnis über Apollonios (vgl. 
bes. Ed, Müller, War Ap. v. T. ein Weiser oder ein Betrüger ...?, 
Liegnitz 1861 S. 7£.), da Apul. apol. 90 der neuern Kritik zufolge weg- 
fällt. Falsch bezieht Jessen, Ap. v. T. u. 5. Biograph Phil., Hamburg 
1885, 8. 36 Dio Prus. 31, 122 statt auf Musonius (vgl. Arnim, Dio v. Prusa, 
1898, S. 152) auf Apollonios.. Vor Phil.s v. Ap. fallen wahrscheinlich 
nur noch die Erwähnungen des Apollonios bei Dio C. (vgl. Schwartz 
in Pauly-Wissowa III 1686), außer der genannten noch 67, 18. Hier 
erzählt Dio ziemlich übereinstimmend mit Phil. v. Ap. 8, 26 p. 339 des 
Apollonios hellseherische Verkündigung der Ermordung Domitians, 
mit der Versicherung τοῦτο μὲν οὕτως ἐγένετο, χἂν μυριάκις τις ἀπιστήσῃ; 
war des Traum- und Wundergläubigen Dio Gewährsmann hierfür etwa 
Phil., durch mündliche Mitteilung? Die Geschichte wird bei den Byzan- 
tinern oft nacherzählt: Joh. Antioch. frg. 107 a. Εἰ. (F.H.G. ed. Müller 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 32 


484 Karl Münscher, 


die der Ungebildeten, sah in ihm mindestens einen unverächt- 
lichen Philosophen, das Haupt des Neupythagoreismus 55), zu- 
meist einen wahrhaft verehrungswürdigen Weisen oder gar 
ein mit übermenschlicher Kraft. begabtes Wesen: kulturelle 
Verehrung ward ihm hier und da zu teil’). Es gab Werke 
des Mannes, echte wie unechte °°), es gab eine Litteratur über 
ihn, in der die Gläubigen wie die Skeptiker zu Worte ka- 
men ?”): Gründe genug, das geschärfte religiöse Interesse der 
Kaiserin dem seltsamen Manne zuzuwenden. Vielleicht waren 
es auch äußere Umstände, die zuerst Julias Aufmerksamkeit 
weckten. Ueber Tyana, Apollonios’ Geburtsstadt, die zweite 
Stadt der 10 kappadokischen Aemter (s. Mommsen, Röm. Ge- 
sch. V* S. 306), am Tauros (πρὸς Ταύρῳ heißt sie auf Münzen, 
und der schreitende Stier ihr Münzbild), wenig nördlich der 
kilikischen Tore gelegen, führte die große Heerstraße aus 
Kleinasien nach Syrien, auf der wie schon Kyros mit seinem 
Griechenheere (Xenoph. Anab. 1, 2, 20) und Alexander der 
Große (Arrian. Anab. 2,4, 3. Curt. 3, 9, 1—2. vgl. Strabo 
12, 2,9 p. 539) noch in der Kaiserzeit die römischen Heere 


IV p. 580), Zonar. 11, 19 p. 5824, Cramer Anecd. gr. Paris. II (1839) 
Ῥ. 29, 1 ff. (περὶ ἐπιβουλῶν κατὰ βασιλέων γεγονυιῶν) nach Dio, Ephraem 
chron. 49—52, Tzetz. Chil. 2, 962-969 nach Phil. 

84) Vgl. z. B. Amm. 21, 14, 5. Themist. or. 6 p. 72° nennt τὸν 
&x Τυάνων (ohne Namen) neben Plato und Musonius. | 

55) Miller, Pauly-Wissowa Il 147. Für die Verbreitung des Bildes 
des Ap. zeugt noch die Umschrift (Ap)olonius Thyaneus (C. J. L. VI 


29828 —= Dessau I 2918) um sein erloschenes Medaillonbild an der Wand 


eines römischen Nymphäums (vgl. Maass, Die Tagesgötter, 1902, 8. 50). 

86) Miller a. a. Ο. II 148. — Die auf ihre Authentie noch kaum 
geprüfte Briefsammlung hat, ob echt oder unecht, als fast einzige 
Quelle über Apollonios neben Phil. den größten Wert; Ansätze, sie in 
dieser Hinsicht auszubeuten, bei Jessen a. ἃ, O. 5. 32 ff., Göttsching 
a. a. OÖ. S. 125. 

81 Ueber die bereits Phil. vorliegenden 5. unten S. 486. — Aus 
späterer Zeit kennen wir noch einen βίος ᾿Απολλωνίου τοῦ Τυανέως von 
dem unter Diocletian blühenden Soterichos (Suidas s. v.) aus Oasis 
(Steph. Byz. Ὕασις, πόλις Λιβύης" λέγεται καὶ "Οασις) Eine lateinische 
Bearbeitung des Lebens des Ap. stellt Vopiscus (Aurelian, 24, 9) in 
Aussicht. Eine solche lieferte (Ende saec. IV) Virius Nicomachus Fla- 
vianus, der Vorkämpfer für die alte Religion neben den Symmachi 
(vgl. Schanz IV 1, 1904, 8. 83 £.); daraus fertigte eine Abschrift der 
Freund der jüngern Symmachi und Liviusemendator Tascius Victorianus 
(vgl. Traube, Paläographische Forschgn. IV, Abhdlgn. ἃ. K. bayr. Ak. 
ἃ. Wiss. III. Kl. XXV, 1, München 1904, S. 16), die der Bischof Sido- 
Br Apollinaris (epist. 8, 3, 1) seinem Freunde Leo auf Wunsch über- 
sendet. 


Die Philostrate. 485 


(vgl. z. B. Vopisc. Aurelian. 22, 5) wie die einzelnen Reisenden 
(z. B. Libanios or. 1, 14. Itin. Burdig. p. 16, 18) über das 
Taurosgebirge nach der Ebene von Tarsos hinabstiegen. Auch 
Julia Domna hat also Tyana öfters berührt. Einen längeren 
Aufenthalt des Kaisers Severus daselbst, ob während des ersten 
oder ‘zweiten Orientzuges ist ungewiß °°), veranlaßt durch eine 
Erkrankung des Präfekten Plautianus, erwähnt Dio C. 75,15, 4 35). 
Welche große Fürsorge Caracalla der Stadt Tyana zu teil wer- 
‘ den ließ, lehren die Münzen: unter seiner Regierung erhielt 
sie den Titel colonia mit den Beinamen Antoniniana und Au- 
relia (Imhoof-Blumer, Kleinasiatische Münzen II 1902, 5. 499); 
ihm zu Ehren feierte sie einen Agon (ATQN. ANTQNINIAN., 
Eckhel, Doctr. numorum III 1794 5. v. Tyana p. 194/5). Nach 
Dio ©. (77, 18, 4) erbaute Caracalla dem Apollonius ein Heroon, 
offenbar dasselbe Heiligtum, das Phil. am Schlusse der v. Ap. 
Ρ. 344, 4 erwähnt als ἱερὰ Τυανάδε βασιλείοις ἐχπεποιημένα 
τέλεσιν ; es war erbaut an der Wiese, auf der Apollonios nach 
der Lokaltradition geboren sein sollte (v. Ap. p. 5,4) *%). Phil. 
erzählt mancherlei nach den mündlichen Angaben der Tyaneer 
(vgl. p. 5, 16 und 22): am Heimatsorte des Apollonios hat er 
also geweilt und seine Erkundigungen eingezogen, und allen 
Umständen nach zu urteilen, werden wir seinen Aufenthalt in 
Tyana mit einem der Kaiserin daselbst in Zusammenhang 


38) Ceuleneer a. a. O. S. 75 Anm. 1 verlegt diesen Aufenthalt in 
den ersten Orientzug gegen Pescennius Niger, C. Fuchs, Gesch. d. K. 
L. Sept. Sev. (Wien 1884, Untersuchgn. z. alt. Gesch. Heft 5) S. 89 
vielleicht mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die Rückreise aus dem 
zweiten im J. 202. Vgl. auch Höfner a. a. O. S. 248. 

#9) Bereits Baur a. a. Ὁ, S. 126 Anm. (= 3 Abhdlgn. 5. 122) be- 
nutzte die Diostelle in gleichem Sinne; vgl. auch Göttsching a. a. 0. 
Tl. 

40) V. Ap. p. 5,4 konjiciert Jessen a. a. O. S. 5 Anm, 1 mit Recht 
ἐχπεποίηται, Nach quaestio 34 (24) der quaestiones et responsiones ad 
orthodoxos, die Harnack, Texte und Unterschgn., N. F. VI (XXI) Heft4, 
Leipzig 1901, neuerdings wieder für Diodor von Tarsos in Anspruch 
nimmt, wurde eine wundertätige Bildsäule des Apollonios von den 
Christen zerstört; vielleicht in Tyana? Harnack denkt (S. 33) an Anti- 
ocheia; die vom Fragenden erwähnten τελέσματα sind sicher die anti- 
ochenischen (s. S. 486 Anm. 41), von dem Standbilde, das der Ant- 
wortende erwähnt, ist Antiocheia aber keineswegs als Standort sicher. — 
Am Coneil von Nicaea nahm schon ein Bischof von Tyana, Eupsychios 
(Patr. Nicaen. 1, 96. 2, 95 u. s.), teil (s. Rhein. Mus. LXI, 1906 8. 65). 
Im J. 366 tagte in Tyana ein christliches Concil, Cassiod. hist. 7, 28 
p. 1090° Migne, vgl. Mansi 3, 394 sqgq. 


82" 


486 Karl Münscher, 


bringen. Im Frühjahr 215 zog Caracalla von Nikomedeia 
aus nach Syrien: wohl möglich, daß ein Aufenthalt des Hofes 
in Tyana auf diesem Zuge Caracallas und Julias Interesse für 
den Tyaneer weckte: da erhielt der im Gefolge anwesende Hof- 
sophist Phil. den Auftrag, das Leben des Wundermanns zu 
verherrlichen. Erinnert sei auch noch daran, daß im Daph- 
neum zu Antiocheia eine Tradition über Apollonios 3) sich 
erhalten hatte, die der Kaiserin bekannt werden konnte (v. 
Ap. 1, 16—17. vgl. auch p. 249, 25). 

Phil. nennt (v. Ap. p. 4) drei Schriften über Apollonios. 
Davon stimmten die 4 Bücher des Moiragenes, wie es scheint, 
nicht in den Chor der Bewunderer des Apollonios ein, Phil. 
lehnt sie deshalb ab; ihre Existenz wird bezeugt durch 
die Anführung bei Origenes (c. Cels. 6,41. Die Erwähnung 
bei Tzetzes, Chil. 2, 974 stammt wohl aus Phil. 43). Maximus 
von Aegae, nach p. 11, 29 kaiserlicher ἐπιστολεύς (welches 
Kaisers ist ungewiß), hatte die Jugendzeit des Apollonios, die 
dieser großenteils in Aegae zugebracht hatte, behandelt; ihm 
folgt Phil. im Anfange seines Werkes (p. 6—11). Das dritte 
sind die ὑπομνήματα des Damis aus Ninive, die Phil. im wesent- 
lichen seiner Biographie zu Grunde gelegt und nur stilistisch 
umgestaltet haben will. Man nimmt heute ziemlich allgemein 


41) Allerdings entstammten die τελέσματα selber, die nach byzanti- 
nischer Tradition zu Antiocheia (wie zu Constantinopel) bestanden, 
4. b. verzauberte Bildwerke (vgl. Diels, Elementum, 1899, 8. 56), die 
als Talismane irgendwelche Gefahren bannen sollten, wohl dem Glauben 
einer späteren Zeit. Es ist das Verdienst Millers (Philol. N.F.V 1892 
S. 581—4 und Pauly-Wissowa II 146), die byzantinischen Quellen heran- 
gezogen zu haben. Nur stammen die Nachrichten gewiß nicht, wie 
Miller meint, aus einer Biographie des Apollonios, sondern aus antio- 
chenischer bez. byzantinischer Lokaltradition: Malalas, der sie am aus- 
führlichsten giebt (p. 268, 18— 266, 11 Bonn.; vgl. Kedren. I p. 431, 


14 sqq. und I p. 78, 9 sqq. Cramer, Anecd. gr. IV, 1837, p. 240) war 


Antiochener, ‘sein Werk erscheint geradezu als eine (antiochenische) 
Stadtehronik’ (Krumbacher?, Gesch. ἃ, byz. Litt. 8. 327). Interessant 
ist, daß sogar in dem livre des talismans, das in arabischen Quellen 
dem Balinas —= Apollonios beigelegt wird, der talisman que j’ai fait 


ἃ Antioche eontre les punaises erwähnt wird (ὃ. 129 bei Leelere, de 


identit6 de Balinas et d’Apollonius de Tyane, Journal Asiatique, VL 


serie, tom. XIV 1869 5. 111—131). 


#2) Die Identificierung dieses Moiragenes mit dem in Plut. quaest. 
conv, 4, 61 als Mitunterredner vorkommenden lehnt Zeller, Philos. d. 


Griech. III 2? S. 188 Anm. 2 wohl mit Recht ab. 


Die Philostrate. 487 


an, daß Damis und sein Buch eine Fiktion sei (E. Schwartz, 
Fünf Vorträge über ἃ. griech. Roman, 1896, S. 126. Leo a. a. 0. 
S.261. v. Arnim, Pauly-Wissowa IV 2057). Und in der Tat sieht 
das, was Phil. über die Art und Weise mitteilt, wie er bez. die 
Kaiserin Julia in den Besitz des Buches gelangt sei, daß näm- 
lich ein Verwandter des Damis die bis dahin unbekannten 
δέλτοι jener ὑπομνήματα der Kaiserin übergeben habe, zunächst 
gar sehr aus wie Fiktion, mit der Absicht, der Erzählung 
‘größere Autorität zu verschaffen. Aber bei Phil. setzt von 
p. 19 an unverkennbar die Benutzung einer neuen Quelle ein 
(das voranliegende, das auch nicht aus Maximus stammt, füllt 
die Lücke schlecht genug aus; außer eigenem, bes. p. 16, re- 
produciert Phil. da vielleicht Moiragenes, vgl. Miller Philol. 
51, 1892, 5. 583); Phil. folgt von da ab — aus eigener Lek- 
türe fortwährend sophistische Exkurse einschiebend und über- 
all erweiternd — einem Reiseberichte; und warum sollte dies 
Schwindelbuch, dem Phil. blindlings folgt, nicht den Verfasser- 
namen Damis getragen haben ? (vgl. Rohde, griech. Roman $. 439 
Anm. v. Gutschmid, Kl. Schriften V, 1894, S. 543). Ja, sogar die 
Geschichte von der Auffindung und Ueberreichung des Buches 
erscheint mir nicht so ganz unglaubhaft, wenn ich mir als Akteure 
ein paar geriebene Priester — etwa vom Apolloniosheiligtum 
in Tyana — denke, die auf diese Weise die Wißbegier und 
den Glauben der Kaiserin ausnutzten. Dagegen ist kaum zu 
glauben, daß Phil. den Namen der Kaiserin als Deckmantel 
für eine Fiktion sollte mißbraucht haben (vgl. Göttsching 
a. ἃ. Ὁ. S. 71). — Nicht innerer Drang trieb Phil., des Apollonios 
Leben zu schreiben ; er hatte keine philosophischen, geschweige 
religiösen Interessen; Wunsch und Willen der Kaiserin erfüllt 
er in seiner Weise, er ist Sophist: als solcher bearbeitet er 
den gegebenen, im Grunde ihm gleichgiltigen Stoff, putzt ihn 
auf durch Einfügung zahlreicher geistreich und gelehrt sein 
sollender Einlagen, — Geschichten wie sie Ailianos aneinander- 
zureihen liebt — und schafft dadurch erst nach seiner Mei- 
nung ein lesbares Buch: das Vorhandene μεταγράψαι und τῆς 
ἀπαγγελίας... ἐπιμεληϑῆναι (p. 4, 4), das ist seine Aufgabe, 
seine Leistung. Wie verkehrt es war, einem solchen Manne 
eine christenfeindliche Tendenz unterzuschieben, liegt auf der 


488 Karl Münscher, 


Hand‘°). Der Dünkel des griechischen Sophisten ging ahnungs- 
los vorüber an der damals schon die Welt umspannenden Ge- 
meinde der Christianer, von deren Leben, Lehre und Schriften- 
tum er in Antiocheia vor allem hätte Kenntnis gewinnen können, 
wo neben der größten orientalischen Ueppigkeit und Sitten- 
losigkeit eine der ältesten und bedeutendsten Christengemeinden 
bestand. Er stand verständnislos den synkretistischen Be- 
strebungen des Kaiserhauses selbst gegenüber, die eine Julia 
Mamaea (der Domna Nichte) den Origenes nach Antiocheia 
rufen (Euseb. hist. eccl. 6, 21), ihren Sohn Severus Alexander 
Christi Bild in seinem Lararium aufstellen und Christus unter 
die Zahl der zu verehrenden Götter rechnen ließen (Lampr. 
Alex. 29,2. 43,6). Eine spätere Zeit erst spielte Apollonios 
als heidnisches Gegenstück zu Christus aus, und Hierokles, 
der als erster die Parallele zwischen Apollonios und Christus 
zog (in diocletianischer Zeit) griff dabei auf Phil.s Werk zu- 
rück. So lange der Streit zwischen Christus und den alten 
Göttern währte, figuriert von da an der Magier von Tyana 
im apologetischen Material der Heiden und Christen, daneben 
blieb er als Zauberer mit seinen τελέσματα bis ins Mittelalter 
hinein eine Gestalt des Volksglaubens, und auch in der Neu- 
zeit hat er stets das Interesse, besonders der Theologen, er- 
weckt‘) und hat als Träger christenfeindlicher Tendenzen 
mehrfach Neuerweckungen erfahren ®°). | 

Die Vollendung des in ihrem Auftrage von Phil. unter- 
nommenen Werkes hat Julia Domna“) nicht erlebt: der 


#3) Auf die v. Ap. näher einzugehen, ist im Rahmen dieser Unter- 
suchung unmöglich, ist auch ungleich wichtiger für Apollonios als für 
Phil. — Die Uebereinstimmungen, die man zwischen der v. Ap. und 
den christlichen Evangelien aufgezeigt hat, beruhen schwerlich auf 
Absicht, und wenn doch, so war das nicht eine Absicht Phil.s, sondern 
der früheren Apolloniosbiographen. Ueber diese handelt jetzt geistreich 
R. Reitzenstein in seinen Hellenistischen Wundererzählungen, Leipzig 
1906, 8. 40 ff., die mir erst während des Druckes zugehen. Den Damis 
hält auch R. keineswegs für fiktiv. 

#44) Die neuste, mir noch nicht in die Hand gekommene Bearbeitung: 
Apollonius von Tyana, der Magus aus Osten, von R. Meyer-Krämer 
steht in den Monatsheften der Comeniusgesellschaft 15, 1. Vgl. auch 
Th. Whittaker, Apollonius of Tyana and other Essays, London 1906. 

45) Ueber diese Litteratur vgl. bes. Jessen a. a. Ὁ. S. 3. | 

46) Schwartz, a. a. O. 8. 131, verwechselt Julia Domna mit Julia 
Mamaea. — Der Aufsatz von Mary Gilmore Williams über Julia Domna 
im Journal of Archaeology 1902 war mir nicht zugänglich. 


Die Philostrate. 489 


lebenden hätte Phil. gewiß sein Buch gewidmet, der toten 
konnte er nur durch seine Worte (s. oben S. 477) ein Denkmal 
setzen. Nach 217 ist also und wahrscheinlich von Tyros aus die 
Apolloniosbiographie ediert, vor den βίοι σοφιστῶν (s.oben S. 469). 

Dies spätere Werk gibt uns auch über das spätere Leben 
des Verfassers erwünschten Aufschluß. Am. Ende des ganzen 
Buches (p. 126, 31 sqq.) nennt Phil. noch drei Sophisten, über 
die er ablehnt, sich weiter auszulassen, χαὶ γὰρ ἂν χαὶ ἀπιστη- 
ϑείην ὡς χαρισάμενος, ἐπειδή μοι φιλία πρὸς αὐτοὺς ἦν. Diese 
drei sind Philostratos der Lemnier (der uns alsbald beschäftigen 
wird), der Athener Nikagoras und der Phönikier Apsines *”). 

Von Nikagoras kennen wir durch Suidas den Namen 
seines Vaters Mnesaios, der selbst schon Sophist war, seinen 
Sohn, den jüngeren Minukianos 45), dessen Blüte Suidas unter 
Gallienus (253/68) setzt, und ein paar Büchertitel, darunter 
einen πρεσβευτιχὸς πρὸς Φίλιππον τὸν Ρωμαίων βασιλέα: unter 
Philippus-Arabs (244—9) verlegt deshalb Suidas, bez. He- 
sychius, seine Blüte. Apsines aus Gadara in Syrien, den Phil. 
den Phoinikier nennt, ist der bekannte Verfasser rhetorischer 
Schriften und der uns erhaltenen τέχνη. Er blüht nach Suidas 
unter Maximus (235/8). Dazu tritt ergänzend die Notiz über 
den Sophisten Maior aus Arabien bei Suidas 8. v.: συνεχρό- 
νισε ᾿Αψίνῃ χαὶ Νικαγόρᾳ ἐπὶ Φιλίππου τοῦ Καίσαρος καὶ ἐπάνω. 
Bis gegen die Mitte des III. Jhhs. hat also auch Apsines *°) 
neben Nikagoras in Athen gewirkt. — Mit diesen beiden und 
Phil. Lemnios war Fl. Phil. befreundet, als er zwischen 230 
und 238 seine βίοι schrieb: deshalb schon möchte man ver- 
muten, daß er in dieser Zeit neben seinen Freunden in Athen 
lebte und tätig war. Die Vermutung wird zur Tatsache er- 
hoben durch Suidas 5. v. Φρόντων ’Epionvos ῥήτωρ. Dieser 
hat unter Severus in Rom geblüht, danach ἐν δὲ ᾿Αϑήναις 


#7) Selbstverständlich sind diese drei noch am Leben zur Zeit, wo 
Phil. das schreibt, trotz des imperf. ἦν p. 127, 7; vgl. z. B. p. 126, 29. 
Hammer, de Apsine rhetore, progr. Guntian. 1876 p. 4 bereitet sich 
unnötige Schwierigkeiten durch die Annahme, Phil. bezeichne den 
Apsines hier als kürzlich verstorben. Den gleichen Irrtum begeht F. 
Rudolph a. a. O. p. 5. 

45) Vgl. Glöckner, quaestiones rhetoricae, Bresl. phil. Abhdlgn. VIII, 
1901, p. 22 sqg. 

49) Vgl. Hammer a. a. O. und bes. Brzoska, Pauly-Wissowa 11 277 ft. 


490 Karl Münscher, 


ἀντεπαίδευσε Φιλοστράτῳ τῷ πρώτῳ καὶ ᾿Αψίνῃ τῷ Γαδαρεῖ. 
Der Phil. ὃ πρῶτος (über die Zählung 5. unten 8. 518) kann 
nur der von uns behandelte Fl. Phil. sein (vgl. Rohde, Gött. 
gel. Anz. ἃ. ἃ. 0. S. 35 Anm. 2), mit dem wie mit Apsines 
jener Fronto zu Athen in Konkurrenz trat. 

Von Tyros ist also Phil. nach längerem Aufenthalt wieder 
nach Athen zurückgekehrt. Hier lebte er nun als ein leben- 
diges Beispiel dafür, was an Ruhm und Ehre ein Sophist ge- 
winnen könne, er, der langjährige Vertraute des Kaiserhauses. 
Mit Stolz nannte man ihn nun ’Admvaiog 5°); er scheint selbst 
diesen Beinamen gern gebraucht und die Bezeichnung als 
Lemnios seinem jüngeren, aufstrebenden Verwandten überlassen 
zu haben. Hierokles (wörtliche Citate aus seinem λόγος φιλ- 
αλήϑης bei Eusebios p. 371, 13 und 406, 29 in Kaysers Kl. 
Philostrat-Ausg. I) und Eusebios (im ἀντιρρητικὸς πρὸς τὰ 
Ἱεροχλέους p. 371, 24 und 373, 5) nennen ihn den Athener. 
Und die Athener bewiesen sich dankbar gegen ihren berühm- 
ten Mitbürger: wir besitzen noch die Inschrift des Standbildes, 
das ihm in Olympia errichtet wurde: ᾿Αγαϑῇ τύχῃ. Δόγματι 
τῆς ᾿Ολλυμπικῆς βουλῆς Φλ(άβιον) Φιλόστρατον ᾿Αϑηναῖον ἣ λαμ- 
προτάτη πατρίς (Olympia, Ergebnisse V, Inschriften, Berlin 
1896, Nr. 476 — Dittenberger?, Sylloge I 412). Auch den 
Demos wissen wir zu nennen, dem die Familie der Philostratoi 
angehörte; denn der L(ukios) Fla(vios) Philostratos Steirieus 51), 


50) Das athenische Bürgerrecht hat Phil. nicht erst jetzt erworben, 
wie W. Schmid, Philol. 57, 1898, 8. 503 will, das besaßen die Philo- 
strate von Hause aus als geborene Lemnier; s. oben S. 473. — Seine 
genaue Ortskenntnis in Athen zeigen manche Stellen: v. soph. p. 55, 
13. 104, 23. 106, 29. 122, 32. Ueber Lebadeia in Boeotien giebt er 
mündliche Lokaltradition (v. Ap. 8, 20 p. 336, 16). — Wir beobachten also 
die seltsame Erscheinung, daß derselbe Mann uns mit 3 Beinamen (Δήμνιος, 
Τύριος, ᾿Αϑηναῖος) begegnet. Es spricht sich darin das Streben aus, 
durch die Beinamen die verschiedenen Philostrate zu unterscheiden; 
und wie es scheint, ist Phil. selbst mit dieser wechselnden Bezeichnung 
vorangegangen, deren Mannigfaltigkeit freilich die Unterscheidung der 
Personen in Wahrheit erschwert hat. i . 

51) Der älteste Phil. aus Athen, den wir kennen, ist der Arist, equ. 
1069 erwähnte χυναλώπηξ. Der Name Phil. begegnet in vielen att. 
Demen.: Αἰξωνεύς C. J. A. 1766. ᾿“Αλαιεύς Ο. 7. A. 338. ᾿Αραφήνιος C. 
J. A. 469, 102. ᾿Αχαρνεύς C. 7. A. 465 und 791, 80. Κηφισιεύς Ditten- 
berger, syll. 173, 5. Κοθωκίδης C. J. A. 812b 63. Κολωνῆϑεν C. d. A. 
803 f 37 τριήραρχος. [Demosth.] 59, 22 Rhetor. Ointev, Vater des 
Philosophen Polemo: Diog. L. 4, 3, 1 und Suid. s. v. Polemo. Παλληνεύς: 
[Plut.] X orat. v. Antiph. 1. 76 (Westerm. Biogr. p. 233). Dittenberger, 


Die Philostrate. 491 


der als Archon im Ephebenverzeichnis (C. J. A. III 1202, 1) 
der 35. Panathenais (wahrscheinlich = Olymp. 260, 2 = 262/3, 
oder 254/5 oder 258/9 nach der Berechnung Dittenbergers, 
die attische Panathenaidenära, Commentat. Mommsenianae 
1867, p. 242—253; vgl. Klebs, Prosopogr. imp. Rom. II p. 71 sq.) 
vorkommt, ist sicherlich ein Nachkomme oder Verwandter des 
von uns behandelten Fl. Phil.5?). Seine Familie lehrt uns 
eine Inschrift aus Erythrae kennen (Dittenberger?, Sylloge I 
413 nach Pottier im Bull. de corresp. hellen. IV 1880 S. 153); 
sie wurde einem ΕἾ. Capitolinus συνγενῆ χαὶ ἀδελφὸν χαὶ ϑεῖον 
συνχλητιχῶ(ν) von der Bule der Erythräer 55) als ihrem τρόφι- 
μος und εὐεργέτης gesetzt, der vorher bezeichnet wird als: 
(τ)ὸν τοῦ σόφιστοῦ Φλ(αβίου) Φιλοστράτου καὶ τῆς χρατίστης 
Αὐρηλίας Μελιτίνης υἱόν. In dem Vater sieht Dittenberger mit 
Recht den berühmtesten Phil., den wir behandeln. Der Stein 
gibt uns den Namen seiner Gattin, des einen seiner Söhne (das 
ἀδελφόν zeigt, daß Capitolinus mindestens noch einen Bruder 
hatte) und lehrt, daß die gesamte Familie senatorischen Rang be- 
saß; diesen wird Fl. Phil. während seines Hoflebens erhalten haben. 

In Athen hat also Phil. sein zweites großes Werk voll- 
endet, die βίοι σοφιστῶν, in dem er den Trägern jener höch- 
sten Blüte der Kultur, die er in den Sophisten sah, ein immer- 
hin glänzendes Denkmal errichtete. Er widmete sein Werk 
einem Freunde und Gönner aus der Glanzzeit seines Lebens, 
jenem greisen Antonius Gordianus, dem Proconsul Afrikas, 
der in den schöngeistigen Hofkreisen gewiß eine bedeutende 
Rolle gespielt hatte: wie mit Cicero und Vergil war er mit 


syll. 606, 51 (a. 333—322). Πειραιεύς Ο. J. A. 962. Πόριος Dittenberger, 
syll. 728, 11. Χολαργεύς Alkiphr. epist. 1, 9, 2. — Vgl. C. 4. A. 945 
und 959 c 2. — Der Frauenname Philostrate begegnet C. J. A. 1774 (aus 
Αἰξωνή), 1879 (aus ᾿Ανάφλυστος), 2480 (aus Πίϑος). — Es ist ein selt- 
samer Zufall, daß die einzige dem 3. Jhh. v. Chr. angehörende In- 
schrift, die C. Fredrich auf der kleinen, südlich von Lemnos liegenden 
und heute wie im Altertum zu diesem gehörenden Inselchen Hagio- 
strati, die Fredrich nach Kieperts Vorgange mit dem antiken Halonnesos 
identifieiert, als Weihenden einen Philostrat nennt: Φιλόστρατος μεγάλ 
ϑεῶι. Vgl. Fredrich, Halonnesos, Progr. Posen 1905, 5. 11. — Die 
Koischen Inschriften weisen auch zwei Phil. in gleicher Zeit auf (Paton- 
Hicks 10a 57. 10c 13). 

53) Wahrscheinlich ist es sein Neffe, der ‘Lemnier’, 8. S. 515. 

5) Für die Beziehungen der Philostrate zu Erythrae werden wir 
in den Briefen noch eine Bestätigung finden; 5. 5, 534. 


493 Karl Münscher, 


Plato und Aristoteles vertraut (Capitol. Gord. 7,1); in seiner 
Jugend hatte er neben anderen epischen Versuchen in einer 
Antoninias von 30 Büchern die Taten des Antoninus Pius und 
Marcus Aurelius besungen (ibid. 3, 2—3), sich rhetorischen 
Studien gewidmet, audientibus etiam imperatoribus suis dekla- 
miert (3, 4). 

Was Phil. mit seinem Buche wollte, spricht ein Satz des 
Widmungsbriefes deutlich genug aus: er wünscht seinem 
Gönner — Eppwoo μουσηγέτα grüßt er ihn am Schluß — mit 
seinem Werk die Sorgen zu vertreiben (τὸ φρόντισμα τοῦτο... 
χαὶ τὰ ἄχϑη σοι χουφιεῖ τῆς γνώμης), kein gelehrtes und, was 
dadurch gegeben wäre, formloses ὑπόμνημα will er schreiben, 
sondern ein Buch, das man seiner Form wegen, nicht etwa 
bloß des interessanten Inhalts wegen liest. Er schreibt geist- 
reichen Feuilletonstil. Wie er dabei mit Absicht und Erfolg 
die gegebenen Formen des grammatischen Bios möglichst 
durchbrochen und verkleidet hat, hat Leo a. a. Ὁ. 8. 254 ff. 
gezeigt. Auf zwei Bücher hat er die Reihe der Sophisten 
verteilt (p. 1, 2 σοφιστὰς ἐς δύο βιβλία ἀνέγραψά σοι) 5). Im 
ersten schickt er den eigentlichen Sophisten die sophistisch 
tätigen Philosophen voran (Eudoxos von Knidos, Leon von 
Byzanz, Dias) von Ephesos, Karneades, Philostratos den Ae- 
gypter, Theomnestos, zuletzt Dio und Favorinus). Es folgen die 
eigentlichen Sophisten, erst die ‘älteren’, ‘philosophierenden’ von 
Gorgias bis Isokrates, dann als Begründer der ‘neuen’ Sophi- 
stik (und zugleich der Stegreifrede) Aischines, und von ihm 
springt er über mehrere Jahrhunderte hinweg (p. 24, 14 ὕπερ- 
βάντες δ᾽ ᾿Αριοβαρζάνην τὸν Κίλικα nal Hevöppova τὸν Σικχελιώ- 
τὴν χαὶ Πειϑαγόραν τὸν ἐκ Κυρήνης — für uns leere Namen) 


84) Suidas (8. 5. 516) giebt den Bioi 4 Bücher. Wenn das nicht 
einfach Verschreibung ist, muß es eine andere Ausgabe, die wohl nicht 
von Phil.s eigener Hand stammte, gegeben haben. Buch I der Hdschr. 
ließe sich bequem in 2 Teile zerlegen, da mit Cap. 19 (p. 24, 14) ein 
neuer Teil, die Schilderung der zweiten Sophistik, beginnt. In Buch II 
tritt nirgends ein derartiger Abschnitt hervor. Ueber doppelte Buch- 
einteilung der Eikones s. S. 554. — Die Gründe, die Kayser, Heidelb. 
Ausg. praef. p. XXI für die Lückenhaftigkeit unserer Bioiüberlieferung 
vorbrachte, wird niemand mehr als stichhaltig ansehen; vgl. dagegen 
bes. die Einleitung der Uebersetzung der Bioi von Christian (in der 
Osiander-Schwabschen Sammlung) ὃ. 1146 ἢ, 

512) Schreibfehler für Δήλιος Ὁ, s. Natorp, Pauly-Wissowa IV 2446. 


Die Philostrate. 493 


auf: Niketes von Smyrna im 1. Jhh. der Kaiserzeit. Damit ist 
er zu seinem eigentlichen Thema gekommen, der Geschichte 
jener Sophistik, die wir uns gewöhnt haben die ‘zweite’ zu 
nennen. In chronologischer Folge (vgl. oben 8. 472) reiht er 
die Sophisten aneinander, während er eigentlich chronologische 
Daten meidet. Im ersten Buche bildet Polemo den Glanz- 
punkt, das zweite wird eröffnet mit dem in den Augen jener 
Leute bedeutendsten Manne der Zeit, mit Herodes Atticus; 
zugleich ist das eine erneute Huldigung für Gordian, der mit 
Herodes verwandt war. Geführt wird die Reihe bis zur eigenen 
Zeit des Verfassers. Tiefer gehende Studien hat Phil. für 
seinen Zweck nicht gemacht — wie sollte er auch auf einen 
solchen Gedanken gekommen sein —, das zeigt besonders jener 
kurze Teil über die alte Zeit: Nachrichten, die er bequem ein 
paar Handbüchern über Philosophen und Redner entnahm, 
hat er mit Reminiscenzen aus der eigenen Lektüre, bes. Plato, 
verbrämt (vgl. Leo S. 258) °°); es sind Kenntnisse, wie sie 
jeder Gebildete in damaliger Zeit ungefähr besaß oder sich 
auf leichteste Weise verschaffen konnte. Ein anderes Gesicht 
zeigen aber doch die Bioi der ‘zweiten’ Sophisten. Zwar hat 
er auch da sicher ein biographisches Samınelwerk benutzt, das 
Notizen über Abstammung, Herkunft, Lehren, Werke, Tod 
u. s. w. mit Varianten der Ueberlieferung enthielt, wie ein 
gleiches Hesych-Suidas den entsprechenden Artikeln des Lexi- 
kons zu Grunde gelegt hat°‘), aber diese Quelle bot doch nur 
ein totes Schema, das Phil. oft genug überhaupt nur teilweise 
übernommen hat (namentlich hat er zumeist die Angaben über 
die Werke ganz bei Seite gelassen; so gibt Suidas diese an 
bei Aristokles, Adrianos, Pollux, Pausanias, bei denen Phil. 
sie nicht nennt). Das Lebensvolle in seinem Bilde der zweiten 
Sophistik, das uns mitten hineinversetzt in das wunderliche 


55) Zum Leben des Hippias 5. jetzt Norden, Hermes 40, 1905, 
S. 523 Anm. 

56) Das Verhältnis der Suidasartikel zu Phil. hat Leo a. a. O. 5. 257 
unzweifelhaft richtig dargetan; beide benutzen die gleiche (oder min- 
destens eine nahe verwandte) biographische Quelle. Daneben ist Phil. 
direkt hier und da von Hesych ausgeschrieben, so im Artikel Damianos 
wie unter Λέων Βυζάντιος, ᾿Ισαῖος ὃ νεώτερος, Ἡρακλείδης ὃ Λύκιος (aus 
v. soph. p. 26, 6), “Ἑρμογένης. Mehr als die Hälfte der Vertreter der 
zweiten Sophistik, die Phil. anführt, fehlt allerdings bei Suidas ganz. 


494 Karl Münscher, 


Treiben dieser Redekünstler, deren Personen wir mit allen 
Vorzügen und Schwächen, Eitelkeiten und wirklichen Leistungen 
kennen lernen, entstammt dieser Quelle nicht, sondern den zwei 
anderen, die Phil. zu benutzen in der Lage war: der unend- 
lichen Fülle ihm vorliegenden Materials an Reden, die teils 
von den Sophisten selbst ediert, teils wenigstens in steno- 
graphischen Nachschriften ὅ7) verbreitet waren, und der in den 
Rhetorenschulen sich mündlich forterbenden Anekdotentradition, 
— zur Ergänzung der letzteren diente Phil.s eigene Erinne- 
rung an eine langjährige sophistische Tätigkeit, die ihn mit 
der Mehrzahl der lebenden Sophisten hatte in Berührung 
kommen lassen (s. oben S. 474 ff.). Gewiß war das ganze So- 
phistenwesen Trug und Schein: man berauschte sich an der 
schönen Phrase, mit der man die vergangene, alte, große Zeit 
wieder zu erwecken meinte: vergessen wir aber auch nicht, 
daß viele dieser Sophisten wirklich die tüchtigsten Bürger 
waren, die materiell wie ideell zur Hebung ihrer Heimatstädte 
bedeutend beitrugen. Wir spüren in Phil.s Buche den Puls- 
schlag seiner Zeit — das ist und bleibt sein Verdienst: er 
schrieb kein nüchternes biographisches Handbuch; dadurch 
lernen wir ein paar Menschen kennen, die uns sonst tote 
Namen geblieben wären. 

Schließlich antieipieren wir eine ergänzende Nachricht des 
Suidas (s. unten 9. 516), der diesen Phil. ansetzt ἐπὶ Σιεβήρου 


57) Ueber die Verwendung von Tachygraphen zur Publication der 
Declamationen handelt ausführlich v. Arnim, Leb. u. Werke des Dio 
v. Prusa, 1898, S. 172 f£.; auch die betr. Zeugnisse der Bioi sind dort 
im Zusammenhange verwendet; Phil. bezeichnet p. 80, 25 derartiges 
als σοφιστῶν ἀπομνημονεύματα (vgl. auch Schmid, Atticism. IV 8. 543 
Anm.). — Andere Werke — außer den Reden — nennt Phil. nur selten, 
und er benutzt kaum solche, abgesehen von der Correspondenz des 
Herodes Atticus, die offenbar publiciert war (Briefe des Herodes p. 48, 
11. 60, 32. 70, 31, an Herodes p. 53, 26 von Polemo, p. 70, 10 vom 
Kaiser Marcus). An Büchern erwähnt er nur den Νικήτης κεκαθαρμένος 
des Lykiers Herakleides (p. 26, 6) die ἱστορία des Antiochos (p. 76, 21) 
und Antipatros (p. 109, 3), von Herodes außer den Briefen und Reden 
ἐφημερίδες und ἐγχειρίδια. Die Rede eines Demostratos gegen Herodes 
wird p. 63, 11 verwendet. Litterarische Echtheitskritik übt Phil. p. 37,9, 
40, 29; unberechtigte Stilkritik weist er ab p. 99, 8 ff.; in wie weit er 
in diesen Dingen selbständig ist, ist schwer zu sagen. — Die Geschichte 
von dem Smyrnäer Megistias und Hippodromos (v. soph. II, 27,5 
p: 118, 7 sqq.) beruht wohl eher auf mündlicher als auf schriftlicher 
Ueberlieferung. 


Die Philostrate. 495 


χαὶ ἕως Φιλίππου (244—9). Das stimmt zu den oben ge- 
gebenen Nachrichten über seine Freunde Nikagoras und Ap- 
sines. Er starb hochbetagt (s. S. 476) um die Mitte des II. 
Jhhs., jedenfalls in Athen. 


2. Der Verfasser des Heroikos und der Eikones. 


Wie die Sophistenbiographien und das Leben des Apol- 
lonios gehören die Eikones und der Heroikos zusammen. Das 
bezeugt uns der Rhetor Menandros in seinem Traktate περὶ 
ἐπιδεικτικῶν (Rhet. gr. ed. Spengel III p. 390,2). Er nennt 
als Muster der ἁπλουστέρα καὶ ἀφελεστέρα ἐξαγγελία die Schreib- 
weise des Xenophon, Nikostratos, Dio Chrysostomos und Phi- 
lostratos τοῦ τῶν Ἡρωικῶν τὴν ἐξήγησιν 58) nal τὰς εἰκόνας ypd- 
davros. Offenbar will Menander, daran ist doch wohl nicht 
zu zweifeln, durch diesen Zusatz einen Phil. bestimmen und 
von andern Autoren gleichen Namens unterscheiden. Nun 
fragt es sich, welche Bilder er meint, die ältere oder jüngere 
der beiden erhaltenen Sammlungen. Bergk (a. a. O. S. 179) 
dachte an die älteren, Rohde (a. a. Ὁ. S. 37) an die jüngeren. 
Entscheidend für die Frage ist, wie Schmid (Attic. IV. 8. 2 
Anm.) bemerkte, der bestimmte Artikel bei εἰκόνες : Menander 
spricht nur von einer derartigen Schrift, kennt also die jün- 
geren Bilder nicht. Diese Unkenntnis fände schon dadurch 
ihre genügende Erklärung, daß das jüngere Buch im Alter- 
tum überhaupt gänzlich unbeachtet geblieben ist, keinen lit- 
terarischen Erfolg gehabt hat: es wird kaum jemals angeführt 
(Kaysers gr. Ausg. praef. p. 3; ed. Schenkl-Reisch 1902, praef. 
p. IX Anm.), nur in zwei von einander abhängigen Handschrif- 
ten (ibid. p. IX u. XI) ist es uns überliefert, während für die 
ungeheure Beliebtheit der älteren Gemälde schon die Fülle der 
Handschriften (bei Kayser 59, in der Wiener Ausg. 66) be- 
redtes Zeugnis 8016 ο 55). Viel wahrscheinlicher ist es indessen, 


58) Die Ueberlieferung schwankt zwischen τοῦ τῶν “Hpwir@v τὴν 
ἐξήγησιν und τοῦ τὸν Ἥρωικόν; vgl. Kayser, gr. Ausg. praef. Her. p. IV 
Anm. 10. — Ein Sophist Metrophanes aus dem boiotischen Lebadeia 
schrieb nach Suidas περὶ τῶν χαρακτήρων Πλάτωνος, Ξενοφῶντος, Nıxo- 
στράτου, Φιλοστράτου. 

9) Τῶν ὀνομάτων ἀττικῶν ἐχλογὴν ἐκλεγεῖσαν ἀπὸ τῆς τεχνολογίας τῶν 
εἰχόνων τοῦ Φιλοστράτου fertigte Manuel Moschopulos, vgl. Kayser gr. 


496 Karl Münscher, 


daß Menanders Unkenntnis durch die Zeitverhältnisse bedingt 
war. Der Verfasser der jüngeren Bilder, der sich selbst als 
Enkel des Verfassers der älteren bezeichnet, hat wohl erst 
nach dem Jahre 274 geschrieben, das mit ziemlicher Sicher- 
heit als das Jahr der Abfassung jenes Menandertraktates er- 
mittelt ist 55), Weiter führt eine Bemerkung des bereits erwähn- 
ten Epitomators der Bioi (Kays. Heidelb. Ausg. p. XXXVIM). 
Dem Satze τούτου τοῦ Φιλοστράτου (des Verfassers der βίοι) 
Eoınev εἶναι nal τὰ εἰς τὸν Τυανέα ᾿Απολλώνιον wre. läßt er die 
Worte folgen: τοῦ δὲ Λημνίου Φιλοστράτου, τοῦ τὰς εἰκόνας 
γράψαντος μέμνηται οὗτος ἐν τούτῳ τῷ βιβλίῳ ἐπαινῶν τὸν ἄν- 
ὃρα ; auch hier läßt der Artikel τὰς nur an eines, das ältere 
der beiden Bücher denken. Die Kombination beider Stellen, 
die Bergk zuerst gewürdigt hat, ergiebt also: die älteren Ei- 
kones und der Heroikos sind (nach Menander) von einem 
Verfasser und zwar (nach dem Epitomator) von jenem Philo- 
stratos, den Flavios Phil. in den v. soph. mehrfach erwähnt 
und zur Unterscheidung den ‘Lemnier’ nennt. Es fragt sich 
nun: wird dieses aus litterarischen Notizen gewonnene Re- 
sultat durch andere Indicien bestätigt oder widerlegt? Fertig 
a. a. Ὁ. 5. 36 ff. hat eine Reihe von merkwürdigen sprach- 
lich-stilistischen Verschiedenheiten zwischen v. Ap. und v. soph. 
(und Gymnastikos) einerseits, Her. und Imag. andererseits zu- 
sammengestellt (Gebrauch von ἣν statt ἐὰν, ἐπὰν, xäv, Ver- 
wendung der Redensarten χατὰ τοὺς χρόνους oüg, χαϑίστασθαι 
ἑαυτὸν oder τινὰ εἰς, ἐγὼ δηλώσω, δηλῶσαι βούλομαι, δεδήλωχα, 
die im Her. und den Eik. fehlen). Und durchmustert man Schmids 
Zusammenstellungen im IV. Bde. des Atticismus, so zeigt sich 5) 
trotz aller Einheitlichkeit des Sprachgebrauchs doch überall ein 


Ausg. praef. Eik. p. VI Anm. 11. Ein Londinensis enthält Σχόλια eig 
τὸ περὶ εἰκόνων Φιλοστράτου ὑπὸ Τζέτζου (Phil. min. ed. Schenkl-Reisch, 
praet: PK u. 

60) Nitsche, der Rhetor Menandros, Progr. Leibnizgymn. Berlin 
1883, bes. S. 12—14; der erste Traktat ist wahrscheinlich von Geneth- 
lios 273 oder 274, der zweite 274 von Menandros geschrieben. Bursians 
Aufstellgn. (Abhdlgn. ἃ. bayr. Akad. XVI, 3, 1882, S. 1 ff.) sind un- 
haltbar. 

61) So urteilt auch Jüthner a. a. O. S. 226, meint aber diese Unter- 
schiede ‘aus zeitlichen Differenzen beim gleichen Autor’ erklären zu 
können. Seine zeitlichen Ansätze sind aber hinfällig, v. Ap. und v. 
soph. sind nicht die ältere, Her. und Eik. nicht die spätere Schriftengruppe. 


Die Philostrate. 497 


. grösserer Grad von Uebereinstimmung zwischen jenen Gruppen, 
v. Ap. und v. soph. (zu denen der Gymnastikos hinzutritt) auf 
der einen, Her. und Eik. auf der andern Seite °?). Somit be- 
stätigen die Unterschiede des Sprachgebrauchs, die schwerlich 
für sich allein eine Trennung der Schriften nach den Verfas- 
sern (vgl. Schmid S. 5. 125. 187) begründen könnten, das Re- 
sultat der Interpretation der litterarischen Zeugnisse: dieses 
muß so lange als sicher gelten, als keine durchschlagende 
Gegeninstanz geltend gemacht werden kann °°). 

Der Heroikos bietet durch die Erwähnung eines Athleten 
Helix die Möglichkeit zeitlicher Fixierung. Phil. erzählt von 
ihm (p. 147,15 sqq.), nachdem er ἀνὴρ Ex παίδων im Ring- 
kampfe gesiegt hatte, habe Helix in der nächstfolgenden Olym- 
piade zugleich am Ringkampfe und am Pankration in Olympia 
sich beteiligen wollen. Die Eleer suchten ihn von beiden 
Kämpfen auszuschließen und bekränzten ihn schließlich nur 
im Pankration. Denselben Mann und dieselbe Geschichte er- 
wähnt Cassius Dio (79, 10, 2—3) — er nennt ihn allerdings 
Αὐρήλιος Αἴλιξ, aber an der Identität ist kein Zweifel — und 
fügt hinzu, was er schon in Olympia versucht habe, nämlich 
im Ring- und Allkampfe aufzutreten, sei ihm bei den Capi- 
tolinischen Spielen Elagabals in Rom wirklich gelungen (ὥστε 
πάλην τε ἅμα nal παγχράτιον ἐν τῇ Ὀλυμπίᾳ ἀγωνίσασϑαι ἐϑε- 
λῆσαι, adv τοῖς Καπιτωλίοις χαὶ ἄμφω νικῆσαι are). 219 fan- 
den diese Spiele in Rom statt, der Zwischenfall in Olympia 
ıst also auf eine der vorangehenden Olympienfeiern (217 oder 
213, der Sieg ἀνὴρ ἐκ παίδων 213 oder 209) zu verlegen‘). 


62) Die sachliche Differenz, daß v. Ap. 2, 13 p. 54, 26 im Gegen- 
satz zu Juba den Elefanten nicht χέρατα, sondern ὀδόντες vindiciert 
werden, dagegen Eik. p. 309, 15 schlechtweg nach Juba (vgl. die Stellen 
bei Schmid 5. 539 Anm. 2) von κέρατα gesprochen wird, tritt bestäti- 
gend hinzu. 

6) Als solche wird Jüthner die in allen Schriften sich zeigende 
Kenntnis der Gymnastik selbst nicht hinstellen wollen. — Ueber Gym- 
nastisches in Phil.s Eikones hat Jüthner bereits Eranos Vindobonensis 
S. 309 ff. gehandelt. 

6) Die Angaben über Helix bei Dio und Phil. sind bisher nie 
scharf genug oder falsch interpretiert worden. Jüthner verlegt den 
olympischen Sieg des Helix ins J. 221, was unbedingt falsch ist; er 
fällt nicht unter Rlagabals Regierung. Er folgt darin J. Rutgers, 
Sex. Julii Africani Ὀλυμπιάδων ἀναγραφή (Leyden 1862) p. 97 sq. und 
H. Förster, die olymp. Sieger II, Progr. Zwickau 1892 (I 1891) S. 21. 


498 Karl Münscher, 


213 trat der Verfasser des Heroikos selbst in Olympia mit 
einer ἐπίδειξις auf (s. 5. 499f.): man kann bequem kombinie- 
ren, daß er damals den Sieg des Helix selbst miterlebte. 
Von dem römischen Doppel-Siege des Helix weiß Phil. 
offenbar nichts: d. h. der Heroikos ist vor 219 verfaßt und 
nach 213%). 

Giebt der Her. auch keine unmittelbare Auskunft über 
seinen Verfasser, so verleugnet er doch nicht dessen lemnische 
Abkunft. In der ausführlichen Erzählung über Philoktet (p. 
171) benutzt er lemnische Lokaltradition; er berichtet die Ent- 
sühnungsbräuche wegen der Δήμνια ἔργα (p. 207, 26 sqg.); er 
beschreibt unter andern ein Riesenskelett, das Menekrates ὃ 
Στειριεύς auf Lemnos ausgegraben hatte (p. 139,13 sqg.); 
das war ein Freund und Demengenosse des Verfassers, haben 
wır doch die Zugehörigkeit der Philostratfamilie zum Demos 
Steiria schon festgestellt (5. 490)°). Wie in Lemnos ist der 
Verfasser in Imbros bekannt (p. 139, 23 sqg.), er erzählt eine 
Sagenvariante von Skyros (p. 198, 17 sggq.), Lokalsagen von 
Chios (p. 215,4) und Lesbos (p. 172,9. 181,16), diese auf 
Grund seines Verkehrs mit Lesbiern (p. 173, 2). Ilion und 
und das Vorgebirge Sigeum kennt er persönlich (p. 138, 14 
und 190, 4), wohl auch Smyrna (p. 160, 25). Denn alles dieses, 
was die Dialogfigur des Winzers von sich erzählt, dürfen wir 


— Die Diostelle ist ausgeschrieben Anecd. gr. Paris. ed. Cramer II 1839 
ἐκ τῶν Eüdoeßiov χρονικῶν Ὁ. 155 mit dem Zusatz ὃ ἀϑλητὴς ἐπὶ Σεβήρου 
τοῦ αὐτοχράτορος γεγονώς. f 

65) Leider ist die zahlenmäßige Zeitangabe πρὸ ἐτῶν ποὺ τεττάρων 
p. 210, 14 nicht zu verwerten. Ein Verbot des Purpurhandels soll den 
thessalischen Handel mit dieser Waare (Lucr. 2, 500 sq. Sidon. epist. 
9, 13, 5 vers. 15 sqq.) schwer geschädigt haben, Seit Caesar (Suet. 
Jul. 43) war der Gebrauch der conchyliata vestis wiederholt durch 
kaiserliche Edikte eingeschränkt worden, doch ist uns von einer Er- 
neuerung oder Verschärfung dieses Verbots unter Caracalla sonst nichts 
bekannt (vgl. Ad. Schmidt, die gr. Papyrusurkunden der Kgl. Bibliothek 
zu Berlin, 1842, 8.173 1). Unter Severus Alexander war der Purpur- 
handel allerdings, wie es scheint, mit schwerer Steuer belegt (Schmidt 
S. 175. Ein procurator domini ἢ. M. Aur. Severi Alexandri ... pro- 
vinciae Achaiae et Epiri et Thessaliae rat(ionis) purpurarum C. J. 
L. III 536 —= Dessau I 1575). Man hat aus der Phil.-Stelle geschlossen 
(Hertzberg a. a. O. II S. 72 Anm. 24), daß diese Steuer unter Cara- 
calla eingeführt worden sei. 

66) Ein anderer Freund ist der Ὕμναιος von Peparethos (p. 138, 32 
sqg. ἐπιτηδείως μοι ἔχων), der Besitzer von Kos. Als böser Nachbar er- 
scheint der Chersonesite Xeinis (p. 132, 8). 


Die Philostrate. 499 


unbedenklich auf den Verfasser Phil. übertragen”). Von ihm 
hat der Winzer auch den Zug, daß er ἐν ἄστει studiert hat 
. 132,22). Zwei Hinweise auf athenische Verhältnisse fin- 
den sich p. 187,18 und 188,21. Bemerkenswerter ist die 
Anspielung auf einen stadtrömischen Vorgang, die kostenlose 
Verteilung von Nahrungsmitteln auf dem forum suarıum 
(p. 129, 12) in der VII. regio Roms 58). Diese Singularität läßt 
beim Verfasser persönliche Kenntnis Roms vermuten. 
Genauer werden wir über ihn in den Sophistenbioi des 
Fl. Phil. unterrichtet. Zwar hat dieser aus verwandtschaftli- 
chen und freundschaftlichen Rücksichten (s. 5. 489) dem Lemnier 
keinen eigenen βίος gewidmet, er hat aber genugsam in denen an- 
derer @elegenheit gehabt, den Ruhm dieses Trägers seines Namens 
zu verkünden. — Zum ersten Male erwähnt er ihn in der Bio- 
 graphie seines eigenen Lehrers Hippodromos. Auch der Lem- 
nier war des Hippodromos Schüler (γνώριμος, p. 117,12); zu 
Athen oder auch zu Larissa kann er seinen Unterricht genossen 
"haben 59); daß er ἐν ἄστει studiert hat, hörten wir schon von 
ihm selbst. 22jährig trat er bereits in Olympia mit einer ex- 
temporierten Rede vor der Festversammlung auf, freudig aner- 
kannt von Hippodromos selbst, der aber die Aufforderung, un- 
mittelbar danach sich hören zu lassen, mit den liebenswür- 
digen Worten abwies, er werde doch nicht gegen sein eigen 
Fleisch und Blut kämpfen (οὐκ ἐπαποδύσομαι τοῖς ἐμαυτοῦ 
σπλάγχνοις). Schon bei jungen Jahren hatte also Phil. Lem- 
nios das höchste in sophistischer Kunst geleistet, und auch 
der äußere Erfolg blieb nicht aus. Mit Stolz wird (v. soph. 
ΟΡ. 122,19 544.) erzählt, Caracalla habe dem Lemnier doch Ab- 
gabenfreiheit gewährt, entgegen dem Grundsatze, den er bei 
der Verhandlung über Philiskos’ Atelie ausgesprochen hatte; 
und zwar erhielt der Lemnier diese Auszeichnung schon als 
24jähriger junger Mann ἐπὶ μελέτῃ, ἃ. h. nachdem der Kaiser 
67) Sein Großvater hat ihm vom Aufenthalte Hadrians zu Ilion 
(im J. 124 nach Dürr, Reisen des K.s Hadrian, Abhdlgn. d. arch.-epigr. 
Seminars ἃ. Univ. Wien, Heft 2, 1881, 8. 55) und die vom Kaiser ver- 
anlaßte Bergung der vermeintlichen Gebeine des Ajax erzählt (p. 137, 20). 
68) Es unterstand der Aufsicht des praef. urbi, C. 1. L. VI 1771. 
Πρ. frg. Vat. 286. dig. 1, 12, 1, 11. Novell. Valent. 35, 1, 2. (od. 


Theod. 14, 4, 3. Vgl. Marquardt, Röm. Staatsverwaltg. II? 5. 137. 
69) Vgl. Hertzberg a. a. O. III S. 110 Anm. 2. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 33 


-- 


800 Karl Münscher, 


trotz seines Widerwillens gegen das Sophistentreiben eine seiner 
Epideixeis wohlgefällig angehört hatte. Die Auszeichnung war 
um so bemerkenswerter, als Phil. damals schwerlich eine amt- 
liche Stellung irgend welcher Art inne hatte, die einen An- 
spruch auf Steuerfreiheit begründen konnte’®). Anfang des 
Jahres 212 hatte Philiskos mit seinem Auftreten vor Caracalla 
Fiasko gemacht (s. S. 480), später, aber auch durch Caracalla 
(— 216) erhielt der Lemnier die Atelie im 24. Lebensjahre; das 
22. Lebensjahr, in dem er zu Olympia auftrat, hat er also in dem 
Zeitraum von 210—214 erreicht: 213 (Olymp. 248/4) wurden - 
die Olympien gefeiert, da war Phil. 22 Jahre alt, 215 erhielt 
er die Atelie, 191 war er geboren, etwa 15—25 Jahre jünger 
als sein älterer Verwandter 71). 

Es ist wohl selbstverständlich, daß der Hofsophist Fl. Phil. 
seinem jüngeren Verwandten (über das Verwandtschaftsver- 
hältnis s. S. 518) bei Hofe die Wege geebnet, ihm Zutritt und 
Gunst zunächst in den ästhetischen Kreisen um Julia Domna 
verschafft hat. Der Lemnier wird also, nach früher Beendi- 
gung seiner Studien in Athen, sich nach Rom gewandt und 
dort an seinen Verwandten angeschlossen haben; eine Bestä- 
tigung seines frühen Aufenthaltes in Rom ist jene Beziehung 
auf die συῶν ἀγορά, die sich schon im Heroikos findet. Sein 
Auftreten vor Caracalla kann aber nicht in Rom, muß im 
Osten des Reichs erfolgt sein. Schon im Frühjahr 215 brach 
der Kaiser nach dem Innern Asiens auf: wahrscheinlich hat 
also der Lemnier während des längeren Winteraufenthaltes des 
Hofes in Nikomedeia (am 4. April feierte Caracalla dort noch 
seinen Geburtstag, Dio C. 77, 19, 3) seinen Erfolg vor dem Kaiser 
errungen. Des Fl. Philostratos Anwesenheit daselbst im Ge- 
folge der Julia haben wir schon vermutet (5. 481), in seiner 
Begleitung wird der Lemnier dem kaiserlichen Hoflager auch 
dorthin gefolgt sein.. 

Diese Vermutung ist von Wichtigkeit für den Heroikos 
und wird andererseits durch ihn bestätigt. Dies merkwürdige 
Buch ist ein Dialog, zwar kein philosophischer, aber — so 


10) Hertzberg a. a. O. III S. 111 vermutet, er sei als ‘junger Docent’ 
in Athen ‘habilitiert’ gewesen. 

11) Diese Daten vom Leben des Lemniers ebenso bei Clinton Fasti 
Rom. I p. 225 u. 5. 


Die Philostrate. 501 


darf man sagen — zur Hälfte religionsphilosophisch. Der 
Verfasser macht darin den ernsthaften Versuch, Existenz und 
' Wirksamkeit der Dämonen, die mit den Heroen der Sage 
identificiert werden, zu erweisen. Dieser Versuch ist mit einem 
scheinbar völlig heterogenen zweiten Teile verbunden, mit einer 
Darstellung der Wahrheit über den trojanischen Krieg, für die 
der Heros Protesilaos die Garantie übernehmen muß. Damit 
tritt der Heroikos ein in die lange Reihe der seit Hellanikos’ 
Troika beliebten Trojaromane und Erzählungen: Dios Trojana 11) 
war ein naheliegendes Vorbild, Dictys-Septimius 72), Sisyphos, 
Dares u. a. seine Nachfolger. Die beiden Teile des Inhalts 
kommen auch in der äußern Anordnung des Dialogs deutlich 
zum Ausdruck. — Das einleitende Gespräch (bis p. 135, 9 rei- 
chend) giebt die Exposition. Wir werden mit den beiden Ge- 
sprächspersonen bekannt gemacht, einem Winzer, der am Hei- 
ligtum des Protesilaos bei Eleus auf dem thrakischen Cher- 
sonnes sein Landgut hat (auch von seinem früheren Leben er- 
fahren wir einiges) und einem phönikischen Seefahrer, den 
widrige Winde an der Weiterfahrt ins Aegeische Meer hinein 
zurückhalten (einen Traum, den er gehabt, der auf den Inhalt 
des Gesprächs schon vorausdeutete, erzählt er nebenbei). Bald 
tut der Winzer seines wunderbaren Verkehrs mit Protesilaos 
Erwähnung, der Fremde äußert sein Erstaunen und seinen 
Zweifel bez. des Wiederauflebens und Wirkens der Heroen 
überhaupt und bittet um Belehrung darüber. Der Winzer 
willfahrt und führt seinen Gast von der Stelle seines Land- 
gutes, wo der Phönikier ihn bei der Arbeit getroffen hat, ın das 
Innere seines Besitztums, bis in unmittelbare Nähe des Hei- 
ligtums des Protesilaos — die landschaftliche Scenerie erfährt 
dabei die im Dialog seit dem Phaidros beliebte breite Aus- 
malung. — Das Hauptgespräch beginnt. Der Phönikier prä- 


718) Ueber Dios Vorgänger Daphitas vgl. v. Wilamowitz, Commen- 
tariol. gramm, ΠῚ, Göttingen 1889, p. 10 sqq. Crusius, Pauly-Wissowa 
IV 2134. 

72) Die Ansicht, daß es einen griechischen Diktys wirklich gegeben 
hat, gewinnt mehr und mehr Anhänger. Für die Zeitbestimmung dieses 
griech. Diktys dürfte es von entscheidender Bedeutung sein, wie die 
Uebereinstimmungen zwischen Phil.s Heroikos und dem (lateinischen) 
Dictys, die bes. H. Dunger, Dietys-Septimius, Progr. des Vitzthumschen 
Gymn.s, Dresden 1878, S. 44 Ε΄, aufgezeigt hat, zu erklären sind. 


33 ἢ 


502 Karl Münscher, 


cisiert seine Wünsche um Aufklärung (p. 135, 10 sqq.) genauer 
dahin: 1) welche Bewandtnis es mit des Winzers Verkehr mit 
Protesilaos habe (τὴν ξυνουσίαν, ἥτις ἐστί σοι πρὸς τὸν Ilpwre- 
σίλεων nal ὁποῖος ἥκει), 2) ob des Protesilaos Aeußerungen 
περὶ τῶν Τρωικῶν zur Darstellung Homers stimmen oder nicht. 
Sein Bedenken, ob Protesilaos, der doch als erster auf troja- 
nischem Boden gefallen sein sollte, vom eigentlichen trojani- 
schen Kriege Kunde haben könne, wird als εὔηϑες durch den 
Hinweis auf Protesilaos’ Wesenheit als ὀπαδὸς ϑεῶν abgelehnt 
(p. 135, 17—136, 18). Die erste Frage des Phönikiers wird 
zuerst beantwortet, zugleich die ganze Dämonen- und Heroen- 
lehre behandelt. Der Phönikier wiederholt, er habe seinen 
Kinderglauben an alles mythische verloren, besonders unglaub- 
lich und lügenhaft erschienen ihm aber die Angaben über die 
Größe der Heroen. Deren übermenschliche Größe wird nun 
vom Winzer bewiesen, und zwar sozusagen experimentell, durch 
den Hinweis auf die an vielen Orten zu Tage gekommenen, 
über gewöhnliches Menschenmaß hinausgehenden Gebeine 
(ρ. 137, 8—140, 25), an deren Auffindung in damaliger Zeit man 
durchaus nicht zu zweifeln braucht”?); erst giebt er Beispiele 
aus altvergangener, dann solche aus jüngst verflossener Zeit. 
Der Phönikier dankt für die Belehrung und mahnt, nunmehr 
von Protesilaos selbst zu berichten. Der Winzer spricht des- 
halb von Protesilaos’ Grabmal und Heiligtum auf dem Cher- 
sones”*), von seinem Aussehen, der Häufigkeit seines Erschei- 
nens, seiner Liebe zu Laodamia, deren er auch jetzt noch ge- 
nießt, seinen gymnastischen Uebungen u. a. (bis p. 145). Be- 


3) Die Auffindung solcher Gebeine wird mehrfach erwähnt; vgl. 
Schmid IV S. 572 Anm. 22 und außerdem Paus. 1, 35, 5—7. 8, 29, 3—4 
(6, 5, 1); zu Herodot 1, 68 vgl. Gell. 3, 10, 11. Preger, script. orig. 
Constant. p. 34, 15. Buresch, Klaros p. 41 und 48. Man versuchte 
die Größe der Heroen auch anders zu berechnen nach Gell. 1,1. Sam 
Wide fand in einem mykenischen Grabe bei Aphidnae ‘das Skelett 
. eines dort begrabenen Riesenmannes, dessen Gebeine kolossale Ver- 
hältnisse zeigen’, Berl. philol. Wochenschr. 1894 Sp. 1628, angef. v. 
Schmid a. a. 0. 

14) Die Erneuerung des Kults der trojanischen Helden bezeugt 
für das II. Jhh. auch Lukian, deor. conc. 12, speciell auch den des Pro- 
tesilaos auf dem Chersones sowie den des Hektor in Tlion, des Am- 
philöchos in Kilikien, die Phil. auch weiter unten erwähnt; Aristid. or. 
38, 21; Maxim. Tyr. diss. 15, 7. Die Stellen über den Protesilaoskult 
bei Pape-Benseler 5. v. Vgl. auch Crusius, ‘Sagenverschiebungen’ 
(Sitzungsber. d. Bayr. Ak. 1905), Exkurs 1. 


Die Philostrate. 503 


sonderen Wert legt der Winzer auf das glückbringende Wir- 
ken des Heros durch Prophezeihungen, die er mehrfach Athleten 
erteilt hat (— 147,29), Krankenheilungen u. a. (—148, 30). 
Nachdem so des Phönikiers Unglaube bez. des Protesilaos be- 
seitigt ist, wird er über das Wirken der übrigen Heroendä- 
monen belehrt, erst einer Reihe anderer, des Amphiaraos, Am- 
philochos, Maron, Rhesos (bis p. 149, 27), dann der in und 
bei Troja wirkenden, des Ajax, Hektor, Palamedes, Achilles, 
Antilochos, Patroklos (— 155, 22); dabei werden aber die aus- 
führlichen Mitteilungen über Achill auf seine gesonderte Be- 
handlung (am Schlusse des ganzen Gesprächs) verschoben. Da- 
mit ist der erste kürzere Teil abgeschlossen : der Phönikier hat 
mehrfach zwischenein seine vollständige Umstimmung und 
nunmehrigen Glauben an das Wirken der Dämonen ausge- 
sprochen. — Der zweite Hauptteil folgt: περὶ τῶν Τρωιχῶν 
(ρ. 155, 23 sqq.). Er zerfällt in 3 Unterabschnitte. Im ersten 
werden die Kämpfe der Griechen in Mysien gegen Telephos 
und seine Verbündeten ausführlich erörtert (bis p. 160, 27) — 
seltsamer Weise der einzige Teil des trojanischen Feldzuges, 
der in zusammenhängender Erzählung wiedergegeben wird. 
Nichts davon steht im Homer: ein Exkurs erörtert die Frage, 
ob Homer absichtlich oder unabsichtlich diese Dinge unbe- 
rührt gelassen (p. 160,28 sqq.); sie wird in einem ἐγχώμιον 
(161, 15 sqq.) und zahm gehaltenen ψόγος (p. 163, 2 5.4.) da- 
hin entschieden, daß der Dichter mit voller Ueberlegung seinen 
Absichten entsprechend seinen Stoff geformt habe. — Es folgt 
der zweite Teil der Troika (164, 30 sqq.): einzeln werden die 
trojanischen Helden abgehandelt, erst die Griechen, mit Nestor 
beginnend, dann Diomedes und Sthenelos, Philoktet, Agamem- 
non und Menelaos, Idomeneus, Aıax der Lokrer, Chiron, mit 
besonderer Vorliebe Palamedes ὃ σοφιστής (p. 181, 3), mißgünstig 
Odysseus, ruhmvoll der Telamonier Aiax, schließlich wird noch 
Teukros kurz erwähnt. Ein Katalog der Trojaner folgt 
Ρ. 189, 3 sqq.); Hektor eröffnet wie billig die Reihe, Aeneas, 
Sarpedon, Alexander folgen, kürzer Helenos, Deiphobos, Poly- 
damas, schließlich Euphorbos’°). — Nur Achilles fehlt: ihm 


15). Daß das Proömium des Pseudoxenophontischen Kynegetikos ein 
‚ Produkt der 2. Sophistik ist, leuchtet jedem ein, der es nach Nordens 


504 Karl Münscher, 


ist der 3. Teil der Troika allein gewidmet. Die lange schwung- 
volle Erörterung über Achill, in der zugleich sein Freund Pa- 
troklos (p. 203, 22) sowie sein Sohn Neoptolemos (p. 206, 26) 
besprochen werden, die mit allerlei Lokalsagen durchwebt, so- 
gar mit der Wiedergabe zweier Lieder, deren eins von Achill 
selbst stammen soll, geschmückt ist, wird (wie die mysischen 
Geschichten vom nachfolgenden) vom vorangehenden Heroen- 
katalog durch einen zweiten Exkurs über Homer getrennt, der 
in dem gleichen Gedanken gipfelt, Homer habe zwar die Wahr- 
heit gekannt, nerexdopnoe δὲ πολλὰ ἐς τὸ συμφέρον τοῦ λόγου, 
ὃν ὑπέϑετο (p. 195, 28). Die Beantwortung der Frage nach 
der Heimat Homers wird dabei abgelehnt, da Protesilaos, ob- 
wohl er natürlich auch hierüber das richtige weiß, sich darüber 
nicht geäußert hat (p. 195, 30 sqq.). Gesondert wird schließ- 
lich Achills Verehrung als Dämon, besonders in Thessalien, 
und sein Leben und Wirken auf der Insel Leuke im Pontos 
(p. 211, 13— 219,6) geschildert; damit lenkt Phil. wieder zu- 
rück zum Inhalte des ersten Teils und ergänzt die dortigen 
Angaben über den Heroenkult. — So sind wir am Einde des 
Gesprächs angelangt (p. 219, 7 sqq.): der Phönikier preist den 
Winzer ob seiner Götterfreundschaft; von seinen Zweifeln ist 
keine Rede mehr. Er regt — in alter Dialogmanier — ein 
neues Thema an: Protesilaos’ Kenntnisse und Bekenntnisse 
über die Unterwelt wünscht er zu vernehmen. Der Winzer 
lehnt die Fortführung des Gesprächs ab mit dem Hinweis auf 
den hereingebrochenen Abend, verspricht aber Antwort am 
nächsten Morgen. Mit dem Wunsche des Phönikiers, Poseidon 
möge ihn nicht eher abreisen lassen, als bis er auch diese 
zweite Rede vernommen habe, schließt der Dialog. 

Es drängen sich die Fragen auf: wodurch ward Phil. ver- 
anlaßt, eine theoretische Begründung des Dämonenglaubens 
zu liefern? Weshalb verknüpfte er sie mit den Troika? Weshalb 
traf er unter den Sagen des trojanischen Krieges gerade diese 
Auswahl und gab ihr eine so eigentümliche Anordnung? — 
Die Beantwortung dieser Fragen hat schon Kayser angebahnt 


Bemerkungen (Ant. Kunstprosa I 5. 432 ff.) gelesen hat. Belege für , 
die Bekanntschaft Phil.s mit dem dortigen Heroenkatalog kann ich 
aber nirgends entdecken. 


Die Philostrate. ‘ 505 


durch seine Vermutung (gr. Ausg. praef. Heroik. p. IID), Phil. 
habe diesen Stoff gewählt aus Rücksicht auf Caracalla, den 
neuen Alexander und Achilles. Wir können es bestimmter 
. und treffender fassen: der Heroikos setzt Caracallas Aufent- 
halt in Pergamon und Ilion im J. 214 voraus, ist nur aus den 
damaligen Vorgängen an jenen beiden Orten zu verstehen, 
durch sie erklärt sich sein Inhalt wie seine Form. 

Von Thrakien kommend überschritt Caracalla 214 den 
Hellespont: die stürmische See ließ ihn dabei sogar Schiff- 
bruch leiden (Dio C. 77,16, 7. Spart. Carac. 5,8). Er eilte 
nach Pergamon, Heilung suchend von schwerer Krankheit bei 
des ‘Retters’ Asklepios weltberühmtem Heilistume (über dessen 
Kult in Pergamon vgl. Thraemer, Pauly-Wissowa II 1661 u. 
1674): willig und inbrünstig flehend unterwarf er sich allen 
vorgeschriebenen Ceremonien (Dio Οὐ. 77,15, 5—7. vgl. die 
Bestimmungen über den Eintritt ins ἐνχοιμητήριον, Fränkel, 
Inschrn. v. Pergamon II 1895, Nr. 264); auch ihm sollte 
die Inkubation (ὀνείρατα Herodian. 4, 8, 5) Heilung bringen. 
 Pausanias (5, 13, 3) entnehmen wir die wichtige Nachricht, 
daß dem Eintritt ins Asklepieion vielfach Waschungen (wohl 
mit dem heilbringenden Wasser jenes Brunnens, den Aristides 
or. 49 preist, s. Z. 3 der gen. Inschr.) und Opfer an Telephos’®), 
den mythischen Repräsentanten des Pergamenischen Reiches, 
der Τηλεφίη γαίη (Dio C. 77, 16, 8), dessen Bewohner in dem 
Pestorakel (Kaibel, Epigrammat. Gr. 1035, 11. Inschr. v. Perg. 
Π 5. 239) als Telephiden angeredet werden, vorangingen; in 
den Hymnen, die im Asklepieion gesungen wurden, ward des 
 Telephos an erster Stelle gedacht (Paus. 3, 26, 10). Dio ver- 

sichert, daß Caracalla auch bei Asklepios, wie auch sonst nir- 
sends, keine Heilung gefunden habe (77, 15, 5); die Stadt Per- 
gamon, die dem Kaiser einen Tempel weihte, Inschrn. v. P. 
Nr. 299), ließ Caracalla das nicht entgelten: sie erhielt neue 
Privilegien von ihm (Dio C. 78, 20, 4); und die Arvalbrüder ver- 
sammelten sich auch zu feierlichem Opfer, daß der Kaiser salvus 
(atque incolumis) das Winterquartier in Nikomedeia bezogen habe 
(Act. arv. a. 214b 5). Auf dem Wege dahin besuchte Caracalla 
Tlion:: dort ließ er Alexanders Vorbilde folgend seiner romanti- 
76) Telephoskult auch auf dem Parthenion in Arkadien Paus. 8, 54, 6. 


en 


506 Karl Münscher, 


schen Achillesverehrung freien Lauf: er bekränzte das Grabmal 
Achills, veranstaltete feierliche Umzüge der Truppen bei dem- 
selben, verteilte Geldspenden an die Soldaten, als hätten sie ruhm- 
voll das alte Ilion eingenommen, errichtete dem Heros eine eherne 
Bildsäule, bestattete als neuer Achill seinen Freigelassenen 
Festus mit prunkvoller Leichenfeier nach dem Muster der ho- 
merischen ἄϑλα ἐπὶ Πατρόκλῳ (Dio C. 77, 16, 7. Herodian. 
4,8, 3—5). — Von all diesen Vorgängen ist allerdings im 
Heroikos kein Wort gesagt, und man ist im ersten Augen- 
blick versucht, dies als einen terminus ad quem für die Ab- 
fassung des Heroikos zu betrachten: ohne Zweifel ist aber das 
chronologische Verhältnis das umgekehrte. Von Caracallas 
Besuch in Pergamon und Ilion braucht Phil. nichts zu schrei- 
ben; das war damals in aller Munde, und des Kaisers excen- 
trischer Achilleskultus hatte gewiß bei vielen Verwunderung 
und Widerwillen erregt. Unter solchen Voraussetzungen schreibt 
Phil. sein Buch: er führt den Beweis für die Fortexistenz und 
die Wirksamkeit der Heroen in der Gegenwart und rechtfer- 
tigt so die Heroenverehrung, deren der Kaiser sich beflissen. 
Namentlich Achills Wirken wird natürlich ausführlich behan- 
delt, ihm deshalb ein besonderer Abschnitt gewidmet, dabei 
auch jenes für Caracalla vorbildlichen Opfers gedacht (p. 209, 32), 
das Alexander der Große dargebracht hatte, als er ‘gegen 
Darius ziehend sich den Achilles in Troja zum Bundesgenossen 
machte’’”’). Nun wird uns auch verständlich, weshalb Phil. 
von allen Trojasagen gerade jenen Kampf in Mysien ausführ- 
lich und an besonderer Stelle behandelt hat: dem Telephos 
hatte Caracalla geopfert, über Telephos unterrichtet Phil. den 
Kaiser und zwar, wie wir heute wissen, in überaus authenti- 
scher Weise, mit Hilfe der pergamenischen Lokalsage, wie sie 
für jedermann sichtbar am inneren Fries, an der Rückwand 
der Säulenhalle des großen Altars, im Relief dargestellt und 
vielleicht in einem höfischen Epos eines pergamenischen Gram- 
matikers erzählt war. Bekanntlich ist mit Hilfe Phil.s die 
Deutung mehrerer Reliefs jenes Frieses auf Telephos und die 


7) Dies Opfer bildete den Stoff einer Schrift Dikaiarchs, περὶ τῆς 
ἐν Ἰλίῳ Yvolag Athen. 13, 80 p. 603%, die Hirzel, Dialog I 5, 319 (auch 
911 Anm. 2) als Dialog ansieht. — Auch Apollonios sollte am Grab- 
hügel Achills geopfert haben, v. Ap. 4, 11 p. 131, 12 sqg. 


Die Philostrate. 507 


Kaikosschlacht, die Teilnahme seiner Gattin Hiera und seiner 
Bundesgenossen am Kampfe gelungen’?). — Zwei Heroen, 
Achilles und Telephos boten die Tatsachen dem Phil. zur 
Behandlung dar; ihre Verbindung hatte ein Bedenken: die 
Telephossage fehlte bei Homer. War sie deshalb minder wahr? 
Mit nichten ; weshalb aber hatte Homer sie dann bei Seite 
gelassen? So ward es notwendig für Phil., Homers Stellung 
zu seinem Stoffe zu erörtern, die Gründe darzulegen, weshalb 
er das eine dichterisch verwertet, das andere verschwiegen 
habe. Dabei sollte natürlich an Homer keine harte Kritik 
geübt werden (s. p. 161, 32 τοὺς μὴ ἐρῶντας αὐτοῦ μαίνεσθαι): 
seine Abweichungen von der ‘Wahrheit’ mußten aus seinen 
besonderen dichterischen Absichten erklärt werden. Für diese 
‘Wahrheit’ aber mußte ein möglichst glaubwürdiger Gewährs- 
mann gewonnen werden: Phil. ergriff den Ausweg, der schon 
oft genug betreten worden war 79), durch eine Fiktion seinem 
Berichte über Troja den Stempel der Authentie aufzuprägen: 
einen der Heroen selbst machte er zum Verkünder der neuen 
Wahrheit über Homer, Protesilaos. So findet der zweite Teil 
des Heroikos seine Erklärung, die Absonderung der Telephos- 
und Achillessagen von den übrigen trojanischen Helden und 
ihre Stellung am Anfang und Ende der Troika, sowie das Ein- 
᾿ schieben der beiden Exkurse über Homer. Aber auch der 
Heros Protesilaos selbst war für Phil. — und damit schließt 
sich die Kette der Beweise für die Beziehungen des Heroikos 
auf das J. 214 — durch die damaligen Ereignisse gegeben. 
Caracalla wollte ins Winterlager nach Nikomedeia, trotzdem 
setzte er nicht über den Bosporus, sondern über den Helles- 
pont nach Asien über. Die Wahl dieses Weges war nicht 
bloß durch die Absicht Pergamon zu besuchen veranlaßt, mehr 


18) Diese Entdeckung verdanken wir C. Robert, Beiträge zur Er- 
klärung des Pergamenischen Telephos-Frieses, Jahrbuch des deutschen 
arch. Inst.s, II 1837, S. 255 ff. Dazu E. Thrämer, Pergamos, Lpzg. 1888, 
im Exkurs S. 382 ff, Vgl. Führer durch das Pergamon-Museum, Berlin 
1904, 5, 30 ff. Neuerdings Brückner in seinem Vortrage der archäol. 
Gesellschaft zu Berlin ‘Wann ist der Altar von Pergamon errichtet”, 
Berl. philol. Wchschr. 1905 Sp. 267 ff. (300 ff. 333 8). Der Kampf des 
Telephos mit Achill war auch am Tempel der Athena Alea in Tegea 
dargestellt, Paus. 8, 45, 7. 

19) Wie beliebt solche Fiktionen waren, ist bekannt; man denke 
nur an Apions Schwindeleien ; (Mommsen, Röm. Gesch. V * 8. 517 Anm. 2). 


508 Karl Münscher, 


noch durch das Beispiel Alexanders des Großen (vgl. P. v. Rohden, 
Pauly-Wissowa II 2448). Seit er Thrakien betreten, war (a- 
racalla ‘Alexander’ (Herodian. 4, 8,1). Nun wissen wir, daß 
dieser von Sestos kommend nach Eleus zog und dort am Grab- 
mal des Protesilaos opferte: ὅτι χαὶ Πρωτεσίλαος πρῶτος ἐδόκει 
ἐχβῆναι ἐς τὴν ᾿Ασίαν τῶν λλήνων τῶν ἅμα ᾿Αγαμέμνονι ἐς 
Ἴλιον στρατευσάντων (Arrian. Anab. 1, 11,5). Die Vermutung 
ist unabweislich, daß Caracalla auch hierin seinem großen Vor- 
bilde gefolgt ist und dem Protesilaos in Eleus seine Verehrung 
bewiesen hat. Diesen Heros, den ersten der drei, denen Caracalla 
huldigte, machte Phil. zum Vermittler der Wahrheit über die 
homerischen Helden; so erklärt sich die breite Schilderung 
der dämonischen Wirksamkeit des Protesilaos (besonders seiner 
Prophezeihungen, die er Athleten gegeben, zu denen sich Ca- 
racalla ja mit Vorliebe zählte), ebenso seine geflissentliche 
Bevorzugung in der Beschreibung der Kaikosschlacht. 

Sind meine Ausführungen zutreffend, so ist damit der 
Heroikos, für dessen Abfassung wir oben die Jahre 213—219 
feststellten, genau datiert. Im Winter 214/5 ward er von Phil. 
begonnen — und vielleicht auch vollendet. Letzteres ist frei- 
lich nicht mit Sicherheit zu behaupten, aber es mußte doch 
Phil. daran gelegen sein, mit seinem Buche dem Kaiser auf- 
zuwarten, solange dessen Erinnerung an das Erlebte noch 
frisch, seine Alexander-Achillesbegeisterung noch nicht ver- 
flogen war. Wir wissen, der Lemnier gewann 215 in Niko- 
medeia die Gunst Caracallas durch eine μελέτη. . Entweder 
hatte er sich vorher schon durch den Heroikos bei Caracalla 
empfohlen, oder er stattete damit seinen Dank für die erhal- 
tene Auszeichnung ab, oder aber — und das erscheint mir 
am einleuchtendsten — μελέτη ist in der Bioistelle nicht im 
 speciellen Sinne von Rede (Controversie oder Suasorie) im Ge- 
gensatz von διάλεξις, sondern allgemeiner als ‘Vortrag’ zu fas- 
sen, und jene Melete ist nichts anderes als der Heroikos selbst, 
dessen Recitation vor Caracalla Phil. — man denke an Lu- 
kians Öffentlich vorgetragene Dialoge — die Atelie einbrachte, 
dann wäre der Heroikos sicher im J. 215 verfaßt. 

Was wir des weiteren über das Leben des ‘Lemniers’ Phil. 
erfahren, weist uns zunächst nach Rom und Italien. Eine 


Die Philostrate. 509 


Anekdote in den v. soph. (p. 123, 16 544.) bringt ihn mit 
Ailianos zusammen. Nach Elagabals Tode traf Phil. diesen, 
' wie er mit zornerfüllter Stimme eine κατηγορία τοῦ γύννιδος 
' recitierte: höhnisch genug bemerkte Phil., ich hätte dich be- 
wundert, wenn du ihn bei seinen Lebzeiten angeklagt hättest. 
Das Geschichtchen fällt also ins J. 222, den Anfang der Re- 
gierung des Severus Alexander. Nach Italien versetzt uns auch 
das Proömium der Eikones. Eine Neapler Gemäldegalerie giebt 
Phil. vor zu beschreiben; als Veranlassung seines Aufenthaltes 
in Neapel nennt er den musischen Agon, der, wie wir wissen 
(vgl. Vollmer, zu Stat. silv. 2, 2,6), in vierjähriger Periode an 
den Augustalien veranstaltet wurde. Daß der Rhetor solche 
Festfeier wirklich besucht hat, ist nicht zu bezweifeln °°). Of- 
fenbar hat der Lemnier, angereizt durch seine Erfolge am 
Kaiserhofe (während sein älterer Verwandter sich in Syrien 
aufhielt), in Rom versucht dauernd festen Fuß zu fassen. Es 
ist ihm mißlungen. Es war verhängnisvoll, daß er mit jenem 
Ravennaten Aspasios, der wie wahrscheinlich schon unter Ca- 
racalla auch noch unter Alexander die kaiserliche griechische 
Kanzlei und den rhetorischen Lehrstuhl in Rom, den πρῶτος 
ϑρόνος (vgl. Bücheler, Rhein. Mus. 61, 1906, 5. 140), inne 
hatte, dem der letzte der Bioi gewidmet ist (vgl. oben 5. 471), 
sich verfeindete. Phil. scheint gehofft zu haben, den alternden 
Aspasios aus seiner Stellung verdrängen, seinen Platz selbst 
einnehmen zu können. Aspasios wollte aber noch nicht in den 
Ruhestand treten (p. 125, 32 ynpdorwv δὲ ξὺν αἰτίᾳ τοῦ μὴ 
ἑτέρῳ ἀποστῆναι βούλεσϑιαι), und Phil. verließ. Rom. . In Klein- 
asien (ἐν Ἰωνίᾳ sagt Phil. p. 126, 8) 81), wohin sich der Lem- 
nier zunächst gewandt haben muß — wir erinnern uns seiner 
Bekanntschaft mit den Städten Kl.-Asiens und der Beziehungen 
der Philostrate zu Erythrae — wurde das Zerwürfnis mit Aspa- 
 sios und seinem Anhang verschärft, in welcher Weise, ist nicht 

°°) In Uebereinstimmung damit sagt er p. 365, 20 τὸν ᾿Εγκέλαδον 
ἐν Ἰταλίᾳ ταύτῃ. Bereits der Heroik. enthält Pie Erwähnung Neapels 
und des Vesuv (p. 140, 10 sqgq.). 

81) «Jonien’ ist bei Phil. das Küstenland ΚΙ. -Asiens. Vgl. mit der 
Stelle p. 126, 2 die wörtlich übereinstimmende p. 10, 14, sowie 46, 13 
und 24; 89, 30 (ἐν Ἰωνίᾳ im Gegensatz zu Mysien); 101, 5 (Geg. Athen 


und Italien); im gleichen Sinne p. 101, %2 Ἰωνικὴ ἰδέα, 119, 11 Ἰωνικὴ 
ἄχρόασις. 


510 Karl Münscher, 


klar, durch zwei andere Sophisten Aurelius und Cassianus®?), 
über die Fl. Phil. sich deshalb — schwerlich ganz unparteiisch 
— sehr abfällig und mißgünstig äußert. Dieser scheint selbst 
in den Streit, natürlich zu Gunsten seines Verwandten, mit ein- 
gegriffen zu haben, wenn wir (vgl. auch Schmid IV 8. 543) 
eine Hindeutung auf eine uns sonst unbekannte Schrift mit 
Recht in dem Satze finden (p. 126,9) repi ...... τοῦ τρόπου τῆς 
διαφορᾶς εἴρηταί μοι, χἀὶ τί ἂν αὖϑις ἑρμηνεύοιμι τὰ ἀποχρῶν- 
τως δεδηλωμένα. Jener Cassianus scheint damals in Konkur- 
renz gegen den Lemnier seine Ernennung zum kaiserlichen 
Professor in Athen durchgesetzt zu haben: der Lemnier kehrte 
dahin zurück — ohne Professur. 

Ein Erzeugnis dieses, wie schon des älteren Phil. Schrift 
zeigt, zum Teil wenigstens litterarisch ausgefochtenen Docen- 
tenstreites, erwähnt Fl. Phil., eine ἐπιστολὴ περὶ τοῦ πῶς δεῖ 
ἀποστέλλειν, einen offenen Brief des Lemniers gegen Aspasios ; 
'πρὸς τὸν ᾿Ασπάσιον τείνει heißt es p. 126, 20, d. ἢ. der Brief 
nannte keinen Adressaten®°), durch seinen Inhalt polemisierte 
er gegen Aspasios. Nun ist in einigen codd. der den Namen 
Phil. tragenden Briefsammlungen den übrigen ein Brief über 
den ἐπιστολιχὸς χαραχτὴρ τοῦ λόγου angefügt (die Mynashdschr. 
des Gymnastikos läßt ihn diesem folgen, 5. 5. 553 Anm. 160); 
im Paris. 1696 mit der Ueberschrift ᾿Ασπασίᾳ (Phil. epist. ed, 
Boissonade, Paris 1842, als epist. 1, wie in den älteren Ausgg., 
bei Kayser II p. 257 als διάλεξις I herausgeg.). Daß dies eben 
jener in den Bioi erwähnte Brief des Lemniers sei, ist längst 
erkannt worden.(vgl. Boissonade p. 50), schon von dem Leser, der 
in seiner Handschrift das ᾿Ασπασίῳ (wofür ᾿Ασπασίᾳ nur Ver- 
schreibung ist) hinzufügte. Kayser (gr. Ausg. praef. epist. 
p. V) hat diese Identificierung für trügerisch erklärt; sie wird 
als richtig erwiesen durch eine Vergleichung der Inhaltsan- 
gabe, die die Bioi von dem Briefe des Lemniers geben, mit 
dem erhaltenen Schriftstücke. Nach Aufzählung von muster- 
giltigen Epistolographen, unter denen der Tyaneer (d. 1. Apol- 
lonios) nicht fehlt, stellt der Brief 4 Forderungen auf für den 


#2) Ueber beide wissen wir sonst nichts; s. Schmid, Pauly-Wissowa 
II 2432 Nr. 10. III 1667 Nr. 9. 
#3) Das betont Olearius, bei Boissonade p. 49, 2. 


Die Philostrate. 511 


Briefstil®*): erstens die Mitte zu wahren zwischen gewöhnli- 
cher und kunstmäßiger Ausdrucksweise, sachlichen, aber nicht 
die Eleganz vernachlässigenden Stil zu schreiben, und zweitens 
die passende Figuration der Rede zu erreichen durch Meiden 
- der Figuren. Die zwei letzten, am breitesten behandelten For- 
derungen, Meiden kunstvoller Periodisierung, die zur Rede, nicht 
zum Briefe passe (ἀγωνιστικώτερον γὰρ ἡ κατὰ ἐπιστολὴν τοῦτο 
p. 258, 18). und unbedingtes Erstreben der σαφήνεια, decken 
sich mit den beiden ın den Bioi erhobenen Vorwürfen, des 
Aspasios Kaiserbriefe seien teils ἀγωνιστικώτερον τοῦ δέοντος, 
teils οὐ σαφῶς verfaßt. Wie des Aspasios Name in dem Briefe 
nicht genannt wird, wird auch die Schlußfolgerung, daß näm- 
lich, wer die Gesetze des Briefstils nicht kenne, nicht kaiserlicher 
ἐπιστολεὺς sein oder bleiben sollte, dem kundigen Leser über- 
lassen — eine formell feine, wie sachlich scharfe Art der Polemik ! 

Dieser Brief (so nennen die Bioi das Werkchen, und es 
ist falsch, es mit Kayser als διάλεξις aufzufassen) 55) tritt also 
als drittes erhaltenes Werk des Phil. Lemnios neben den He- 
roikos und die Eikones. Es wäre eine starke Instanz gegen 
die Giltigkeit dieses Ergebnisses, wenn auf richtiger Beobach- 
tung beruhte, was Schmid, Atticismus IV 5. 8 Anm. 7 schreibt: 
‘nur durch sorgfältige Vermeidung des Hiatus unterscheidet 
sie (nämlich die Dialexis, wie Schm. nach Kayser den Brief 
nennt) sich wesentlich von den Werken des zweiten Philostra- 
tus’. Der Brief enthält nach Abrechnung der auch sonst bei 
Hiat meidenden Schriftstellern gestatteten Vokalzusammenstöße 
(nach dem Artikel p. 258, 4. 6. 12. 21; nach xai p. 258, 7 
u. 2; μὴ 11 und 12; in der Pause 15) sowie der durch 
Elision beim Sprechen beseitigten (δὲ Z. 2 u.s.w.; προειρημέν᾽ 


84) Was wir von antiker Theorie über Epistolographie wissen, 
stimmt sachlich ziemlich überein, wie das Radermacher im Kommentar 
zu Demetrius de elocutione p. 109 ausgesprochen hat. Vgl. etwa zu 
Phil.s dritter Forderung Demetr. 229, zur ersten 231 und 235, sowie 
190 über das ἰσχνόν, zur vierten und zweiten 191. 

88) Ein Citat daraus bei Proklos περὶ ἐπιστολιμαίου χαρακτῆρος, 
Epistologr. gr. ed. Hercher p. 7, und zwar wird der Autor treffend 
Φιλόστρατος ὃ Λήμνιος genannt. — Der Schlußsatz τῶν νοηϑέντων τὰ μὲν 
χοινὰ χαινῶς φράσωμεν, τὰ δὲ καινὰ χοινῶς (vgl. Lukian Hipp. 8) ist eine 
Variation der durch Isokrates (4, 8. vgl. Nr.9 der Apophthegmen, Isocr. 
ed. Blass II p. 278) allgemein verbreiteten, bereits von Teisias und 
Gorgias (nach Plat. Phaidr. p. 267 Α) gebrauchten Antithese. 


512 Karl Münscher, 


ἢ 21; χατ᾽ ἐπιστολὴν 19; ὡραϊζοιτ᾽ ἐς 16) vier schwere Hiate 
(Z. 16 βραχυλογία ὡραϊΐζοιτο, 17 στενὴ οὖσα, 26 ἔξω εὐτελείας, 
19 μή ποὺ ἐπὶ) in 29 Zeilen Teubnertext, auf 7—8 Zeilen 
einen Hiat. Das ist keine sorgfältige Meidung des Hiatus, 
ebensowenig wie sie in andern Philostratischen Schriften zu 
verspüren ist °). Gleich sehr oder gleich wenig, sogar schein- 
bar noch sorgfältiger Hiat meidende Partien sind leicht in den 
andern Schriften zu finden; z. B. Eik. 1,6: nach Abzug der 
erlaubten (zu denen auch der nach περὶ p. 302, 14. 303, 4 
und der nach ὅτι 304, 13 gehören würde) bleiben als feste 
Hiate 302, 2 στρωμνὴ εἶναι, 302, 11 χρυσᾶ ἐνίοις, 302, 29 
πόϑου ἄρχονται, 303, 11 οὐκέτι ol λοιποὶ ἔχουσιν, 303, 29 πει- 
ρῶνται αὐτὸν, 303, 80 ᾿Αφροδίτῃ ἥδιστον, 804, 1 ἃ ἔτεχε, 304, 
16 περόναι ai, von denen wohl noch οὐκέτι οἱ (303, 11) nach 
Heroik. 219, 13 durch Elision und ἃ ἔτεχε (304, 1) durch Zu- 
sammenziehung (vgl. Isokr. 12, 3 ἁγὼ) zu beseitigen wären, 
ἃ. ἢ. 7 (bez. 9) Hiate in 93 Teuwbnerzeilen, auf 13 (bez. 10) 
Zeilen ein Hiat. Etwa das gleiche Verhältnis liefert der 
Schluß des Heroikos (von p. 216, 6 an), in 122 Zeilen 12 
(oder 13) Hiate, auf 10 (bez. 9) Zeilen ein Hiat. An diesen 
Stellen ist an bewußtes Vermeiden des Vokalzusammenstoßes 
nicht zu denken, ebensowenig aber auch in dem Briefe. 
Zeitlich wird dieser etwa in die ersten Jahre der Regie- 
rung des Severus Alexander gehören. Ueber die Abfassungs- 
zeit der Eikones ist genaueres gleichfalls nicht zu ermitteln. 
Nur soviel läßt sich sagen: der Verfasser spricht von sich 
selbst im Proömium als einem bekannten und berühmten 
Manne, um den sich, wenn seine Anwesenheit in einer Stadt 
bekannt wird, die Menge der Studierenden neugierig drängt 
(p. 295, 16 sqq.). Die ‘Bilder’ sind also nicht das Werk eines 
aufstrebenden Jünglings, sondern eines Mannes auf der Höhe 
seines Ruhmes. Wir werden daher mit Recht ihre Abfassung 
nicht nur nach der des Heroikos ansetzen, sondern auch nach 


86) Lediglich in der Verteidigungsrede des Apollonios (v. Ap. 8, 7 
Ῥ. 301, 32 544.) ist vielleicht absichtliches Meiden des Hiates (aber auch 
ohne strenge Observanz) anzunehmen; vgl. Schmid IV S. 469 f.; da 
verläßt Phil. seine sonst immer geübte ἀφέλεια. Als Curiosum sei er- 
wähnt, daß C. H. Cobet diese Rede als echt, ἃ. ἢ. wirklich von Apol- 
lonios gehalten ansah (Mnemosyne VII, 1859, p. 150 sqq.). 


Die Philostrate. 518 


jener Zeit längeren Verweilens in Rom und Italien, also auch 
nach dem Streit mit Aspasios und nach dem ‘Briefe’. Neapel 
ists, wo ihn die lernbegierige Jugend so umschwärmt haben 
soll, für Griechenland aber und in Griechenland schreibt er, 
wenn er sagt: 6 παρὰ τοῖς Νεαπολίταις ἀγών, ἣ δὲ πόλις ἐν 
Ἰταλίᾳ ᾧκισται γένος "EAAnves καὶ ἀστυχοί; in Athen also, wo 
der Lemnier später neben seinem älteren Verwandten tätig 
war (5. S. 489), werden die Eikones verfaßt sein (vgl. Kayser 
gr. Ausg. praef. Eik. p. V). 

Die Bilderbeschreibungen gehören unter den Begriff &x- 
φρᾶσις, in der damaligen Rhetorik eins der προγυμνάσματα; 
γραφικῆς ἔργων ἔχφρασις nennt der Verfasser der "jüngeren 
Eikones (p. 390, 10) das ihm vorbildliche Werk seines Groß- 
. vaters. Doch ist es bemerkenswert, daß die Progymnasmatiker 
Theon und Hermogenes (ihnen folgend auch Aphthonius)°”) bei 
Behandlung der Ekphrasis die Beschreibung von Bildern oder 
Statuen mit keinem Worte erwähnen. Die Praxis hat da die 
Theorie überflügelt und in der Gemäldebeschreibung die be- 
quemste Form der anmı höchsten bewerteten μιχτὴ Exppaoıs ent- 
deckt, die mehrere der einfachen Ekphrasen von πρόσωπα, 
πράγματα, τόποι und χρόνοι umfaßt. Beispiele von Ekphrasen, 
die wirklich vorhandene oder fingierte Gemälde oder Statuen 
beschreiben, haben wir nicht wenige bei Lukian, Apuleius u. s. 
(vgl. darüber Matz, de Philostratorum in describendis imaginibus 
fide, Bonn 1867, p. 9 sqq.). Phil.s Vorgänger in der Edition 
einer Ekphrasensammlung in Buchform war der Makedonier 
Nikostratos, den Suidas als Zeitgenossen des Dio und Aristides 
unter Kaiser Marcus ansetzt°®). Die einzelne Bilderbeschrei- 

51) Erst bei Nikolaos (Spengel III p. 492) stehen detailirte An- 
weisungen für die Ekphrasis von εἰκόνες und ἀγάλματα; in seinen Muster- 
progymnasmen enthält das 12. Kapitel (Walz I p. 394—414) unter 11 
Ekphrasen 10 Beschreibungen von Bildwerken; die Ausnahme ist Nr. 7 
ταῶνος ἔχφρασις (vgl. Libanios, Reiske IV p. 1073). In Libanios Pro- 
gymnasmensammlung sind Bilderbeschreibungen dünn gesät (Reiske IV 
p- 1048. 1057. 1056, letztere ganz in Phil.s Art; 5. 24 ἃμιλλᾶται 7 
ypapm πρὸς τὰ ἔπη, p. 1095, 6 ζηλώσει... καὶ τὸ μέτρον ὃ λόγος), zahl- 
reicher Statuenbeschreibungen (ΠΥ p. 1066. 1068. 1081. 1082 u. s.). “Βοεϊ- 


spiele von Ekphrasen aller Art behandelt Leo, de Statii silvis, Göttingen 
1893, p. 5 sqg. 

88) Wenigstens wenn der Titel εἰκόνες im speziellen Sinne -von Bil- 
der beschreibungen zu verstehen ist (bei Fronto epist. 3,7 und 8 steht 
εἰκών ın weiterer Bedeutung für ἔχφρασις überhaupt. Suet, gramm. 4 


514 Karl Münscher, 


bung ist ein rhetorisches Musterstück, die Gesamtheit der 
Eikones aber, das ganze Buch, stellt sich bei Phil. als ein 
einheitlicher Lehrvortrag dar, den er dem 10 jährigen Sohne 
seines neapolitanischen Gastfreundes sowie andern Zuhörern 
hält. Der Schluß der Einleitung des Werkes erscheint als 
kurze dialogische Einführung in die Situation, dann folgt der 
Vortrag des Meisters, der nur an einer Stelle (p. 363, 29) 
durch eine Antwort des Zuhörers unterbrochen wird (hierüber 
die praef. d. Wiener Ausg. p. XX sq.). Phil. benutzt also 
die bekannte®?®) Form des philosophischen Lehrvortrags mit 
dialogischer Einkleidung und, um sein Rivalisieren mit der 
alten Feindin der Rhetorik, der Philosophie, erst augenfällig 
zu machen, nennt er seine Dialexeis mit dem von alters her 
bei Philosophen üblichen, nun auch bei den Christen ange- 
wandten Ausdrucke für belehrende Vorträge (vgl. Norden, Ant. 
Kunstprosa II 1898 5. 541): ὁμιλίαι (imag. p. 295, 11; im 
gleichen Sinne auch v. Ap. p. 93, 20. Vgl. Schmid, Atticis- 
mus IV 5. 367), wie er im Heroikos die Form des philosophi- 
schen Dialoges benutzt. Ἢ 
Eine interessante Notiz über das Leben des Verfassers 
geben uns noch die Eikones. In der Einleitung, in der einige 
allgemeine Bemerkungen über Malerei vorangeschickt werden, 
nennt Phil. einen Aristodemos aus Karien, der, selbst aus- 
übender Künstler, über Maler und ihre künstlerischen Erfolge 
geschrieben hatte (vgl. Brunn, Gesch. d. griech. Künstler, II 


braucht dafür paraphrasis; rhet. 1 fehlt die Ekphrasis in der Aufzählung 
der Progymnasmata). Die eixöveg des Nikostratos nennt Suidas zwischen 
den Buchtiteln δεκαμυϑία und πολυμυϑία (vgl. Hermog. r. ἰδ. p. 420, 14); 
waren das auch Sammlungen von Progymnasmen? (Der Mythos ist bei 
Theon und seinen Nachfolgern das erste Progymnasma). Nik. gilt als 
Muster der ἀφέλεια, vgl. Usener, Dionysii Hal. qu. f. ars rhet., 1895 
praef. p. VI. s. oben S.495). Nach Suidas und Schol. Lukian. de sal- 
tat. 69 p. 144 (Jakobitz IV) gehörte er neben Phil. zu der jüngeren 
Dekas von Sophisten, von denen es aber in Wahrheit einen ‘Kanon’ 
(Phil. v. soph. p. 72,10. Anth. Pal. 7,573,2, dazu Stadtmüllers Note) 
niemals gegeben hat (vgl. Steffen, de canone qui dieitur Aristophanis 
et Aristarchi, Lpzg. 1876, p. 51). — Mit der sophistischen Bilderbe- 
schreibung haben nichts zu tun die Imagines Varros und des Atticus 
(Teuffel-Schwabe, 166,5 und 172,2d). Fürsts Vermutung (Philol. 61 
p. 386 Anm. 35), daß ‘die Schilderung der körperlichen Erscheinung 
eine nicht geringe Rolle’ in deren prosaischem Texte gespielt habe, ist 
schwerlich richtig; statt dessen waren eben die Porträts selbst beige- 
eben. 
89) Vgl. Schmid, Attic. IV 8. 535. 


Die Philostrate. 515 


1889, 5. 208). Mit diesem hat Phil., ‘wie ΘΙ δασύ, 4 Jahre 
der Malerei zu Liebe in Gastfreundschaft zusammengelebt, ihn, 
wie es scheint, in seinem Hause gehabt?°). Das ist nicht nur 
ein Beweis für große Wohlhabenheit Phil.s, noch mehr für 
seine wirklich künstlerischen Interessen. Daß er also bei seinen 
‘Bildern’ auch Reminiscenzen an vorhandene Kunstwerke, die 
. er gesehen hatte, mit verwendet hat, ist überaus wahrschein- 
lich, wie es andererseits sicher erscheint, daß die Einkleidung 
des Buches eine Fiktion ist und die einzelnen Ekphrasen nach 
dichterischen Vorbildern komponiert sind 31). 

Sonstige Ueberlieferung lehrt über den Lemnier nichts; 
nur‘ Tzetzes sagt vom Verfasser des Heroikos (Posthomer. 503) 
ᾧΦλάυιος ὡς ἐρέει (mit Bezug auf den Tod der Polyxena, 
Heroik. p. 205, 5 sqq.). Ist das keine Verwechselung mit 
dem älteren Fl. Phil., dem Verfasser der v. Ap. und v. soph., 
‚so wird dadurch wahrscheinlich, daß der in dem schon ange- 
führten Ephebenverzeichnisse (S. 490) genannte Archon Lukios 
Flavios Philostratos aus Steiria eben der im allgemeinen als 
‘Lemnier’ bezeichnete Phil. ist. Er hätte dann also im 72. 
(oder 63. oder 67.) Lebensjahre das Archontat bekleidet. 
Suidas (s. S. 517) enthält noch die Angabe, daß dieser Phil. 
in seiner engeren Heimat Lemnos gestorben und begraben sei. 


3. Die Philostrate beı Suidas. 


Wenden wir uns nun an Suidas! Er behandelt (natürlich 
nach Hesychius Illustrius) 3 Philostrate; sein Artikel lautet: 

Φιλόστρατος, Φιλοστράτου τοῦ καὶ Βήρου, Anpviov σοφιστοῦ, 
χαὶ αὐτὸς δεύτερος σοφιστής, σοφιστεύσας ἐν ᾿Αϑήναις, εἶτα ἐν 
Ῥώμῃ, ἐπὶ Σεβήῤου τοῦ βασιλέως nal ἕως Φιλίππου. ἔγραψε 
μελέτας. ἐπιστολὰς ἐρωτικάς. εἰκόνας tor ἐχφράσεις ἐν βιβλίοις 
δ΄, διαλέξεις, αἶγας ἢ περὶ αὐλοῦ. ᾿Απολλωνίου βίον τοῦ Τυανέως, 


. 90) Phil. sagt: ὃν ἐγὼ ἐπὶ ζωγραφίᾳ ξένον ἐποιησάμην ἐτῶν τεττάρων. 
Die Uebersetzung bei Westermann: in cuius ego picturae causa per 
quadriennium hospitio fui scheint mir den Sinn gerade umzukehren. 

91) Die neuere Litteratur über den zwischen Friederichs und Brunn 
geführten Streit über die Realität der Philostratischen Gemälde ver- 
zeichnen die beiden Wiener Ausgg. der Eikones, Phil. mai. p. XXVIII, 
iun. p. LIV. Auf den extremen Standpunkt, den Friederichs einnahm, 
‚stellt sich C. Robert, Studien zur Ilias, 1901, S. 19. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 34 


u 


516 Karl Münscher, 


ἐν βιβλίοις η΄. ἀγοράν. ἡρωϊκόν. βίους σοφιστῶν, ἐν βιβλίοις δ΄. 
ἐπιγράμματα καὶ ἄλλα τινὰ. πλὴν πρῶτος ὀφείλει χεῖσϑαι 

Φιλόστρατος ὃ πρῶτος, Λήμνιος, υἱὸς Βήρου, πατὴρ δὲ τοῦ 
δευτέρου Φιλοστράτου, σοφιστὴς χαὶ αὐτός, σοφιστεύσας ἐν ᾿Αϑή- 
γαῖς, γεγονὼς ἐπὶ Νέρωνος. ἔγραψε λόγους πανηγυριχοὺς πλείστους 
χαὶ λόγους ᾿᾿λευσινιακοὺς δ΄, μελέτας. ζητούμενα παρὰ τοῖς 
ῥήτορσι. ῥητοριχὰς ἀφορμάς. περὶ τοῦ ὀνόματος" ἔστι δὲ πρὸς 
τὸν σοφιστὴν ᾿Αντίπατρον. περὶ τραγῳδίας βιβλία γ΄. γυμναστι- 
χὸν " ἔστι δὲ περὶ τῶν ἐν ᾿Ολυμπίᾳ ἐπιτελουμένων. λιϑογνωμικόν. 
Πρωτέα. κύνα 7 σοφιστήν. Νέρωνα. ϑεατήν. τραγῳδίας μγ΄. 
κωμῳδίας ιδ΄, καὶ ἕτερα πλεῖστα καὶ λόγου ἄξια 

Φιλόστρατος, Νερβιανοῦ, ἀδελφόπαιδος Φιλοστράτου τοῦ 
δευτέρου, Λήμνιος, χαὶ αὐτὸς σοφιστὴς nal παιδεύσας ἐν ᾿Αϑή- 
γαις, τελευτήσας δὲ χαὶ ταφεὶς ἐν Λήμνῳ, ἀκουστῆς τε χαὶ γαμ- 
βρὸς γεγονὼς τοῦ δευτέρου Φιλοστράτου. ἔγραψεν εἰκόνας. παν- 
admvainov. Τρωικόν. παράφρασιν τῆς “Ομήρου ἀσπίδος. μελέτας 
ε΄. τινὲς δὲ καὶ τοὺς τῶν σοφιστῶν βίους En’ αὐτὸν ἀναφέρουσιν. 

Der bei Suidas voranstehende Phil. ist identisch mit dem 
von uns zuerst besprochenen Fl. Phil., denn unter seinen 
Schriften nennt Suidas die v. Ap. und v. soph. (über die Ver- 
schiedenheit der Buchzählung s. S. 492 Anm. 54). Am Schluß 
des Artikels über den dritten Phil. wird noch die unbedingt irrige 
Meinung ‘einiger’ erwähnt: τινὲς δὲ Aal τοὺς τῶν σοφιστῶν 
βίους En’ αὐτὸν ἀναφέρουσιν. Wir erfahren also den Namen 
des Vaters, des Fl. Phil., der selbst Phil. hieß und Sohn eines 
 Verus war. Schon der Vater war Sophist (Anpviov σοφιστοῦ), 
deshalb heißt es von Flavios: χαὲὶὲ αὐτὸς δεύτερος σοφιστής. 
Dann die Orte seiner Wirksamkeit, Athen und Rom; hier fehlt 
sein syrischer Aufenthalt und die spätere Rückkehr nach Athen. 
ἐπὶ Σεβήρου τοῦ Καίσαρος καὶ ἕως Φιλίππου (244—249); die 
letzte Angabe ergänzt unser Wissen (s. S. 494). 

An zweiter Stelle spricht Suidas vom Vater des Flavios; 
da dieser der II. der Zeit nach, ist der Vater natürlich der I. 
Von der chronologischen Reihenfolge ist also im Suidasartikel 
doch wohl absichtlich Abstand genommen und der am be- 
deutendsten Erscheinende der Philostrate an die Spitze gestellt 
worden; diese Abweichung ist aber hinreichend deutlich hervor- 
gehoben durch die Worte, die dem an zweite Stelle gerückten 


Die Philostrate. 517 


Artikel über den ältesten Phil. vorangestellt sind: πλὴν πρῶ- 
τος ὀφείλει κεῖσθαι"). Von Phil. I, dem Vater des Fl. Phil. II., 
erfahren wir nur noch, daf auch er bereits in Athen tätig 
war, und zwar γεγονὼς ἐπὶ Νέρωνος, d. h. blühend unter Nero. 
Diese Angabe ist unweigerlich falsch, und auch Gronows Kon- 
jektur ἐπὶ Νερούας vermag daran nichts zu bessern’®). Die 
Lebenszeit des Sohnes bestimmt auch die des Vaters. Und 
Suidas widerlegt seine Angabe selbst: er nennt im Schriften- 
verzeichnis dieses Phil. ein Werk περὶ τοῦ ὀνόματος " ἔστι δὲ 
πρὸς τὸν σοφιστὴν ᾿Αντίπατρον ; damit. ist eben jener Antipatros 
gemeint°*), dessen Beziehungen zu Phil. II. und dem Kaiser- 
hause wir betrachtet haben; Antipatros ist 144 geboren, eine 
gegen ihn gerichtete Schrift muß mindestens 20—30 Jahre 
später fallen. Der Sohn des Phil. I., Phil. II., ist um 170 
geboren. Das ergiebt als Lebenszeit für Phil. I. auch die 
2. Hälfte des II. Jhhs., seine Geburt wird noch vor 150 fallen. 
“In dem kurzen Verzeichnis der Schriften des III. Phil. 
bei Suidas stehen einöves und Tpw:xös, was eine Verschreibung 
oder auch Umnennung für Ἣρωιχός zu sein scheint”). Das 
ist also der von uns bisher als 'Lemnios’ bezeichnete Phil. Zu 
den uns bekannten Tatsachen stimmen Suidas’ Worte: Λήμνιος 
χαὶ αὐτὸς σοφιστὴς nal παιδεύσας ἐν ᾿Αϑήναις ; neues lehrt uns 
der Zusatz (s. oben S. 515) τελευτήσας δὲ xal ταφεὶς ἐν Λήμνῳ. 
Außerdem macht Suidas noch zwei Angaben über die ver- 


9) Westermann, Biogr. gr. p. 357 sq. und Bekker in seiner Suidas- 
ausgabe (denen auch Fertig p. 6 sq. gefolgt ist) haben die beiden ersten 
Artikel des Suidas umgestellt, sodaß der zeitlich erste auch bei Suidas 
voransteht. Die Lösung des verworrenen Knotens haben sie durch diese 
scheinbare Verbesserung nicht gefördert. 

95) Der Versuch Kaysers (de gymnastica ed., Heidelberg 1840, p. XII, 
wiederholt gr. Ausg. p. 335) das unmögliche γεγονὼς ἐπὶ Νέρωνος durch 
Ausfall einer Zeile (ἔστι δὲ περὶ ὀρυχῆς τοῦ ᾿Ισϑμοῦ γεγονυίας ἐπὶ Nepw- 
νος) hinter Νέρωνα, Versetzung des unverständlichen Restes (γεγονυίας 
ἐπὶ Νέρωνος) an den Rand, Wiedereinsetzung an anderer Stelle mit 
der Konjektur γεγονώς, zu erklären, ist zu künstlich, als daß er über- 
zeugend sein könnte. Christ* S. 752 glaubt noch an den Phil. unter 
Nero. 

94) Daß der Dio or. 18,12 erwähnte Antipater nicht gemeint sein 
kann, hat Schmid, Atticism. IV S. 6 Anm. 1 bemerkt. 

90) “"Hpwinög lautet der Titel Laurent. LVII 32, in den andern 
Hdschr. How:xi, vgl. Kayser gr. Ausg. praef. Her. p. ἡ. Thomas Ma- 
gister citiert auch ἐν “Hpwixots (p. 43,7. 98,17. 126,5 der Ausg. v. 
F. Ritschl, Halle, 1832). Ueber die schwankende Ueberlieferung der 
Menanderstelle s. S. 495 Anm. 58. | 


34 * 


518 Karl Münscher, 


wandtschaftlichen Beziehungen dieses Lemniers: am Anfange 


heißt es Φιλόστρατος Νερβιανοῦ ἀδελφόπαιδος Φιλοστράτου τοῦ 
δευτέρου und am Ende der Nachrichten über das Leben: &xov- 
στῆς TE nal γαμβρὸς γεγονὼς τοῦ δευτέρου Φιλοστράτου. Ist in 
beiden Fällen der von Suidas als δεύτερος σοφιστής bezeichnete 
(aber an erster Stelle behandelte) Verfasser der v. soph. und v. 
Ap. gemeint, so ergiebt sich, daß Phil. III, der Lemnier, Sohn 
des Nervianus, Enkel einer Schwester°‘) des II. Phil., Schüler 
seines Großonkels, Phil. Il., gewesen ist, und. dessen Tochter, 
also seine eigene Tante, geheiratet hat. Wenn auch etwas 
kompliciert, sind diese verwandtschaftlichen Verhältnisse doch 
keineswegs unmöglich. Sie sind aber von je her den Philologen 
so bedenklich erschienen, daß sie mit Konjekturen sie zu ver- 
bessern suchten. Meursius schrieb ἀδελφόπαις (statt -παιδος), 
wodurch die Sache dahin vereinfacht wird, daß Phil. IIL, 
Schwestersohn des Phil. II., dessen Tochter, d. h. seine Cou- 
sine geheiratet hat. Rohde ἃ. ἃ. 0. 5. 35 erreichte ein ähnliches 
Resultat dadurch, daß er an erster Stelle für τοῦ δευτέρου 
setzte τοῦ πρώτου ; dann wäre Phil. III. der Sohn des Nervianus, 


des Schwestersohnes des Phil. I., der seines Onkels Phil. II. 


Tochter heiratete. Vielleicht ist aber aus dem Suidastext, ohne 
ihn zu ändern, etwas anderes zu entnehmen, als oben ange- 
deutet wurde. Darauf führt mich jener Suidasartikel Φρόντων 
"Epionvös, den wir oben (S. 489) benutzten. Von diesem 
Fronto hieß es: γεγονὼς Ent Σεβήρου τοῦ βασιλέως Ev Ῥώμῃ" 
ἐν δὲ ᾿Αϑήναις ἀντεπαίδευσε Φιλοστράτῳ τῷ πρώτῳ rat ᾿Αφίνῃ τῷ 
Γαδαρεῖ. Wir sahen, daß mit diesem Phil. den Zeitumständen 
nach nur der Verfasser der v. soph. und v. Ap. gemeint sein 
kann (5. S. 490); diesen nennt Suidas hier Φιλόστρατος ὃ πρῶ- 
τος, obwohl er der Chronologie nach der H. ist und von Sui- 


das 5. v. Φιλόστρατος richtig als δεύτερος σοφιστής bezeichnet 
wird, doch wohl aus keinem anderen Grunde, als weil dieser 


seiner Bedeutung halber in der Reihe der drei Suidasartikel 


an erster Stelle steht. Wir beobachten also bei Suidas ein 


%) Suidas bez. Hesych legt nur Wert auf die Zugehörigkeit des 
Phil. III zur Familie der Philostrate; des Nervianus Vater, offenbar aus 
anderer Familie, wird nicht genannt, folglich ist ἀδελφόπαις hier so- ᾿ 


viel wie Schwestersohn. 


Br τὴν 


Die Philostrate. | 919 


‚Schwanken in der Numerierung der Philostrate, je nach dem 
er die chronologische Reihenfolge der Phil.e oder die Reihen- 
folge seiner drei Artikel berücksichtigt. Liegt dieses Schwanken 
nun vielleicht auch im dritten dieser Artikel selbst vor? Dann 
hätte Suidas das Wort δεύτερος in doppeltem Sinne gebraucht. 
Νερβιανοῦ ἀδελφόπαιδος Φιλοστράτου τοῦ δευτέρου, d. ἢ. des 
an zweiter Stelle genannten Phil. (der chronologisch der 1), 
ἀκουστῆς TE χαὶ γαμβρὸς γεγονὼς τοῦ δευτέρου Φιλοστράτου, 
ἃ. h. des chronologisch II. (der aber an erster Stelle behandelt 
150) 7). Das ergäbe: der Lemnier Phil. hatte eine Tochter des 
Fl. Phil. (II.) und der Aurelia Melitine zur Frau, eine Schwester 
.des Fl]. Capitolinus. Erinnern wir uns nun, daß der Verfasser 
der zweiten Bildersammlung den Verfasser der ersten als seinen 
Großvater mütterlicherseits bezeichnet, und daß jene Inschrift 
von Erythrae den Fl. Capitolinus als συγγενὴς und ἀδελφός 
und auch als ϑεῖος von Personen senatorischen Ranges nennt, 
so erhalten wir folgenden Stammbaum der Familie der Philo- 
strate: 


Verus 
Philostratos (1). Tochter. 
Aurelia Melitine MD FI. Philostratos (II). Nervianus 


‘Bohn. ΕἾ, Capitolinus. Tochter Ὁ (Fl.) Philostratos Lemnios (III). 


Sohn. Tochter. 


Philostratos (IV). 


97) Erscheint jedoch obiger Erklärungsversuch zu gekünstelt, so ist 
im Suidas nichts zu ändern außer im Artikel Φρόντων statt τῷ πρώτῳ 
mit Hemsterhuis τῷ δευτέρῳ zu schreiben. Schematisch dargestellt er- 
gäbe sich dann folgendes Nasen ΔΙ ΒΠΑΤΑΤ ΑΙ ΛΑ, 
erus. 


i 
Philostratos (I). 


Fl. Philostratos (II). Tochter. 
Nervianus. 


N 
Tochter nd (Fl.) Philostratos Lemnios (II). 


520 Karl Münscher, 


Die Betrachtung der Schriftenverzeichnisse der einzelnen 
Philostrate bei Suidas und damit zusammenhängend der übrigen 
erhaltenen Werke steht noch aus. 

Den berühmtesten Phil. II. hat Suidas vorangestellt. Seine 
Bedeutung erscheint noch gesteigert, da ihm — wie wir sagen 
dürfen — zu Unrecht auch εἰκόνες und ἧἥρωικός zugewiesen 
werden, die Phil. III. gehören, bei dem sie Suidas gleichfalls 
erwähnt. Zwei andere der genannten Schriften, ἀγορά und 
αἷγες ἢ περὶ αὐλοῦ, sind nicht erhalten. Der Doppeltitel würde 
gut zu einem Dialoge passen (vgl. S. 547 Anm. 149), in welchem 
Zusammenhange die Flöte aber mit den Ziegen gestanden 
haben könnte, ist nicht zu ahnen. Außerdem aber nennt 
Suidas μελέτας und διαλέξεις, die beiden Arten sophistischer 
Reden, die damals üblich waren. Der Unterschied zwischen 
beiden ist im Grunde kein anderer als zwischen den ὑποϑέσεις 
und ϑέσεις (quaestiones finitae und infinitae) der Hermagorei- 
schen Rhetorik; ersteren entsprechen die μελέται, nach dem 
ins deliberative oder judiciale Genus gehörenden Stoffe contro- 
versiae oder suasoriae: erhaltene Beispiele der Art sind die 
Sammlungen des alten Seneca, die Quintilianschen, die des 
Calpurnius Flaccus in der lateinischen, die Suasorien des He- 
rodes Atticus°®), Polemon und Aristides (die Keils I. Bd. ent- 
halten wird, außer 1—4) in der griechischen Litteratur. Letz- 
teren (den infinitae) entsprechen die διαλέξεις (oder λαλιαί), Vor- 
träge allgemeinen, philosophischen, litterarhistorischen, oft auch 
rein persönlichen Inhalts (über die λαλιά und ihre πολυσχιδήῆς 
χρεία vgl. die Ausführungen Menanders, περὶ ἐπιδεικτικῶν Rhet. 
Gr. III Sp. p. 388 sqgq.). Das persönliche Moment trat besonders 
dann in den Vordergrund, wenn die Dialexis als προλαλιά (prolo- 
cutio) der eigentlichen, wohl vorbereiteten oder extemporierten 
Epideixis voranging. Apuleius’ Florida und de deo Socratis”), 
Dions sophistische Reden, Aristides’ (Bd. II Keil) und Maximus 
Tyrius’ Dialexeis sind erhaltene Muster der Gattung. Für 
jegliche Art sophistischer Reden bietet gleichermaßen Beispiele 


98) Die Echtheit von Herodes’ Rede περὶ πολιτείας ist neu gesichert 
durch Schmid, Rhein. Mus. 59 (1904) S. 512 ff. 

99) De deo Socratis ist eine διάλεξις (vgl. 5,129. 6,132. 14, 150. 
20, 166) und zwar eine extemporierte (11,145), die natürlich später im 
‘Stenogramm’ zur Publikation überarbeitet sein wird. 


Die Philostrate. 521 


Lukianos!%), der große Verhöhner der Sophistik. Für den Zeit- 
geschmack ist es charakteristisch, daß als das bedeutendere 
durchaus die μελέτη erscheint, schon deshalb, weil darin die 
Redner ihre Kunst im αὐτοσχεδιάζειν, im Extemporieren über 
ein vom Publikum gewähltes Thema!°!) zeigen konnten: das 
war die höchste Leistung; überboten konnte sie nur noch 
werden, wenn der Sophist, wie Apuleius!°?), fähig war, bei einer 
Epideixis in beiden Sprachen der damaligen Welt zu brillieren. 
Unser Werturteil würde dem jener Zeiten durchaus wider- 
sprechen: wir freuen uns, daß Dio vor dem öden Spiel mit 
Worten in μελέται durch seine Philosophie bewahrt blieb 
(jedenfalls ist nicht bekannt, daß er solche gehalten hätte, 
vgl. Arnim, Dio v. Prusa 5. 180). 

Von Phil.s μελέται ist uns nichts erhalten, eine Probe 
seiner διαλέξεις besitzen wir. Es ist unter Phil.s Namen in 
2 Hdschrn. (bei Kayser II p. 258, vgl. Kaysers gr. Ausg. 
‚ praef. epist. p. V) als appendix zu den Briefen eine Ausein- 
andersetzung über νόμος und φύσις erhalten, natürlich keine 
vollständige Dialexis, vielmehr ein einer solchen entnommener 
τόπος: wie gern man solche Glanzstellen aussonderte, sammelte 
und herausgab, ist durch Apuleius’ ‘Blütenlese’ und Stücke der 
Dionischen Redensammlung (z. B. or. 65, dazu Arnim $. 270) 
bekannt. Das Thema des Philostratischen Stückes war seit alter 
Zeit in der sophistischen Rede beliebt. Der Eleer Hippias scheint 
(nach Plato Protag. p. 337 CD) zuerst den Gegensatz von νόμος und 
φύσις, Menschensatzung und Naturgesetz, scharf gefaßt und er- 

ἜΝ διαλέξεις Lukians sind (teilweise προλαλιαί vor der Recitation 
von Dialogen): ἐνύπνιον. πρὸς τὸν εἰπόντα “Προμηϑεὺς εἶ ἐν λόγοις. Zeuzis. 
Harmonides. Scythes. Hippias. Dionysos. : Herakles. περὶ od ἠλέκχ- 
zpov ἃ. ἃ.; μελέται sind, und zwar controversiae: τυραννοχτόνος. ἀποχης- 
purrönevog (vgl. die Ueberschriften in F), suasoriae: Phalaris I und 1]. 
Ueber die Chronologie der Lukianschriften s. W. Schmid, Philol. 50, 
1891, 8. 297 ff. — Ueber die διάλεξις handelt mit zuletzt wohl Dürr, 
Untersuchgn. zu d. Dialexeis des Maximus v. Tyrus, Philol. Suppl. VIII, 
S. 5, wo auch Litteraturangaben. 

“1 Die Fülle der Themen scheint schier unendlich, in Wahrheit 
reducieren sie sich aber fast alle auf nicht allzuviele Gruppen: solche 
sind für die Suasorien: Die Perserkriege, Demosthenes, Alexanderzug, 
Cicero u. a., für die Controversien gruppieren sie sich nach den Rechts- 
fällen : Enterbung, Tyrannenmord, Mädchenraub, Ehebruch, Incest u. a. 

10°) Vgl. das zweite der vor Socr. stehenden, von v. d. Vliet mit 


Recht mit den flor. verbundenen Stücke, ein Uebergangsstück vom 
griechischen zum lateinischen Teil einer Rede. 


529 Karl Münscher, 


örtert zu haben 193). Von der Verwendung des Gemeinplatzeshaben 
wir noch mehrfache Proben: der aus lIamblichs Protreptikos 
gewonnene Sophist preist in Ekloge 7 (Diels, Fragmente der 
Vorsokratiker, 1903, 5. 579 £.) die Vorzüge menschlicher εὐνομία 
vor der ἀνομία. Aehnliche Abschnitte fügt der Verfasser von 
Ps. Demosth. κατ᾽ ᾿Αριστογείτονος α΄ (XXV) ein, die sich zu 
einem ἐγκώμιον νόμου, der Kultur im Gegensatze zur Natur, 
zusammenschließen (in den $$ 15—20. 22. 24. 271%). Noch 
Hermogenes π. ἰδ. p. 289, 20 sqq. Sp. giebt Proben der: Be- 
handlung dieses Gegensatzes. Aus Dios sophistischer Zeit 
(vgl. v. Arnim, Dio von Prusa, 1898, 8. 155 ff.) sind uns 
zwei eng zusammenhängende διαλέξεις erhalten, or. 75 περὶ 
νόμου, or. 76 περὲ ἔϑους; erstere ein ἐγχώμιον des alles be- 
. herrschenden νόμος 195). im weitesten Sinne gefasst als Menschen- 
gesetz, sei es geschriebenes oder ungeschriebenes Herkonmen, 
wie als Natur- und Weltgesetz, letztere ein Eyxwptov des un- 
geschriebenen Gesetzes, der Sitte, im Gegensatz zur von Men- . 
schen gemachten Satzung. Umgekehrt preisen die ὃ8 140—144 
seines Rhodiakos das Gesetz auf Kosten der Sitte. — In eigen- 
artiger Weise hat Phil. das Thema angefasst. Er giebt zu- 
nächst die Meinung derer wieder, die den Gegensatz von 
Natur und Kultur betonen: der φύσις Werke sind Tiere, Ge- 
stirne, Flüsse u. s. w., des νόμος Werke Mauern, Schiffshäuser, 
Schiffe, Schilde u. s. w.; jene sind unvergänglich (ἄφϑαρτα 
Ῥ. 259, 7) wie Meer, Erde, Aether, Gestirne, und auch bei den 
vergänglichen einzelnen Lebewesen bleibt durch deren dauernde 
Neugeburt der Anschein der Unvergänglichkeit gewahrt, alle 
vom νόμος durch Menschenhand geschaffenen Dinge aber sind 


108) Vgl. F. Dümmler, Akademika, 1889, S. 252ff. Die Spuren des 
Problems im V. Jhh. sammelt aus Dichtern, Philosophen und Sophisten 
Dümnmler, Kl. Schriften I 1901 5. 181 

104) Darauf machte Wendland im Hermes 39, 1904, S. 501 Anm. 
1. aufmerksam. 

105) 8 2 βασιλεὺς εἰχότως ἀνθρώπων nal ϑεῶν χέχληται nach Pindar 
frg. 169 Bergk, den schon Herodot 3,38, dann Plato Gorg p. 484B 
und Nom. 4 p. 714 E benutzte. Vgl. Alkidamas bei Aristot. rhet. 3, 
3, 1406 a 22. — Dümmler läßt Dio für seine beiden Reden das von 
ihm postulierte ἐγχώμιον νόμου. des Hippias durch Vermittlung einer 
‘kynischen Quelle’, ‘die erst der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts 
angehört und sichtlich Gorgianisch beeinflußt ist’, benutzen (Kl. Schrif- 
ten I S. 92): mit soleher Quellensuche drückt man doch Dio auf das 
Niveau eines gar zu elenden Skribenten herab; Dio spricht in Gedanken 
und Stil eines alten Sophisten, schreibt aber nicht ab. 


Die Philostrate. 523 


 vergänglich (φϑαρτά p. 259, 13); die Kultur kann keins der 
"Naturprodukte (ein ζῷον ἔμψυχον, ἄστρον u. a.) hervorbringen, 
- während die φύσις den vom νόμος geschaffenen Formen Gleichen- 
des bildet (τὴν φύσιν δὲ ὁμοιοῦσθαι πολλαχοῦ τοῖς τοῦ νόμου 
εἴδεσι): Mauern und Häuser bildet sie nach in festen Plätzen 
und Höhlen, durch Felsen und Wolken menschliche und 
_ tierische Gestalten wie die Bildhauerkunst, im Monde das Ge- 
sicht des Menschen 196). Dieser communis opinio stellt Phil. 
seine eigene Ansicht entgegen: Natur und Kultur sind keine 
Gegensätze, sind vielmehr nahe verwandt und ähnlich und 
gehen in einander über; jene ist der Anfang (ἣ ἀρχῇ), diese 
das Folgende (τὸ ἑπόμενον). Dieser Gedanke von der höheren 
Einheit von φύσις und νόμος wird nicht übel erläutert: kein 
- Kulturwerk (sei es konkreter oder abstrakter Art) entsteht 
ohne die Grundlage der Natur, die Schätzung des Menschen 
verschafft den natürlichen Dingen erst Wert, die Natur er- 
schafft den Menschen als vernünftiges Wesen, die Kultur er- 
zieht ihn und schafft dem nackt und bloss ins Leben getre- 
tenen alles Notwendige; und selbst der Ruhm der Unsterb- 
lichkeit gebührt (wie den natürlichen Dingen) den vergäng- 
lichen Werken der Kultur — in der Kunst (τέχνη). Zum 
Schluss konstatiert Phil., es gebe noch ein Drittes neben 
φύσις und νόμος: das Losreissen einer Insel vom Festlande, 
die Verbindung des Festlandes mit einer Insel, das Durch- 
brechen des Peneios durch den Olympos, das sind nicht Werke 
der Natur noch Kultur, das ist etwas zwischen beiden Stehen- 
des, ein συμβεβηχός (ein Zufall), wodurch die Kultur der Natur 
ähnlich wird und die Natur in die Kultur übergeht. — Im 
Ausdruck (vgl. über das oupßeßnxös bei Aristoteles Zeller, 
Philos. ἃ. Griech. II 2? 5. 143, bei Epikur III 1? 5. 372) 
und in den Gedanken macht Phil. hier Anleihen bei der Philoso- 
_ phie; unter dem ovußeßnxös scheint er etwas ähnliches zu 
verstehen wie die Stoa unter εἱμαρμένη, doch bin ich in der 
philosophischen Litteratur nicht bewandert genug, um Phil.s 
_ Quelle nachspüren zu können. 


᾿ 106) Die beiden letzten Beispiele sind ungeschickt gewählt: in 
_ Menschen- und Tiergestalten kopiert die Natur nicht Werke der Kultur, 
_ sondern. ihre eignen. 


524 Karl Münscher, 


Phil.s Autorschaft wird bestätigt durch die Erwähnung 
; eines absonderlich, geformten, eines Drachen Gestalt wieder- 
gebenden Felsgebildes in Lemnos (p. 259, 28) und eines ähn- 


lichen in Kreta, dessen Phil. auch in der v. Ap. 4, 34 p. 153,5 


Erwähnung tut!”). Die Antithese von νόμος und φύσις ei 
sich auch v. Ap. p. 265, 26 sqq. 293, 26. 

Unmittelbar hinter den μελέται nennt Suidas ein weiteres 
echt sophistisches Werk: ἐπιστολὰς ἐρωτιχκάς. Es ist uns eine 
Reihe von 73 Philostratischen Briefen erhalten, zu denen als An- 
hang der bereits besprochene des Lemniers über den Briefstil 


und die eben behandelte Dialexis hinzutreten. Diese Samm- i 


lung bildet mit ihrer eigenartigen Ueberlieferung ein nicht 
uninteressantes Problem für sich. Als einer Briefsammlung 


ist natürlich ihre Echtheit in Zweifel gezogen worden, und 


es ist sogar W. Schmid, der im IV. Bande seines Atticismus 
sein verdammendes Urteil durch nicht wenige verstreute Be- 
merkungen in der Darlegung des Philostratischen Sprachge- 
brauchs zu begründen sucht. Die Beurteilung kleiner stili- 
stischer Unterschiede, ihre Verwertung für Echtheitsfragen ist 
stets mißlich; das subjektive Moment spielt dabei eine zu 
große Rolle. Und so wird auch die Frage nach dem Autor 
der Philostratischen Briefe schwerlich aus dem Sprachgebrauche 
entschieden werden können. Beim Lesen von Schmids Zu- 
sammenstellungen hat man jedenfalls durchaus nicht den Ein- 
druck, daß die Sprache der Briefe sich irgendwie sonderlich 
von der der andern Schriften abhebe; überall begegnen wir 
Uebereinstimmungen mit den übrigen Werken, in überwiegen- 


der Zahl mit der Gruppe v. Ap. und soph. Die Briefe ent- 


halten zwar eine Fülle von Worten, die den andern Schriften 


fehlen (dahin gehören auch die von Schmid hervorgehobenen . 
Fälle 5. 123 ἀμέλει zweimal in den Briefen, sonst nicht; 8. 35 


die singuläre Imperativform ἤτω), die gleiche Erscheinung 


haben wir aber bei jeder der Philostratischen Schriften. Auch 


daß den Briefen eine Reihe von Wendungen fehlen, die man 
wohl als besonders beliebt im Stile der Philostrate bezeichnen 


darf (wie z. B. ἀπόχρη und ἅπτεσϑαι 8. 134 Schm., ἀφιχνέομαι, 


101) Zu dritt nennt er ἢ Bobxpavog ἣ πρὸς Χίῳ; seine Bekanntschaft 
mit der kleinasiatischen Küste berührten wir oben $. 481 Anm. 26. 


μὰ 


Ἢ 


Die Philostrate. 525 


S. 141, ἔρχεσϑαι ἐς 8. 171, μεστός 5. 195, φοιτάω 85. 240 
u. a.) dürfte bei dem geringen Umfang der Briefe und der 
sonstigen Uebereinstimmung des Sprachgebrauchs noch keine 
Instanz gegen ihre Echtheit bilden. So bleiben schließlich die 
Abweichungen, die Schmid als besonders wichtig notiert hat. 
Davon haben die orthographischen und formellen (S. 12 Schm. 
zweimal ἔαρος in den Briefen, während sonst ἦρος überliefert 
ist, das aber auch epist. p. 225, 22 steht; 5. 17 einmal ᾿Απόλ- 
Awv& neben dem sonst — auch epist. p. 245, 23 — gebrauchten 
᾿Απόλλω; 8. 27 öfters ϑέλω neben ἐθέλω, das die gewöhn- 
liche Form, aber 3mal auch ϑέλω im übrigen Phil.; 5. 35 ἧς 
einmal neben ἦσϑα; S. 37 xdw statt χαίω; 5. 88 wöpnv statt 
ὥμην; 5. 124 ἂν, ἐὰν und ἣν nebeneinander, während ἂν nur 
omal in v. Ap., sonst ἣν, das im Her. und imag. fehlt) doch 
wohl kaum viel Gewicht; nicht mehr alles übrige, wie das 
Fehlen von Sprichwörtern (S. 493), dagegen Fülle von poe- 
tischen Metonymien (5. 494), mehrgliedrige Anaphora (S. 500), 
öftere Hypophora, sowie Ausruf mit ὦ (8.529). Alles dies erklärt 
sich wohl zur Genüge aus der intensiven Benutzung poetischer 
Vorbilder für die Abfassung der größten Teils erotischen Briefe 
(vgl. F. Wilhelms Tubulluntersuchgn, Philol. 69, 1901. 579 Εἰ, 
Rhein. Mus. 59, 1905. 280 f.). Ich bin geneigt, die Gesamtheit 
der Briefe als echt zu betrachten, solange nicht das Gegenteil im 
einzelnen Falle mit durchschlagenden Gründen bewiesen wird. 

Den mit Suidas’ Angabe übereinstimmenden Titel Φιλο- 
στράτου ἐπιστολαὶ ἐρωτικαί trägt die in der II. Handschriften- 
klasse (nach Kaysers Klassifikation) stehende Sammlung von 
55 Briefen (vgl. die Zusammenstellung des Inhalts der ver- 
schiedenen Handschriften in der praef. epist. p. VI—-VII gr. 
Ausg.). Die gleichen Briefe nur in anderer Reihenfolge und 
zum Teil in kürzerer Fassung enthält auch die I. Handschriften- 
klasse bis auf 6; in Kaysers Ausg. sind es die Briefe 1—39. 
46. 47. 50. 54—58., dazu 59—64 in II. (im Urbinas 106 U., 
der sonst zu 1 gehört, sind diese 6 aus II am Ende der Samm- 
lung nachgetragen und deshalb von Kayser der in I erhal- 
tenen Briefreihe angehängt!”). Diese Sammlung, wie der 


108) Dieselben 6 (59—64) enthält auch die Hdschr.-Gruppe y_bei 
Kayser, die aber überhaupt nur besteht aus Nr. 283—39 (unter Ein- 


526 Karl Münscher, 


Titel in II besagt, durchweg erotischer Briefe liegt also in 
doppelter Recension vor!). Für beide Recensionen nahm 
Kayser Entstehung von der Hand Phil.s an; die kürzere (in 
I) ist nach seiner Meinung das ursprüngliche Jugendwerk, die 
ausführlichere (in II) die überarbeitete Ausgabe des Alters: illa 
vividior est, brevior et concisior ; haec magis contemplativa, diffu- 
sior et verbosior; ıilla multum in exemplis ex vita et historia et 
mythologia petitis versatur et plura habet μελέτῃ accommodata, 
haec passim γνώμας adspersit magisque accedit ad διάλεξιν 
(praef. gr. Ausg. p. ἢ. Das ist Kaysers Urteil, das Wester- 
mann, de epistolarum script. Gr., pars VI, 1854, p. 19 sgg. 
billigt (vgl. seine Phil.-Ausg., Paris, Didot 1846, praef. p. V]), 
auf wenig Tatsächlichem ruhend. Beispiele aus dem Leben, 
der Geschichte, der Mythologie enthalten die in I fehlenden 
Teile von Il nicht minder (vgl. z. B. die längere Fassung der 
Briefe 8. 34. 36 τὰς Λευχιππίδας, besonders 38). Die γνώμη 
ist überhaupt ein Charakteristikum dieses geschraubt-rhetori- 
schen Stils, der durchaus geistreich sein soll; sie findet sich 
in der kürzeren Fassung (fast jeder Brief enthält eine Be- 
sründung in gnomologischer Form) wie in den Zusätzen der 
längeren. Der Behauptung aber, die längere Fassung sei die 
Arbeit des bedächtigeren Alters, muß man unbedingt wi- 
dersprechen; schwerlich wird ein Mann im höheren Alter sich 
gedrungen fühlen, so stark der Sinnlichkeit huldigende Zu- 
sätze zu machen, wie sie etwa Brief 60 oder die längere Fas- 
sung von 34 aufweisen. Angenommen also, beide Recensionen 


schiebung von Nr. 23 hinter 34). 54. 46. 55. 68. 47. 50. 56. 59. 58. 64. 
62. 60. 61, und zwar sind von Nr. 54 an die Briefe als getrennte Gruppe 
mit dem Titel Φιλοστράτου ἐπιστολαὶ ἑταιρικαί überliefert. Man sieht, 
aus der ursprünglichen Masse hat man Auswahlen nach verschieden- 
artigen Gesichtspunkten getroffen. y 

109) In beiden Hdschr.-Klassen tragen die Briefe sämtlich Ueber- 
schriften, zumeist γυναικί oder μειρακίῳ, bez. τῷ αὐτῷ oder τῇ αὐτῇ, 
hier und da noch Zusätze wie μ. ἀνυποδέτῳ (18), γ. πόρνῃ (19), ἑτέρᾳ 
γ. (23), γ. ϑυμουμένῃ (25), γυναίῳ τινί (28) ἃ. 8., die eben wegen ihrer 
Allgemeinheit gewiß nicht vom Autor selbst, sondern von späteren Lesern 
stammen. In II stimmen sie durchaus überein mit dem Inhalte (verein- 
zelte zweifelhafte Fälle berühre ich unten), in I trägt Br. 54 (= 2 inlI) 
die unbedingt verkehrte Ueberschrift μειρακίῳ (vgl. p- 250, 14 und 16). 
Andere Abweichungen der Ueberschriften wie bei 2 (= 4 in II) erklären 
sich aus den verschiedenen Anordnungsprincipien der beiden BRecen- 
sionen (s. unten δ, 529). 


Die Philostrate. Rat 


stammen von einem und demselben Verfasser, so ist mir die 
Priorität der längeren vor der kürzeren weit wahrscheinlicher 
"als das umgekehrte Verhältnis. — Eine andere Erwägung 
führt mich zum gleichen Resultate. Die kürzere Fassung ist 
vollständig (bis auf verschwindend geringe Abweichungen) 
in der längeren enthalten. Nun ist es leicht verständlich und 
"natürlich, daß jemand, der ein Litteraturwerk verkürzen will, 
lediglich Streichungen vornimmt, den Rest in seinem Wort- 
laute aber unberührt bestehen läßt; umgekehrt aber ist weit 
weniger glaublich, daß jemand, der ein vorhandenes Werk 
‚durch Zusätze erweitern will, sich bemüht, diese dem vorhan- 
denen, ohne es zu ändern, anzupassen; zumal wird der Autor 
selbst, wenn er der erweiternde ist, nicht so ängstlich auf Er- 
haltung des früheren bedacht sein. — Daß aber in der Tat die 
längere Recension die ursprüngliche ist, beweist mir der Brief 
19 (51 in II), wohl der einzige, der in beiden Fassungen eine 
erhebliche inhaltliche Verschiedenheit aufweist. In der kür- 
zeren von I richtet er sich an die Geliebte (vgl. den Anfang 
πωλεῖς σεαυτήν), in der längeren an den schönen Knaben (rw- 
λεῖς σεαυτόν und der in I fehlende Satz ἐχείνοις με ἀρέσχεις, 
ὅτι γυμνὸς ἕστηχας xte.). Die Hingabe an jedermann wird in 
echt sophistischer Weise durch rein äußerliche Parallelen oder 
Beispiele gebilligt und empfohlen, hier zunächst zwei aus dem 
täglichen Leben genommene: π. 0. xal γὰρ οἵ μισϑοφόροι" xal 
παντὸς εἶ τοῦ dtööovrog' nal γὰρ ol κυβερνῆται. Diese Beispiele 
sind ausgewählt mit Rücksicht auf den Knaben; nur für ihn 
geben die sich verkaufenden Söldner und Steuerleute ein Vor- 
bild. Mit was für Beispielen der gleiche Gedanke für das 
Mädchen ausgeführt wird, zeigt am besten der Parallelbrief 38 
(50 in 11)110): da sind die entsprechenden Beispiele: Danae, die 
Gold, Artemis, die Kränze angenommen, Helena, die sich Hirten 


110) In diesem ist dem Ueberarbeiter seine Arbeit besser gelungen. 
Von den Sätzen xat χιϑαρῳδοῖς χαρίζῃ" οὐ μέλλεις πρὸς τὸν’ Απόλλω BAE- 
πουσὰ in II hat er nur καὶ χκιϑαρῳδοῖς stehen lassen und mit dem vor- 
hergehenden Satze ἣ δὲ “Ἑλένη καὶ ποιμέσι verbunden: der ποιμὴν, dem 
sich Helena ergeben hat, ist natürlich Paris; auf ihn kann man aber 
auch χιϑαρῳδοῖς beziehen, von seiner Beschäftigung mit der Kithara ist 
seit Il: 3, 54 oft genug die Rede (z. B. Lykophron. 139 sq. und d. Schol. 
ss Stelle, Hor. carm. 1, 15,15. Plutarch. Alex. 15. Aelian. var. hist. 

9 Φ 


528 Karl Münscher, 


überlassen hat. Und man wird kaum in einem der andern 
der Weiberliebe geltenden Briefe Beispiele finden, die 
nicht ihrerseits das weibliche Geschlecht betreffen. Kon- 
cipiert ist also der 19. Brief in der längeren Fassung von II 
dem Knaben geltend, umgearbeitet in I zu einem Briefe an 
ein Mädchen durch Weglassen jenes Satzes ἐχείνοις ne xtE. 
und Aenderung von σεαυτὸν in σεαυτήν, aber unter Beibehalten 
der aus dem Geiste der Knabenliebe heraus gewählten Beispiele. 

Diese ungeschickte Aenderung erweist nicht nur die län- 
gere Fassung als die ursprüngliche, sondern lehrt zugleich, 
daß der Verfasser der kürzeren schwerlich der Autor der Briefe 
selbst ist. Zur Gewißheit wird das durch eine Betrachtung 
des in jeder der Recensionen befolgten Anordnungsprincipes. 
In II sind möglichst paarweise :solche Briefe nebeneinander 
gestellt, in denen der gleiche oder ein ähnlicher Gedanke in 
dem einen bez. der Knaben-, in dem andern bez. der Weiber- 
liebe ausgeführt wird. Es ist nicht eben bequem, sich mit . 
Hilfe der Kayserschen Tabelle die Briefe, wie sie in II ein- 
ander folgen, aufzusuchen. Darum sei das Princip der An- 
ordnung hier im einzelnen erläutert. — τὸ 

Nr. 1—12 variieren in mannichfacher Weise das Thema 
von der Rose als Liebeszeichen. Es entsprechen sich die bei- 
den ersten: der Knabe soll sich mit Rosen schmücken 1 (3 
bei Kayser), das Mädchen soll sich nicht nur mit den ge- 
schenkten Rosen zieren, sondern auf ihnen ruhen 2 (54). 3 (1) 
begleitet die dem Knaben gesandten Rosen, 4 (2) einen Kranz 
für das Mädchen. 5 (46) lobt den Knaben, daß er die Rosen 
als Lager verwendet, 6 (20) dagegen tadelt das Mädchen, daß 
sie allein das Rosenlager benutzt habe. 7—10 bilden eine 
Gruppe: die blühenden sind beim Knaben verwelkt 7 (9), die 
welkenden beim Mädchen wieder aufgeblüht (ἀναβιώσαντα) 10 
(63), die rasch welkenden Rosen mahnen, den Liebhaber die 
ebenso rasch welkende Schönheit genießen zu lassen 8 (55) 
an die Geliebte, 9 (17) an den Knaben. Das letzte Paar der 
Rosenbriefe lehrt, der blonde (ξανϑός) Knabe 11 (4) wie das 
blonde Mädchen 12 (21) bedürfen nicht des Schmuckes der 
Rosen. Paare zusammenhängender Briefe folgen: Der Knabe 
ist schön trotz seinem vernachlässigten Aeußern 13 (27), das 


Die Philostrate, 529 


Mädchen schön auch ohne Schmuck 14 (22). Woher auch die 
spröden Geliebten stammen mögen — 15 (5) an den Kn., 16 
(47) an das M. —, jeder Ort hat in seinen Geschichten Beispiele 
glücklich Liebender: denen sollen sie folgen. Der kurzen Klage 
über die spröde Geliebte in 17 (6) (oder ists der Knabe? — ın 
II überschrieben γυναικί, in I μειρακίῳ) folgen wieder zwei 
Paare, deren erstes, 18 (7) Κη. und 19 (23) M., den armen 
Liebhaber, das zweite, 20 (8) Kn. und 21 (28) M., den Frem- 
den als Liebhaber empfiehlt. 6 gleichartige Briefe folgen: der 
Liebhaber ist zornig auf seine Augen, die ihm die Schönheit des 
Knaben zeigen und dadurch von allem andern abziehen, 22 
(11), 24 (10) und 26 (56); den gleichen Gedanken bez. des 
Mädchens enthalten 25 (12) 111) und 27 (29), während er in 
23 (50) 115) den Augen des Mädchens zürnt, die ihn verlocken. 
Der Zorn entstellt Knaben 28 (24) und Mädchen 29 (25). Zwei 
. Briefe folgen, jeder in seiner Art zur Liebe mahnend: der 
80. (57) sucht des Knaben Scheu vor dem ἔργον zu überwin- 
den, der 31. (26) des Mädchens Strenge, das dem Liebhaber 
seinen Anblick entziehen will. Von den nächsten 6 Briefen 
bilden die 3 an den Knaben gerichteten eine geschlossene 
Gruppe: 33 (13) rät, zögere nicht, schon sproßt der Bart; 
35 (58) lobt des Knaben Bemühung, sich sein bartloses Gesicht 
' zu erhalten, während 37 (15) den gegensätzlichen Gedanken 
ausführt, daß des Knaben Schönheit erst mit dem sprossenden 
Bartflaum vollkommen wird. Von den entsprechenden Briefen 
der zweiten Reihe drängen die beiden ersten — 32 (30) und 
94 (31) — zur μοιχεία. der dritte 36 (59) spielt mit dem in 
der Liebespoesie altbeliebten Gedanken, die Geliebte sei aufs 
Land entflohen. Es folgen drei Briefe — 33 (60), 39 (33), 
40 (32) — zum Preise der Schönheit der Geliebten, die in ihnen 
als χαπηλίς (copa) erscheint 115). Das folgende Briefpaar giebt 
dem Schmerze des Liebhabers über das geschorene Haupt des 
Knaben 41 (16) und des Mädchens 42 (61) Ausdruck. Die 


111) Es hindert nichts, den Brief so zu deuten; eine bestimmte Be- 
‘ ziehung auf das Geschlecht des Adressaten liegt nicht vor; in II γυναικί 
überschrieben, in I μειρακίῳ. 

112) In 1] γυναικί, in I τῷ αὐτῷ; Entscheidung unsicher. 

113) 38 (60) ist deshalb in II überschrieben γυναικί χαπηλίδι, 39 (33) 
und 40 (32) τῇ αὐτῇ, diese beiden in I γυναικί καπηλίδι und τῇ αὐτῇ. 


590 Karl Münscher, 


nächsten zwei, 43 (34) und 44 (62), — mit 38—40 gewisser- 
mafßen korrespondierend — enthalten erneutes Lob der Geliebten; 
beide spielen mit dem Gedanken, daß der Liebhaber als neuer 
Alexander über die Schönheit zu urteilen habe; letzterer 114) 
auch dadurch besonders bemerkenswert, weil er allein der @e- 
liebten einen Namen, Eöinnn, beilegt, der uns mehrfach im 
Mythos (Parthen. 3. Apollod. bibl. 2, 18 und 19. vgl. Roschers 
Lexikon ἃ. Mythologie 11399 £.), aber seit Hermesianax von 
Menalkas’ unglücklicher Liebe zur Euippe sang (Rohde, Gr. 
Roman S. 78), auch in der Liebespoesie (Anth. Pal. 5, 228,4. 
Xenophon Ephes. 1, 2,5) begegnet. Als der bittende Lieb- 
haber erscheint der Verfasser wieder in 45 (14) gegenüber dem 
spröden (ὑπερήφανε p. 232,4) Knaben und dem sich sträubenden 
Mädchen gegenüber in 46 (35). Eine Dreiheit zusammengehöriger 
Briefe folgt: in 47 (36) wird die Geliebte ermahnt, wie Aphrodite | 
ihre Füße unverhüllt zu lassen, in 48 (37) sie gelobt, daß sie 
diesem Rate gefolgt sei; der 49. (18) giebt dem Knaben die 
gleiche Mahnung: τί οὐκ ἀνυπόδετος βαδίζεις ; der 50. (38) ver- 
teidigt das Recht der Hetäre, sich allen hinzugeben, der 51. (19) 
das gleiche für den Knaben (in I, wie wir sahen, dem Sinne 
von 50 angeglichen). Den Beschluß der δαανθανὰ macht 
eine Bitte 52 (39) des in der Verbannung lebenden Liebhabers, 
nicht auch aus dem Herzen der Geliebten verbannt zu wer- | 
den, und eine letzte Mahnung 53 (64) an die Flüchtigkeit der 
Zeit für den Knaben mit der Schlußfolgerung: RTURE φίλους 
πρίν ἔρημον γενέσϑαι. | 
Diese kunstvolle — und deshalb originale — Anordnung 
der Briefe, wie sie die Handschriftenklasse II bietet, ist ın 
der kürzeren Fassung von I beseitigt. Statt dessen ist ver- 
sucht, die der Knabenliebe einerseits, der Weiberliebe anderer- 
seits geltenden Briefe zusammenzustellen, ohne daß in den 
beiden dadurch entstandenen Briefreihen ein weiteres Anord- 
nungsprineip ersichtlich wäre. Auch ist es dem kürzenden 
Umarbeiter nicht gelungen, sein einfaches Anordnungsprincip 
streng durchzuführen (oder soll man dafür die Unsorgfalt ir- 


114) Die von Dilthey, De Callimachi Cydippa (Lpzg. 1863) p. 114 Ὶ 
Anm. 1 vorgeschlagene Aenderung ist schwerlich richtig, Cobets κἀγὼ | 
σέ wohl eine wirkliche Emendation. | 


Die Philostrate. 531 


gendwelcher Handschriftenschreiber verantwortlich machen ?), 
jedenfalls erscheinen die Briefe in I in folgender Ordnung: 1—18 
(bei Kayser) behandeln die Knabenliebe, desgleichen noch 24. 27. 
46 und 56—58; die Liebe zum anderen Geschlecht dagegen 
19—23. 25— 26. 28—39. 47. 50 (in 1 allerdings überschrieben 
τῷ αὐτῷ). 54 (Ueberschrift nerpaniw)—55 (die ausgelassenen 
Nummern 40—45, 48—49, 51—53 bei Kayser, die in einem 
Teile von I stehen, stammen aus anderer Ueberlieferung; 
darüber sogleich); es sind also zwei Reihen von 24 und 23 
Briefen 115), | 

Nach alledem vermag ich in der kürzeren Fassung der 
Briefsammlung nicht eine 2. Redaktion des Autors selbst zu 
erkennen, sondern eine später von einem Leser vorgenommene 
Umschreibung und Umstellung, bei.der er zugleich ihm nicht 
zusagende Stellen und ganze Briefe fortließ. Ein künftiger 
Herausgeber wird also, wie ich meine, bei dieser Sammlung 
erotischer Briefe von der Kayserschen Scheidung der zwei 
Recensionen zum Abdruck der vollständigen, originalen Fassung 
der II. Handschriftenklasse zurückkehren müssen !!°), 

Ueber ihren Verfasser geben die Briefe sonst keinen Auf- 
schluß, nur eine Stelle zeigt seine Bekanntschaft mit der Reichs- 
hauptstadt (p. 250, 25 εἶδον ἐν Ῥώμῃ τοὺς ἀνθοφόρους τρέ- 
χοντας 117), ein Zug, der auf den älteren Fl. Phil., den Hofmann, 


12) Die Hdschr.-Gruppe ß (p + u) von I enthält nur 40 Briefe wieder 
in völlig veränderter, soweit ich sehe, prineiploser Anordnung; ver- 
einzelt sind darin die Paare oder Gruppen von II gelassen, z. B. Br. 4 
und 21 als 2—-3, 36. 37. 18 als 33—35. Kaysers Tabelle enthält übri- 
gens einen Fehler; die Nummern von ß gehen bei ihm bis 42, aber 
12 und 41 fehlen; entweder enthält ß also nur 40 Briefe, oder 2 von 
42 darin vorhandenen sind bei Kayser nicht notiert. 

116) Zu meiner Freude kann ich für die eben begründete Ansicht 
einen gewichtigen auctor anführen; Rud. Hercher schreibt in der praef. 
der Epistologr. gr. (Paris, Didot, 1873) p. 59: ‘Philostrati epistolas cum 
exscribi ita iussissem, ut relicta duplici quam Kayserus statuit recen- 
sione ad veterem unitatem reverterer, obstinatio typothetidum Parisi- 
narum effecit ut exemplar Westermannianum, quod cum mutationibus 
meis tramiseram, ad verbum litteramque me invito repeteretur’. 

47) Schon Olearius (vgl. Boissonade, Phil. epist., Paris 1842, p. 104) 
hat das auf die Floralien bezogen; gewiß richtig. Wenn auch, soweit 
ich sehe (vgl. Wissowa, Relig. und Kultus ἃ. Römer, 1902, S. 163) von 
einem δρόμος der ἀνθοφόροι oder floriferi (Gloss. III 227, 31. 291, 34) 
keines der bekannten Zeugnisse etwas berichtet, so zeigt doch Ovid, 
welche große Rolle die Blumen und besonders die Rosen bei dem Feste 
spielten, fast. 5,335 ff. Sogar der Gedanke des Philostratischen Briefs, 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 35 


592 Karl Münscher, 


vorzüglich paßt. Es liegt überhaupt kein Grund vor, diesem 
diese Sammlung erotischer Briefe abzusprechen. Die Blütezeit 
der zweiten Sophistik war zugleich die der sophistischen Brief- 
sammlungen, die den alten Schatz erotischer Motive der Dich- 
tung in neuer gefälliger, aber prosaischer Form darboten: πᾶν 
τὸ τῶν ἐρωτικῶν ἐπιστολῶν γένος ἐρωτικῆς τινος διὰ λόγου 
ποιήσεως ἐστίν sagt Athenaeus (14, 48 p. 6893). Alkiphrons 
Sammlung 115) lag vielleicht schon vor, Phil.s Zeitgenosse Ailia- 
nos ließ seine "Adyvaioı γεωργοί᾽ ihre Erfahrungen, zumeist auch 
erotischer Art, in seinen ἀγροιχιχαὶ ἐπιστολαί aussprechen *'?). 
Der älteste Vertreter der Gattung 129), den wir nennen können, 
bleibt noch immer jener Lesbonax aus Mitylene, den Lukian 
(de salt. 69) erwähnt, dessen ἄλλαι ῥητορικαὶ μελέται Bischof 
Arethas (Schol. zu Lukian p. 144, Jakobitz IV) den Werken 
des Nikostratos und Philostratos gleichwertig erschienen, vor 
allen aber seine ἐρωτικαὶ ἐπιστολαὶ πολλὴν τὴν ἐκ τῶν λόγων 
ἀποστάζουσαι ἡδονήν 131). Diesen allen schließt sich Phil. mit 


die Vergänglichkeit der Rose mahne zum Genuß der flüchtigen Jugend- 
blüte (ein Gemeinplatz der Liebespoesie, vgl. z. B. Anth. Pal. 5,73 und 117) 


hat in der Ovidischen Festbeschreibung seine Stelle, V. 353 sg. Die 


Anthophoren bei Phil. lassen vielleicht die Verrianische Erklärung 
des alten Festnamens (Paul. Fest. p. 91) florifertum dietum, quod eo 
die spicae feruntur ad sacrarium (Florae, fügt Wissowa hinzu) richtig 
erscheinen. Vgl. auch die Gloss. III 9,6 ἀνθοφόρος Flora (= 168,19). 

118) Wenn er wirklich Ailians Vorbild war, vgl. H. Reich, de Al- 
ciphronis Longique aetate, Diss. Königsberg 1894, p. 39 sqq., doch s. 
Rohde, Gr. Roman p. 502 Anm. 35. 

119) Christs Zweifel an der Echtheit der Ailianbriefe wegen des 
Stils (Gesch. d. gr. Litt.* S. 762) ist unbegründet. Im Schlußsatz des 
letzten Briefes bekennt sich der Verfasser nicht als Athener, nur als 
Atticist. 

120) Undatierbar, aber jedenfalls später Zeit angehörend sind die 
beiden von Suidas erwähnten Epistolographen Zonaios (ἐρωτικαὶ und 
ἀγρουκυκαὶ)δ und Melesermos (ἕταιρικαί, ἀγροιχικαί u. 8.). — Einen um 
Jahrhunderte zurückliegenden Vorläufer hat diese Litteraturgattung in 
den ἐρωτικαὶ ἐπιστολαὶ Chrysipps, aus denen die Homilien des Clemens 
Romanus (5, 18. frg. 1072 bei Arnim) die auch sonst für Chrys. bezeugte 
(vgl. frg. 1071 und 1073/4 Arnim) obscöne Geschichte von Zeus und 
Hera anführen, die Chrys. allegorisch auf σπερματιχὸς λόγος und ὕλη 
deutete. Daß aber die Briefe nicht etwa bloß philosophischen Inhalts 
waren, beweist Diog. 10,3, wo erzählt wird, die Stoiker hätten in ihrem 
Haß gegen Epikur diesem 50 lascive (ἀσελγεῖς) Briefe zugeschrieben und 
τὰ eig Χρύσιππον ἀναφερόμενα ἐπιστόλια ὡς Ἐπικούρου zusammengestellt. 

121) Die Trennung des Lesbonax bei Lukian von dem vom Scho- 
liasten genannten, die Rohde (gr. Rom. 8. 341 Anm. 3) befürwortete, 
ist wohl nicht gerechtfertigt, vgl. Rud. Müller, de Lesbonacte gram- 
matico, Diss. Greifswald 1890, Ὁ. 102 sq. 


ee 


Die Philostrate. 533 


seinen erotischen Briefen an. Wie in Ailians Briefen (vgl. H. 
Reich a. a. O. p. 27) werden wir auch in denen Phil.s ein 
Werk jüngerer Jahre zu sehen geneigt sein; vielleicht ist es 
das älteste der erhaltenen Werke von seiner Hand. 

Von diesen erotischen Briefen ist nach Form und Inhalt 
wie der Ueberlieferung nach der Rest der Philostratischen 
Briefe zu trennen. Es sind nach Kaysers Zählung die Num- 
mern 40—45. 48—49. 51—53. 65—73. Sie stellen eine 
Sammlung sehr verschiedenartiger Briefe dar, ganz kurzer 
Billets wie umfänglicherer Schreiben, die offenbar alle unter dem 
Namen Phil. umliefen. Nirgends ist uns aber diese Sammlung 
vollständig erhalten, am vollständigsten noch im Laurentianus 
LIX 30 saec. XIII (p bei Kayser), der außer Brief 48, 53 und 
‘3 sie alle enthält, in welcher Reihenfolge ist aus Kaysers 
Angaben nicht ersichtlich. Die gleichen, aber ohne 51—52, 
jedoch vermehrt um 48 und 73'??) enthält nach Kayser der 
von Konstantinos Laskaris geschriebene Matritensis 63, der 
Reihe der ἐρωτιχαί von II vorangestellt, und zwar, da die von 
Markos Musuros (fol. 4000) besorgte Aldina der Epistolographi 
Graeci von 1499 ein Abdruck des Matritensis sein soll, in der 
Reihenfolge: dial. I. 40—44. 65—66. 49. 45. 67. 48. 73. 
68—72 (wie sie also bei Boissonade und den älteren Heraus- 
gebern der Briefe einander folgen). Schließlich ist ein Teil 
der kleinen Sammlung, die Briefe 40—45. 48—49. 51—52 
und der in beiden andern Zeugen, x und dem Matritensis, 
fehlende Br. 53 in einen Teil der Ueberlieferung I der erotischen 
"Briefe, die Gruppe α (Rrr c) bei Kayser eingedrungen. Diese 
dreifache Ueberlieferung, deren jeder Zweig uns etwas beson- 
deres, den beiden anderen fehlendes, bewahrt hat, weist uns 
zurück auf einen Archetypus dieser ergänzenden Sammlung 
Philostratischer Briefe. 

Schon äußerlich heben sie sich von den ἐρωτικαί deutlich 

132) Hier enthalten Kaysers Angaben wieder (p. IV) einen Wider- 
spruch; bei φ wird Br. 48 nicht genannt; dieselben Briefe wie ῳ soll 
der Matritensis enthalten; aus ihm soll die Aldina ein Abdruck sein; 
diese enthält aber Br. 48 (als Nr. 12): Wo steckt da der Fehler? — 
Schanz’ Urteil über Kayser als Kritiker, Rhein. Mus. 38, 1883, 8. 305, 
findet dadurch leider eine Bestätigung. Eine neue Ausgabe der ge- 


samten Philostratischen Werke auf handschr. Grundlage ist heute ein 
dringendes Bedürfnis. 


᾿ - 35% 


594 Karl Münscher, 


dadurch ab, daß sie fast sämtlich nach der Ueberlieferung 
einen Adressaten mit Namen nennen. Eine Ausnahme davon 
macht jener 53. nur in & erhaltene, der in R r die farblose 
Ueberschrift γυναικί τινι (daher in den älteren Editionen γυ- 
ναικί) trägt”), und der 48., der in der Aldina μειρακίῳ, in 
R r ἑταίρῳ τινί überschrieben ist. Beide schließen sich inhalt- 
lich den erotischen an; der 53. steht jenem Briefpaar am 
nächsten, das von der.entstellenden Wirkung des Zornes handelt 
(oben S. 529); der 48. ist eine kurze Klage über die Unzu- 
gänglichkeit des Knaben wie etwa der 14. (= 45. in ID. 
Auch mehrere der andern Briefchen sind noch erotischen In- 
halts. Der Frauenliebe gelten: 40 Bepeviny!?*), gegen das 
Schminken; 44 ᾿Αϑηναΐδι, ein witziges Spiel mit Gedanken des 
Platonischen Phaidros; 51 KAeoviön, ein “Rosenbrief’ an eine 
Schöne, die die erste Jugendblüte schon überschritten hat; 52 
Νιχήτῃ, eine kurze γνώμη mit einem Wortspiel über ἐρᾶν und 
ὁρᾶν. Während diese trotz der Namen den erotischen völlig 
gleichen, versprengte Stücke derselben Art sind, macht der 
Rest der kleinen Briefe einen ganz anderen, weit persönlicheren 
Eindruck. Mit dem ἔρως beschäftigen sich zwar noch Br. 41 
und 43, sie sind aber nicht, wie alle der erotischen Sammlung, 
an die Geliebten gerichtet, vielmehr spottet der 41. über einen, 
zu Korinth lebenden Athenodoros, weil er ohne persönliche 
Kenntnis, nur ἀχοὴν σπάσας einen ionischen Knaben liebe, und 
der 43. giebt einem gewissen Aristobulos (so die Aldina, in ἃ 
töricht τῷ αὐτῷ überschrieben) die Lehre, es sei σωφρονέστερον 
als Liebender Enthaltsamkeit zu üben als überhaupt nicht 
zu lieben. Zwei sind kurze Begleitschreiben bei Uebersen- 
dung ländlicher Gaben, von besonders guten Erythräischen!”) _ 
Aepfeln an einen Diodoros (45) und Feigen an einen Nestor (Al- 
dina, in α τῷ αὐτῷ, 49)"2%), Drei richten sich an eine und dieselbe 


128) In « sind auch die Namen der Adressaten der anderen Briefe 


zum Teil verschwunden und durch τῷ αὐτῷ ersetzt, also den hand- 
schriftlichen Ueberschriften der erotischen Briefe angeglichen. 

124) Nach dem über die Ueberlieferung dieser Briefe gesagten ist der 
Name Bepeviny durch die Aldina so gut bezeugt wie die der andern Briefe 
durch φ; das gleiche gilt von den Ueberschriften der Briefe 42, 34 und 49. 

3 125) Beziehungen der Philostrate zu Erythrae konstatierten wir schon, 
s.. 8. 491. 

126) Auch diesen beiden kann man erotischen Sinn beilegen, als 

Begleitschreiben von Liebesgaben an den geliebten Knaben. So sind 


Die Philostrate. 535 


Person, einen ’Erixtnros (42, in ἃ ganz verkehrt mit τῷ αὐτῷ 
bezeichnet, auch hier der Name in der Aldina, 65 und 69); 
alle drei warnen vor dem Ueberschätzen der Gunst des Volks 
und zwar des Athenischen; der 69. meint bitter genug, der 
Beifallslärm der Athener lasse den Epiktet vergessen, wer er 
sei und von wem er abstamme: gewiß ist es ein Sophist, ein 
Konkurrent, dem der Verfasser diesen ernsten Zuspruch zu teil 
werden läßt. Eine noch härtere Verurteilung erfährt ein Rhetor 
Chariton, der da hofft, seine λόγοι würden auch nach seinem 
Tode den Griechen im Gedächtnis bleiben, im 66. Briefe; 
Schmids ansprechende Vermutung (Pauly-Wissowa III 2170), 
Phil.s Worte könnten dem Romanschriftsteller Chariton gelten, 
den er ins beginnende III. Jhh. versetzen wollte (verschiedene 
Stilprineipien hätten Phil.s hartes Urteil veranlassen können, 
Chariton huldigt nämlich nicht der ἀφέλεια) ist durch den 
Fund eines Papyrusfragments II. Jhhs. des Chariton-Romans 
(vgl. Bursians Jahresbericht Bd. 108 S. 270) widerlegt worden, 
der Romanschreiber ist noch älter!?”) und also mit dem bei Phil. 
erwähnten nicht identisch. Brief 68 empfiehlt einem alternden 
Ktesidemos die Lektüre erotischer Dichter. 67 und 71 sind Em- 
pfehlungsschreiben : letzteres empfiehlt einem Π[λεισταρετιανός (so 
der Name in 9, in der Aldina Αἱρετιανῷ) in zierlichster Weise 
einen erotischen Dichter Κέλσος zu sastfreundlicher Aufnahme, 
ersteres einen τραγῳδός (Dichter oder Schauspieler?) Diokleseinem 
Philemon. Brief 72 erhebt gegen einen Antoninus den Vorwurf, 
sich ein Haus widerrechtlich angeeignet zu haben (wenn ich damit 
den Sinn der Worte richtig treffe). Der 70. endlich, ein Antwort- 
schreiben an zwei Imbrier, Kleophon und Gaius, mit der Mit- 
teilung, daß ihre, nicht genannten, Wünsche teils schon erfüllt 
seien, teils baldigst erfüllt werden sollen: ἐγὼ γὰρ Λήμνιος ὧν 


sie jedenfalls aufgefaßt worden von dem, der die erotischen dieser 
Briefreihe an diein α erhaltenen erotischen Briefe anschloß (Nr. 40—45. 
48—49. 51—53); nur der ganz anders geartete 42. ist ihm versehent- 
lich mit hineingeraten. — Casanova .(conf. Boissonade p. 62) wollte. in 
dem Nestor jenen Epiker wiedererkennen, der eine Ilias λειπογράμματος 
ἤτοι ἀστοιχείωτος und Metamorphosen gedichtet hat; das ist eine zwar 
nicht unmögliche (der Epiker blühte nach Suidas ἐπὶ Σεβήρου τοῦ βασι- 
λέως), aber durch nichts gestützte Vermutung. 

᾿ς 5 v. Wilamowitz, die Griech. Litteratur, 1905, 5, 182, setzt Cha- 
rıton in die Neronische Zeit. 


536 Karl Münscher, 


> 


πατρίδα ἐμαυτοῦ nat τὴν Ἴμβρον ἡγοῦμαι, συνάπτων εὐνοίᾳ καὶ 
τὰς νήσους ἀλλήλαις καὶ ἐμαυτὸν ἀμφοτέραις. Ri 

Keine der genannten Personen ist uns sonst bekannt, der 
Rhetor Chariton nicht, ebensowenig der Tragöde Diokles!?®) und 
der Dichter Celsus. Gerade aber diese Fülle persönlicher 
Beziehungen drückt den Briefen den Stempel der Echtheit 
auf; sie sind Produkte des Mannes, der im 70. selbst als seine 
Heimat Lemnos nennt, also doch wohl Phil.s.. Publiciert frei- 
lich wird die Sammlung, wie sie vorliegt, von ihm nicht sein. 
Irgend jemand scheint die hier und da unter Phil.s Namen 
kursierenden Briefe gesammelt, bez. aus den umlaufenden Briefen 
sich diese Sammlung von flores Philostratischen Briefstils an- 
gelegt zu haben; denn daß wir es, die Authentie vorausgesetzt, 
teilweise nicht mit vollständigen Briefen, sondern mit aus 
solchen genommenen Glanzstellen zu tun haben, bedarf wohl 
keines Beweises; die an Epiktet gerichteten z. B. sind ja nur 
kurze Gnomen, Apophthegmen. N 

Für die Authentie dieser Florida sprechen besonders noch 
die zwei größeren Stücke, die der Sammler ihnen angeschlossen 
hat. Es ist erstens der schon besprochene Brief des Lemniers 
Phil. an Aspasios, der aber auch in anderen Hdschrn., nicht 
‘nur denen der Briefe, sich findet (vgl. Kayser p. δ), und der 
73. an die Kaiserin Julia Domna?!?), den Norden, Antike 
Kunstprosa I (1898), S. 380 f. erläutert hat. Er enthält eine 
aus dem Geschmack der Zeit am manierierten Stil sich erklärende 
Verteidigung des Gorgias. Diese wird geführt durch Auf- 
zählung seiner Schüler und Nachahmer. Voran steht der 
Gedanke, auch Plato sei nicht — wie manche fälschlich meinten 
— den Sophisten abhold gewesen, sondern habe selbst den 
Gorgias, Hippias, Protagoras imitiert. Um so weniger dürfe 
das mißgünstige Urteil Plutarchs über Gorgias gelten: dieser 
Schlußgedanke wird recht sophistisch-höfisch in eine Bitte 


128) Bin Diokles τραγῳδός aus dem II. Jhh. v. Chr. in einer del- 
phischen Inschrift, Dittenberger?, Sylloge II 691,55; vgl. Pauly-Wis- 
sowa, V 793, Nr. 11. 

129) ᾿Ιουλίᾳ Σεβαστῇ lautet die Anrede des Briefs; p. 257,21 ὦ βασί- 
λεια. Für die litterarischen Interessen der Kaiserin. noch besonders 
interessant die Bemerkung p. 257,13 Αἰσχίνης δὲ ὃ ἀπὸ τοῦ Σωχράτους,᾿ 
ὑπὲρ οὗ πρώην. ἐσπούδαζες ὡς οὐκ ἀφανῶς τοὺς διαλόγους κολάζοντος ARTE. 
Ueber dessen Thargeliarede 5. Hirzel, der Dialog I S. 140 Anm. 2. 


Die Philostrate. 537 


verkleidet, die Kaiserin möge selbst versuchen, den Plutarch 159) 
ven seinen verläumderischen Aeußerungen über die Sophisten 
und besonders über Gorgias abzubringen; gelinge das nicht, so 
wisse sie selbst in ihrer Weisheit (οἵα σοὺ σοφία χαὶ μῆτις 
p: 257, 24; vgl. oben S. 477), welcher Name dem Verleumder 
gebühre (etwa χαχοήϑης, Norden denkt an ἀβέλτερος). Daß 
Plutarch in einer verlorenen Schrift dem Gorgias vorgeworfen 
hatte, das echte, einfache Attisch verdorben zu haben, lehrt 
das Citat bei Isidor von Pelusium (epist. 2, 42, Migne 78, 
484°): gegen die gleiche Schrift richtet sich wohl Phil.s An- 
griff. Diese versteckte Beziehung — sie ist zu fein für einen 
Fälscher — wahrt dem Briefe seine Echtheit, die zu bezweifeln 
man sonst leicht geneigt wäre wegen der zahlreichen wört- 
lichen Uebereinstimmungen des Briefes mit den ersten Kapiteln 
der Sophistenbioi!?!). Da der Brief noch zu Lebzeiten der 
Kaiserin Julia, also vor 217, geschrieben ist, können wir nur 
konstatieren, daß Phil. in den 15 und mehr Jahre später ver- 
faßten Bioi sich in Gedanken und Worten eng an den früheren 
Brief angeschlossen hat oder vielmehr dieselbe Quelle über 
die alten Sophisten zweimal benutzt hat. 

Das letzte, was Suid. vor seinem abschließenden χαὶ ἄλλα 
τινά (dazu würde z. B. die Schrift über den Streit zwischen 
Aspasios und dem Lemnier gehören, s. S. 510) von Werken 
dieses Phil. nennt, sind ἐπιγράμματα. Ein einziges in der 
Anthologia append. Planud. 110 trägt Phil.s Namen, das aber 
- in zwiefacher Hinsicht interessant ist. Die 4 Distichen «is εἰ- 
χόνα Τηλέφου τετρωμένου sind keine Aufschrift mehr im eigent- 
lichen Wortsinne, sondern eine Beschreibung eines Kunstwerkes, 
wie solche von Gemälden und Statuen unendlich oft in der 
Anthologie sich finden. Auch Phil.s Epigramm gilt einem 
Gemälde (wie das bereits Heyne aus dem letzten Distichon 
gefolgert hat, vgl. ἃ. Anm. bei Dübner, Anth. Pal. II 1872 


180) Selbstverständlich ist an keinen anderen, jüngeren zu denken, 
wie das Norden ὃ. 381 Anm. 1 betont. 

151) Vgl. zu p. 256, 20/21: v. soph. p. 4,1. p. 256, 31/32: p. 14,19 
und 8,25. θ᾽ 257, 3/4: p. 3,2 und 18,25. p. 257,8/9: p. 12, 5/6. p. 257, 
18/19: p. 11,30. Zu den an den beiden letzten Stellen als Gorgianisch 
angeführten Schemata (ἀποστάσεις und προσβολαί) vgl. die Zusammen- 
stellgn. in Ernestis Lexikon technologiae Graec. rhetoricae (Lips. 1795) 
5. v. ἀπόστασις, 


598 Karl Münscher, 


p. 619): wir sehen ihn also in älterer Manier dichterisch be- 
handeln, was sein Neffe in modernste Form, in Prosa, umgoß. 
Andrerseits ist die Wahl gerade dieses Sagenstoffes nicht 
minder bemerkenswert: auch darin berührt er sich mit dem 
Lemnier, von dessen ausführlicher, eigentümlicher Behandlung 
der Telephossage nach pergamenischer Tradition wir schon 
gesprochen haben. In Pergamon ist die Telephossage heimisch: 
man ist versucht, mit des Il. Phil. dortigem Aufenthalte im 
J. 214 (vgl. S. 481) auch die Entstehung dieses Epigramms 
in Verbindung zu bringen. 

Erscheint dieser berühmteste Phil. in allen seinen Werken 
(auch der v. Ap.; die Dialexis mit philosophischem Anstrich 
fällt dabei nicht ins Gewicht) lediglich als σοφιστής, so lehrt 
das Schriftenverzeichnis des ältesten der Philostrate uns einen 
_ vielseitigen, nicht bloß dem Wortgepränge, auch der Wissen- 
schaft dienenden Mann kennen. — Voran stellt Suidas aber 
auch bei Phil. I. die Werke, die ihm die Bezeichnung *‘Sophist’ 
eingetragen haben: ἔγραψεν λόγους πανηγυριχοὺς πλείστους καὶ 
λόγους ᾿Ελευσινιαχοὺς δ΄, μελέτας. Wir sehen, es sind die 
beiden Arten der Vorträge der damaligen Prunkredner, μελέται 
und διαλέξεις, denn zu den letzteren gehören die ᾿Εἰλευσινιαχοὶ 
und πανηγυρικοί. Das sind hier und da in den Städten Grie- 
chenlands und Asiens gehaltene Festreden, die wir uns in der 
Art von Aristides’ πανηγυρικὸς ἐν Κυζίκῳ περὶ τοῦ ναοῦ (or. 27) 
und seines — allerdings nur schriftlich übersandten — un- 
vollständig erhaltenen πανηγυρικὸς ἐπὶ τῷ ὕδατι τῷ ἐν Llep- 
γάμῳ (or. 53) denken mögen. Erstere, die ᾿Βλευσινιακοί, eine 
besondere Gruppe von panegyrischen Reden, sind beim Agon 
zu Eleusis — Phil. I. war als Sophist, wie Suidas sagt, zu- 
nächst in Athen tätig — gehaltene Festreden!??) zu Lob und 
‚Preis des Ortes, seiner Gottheiten und der von ihnen den 
_ Menschen gespendeten Segnungen, so wie Aristides in seinem 
Ἰσϑμικός (or. 46), der an den isthmischen Spielen ($ 23) ge- 
halten ist, Poseidon und die lokalen Meergottheiten, deren 
Kolossalstatuen Herodes Atticus auf dem Isthmos hatte er- 
richten lassen (v. soph. p. 59, 25), sowie die Stadt Korinth 


132) Ein besonderes Ereignis, die Zerstörung des Eleusischen Tempels 
durch Brand, beklagt der ᾿Ελευσίνιος des Aristides (or. 22 Keil). 


Die Philostrate. 539 


preist. — Die folgende Gruppe von Titeln zeigt, daß Phil. 1. 
wie viele andere Sophisten (z. B. Aristokles, Aristides, Adrianos, 
. Hermogenes, Apsines) sich auch mit der Theorie der Redekunst 
befaßt hat. Suidas nennt ζητούμενα παρὰ τοῖς ῥήτορσι, etwa 
gleich ‘rhetorische Streitfragen’, dann ῥητορικὰς ἀφορμάς, eine 
Topik; der Titel begegnet seit dem alten Thrasymachos oft in 
der rhetorischen Litteratur (Timaios von Tauromenion soll nach 
Suidas συλλογὴν ῥητορικῶν ἀφορμῶν geschrieben haben; Proleg. 
in Hermog., Walz IV p. 35, ὃ γέγραπται. .. ᾿Αλεξάνδρῳ τῷ 
Νουμηνίου χαὶ Λολλιανῷ περὶ ἀφορμῶν ῥητορικῶν, ein Stück 
der Art bei Walz IX 331. vgl. Dionys. de Lys. 15. Lukian. 
Ent. διδάσχ. 18). Zur Gruppe der rhetorischen Schriften ge- 
hört wahrscheinlich auch das περὶ τοῦ ὀνόματος betitelte Werk. 
Suidas’ parenthetische Bemerkung ἔστι δὲ πρὸς τὸν σοφιστὴν 
᾿Αντίπατρον benutzten wir bereits (5. 517), um die Lebenszeit 
des Phil. I. auf die 2. Hälfte des II. Jhhs. zu fixieren. Die 
Polemik gegen Antipater setzt bei diesem eine vorangegangene 
Behandlung des gleichen Gegenstandes voraus. Den Titel des 
Buches περὲ τοῦ ὀνόματος darf man auffassen im Sinne von 
περὶ τῆς ὀνομασίας (Aristot. poet. 6, 18. Dionys. de comp. 
verb. 3 p. 9, 13 Rad.) = ἑρμηνείας oder λέξεως; es wird ähn- 
liches behandelt haben, wie περὶ συνθέσεως ὀνομάτων von 
Dionys. Ä 

Die bunte Reihe weiterer Schriften eröffnen bei Suidas 
περὶ τραγῳδίας βιβλία γ΄. Darin scheint Phil. I. sich theore- 
tisch mit der dramatischen Poesie befaßt zu haben, der Kunst, 
die er, wie wir am Schluß des Suidasartikels erfahren, in 43 
Tragödien und 14 Komödien selbst gepflegt hat. Diese Nach- 
richt erschien samt den wenigen anderen über Tragödien 
schreibende Sophisten E. Rohde so unglaublich, daß er die 
Tragödien und Komödien ‘eher als irgend eine, schwer genau 
zu bezeichnende Gattung prosaischer Erzählung, denn als 
eigentlich scenische Dramen verständlich’ fand (Gr. Roman 
S. 851 Anm. 1; doch vgl. jetzt die Zusätze der 2. Aufl.). In 
Wahrheit sind die Nachrichten, die wir für Dichtung und Vor- 
führung von Tragödien und Komödien auch für die Kaiser- 
zeit haben, gar nicht so selten. Ein Freund des jüngeren 
Plinius, Vergilius Romanus, dichtete Komödien in Nachah- 


540 Karl Münscher, 


mung Menanders und seiner Zeitgenossen, wie Plautus und 
Terenz; er wagte es sogar, eine ad exemplar veteris comoediae 
zu verfassen, die Plinius ihn in kleinem Kreise vorlesen hörte 
(Plin. epist. 6, 21, 2—5). Ein M. Pomponius M. F. Bassulus 
Hadrianischer Zeit berichtet auf seinem Grabstein (Carm. epigr. 
97 Bücheler), daß er Menandrische Komödien übertragen und 
eigene gedichtet habe. Einen Freigelassenen Hadrians Aristo- 
menes nennt Athenaeus 3, 82 p. 115” als ὑποχριτὴς ἀρχαίας 
κωμῳδίας. Gellius (20, 4, 1) erwähnt zeitgenössische comoedi 
und tragoedi (neben tibicines). Eine Inschrift Antoninischer 
Zeit (Ὁ. 1. A. III 120) nennt einen T. Aid. Αὐρήλ. ᾿Απολλώνιος 
Tapoeds καὶ ᾿Αϑηναῖος χωμῳδός, der im Agon der seit Ha- 
drian zu Athen gefeierten Olympien gesiegt hat. Apuleius 
rühmt sich (for. 9 p. 37) seiner poetischen Leistungen apta 
virgae, lyrae, socco, cothurno und erwähnt mehrfach das 
Auftreten tragischer und komischer Schauspieler (neben den 
Mimen z. B. flor. 5 p. 18. 18 p. 83). Mehrere Angaben Phil.s 
in den v. soph. sind zu erwähnen: p. 45, 21 eine Anekdote 
von einem tragischen Schauspieler, Polemon und dem Kaiser 
Antoninus (vgl. p. 52, 16). Pammenes ward an den Pythien 
ἐπὶ τραγῳδίᾳ bewundert (p. 62, 12). Der Sophist Isagoras, des 
Chrestos Schüler, wird zugleich ὃ τῆς τραγῳδίας ποιητῆς ge- 
nannt (p. 95, 1) 138). Ein tragischer Schauspieler, Clemens von 
Byzanz, errang den Preis im Pythischen Agon zur Zeit, als 
seine Vaterstadt durch Septimius Severus belagert wurde 
(p. 115, 26 sqq.). Diese dem II. Jhh. 155) entnommenen Bei- 
spiele mögen genügen, um des ältesten Phil. dichterische Tä- 
tigkeit als keineswegs auffallend erscheinen zu lassen. Gewiß 


188) Ein anderer Isagoras ist der v. Ap. p. 333,19 mit Apollonios 
zusammengeführte Θετταλὸς ἀνήρ. Die Identificierung beider, die Welcker, 
Griech. Tragödien (Bonn 1841) ΠῚ S. 1321 annahm, verbietet sich durch 
die Chronologie. 

184) ins II. Jbh. gehört auch der Kyniker Oinomaos, dem Kaiser 
Julian or. 7 p. 210D Tragödien zuschreibt; ob das freilich scenische 
Dichtungen waren, ist zweifelhaft; vgl. Rohde, Gr. Roman’S. 248 
Anm. 1. Dramatischer Dichter kann der C. I. A. III 769 genannte 
Qu. Pompeius Capito sein (vgl. Christ* S. 649) ποιητὴν Περγαμηνὸν τὸν 
nur ᾿Αϑηναῖον παντὶ μέτρῳ Hal ῥυϑμῷ τὴν μεγαλοφυῇ τῆς ποι( ἡγσεως 
ἀρετὴν ἐπιδειξάμενον καιρικαῖς ἀπαγγελίαις (ἃ. h. in Improvisationen, vgl. 
unten S. 542); vgl. Dio or. 81,116. — Vielleicht gehört auch der von 
Galen. de antidot. 2, 7, tom. XIV Kuehn 'p. 144 erwähnte Tragödien- 
dichter Heliodor von Athen ins II. Jhh. 


Die Philostrate. 541 


waren es rhetorisierende Dramen, wie schon die des Seneca, 
die nicht eigentlich aufgeführt, agiert, sondern nur gelesen 
oder recitiert wurden. Wir wissen aus Dio (or. 19, 5), daß 
durch Recitation auch die alten Dramen, zumeist wohl Euri- 
pides und die Menandrische Komödie, vor allem ihre iambi- 
schen Teile, damals noch an die Oeffentlichkeit gelangten. 
Auch Apuleius braucht, wo er vom Auftreten des comoedus 
und tragoedus spricht (flor. 18 p. 83), Ausdrücke, die nur den 
Vortrag (sermocinatur, vociferatur), nicht die Aktion betref- 
fen, und trennt davon den mimus und histrio. Daß aber ge- 
rade Sophisten auch in der Recitation von Tragödien ihren 
Ruhm suchten, lehrt uns eine Stelle der vitae soph. 1, 21,5 
p. 32, 2 135), die erzählt, wie sehr der Sophist Skopelianos, ein 
Vorläufer des Polemo und Herodes, seinen Lehrer Niketes 
im Ruhm der μεγαλοφωνία bei der Recitation von Tragödien 
zu übertreffen sich gemüht habe. Man darf also die Vermu- 
tung wagen, daß Phil. I. seine Dramen selbst zu epideikti- 
scher Recitation benutzt hat, — und eine derartige Recitation 
dürfte sich, abgesehen von der poetischen Form, nicht eben 
allzusehr vom Vortrage gewöhnlicher sophistischer Deklama- 
tionen unterschieden haben. Wir brauchen uns nur zu er- 
Innern, wie zahlreich die dem Mythos entnommenen Suaso- 
rienthemen sind (vgl. Sen. suas. 3. Libanios, tom. IV Reiske 
Ῥ. 3. 15. 47. 83), was für uns am deutlichsten in den ‘Vor- 
übungen’ für größere Reden zu Tage tritt; in den Ethopoiien 
der Progymnasmatiker wimmelt es von mythischen Stoffen 
(τίνας ἂν εἴποι λόγους ᾿Ανδρομάχη ἐπὶ “ἄχτορι etc. Hermog. 
prog. 9. Aphthon. prog. 11. Libanios tom. IV p. 1009 544.). 
Andererseits war Rede und Gegenrede über denselben Stoff 
allgemein beliebt; Seneca liefert stets auch die sententiae ex 
altera parte; Polemos erhaltene zwei Deklamationen sind solche 
Gegenstücke, desgl. Aristides’ Reden über die Sicilische Ex- 


186) Daß die Stelle nur vom Vortrag, nicht vom Dichten von Tra- 
gödien zu verstehen ist, betont Hirzel, der Dialog II S. 340 Anm. 2 
gegen Welcker, Griech. Trag. III S. 1323 (dem noch Christ* S. 649 folgt). 
Für das große Interesse, das nicht wenige der Sophisten der Tragödie 
entgegenbrachten, zeugt auch das Apophthegma des Nikagoras (v. soph. 
Ῥ. 119, 26) pYTepx σοφιστῶν τὴν τραγῳδίαν προσειπόντος. Als Dichter be- 
tätigten sich manche, so Skopelianos als Epiker (p. 32,6) mit einer 
Γιγαντία, Hippodromos mit lyrischen Nomoi (p. 120, 2). 


540 Karl Münscher, 


pedition (5. u. 6. nach Keils Zählung), über den Frieden mit 


den Lacedämoniern (7. 8.), über das Bündnis mit Theben (9. 
10.) und die Λευχτρικοί (11—15), auch Libanios’ Neokles (IV 
p. 374) und Themistokles (p. 388). Bei Ausarbeitung der 
Progymnasmen schuf man Rede und Gegenrede besonders in 
der ἀνασχευή und χατασχευή (vgl. Aphthon. 5 ὅτι οὐχ εἰκότα, 
6 ὅτι εἰκότα τὰ χατὰ Δάφνην. Libanios IV p. 1127 u. 1131) 


oder im ἐγχώμιον und ψόγος (vgl. Libanios’ ἐγχώμιον ᾿Αχιλ-. 


λέως IV p. 931, ψόγος A. p. 962). Der mythologische Stoff 
und Rede und Gegenrede — beides verbunden und in poe- 


tische Form gekleidet — war die rhetorisierte Tragödie. Wie 


beliebt es war, Themen der Schulreden in poetischer Form 


zu verarbeiten, hat Leo, de Stati silvis (Göttingen 1892) p. 12 


dargetan. Ein interessantes Beispiel der Art führt Leo an, 
jene Ethopoiia eines noch nicht 12jährigen Knaben Qu. Sul- 
picıus Maximus, mit der er als einem αὐτοσχεδίασμα (χαίριον 
nennt es die Inschr., derselbe Ausdruck einmal in den v. soph. 
p. 72, 24 in der Aufzählung der Werke des Herodes; vgl. 
S. 540 Anm. 134 und W. Schmid, Berl. philol. Wochenschr. 
1904 Sp. 1553) beim Kapitolinischen Agon im J. 94 unter 
92 griechischen Dichtern 156) aufzutreten wagte und cum ho- 
nore discessit: τίσιν ἂν λόγοις χρήσαιτο Ζεὺς ἐπιτιμῶν Ἡλίῳ, 
ὅτι τὸ ἅρμα ἔδωχε Φαέϑοντι (Inser. graec. Sic. et Ital. 2012. 
vgl. Lukian. deor. dial. 25. Kaibel, Epigr. gr. 618 Anm. Des- 
sau, Inser. lat. sel. Il 5177). Versificierte Ethopoiien sind 
Dracontius’ Romulea 4 und Anth. lat. 198. (= poet. lat. min. IV 
378 p. 322 verba Achillis in parthenone cum tubam Diomedis 
audisset), Dracontius’ Romulea 9 ist eine deliberativa Achillis, 
an corpus Hectoris vendat, 5 eine controversia de statua viri for- 
tis, der wie den prosaischen gleicher Art das fingierte Gesetz und 
der ‘Fall’ in Prosa vorangeht. Ein gleichartiges Elaborat des 
Dichterlings Octavianus, der wohl dem V. Jhh. angehört, 
steht in der Anthologie 21 (= poet. lat. min. IV 211 p. 244). 
Die einzige erhaltene Probe dramatischer Poesie aus der Zeit 
der zweiten Sophistik ist die Tragödie Medea (Anth. lat. 17 


136) Solch einen poetischen Wettkampf erwähnt Aristid. or. 47,42 
Ev Σμύρνῃ τὸν τῶν ποιητῶν ἀγῶνα. 


ῷ, ee μα 


Die Philostrate. 543 


— poet. min. IV 207 p. 219), ein Vergilcento. Ihr Verfasser 
hat sichs leicht gemacht: wie er seine 3 Chorlieder mit 
einem Metron bestritten hat (— = — — = -- , also 
dem zweiten Teile des daktylischen Hexameters), hat er als 
Dialogvers einfach den Hexameter selbst verwendet, ihn hier 
und da mit ‘Halbversen’, wie sie die Aeneis als Vorbild dar- 
bot, unterbrechend ; man spürt quandam festinandi voluptatem. 
Die Zeit des Machwerks ist das ausgehende II. Jhh., da die 
Notiz Tertullians (praeser. 39, — geschrieben 202) Hosidius 
Geta Medeam tragoediam ex Vergilio plenissime exsuxit ge- 
wiß mit Recht auf das anonym erhaltene Werk bezogen wird 
(vgl. Schanz, Gesch. ἃ. Röm. Litteratur, III S. 44). 

Suidas läßt in seiner Aufzählung der Werke des Phil. I. 
folgen: γυμναστιχόν — über den weiter unten —, dann λιϑο- 
γνωμικόν. Der ‘Steinkenner’, das ist nur ein Titel, aber wir 
erkennen daraus klar und deutlich den gesunden, wissenschaft- 
lichen Sinn des Verfassers. Schon Demokritos (Diels, Frgm. 
d. Vors., S. 400 Nr. 165) und Aristoteles (Rose, Arist. Pseudep. 
p- 242 sq.) hatten περὶ τῆς λίϑου (den Magnetstein) geschrie- 
ben; die vorhandenen Kenntnisse auch in dieser naturbeschrei- 
benden Disciplin hat Theophrastos gesammelt und zusammen- 
gefaßt 157), dessen Skizze περὶ λίϑων uns erhalten ist (das früher 
veröffentlichte Gegenstück war περὶ μετάλλων, Rose a. a. 0. 
p- 254 sqq.). Bald jedoch überwog das einseitige Interesse 
an den Edelsteinen; bald gab es Anweisungen zu deren Fäl- 
schung; wunderbare Kräfte legte man ihnen bei 138); so ent- 
. stand die Fülle jener mysteriösen Schwindelbücher, aus denen 
Plinius im XXXVI. Buche seiner naturalis historia schöpfte, 
die Sotakos, Sudines, Zenothemis, Zachalias und wie sie alle 
heißen. Berühmte Namen müssen das zweifelhafte Gut decken: 


137) Th. sammelt seine nicht eben reichlichen Nachrichten von 
überall her, aus der Erfahrung des praktischen Lebens (8,53 und 59 
‚werden die Erfinder zweier Bearbeitungsmethoden genannt) wie aus 
Büchern. Nachrichten über Aegyptische Steine liefern ihm ‘Königs- 
bücher’ (4, 24. 8,55). Ueber den Tuffstein und seine Anziehungskraft 
eitiert er Diokles, (vgl. Wellmann, P.-W. V 802), ob nur eine gelegent- 
liche Aeußerung des berühmten Anatomen aus Karystos oder als seinen 
Vorgänger in der Behandlung der Steinkunde, bleibt unklar: 

188) Die erste Spur solchen Glaubens schon bei Theophrast 4, 24, 
wo es vom Smaragd heißt: καὶ πρὸς τὰ ὄμματα ἀγαϑηή, διὸ καὶ τὰ σφρα- 
γίδια φοῤοῦσιν ἐξ αὐτῆς ὥστε βλέπειν. 


544 ' Karl Münscher, 


Demokrits Name wurde wie so vielen anderen Wunderbüchern 
auch einem über Steine vorgesetzt; daß solche Bücher als 
Magierweisheit, unter den Namen Zoroasters und eines As- 
syrerkönigs Oros umliefen, weist wohl auf den orientalischen 
Ursprung der ganzen Anschauung vom Zauber der Steine 159). 
Frühzeitig setzt auch die poetische Behandlung des Stoffes 
ein; als eines der ersten ist da wohl Nikanders auch aus Pli- 
nius bekanntes Steingedicht (dessen Titel nicht bekannt ist, 
wahrscheinlich Ardu(a)x&) zu nennen (Nicandrea rec. Schneider, 
1856, p. 127 sqq.). Nur einer hebt sich aus der Fülle der 
von Plinius erwähnten ab: Xenokrates der Ephesier (Plin. nat. 
37, 25), des Zenon Sohn (1, 37 ind. auct. ext.), nach der durch 
Bücheler hergestellten Interpunktion (Plin. nat. 37, 37 quod 
et Xenocrates credidit, qui de his nuperrime scripsit vivitque 
adhuc) ein Zeitgenosse des Plinius selbst. Den Titel, Zevo- 
χράτους λιϑογνώμων, und ein griechisches Bruchstück verdanken 
wir einem von Kardinal Pitra veröffentlichten Scholion zu 
Psalm 118, 127 (Analecta sacra spicilegio Solesmensi parata 
II 1884 5. 341), das wahrscheinlich auf Origenes’ Psalmen- 
kommentar zurückgeht 129). Der Titel wie die erhaltenen Frag- 
mente erweisen es als ernst wissenschaftliches Buch, frei vom 
Wust des Zauberglaubens, das deshalb Origenes als wissen- 
schaftliche Autorität benutzt hat; unter Verwertung seiner Vor- 
gänger gab Xenokrates eine genaue Schilderung der Steine 
nach Farbe, Größe, Aussehen, Eigenschaften, Fundorten, wo- 


189) Ueber diese alle vgl. Susemihls Gesch. ἃ. griech. Litt. in d. 
Alexandrinerzeit 1,1891, S. 856 ff. N 

140) Bücheler, Rhein. Mus. XL 8. 304ff. hat jenes Scholion aus 
Pitras Publikation hervorgezogen und Xenokrates’ Werk gewürdigt. — 
Ambrosius in psalm. 118 serm. 16, 41 p. 1438 giebt dieselbe Stelle nach 
vollerer Vorlage in Uebersetzg., siehe Pitra, Analecta sacra III (1883) 
S. 519. — Die Bibelkommentare werden zur Geschichte der Steinkunde 
hier und da herangezogen werden müssen. Ein ganzes Schriftchen eines 
Kirchenvaters gehört hierher: des Epiphanios (Bischofs von Konstantia 
auf Cypern, { 403), Büchlein de XII gemmis quae erant in veste 
Aaronis, ed. Conr. Gesner, Tiguri 1565. (mit lat. Uebersetzung {018 
Hierotarantino interprete), danach in den opera Epiphanii ed. Peta- 
vius, Par. 1622; ed. nova ab H. Valesio, vol. II (Coloniae 1682) p. 225—232 
(eine Epitome daraus p. 233—234); darin Gutes (vielleicht aus Xeno- 
krates ?) und Schlechtes nebeneinander gegeben; die Schwindelbücher 
nennt er mehrfach μυϑοποιοί (cap. 3. 6 dreimal); das Ganze vielleicht 
selbst nur ein Auszug des Originalwerkes des Epiphanios, das Hiero- 
nymus in Ezech. 9,28 citiert. 


Die Philostrate. 545 


nach sich Schätzung und Verwendung richteten. Wie im Titel 
wird auch in dem wissenschaftlichen Standpunkte Phil. mit 
seinem Λιϑογνωμικός der Nachfolger von Xenokrates’ Awo- 
γνώμων sein 1). Auch zu seiner Zeit war es höchst nötig, 
gegen die schwindelhafte Zaubersteinkunde, die es großen- 
teils nur mit erdichteten Steinen zu tun hatte, Stellung zu 
nehmen. Nicht nur ist uns aus dem II. Jhh. n. Chr. wieder 
eine dichterische Behandlung des Stoffes bekannt, des uns als 
Perihegeten bekannten Dionysios’ Λιϑιαχά 1), in die gleiche 
Zeit wird auch jenes fabelhafte Steinbuch des Aegypterkönigs 
Nechepso gehören, von dem Galen XII 207 das vierzehnte 
Buch eitiert 145); vor allem fällt ins II. Jhh. aber jenes Haupt- 
buch, aus dem als letzter Quelle fast alle späteren Bücher 
über den Steinzauber zu schöpfen scheinen: das Steinbuch des 
Damigeron. Von dessen griechischem Original haben wir 
zwar nur dürftige Reste durch den Arzt Aetios (s. VI. 1.2), er- 
halten hat sich aber die lateinische, von christlicher Hand 
herrührende Bearbeitung des Damigeron de lapidibus (etwa 
saec. V.); dies Buch mit seinem vorgesetzten Widmungsbriefe 
des Araberkönigs Evax an den Kaiser Tiberius wurde die 
Hauptquelle für alle mittelalterlichen Bearbeitungen der Stein- 
kunde in griechischer (Psellos), lateinischer (Marbod von Ren- 
nes) und arabischer Sprache (Aristoteles de lapidibus) 145). Der 
griechische Damigeron, der wahrscheinlich schon Apuleius 


11) Abhängigkeit Phil.s von Xenokrates vermutete schon Bücheler 
a. ἃ. Ὁ. Er nennt das Philostratische Buch das “λιϑογνωμικόν᾽; die 
maskulinische Form ‘der Steinkenner’ empfiehlt sich aber durch die 
Gleichung mit λιϑογνώμων;; über die Gleichberechtigung der Verba -yvo- 
povetv und -γνωμεῖν und demgemäß der Adj. -γνώμων und -γνωμος 
(oder -γνωμικός) s. Lobeck, Phrynichus, 1820, p. 582 sq. Das Wort λιϑογνώ- 
μὼν wird noch angeführt aus Julian or. 2 p. 918. 

145) In seinem γένος, im Rhein. Mus. 29 (1874) S. 81 veröffentlicht 
von Rühl: γέγραπται δὲ αὐτῷ καὶ Λιϑιακὰ..... τὰ δὲ Λιϑικὰ (sic) μᾶλλον 
ἀποδέχονται διὰ τὸ τὸν αὐτὸν εἶναι χαρακτῆρα (vgl. die kürzere Fassung 
der vita Biogr. gr. ed. Westermann, Braunschweig 1845, p. 69); danach 
Eustathios, abgedruckt in Dionysii orbis terrarum descriptio rec. Pas- 
sow, Leipzig 1825, p. 3; vgl. auch Suidas 5. v. Διονύσιος Κορίνϑιος. 
᾿ Br Da Plinius den Nechepso nicht anführt, gehört dieser wohl ins 

"ἢ Diese hat V. Rose nachgewiesen in seinem Aufsatz Damigeron 
de lapidibus, Hermes 9 (1875) S. 471. Danach gegeben im Apparat 
er, ae des lat. Damigeron in Orphei Lithica rec. Abel, Berlin 1831, 
Ρ. 566. 

, “#) Ueber diese mittelalterlichen Bücher 5. Rose a. a. O., sowie 
Aristot. Pseudep. 8. 255 sq,, Abel in der praef. seiner Ausgabe. 


546 Karl Münscher, 


(apol. 90) und Tertullian (anim. 57, vgl. auch Arnob. nat. 
1,18) bekannt war, ist auch benutzt von der einzig erhaltenen 
poetischen Fassung, in den seit Johannes Tzetzes fälschlich 
unter Orpheus’ Namen '*%) umlaufenden Ardıxd, die gegen Ende 
des IV. Jhhs., als die Kaiser energisch gegen die Reste des 
Heidentums vorgingen, von einem Anhänger des alten Glau- 
bens noch ohne Nonnianische Technik verfaßt sind 15). — 

Das Buch des Damigeron hatte also durchschlagenden Erfolg 
gehabt: um so größer erscheint Phil.s Verdienst, daß er unbe- 
rührt von solchem Schwindelwesen seinen ΛΔιϑογνωμικός schrieb. 

Von den weiteren Titeln Πρωτέα, χύνα ἣ σοφιστήν, Νέρωνα, 
ϑεατήν ist der letzte völlig dunkel, die anderen führen uns 
wieder auf ein der Sophistik fern liegendes Gebiet: sie be- 
weisen philosophische Neigungen des Verfassers. 

Πρωτεύς und χύων ἣ ooptorng stehen nebeneinander. Die 
Vermutung lag nahe, beide Titel könnten auf eine Persön- 
lichkeit zu deuten sein, auf den aus Lukians Zerrbilde sattsam 
bekannten Peregrinus Proteus. Dieser Vermutung Raum gebend 
wollte Bergk (a. a. Ὁ. 8.183, Anm. 1) die beiden Titel zu einem 
vereinen und in dem einen Werk das von Genethlios (Me- 
nander) περὶ ἐπιδεικτικῶν p. 346, 18 Sp. unter den Beispielen 
paradoxer Enkomien neben Alkidamas’ Lobpreis des Todes und 
einem der Armut?!**) genannte anonyme ἐγκώμιον τοῦ Πρωτέως 
τοῦ χυνός erkennen. Daß diese Vereinigung beider Titel zu 
einem ohne Einführung des Artikels (Πρωτεὺς ὃ χύων ἢ σο- 
φιστῆς müßte es lauten) unmöglich und schon deshalb un- 
wahrscheinlich ist, hat Hirzel (Dialog II 5. 340 Anm. 1) her- 
vorgehoben. Sie verbietet sich aber auch deshalb, weil die 
Worte xöwv N) σοφιστής für sich allein einen vortrefflichen 
Schriftentitel darstellen ganz in der Art, wie sie Lukianos seinen 
Dialogen so häufig zu geben pflegte, sei es, daß beide Teile 
des Titels denselben Mann (so Ἰκαρομένιππος ἢ ὑπερνέφελος, 


Ἂ 


Τίμων ἢ μισάνϑρωπος, ᾿Αλέξανδρος ἢ φευδόμαντις, zwei Eipi- 


146) Veranlaßt war dieser Irrtum durch die Nachricht von Orpheus’ 
Gedicht περὶ λίϑων γλυφῆς ἥτις ᾿Ογδοηκοντάλιϑος ἐπιγράφεται (Suidas 5. v. 
᾿Ορφεύς). 

᾿ 117) Abel praef. p.2 58αᾳ. 5. auch v. Wilamowitz, die Griech, Littera- 
tur, 1905, 5: 217. 

148) Unter den Progymnasmen des Libanios finden wir einen Φόγος 

πλούτου (IV p. 978) und als Gegenstück einen ψόγος πενίας (p. 981). 


Die Philostrate. 547 


theta verbunden: ψευδοσοφιστὴς ἤ σολοικιστῆς, Σχύϑης ἢ πρό- 
Sevos) oder zwei verschiedene Personen (so die Dialexeistitel 
“Hpööotos ἢ ᾿Αετίων, Ζεῦξις ἣ ᾿Αντίοχος, zwei Epitheta ver- 
bunden: φιλοψευδής N ἀπιστῶν, auch ἁλιεὺς 7) ἀναβιοῦντες) 14°) 
bezeichnen. Zugleich lehren also die Titel Lukians, daß χύων 
ἢ σοφιστῆς nicht etwa im Sinne einer disjunktiven Frage zu 
‚fassen, sondern daß es nur fraglich ist, ob die beiden Aus- 
drücke auf eine oder auf zwei Personen zu beziehen sind. 
Beides ist natürlich gleich möglich: wir können uns vorstellen, 
daß ein Kyniker mit einem Sophisten in Gegensatz gestellt 
wurde, wir können uns ebensogut eine Person in ihrer 
doppelten Eigenschaft eines kynischen Philosophen und sophi- 
stischen Redners vorgeführt denken; wir brauchen uns nur des 
Dio zu erinnern, bei dem beide Bezeichnungen in Wahrheit 
‚gleich zutreffend waren. — Getrennt also bleibt der Πρωτεύς 
bestehen. Galt er dem alten Meergott, über den auch der 
Vater der kynischen Philosophie, Antisthenes, geschrieben hatte 
(Diog. L. 6, 1, 17), oder jenem Peregrinus Proteus, den seine 
Anhänger bei seinen Lebzeiten nicht bloß über die Meister 
seiner Schule, Diogenes und Antisthenes, sogar über Sokrates 
erhoben hatten (Lukian. Peregr. 5), der der Zunft der Sophisten 
aber verhaßt war, weil er ihr Haupt, Herodes, zu schmähen 
gewagt hatte (Phil. v. soph. 2, 1, 13 p. 71, 10 sqq. Lukian. 19)? 
Das ist nicht sicher zu entscheiden; der Satz der v. Ap. 1,4 
p. 4, 27: ὅστις μὲν δὴ τὴν σοφίαν ὃ Ilpwreüg ἐγένετο, τί ἂν 
ἐξηγοίμην τοῖς γε ἀχούουσι τῶν ποιητῶν TE. ist wegen der 
ποιηταί sicher keine Anspielung des Sohnes auf die Schrift 
‚seines Vaters, kann also für den Inhalt des Proteus nichts 


ie, 


beweisen !?%). Immerhin läßt der andere Buchtitel (κύων 7] 


149) In letzterem Falle steht ἢ ganz im Sinne von χαὶ. — Eine 
zweite große Gruppe von Doppei-Titeln Lukians verbindet eine Per- 
sonalbezeichnung mit einer sachlichen Bestimmung des Inhalts, z. B. 
Νιγρῖνος ἣ περὶ φιλοσόφου ἤϑους, Μένιππος ἣ νεχκυομαντεία u. a.; statt des 
Namens mitunter nur ein Epitheton, das die betr. Person charakterisiert: 
Φευδολογιστὴς ἢ περὶ τῆς ἀποφράδος κατὰ Τιμάρχου, δὶς κατηγορούμενος ἣ 
δικαστήρια, ähnlich auch περὶ παρασίτου ἤτοι ὅτι τέχνη N παρασιτική, und 
mit Umstellung der beiden Glieder : χατάπλους ἢ τύραννος, auch συμ- 
πόσιον 9 Λαπίϑαι. Weit seltner enthalten beide Teile des Doppeltitels 
eine sachliche Bezeichnung, so πεῤὶ τοῦ ἠλέκτρου ἢ τῶν κύκνων, πλοῖον ἢ 
εὐχαί, ἀλκυὼν ἣ περὶ μεταμορφώσεως. 

. 10) Hirzel a. a. O. hält das nicht für völlig ausgeschlossen. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. . 36 


548 Karl Münscher, 


σοφιστής), den Kyniker Proteus als Gegenstand der zweiten 


Schrift am wahrscheinlichsten erscheinen. Ob Phil. diesem 


Lob oder Tadel spendete, ist schwer zu sagen, in beiden Fällen 
aber kann das Werk identisch sein mit jenem παράδοξον ἐγ- 
χώμιον, das Menander erwähnt. Chronologisch würde die Be- 
ziehung des *Proteus’ auf Peregrinus vorzüglich zur Lebenszeit 
des Phil. I. passen, der vor 150 geboren ist: 167 verspottete 
Lukian des Peregrinus theatralischen Selbstmord 152). 

Die Form des Doppeltitels, die Phil. I. in einem Falle 
wählte, konnten wir uns mit Parallelen aus Lukians Schriften 
erläutern. Mit dessen Schriftstellerei berührt sich Phil. auch 
durch die Verwendung des Dialogs!?”?). — Es ist eine schöne 
Entdeckung C. L. Kaysers, daß der ın zwei Handschriften 
unter Lukians Schriften stehende kleine Dialog Νέρων 158) wegen 
der Gleichheit des Stils zu den Philostratischen Werken zu 
zählen, folglich mit dem von Suidas beim I. Phil. erwähnten 
Νέρων identisch ist. DBewiesen hat das Kayser in seiner 
Specialausgabe der v. soph. (Heidelberg 1838, praef. p. XXXIM), 
der er als Appendix den Nero anfügte (p. 123—130 mit dem 
die sprachlichen Uebereinstimmungen nachweisenden Kommen- 
tare; in seinen Gesamtausgaben, gr. Ausg. p. 337, kl. Ausg. 
II p. 220). Seiner Theorie von dem einen Verfasser sämt- 
licher Philostratischen Schriften zu Liebe wies Kayser auch 
dies Werkchen dem Phil. II. zu: da die Verteilung der Schriften 
auf mehrere Verfasser sich als notwendig erwiesen hat, steht 
nichts im Wege, den Nero als Werk des ältesten Phil. I. zu 
betrachten, dem es Suidas zuschreibt. Mit der immerhin ver- 


151) Vgl. Schmid, Bursians Jahresber. 108, 1901, 8. 263. Hirzel 
a. a. OÖ. will in des Phil. Proteus ‘eine scheinbare Widerlegung der 


Lukianischen Schmähschrift’ sehen, eine nicht allzu wahrscheinliche 
Vermutung. i 

152) Auf den bei einem Sophisten besonders bemerkenswerten Ein- 
Βα Lukians auf den Nero wies bereits Bergk 5. 183 hin; er ist auch 
kaum zu leugnen, wenn auch keine satirische Tendenz im Nero steckt 


(was Hirzel 11 ὃ. 341 Anm. 1 dagegen einwendete; vgl. Schmid, Atticism. 


IV. S. 535. Philol. L 298f.). 

158) Der verlängerte Titel Νέρων ἢ περὶ τῆς ὀρυχῆς τοῦ ἰσϑμοῦ, den 
Jacobitz, Lukian Ill p. 639, giebt, scheint den Hdschrn. zu fehlen; 
Kayser verwendet ihn jedenfalls nicht; auch charakterisiert der Zusatz 
den Inhalt des Dialogs nur zum kleinsten Teile. — Die Zuweisung des 
Nero an Phil. lehnt ohne jede Begründung ab Hense, Ὁ. Musonii Rufi 
reliquiae, 1905, praef. p. XXXII εἰ 


Die Philostrate. 549 


wunderlichen Gleichheit des Stils sämtlicher Philostrate müssen 
wir uns ohnehin abfinden: es ist, wie Kohde (Gött. gel. Anz. 
1884, I, S. 38) sagt, in der Familie der Philostrate “eine 
ganz bestimmte Art manierierten Sophistenstils erblich gewesen’. 

Das geschickt aufgebaute kleine Kunstwerk '’*) trägt von 
der Person, die den Gesprächsstoff liefert, den Titel. Ueber 
den Kaiser Nero unterhalten sich der Philosoph Musonios und 
der Lemnier (p. 222, 13) Menekrates, der im Namen un- 
genannter anderer Anwesender das Wort führt. Gehalten 
wird das Gespräch am Ufer des am Meere gelegenen Ver- 
bannungsortes des Musonios, also des heute 155) wie im Altertum 
fast verödeten Felseneilandes Gyara, das allerdings nicht mit 
Namen genannt wird 155). In dreifacher Steigerung entwickelt 
Musonios das Bild des bösen Tyrannen. Vom Isthmosdurch- 
stich, den Nero unternommen hatte, nimmt das Gespräch seinen 
Ausgang. Musonios, der dabei mitgearbeitet haben sollte, be- 
richtigt die Meinung von der gemeinnützigen Absicht, die man 
‘dieser Unternehmung des Kaisers unterzulegen geneigt sei: nur 
eitele Ruhmsucht war sein Motiv und ist der Kern von Neros 
Wesen. In der Musik suchte er sie zumeist zu befriedigen: 
drum zeigt Musonios zu zweit die Nichtigkeit seines musika- 
lischen Ruhmes; seine Leistungen sind in Wahrheit erbärmlich 
und lächerlich, er erzwingt seine. Siege durch Furcht. Denn 
— das ist der dritte Teil der Auseinandersetzungen — der 
Kaiser ist ein grausames Scheusal, der seinen wahnsinnigen 
Künstlerstolz durch Ermordung eines Tragöden befriedigt und 
gegen das Heiligste auf Erden, die Mutter, wie gegen die 
Gottheit gleichermaßen gefrevelt hat. Das Maß ist voll: sol- 
chen Frevel darf die Gottheit nicht dulden: ein Schiff, festlich 
bekränzt, naht dem Strande, und man vernimmt den Jubelruf, 


184) Vgl. die feine Analyse bei Hirzel II S. 338f. Schmids wenig 
glückliche Behandlung des Nero (Atticism. IV 8. 536f.) leidet an Un- 
klarheiten (sein Zweifel über den Ort des Gesprächs, das Mißverstehen 
der Erwähnung von Lemnos) und Unrichtigkeiten (der Kyniker Menip- 
pos aus Lykien soll der eine Interlokutor sein!). 

155) Vgl. L. Ross, Reisen auf den griech. Inseln des Aegäischen 
Meeres, I, 1840, S. 5. II 1843, S. 170-172. 

156) Ueber den Verbannungsort des Musonios 5. Hense a. a. O. p. XXIX 
sqg. Epiktet führt Gyara oft im Munde, im Gegensatz zu Rom und Athen; 
es war eben der Ort, wohin sein Lehrer verbannt gewesen war. 


36 * 


550 Karl Münscher, 


daß Nero dahin ist. Menekrates stimmt freudig ein, doch 


Musonios wehrt dem lauten Jubel über den Gefallenen. 

Nicht der Haß gegen Nero im allgemeinen wird Phil. 
diesen Stoff haben wählen lassen, sondern seine Vorliebe für 
den tüchtigen Philosophen und seine nützliche Lebensweisheit, 
der von Nero mißhandelt worden war. Stoieismus und Kynis- 
mus unterschieden sich damals gar wenig; kein Wunder, daß 
wir Phil. mit beiden beschäftigt sehen 1564), — Hirzel hat schon 
fein bemerkt, durch Einführung des Unterredners als eines 
Lemniers habe Phil. in echter Dialogmanier andeuten wollen, 
wie er zu seiner Kenntnis über Musonios gelangt sei. Auch 
die Wahl des Namens Menekrates war keine unbeabsichtigte. 
Wir sahen, daß Phil. III. im Heroikos einen Menekrates an- 
führt, der wie die Familie der Philostrate, zum Demos Steiria 
gehörte. Dadurch gewinnt auch der Menekrates im Nero 
Leben. Die Familien Menekrates und Phil. waren offenbar 
schon lange durch Freundschaft wie Demengemeinschaft ver- 
bunden. Phil. führt einen Menekrates aus Lemnos als Dialog- 
figur neben Musonios ein: damit widmet er den Dialog 
seinem Freunde Menekrates oder macht ihm wenigstens ein 
freundschaftliches Kompliment. Gewiß war jener ein Genosse 
Phil.s bei seinen philosophischen Studien. 

Es ist noch die Frage zu erörtern, ob Phil. II. an einer Stelle 
der v. Ap. sich auf den erhaltenen Nero bezieht. "Er giebt 
mehrfach seiner Bewunderung für Musonios Ausdruck, folgt also 
in der Wertschätzung dieses Philosophen seinem Vater. Er 
nennt ihn ᾿Απολλωνίου μόνου Öebtepog... ἐπὲ σοφίᾳ (p. 153,31), 
er läßt nach Gyara ‘alle Griechen’ reisen, um Musonios zu hören 
(p. 271, 31), er überliefert zwischen Musonios und Apollonios 
gewechselte Briefe (p. 164, 17 544.), die er jedenfalls der 
Sammlung von Apolloniosbriefen, die er auch sonst benutzte, 
entnahm; er weiß uns von einem Gespräche des Philosophen 
Demetrios mit dem eifrig am Isthmosdurchstiche arbeitenden 
Musonios zu erzählen (p. 178, 26 sqq.). An letzterer Stelle 
bricht Phil. seine Erzählung plötzlich ab mit den Worten 
(p. 179, 1) καὶ ἐάσϑω μοι τὰ Μουσωνίου πλείω ὄντα xal ϑαυ- 


1064}. 8. Hirzel ἃ. ἃ. Ο. S. 339, wo auch schon gesagt ist, ‘daß um 
den Nero der Schatten des Sokrates schwebt’. 


Die Philostrate. 551 


μασιώτερα, ὡς μὴ δοκοίην ϑρασύνεσθαι πρὸς τὸν ἀμελῶς αὐτὰ 
εἰπόντα. Dieser Satz kann in seiner überlieferten Form nicht 
richtig sein. Der Verfasser lehnt ab, weiter von Musonios zu 
sprechen, weil schon eine andere Schrift diesen Stoff behandelt. 
Nach Schmid, Attieism. IV 5. 537 Anm. 85, rügt Phil. mit 
dem ἀμελῶς die Kürze seines eigenen Jugendwerkes, das 
Schmid in dem erhaltenen Nero sieht: das ist unmöglich, weil 
niemand von ϑρασύνεσθαι reden kann gegenüber einem Werke, 
das er geringschätzt. Die gleiche Unmöglichkeit bleibt be- 
stehen, wenn man dem betr. Werk einen fremden Verfasser 
giebt: es wäre Kühnheit, nicht mit einem unsorgfältig — 
ironischer Sinn ist doch ausgeschlossen —, sondern mit einem 
sorgfältig geschriebenen Werk konkurrieren zu wollen: es ist 
also mit Olearius ἐμμελῶς statt ἀμελῶς herzustellen (Fertig 
a. a. Ὁ. p.50 schreibt statt dessen μὴ ἀμελῶς). — Liegt nun 
in dem so hergestellten Satze eine Rückbeziehung auf den 
Nero, das Werk des Vaters, vor? Hirzel (Dialog II 5. 245 
Anm.) hat sie bestritten, auch Schmid (8. 5 Anm.) findet sie 
äußerst zweifelhaft (doch vgl. bei ihm 8. 537, wo an der 
Beziehung festgehalten ist). Allerdings sind die beiden Ge- 
sprächsscenen nicht einander gleich: in der v. Ap. unterhält 
sich der Kyniker Demetrios, der aus Seneca und Tacitus be- 
kannt ist, der Freund des Thrasea Paetus, mit Musonios, im 
Nero dagegen der Lemnier Menekrates; dort spielt die Scene 
am Isthmos von Korinth während der Durchstechungsarbeiten, 
hier nach deren Abbruch in Gyara. Doch schöpft Flavios Phil. 


seine Kenntnis über Musonios — von dem Apolloniosbrief- 
wechsel und der allgemein bekannten Tatsache seiner Ver- 
bannung nach Gyara abgesehen — lediglich aus dem Dialoge 


Nero. Aus ihm kennt er die Legende 157) von der Zwangsarbeit 
‘des Musonios beim Isthmosdurchstich; im Dialog ist der Wort- 
führer Menekrates von einer Schar andächtiger Zuhörer um- 
geben, deshalb erzählt Flavios, man sei scharenweise nach 


157) Ueber die geringe Glaubwürdigkeit aller dieser Nachrichten, 
die eine legendarische Ueberlieferung über Musonios ausmachen, vgl. 
Cobet, Mnemosyne VIII, 1859, p. 137 sq., Zeller, III 1° S. #52 Anm,, 
Hirzel, Dialog 11 Ss. 24 Anm. (wo auch von den wechselnden Herkunfts- 
angaben — Τύριος, Βαβυλώνιος --- gesprochen wird). — Auf Gyara solite 
Musonios eine Quelle entdeckt. haben, v. Ap. p. 272,2, die Roß meint 
wiedererkannt zu haben, vgl. Hense a. a. Ὁ. p. XXIX. 


552 Karl Münscher, 


Gyara zu Musonios gereist. Er hat also eine den Angaben 
des Dialoges entsprechende Scene früherer Zeit konstruiert und 
dabei als Unterredner dem Musonios einen andern bekannten 
Philosophen Neronischer Zeit, den er vielfach mit Apollonios 
in Berührung kommen läßt, zur Seite gesetzt; den aus persön- 
lichen Gründen von seinem Vater eingeführten Menekrates 
konnte er natürlich nicht brauchen bei der Verherrlichung 
seines Apollonios.. Somit sehe ich in dem Werke, mit dem 
Phil. IL. nicht konkurrieren wollte, eben den erhaltenen Dialog 
Nero, seines Vaters Werk. 

Es erscheint zunächst auffallend, daß der Sohn seinem 
Vater in den Sophistenbioi keine Stelle gegönnt hat. Aber 
die Vielseitigkeit des Vaters erklärt wohl das Schweigen des 
Sohnes. Der ‘Sophist’ verschwand bei Phil. I. vor seinen viel- 
fachen anderweitigen Interessen, und nur den Sophisten gilt das 
Werk des Phil. II. Weniger wird man an Bescheidenheit als Motiv 
denken: den Ruhm des ‘Lemniers’ zu verbreiten, hat er sich nicht 
gescheut, der war aber auch σοφιστής und nichts anderes 155). 

Schließlich nennt Suidas bei dem ältesten Phil. noch ein 
Buch, den γυμναστικός, von dem im XIX. Jhh. erst nur Frag- 
mente auftauchten (Kaysers Ausgabe Philostratei libri de gym- 
nastica quae supersunt, Heidelberg 1840), das dann von dem 
Griechen Minoides Mynas gefunden, von ihm und Daremberg 
(nach einer Abschrift des Mynas) ediert und auf so wenig zu- 
verlässiger Grundlage in den neueren Ausgaben weiter gegeben 
und nach Möglichkeit gebessert wurde, bis nun vor wenigen 
Jahren die Handschrift des Mynas wieder in den Besitz der 
Pariser Nationalbibliothek gelangt ist, nach. der wir eine Aus- 
gabe Jüthners zu erwarten haben. Als deren Vorläufer hat 
er in seiner Abhandlung ‘der Gymnastikos’ des Philostratos 
(Wiener Sitzgs.-Ber., phil.-hist. Cl., Bd. 145, 1902, 8. 1—79) 
die interessanten Schicksale der Handschrift und die reichen 
Ergebnisse für die Textkritik dargelegt 169), -- Die :in ihrer 


158) Hinen älteren sophistischen Philosophen Phil. nennen die Bioi 
(1,5 p. 6,19), τὸν Αἰγύπτιον, der am Hofe der Kleopatra lebte; ein Epi- 
gramm des Krinagoras auf seinen Tod enthält die Anth. Pal. 7, 645 
(s. dazu Stadtmüllers Anm.); Plut. Ant. 80. Cato min. 57. 

150%) Angezeigt von H. Schenkl, Zeitschr. f. östr. Gymn. XXV, 1904, 
5. 312f. Nützlich war die kommentierte Ausg. von C. H. Volckmar, 


Die Philostrate. 553 


Art einzig dastehende Schrift περὶ γυμναστικῆς (so der Titel 
der Hdschr.; vgl. Schol. Plat. polit. p. 333°), deren Inhalt 
Suidas ganz richtig mit dem Beisatze: ἔστι δὲ περὶ τῶν Ev ᾽Ολυμ- 
πίᾳ ἐπιτελουμένων charakterisiert!°°), erwähnt neben früheren 
etliche zeitgenössische Athleten, einen Mandrogenes (p. 272, 27), 
.den der Verfasser persönlich kannte (Mavöpoyevous . . . αὐτὸς 
ἤχουσα); über den etwas älteren Mys hat er von den πρεσβύ- 
τεροι gehört (p. 283,16; vgl. die gleiche Ausdrucksweise in den 
v. soph. 8. 473); uns bekannt ist nur der auch im Heroikos 
erwähnte (s. S. 497) Phoenikier Helix. Wie Jüthner hervor- 
hebt (Festschr. f. Gomperz S. 226), erscheint hier Helix als 
weltbekannter Champion, für dessen Training man sich inter- 
essiert: also dürfte die Abfassung des Gymnastikos nach jenem 
Doppelsiege des Helix bei den Capitolinischen Spielen des 
Jahres 219 anzusetzen sein. Damit wird die Autorschaft des 
ältesten Phil., der vor der Mitte des II. Jhhs. geboren ist 
(s. S. 517), allerdings überaus unwahrscheinlich. Bei Suidas liegt 
jedenfalls ein Fehler vor. Zur Lösung der Frage, welchem 
Phil. die Schrift zuzuweisen sei, steht uns aber nichts zur 
Verfügung als der Sprachgebrauch. Es wurde schon beiläufig 
_ erwähnt (S. 496 f.), daß darin der Gymnastikos der Gruppe v. 
Ap. und v. soph. näher steht als den Schriften des III. Phil., 
Her. und Imag. Wir werden deshalb den Gymn. dem II. Phil. 
zuweisen (vgl. auch oben Z. 8). Man hat beobachtet (Jüthner 
a. a. 0. 8. 227, Fertig a. a. O. p. 43), wie nahe die im An- 
fange des Gymn. stehende Auseinandersetzung über die τέχναι 
sich mit einer gleichartigen in der v. Ap. (8,7 p. 305, 23 544.) 
berührt: da haben wir einen gleichen Fall von Selbstwieder- 
holung, wie zwischen v. soph. und dem Briefe an Julia Domna 
(5. 537); auch hier ist zweimalige Benutzung der gleichen 
Quelle das Wahrscheinlichste.e Im übrigen giebt das Buch 
über seinen Verfasser wenig Auskunft. Die Erwähnung von 


Fl. Philostrati de arte gymnastica libellus, Aurich 1862. Das Progr. des 
herzogl. N.Gymn.s Braunschweig 1902, Phil.s Abhandlung über das Turnen 
übers. v. Fr. Cunze, verfolgt Schulzwecke. Die Handschrift des Mynas 
enthält den Schluß des Heroikos (von Ὁ. 204, 22 πρὸς ἱεροῖς τε an), dann 
περὶ γυμναστικῆς und schließlich den Brief des Lemniers über den Brief- 
stil (die sog. Dialexis 1). 

160). Schriftliche Quellen werden mehrfach erwähnt p. 261,14. 
262, 22. 267,27. 285, 18 sqgq. 


554 Karl Münscher, 


Lemnos (p. 263, 4) ist durch die Sache gegeben; seine Orts- 
kenntnis von Athen zeigt der Verfasser durch eine Bemerkung 
(p. 290, 26), ohne daß man daraus auf Athen als seinen Wohn- 
ort einen sicheren Schluß wagen könnte. Trotzdem wird das 
Buch von Phil. nach seinem syrischen Aufenthalt (s. 5. 490) 
und zu Athen geschrieben sein und wohl noch vor den v. soph. 
Als Phil. es schrieb, stand Helix auf der Höhe seines Ruhmes: 
219 hatte dieser schon eine Reihe ruhmreicher Jahre hinter 
sich; ist unsere Datierung des Heroikos richtig, so hatte Helix 
213 und schon 209 ἀνὴρ Ex παίδων in Olympia gesiegt. Damit 
wird sein Geburtsjahr auf die Zeit etwa um 190 zurück- 
geschoben. Ueber sein 40. Lebensjahr hinaus werden wir 
die Periode seiner höchsten Berühmtheit als Athlet nicht 
verlegen wollen, sie lag also im Jahrzehnt 220—230. Im 
gleichen Decennium wird auch Phil. seinen Gymn. als Mahn- 
ruf zur Regeneration der Athletik und des ganzen verweich- 
lichten Zeitalters der Oeffentlichkeit übergeben haben. 
Erwiesen sich die Angaben des Suidas schon bei den 
Schriftenverzeichnissen der beiden ersten Philostrate nicht als 
durchweg richtig, so steckt das des Ill. voller Verwirrung. 
Wir haben ihn identificiert mit dem speciell als ‘'Lemnios’ ge- 
kennzeichneten Verfasser des Heroikos und der Eikones, weil 
Suidas ihm εἰκόνας und Τρωιχόν (= ἫἩρωικόν, 8. 517) zu- 
schreibt. Fälschlich sind beide Schriften von Suidas auch 
unter denen des II. Phil. genannt: daß Suidas bez. Hesychios 
bei dieser ersteren Erwähnung die ältere Bildersammlung 
meinten, zeigt der Zusatz εἰκόνας ἣ ἐκφράσεις Ev βιβλίοις δ΄: 
in der Tat hat ein Teil der Handschriften des älteren Werkes 
4Bücherteilung statt der in der Mehrzahl der Handschriften 
und den Ausgaben stehenden Verteilung auf zwei Bücher '°). 
Wie in die Liste der. Schriften des Il. Phil. fälschlich solche 
des Ill., des Lemniers, hineingerieten, wurde mit dessen Werken 
das jüngere Bilderbuch falsch verbunden, wenigstens wenn 
unter dem Titel παράφρασιν τῆς Ὁμήρου ἀσπίδος (der auf 


161) praef. d. Wiener Ausg. p. VII m. Anm. Die Zweibücherteilung 
erscheint als die originale: beide Bücher haben ziemlich gleichen 
Umfang I 31, II 34 Bilder. Die Vierbücherteilung läßt I bestehen und 
teilt II in 3 kleine Bücher von 10, 16 und ὃ Bildern. 


Die Philostrate. 555 


Τρωικόν folgt) nichts anderes zu verstehen ist als das längste, 
10. Stück der jüngeren Bilderreihe (Πύρρος ἢ Μυσοί), wie 
Welcker (in Jacobs’ Ausg. Philostratorum imagines, Leipzig 
1825, p. 631) annahm, das für sich allein und unter dem 
besonderen Titel kursierte. Ebenso verkehrt ist die Meinung 
*einiger’, die Suidas am Schlusse erwähnt, die Sophistenbioi 
seien dem III. Phil. zuzuweisen (s. S. 516). Was Suidas sonst 
nennt, navadmvaixov (solche wurden auch von Antipater er- 
wähnt, 5. 474; Aristide’ nach dem Isokratischen Vorbilde 
gearbeiteter Panathenaikos ist das erhaltene Muster der Gattung) 
und μελέτας ε΄, zeigt auch diesen Phil. wie seine älteren Ver- 
wandten als Sophisten, der die damals üblichen beiden Arten 
von Deklamationen pilegte !°?). 

Suidas übergeht (bez. konfundiert mit dem 111.) einen IV. 
Phil, den wir durch sein Werk kennen, den Verfasser der 
jüngeren Bilder. Er folgte darin, wie er selbst in der Ein- 
leitung sagt, seinem ὁμώνυμος und μητροπάτωρ nach: Phil. ΠῚ,, 
der Lemnier, war im J. 191 geboren, sein Enkel wird schwer- 
lich vor den 60er Jahren des Ill. Jbhs. litterarisch tätıg sein; 
vielleicht fällt die Abfassung seiner uns erhaltenen Schrift 
noch später, nach 274 (5. oben ὃ. 496). Das Buch hat wenig 
Erfolg gehabt (s. 5. 495), nur dem Ruhme seines Vorbildes 
hat es wohl seine Erhaltung zu verdanken. Der handschrift- 
liche Titel Φιλοστράτου νεωτέρου (das war aus den ersten 
Zeilen der Einleitung zu entnehmen) εἰκόνων πρῶτον lehrt, 
daß von den 2 oder 4 Büchern (auch in der Buchzahl scheint 
er seinem Großvater gefolgt zu sein) uns nur ein Teil des 
ersten (im 17. Bilde bricht die Hdschr. ab) erhalten ist 195). 


162) Ich will noch ausdrücklich hervorheben, daß es völlig un- 
möglich ist, unter der Annahme, der von Suidas an dritter Stelle 
genannte Phil. sei der Verfasser der jüngeren Bilder (die παράτρασις 
τῆς “Ομήρου ἀσπίδος scheint zunächst dafür zu sprechen), die Pluilostrat- 
frage zu lösen. Nie und nimmer lassen sich die Angaben des Suidas 
über diesen Phil. mit der Tatsache vereinen, daß die jüngeren Bilder 
vom Tochtersohn des Verfassers der älteren geschrieben sind. Solange 
Der 1" Suidas ausging, blieb die Philostratfrage ein unentwirrbares 

ätsel. 

163) Zu den fehlenden Bildern dürfte Hero und Leander gehört 
haben, falls die von Dilthey de Call. Cyd. p. 59 Anm. ans Licht ge- 
zogene Bemerkung des Antonius Volscus in seinem argumentum zu 
Ov. epist. XVIlI nicht auf einem Irrtum beruht: Leander abidenus 
cum Sestiae herus amore teneretur noctu maris angustias ut Philo- 


556 Karl Münscher, 


Im Sprachgebrauch (vgl. Schenkl-Reisch p. XVII) wie in der 
canzen Anlage des Buches ist der Enkel durchaus Nachahmer 
seines Vorfahren. Weil dessen Werk mit einer allgemein ge- 
haltenen Einleitung über Malerei beginnt, muß auch er eine 
solche abfassen (ταύτης χατ᾽ ἴχνη χωρῆσαι ϑελήσαντες ἀνάγ- 
χὴν ἔχομεν πρὸ τῆς ὅλης ἐπιβολῆς καὶ περὶ ζωγραφίας τινὰ δι- 
ελϑεῖν), wobei er sich zum Teil wörtlich an seine Vorlage 
anschließt (vgl. p. XV). Auch die dialogisierende Einkleidung 
am Schlusse des Proömiums will er nachmachen; freilich 
schrumpft sie bei ihm auf zwei Sätze zusammen: er wolle die 
schönen Bilder mit Darstellungen alter Sagen, auf die er ge- 
stoßen sei, nicht mit Stillschweigen übergehen; und damit 
seine Schreiberei nicht so gleichmäßig werde, wolle er sich 
einen denken, dem er alles darlege; so verwendet er denn 
auch hier und da die Anrede ὦ παῖ. Wie nahe sich auch in 
der Wahl der einzelnen Sagenstoffe der jüngere mit dem älteren 
berührt, haben Schenkl-Reisch (p. XV—XVI) zur Genüge 
betont. Man muß sagen, die Mißachtung, der dies Machwerk 
eines imitierenden Epigonen anheimgefallen ist, war durchaus 
verdient. 

Ich fasse zum Schluß kurz zusammen, was wir über die 
aus Lemnos stammende, zum athenischen Demos Steiria ge- 
hörende Familie der Philostrate ermittelt haben; bez. der ver- 
wandtschaftlichen Verhältnisse verweise ich auf den Stammbaum 
S. 519. 

Phil. L, Sohn des Verus, geb. vor der Mitte des II. Jhhs., 
Sophist in Athen, schreibt gegen Antipatros, der später ἐπι- 
_ stolebs des Septimius Severus wurde. Erhalten sein Dialog 
Nero. 

Fl. Phil. IL, des I. Sohn, geb. um 170, studiert um 190 
in Athen bei Proklos, Hippodromos, Antipatros, in Ephesos 
bei Damianos, tritt nach 202 in den χύχλος um Julia Domna 
ein (also tätig in Rom), begleitet sie nach Britannien (208), 


stratus scribit natare ad illam consueverat. Auf die Verwandtschaft 
dieses Stoffes mit Phil. II. imag. 1,12 Βόσπορος weist Rohde, Gr. Roman 
S. 135 Anm. 3 hin. — Thomas Magister p. 39,7 (Ritschl) eitiert Φιλό- 
στρατος ἐν εἰκόσιν: αὐχὴν εὐπαγής, was im Krhaltenen nirgends steht, er 
giebt aber auch sonst noch unauffindbare oder falsche Phil.-Citate 
(p. 268, 16. 372, 13. — p. 252,5 Philostratos statt Plato citiert). 


Die Philostrate. 557 


Gallien (212), Kl.-Asien (214/5 in Pergamon und Nikomedeia), 
Syrien (216/7 in Antiocheia); aus diesen Jahren erhalten sein 
Brief über Gorgias an Julia; ein Jugendwerk wohl die eroti- 
schen Briefe. Nach 217 von Tyros aus die Apolloniosvita 
_ ediert (Beiname Τύριος). Nach Athen zurückgekehrt (Beiname 
᾿Αϑηναῖος), ediert er den Gymnastikos (nach 219), die v. soph. 
(nach 229/30, vor 238). 7 unter Philippus Arabs (244—249). 

(Lukios) (Fl.) Phil. III. (Beiname Anwveos), Sohn des 
Nervianus, eines Sohnes einer Schwester von Phil. I., geb. 191, 
Schüler des Hippodromos und seines Schwiegervaters Phil. IL, 
tritt 213 in Olympia auf. 214/5 in Pergamon und Nikomedeia, 
hier erhält er von Caracalla die Atelie; verfaßt vielleicht 
215, sicher vor 219 den Heroikos. Tätig in Rom und Italien 
um das Jahr 222, Streit mit Aspasios, erhalten sein Brief 
über den ἐπιστολικὸς xapaxınp. Später in Athen neben Nika- 
goras, Apsines und Phil. II.; verfaßt die (älteren) Bilder. 
Archon 263/4 (Ὁ). 7 in Lemnos. 

Phil. IV., Enkel des III. mütterlicherseits, Verfasser der 
‘ (jüngeren) Bilder in der 2. Hälfte des III. Jhhs., vielleicht 
nach 274. 


Antiocheia 
Antipatros 
Apollonios 
Apsines 
Aristodemos 
Aspasios 

Atticus, imagines 
Caracalla 

Celcus, Dichter 
Chariton 
Daemonen 
Damianos 
Damigeron 
Damis 

διαλέξεις 

Diokles 
Dionysios, λιϑιακά 


Drama im II. Jhh. 


Ekphraseis 
Epiphanios 
Epistolographen 
Ethopoiien 
Euippe 
Floralien 
Gordianus 
Heliodoros 
Helix, Athlet 
Hermokrates 
Hiatus 
Hippodromos 
Hosidius Geta 
llion 
Julia Domna 
Lemnos 
Lukianos 
Maximus v. Aegae 
Medea tragoedia 
μελέται 
Memnonskoloss 
Menekrates 
Moiragenes 
Musonios 
Nicomachus 
Nikagoras 
Nikostratos 
νόμος 

Orpheus, λιϑιχά 
Pergamon 
Philiskos 


Philostratos Aigyptios 


Philostratos I. 


Register. 


481. 483. 486. 
474 ff. 539 
485 ff. 

489 

514. 

471 1. 509 ff. 
514, 88 
aryf. 508 ἢ, 
᾿ 588 ἢ. 

535 

501 ἢ, 

416 

545 f. 

486 ἢ. 


581, 117 
410 8. 4911. 
480 

497. 553. 
415 ἴ. 

511 ἢ 


474. 409. 


549 

505 f. 

4177 Εἴ. 488 f. 
410. 418 524. 
521. 546 ἢ. 
486 
5421. 
520 f. 
479, 22 Ὁ 
498. 550. 
486f. 
550 ff. 
484, 37 
489 

495 513 
521 ff. 
946 

505 

480 

482, 80 
902, 158 


sl6f. 538H. | 


! 


᾿Ελευσινιαχοί 538 
κύων N σοφιστής ὅ46:. 
λιϑογνωμικός 545 ff. 
μελέται 538 
Νέρων 548 ff. 
περὶ τοῦ ὀνόματος 999 
πανηγυριχοί 588 
Πρωτεύς 546 fl. 
rhetorische Schriften 539 
περὶ τραγῳδίας 539 
Tragödien u. Komödien 539#. 


Philostratos IL, 469. 516. 520 ff. 


v. Ap. 470. 483 ff. 
gegen Aspasios 510 
Athenaios 490 
Briefe 524 ff. 


Brief an Julia Domna- 586“. 
Epigramme, eins auf Telephos 


537f. 
Familie 491 
γυμναστικός 552 ff. 
Lemnios 470 
περὶ νόμου 521f. 
v. soph. 469 ff. 472. 491 ff. 
Tyrios 482 
Philostratos III. 4985 fl. 554 ff. 
Alter 500 
Brief an Aspasios 510 ft. 
Eikones 512 ff. 554 
Heroikos 497 ff. 501 ff. 
Lemnios 498 
μελέται, παναϑ'ηνοϊ κός 959 
Philostratos IV. 50 :. 
Eikones 495f. 554 ff. 
φύσις 521 {ἢ 
Plutarchos, gegen Gorgias 597 
Progymnasmen 513. 54lf. 
Proklos 414 
Protesilaos 501 ff. 
' Purpurhandel 498, 65 
Soterichos 484, 37 
Steinkunde 943 ff. 
Suidas 
8. v. Φιλόστρατος .. 815 ἢ, 
Φρόντων ᾿μισηνός 489. 518 
Telephos 505 fl. 537 £. 
Tyana 484 f. 
Tyros 482f. 
Theophrastos, περὶ λίϑων 548. 
Varro, imagines 514, 88 
Xenokrates, λιϑογνῴμων 544 
Zeno 


UNTERSUCHUNGEN 


UEBER DIE LUCIANISCHE 


VITA DEMONACTIS 


K. FUNK. 


: ΠΥ ἣ 
᾿ ΙΝ 0 Τὶ 
᾿ ar 
Wi A 
I 
δ \ 
κὸ 
: 
% 
ἢ N 
J } 
j 3 
{ 
{ 
ὶ 
᾿ 
ἃ 
αι Ἢ 
ἢ Ὁ ἃ 
γι ἡ 
. ᾿ = 
1 
. 
. 
' 
ur 
j 
ον 
ΤΥ 
N ᾽ 
οὐδ zu : 
TER 
‘ 
4 
ἡ . 
᾿ 
N 
Fi 
“ 
ἢ 
᾿ 


‘ 


. 
ar 
x 
VERS, 
τε 
᾿ Ά 
43 
ἅ 2 
& n 
7 ἵ 
᾿ 
x 
͵ 


+ Π.1... 


, 
ὟΣ ἱ a ts 
| 7 Pr. ΑἹ 
; “ὦ Du a 
s ADOBE 
+ 
᾿ς 
ἧ; 
ΣῊΝ ᾧ αὶ 
: 
ι ω 
Ἷ % 
ἘΠ f ὦ 
Kan a 
7 
„N 
1 ᾿ ᾽ 
4 wa 
ur ἀν Ὁ νῷ 


ἀν Ἢ 


δ N 


# 
2 | Ἢ 
ὑπο 
wi 
De 
τ » 


Einleitung ’). 


Unter den Werken, welche an der handschriftlichen Ueber- 
lieferung des Satirikers Lucian teilnehmen, hat neben dem 
Roman Lucius s. Asinus vor allem auch die kurze Lebens- 
beschreibung des Cynikers Demonax das besondere Interesse 
der Gelehrten erregt. Sie nimmt ja nicht nur eine litterarische 
Sonderstellung unter seinen Schriften ein, sie ist auch reich 
an zeitgeschichtlichen Nachrichten und schien vorzüglich ge- 
eignet, eine vermeintliche philosophische Entwicklung Lucians 
und seine Stellung zur Philosophie überhaupt verstehen zu 
lassen. Aber wie so manche andere Erzeugnisse dieses Mannes 
wurde sie bald als unecht verworfen, bald wieder als echt ver- 
teidigt. Es stellen sich eben der philologischen Kritik große 
Schwierigkeiten entgegen infolge der Mannigfaltigkeit und 
Verschiedenheit seiner Werke nach Form und Inhalt, seiner 
einzelnen Entwicklungsperioden, seines Anschlusses an die je- 
weils studierten klassischen Vorbilder und der doch wieder 
freien künstlerischen Verwendung der Sprachmittel. So erklärt 
sich wohl das Schwanken im Urteil bei ein und demselben 
Forscher ?). Allein in manchen Fällen liegt doch der Grund 
für die bezeichnete Erscheinung auch darin, daß man mehr 
im allgemeinen über seine Werke urteilte und sie in den 
Rahmen einer fortlaufenden Entwicklung des Schriftstellers 
einzugliedern suchte, und daß dann je nach dem Einteilungs- 


ἢ Ich kann diese Abhandlung nicht beginnen, ohne zuvor meinem 
hochverehrten Lehrer, H. Prof. Dr. W. Schmid- Tübingen für die An- 
regung zu dieser Arbeit, für das Interesse, womit er sie verfolgte, für 
die praktischen Winke und Ratschläge meinen verbindlichsten Dank 
auch an dieser Stelle ausgesprochen zu haben. 

?) E. Rohde betreffs des Asinus (Ueber Lucians Schrift Λούκιος ἢ 
ὄνος. Leipzig 1869. 5. 32 ff. gegenüber Rh. M. XL, 93 ff.) und W, Schmid 
bezüglich des Amores (Philol. L, 302 gegenüber Attic. 1,225). 


502 K. Funk, 


princip, je nach der Betonung der grammatisch-stilistischen 
oder ästhetischen oder philosophischen Seite das Urteil über 
die einzelnen Schriften ein anderes werden mußte. Wurde 
dabei noch größeres Gewicht gelegt auf die mehr subjektiven 
Kriterien, wie Erwägungen des guten Geschmacks und vor- 
gefaßte Meinungen über seine Haltung in philosophischen 
Dingen, während man die sprachliche Untersuchung vernach- 
lässigte, so konnte bei der proteusartigen Wandlung der Lucia- 
nischen Anschauungen die größte Uneinigkeit im Urteil nicht 
ausbleiben. Immerhin macht sich allmählich ein Uebergang 
von der radikalen Richtung Bekkers mit 23 unechten Schriften 
(Mtsber. d. Berl. Akad. 1851, 360) zu konservativerer Haltung 
bemerklich, indem Boldermann (Stud. Luc. 127 ff.) nur 6—8, 
Hirzel (Dialog II, 334) gar bloß 5 Werke als unecht bezeichnet. 
Will man mithin soweit möglich zu einem festen Resultat ge- 
langen, so gibt es keinen anderen Weg, als jede Schrift für 
sich allein nach all den genannten Gesichtspunkten auf ihre 
Echtheit zu prüfen. 

Der erste, der nach dem Vorgang von Gesner?) und 
Guttentag*) in längerer Abhandlung, allerdings mehr unter 
Voraussetzung der Echtheit im großen und ganzen, die in 
Frage stehende Schrift untersuchte, war Schwarz°). Allein 
die Ergebnisse seiner Forschung haben nicht die nötige Zu- 
stimmung gefunden, und so blieben die bisherigen Ansichten 
nach wie vor bestehen. Die Echtheit wurde auch jetzt noch 
bezweifelt und geleugnet, so von Bernays°), Rothstein 7), 
Schmid®) und Margadant’), während sie andererseits ebenso 


3) M. Gesner, De Philopatride. Jenae 1715. 

*) 4. Guttentag; De subdito qui inter Lucianeos legi solet dialogo 
Toxaride. Berolini 1860. 

5) A. Schwarz, Ueber Lukians Demonax, in Ztschr. f. österr. Gym. 
1878. Bd. XXIX, S. 561—594. 

6) Jak. Bernays, Lucian und die Kyniker. Berlin 1879. 5. 104 
Anm. 24. 

1 Maximilian Rothstein, Quaestiones Lucianeae. Berolini 1888. 
Ss. 32 und 33,1, 

8) W. Schmid, Bemerkungen über Lucians Schriften und Leben. 
Philoi. 1891. Bd. L, 301. | 

9 P. C. Margadant, De Luciano aequalium censore. Hagae-Comi- 
tum 1881 8. 88. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactıs. 563 


eifrig von Ziegeler!°), Croiset 11), Fritzsche'?) (Fr.) und Cha- 
bert13) verteidigt wurde. Was Schwarz erreichte, war nur, 
daß noch eine dritte Richtung zu den bisherigen kam, welche 
zwar die Biographie im wesentlichen als echt anerkannte, aber 
außer in c. 11 die Integrität überhaupt in Frage zog und 
Ausscheidungsversuche machte. Am rückhaltslosesten ist ın 
dieser Beziehung Wichmann !*) den Ausführungen von Schwarz 
beigetreten, mit mehr oder weniger Zurückhaltung Thimme'’°), 
Boldermann!‘) und Schulze”). In dem anderen Hauptpunkt 
seiner Kritik, welche den Nachweis zum Gegenstande hatte, 
daß der Philosoph Demonax bloß eine erdichtete Persönlichkeit 
sei und niemals existiert habe, hat Schwarz eigentlich nur an 
Wichmann einen Vertreter gefunden. 

Bei diesem Tatbestand ist die Aufgabe der. folgenden 
Untersuchung von selbst gegeben. Da die Sachlage in unserem 
Falle eine getrennte Behandlung der Fragen nach der Echt- 
heit und nach der Integrität zuläßt, so soll zunächst die Echt- 
heit nach den sprachlichen und sachlichen Gesichtspunkten 
geprüft werden, dann wird uns die Frage nach der Integrität 
und schließlich die Ansicht von der Ungeschichtlichkeit des 
Demonax beschäftigen. 


10) E, Ziegeler, Zu Lucian. N. Jahrb. ἢ, Philol. 1881. Bd. CXXIII, 
329—335, wandte sich gegen die Aufstellungen von Schwarz. 

11) Μ, Croiset, Essay sur la vie et les oeuvres de Lucien. Paris 
1882. S. 32,3. 

12) Fr. Fritzsche, Lucianus. Rostochii 1882. II, 1,188; II,2, ΧΙ. 

13) L. Chabert, L’Atticisme de Lucien. Paris 1897. S. 69. Die 
Echtheit setzten voraus W. Passow, Lucian und die Geschichte. Mei- 
ningen 1854. S. 4 und Hertzberg, ('=schichte Griechenlands unter der 
Herrschaft der Römer. Halle 1868 ii, 247ff.; die Unechtheit da- 
gegen hielten aufrecht Zeller, Philosophie der Griechen. III, 1°, 771,1 
und Osk. Schmidt, Metapher und Gleichnis in den Schriften Lucians. 
Winterthur 1897 S. 9. 19 vgl. Fried. Leo, Die griech.-römische Biogra- 
phie. Leipzig 1901. S. 83,2. 

14) Zuerst in einer Besprechung Ztschr. f. G. W. 1880, 210f.; dann, 
abweisend die Einwendungen Ziegelers gegen die Aufstellungen von 
Schwarz im N. Jahrb. f. Philol. 1881, 841 ---49. 

15) Ad. Thimme, Quaestionum Lucianearum capita IV. Halis Sax. 
1884. 5. 54-58. 

16) P, M. Boldermann, Studia Lucianea. Lugd. Bat. 1893. S. 118—122. 

17) P. Schulze, Bemerkungen zu Lucians philosophischen Dialogen. 
Dessau 1891. S. 7. Auch Jul. Sommerbrodt, Lucianus. Berol. 1893. 
II, 1, 342 neigt jetzt zu dieser Ansicht. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. ΟὟ 


564 K. Funk, 


I. Untersuchung über die Echtheit. 


1. Aeußere Zeugnisse. 


Umsonst sehen wir uns nach äußeren Zeugnissen um, 
welche die Echtheit der Vita Demonactis außer Zweifel stellen 
würden; solche gibt es bei Lucian überhaupt nicht. Keiner 
seiner Zeitgenossen, so weit wir ihre Werke noch besitzen, 
hat ihn der Erwähnung gewürdigt. Selbst wo man seinen 
Namen als selbstverständlich erwarten möchte, in den Sophisten- 
biographien des Philostratus, ist er mit keinem Worte genannt, 
was um so auffallender ist, als der Verfasser sogar eine ge- 
nauere Bekanntschaft mit ihm verrät (Schmid, Att. IV, 535; 
einen anderen Fall 5. u... Nun hat freilich Philostratus auch 
andere Glieder des Sophistenkreises übergangen (a. a. ©. I, 27), 
so daß das Befremdende in etwas abgeschwächt wird, aber bei 
der Bedeutung Lucians verlangt dieses offenkundig absichtliche 
Schweigen eine Erklärung. Wohl mögen persönliche Gründe 
den Philostratus dabei beeinflußt haben, etwa Verstimmung 
über die niedrige Einschätzung des von ihm so hoch verherr- 
lichten Apollonius von Tyana (vgl. Alex. 5) und sein durchaus 
entgegengesetzter religiöser Standpunkt 1 und nicht zum 
wenigsten die Nachwirkung der echt aristokratischen Exklu- 
sivität des Sophistenkreises (Rohde, Gr. R. 315° Anm.), dazu 
mögen dann noch sachliche Momente gekommen sein, wie 
sein Uebergang zu dialogischen Arbeiten, welche seinen Haupt- 
ruhm begründeten und die rhetorischen Leistungen in den 
Hintergrund treten ließen!?), vielleicht auch das immer mehr 
abnehmende Verständnis für diese Art von Nachahmung der 
alten Klassiker (Rothstein 3. 120 4). Den Hauptausschlag 
hat jedenfalls das feindselige Verhalten Lucians gegen die 
Sophisten gegeben, wie es sich besonders in Rhetorum Prae- 
ceptor ausspricht 3). Daß Philostratus den Lucian in einem 
anderen Buche erwähnte, etwa in dem, das über die Feind- 


35) Thimme 5. 44, Croiset 5. 389, Ranke, Pollux et Lucianus. Qued- 
linburg 1831. S. 15, A. Planck, Quaestiones Lucianeae. Tubing. 1856, 
S. 5. An Neid über die schriftstellerische Größe (Sbdt, Ausg. Schr. 1?, 
XI) wird nicht wohl zu denken sein. 

19) Thimme S. 43 u. Anm. 2, vgl. Ranke a. 2.0; 

Ὁ) Vgl. Boldermann ὃ. 13 (auch Westermann, Geschichte der griech. 
Beredsamkeit. I, 216). 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 565 


schaft seines Vaters mit dem Sophisten Aspasius handelte, ist 
eine durch nichts begründete Vermutung Thimmes (S. 43, 3). 
Nur soviel kann aus dieser Notiz gefolgert werden, daß Lucian 
nicht aus bloßem Haß totgeschwiegen wurde. 

Zum erstenmal bringt uns Eunapius, der Fortsetzer des 
Philostratus, von Lucian Kunde und bedeutsam genug ist es 
derselbe, von dem wir gleichzeitig über das Vorhandensein und: 
den Lucianischen Ursprung der Vita Demonactis Kenntnis er- 
halten. Insofern hat eigentlich unsere Biographie die beste 
äußere Bezeugung von allen Schriften des Satirikers. Freilich 
ist der Zeitraum von 200 Jahren, welcher beide Männer trennt, 
noch groß genug, um eine Fälschung wenigstens möglich zu 
machen, wenn auch Eunapius an der Glaubwürdigkeit der 
Handschriften keinen Zweifel äußert. 

Die erhaltenen Handschriften geben uns dasselbe Zeugnis. 
Das will allerdings nicht viel besagen; denn auch die besten 
gehen kaum merklich über das Jahr 1000 zurück und ent- 
halten, soweit sie vollständig sind, wohl unsere Vita, aber auch 
die zweifellos unechten Schriften Philopatris, Charidem und 
das Enkomion des Demosthenes 3). Rothstein (8. 28 ff.) hat 
zwar den Versuch gemacht, auf Grund der Handschriften allein 
ein Urteil über Echtheit und Unechtheit zu gewinnen. Durch 
Beobachtung der Reihenfolge der einzelnen Schriften hat er 
nicht bloß die Einteilung der Handschriften in 2 Klassen aufs 
neue bestätigt, sondern auch 4 Corpora unterscheiden können 
und darunter das Corpus B mit 14 Schriften, welchem als 
nr 11 eben unsere Biographie angehört. Und in der Tat ist 
in diesem Corpus seine Aufstellung besonders gut begründet. 
In derselben Reihenfolge finden sich die 14 Nummern in den 
Handschriften: Vindob. B (10. saec. 5. Rothstein δ. 17), Vat. 
90 T (11—12. 5860. 5. Vogt S. 4) 35), Vat. 76, Vat. 89, Vat. 88. 
Paris. 2954 M (14. saec.R. 8. 15. V.S. 11. 17), Marc. 434 ὦ (12. 
saec. R. S. 9. V.S. 29), Mut. O (10. oder 11. saec. R. 5. 10. 
Υ. 5. 34) und mit gestörter Ordnung derselben Schriften — 


ἢ Nur in Vat. 90 T fehlen Nero, Charidem und Philopatris (vgl. 
Rothstein S. 3), in Mut. O Macrobii (a. a. O. 8. 10). 
2) P. Vogt, De Luciani pristino ordine libellorum quaestiones. 
Marburg 1889. 


91 ἢ 


- 566 | | Krank, 


Nigrinus ausgenommen — in Palat. 174 (14. saec. V. 8. 11). 
Wenigstens mit der einen oder anderen Schrift dieses Corpus 
B ist die Vita noch verbunden in Vat. 1324 (12. saec. R. 5. 17), 
Guelferbyt. F (14. oder 13. [?] saec. V. 5. 26), Florent. ® (in 
diesem Teil 14. saec. R. S. 12), Paris. 2650, Paris. 3011 C, 
dem lang überschätzten 35) Gorlic. A (15. saec.), Laurent. 57, 
28 u und in einem Parisinus, der sich nur aus den Scholien 
(ed. Bachmann V. S. 23) rekonstruieren läßt; vereinzelt kommt 
sie bloß vor in Vat. 87 X (14. oder 15. ? saec. V. 8.7), Cod. 
Upsal., Ambros. 218, Laurent. 32, 13 (14. saec. a. a. Ὁ, 8. 40) 
und Cod. Björnstahl Bomb. nr 4 (a. a. O. 8. 32). Allein was 
ist damit für die Echtheitskritik erreicht? Was gibt uns das 
Recht, mit Rothstein (S. 34) die ersten 10 Schriften des Cor- 
pus B als echt und die übrigen 4 als unecht anzusehen und 
die Grenze der Echtheit gerade vor der Vita Demonactis zu 
ziehen, selbst wenn die folgenden De domo und Patriae enco- 
mium zweifelhaft und Macrobii (vgl. Hirschfeld im Hermes 
24, 156 ff.) unecht sind? Warum sollte nicht dieser Sammlung 
rhetorischer Schriften, wie Nigrinus, so auch eben ‘propter 
argumenti similitudinem’ Demonax von Anfang an beigefügt 
gewesen sein können? Der Schluß auf Unechtheit wäre nur 
dann berechtigt, wenn nach genauer textlicher Untersuchung 
jeder einzelnen Schrift sich für die 4 letzten eine ursprünglich 
getrennte handschriftliche Ueberlieferung herausgestellt hätte. 
Da aber diese Forderung, auf die Rothstein S. 49 selber hin- 
weist, bis jetzt noch nicht erfüllt ist, so sieht auch er sich 
genötigt; für sein Verfahren innere Gründe anzugeben, wie wir 
denn überhaupt bei solchem Sachverhalt nur auf diese uns 
verwiesen sehen. | 


2. Sprachliche Untersuchung. 


| Wie in der Platekritik, so ist auch für Lucian neuerdings 
mit vollem Recht die Notwendigkeit der sprachlichen Unter- 
suchung stärker betont worden°‘). Wohl stößt auch diese 


38) Vgl. Nils Nilen, Annotationes Lucianeae. Hauniae 1889. 8. 1—6. 

34) Vgl. Rothstein S. 30,2 und 31 und bes. die Programme von 
Joh. Bieder, Cynicus, Hildesheim 1891; Ueber die Echtheit des Luc. 
Dialogs De parasito 1890 und der Schrift De saltatione Halle 1894; 
dazu Joost, Beobachtungen über den Partikelgebrauch Lucians in der 
Festschrift für L. Friedländer. Leipzig. 1895. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 567 


Methode auf große Schwierigkeiten, besonders wenn man ein 
zu enges Gebiet der Betrachtung unterzieht und die Rücksicht 
auf die verschiedenen Litteraturgattungen außer acht läßt, wie 
Joost (vgl. S. 166. 174. 175. 177); allein bei richtiger Ausübung 
derselben und verbunden mit den anderen Kriterien bildet sie 
gerade bei Lucian ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel. Denn 
er selbst legt großes Gewicht auf den sprachlichen Ausdruck; 
gsrammatische Fragen beschäftigen ihn bis ins Alter; der ge- 
ringste Vorwurf in dieser Beziehung verletzt ihn auf das 
tiefste, man denke nur an die Schrift Pseudologista und Pro 
lapsu inter salutandum (Pseudosophistes?). Die künstlerische 
Ausbildung der Sprache und die Darstellung geht ihm über alles; 
darum ist es auch die Form, deretwegen er bewundert sein 
will, und nicht der Inhalt *). Dabei sind hier im Gegensatz 
zu anderen Gebieten seine Grundsätze im wesentlichen gleich 


geblieben und im Unterschied von manchen seiner Zeitgenossen 


verfolgt er hier ein feststehendes Ideal, ebenso fern von dem 
Stile der χοινῆ, wie von jenem übertriebenen Atticismus,« auf 
den sehr gut als Wahlspruch passen würde das Wort Lucians: 
ὅσῳ ἂν ξενίζοιμι, τοσούτῳ σεμνότερος ᾧμην αὐτοῖς ἔσεσθαι 
(Gall. 18). 

Auf den ersten Blick gehen nun aber doch trotz der 
Eigenart der Lucianischen Schreibweise die Kenner seiner 
Sprache weit auseinander in ihrem allgemeinen Urteil über 
den stilistischen Eindruck unserer Schrift 26). Es kommt das 
jedoch daher, daß die einen mehr die grammatische Seite, die 
anderen mehr die Art der Komposition in Betracht gezogen 
haben. Macht man diese Unterscheidung, dann ist der schein- 
bare Widerspruch gelöst und das für die Lucianische Urheber- 
schaft günstige Urteil kommt eben auf Rechnung der sprach- 
lichen Seite. Dies soll nun zunächst im einzelnen gezeigt 
werden. 

Leider ist uns dabei ein Hilfsmittel verschlossen, die von 


25) Prom, es. 3. Zeux. 1 und 2. Bis. acc. 34. De hist. conser. 46. 
Pisc, 22. 

36) Bernays S. 104, 24 und Rothstein 8. 32—33 gegenüber Fritzsche . 
II, 1,188 und Schwarz S. 563, der nur „wenige zweifelhafte Ausdrücke 
und ein paar auffallende Fügungen“ findet, ohne sie aber namhaft zu 
machen. 


δ08 ᾿ K. Funk, 


Photius (Cod. 128 S. 96 B.) hochgerühmte Rhythmik der 
Sprache Lucians. Fr. III, 2, LXXXII ff. spricht allerdings da- 
von; er nennt Gallus und Cataplus als die vollendetsten Werke 
der Art, während Nigrinus noch nicht so fein ausgearbeitet 
sei (S. LXXVI und LXXX), ja er gibt seinen Rhythmen den 
Vorzug vor denen eines Isokrates und Thrasymachus (S. LXXV]), 
aber er sagt nichts von der Beschaffenheit derselben, wie er 
es bei den eben genannten tut. Offenbar war eine gewisse 
Regelmäßigkeit nicht nachzuweisen, ohne die wir für unseren 
Zweck mit dieser Bemerkung nichts anfangen können, ganz 
abgesehen davon, daß die Beobachtung nur auf einer Unter- 
suchung der Dialoge beruht, die so wie so eine Mischform von 
Poesie und Prosa darstellen. | 

So sind wir also zunächst auf die Eigentümlichkeiten be- 
schränkt, welche in Laut- und Flexionslehre, in Syntax, Wort- 
stellung und Wortwahl zu Tage treten. Ich verhehle mir 
dabei nicht, daß eine Reihe von Erscheinungen auch bei an- 
deren Schriftstellern sich finden. Aber es ist Gewinn genug, 
wenn unsere Zusammenstellung den Nachweis liefert, daß der 
Sprachcharakter unserer Schrift von dem Lucians nicht wesent- 
lich abweicht. 

Lautlehre: Gemeinsam der Vita und den Werken Lu- 
cians ist der Gebrauch von jonischen Formen neben den atti- 
schen, so ἐς c. 5 und nach den besten Handschriften auch 
ὁ. 42 und 67 (III, 18) 37); ξυνεπολιτεύετο c. 5.38), συνεγίνωσχε 
ὁ. 7, γίνομαι c. 63, ἀναγινώσκουσι c. 67 (1V, 579). Desgleichen 
wird streng von ihm eingehalten der Gebrauch der unkontra- 
hierten Formen in der Deklination der Sigmastämme, wie 
Ἡρακλέα c. 1, Σινωπέα c. 52%) und bei λουόμενος c. 42. Ge- 
rade im letzteren Falle hat Lucian offensichtig die Kontraktion 
als fehlerhaft verpönt, indem er Lex. 2 diesen selbst sie ge- 
brauchen 1äßt°°), und das im Unterschied von Aelian (III, 42), 


2”) Wo im weiteren Verlauf nur Band und Seitenzahl angegeben 
wird, ist immer Schmid, Der Atticismus in seinen Hauptvertretern. 
Stuttgart 1857—1896. I—IV gemeint. 

28) ξὺν haben alle Codd. außer 31; ein Grund zur Aenderung liegt 
nicht vor, wenn es auch weit seltener ist. Vgl. Ill, 17; Chabert S. 88. 106. 

», Vgl. 1V,18. K. Dürr, Sprachliche Untersuchung zu den Dia- 
lexeis des Maximus von Tyrus ım Philol. Suppl. VII, 4 S. 10. 

80) Damit fällt der Verbesserungsvorschlag Cobets, Var. lect. 8. 84, 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 569 


der auch den Akkusativ der Sigmastämme immer kontrahiert 
(III, 21. IV, 582). Dies tut Lucian nur regelmäßig in Formen, 
wie χρυσοῦν c. 17°!) und bei dem eingeschobenen οἶμαι (I, 127). 
Die Nebenformen τῷ c. 7 und ὅτῳ c. 13 und 17 sind häufig, 
die Krasis in ϑάτερον c. 11 und selbst in ϑατέρῳ c. 1 ist fast 
die Regel (I, 227). Die Schreibung ὀδμὴ c. 66 kommt bei 
den Attikern nur vereinzelt vor (1,207, 340; IV, 209) und so 
gebrauchen auch die strengen Atticisten, Aelian (III, 143) und 
Philostratus (IV, 209) nur ὀσμή. Lucian hat beide Formen: 
ὀσμὴ Fug. 1. Ver. hist. II, 5. 29; ὀδμὴ dagegen Scyth. 2. Cyn. 
17. Dea Syr. 30. Hier ist diese Schreibweise noch besonders 
leicht zu erklären, weil wir es mit einem Ausspruch des De- 

monax zu tun haben, dem offenbar das Kolorit der Umgangs- 
sprache gewahrt werden soll, ein Umstand, auf den bereits 
Fr., De Attic. Spec. II, 11 aufmerksam gemacht hat. Die Un- 
beständigkeit, mit der oo und ττ, μέλισσα c. 52 und πάτταλος 
ὁ. 38 abwechselt, ist auch anderen Schriften gemeinsam (III, 
15). Musc. enc. 3 zeigt μέλιττα und zwar trotz der Klage 
des ‘0° gegen die Uebergriffe des “τ᾽ gerade in diesen beiden 
Wörtern nach Jud. voc. 8. 9. 

Flexion: Hier treten dieselben Uebereinstimmungen zu 
Tage. Der Gewohnheit Lucians entsprechend wird c. 66 der 
Nom. Plur. von ὄρνις auf --εα gebildet, während dagegen 
Philostratus nur einmal ὄρνεα (Ap. 231, 14 vgl. IV, 22) und 
Aelian nur einigemal (IIl, 36) ὀρνέων schreibt ??). Die Dual- 
form des Artikels der Feminine, die Aelian ganz vermeidet 
(III, 48), lautet immer ταῖν (c. 11 ταῖν χεροῖν). Die 2. Pers. 
Ind. Praes. Med. geht bei Lucian für die Regel auf —y, nicht 
auf ---εἰ aus, so auch bier ἀποχρίνῃ c. 26, ἡγῇ c. 27. Die Form 
περαίνει c. 15 bildet bei seinem Schwanken keine Gegeninstanz. 
Hier ist sie besonders am Platz, weil die Entwicklung nach 
—e geht (III, 30), also in der Umgangssprache sicher so ge- 


x #1) F. V. Fritzsche, De Atticismo et orthographia Luciani. 1828. 
Pe; 11. 
32) Der der χοινὴ angehörende Sing. ὄρνεον kommt nur einmal 
bei Lucian Jud. νος. 8. vor, sonst steht ὄρνις Lex. 6. De merc. cond. 17. 
᾿ς Conv. 43. Ausnahmen vom Plur. ὄρνεα sind nur ὄρνις als Nom. Ep. 
Sat. 35 und als Acc. 23, De merc, cond. 13 öpvidwv in der sprichwört- 
lichen Redensart ὀρνίϑων γάλα ἀμέλγειν und Conv. 43 ὄρνισιν. 


570 AK 


sprochen wurde°®). Beachtenswert ist es sodann, daß in dem 
einzig möglichen Fall die von Lucian bevorzugte (III, 31, vgl. 
Bieler, de paras. 5. 8. 9) äolische Endung des Opt. Aor. I. Act. 
ὀνομάσειε c. 25 sich findet, die z. B. Maximus von Tyrus (Dürr 
S. 13) nur zweimal hat. Das Perf. Pass. λέλεγμαι c. 12 von 
λέγω — sagen hat nichts Auffallendes an sich. Es wird 
manchmal, wie Apol. 2. 14. Prom. es 3 unmittelbar neben 
der regelmäßigen Form verwendet. 
Syntax: In der Behandlung derselben erscheinen manche 
Eigentümlichkeiten Lucians, so der mit Vorliebe und mannig- 
faltig gebrauchte Acc. der Beziehung®*) c. 3. 50. 51. 553 und 
der häufig zu Modalbezeichnungen und Adverbialumschreibungen 
benützte Acc. Neutr. eines Adjektivs (I, 234): μάλα. ἡδὺ c. 13, 
τὰ πολλὰ c. 21, τὸ ὅλον c. 4 und τὰ τελευταῖα c. 11 nicht in 
der Bedeutung denique zusammenfassend, sondern postremo, 
wie sonst immer (Mesnil S. 48. 49). Für die äußerst beliebte 
Umschreibung einer Attributivkonstruktion durch Substantivie- 
rung des Adjektivs und Gen. part. (1,235. IV, 608) finden wir 
Beispiele in c. 2 (τὰ ἀρχαῖα τῶν παραδειγμάτων) c. 6. 12. 39; 
ebenso für den Gen. part. ohne εἷς oder τὶς (Sbdt., Ausgew. 
Schr. zu Som. 9; IV, 608) in c. 3 (οὐ τῶν ἀφανῶν) c. 23. 69. 
Dahin gehört auch die von Guttentag S. 46 erwähnte Gewohn- 
heit Lucians gegen den Gebrauch der meisten Schriftsteller 
den Gen. αὐτῶν beizufügen, wie c. 8. 9. 11 u. 8.5). | 
Der Artikel wird gern gesetzt zu Zeitbestimmungen z.B. 
τὸ ἀπ᾽ ἐχείνου c. 11 und steht trotz der sonst überhand neh- 
menden Lässigkeit des Gebrauchs (III, 64. IV, 614. Dürr 5. 28) 
regelrecht bei τοιοῦτος und οὗτος. Doch ist das Fehlen nach 
οὗτος c. 11 nicht ganz ohne Beispiel (De salt. 32. Per. 19), 


was gegen Chaberts Verwunderung (5. 174) über Dea Syr. in 


dieser Beziehung zu betonen ist. 


33) Das bessere Verständnis des Wortspiels nötigt nicht zu περαίνει, 
wie Cobet 8. 39 meint. Dasselbe wäre bei richtiger Auffassung von 
nepaivy gerade so möglich; denn korrekt müßte es ja doch περαίνεις 


oder περαίνεται heilen nach Philops. 9 und δυο. 5, wenn τὸ ἐρώτημα. 


ergänzt werden soll. Damit fällt der Grund für Cobet überall —eı zu 
korrigieren, wie man mit Schwidop, Observationes Luc. Königsberg 
1848—70. Spec. I, 13 Anm. nicht überall —y aufdrängen darf. 

84) Baar, Wien. Stud. VIII, 63; vgl. IV, 609. 

38) Für ἰσχύος ὑπερβολή s. Chabert 8. 174. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 571 


Nicht vereinzelt findet sich der Gebrauch von ξαυτοῦ c. 17 
statt σεαυτοῦ 5). Wie die Attieisten überhaupt gerne Adjek- 
tiven und Adverbien ein tis ohne besondere Bedeutung an- 
hängen (1, 293), so erscheint es auch hier an Adjektiven c. 14. 
50. 63 und an einem Adverb c. 5 οὐ πάνυ τι (1, 293 vgl. 137. 
II, 157. ILL, 68. Dürr S. 32). 

In der Tempusverwendung wird zur Zeit des Attieismus 
durchaus nicht mehr die klassische Strenge gehandhabt. So 
dürfen uns die gegen die Regel gebrauchten Imperat. Praes.. 
c. 23. 48. 66 nicht berühren und der Tempuswechsel in c. 1 
ἔμελλε μηδὲ ἔσεσϑαι, ἀλλὰ ἐχφαίνειν ist gegen Cobets Korrektur 
S. 100 in ἐχφανεῖν (Fr. und Sbdt.) beizubehalten 57), ebenso auch 
in 6. 25 ἐνδοιάσαντος χαὶ ἀποροῦντος. Die von Guttentag S. 41 
(vgl. I, 96. 240) gekennzeichnete Vorliebe Lucians für das Perf. 
und Plusquamperf. zeigt sich hier in c. 4. 17. 40. 53. 58. 
Dahin rechne ich auch das beanstandete Tempus 8). in c. 38 
πῶς σοι μεμαχῆσϑαι ἔδοξα. 

Im Gebrauch der Modi gilt das Gleiche. Der Opt. über- 
wiegt den Konj. im allgemeinen schon so sehr, daß selbst 
nach einem Präs. im Hauptsatze der abhängige Satz, der unter 
Umständen durch eine vorangestellte Wendung wie ἀμφοῖν 
‚Evexa c. 2 ausdrücklich eingeleitet werden kann 39), mit dem 
Verbum im Opt. folgt*°); manchmal tritt auch der Indic. Fut. 
(ec. 20 εἰ χατανοήσεις, εὕροις ἄν) stellvertretend für den Con). 
und Opt. Aor. ein (vgl. Chabert 5. 190). Regelmäßig ist oö- 
τως ὥστε c. 44 mit Indic. Praet. verbunden (a. a. O. S. 189), 
aber auch für die Konstruktion von ὥστε mit Inf. statt ὡς 
mit Inf. ὁ. 11 und 63 fehlt es nicht an Belegen (Sbdt. zu 
86) ], 297. "ὃ Zu den hier aufgeführten Beispielen käme noch Ver. 
hist. 1,6. Apol. 2. In Pseudosoph. 4 ist vielleicht eben dieser Gebrauch 
getadelt. Vol. Chabert 8. 107. Dürr S. 29. 

#7) Ein ähnlicher Fall ist erwähnt I, 96, abgesehen davon, daß μέλλω 
sich öfter, Herm. 43. Pro lapsu 9. Jup. trag. 45 (vgl. III, 72. 138. 
IV, 195) mit Inf. Praes. findet. 

#8) 0, Spath, Analecta critica ad Lucianum. Freising 1896 hält 
nur μάχεσθαι ἔδοξα für richtig. 


39) Heller, Die Absichtssätze bei Lucian in den Symbola Joachim. 
1880 8. 313. 

40) Heller S. 307 und 308 erklärt den Opt. als Modus der Or. obl. 
wegen des vorausgehenden Inf. Die Begründung desselben in c. 5 aus 
der koncessiven Bedeutung des Participialsatzes (5. 811 und 312) ist 
überflüssig, da das Part. nach dem vorausgehenden ἐῴκει ein Praet. ist. 


572 K. Funk, 


Char. 23. Tim. 6 vgl. Ill, 85. IV, 622). Das durchaus un- 
klassische οἴομαι ὅτι ὁ. 24 ist durch die Verbindung mit ἥδο- 
μαι entschuldigt; findet sich indes oft genug (1, 242. vgl. IV, 
83. 620). 

Von den beiden Negationen werden οὐ und μὴ ohne seen 
Unterschied gesetzt, nicht einmal der Hiatus ist entscheidend 
für den Gebrauch der einen oder anderen Form (1, 245. Mesnil 
S. 41 ff.). Doch ist μὴ bedeutend im Uebergewicht; es findet 
sich auch hier im infinitiven Aussagesatz c. 1*'). 25, und nach 
ὅτι c. 24. 58, wo man οὐ erwartet; dagegen ist οὐ richtig 
verwendet. 

Die reinen Adv. werden von Lucian oft als Verstärkungen 
des Positiv angewandt, so hier χομιδῇ c. 28. 40 (vgl. Shdt, 
Ausg. Schr. zu De hist. conser. 8. Gall. 2). Das gleiche Ver- 
hältnis zeigt der Gebrauch von μάλα c. 11. 13 und von dem 
fast um das Doppelte häufigeren πάνυ c. 18. 26. 27. 39 (1,275 


und 282); umgekehrt zieht Aelian μάλα vor (1,125). Mit 


diesem πάνυ wird besonders gern von Lucian, z. B. Apol. 5. 
Philops. 5. Vit. auct. 22. Ic. 2. Herm. 11, nach Xenophons 
Vorbild ein Eigenname in elliptischer Weise auch c. 24 ver- 
bunden. Als Steigerung des Komparativs dient παρὰ πολύ, 
wie ὁ. 6; dagegen findet sich die Lucian und Dio Ohrysostomus 
eigentümliche Verstärkung durch μᾶλλον und πάνυ (Chabert, 
S. 175) in der Vita nicht. Andererseits erscheint von μόνος 
fast überall die adjektivische Form, wo meistens das Adverb 
gesetzt werden könnte und müßte, so c. 2 (πρὸς τὰ ἀρχαῖα 
μόνα τῶν παραδειγμάτων ; ο. 10 sind beide Auffassung möglich)*?). 

Der mit der Präposition Eri gebildete Ausdruck Ent πολὺ 
kommt vor = magnopere c. 67 und in der Lucian noch ge- 
läufigeren Bedeutung = diu c. 25. 54 (1, 399. Mesnil S. 36. 
49) 45), ähnlich Ent μήκιστον c. 1 (vgl. Anach. 26. 27. 38. Dial. 
mort. VI,2 u. a.). Die Verbindung προελϑὼν eis αὐτοὺς c. 57 
statt παρὰ steht nicht allein und ist gerade vor folgendem 


41) Vgl. De salt. 20. 

12) Guttentag S. 44. 45 u. C. Knaut, De Luciani asini auctore. 
Leipzig 1868. 5. 36. 

45) Auch bei Arrian und Philostratus ist ἐπὶ πολὺ beliebt (IV, 454) 
nicht aber bei Maximus (Dürr 8. 51). 


Lo 
,“μ“ ὦ χ “ΠΥ “ 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 573 


Pron. grammatisch. richtig‘'). Besonders hervorzuheben ist 
noch die Präposition ἄχρι πρὸς ὁ. 67. Sie kommt auch bei 
anderen Schriftstellern des atticistischen Zeitalters vor, so bei 
Aristides 2mal (II, 91), Polemo 1mal, Dio Chrysostomus 3mal 
. (IV, 626), bei Arrian nur 1mal μέχρι πρὸς Peripl. 1. 6. 11 45). 
Das ist im Verhältnis zu dem häufigen Gebrauch bei Lucian 
(1,397) so selten, daß man sie zu den spezifisch Lucianischen 
Eigentümlichkeiten rechnen darf. Um so beachtenswerter ist 
für die Echtheitskritik, daß die einzige Stelle, wo zu ihrer 
Verwendung Gelegenheit geboten ist, gerade diese Präposition 
aufweist. 

Am meisten charakteristisch und am schwersten nach- 
zuahmen ist endlich die Verwendung der Konjunktionen. Dar- 
auf dürfte besonders bei den späteren Schriftstellern Gewicht 
zu legen sein, weil diese mit dem Abkommen des Verständ- 
nisses für den Periodenbau bis zu einem gewissen Grade durch 
Partikeln die alte Kohäsionskraft ersetzen mußten, welche in 
der festgefügten Periode die einzelnen Teile zusammenhielt. 
Aber auch hier bietet unsere Schrift keine Schwierigkeiten. 


Ich führe im folgenden die hauptsächlichsten auf: 


ἂν pleonastisch c. 10 2mal; Beispiele Mesnil S. 5 35). 

ἀλλὰ γὰρ c. 3; häufig vgl. 1, 433. III, 329. 

ἀλλὰ — Ye c. 3. 50 und y& ce. 2. 10; im Verhältnis zu manchen 
Schriften etwas selten; doch kommt die Vita noch vor Per. Ver. hist. 
und As. 3. Joost S. 181? ). 

γοῦν ο. 7. 26. 48; sehr beliebt 5. Bieler, De paras. S. 20, an allen 
3 Stellen ist es normal gebraucht (nicht gleich δ᾽ οὖν und οὖν vgl. Gut- 
tentag ὃ. 46) und am richtigen Platze (I, 428). 

en Ὁ: 8.509). 
ες χαὶ μὴν c. 20. 29. 66; es verteilt sich so ziemlich gleichmäßig 
auf alle Schriften, ohne in einer echten Schrift, wie hier, allzuhäufig 
zu sein. S. Joost S. 171 (I, 427. Thimme 5. 9. Bieler ὃ. 20). 

καὶ μὴν not c. 2. 26. 29. 54. 56. 63; in dieser Beziehung fällt 
die Vita auf. Die Partikel findet sich im ganzen nur 33 mal (I, 427), 


44 Mesnil S. 36. Krüger, Gr. Gramm. 68, 21, 3. ᾿ 
*) Vgl. Mücke, Zu Arrians und Epiktets Sprachgebrauch. Nord- 
hausen 1887. S. 19. 

‘ 40) Heller 3. 205 sucht die Erscheinung psychologisch zu begründen, 
während Sbdt. 11,1, 821 zu Tyran. 3 doch etwas zu äul:erlich nur das 
Streben darin erblickt, durch die Zahl die Kraft der Partikeln zu steigern, 

#7) Besonders gern steht es nach dem Artikel wie c. 2. 3. 50 und 
ἔθ Partie, um einen kausalen Sinn zu bezeichnen c. 10. 5. Joost 

Ma Da 

48). c. 50 schreibt Sbdt δὲ trotz der Ueberlieferung δὴ in AQAT 

Mut; beim Imper. stelt δὴ außer den bei Tbinnme 5. 9 genannten 

Stellen noch Conv. 18. Zeux. 7. Nav. 36. Paras. 4. 20. 52. 


574 | K. Funk, 


in den echten Schriften höchstens je 1—2mal mit Ausnahme von De 
hist. conser. mit 6, Ver. hist. mit 9, As. mit 7 Fällen. S. Joost S. 173 
„176. Vielleicht ist die Häufigkeit durch den ruhigen Ton der Erzäh- 
lung in diesen Schriften veranlaßt. Der Wechsel von καὶ μὴν und καὶ 
μὴν καὶ hat nichts auf sich, er hat nicht nur im le, statt, wie Thimme 
S. 9 angibt, sondern auch in Eun. 3 und 10. Nav. 44 und 42. Musc. 
enc. 1 und 2. 5. Anach. 14. 16 und 27. 29. Paras. 1.2.2.8. 8. 9. 10 
etc. und 28. 59. 

καί ποὺ καὶ c. 9; vgl. De mere. cond. 16. 17. οὐ ππσ.-. 
De luctu 12. 

χᾷτα c. 35; von Lucian zwar getadelt Lex. 21 und Rhet. praec. 16, 
aber doch gebraucht vgl. I, 264. 

μέντοι ὁ. 33. 41. 42. 49. 67. 67; ganz gewöhnlich 5. I, 427, 

ον ον Tee 11. 11. 16. 26. 28. 28. 29. 

37. 48, 50. 50. 51. 56. 59. 62. 63; äußerst häufig, oft 3mal in einem 
cap., so Som. 1. 7. Char. 16. 19. Nigr. 8. 9 u. a. 

nzvohne folgendesdÖ: c.11. 67; auch wat — δὲ c. 4 ist nicht 
ohne Beispiel vgl. De salt. 13; Knaut 3. 39. ἀλλὰ entspricht μὲν in 
c. 3 2mal. 

οὗτοι μέντοι ohne: c. 67 dient zur Hervorhebung s. Gut- 
tentag S. 60. 

μὲν γὰρ c. 11. 50. 59. 67, nicht selten vgl. Bieler, a. a. O. 8. 20. 

οὐκοῦν c. ὅδ vgl. 1, 427. 

od μὴν — AAA& καὶ c.3 kommt Charid. 15 ausgenommen nur 
noch 6 mal in unbestritten echten Schriften vor. 

od μὴν — γὲ c. 4; nur in unzweifelhaft echten Schriften und zwar, 
wie hier, bloß einmal. 5, Joost 5. 173 vgl. I, 427. Bieler, a. a.0. S. 11. 

oöv c. 1. 14. 17. 24. 52. 66. 

τοιγαροῦν c. 11; meist wie hier an erster Stelle vgl. I, 428. 

‚toivovc. 86; sehr gewöhnlich und nirgends bei Lucian an erster 
Stelle des Satzes, (1, so auch hier. 

15 — nel co 1980 rl 63. 

τὲ — τὲ ο. 11. 59. 

οὐ μὰ Δία c. 3; vgl. I, 421. 

ὡς = ἵνα c.2.5; vgl. Heller S. 295. Chabert S. 167 und I, 237, 13. 
Das seltene ἵνα kommt hier überhaupt nicht vor. Vgl. dagegen Maxi- 
mus, Dürr 5. 40. 

ὡς — ὅτι c. 12; ὅτι findet sich selbst 10 mal, ὁ. 4. 8. 11. 11. 14. 
15. 16. 24. 29. 58. 

oc Ξε. ὥστε c. 6. 10. 28. 

In verschiedenen Bedeutungen steht ὡς beim Part.: c. 31 final; 
c. 8. 23. 37. 10 objektiv begründend; c. 16, 24. 42 subjektiv begrün- 
dend; ferner steht es bei Adj. c. 12. 37, bei Subst. c. 61. 26. 

ὥστε = ut econsecutivum c. I 44. 63; etwas selten, da der 
alternde Lucian im Gegensatz zu seinen jüngeren Jahren zwar nicht 
ausschließlich, aber doch fast nur ὥστε gebraucht. Vgl. P. Schulze, 
N. Jahrbb. 1891, 827 und IV, 87. 
ὥστε = quare c.4; nicht selten nach Knaut $. 38, Shdt.. Ausg. 
Schr. III2, 154. 

καίτοι 6. 11. 11, das eine Mal den Hauptsatz, das andere Mal 
den Nebensatz einleitend; Beispiele für beides bei Mesnil 8. 58. 


Wortstellung und Satzgefüge ist durchaus ungekünstelt 
und einfach und entspricht ganz dem Lucianischen Geschmack. 
Nirgends zeigt sich jene Verrenkung in der Wortstellung, wie 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 575 


in dem unechten Charidemus #9), Der Hiatus wird gleichfalls 
nicht ängstlich vermieden, nicht einmal im schlimmsten Fall, 
wo ein kurzer nicht elidierbarer Vokal, welcher das Wort 
schließt, mit einem folgenden kurzen zusammenstößt. Er fehlt 
nur in den unechten Schriften Charid. Halc. Demosth. enc. 
(Schmid, Philol. 50, 302). Ebenso wird auch nur einigemal 
die rhetorische Stellung des Verbums zwischen dem Adj. und 
dem dazu gehörigen Subst. angewendet, wie c. 11 (τραχυτέρῳ 
ἐχρήσατο τῷ προοιμίῳ und ταύτην ἔφη ἔχειν αἰτίαν) und 16 
vgl. Bis acc. 1. Herkunfts- und Standesbezeichnungen folgen 
dem Namen in attischer Weise c. 1 (Δημώναχτα τὸν φιλόσοφον) 
ὁ. 3 (Τιμοχράτει τῷ Ἡραχλεώτῃ) c. 29. 30. 31. 44. 54. 56; 
nur ὁ. 1 (τὸν Βοιώτιον Σώστρατον) tritt eine andere Stellung 
‚ ein, welche indes gleichfalls belegbar ist (1, 419. vgl. 101). 

Mit den Attieisten und Lucian gemeinsam°°) hat unsere . 
Schrift gerne die prädikative Stellung des Adj., so daß dieses 
voransteht, während das Subst. mit dem Artikel folgt c. 4. 8. 
23. 31. 38. 51. Diese ist bei Lucian, mit nur wenigen Aus- 
nahmen in zweifelhaften Schriften, nach Bieler Cynicus S. 10, 
die Regel, wenn das substantivierte Neutr. mit einem Gen. 
part. verbunden ist, so auch hier c. 2 (τὰ ἀρχαῖα τῶν παρα- 
δειγμάτων). 6. 12. 39. 

Die einzelnen Sätze werden übereinstimmend meist ko- 
ordiniert. Parataxe statt Hypotaxe selbst in Fälien wie c. 3 
und 16 ist so wenig als die Wiederaufnahme eines Satzes mit 
χαὶ τοῦτο (c. 50 und 63) etwas Seltenes°'). Dafür steht oft 
auch (vgl. c. 63) das verblaßte Wort πρᾶγμα (Guttentag S. 53). 
Sehr gerne aber fügt Lucian einem voraufgeschickten Ge- 
danken noch nachträglich mit Unterbrechung des Satzes eine 
nähere Bestimmung hinzu, welche zum Verständnis durchaus 
notwendig ist, offenbar mit der Absicht, den nachlässigen Fluß 
der Sprache des täglichen Lebens nachzubilden (a. a. ©. S. 38). 
Beispiele dafür finden sich in c. 31. 54. 25. 14 und 44. Von 
den Redefiguren ist die eigentliche Antithese selten, in der 


49) Ziegeler, Studien zu Lucian. Hammeln, 1879 S. 4. 

»0) ΤΥ 613. Dürr S. 29. Guttentag S. 45. Bieler, De paras. 8. 19 
Knant ὃ. 36. So steht auch das Pron. voran 6. 41. 44. 47. 56. 

51) ], 239. Bieler, De paras. S. 9. 


576 K, Funk; 


Regel stellt er nur der Position eines Gedankens die Negation 
entgegen (vgl. De merc. cond. 1). Die Anaphora ist häufiger 
nur in rhethorischen Schriften (für die παλιλλογία in c. 1 εἶδον 
χαὶ ἰδὼν ἐθαύμασα vgl. Herm. 49). Oft erscheint nur die 
Litotes, so auch ο. 1. 1. 3. 4. 4. 11. 14: 25. 44. 49. 66 (1, 415). 

Die Gewohnheit Lucians, einen Gedanken nicht nur nach 
Dios Art?”) durch 2, sondern durch mehrere synonyme Aus- 
drücke wiederzugeben ὅ5), zeigt sich in der Vita in folgenden 
Fällen: c. 3 ὀρϑῷ al ὑγιεῖ nal ἀνεπιλήπτῳ βίῳ χρώμενος -— 
ὁ. 9 ϑαυμάζοιτο Aal ἀποβλέποτο und ὁμοδίαιτος ἅπασιν ὧν Nail 
πεζὸς χαὶ οὐδ᾽ ἐπ᾽ ὀλίγον τύφῳ χάτοχος συνῆν καὶ ξυνεπολιτεύετο 
— 6. 9 ὃ τρόπος πρᾶος χαὶ ἥμερος nal φαιδρός ; ähnliche Häu- 
fungen c. 6 παντοίους. .. χαὶ χοσμιωτέρους χαὶ φαιδροτέρους 
χαὶ πρὸς τὸ μέλλον εὐέλπιδας c. 11 πράους χαὶ ἵλεως — 
ὁ. 12 ἀγεννὲς χαὶ γυναικεῖον καὶ φιλοσοφίᾳ ἥκιστα πρέπον. 

Die Untersuchung über die Wortwahl endlich ergibt fol- 
gendes Bild: 


Spezifisch Platonische Wörter und Ausdrücke 554) 
aus Pl. u. a., aber nicht Xenophon und Comici 1455) 
aus Pl. und Xen. mit Ausschluß der Com. 16 
aus Pl., Xen. und Com. 2 


aus Pl. und Xen. allein 
aus Pl. und Com. 
. aus Xen. und Com. 

aus Xen. allein 

aus Xen. u.a. mit Auschluß Pl. und Com. 

aus Com. allein 

aus der neuen Komödie 

aus der übrigen Poesie τς 
Dazu kommen aus Thuc. 3, Demosth. 2, Aeschin. 1, aus den 
Trag. u. a. 1, aus der attischen Prosa 7 Wörter; dagegen sind 
nicht vertreten Hdt und die Jonier. 

Diese Zusammenstellung zeigt deutlich genug, daß die 
Hauptquelle für die gewählten attischen Ausdrücke Pl., Xen. 


oa ἀμ δ᾽ α 


5) Math. Graf, In Dionis Prusaensis orationes ab J. de Arnim 
editas (Vol. I) coniecturae et explanationes.. Monachii 1896. 8. 22. 

53) Guttentag S. 36. 

54) 1. 141 ff. vgl. mit 299 ff. 

56) 1, 106 ff. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 577 


und die Komödie, sowohl die alte als die neuere und wohl 
auch die mittlere ist, während die übrigen Autoren der älteren 
Zeit eine untergeordnete Rolle spielen. Das stimmt denn auch 
völlig überein mit dem Bilde, welches uns die eingehende Un- 
tersuchung Schmids in dieser Beziehung von der Art Lucians 
gegeben hat (I, 401), wie ja schon der von dem Schriftsteller 
selbst vorgeschriebene Bildungsgang für den jungen Redner 
(Lex. 22. Rhet. praec. 9) erwarten ließ. 

Zu den besonderen Eigentümlichkeiten des Lucianischen 
Stils gehört es auch, daß es fast in keiner Schrift an ἅπαξ 
λεγόμενα fehlt. Die Vita weist 6 Beispiele auf: συναπειλέω 
c. 15, ein Kompositum, das nach Thes. Gr. s. v. nur Schol. 
Hom. A, 452 und Eustath. p. 67, 3 vorkommt. Statt Spw- 
παχίζωῳ c. 50 gebraucht Lucian gewöhnlich, De merc. cond. 
33. Rhet. praec. 23 etc. und unmittelbar vorher in c. 50 un- 
serer Vita πιττοῦν (vgl. 1, 152). Von der Wurzel des seltenen 
und offenbar dichterischen σόλοιχος c. 40 (vgl. Thes. Gr. 
s. v.) benützt Lucian nur σολοικίζω Rhet. praec. 23. De merc. 
cond. 35. Pseudosoph. 1, σολοικισμὸς Nigr. 31 und σολοικία 
De salt. 27. 80. Die Verbindung ὑπεράνω γίγνεσϑιαι ο. 8 
ist sonst häufiger gebraucht worden (Thes. Gr. s. v.). Statt 
χαταμίγνυμι cc. 5 verwendet Lucian sonst das Doppelkom- 
positum ἐγχαταμίγνυμι Alex. 13: Anach. 14. Philops. 4. De 
hist. conser. 13 u. a. Εὐαπάτητος c. 12 hat wenigstens an 
dem gleichfalls vereinzelten εὐεξαπάτητος Ic. 30 eine Parallele; 
xuv&w ὁ. 21 steht in der Gräcität m. W. ganz allein. Lucian 
kennt dafür nur χυνίζω Per. 43. Im Verhältnis sind das aller- 
dings viele Fälle, da ihnen im umfangreichen Herm. nur 7 
entsprechen (Chabert S. 126 ff.). Allein das hellnische öpw- 
παχίζω, εὐαπάτητος und χυνάω 5%) lassen sich begreifen; sie 
sind ja einem Ausspruch des Demonax entnommen, und so- 
dann ist Chabert in der Aufzählung nichts weniger als voll- 
ständig, wie er auch hier nur die beiden erstgenannten Beispiele 
 aufführt. 

Nach dem Bisherigen weicht also die Vita in sprachlicher 


56) Abgesehen davon daß ἀπολογισμὸς nicht Dem. 33, sondern Dem. 
enc. 33 sich findet, kann ich nicht einsehen, wie nach Chabert S$. 136 ff. 
. Ἀυνάω und gar ἐμπιστεύομαι in neuer Bedeutung gebraucht sein sollen. 


578 K. Funk, 


Hinsicht von Lucians Art nicht ab, ja da und dort treten uns 
spezifisch Lucianische Eigentümlichkeiten entgegen; allein es 
finden sich doch auch Erscheinungen, die wir bei ihm seltener 


treffen. Dahin gehört die Bildung des Acc. auf —r bei den 


Personennamen mit der Endung —ns c. 24. 33. 56. 627), 
während bei Lucian die auf —nv vorwiegend ist (IV, 582. 
Chabert ὃ. 104). Σφόδρα c. 12 wird nur bei Dio Chrys. häu- 
figer verwendet; Lucian hat es nur 38mal und davon 11mal 
in As. und Am. (1, 292); noch seltener findet sich αὐτίκα μά- 
λα c. 15 (I, 292. 275); ὡς τὸ πολὺ c.20 gar nur Herm. 28. 
33. 34 und De cal. 12 und ἀληϑῶς ohne vorangestelltes ®s 
hat nur an Dial. mer. XI, 4 ein Beispiel. In der Bedeutung 
„bei sich, für sich etwas thun“ erscheint gewöhnlich eine Ver- 
bindung mit χατὰ oder πρὸς ὁ. Acc., Ent c. Gen. wie c. 36 Er’ 
ἐμαυτοῦ, ist nur 4mal belegt (Bieler, De Paras. S. 8); πρὸ 
ὥρας ὅ8) c. 24 kommt bloß noch De lucetu 13 vor (vgl. Jup. 
trag. 47 πρὸ τοῦ χαιροῦ). Die Seltenheit von ἄν te — ἄν τε 
Cat. 14 gegenüber Dem. 11 und 59 (ἐάν te Paras. 25) ist 
wohl nur Zufall, da εἴ te — εἴ te häufiger ist. Für χαὶ μέν- 
τοι χαὶ c.46 weiß Bieler a. a. O. 5. 12 nur noch 5 Stellen 
namhaft zu machen. Die Verbindung ὥστε ἐπεὶ χαὶ c. 4 zeigt 
in derselben Stellung nur noch Jup. trag. 51°”); ebenso ist 
τὲ ἅμα καὶ c. 12 nur in Macr. und De Dea Syr. häufiger, in den 


echten Schriften steht es 8&—10mal nach Bieler, De Salt. 5. 17. 


Selten gebraucht werden einzelne Wörter, wie δηχτικὸς c. 50 
(Niger. 37), ῥαστώνη c.5 (De mere. cond. 3. Charid.l. 
Dem. enc. 22), χάτοχος (De hist. conser. 8), στίχοι 55) c. 60 
(Ver. hist. I, 24. Alex. 36. De luctu 24. Char. 4). Statt ἕνα 


57) So lesen wenigstens die besten Handschriften B2ET® Mut; AKF 
dagegen haben die von Xenophon beliebte Form, die c. 56 auch B 
aufweist. 

8) Arrian hat es allein Diss. Epict. IV, 8,38 2 mal. 

59) Die Zwischenstellung von χαὶ (Fr. und Shdt.) ist also nicht ge- 
rechtfertigt. 


60) Mit Unrecht hat K. G. P. Schwartz in Mnemos. XIV. N. 8. 214 ° 


(1886) an der Bezeichnung στίχοι für die homerischen Gedichte Anstoß 
genommen, weil dafür sonst ἔπη oder ποιήματα stehe und das Citat 


regelrecht mit τὸ oder τὰ “Ὁμήρου (Pseudol. 27. Fug. 30. Char. 7) ein- 


geleitet werde, während στίχος nur von einzelnen Versen gebraucht 
werde. Der Sinn ist ja eben der: von den einzelnen Versen aus Homer, 
die ihm zusagten, führte er diesen einen am meisten im Munde. 


- 


ee EEE 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 579 


Kuvıxdv c. 48 (vgl. Per. 15) wird für die Regel εἷς mit Gen. 
part. verbunden, andernfalls wird τὶς beigefügt (Ic. 2. Philops. 
12. Cat. 3 u. a.). So beliebt den Atticisten die Wendung οὐ 
χεῖρον ist, bei Lucian erscheint sie außer hier c. 14 und 44 
nur noch 5mal (I, 120. 238); auch οὖχκ ἔστιν ὅστις οὐ c. 10 
und 67 findet sich sonst nur etwa in 2 Schriften einmal (Bie- 
ler, De Paras. 5. 19); dagegen ist ἔχω mit Inf. c. 2 und 25 
‚wenigstens in manchen Schriften, wie Herm. und Abdic. häu- 
figer (a. a. O.). 

Vereinzelt steht das mediale Partic. φάμενος c. 33. 66; 
das Med. fand übrigens Verwendung in ἔφησϑα Herm. 3. 6. 
9. 19. 61. Je. 2 (vgl. IV, 599. f. Aelian III, 44 f.). Aehnlich ver- 
hält es sich mit der Verbindung ὅσα eis ο. 3 — soweit darauf 
ankommt. Lucian kennt nur ὅσον εἰς Jud. voc. 12. Per. 35 
und ὅσα γε Tim. 52, während die attieistische Pluralform (IV, 
71) ὅσα εἰς für Aelian belegt ist (III, 143). 

Es fehlt sogar nicht an sprachlichen Eigentümlichkeiten, 
welche ich bei Lucian nicht nachzuweisen vermag. Dahin ge- 
hört der Gebrauch des Aor. Pass. von ἀποχρίνεσθαι — ant- 
worten ὁ. 26°). Selten ist ohnedies schon das Praes. von 
σχέπτεσθϑαι bei den Attikern (I, 135), die Konstruktion mit 
abhängigem Inf. c. 57 ist ohne Beispiel; Char. 2 ist es mit 
ὡς verbunden. Das Verbum χαταδαίω, wie die davon gebil- 
dete Form καταδασϑῆναι c. 35 kommt nur hier vor °?). Schwer- 
fällig ist sodann die Verbindung x&T& τὸ χοινὸν συντρέχειν 
τοῖς ἄλλοις τῷ πάϑει αὐτοῦ c. 24. Nur mit einem Dativ 
und zwar einem solchen der Sache kommt συντρέχειν Dial. 
mer. X, 4 vor und Zeux. 2 hat nur einen Dativ der Person 
(ὅτι μὴ συνήϑως μηδὲ κατὰ τὸ χοινὸν βαδίζοι τοῖς ἄλλοις). 
Immerhin ist es bezeichnend, daß an unserem Orte dieselbe Stel- 


61) Gegen eine durch das unmittelbar voraufgehende ἐρωτηϑέντι 

veranlaßte Verschreibung (Fr., De Attic. Spec. II, 12, K. G. P. Schwartz 
S. 213) spricht außer der Ueberlieferung der Handschriften die Tatsache, 
daß ähnliche Formen (vgl. ἠρνησάμην statt ἠρνήϑην Mesnil S. 5) nach 
Pseudosoph. 5 und Polyb. (I, 231) vorkamen. 
62) Cobet S. 80 schlägt καταδεσϑῆναι vor in Anlehnung an Hesiod 7 
rpoxotedettu.. Aber nur die Handschrift ® hat an unserer Stelle zwei 
e darüber geschrieben und zwar erst von 2. Hand. Die Form ist indes 
nicht so ungriechisch, wie Cobet meint; es ist eine regelmäßige Bil- 
dung von χαταδαίω und dann nur einer jenen starken Ausdrücke, wie 
sie die Umgangssprache liebt (f. Aelian s. III, 204). 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 38 


980 K: Funk, 


lung beliebt wird wie Zeux. 2. Endlich kennt Lucian nur τὸ 
παράπαν oder παντάπασιν, nie aber τὸ παντάπασιν c.1. Ob 
hier aber nicht die Handschrift A mit τὸ παράπαν recht hat? 
Einige andere Erscheinungen Lucianischer Eigenart treten 
nun freilich in unserer Vita nicht zu Tage. Es wird nur βού- 
λομαᾶι ὁ. 12. 44 gebraucht und als Präposition beim Passiv nur 
ὑπό, nicht wie sonst im Wechsel mit ϑέλω, ἐθέλω bezw. πρὸς 
c. Gen., welch letzteres den ersten Schriften (Phal. I, 13) ebenso 
angehört wie den letzten (Alex. 2 und Pro lapsu 5). Es fehlen 
ferner die sonst häufigen Wendungen οὐχ οἶδα ὅτι, ὅπως, εἰ, 
ὡς, ὅς, εὖ οἶδ᾽ ὅπως %.T.A., τὸ μέγιστον, τὸ παραδοξότατον U. ἃ.: 
εἰρήσεταὶ γάρ, ἠρέμα, παρέργως, ὁδοῦ πάρεργον, ὡς τὸ εἰχός, 
ἀτεχνῶς, πέρα τοῦ μετρίου, εὖ ποιῶν = wohlweislich; vielleicht 
liegt der Grund dafür in dem objektiven Charakter der Schrift. 
Es fehlen die Satzverbindungen τοῦτο μὲν --- τοῦτο δὲ und be- 
sonders μᾶλλον δέ, wofür sich nun allerdings das gleich häufige 
χαὶ μάλιστα c. 1. 12. 67 findet. Es fehlen endlich die Par- 
tikeln ἀμέλει, ἄρτι, δηλαδή; vor allem πλὴν ἀλλά. Gerade aus 
letzterer Tatsache will Joost eine nicht unwesentliche Ver- 
größerung der Zweifel an der Echtheit der Vita Dem. und 
anderer Schriften entnehmen. Er muß aber selbst gestehen, 
daß man diese Verbindung außer in den rhetorischen Produkten 
seiner Jugend und seines Alters auch in den zweifellos echten 
Schriften Som. Nigr. Dial. mar. Vit. auct. Eun. Fug. ver- 
mißt (S. 168. 169). Ebenso ist seine andere Bemerkung, daß 
sich die Häufigkeit des Gebrauches von πλὴν ἀλλὰ nach der. 
von μὴν richte (8.175), nicht ohne Ausnahme. Er kann Philo- 
'pseudes mit seinem einzigen πλὴν ἀλλὰ nur durch die Begrün- 
dung halten, „die Schrift trage keinen ausgesprochenen dia- 
logischen Charakter an sich, sondern halte sich mehr in den 
Grenzen des Berichtes über geführte Gespräche“ (5. 171). Da- 
mit ist natürlich auch unsere Vita gerettet und die oben aus- 
gesprochene Forderung, die Schriftgattungen bei solchen Un- 
tersuchungen auseinanderzuhalten, unwillkürlich bestätigt. Uebri- 
sens haben kein πλὴν ἀλλὰ bei allerdings mässigem Gebrauch 
von μὴν auch Cron. Dial. mer. De merc. cond. (5. 175) und 
in ähnlicher Weise steht es auch mit Dial. mar. Vit. auct. 
πὰρ. Eun. Nigr. (8. 171 ff.). Wegen des Gebrauchs von ὥσπερ, 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 581 


das sonst mit χαϑάπερ wechselt, die Schrift zu verdächtigen 
(5. 182), ist wohl ein Versehen, da jenes sich nur ein einzig- 
mal c. 19 findet. Das Fehlen von ἄλλως hat Thimme 5. 9 be- 
gründet‘?), das von μεταξύ, sei es nun absolut oder mit Par- 
ticip, ist das Charakteristikum der Schriften des Alters (Joost 
S. 166. 167). Jedenfalls dürfen wir nicht überall alles suchen; 
in- unserem Fall verbietet das schon der geringe Umfang. An- 
deres hat wieder in der Abfassungszeit, in der litterarischen 
Gattung, in dem objektiven Charakter der Vita seinen Grund. 

Wenn man alles in allem betrachtet und die Schrift zu- 
sammenhält mit anderen, die Lucians Namen tragen und gleich- 
falls nach der sprachlichen Seite untersucht worden sind, so 
wird man den Eindruck gewinnen, daß sie bei weitem nicht 
die Schwierigkeiten bietet, wie etwa nur der gleich umfang- 
reiche Cynicus. Gerade die dort von Bieler, Cyn. S. 11 ge- 
tadelte Konstruktion von αἰτιᾶσϑαι und δυσχεραίνειν kommt 

hier c. 24 und 8 nicht vor. 

| Das Folgende wird uns nun aber einen Schritt weiter 
führen. Wir finden nämlich in der fraglichen Vita verschie- 
dene Ausdrücke verwendet, welche sich bei Lucian unstreitig 
einer gewissen Beliebtheit erfreuen °*), so z. B. ἀΐίσσω ἐπί τι 
und zwar immer in der Aoristform, wie c. 4, ἄκρως c. 1, öfter 
adjektivisch mit Substantiven verbunden Nav. 44. De hist, 
conscr. 15. Vit. auct. 2. Dial. mort. XX, 5. vgl. lup. trag. 
26, ἄμοιρος c. 1. 25. Rhet. praec. 17. Conv. 22. Hipp. 7, 
ἀναφέρῤω εἷς τι ο. 1. Conv. 34. Per. 4, ἀποδειλιᾶν c. 42. 
Dial. mort. X, 8. Nav. 35. Per. 26, ἐν γέλωτι totLelohe: 
6. 12. De hist. conser. 32. Nav. 15, ἐνδοιάζω c. 25, ἐπι- 
χεχλασμένος c. 12. Adv.ind. 23, διαχεχλασμένος ο. 18. 
De merc. cond. 33 vgl. Anach. 7, εὔστοχος ce. 12. 39. Nigr. 
35. 36. Conv. 12. Gall. 6. Adv. ind. 15. Tox. 11, vgl. Gutten- 
tag 8. 52, κόσμιος c. 6 gern von Philosophen gebraucht = 
verständig, so Bis acc. 17 Conv. 5. 7. 34. Tim. 54. Herm. 19 


63) Außer den hier genannten Stellen kommt es noch vor Conv. 16. 
Iup. trag. 25. 26. 30. 32. 38. Anach. 16. 20. 29. 32. lup. conf. 1. 7. 14, 
Alex. 49. Hipp. 2. Dips. 6. Hdt. 6. Phal. I, 12. Cauc. 4. 6. 8. 16. 

6%, Im fi. werden nur die Stellen angeführt, welche nicht im Index 
der Lucianausgabe von Jakobitz verzeichnet sind. 


38* 


982 Ki Paaink; 


υ.8.. λαμβάνεσϑαι τινὸς ὁ. 41. Nav. 11. 14; Demere. 
cond. 24. Fug. 18 u. ὅ., ὀλιγοχρόνιος c.8. Nigr. 17 ©), 
δρμᾶν πρός τι ὁ. 8. Som. 17. Conv. 5. öfter ἐπί τι Herm. 
16. 28, 84, Fug. 13, οὐκ ἀπῳδὰ c. 1. Rhet.'praec. 16. De 
salt. 46, οὐδὲν δγιὲ ς (λέγειν) c. 17. Apol. 10, Jup. trag. 
41, παντοῖον γίγνεσθαι 6. 6. Eun.11. Pro-lapsu 1. 
παρομαρτεῖν c.49. Gall. 9, πατάσσω c. 16. Dial. mort. 
XXIL, 1. Conv. 44. Bis acc. 24. Philops. 24, πειρᾶσϑαί τινὸς 
c. 14. Herm. 27. 84. Gall. 15. 21. 24.; Anach. 27. 29. 34. 
37. Philops. 38. Eun. ὃ, τὰ πλήϑη c. 11 vgl. 1, 285, σχυ- 
ϑρωπὸς c. 6. Pisc. 37. Fug. 18. Gall. 11. Anach. 23, διὰ 
στόματος (μνήμης) ἔχειν, (εἶναι) 0.56: 2. Cat.9 vgl. 
Anach. 35, σύντροφος c. 4 immer mit einem Dativ, so De 
salt. 1. Musc. enec. 4. De merc. cond. 23, τῦφος 6. ὅ vol. 
Bieler, Cyn. 8. 17. in derselben Bedeutung 15mal, ὕπαι: 
%pos ὁ. 1. Iup. trag. 1656). Dmepop&v:tıvog ce. 3. Pise. 
46, φιλανϑιρωπίαὰ c. 11. Jc. 27. Tup. trag. 21, χλευάζειν 
c. 12. Jup. trag. 30. Anach. 13, χλευασμὸς c. 39. An- 
dere, seltenere Wörter sind wenigstens belegbar, wie ἀόργητος 
ὁ. 91. Herm. 12, προσχρούειν c. 11, ὁμότεχνος ὁ. 23. Gall. 1. 
ὑπέργηρως c. 63, ἐμπιστεύομαι ο. 51. 

Daneben treten gewisse Wortverbindungen auf, welche 
unserer Schrift mit denen Lucians gemeinsam sind, und welche 
durch ihr häufigeres Vorkommen zeigen, wie geläufig sie ihm 
sind. So haben wir: ϑαυμάζεσϑαι nal ἀποβλέπε- 
σϑαι ὁ. ὅ und Rhet. praec. 1. Per. 20, χεχραγὼς N ὕπερ- 
διατεινόμένος ὁ. 7 und Eun. 2. (ὑπερδιατείνεσθϑαι Je. 7 
Herm. 27. Bis acc. 11. βοᾶν χαὶ διατείνεσθαι. Philops. 6. 
Jup. trag. 16), πρᾶος καὶ ἥμερος c.9 und Pisc. 24. Per. 
18. Phal. 1, 3, ἐλευϑερία καὶ παρρησία c.3 und Pise: 
17. Per. 18. Dial. mort. XI, 3. Char. 13 vgl. Apophr. 1 
(eine den Philosophen dieses Jahrhunderts teure Formel), εὖ - 
ϑὺς ἐν ἀρχῇ c. 11 und De hist. consc. 17. Herm. 16. Pro 
lapsu 5. 6. Alex. 38, auch ἐξ ἀρχῆς εὐθὺς ist häufig, PrAo- 
σοφίᾳ ἥκιστα προσήκων c. 12 und De hist. conser. 17, 


65) "Enoipeoda in demselben c. ὃ steht in gleichem Sinn De merc. 
cond. 9. | 
°%) Daneben ist auch ὑπαίϑριος vertreten, vgl. Fr. II, 1, 190. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 583 


De salt. 2, ὁδ ᾧ βαδίζων (εὗρε) c. 17 und Tim. 5. Herm. 
1. 86. De merc. cond. 25, während Maximus von Tyrus (Dürr 
S. 19) und Philostratus (IV, 142) ὁδὸν βαδίζειν verbindet, pet- 
ράκιον ὡραῖον c. 18 und Per. 9. 43. Nav. 2.19. Alex. 5. 
Hdt. 5 u. a. Die Gewohnheit, Personennamen nicht in histo- 
rischer Reihenfolge aufzuzählen und die Eintönigkeit durch 
Umstellung und ein eingeschaltetes πρὸ αὐτοῦ zu vermeiden, 
findet außer Philops. 2. Scyth. 1. Iup. conf. 16. Hipp 2 auch 
in c. 3 ein Beispiel, und die Wendung desselben Kapitels 3 
οὐχ ᾿Αγαϑοβούλου μὰ Δί᾽ οὐδὲ Δημητρίου hat einen genauen 
Beleg in Apol. 1 (οὐχ ὑπὲρ “Ἑλένης μὰ Δί᾽ οὐδ᾽ ὑπὲρ τῶν ἐν 
᾿Ιλίῳ γενομένων) 57). 

Die Uebereinstimmungen gehen aber noch weiter. Es 
fehlt nicht an eigentlichen Parallelstellen, die ich zum Ver- 
gleiche neben einander setze: 

Dem. 2: πρὸς ἀρχαῖα μόνα Ριβο. 80: ἀποβλέπων ἐς τοὺς 
τῶν παραδειγμάτων σφᾶς αὐτοὺς κανόνας, οὗς προτεϑείχατε, πρὸς 
ῥυϑμίζειν 55), ἀλλὰ κἀκ τοῦ ἣμε- τούτους ῥυϑιμίζοι xal ἀπευϑύνοι 


τέρου βίου κανόνα προτίϑεσϑαι. τὸν ἑαυτοῦ βίον, ὅπερ νὴ Δία 


Annan ' 


τῶν χαϑ᾽ ἧἡμᾶς αὐτοὺς ὀλίγοι 


ποιοῦσιν, vgl. mit 1μ6χ. 29: ζηλοῦν 


ὲ , τὰ ἀρχαῖα τῶν παραδειγ- 


Dem. 3: ὑπ᾽ οἰκείας πρὸς τὰ Som. 10 : τῷ τῶν χαλῶν ἔρωτι, 


χαλὰ δρμῆς 59) καὶ ἐμφύτουπρος τῇ πρὸς τὰ σεμνότατα, ὁρμῇ 


61) Fr. Kersten, De Ellipseos usu Lucianeo. Kiel 1889 S.42 nimmt 
Dem. 3 eine Ellipse an, welche mit Hinblick auf Apol. 1 nicht nur 
unnötig ist, sondern geradezu den Sinn verkehrt. Er sagt nämlich, 
der Sinn sei ohne Zweifel „non solus Agathobulus nec Demetrius nec 
ceteri soli Demonactem impulerunt, sed omnes illi. Itaque certe et 
Agathobulus et ceteri impulerunt“; es sei also μόνον (solus ἢ zu ergän- 
zen. Allein das ἀλλὰ braucht nicht ergänzt zu werden, es steht ja da, 
und damit, wie durch den ganzen Zusammenhang und durch diese 
Parallele, ist dieses μόνον ausgeschlossen. Wenn er dann noch Iud. 
voc. 3 (1, 84), eine Stelle, die ich übrigens nicht finden kann, ein μόνον 
ergänzen will, wofür auch λέγω eingesetzt werden könne, notio quae 
idem valeat(!), also od λέγω ᾿Αγαϑοβούλου x. τ. A, so widerspricht er 
‚sich selbst und läßt damit gerade den getadelten Sinn zu. 

68) Conv. 34 ῥυϑμίζειν τὸν βίον πρὸς τὰ βέλτια; ῥυθμίζειν gerne ge- 
braucht, so Pisc. 12. Anach. 22. De salt. 6. De merc. cond. 30. 
69) Anach. 37. ὁρμὴ ἐς τοὺς χινδύνους, 


984 


φιλοσοφίαν ἔρωτος 72). 


Dem. 4: ἀπῆλϑε τοῦ βίου πολὺν 
ὑπὲρ αὑτοῦ λόγον τοῖς ἀρίστοις 


τῶν “Ἑλλήνων καταλιπών 7:). 


Dem. ὅ : φιλοσοφίας εἶδος 73) 


οὐχ ἕν ἀποτεμόμενος. 


Dem. 6: ὡς τοὺς προσομιλή- 
σαντας ἀπιέναι ... χοσμιωτέρους 


παρὰ πολὺ καὶ φαιδροτέρους. 


Dem. 12: τίνα δὲ καὶ ἐφόδια 


ἔχων Ex παιδιᾶς εἰς φιλοσοφίαν 


ἥκεις 75). 


Dem. 44: ἐπίγραμμα. -.. 
χεχέλευχεν ἐπιγραφῆναι αὐτοῦ 


᾿ τῇ στήλῃ... od χεῖρον δὲ καὶ 


K, Funk, 


vgl. mit Nigr. 27: ἢ πρὸς τὸ 


χαλὸν Spur und Philops. 2. 
ἔμφυτος ἔρως πρὸς τὸ ψεῦδος. 
Dial. mort. XXIV, 3: λόγον 


τοῖς ἀρίστοις περὲ αὑτοῦ χατα- 


λέλοιπεν.. 


Hipp. 3: τῶν ἄλλων ἕχαστος 
ἕν τι τῆς ἐπιστήμης ἔργον ἀπο- 


τεμόμενος. 


Nigr. 13: χατὰ μικρὸν παρὰ 
πολὺ βελτίων ἀπῆλϑε δημοσίᾳ 
πεπαιδευμένος vol. De salt. 79: 
λύπῃ ἐχόμενος ἐξέρχεται τοῦ 
ϑεάτρου φαιδρότερος. 

Rhet. praec. 15: λέξω δὲ πρῶ- 


τον μέν, ὁπόσα χρὴ αὐτόν σε 


οἴχοϑεν ἔχοντα ἥκειν ἐφόδια 
πρὸς τὴν πορείαν vgl. Fug. 13: 


ἐφόδια πρὸς φιλοσοφίαν. 


Dips. 6: γεγράφϑαι δὲ πρὸς 


5 


τοὐπίγραμμα. .. οὗ χεῖρον δὲ 


καὶ αὐτὸ εἰπεῖν. 


αὐτὸ εἰπεῖν 7 "᾿ 


Dem. 41: χύψας αὐτοῦ πρὸς 
τὸ οὖς ἔφη 75). 


Nec. 21: προσχύψας πρὸς 
τὸ οὖς φησιν. 


10) ΝΊρΥ. Prooem. ὃ πρὸς τοὺς λόγους ἔρως und Alex. 6]. ὃ πρὸς ἀλή- 


ὕϑειαν ἔρως. 


11 Nigr. 12. ἣν αὐτὸς ἐκ τοῦ βίου ἀπέλϑ' Ὡς, οὔποτε παύσῃ 


συνὼν τοῖς πεπαιδευμένοις καὶ προσομιλῶν τοῖς ἀρίστοις. 


Vgl. Gall. 


6. Boissonnade zu Eunap. V.S. Ip. 1%. 
2) Εἶδος φιλοσοφίας Herm. 15. Pisc. 15. Vit. auct. 4. 


78) Per. 16. ἱκανὰ ἐφόδια τοὺς Χριστιανοὺς ἔχω ν. 
34. δύο ταῦτα χορυφαιότατο οἵκοϑεν ἔχοντα ἥνχειν. 


Hist. conser. 
Damit fällt 


die Konjektur Bekkers ἐκ Παφίας (Sitzgsber. ἃ. B. A. 1851, 361). Das 
ἐκ παίδων sc. ἐκ παιδείας, wie wohl zu lesen ist nach Anach. 18, gehört 


natürlich zu ἐφόδια ἔχων. 


14) Positiv gewendet ἄμεινον de... 


‚in Alex. 48. 


16) Vgl. Dial. mer. III, 2. Der Ausdruck ist echt platonisch (Buthy- 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 


Dem. 63: παριόντι ὑπεξανίσ- 


τασϑα: τοὺς ἄρχοντας ἐς 


AAN 


ἐνοικούντων ϑεοῦ τινα ἐπιφάνειαν 
ἡγουμένων τὸ πρᾶγμα υπᾶ ο. 


11 : διετέλουν ὥς τινα τῶν χρειτ- 


585 


Conv. 7: xai ἐπεὶ tape 


ὑπεξανίσταντο πάντες καὶ ἐδε- 


ξιοῦντο ὥς τινα τῶν χρειττόνων 


χαὶ ὅλως 


πρᾶγμα ἣν, 


ϑεοῦ ἐπιδημία τὸ 


arnınnnnnnn 


Ἴων ὁ ϑαυμαστὸς 


τόνων προσβλέποντες Τ5). 


Dem. 67: οὗτοι μέντοι ὑπο- 


δύντες ἐχόμιζον αὐτὸν ἄχρι πρὸς 


συμπαρών. 
Char. 10: τὴν μητέρα ὑπο- 


δύντες εἵλκυσαν ἐπὶ τῆς ἀπήνης 


τὸν τάφον 77). 


Dem. 67:- Ταῦτα ὀλίγα πάνυ 


Ex πολλῶν ἀπεμνημόνευσα χαὶ 


ἄχρι πρὸς τὸ ἱερόν. 
Alex. 67: 


πολλῶν δείγματος ἕνεχα γράψαι 


ταῦτα ὀλίγα ἐκ 


ἠξίωσα. 


ἔστιν λογίζεσθαι 78). 


Ich enthalte mich vorderhand noch eines Urteils über diese 
Parallelen; andere wichtigere werden noch im folgenden zu 
besprechen sein 7). Angeführt sei aber noch eine Eigenart 
stilistischer Natur, in der gleichfalls der Verfasser der Vita 
mit Lucian übereinstimmt. :Es pflegen nämlich die späteren 
Schriftsteller ihre Prosawerke durch eingestreute Citate und 
sprichwörtliche Redensarten zu beleben, und das ist für Lucian 
so charakteristisch, daß nur Jud. voc., Dial. deor., Hdt., Har- 
mon., Tyran., Abdie., Phal. I, Anach. und De electro 89) davon 
eine Ausnahme machen, und daß die Fälscher, so besonders 
der Verfasser des Philopatris, gerade diese Seite seines Stiles 


dem. 275 E προσχύψας μοι σμικρὸν πρὸς τὸ οὖς). Ueber den sprichwört- 
lichen Gebrauch vgl. Th, W. Rein, Sprichwörter und sprichwörtliche 
Redensarten bei Lucian. Tübingen 1894. 8. 39. 

76) Alex.9. ὥσπερ τινὰ τῶν ἐπουρανίων προσβλέποντες. 

1 Nav. 19. οἵ δελφῖνες αὐτὸ ὑποδύντες ἐξοίσουσιν ἐπὶ τὴν γῆν. 

18. De salt. 40. ταῦτα τὰ ᾿Αϑηναίων ὀλίγα πάνυ δείγματος 
ἕνεκα EX πολλῶν τῶν παραλελειμένων διῆλθον. 61. 85. vgl. Pro imag. 
21. Tox. 35. 62. Adv. ind. 4. Conv. 26. Dreimal findet sich übrigens 
diese kürzere Form antithetischer Natur auch bei Aelian (III, 312). 

19) Was mehr auf zufälliger Uebereinstimmung beruht, ist von 
keiner Bedeutung, wie c. 10 τὴν τῆς ϑεραπείας. ἐλπίδα —= De salt. 4; 
e. 11 τραχύτερον ἢ χατὰ τὴν ἑαυτοῦ προαίρεσιν —= De hist. conser. 16; 
e ER γραμματεῖον προτιϑεὶς ἠξίου — Per. 16; c. 20; παυσομένων τῶν 
ἀνιαρῶν καὶ τῶν ἡδέων — Char. 18. Per. 41. Nav. 41. De luctu 1; ec. 67 
ἔϑαψαν αὐτὸν δημοσίᾳ μεγαλοπρεπῶς — De hist. conser. 26. 

56) Brambs, Citate und Reminiscenzen aus Dichtern und einigen 
späteren Schriftstellern bei Lucian. Eichstätt 1888. S. 4. 


586 K. Funk, 


übertrieben haben. An solchen sprichwörtlichen Redensarten 
finden wir nun in die Erzählung mitverflochten ἀνίπτοις γε, 
ποσὶ ὁ. 4 — Rhet. praec. 14. Pseudol. 4 81), ferner das häufige 
und in verschiedenen Bedeutungen verwendete ἄχρῳ τῷ dax- 
τύλῳ ὁ. 4 83), dann μετὰ Χαρίτων χαὶ ᾿Αφροδίτης αὐτῆς c. 10 Γ᾿ 
und endlich χάριτος ᾿Αττικῆς μεσταὶ συνουσίαι c. θ 8). Dazu 
kann noch gerechnet werden c. 12 ἀπὸ πώγωνος χρίνεσϑαι τοὺς 
φιλοσόφους 8ὅ,. Für die Gewohnheit Dichter zu eitieren finden 
wir wenigstens einen Beleg in c. 10 τὴν πειϑὼ τοῖς χείλεσιν 
ἐπικαϑῆσϑαι. Das Citat stammt aus Eupolis (Demoi frag. 6, 5), 
der für Lucian ὃ χωμικὸς zu sein scheint 8). Ein Stück davon 
findet sich Nigr. 7 und eine Nachbildung Seytha 11. Diese 
Citate haben nicht nur das an sich, daß sie Lucian sehr ge- 
läufig sind; sie werden auch mit den bei ihm üblichen For- 
meln eingeführt. So steht χατὰ τὴν παροιμίαν c. 4 auch Adv. 
ind. 28; τὸ τοῦ λόγου c. 4 findet sich nicht weniger als 13mal 
und τὸ χωμικὸν hat seine Analogien in Herm. 86. Apol. 14. 
De salt. 80 (vgl. Rein 5. 2). Es werden also die oben ange- 
führten Uebereinstimmungen vermehrt und verstärkt zugleich. 

Umgekehrt ist freilich zu konstatieren, daß unsere Vita, 


81) δία S. 41 gibt die Erklärung des Wortes, das Joost, De Lu- 
ciano φιλομήρῳ. Lötzen 1883. S. 12 mit Unrecht auf Homer Z, 266 
ἀνίπτοις χερσὶν zurückführt. 

85) In dieser Bedeutung häufig 5. Rein 5. 36. Daß bei Zenobius 
(Schneidewin, Corp. Paroemiogr., Goettingen 1839 8. 24. Cent. I, 61. 
vgl. auch Diogenian II, 5 Cent. I, 29 und Arsenius 8. 37 Walz) das 
Sprichwort in der Fassung unserer Stelle eitiert wird, will nichts be- 
sagen. Die Vulgärhandschriften haben eine weitgehende Interpolation 
erfahren (O, Crusius, Die griech. Parömiogr. Philologenversammlung 
1884. S. 228), und nur Thomas Magister und die letzten Parömiogr. 
haben Sprichwörter aus Lucian genommen, die regelmäßig in Athous 
und Laurentianus fehlen (Ὁ. Crusius, Analecta eritiea ad Parömiogr. 
Graec. S. 102 vgl. Rothstein ὃ. 89). 

3) Rein S. 10. Dazu kommt noch Hipp. 7. 

81) Rein 5. 96. Genau entspricht die von ihm übersehene Stelle in 
Zeux. 2, vgl. De merc. cond. 35. 

88) Rein S. 35. Daß auch Dem. 28 ein Sprichwort gewesen ist, 
das nur Ps. Diogenian VII, 95 mit zwei Gliedern vorkommt, ist nicht 
unmöglich, aber dieselbe Anschauung für ec. 7 (Rein 5. 63) äußerst 
unwahrscheinlich, und zwar schon deswegen, weil Lucian selbst nie 
Gebrauch davon macht. 

86) P. Schulze, Quae ratio intercedat inter Lucianum et οι 
Graecorum poötas. Berl. 1888, 5, 10. Nebenbei sei bemerkt, daß 
außer Am. 48.49, wo Kallimachus ausdrücklich genannt wird, den 
bezüglichen Anspielungen noch Tim. 6 vgl. Deor. conc. 6 auf Hymnus 
I, 6—9 zugefügt werden dürfte. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 587 


wie wenig andere Schriften (De sacrif. De luctu. Hipp. vgl. 
OÖ. Schmidt S. 7), arm ist an Methaphern und Gleichnissen. 
Von ausgeführten Vergleichen kann nur ein einziger, bei Lu- 
cian nicht gerade seltener Tropus genannt werden, welcher 
der ärztlichen Praxis entnommen ist (c. 7 vgl. a.a. Ὁ. 8. 92). 
Außerdem lassen sich nur noch 2 Fälle von Uebertragungen 
namhaft machen, welche er sonst nicht gebraucht, und zwar 
aus dem Münzwesen der nachklassische (I, 370) und darum 
von Lucian durch παρακόπτειν ersetzte 87), aber specifisch cy- 
nische Ausdruck παραχαράττειν c. 5 und aus der Staatsverwal- 
tung πρυτανεύειν c.9. Das Bild vom ἀγὼν in c. 63, auf das 
Leben angewandt, ist den Griechen zu geläufig, um hier mit- 
zuzählen. Der Gebrauch der übertragenen Bedeutung von πρό- 
Batov als Symbol der Dummheit (vgl. Asin. 33. Herm. 73. 
Alex. 15), die auch in c. 41 durchschimmert, gehört einem 
Ausspruch des Demonax an. 

Nach diesen Ausführungen ist irgend ein Abhängigkeits- 
verhältnis zwischen unserer Vita und Lucian zweifellos. Das 
wird nun niemand im Ernst behaupten wollen, daß beide, 
Lucian und der Verfasser der Biographie, ein gemeinsames 
Vorbild benutzt und nachgeahmt hätten. Denn eben das syn- 
kretistische Verfahren, das sich bei beiden kundgibt, ist es ja, 
was Lucian in ganz besonderem Maße und vielfach im Gegen- 
satz zu seinen Zeitgenossen eigen ist, und dessen Erfindung er 
für sich in Anspruch nimmt; und es fällt niemand ein, daran 
zu zweifeln. Ist dem so, dann ist auch die andere Möglichkeit 
ausgeschlossen, daß Lucian von dem Verfasser der Biographie 
abhängig wäre. Dem widerspricht ja schon die Zeit der Ab- 
fassung, welche, wie wir später sehen werden, nicht vor das 
Jahr 170 gesetzt werden kann. Da war aber bereits eine 
Reihe von Schriften Lucians erschienen, die nicht nur dieselbe 
Sprache, sondern auch dieselben Parallelen aufzeigen. Es sind 
mithin nur noch 2 Fälle denkbar, entweder den Verfasser der 
Vita von Lucian abhängig zu machen oder diesen selbst Ur- 
beber sein zu lassen. | 

Gegen die erste Möglichkeit erheben sich aber gewichtige 
Bedenken. Wir wissen nämlich nichts davon, daß Lucian noch 
ο΄ 588) Schmidt $. 94. Ä 


588 E.Funk, 


in der Blütezeit der zweiten Sophistik wie den meisten anderen 
Sophisten die Ehre widerfahren wäre, zum stilistischen Vor- 
bild erhoben zu werden, wie ja überhaupt Eklektiker nicht 
leicht nachzuahmen sind und keine Schule zu machen pflegen °°). 
Der eine Alkiphron macht vielleicht, allerdings mehr in sach- 
licher Beziehung, eine Ausnahme davon. Außerdem erweckt 
die Schrift durchweg den Eindruck — und daran ist nie ge- 
zweifelt worden —, daß sie gleichzeitig mit den Ereignissen, 
welche sie schildert, oder nicht viel später entstanden ist. Und 
abgesehen von all dem, welch ein feiner Beobachter Luciani- 
scher Gewohnheiten, welch ein gewandter Nachahmer müßte 
der Verfasser gewesen sein! Er hätte es fertig gebracht, einen 
Schriftsteller zu kopieren, ohne sich irgendwie zu verraten! 
Denn die paar Besonderheiten können nicht sonderlich ins Ge- 
wicht fallen; man wird schwerlich eine echte Schrift Lucians 
finden, die nicht Beispiele in dieser Beziehung bietet. Man 
denke nur an die Untersuchungen über Toxaris und De Para- 
sıto von Guttentag und Bieler! Die unzweifelhaft unechten 
Dialoge Charidem und Philopatris tragen da schon ein anderes 
Gepräge. Es ist eben nicht Gewohnheit der Nachahmer, die 
entdeckten Eigentümlichkeiten ihres Vorbildes mit Diskretion 
zu gebrauchen. Vorteilhaft sticht davon die Vita Demonactis 
ab. Ein Blick auf die Parallelstellen zeigt das deutlich. Auf- 
fallend genug sind sie nicht einer einzigen, sondern mehreren 
Schriften Lucians entnommen, und auch da haben wir kein 
sklavisches Ausschreiben. Es wird nicht einfach eine Stelle 
ausgehoben, sondern verschiedene aus verschiedenen Schriften 
werden zusammengearbeitet mit freier Verfügung und voll- 
ständiger Unterordnung des wörtlichen Ausdrucks unter den 
Gedankeninhalt. So werden wir also unwillkürlich auf Lucian 
selbst hingewiesen °°). 

Dagegen streiten nicht die verhältnismäßig vielen Wieder- 
holungen. Derartiges darf man bei Lucian nicht schwer neh- 
men. Sein Atticismus ist in enge Grenzen eingeschlossen. Be- 


8) 1]. 311. Rohde, Gr. R. S. 326. 

89) Wäre Thimmes Beobachtung 5. 10 richtig, daß die Rhetoren 
“Ῥωμαῖοι im Gegensatz zu den Historikern dieser Periode ohne Artikel 
schreiben, so stimmte dieser Gebrauch in c. 18 und 40 mit unserem 
Schlusse überein. 


‘Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 589 


stimmte Gedanken werden auch immer mit einem bestinmten, 
nicht selten mit dem gleichen sprachlichen Ausdruck wieder- 
gegeben. Davon bot die obige Zusammenstellung Beispiele 
genug °°). So wird man also in diesen Wiederholungen eher 
ein Zeichen mehr für die Echtheit erkennen dürfen 51). Der 
Rhetor war eben gewohnt, des öfteren bald da, bald dort seine 
Arbeiten öffentlich vorzulesen, und da war es klar, daß bei 
solchen öfteren Wiederholungen die einzelnen Ausdrücke und 
Wendungen mehr im Gedächtnis haften blieben und in ihrer 
Verbindung ein gewisses festes Gepräge bekamen. Bot sich 
nun dem Schriftsteller eine passende Gelegenheit, so war es 
nicht zu vermeiden, daß sie ihm unmerklich in die Feder 
kamen. 


3. Sachliche Untersuchung. 


Die sprachliche Untersuchung der in Frage stehenden 
Schrift dürfte nicht nur die handschriftliche Ueberlieferung 
begreiflich gemacht, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit ver- 
stärkt und bestätigt haben. Indes muß nicht dennoch aus 
sachlichen Gründen die Urheberschaft Lucians bestritten wer- 
den? Bernays glaubte dies tun zu können auf Grund der Stel- 
lung Lucians zur cynischen Schule. Von der Voraussetzung 
ausgehend, daß Lucian mit der Schrift Vit. auct. zum offenen 
und feindseligen Angriff gegen die Cyniker übergegangen sei, 
so daß ihm von da an der echte Cynismus noch unleidlicher 
gewesen als der erheuchelte (a. a. O. 8. 42), fand er natürlich 
für die Biographie eines Demonax nach Vit. auct. keinen Platz 
mehr, und da sie vorher nicht eingeschaltet werden konnte, 
so war ihr Urteil gesprochen. Allein wir haben einmal in 
 Demonax keinen Cyniker von der strengen Observanz vor uns, 
sondern, was ihm ja eben zum Vorwurf gemacht wird (vgl. 
Dem. 21), einen Eklektiker, der nur stark zur cynischen Rich- 
tung hinüberneigt, Sodann darf man Lucians Aeußerungen 


50) In diesem Sinn sind die perangusti fines (Fritzsche II, 2, LXX VIII) 
zu verstehen, ein Urteil, das Schmidt S. 5 mit Unrecht so „unbegreif- 
lich“ findet. 

91) Aus diesem Grund ist die Polemik Bielers, De paras. S. 22 und 
3 Anm. 3 gegen Guttentag vollauf gerechtfertigt. 


590 K. Funk, 


über seine philosophischen Neigungen nicht allzu buchstäblich 
nehmen, wie das außer Bernays noch Fr. 1], 2, XXIV und 
bes. XXVI, 1 in einer durchaus unberechtigten Stellungnahme 
gegen die richtigen Bemerkungen von Chlebus 8. 35 getan 
hat. So wenig der Satiriker selbst jemals eigentlicher Plato- 
niker oder Skeptiker oder Epikureer war, so wenig ist er, wie 
Vahlen ??) gegenüber Bernays überzeugend nachgewiesen hat, 
jemals Cyniker oder ausgesprochener Feind gerade der cyni- 
schen Sekte gewesen. Er hat zu den philosophischen Rich- 
tungen seiner Zeit eine viel zu selbständige Stellung einge- 
nommen, und so stellt auch die Sympathie des alternden Schrift- 
stellers für die epikureische Weltanschauung der Abfassung 
einer Demonaxbiographie kein Hindernis entgegen. Das muß 
allerdings zugegeben werden, gerade die schärfsten Angriffe 
sind gegen einzelne Vertreter der cynischen Schule gerichtet. 
Aber ich möchte darin eigentlich nicht so sehr einen Beweis 
für seine Antipathie an sich, als für das Gegenteil sehen. Wie 
schon Diogenes ein Gegner der ersten Sophistik war 35), so wa- 
ren auch in der zweiten Sophistik wiederum die Cyniker die 
geschworenen Feinde dieser Künsteleien (I, 72. 73). An ihnen 
fand also Lucian willkommene Bundesgenossen in seinem ei- 
genen Kampfe gegen die Sophisten, und war dann sein Äerger 
nicht begreiflich, wenn er unter ihnen so viele schlechte Ele- 
mente sehen mußte, welche der Ehre dieser philosophischen 
Richtung Eintrag taten? So stellt z. B. in Fug. die Beschwerde 
führende Philosophie die Sache so dar, daß nur das Erschei- 
nen der ÖOyniker ihr längeres Verweilen auf Erden veranlaßt 
habe (c. 11), daß diese nun allerdings die allerschlimmsten 
 sejen (c. 16), und so die Philosophie überhaupt bei den Laien 
in Mißkredit komme (6. 21). In Bis acc. 33 ferner nimmt er 
gar keinen Anstand, offen zu sagen, was er dem χυνισμὸς ver- 
‘ danke, und er bleibt bei der Vit. auct nicht stehen. Diese 
ist ihm nur ein Vorspiel zu einer Hauptaktion; fürchtet ja 


%) Vahlen, Index lectionum universitatis Berol. 1882/83 5. 4; 
vgl. Schmid, Phil. 50, 311; Bruns, Lucians philosophische Satiren im 
Rh. M. 43, 86 ff.; Rohde, Gr. Rom 3. 191?; Croiset ὃ. 808, und 103 
und neuerdings K. Prächter, Arch. f. Philosophie XI (1898) 8. 505. 

2) BE. Weber, De Dione‘ Chrysostomo Cynicorum sectatore in Leip. 
Stud. X (1887), 233. ὍΝ 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 591 


doch der Käufer des βίος llovrıxös sofort, wegen Menschen- 
raubs verklagt zu werden (x«l προσχαλέσηταί σε ἐς τὸν "Ἄρειον 
πάγον ο. 7). Das geschieht nun auf dem genannten Schau- 
platz in der Palinodie Pisc. Da wird aber der am meisten 
mitgenommene Diogenes ausdrücklich in die Ehrenerklärung 
mit einbezogen (Vahlen S. 8 ff.), und genau zwischen den gü- 
‚ten und schlechten Parteigängern unterschieden. Ja er be- 
zeichnet es hier geradezu als seine Lebensaufgabe, nicht nur 
die Heuchler zu entlarven, sondern auch die echten Philoso- 
phen mit dem Ruhmeskranz zu schmücken (Pisc. 46. 52). Er 
fügt zwar hinzu, es werde wohl weniger Kränze, aber vieler. 
Kauterien bedürfen; das schließt indes mindestens nicht aus — 
wenn es nicht mehr besagen sollte —, daß er nicht sein Wort 
eingelöst hat 55) und, nachdem er das eine redlich besorgt, 
auch an die Aufgabe herangetreten wäre, das Lebensbild eines 
wahren Philosophen zu zeichnen, zumal da er nirgends leugnet; 
daß es auch solche noch gebe. 

Was könnten und müßten wir nun in einer derartigen 
 Lebensbeschreibung erwarten? Die ganze Naturanlage Lucians, 
die ihn nie unparteisch die Erscheinungen seiner Zeit betrachten 
ließ, die Reizbarkeit seines Urteils, mit dem er alles nach den 
Grundsätzen des praktischen Verstandes und des guten Ge- 
schmackes maß, legen von vornherein die Vermutung nahe, 
daß sein Idealphilosoph in seinem Entwicklungsgange, seiner 
Stellung zu den Zeitgenossen und den zeitgenössischen Ge- 
wohnheiten und Bestrebungen von den von ihm selbst gestellten 
Anforderungen nicht abgehen werde. Das Verhältnis des posi- 
tiven Teils der Schrift De hist. conser. zu den voraufgehenden 
negativen Ausführungen, sowie dessen sprachliche Berührungen 
mit diesen (vgl. Passow. S. 15 und 8) lassen nicht zweifeln, 
daß auch hier sachliche Anklänge und Uebereinstimmungen 
sich finden werden, und daß wir wohl kaum mehr darin suchen 
dürfen als eine Uebertragung des anderwärts negativ Aus- 
gesprochenen in die Position. Das wurde denn auch auf das 
bestimmteste ausgesprochen 5), und Schwarz (5. 592 ---94) hat 


34) Bruns 5. 175 sieht hierin ein Zeugnis, das bei Beurteilung des 
Demonax wohl zu beachten sei. 

Ὁ A. Jenni, Beiträge zum Verständnis der Schriften Lucians. 
Frauenfeld 1876. S. 10. 


ὅ02 K. Funk, 


[9] 


dies für mehrere Züge durch Vergleichung der Vita mit Fug. 
12—21 festgelegt. Sein Fehler war nur der, daß er bloß hier 
solche Uebereinstimmungen zu finden meinte; sie zu vervoll- 
ständigen aus anderen Schriften soll jetzt unsere Aufgabe sein. 

Das Ziel aller Philosophie, die εὐδαιμονία, legen die Cy- 
niker in die größtmögliche Bedürfnislosigkeit. Das μηδενὸς 
ἄλλου προσδεᾶ εἶναι kennzeichnet den wahren Philosophen 
und ist zugleich die Grundvoraussetzung für die echte und 
vielgerühmte ἐλευϑερία χαὶ παρρησία. Durch solche Bestim- 
mung des Weges zur Glückseligkeit ist das Schwergewicht 
in der cynischen Schule vor allem auf das Gebiet der Praxis 
gelegt. Der Maßstab also für die Beurteilung eines Cynikers 
ist die Uebereinstimmung zwischen Lehre und Leben, und dies 
ist auch das Kriterium, welches Lucian bei der so überaus 
schwierigen Brandmarkung der äußerlich nicht unterscheidbaren 
(Herm. 18), oft im Vergleich mit den wahren Philosophen 
weit echter erscheinenden (Pisc. 42), aalglatten und einer 
Prüfung ausweichenden (Fug. 15) Vertreter des Cynismus einzig 
und allein in Anwendung bringt. Auf diesem Motiv beruht 
überhaupt Pisc. und Fug., und an zahlreichen Stellen z. B. 
Ic. 30. 31. Bis acc. 21. Paras. 43. 52. Per. 42. 8. Eun. Ὁ. 
Fug. 19. Pisc. 35. 45 und bes. 31 wird den unwürdigen Ele- 
menten nichts anderes zum Vorwurf gemacht als der grelle 
Widerspruch zwischen Reden und Handeln. Er gebraucht 
sogar dieses Beweismittel so oft und so gerne, daß er sich 
selbst einmal veranlaßt sieht, eine besondere Schrift zu ver- 
fassen, nur um der Anwendung dieses Grundsatzes auf sein 
eigenes Leben zu entgehen und sich gegen die Anschuldigung 
der höchsten Inkonsequenz zu verwahren (vgl. Apol. 1 πολλὴ 
n διαφωνία τοῦ νῦν βίου πρὸς To σύγγραμμο). 

Was wir so voraussetzen müssen, das trifft auch wirklich 
für die Biographie des Demonax zu. Die Uebereinstimmung 
von Theorie und Praxis wird im Anfang aufs nachdrücklichste 
betont mit den Worten ἀνεπιλήπτῳ βίῳ χρώμενος χαὲ τοῖς 
ἀχούουσι παράδειγμα παρέχων τὴν ἑαυτοῦ γνώμην χαὶ τὴν ἐν 
φιλοσοφίᾳ ἀλήϑειαν c. 3; im weiteren Verlauf wird sie durch 
verschiedene Zeugnisse belegt. Wie sich Demonax stets in 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 593 


᾿ς UVebereinstimmnng mit seiner Lehre setzt (c. 4), so beurteilt 
_ er auch andere darnach (c. 48. 56). 

Für ıhn ist übrigens die Konsequenz schon durch die 
äußeren Verhältnisse von Jugend an sicher gestellt. In scharfem 
Gegensatz zu Fug. 12 (μιαρὸν γάρ τι τὸ φῦλον Avdpunwv κχαὲ 
ὡς τὸ πολὺ δουλικὸν οὐ ξυγγενόμενον ἡμῖν ἐκ παί- 
Swv ὑπ᾽ ἀσχολίας) steht das Verhalten des Demonax, der da 
Ex παίδων εὐθὺς χεχινημένος c.3 sich der Philosophie 
weiht. Es ist eben nicht die Not des Lebens, die ihn in die 
Reihen der Cyniker treibt, im Gegenteil, er ist οὐ τῶν ἀφανῶν, 
ὅσα εἰς χτῆσιν nal πολιτικὸν ἀξίωμα c. 3. Er hätte eine be- 
deutende Rolle im Staate oder unter den Sophisten (vgl. Rohde, 
Gr. R. 2985, 4) spielen können, aber er verzichtete freiwillig 
auf seinen Besitz und sein Ansehen, und mit einer gewissen 
Absichtlichkeit ist diese Tat in c. 3 zweimal ausgesprochen. 
Wie ganz anders wird dem gegenüber Peregrinus geschildert! 
Auch dieser verzichtete ja zu Gunsten seiner Mitbürger auf 
sein Vermögen. Aber zunächst beeinträchtigt Lucian das 
Rühmliche der Handlungsweise durch die Bemerkung, daß 
das Vermögen gar nicht 5000, sondern nur 15 Talente be- 
tragen habe. Dann ist ihm daran gelegen, selbst diesen kleinen 
Verzicht möglichst unfreiwillig erscheinen zu lassen; Peregrinus 
habe nämlich nicht anders einer Anklage wegen Vatermords 
entgehen können und darum habe er gleich nach Abwendung 
der Gefahr alles wieder rückgängig machen wollen (vgl. Per. 
14. 15). 

Auch auf geistigem Gebiete betätigt Demonax das μηδενὸς 
ἄλλου προσδεᾶ εἶναι. Ohne äußeren Antrieb, aus reiner Liebe 
zur Wahrheit kam er zur Philosophie (ἐξ ἐμφύτου πρὸς φιλο- 
σοφίαν ἔρωτος c. 3), aber nicht ohne Vorbildung (c. 4), wie so 
manche anderen Oyniker (vgl. Fug. 13). Er genoß durchweg die 
Bildung der Vornehmen (vgl. Anach. 21). Trotz der allgemeinen 
Vorliebe der Cyniker für die Dichterlektüre als Erziehungsmittel 56) 
dürfte es aber nicht unwichtig sein, daß er den Dichtern ein 
gründliches Studium widmete (c. 4) und mit einem Dichterwort 
. auf den Lippen aus diesem Leben scheidet (c. 63); denn gerade 


»%) Nach Diog. Laert. VI, 31 leitete Diogenes so den Unterricht 
bei dem Sohne des Xeniades ein, 


594 K. Funk, 


auf die Lektüre der Dichter hat Lucian besonders viel gehalten. 
Wenn er alles verspottet, die Dichter sind davon ausgenommen, 
und wo es scheinbar geschieht (Hes. 5. Ver. hist. II, 20), 
trifft sein Spott nur die alexandrinischen Kritiker mit ihrer 
Gelehrsamkeit. Die Poesie war Demonax ebenso wie Lucian 
eine Vorschule für die Rhetorik (c. 4).”), und diese verband 
er in gleicher Weise mit der Philosophie (a. a. O.). So steht 
er zum Teil auf dem Standpunkt der Popularphilosophie nach 
Art Dios und wohl auch Favorins; denn was er an diesem 
auszusetzen hat, ist eigentlich nicht die Verbindung von Rhe- 
torik und Philosophie 58), sondern nur τὸ ne τῶν 
μελῶν (c. 12). 

Daneben vernachlässigte er aber εἰδὴ die körperliche Aus- 
bildung, das διαπονεῖν χαὶ γυμνάζειν τὸ σῶμα (c. 4 vgl. Weber 
Ὁ. 136 ff.), was ganz im: Sinne Lucians ist. In Anach. nimmt 
er ja eigens die gymnastischen Uebungen in Schutz, und an 
Nigrinus weiß er nicht genug τῶν γυμνασίων τὸ σύμμετρον 
(Nigr. 26) zu loben. Nur für einseitige Leibesübung hat er 
keinen Sinn, dagegen eifert er Hdt. 8. Dial. mort. X und 
Char. 8 in echt cynischer Weise”). Diesen ganz und gar 
cynischen Standpunkt teilt Demonax und trifft auch darin mit 
ihm zusammen, daß er in derselben feinen Weise die Erziehungs- 
methode der Lacedämonier (c. 46 vgl. Anach. 38. 39) und der 
von Nigrin (Nigr. 27 vgl. Ic. 16) getadelten Philosophen v ver- 
urteilt. 

Geht indes auch Demonax seine eigenen Wege, so ist er 
doch nicht unbekannt mit den wissenschaftlichen Größen der 
damaligen Zeit und ihren Lehrmeinungen (c. 3). Sollte esnun 
bloßer Zufall sein, wenn gerade diejenigen ausdrücklich erwähnt 
werden, welche vor Lucians kritischem Auge Gnade finden, 
und wenn neben bekannteren, von ihm mit Auszeichnung ge- 
nannten Namen wie Epiktet (ϑαυμαστὸς γέρων Adv. ind. 13 
vgl. Per. 18) und Demetrius (Adv. ind. 19. De salt. 69) auch 
sonst unbekanntere genannt werden, die aber eben bei ihm 


»”) 8. Lex. 22. Fast alle Cyniker waren in der Beredsamkeit be- 
rühmt, vgl. Weber 5. 198 ff., 209 ff.; Diog. Laert. VI, 75 wird ausdrück- 
lich die ϑαυμαστὴ πειϑὼ des "Diogenes hervorgehoben. 

98) Vgl. dagegen Schmid, Att. I, 187, 

89) Vgl. Heinze, Anacharsis. Philol. 5; 398 ff. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 595 


sich eines gewissen Ansehens erfreuen? Es sind das Timo- 
krates und Agathobulus; Schüler des ersteren sind die ouv- 
αγωνισταὶ gegen Alexander von Abonuteichos (Alex. 57 vgl. De 
salt. 69), bei letzterem lernt Peregrinus τὴν θαυμαστὴν ἄσκησιν 
(Per. 17). Dabei ist zu beachten, daß Demonax allerdings 
ihre Lehrvorträge hört, aber ohne sein eigenes Urteil ihrer 
Auktorität gefangen zu geben. Nicht wie Hermotimus fängt 
er gleich an auf die Worte des Lehrers zu schwören; er stu- 
diert entsprechend den Lucianischen Vorschriften die einzelnen 
philosophischen Systeme und bildet sich seine eigene Philo- 
sophie 10°). 

Und welcher Art ist nun diese? Stimmt sie mit den 
sonstigen philosophischen Neigungen Lucians überein? Demo- 
nax selbst nennt in der Antwort auf die Frage, welcher von 
den Philosophen ihm am meisten zusage, Sokrates, Diogenes 
und Aristipp (c. 62). Den Sokrates wertet er am höchsten 
durch den bedeutsamen Ausdruck σέβω (vgl. Vahlen 8. 14 
Anm.). Auch Lucian erwähnt ihn nicht nur wiederholt mit 
aller Ehrfurcht, er weiß auch die Uebertreibungen des Thea- 
genes in seiner Lobrede auf Peregrinus nicht treffender zu 
kennzeichnen als dadurch, daß jener den Peregrinus nicht mit 
Diogenes, nicht mit dessen Meister Antisthenes, ja nicht ein- 
mal mit Sokrates, sondern bloß mit Zeus vergleichbar hielt 
(Per. 5). So sehr jedoch Demonax den Sokrates nachahmt, 
eines eignet er sich bezeichnenderweise nicht an, die echt 
sokratische Ironie. Da geht wieder sein Geschmack mit Lucian 
zusammen, der zwar die Ironie benutzt, aber in ganz anderer 
Weise als Sokrates, nicht zur Belehrung, sondern zur Unter- 
haltung 191). Bei ihm ist sie daher nie mißverständlich, wäh- 
rend Sokrates nicht ohne einen diesbezüglichen Tadel wegkommt 
(Dial. mort. XX, 5). Man wird also auch nicht fehl gehen, 
in Paras. eine Parodie der sokratischen Methode zu vermuten 
(vgl. I, 219 und Anm. 5). 

Für die Regel tritt bei Lucian an die Stelle der feinen 


100) Dem. 3 vgl. mit Herm. 30. 46. 48. Daß die Dem. 4 aufge- 
stellte Tatsache nach Herm. 48. 49 eigentlich unmöglich ist, hat keine 
Bedeutung. 


101) Vgl. Zeller, Philosophie II, 22, 88 und Chabert 5. 211. 
Philologus, Supplementband X, viertes Heft 39 


596 K. Funk, 


sokratischen Ironie der Scherz der Komödie (Bis acc. 33. 34), 
und dementsprechend neigte auch Demonax mehr dem derberen 
Humor des Diogenes zu. Diesen ahmte er außerdem im 
Aeußeren nach (c. 5). Es spottet zwar der Satiriker über die 
cynische Tracht bis zum Ueberdruß oft, aber an manchen 
Orten klingt es doch wie eine Art Zugeständnis durch. Denn 
abgesehen davon, daß er Menipp (Dial. mort. I, 1; X, 2; 
XX, 1, 3), Diogenes (Vit. auct. 7. 8) und den Cyniskus (Cat. 14) 
in solcher Ausstattung auftreten läßt, legt er Hermes in Bis 
acc. 8 die bedeutsamen Worte in den Mund: αἰδοὶ τοῦ σχήματος 
μετριώτερα διαμαρτάνουσιν 1953. Was er verurteilt, sind die 
Auswüchse, welche nur den Zweck haben aufzufallen, und 
diese tadelt Demonax ebenso unbarmherzig (c. 19. 48). 

So war also Demonax im wesentlichen ein Cyniker, aber 
es ist wohl zu bemerken, gerade von der Richtung, welche 
am meisten Lucians Beifall hatte. Von den verschiedenen 
Schattierungen des Cynismus 195) gefiel ihm nämlich diejenige 
besonders, welche der cyrenaischen Weltanschauung sich näherte 
und sie in sich verschmolz. Zu ihr bekannte sich ja Menipp 
mit seinem aristippischen (Diog. Laert. Il, 60) Grundsatz τὸ 
προσπεσὸν εὖ διατίϑεσθαι (Ic. 31) oder τὸ παρὸν εὖ ϑέμενος 
παραδραμεῖν γελῶντα τὰ πολλὰ (Nec. 21 vgl. Dial. mort. X, 10 
und Dem. 21), also derjenige, welchen er als höchstes und 
_ unübertreffliches Ideal eines wahren Cynikers selbst über Dio- 
genes stellt und in seiner schriftstellerischen Tätigkeit sich 
zum Vorbild nimmt. Daraus erklärt sich nicht nur eine ge- 
wisse Bevorzugung einerseits der cynischen, andererseits der 
epikureischen Philosophie und die Hochschätzung des Demokrit 
(Philops. 32. Per. 45. Alex. 17), sondern auch die Tatsache, 
daß der Cyniker in Iup. conf. bes. ὁ. 6 und 9 stark epikureisch _ 
gefärbt ist, und daß der Epikureer Damis in Jup. trag. Worte 


102) Auch das dürfte beachtenswert sein, daß er das Tragen der 
Bautnpia im Gegensatz zu Diog. Laert. VI, 22, 23 nicht auf Dio- 
genes, sondern auf Antisthenes zurückführt (Dial. mort. 
XI, 3), wie Hyperides, der deshalb von Demonax verspottet wird, sich 
als Nachahmer des Antisthenes bezeichnet (Dem. 48). 

103) Bis acc. 33 unterscheidet er selbst zwischen Menipp und Cy- 
nismus; aus Fug. 17 weist Dümmler, Akademika 243,1 Quellen ver- 
schiedener cynischer Tendenzen nach vgl. Hirzel II, 191, 1; 321; 222#f. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. _ 597 


redet, die ein Epikureer nicht sagen durfte!%%). Es ist darum 
gewiß von großer Wichtigkeit, daß Demonax neben den besten 
Philosophen auch Aristipp nennt, den Lucian feiert und mit 
Epikur zusammen zu den δόχιμοι φιλόσοφοι rechnet'!”?), und 
daß er echt menippeisch zwischen Cyniker und Cyniker unter- 
scheidet!°%). Ja er steht nicht an, den Thersites als χυνικόν τινα 
δημήγορον c. 61 — Lucian bezeichnet ihn Adv. ind. 7 als 
δημηγορῶν — zu loben, indem er offenbar damit sagen wollte, 
die Cyniker seiner Zeit täten besser, nicht den Herakles als 
ihr Vorbild und ihren Heros auszugeben, sondern Thersites, 
jenen homerischen Schwätzer und jenes einzigartige Musterbild 
eines schimpfenden, frechen Demagogen. Diesen Vergleich 
finden wir in Fug. 30 verwendet. Gerade Herakles ist es hier, 
der mit Hermes zur Aussonderung der schlechten Cyniker aus- 
gesandt wird und so gegen ihr Gebahren protestiert; die Ver- 
gleichung aber mit Thersites, durch welche einer der Ent- 
laufenen seinen Herrn treffen will, wird auf diesen selbst 
zurückgewendet. 

Demonax ist keine Thersitesnatur, er ist keiner von jenen 
polternden Cynikern, ihm kommt nicht das falsche, oft gerügte 
Prädikat eines σχυϑρωπὸς zu (vgl. Vit. auct. 7. Pisc. 37). In 
dieser Hinsicht wird er deutlich als ihr Gegenbild gezeichnet. 
So kann man nicht wohl verkennen, daß der Schilderung des 
Cynikers in Ic. 31 διατεινόμενος χαὶ βοῶν xal κατηγορῶν 
τῶν ἀλλῶν genau Dem. 7 οὐδεπώποτε γοῦν ὥφϑη χεχραγὼς 
ἢ ὑπερδιατεινόμενος ἢ ἀγανακτῶν οὐδ᾽ εἰ ἐπιτιμᾶν τῳ δέοι 
σοσθηϊ  ογβύθη! 107), Das ganze Wesen dieses Idealphilosophen 


104) Vgl. Bernays S. 47; Bruns Rh. M. 43, 175 und 393 ff. 

105) Ver. hist. Il. 18 vgl. Nec. 13. Paras. 33. Wenn Aristipp frei- 
lich Dial. mort. XX, 4 und Bis acc. 23 hart mitgenommen wird, so 
teilt er damit nur das Schicksal des Diogenes und Sokrates. Daß er 
trotzdem Lucians Geschmäck zugesagt hat, dürfte schon aus dem |ie- 
benswürdigen und angenehmen Wesen Aristipps, fern von Eitelkeit 
und Großtuerei, und namentlich aus seiner Lebhaftigkeit und Liebe 
zum Scherze sich erklären. Vgl. Zeller II, 1", 266—67; Hirzel 1, 
135,8... N. 

106) Vgl. Hirzel 11, 319,5 gegenüber E. Wildenow, De Menippo 
Cynico Hal. Sax. 1881. 8. 23. 

107) Interessant ist auch Vit. auct. 10 ἱταμὸν χρὴ εἶναι καὶ ϑρασὺν 
. χαὶ λοιδορεῖσθαι πᾶσιν ἐξ ἴσης χαὶ βασιλεῦσι χαὶ ἰδιώταις οὕτως γὰρ ἄπο- 
βλέφονταί σε χαὶ ἀνδρεῖον ὑπολήφονται zusammengehalten mit Dem. 5 
οὗ παραχαράττων τὰ εἰς δίαιταν, ὡς ϑαυμάζοιτο καὶ ἀποβλέποιτο, ἄλλ᾽ 
ἅπασιν ὁμοδίαιτος ὧν x. τ. λ. vgl. Fug. 14. 

99. 


998 K. Funk, 


ist heiter (c. 9. 65), wie das des Menipp (Dial. mort. I, 1; 
X, 8), Diogenes (Nec. 18) und des Lucian selbst (Eun. 1 ἀεὶ 
μὲν γὰρ φαιδρὸς ὧν τυγχάνεις, ὦ Λυχῖνε (vgl. Herm. 51. 53). 
Sein Benehmen und seine Gespräche verraten die Künstlernatur, 
sie atmen attische Grazie (c. 6. 10), und er versäumt nicht 
bei seinen Reden auf den sprachlichen Ausdruck zu achten, 
was bei Lucian außerordentlich viel gilt, während dagegen in 
jener karrikierenden Charakteristik Vit. auct. 10 Diogenes die 
Anweisung erteilt: βάρβαρος δὲ ἣ φωνὴ ἔστω xal ἀπηχὲς τὸ 
φϑέγμα χαὶ ἀτεχνῶς ὅμοιον χυνὲ. .. nal ὅλως ϑηριώδη καὶ 
ἄγρια τὰ πάντα. 

Seine feine Art zeigt sich vor allem im Umgang mit 
anderen. Recht schlagend tritt wiederum der Mahnung des 
Diogenes Vit. auct. 10 δίωχε δὲ τὰ πολυανϑρωπότατα τῶν 
χωρίων Aal ἐν αὐτοῖς τούτοις μόνος χαὶ ἀχοινώνητος εἶναι ϑέλε 
μὴ φίλον, μὴ ξένον προσιέμενος - χατάλυσις γὰρ τὰ τοιαῦτα τῆς 
ἀρχῆς die edle Freundschaft des Demonax entgegen φίλος μὲν 
ἦν ἅπασι nal οὐχ ἔστιν, ὅντινα οὐκ οἰκεῖον ἐνόμιζεν, ἄνϑρωπόν 
γε ὄντα c. 10, und bezeichnenderweise ruft der Käufer des 
Bios Hovurös am Schlusse dem Diogenes zu: "Anaye' μιαρὰ. 
γὰρ χαὶ οὖκ ἀνθρώπινα λέγεις, denn das οὐκ ἀνϑρωπίζειν ist 
eben der Vorwurf des Demonax gegenüber Peregrinus (Dem. 21). 

In bestimmter Weise wird ferner seine Milde und Leut- 
seligkeit hervorgehoben und zwar im allgemeinen mit ähnlichen 
Worten, wie uns Lucian seinen Freund Celsus zeichnet ᾽98). 
Ferne steht er jenen, welche nur schöne Worte über die 
Freundschaft haben, in der Not aber versagen und einen ihren 
Worten entgegengesetzten Standpunkt einnehmen (Pisc. 35), 
fern auch jenen, welche sich um alles Mögliche und Un- 
mögliche kümmern, aber von der Pflege eines kranken Freundes 
und Bekannten nichts wissen wollen (lc. 31 vgl. c. 30); er 
macht sich ihnen nützlich, ist ihnen zu allem Guten behilflich 
(Dem. 8) wie Nigrinus (c. 26) und zeigt aufrichtige Teilnahme 
an ihrer Krankheit und an ihrem Tod (c. 10). Selbst wo er 


108) Vgl. Dem. 1. 3 mit Alex. 61: ὃν ἐγὼ πάντων μάλιστα 
ϑαυμάσας ἔχων ἐπί τε σοφίᾳ χαὶ τῷ πρὸς ἀλήϑειαν ἔρωτι 
καὶ τρόπου πραότητι χαὶ ἐπιεικείᾳ καὶ γαλήνῃ βίου καὶ δεξιότητι 
πρὸς τοὺς συνόντας. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 509 


tadeln muß, tut er es mit Nachsicht, ohne Zorn und ohne zu 
poltern wie die andern, die τῶν ἄλλων κατηγοροῦσι χαὶ λόγους 
τινὰς πικροὺς συμφορήσαντες χαὶ λοιδορίας τινὰς ἐκμεμελετηκότες 
ἐπιτιμῶσι xal ὀνειδίζουσι τοῖς πλησίον (Ic. 30). Diese Grund- 
stimmung bewährt sich auch in dem Mitleid mit den Schmerzen 
seiner Nebenmenschen (c. 46. 57). Wenn man gleich auf 
griechischer Seite gegenüber den Gladiatorenkämpfen größten- 
teils 99) eine ablehnende Haltung einnahm, so ist es doch nicht 
unwichtig, daß Demonax und Lucian in der Verurteilung der- 
selben übereinstimmen. Freilich sind die uns so selbstverständ- 
lich erscheinenden Gefühle des Mitleids in Anach. 37 nicht so 
stark betont wie Dem. 57, dennoch tritt der Abscheu über das 
unmenschliche Schauspiel in den Ausdrücken ἄπαγε" ϑηριῶδες 
γὰρ nal δεινῶς σχα!ὸν χαὶ προσέτι γε ἀλυσιτελὲς zur Genüge 
hervor. 

Endlich ist Demonax kein Thersites im Verhältnis zum 
Staate und zu den römischen Beamten. Friedliebend wie er 
ist, fordert er das Volk auf, dem Staat das Pflichtmäßige zu 
leisten (c. 10); deshalb braucht man ihn aber nicht gleich 
zum Ideal eines guten Staatsbürgers zu machen (Jakob, Cha- 
rakteristik Lucians S. 21). Aus Patriotismus, der damals nicht 
aufkommen konnte (Passow S. 18), geschah es wohl nicht, es 
ist nur das passive Sichergeben in die Notwendigkeit, wie der 
Cyniker überhaupt aus Klugheit der höheren Gewalt weicht. 
Jedenfalls steht aber mit diesem Zuge Demonax wiederum im 
Gegensatz zu Peregrinus, der um jeden Preis ein politischer 
Märtyrer werden will (Per. 18. 19. vgl. 14). Doch wahrt er 
sich immer noch so viel Freiheit, um, wo es ihm nötig erscheint, 
mit scharfer Kritik einzusetzen (c. 30. 50). Dabei hält der 
Verfasser der Vita überhaupt dieselbe Gewohnheit ein, wie sie 
Lucians Werke aufweisen, daß bald die Namen der Getadelten 
genannt, bald mit feinem Takte verschwiegen sind '!°). 

Befremdlich erschien von jeher an Lucian die völlige 


109) Vgl. Friedländer, Die Gladiatorenkämpfe Rh. M. X, 576. 577, 
578, 3. Libanius de vita sua 3 steht mit seiner Bewunderung fast allein, 
da Favorinus den Stoff (Philostr. V S. II, 11,1ff.) wohl mehr aus 
Neigung zur epideiktischen Behandlung verrufener Themate aufgriff. 
| 110) Genannt sind sie c. 12. 13. 19. 21. 24. 25 29. 30. 31. 40. 44. 
54. 55. 56; verschwiegen 14. 18. 36. 38. 41. 48. 50. 51. 


600 K. Funk, 


Gleichgiltigkeit gegen philosophische Dogmen, da ja bei jedem 
philosophischen System, selbst bei dem der Cyniker gewisse 
dogmatische Voraussetzungen nötig sind, um den das Leben 
regelnden Vorschriften Begründung und Bedeutung zu geben. 
Nur wer Theorie und Praxis verbindet, verdient seinen Beifall; 
die Theoretiker sind nur σοφισταί, niemals σοφοί (Hipp. 1. 2 
vgl. Eun. 5. 6). Ja er steht nicht an, das theoretische Wissen 
geradezu als hinderlich für ein tugendhaftes Leben zu erklären 
(Conv. 34. vgl. Herm. 81—82. Nec. 21), die ἰδιῶται sind da 
den gewöhnlichen Berufsphilosophen weit überlegen, und der 
wahre Philosoph unterscheidet sich von ihnen nur durch eine 
tiefere und richtigere Betrachtung des Irdischen (vgl. Nav. 40; 
De luctu 2). Kein Wunder also, wenn die ethischen Vor- 
schriften und das Handeln darnach bei ihm alles gelten. Genau 
dasselbe Bild gibt uns die Lebensbeschreibung des Demonax. 
Sie ist ebenso leer an großen Ideen, welche das Herz er- 
heben und zum Guten begeistern und damals im Stoicismus 
einen so beredten Sprecher fanden ; diese werden ebenso nur 
nebenbei erwähnt wie in den echten Schriften Lucians. Das 
Negative, die Kritik am Bestehenden , das ist der Grundton. 
Echt cynisch '!!) wird von beiden Naturwissenschaft und Dia- 
lektik verworfen. Die Wünsche, welche Nav. 44 geäußert 
werden, über die Natur der Sterne, des Mondes und der Sonne 
etwas zu erfahren und εἴ τινες ἀντίποδες ἡμῖν οἰχοῦσι τὸ 
νότιον τῆς γῆς ἡμίτομον ἔχοντες, erscheinen Demonax nicht 
weniger chimärisch und unnütz, wie aus der Antwort hervor- 
geht, welche er in derselben Sache einem neugierigen Frager 
gibt (c. 22). | 

Oft genug redet sodann Lucian von der Dialektik mit 
ihren schlauen, überraschenden und verfänglichen Fragen und 
Antworten, die den Gegner in ein künstliches Labyrinth ver- 
wickeln (Fug. 10)'"'?). Wie Demonax c. 28, so macht auch 
er sich lustig über solche, die nicht klar, sondern höchst rätsel- 
haft sich ausdrücken und auf vorgelegte Fragen äußerst ver- 


111) Vgl. Diog. Laert. VI, 106: ἀρέσκει αὐτοῖς τὸν λογικὸν καὶ τὸν 
φυσικὸν τόπον περιαιρεῖν, μόνῳ δὲ παρέχειν τῷ ἡϑικῷ vgl. Ic. 4—10. 80. 
Dial. mort. 1,38. Nee. 6. 21. 

112) Vgl. Pisc. 41. Herm. 7. 9. Dial. mort. , 1. X, 8 Conv. 3. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 601 


worrene Antworten geben (Iup. trag. 27): Wenn jener seinen 
Gegnern gegenüber die Dialektik je verwendet, so ist seine 
Absicht dabei, sie auf den rechten Gebrauch hinzuweisen. So 
nimmt er einmal c. 29 Gelegenheit, auf dialektischem Wege 
die Sinnlosigkeit des von den Atticisten gerne gebrauchten 
(II, 186), sogar auf Inschriften vorkommenden (IV, 659, 62) 
Ausdrucks πρῶτος χαὶ μόνος zu beleuchten. Auffallend genug 
ist nun, daß von da an mit einem Schlage die gerügte Ver- 
bindung aus der Litteratur verschwindet. Bereits Aelian und 
Philostratus gebrauchen sie nicht mehr. Gewiß hat der beste 
Kenner der atticistischen Bewegung a. a. Ὁ. Recht, wenn er 
diese Tatsache mit dem Spott des Demonax in Verbindung 
bringt und darin ein Beweismoment für die Abfassungszeit der 
Schrift findet. Für uns aber ist der Umstand von besonderer 
Bedeutung, daß auch Lucian geflissentlich diesen Ausdruck 
meidet, ihn Rhet. Praec. 15 umschreibt und sich nur ein 
einzigesmal Zeux. 2 — aber nur in einer durchaus ironisch 
gefärbten Stelle — der ähnlichen Phrase eis καὶ μόνος bedient. 

Der einzige positive Gedanke, der zwar durchaus nichts 
Neues und den anderen philosophischen Systemen keineswegs 
fremd ist, der aber wegen seiner einzigartigen Betonung doch 
etwas für Lucian Charakteristisches bezeichnet, ist der Gedanke 
an den Tod und die Vergänglichkeit alles Irdischen und die 
dadurch bedingte Beurteilung des Lebens und der Lebensgüter. 
Dieser Gedanke kehrt in einer Reihe von Schriften wieder und 
bildet geradezu das Grundthema in Dial. mort., Char., Nec., 
Cat. und Nav. Er ist auch das einzige Leitmotiv in der 
Philosophie des Demonax, ausgesprochen in seinem Lieblings- 
vers aus Homer I, 320 (c. 60). Bezeichnenderweise finden 
wir denselben Vers mit einer leichten Parodie in Char. 22113) 
und zwar an einer Stelle, die am meisten eschatologisch ge- 
färbt ist. Mit der Erinnerung an die Vergänglichkeit alles 
Irdischen hilft er seinen Freunden Glück und Unglück ertragen. 
Ich setze die Stelle wegen des Nachfolgenden hieher; es heißt 


113) Er heißt: χάτϑαν᾽ ὁμῶς ὅ τ᾽ ἄτυμβος ἀνὴρ ὅ τ᾽ ἔλλαχε τύμβου, 
was Joost, De Luciano φιλομήρῳ 8. 14 entgangen ist. Entsprechend der 
sonstigen Gewohnheit Lucians, von der er nur einigemal Alex. 57. De 
hist. conser. 57 Muse. enc. 5. Ps. Luc. Charidem 4 abgeht, ist Homer ohne 
ein Epitheton genannt. . 


602 K, Funk, 


da c. 8: τοὺς μὲν EÜTUXELV δοκοῦντας αὐτῶν ὑπεμίμνησκεν 
ὡς Em’ ὀλιγοχρονίοις τοῖς δοχοῦσιν ἀγαϑοῖς ἐπαιρο- 
μένους, τοὺς δὲ ἢ πενίαν ὀδυρομένους 7) φυγὴν δυσχεραίνοντας 
ἢ γῆρας ἢ νόσον αἰτιωμένους σὺν γέλωτι παρεμυϑεῖτο οὐχ 
δρῶντας, ὅτι μετὰ μικρὸν αὐτοῖς παύσεται μὲν τὰ ἀνιῶντα, 
λήϑη δέ τις ἀγαϑῶν χαὶ καχῶν... καταλήψεται. Damit 
stimmt ja vollauf überein, was Nigrinus sagt c. 26: τούτων 
(sc. ἀγρῶν) μὲν φύσει οὐδενός ἐσμεν κύριοι, νόμῳ δὲ καὶ δια- 
δοχῇ τὴν χρῆσιν αὐτῶν εἰς ἀόριστον παραλαμβάνοντες ὀλιΥ ο- 
χρόνιοι δεσπόται νομιζόμεϑ'α115), und was in Nec. 12 
von Minos erzählt wird: xal μάλιστα ἐχείνων ἥπτετο (vgl. 
Dem. 7) τῶν ἐπὶ πλούτοις τε xal ἀρχαῖς τετυφωμένων 
χαὶ μονονουχὶ καὶ προσχυνεῖσϑαι περιμενόντων, τὴν τε ὀλιγο- 
χρόνιον ἀλαζόνειαν αὐτῶν χαὶ ὑπεροψίαν μυσαττόμενος 
χαὶ ὅτι μὴ ἐμέμνηντο ϑνητοί τε ὄντες χαὶ ϑνητῶν 
ἀγαϑῶν τετυχηχότες. Aber über zwei Gemütsbewegungen 
muß der Mensch Herr zu werden suchen, wenn er zur Ruhe 
und Freiheit gelangen will, es sind Furcht und Hoffnung. Oft 
genug weist der Satiriker auf sie hin. Gerade sie werden 
Char. 13 weiter ausgeführt, während eine Reihe anderer lästiger 
Hausgenossen des Menschen nur mit dem Namen genannt 
werden. Freiheit von ihnen wird vor allem von dem Ge- 
schichtschreiber verlangt, soll er ἐλεύϑερος τὴν γνώμην sein'!?). 
Ganz nahestehend in der Ausdrucksweise findetsich dieser stoisch- 
cynische Topos ’!%) in Alex. 8 verglichen mit ὁ. 20. Hier 
werden ausdrücklich die genannten 2 Triebkräfte als Grund 
angegeben für die Sucht der Menschen, die Zukunft vorher- 
zuwissen und für ihren schnellbereiten Glauben an Prophezei- 
ungen und Orakel (ῥᾳδίως κατενόησαν τὸν τῶν ἀνθρώπων βίον 
ὑπὸ δυοῖν τούτοιν μεγίστοιν τυραννουμένων, ἐλπίδος χαὶ φόβου). 
Die Folgerung daraus ist die an unserer Stelle ausgesprochene 
Anschauung. Wer aber von Furcht und Hoffnung frei ist, 
der kommt mit Menipp (Dial. mort. XXVI, 2) und Demonax 

114) Vgl. Nigr. 4 προήχϑη γὰρ. . - χαταγελάσαι τῶν δημοσέᾳ vo- 
pıßopesvov ἀγαϑ ὥν, τέως δὲ χἀμοὶ δοκοῦσιν. 

115) De hist. conser. 38 χαὶ μήτε φοβείσϑω μηδένα μνήτε ἐλπιζέτω μη- 
δὲν vgl. c. 14 und 16. 

116) Darin besteht auch für Diogenes die 7dov nach Dio. Chr. or. 


VIII, p. 132 ff., ähnlich or. XLIX, 9 f. vgl. Ersch und Gruber I Sect. 25, 
43 und Zeller III, 2°, 61 für die Skeptiker. | 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 603 


(c. 25) zu dem Schluß, daß nichts für ἀφόρητον anzusehen ist, 
was immer an Schicksalsschlägen über ihn kommen mag. 
Gegen Ehren und irdische Güter ist er gleichgiltig. Sie be- 
deuten ihm schon während des Lebens nichts und natürlich 
erst recht nichts nach dem Tode. Was nützen sie, diese hoch- 
ragenden Leichenhügel, die Säulen, die schön gearbeiteten 
Pyramiden, die Bilder und Tempel und Inschriften, die gunst- 
buhlende Menschen einem Toten errichten? All das zerfällt 
allmählich und verschwindet, ohne daß einer sich darum küm- 
mert. Und hätten diese Dinge auch noch so lange Bestand, 
welchen Genuß könnten sie dem gewähren, der überhaupt alle 
Empfindung verloren hat? (vgl. Nav. 40. De luctu 22. Nec. 17). 
Wenn nun auch zunächst der Spott in Dem. 44 dem schlechten 
Dichter gilt, so wird doch damit die Sucht 117) gegeißelt, sich 
durch Epigramme zu verewigen. Will es nun nicht viel be- 
deuten, daß der Inhalt unseres Epigrammes dem Worte ähnelt, 
mit dem Lucian den Peregrinus ins Feuer springen läßt (c. 39 
ἔλιπον yäv,. βαίνω δ᾽ ἐς "Ολυμπον)ὴ 118), jedenfalls ist mit der 
Ablehnung einer Denkmalsetzung in Olympia die wahre Mei- 
nung des Demonax unzweideutig ausgesprochen (c. 58) und‘ 
vielleicht nicht ohne Absicht dies und die einfache Bekränzung 
des Steins, auf dem er auszuruhen pflegte, als Gegenstück zu 
Peregrinus und seiner Art dargestellt!!?). Gegenüber dem 
Begräbnis selbst trägt er dieselbe Gleichgiltigkeit zur Schau 
(c. 66), die an Menipp gerühmt wird. (Dial. mort. X, 13 vgl. 
RAW L9)2R9), 

Aber alle diese Todesgedanken können seinen heitern Sinn 
nicht stören. Der Tod ist kein Unglück, das man fürchten 
muß. Nach unserem Empfinden möchten wir nun vermuten, 


117) Aeußerst charakteristisch sind dafür die vielen Epigramme des 
Herodes Attikus auf seine geliebten Toten vgl. Hertzberg II, 599, 72 
und Groag Ὁ. Pauly s. v. Claudius Atticus III, 2°, 2677 £. 

118) Vgl. Crusius, Ein Tragikerfragment. Philol. (1895) 54, 576. 

119) Lucian befürchtete Per. 41, daß schnell aufgestellt würden ei- 
χόνες πολλαὶ παρά τε τῶν Ἠλείων αὐτῶν, παρά τε τῶν ἄλλων "EANY- 
νων, οἷς καὶ ἐπεσταλχκέναι ἔλεγον. Das ist auch wirklich eingetroffen 
(vgl. Bernays ὃ. 10). Ueber die Unsitte der Denkmalsetzung vgl. Dio 
Chrys. Or. XXXI, 386 und Friedländer III, 166 ft. 

120) Vgl. Diog. L. VI, 52. 79 und Stob. flor. 123, 11 (= Mein. IV, 
126), Weber 8. 172. Ueber Chrysipp und Zeno 5. Zeller Il, 12, 227. 
III, 1°, 281, 2. 


604 K. Funk, 


daß zum Beweise dessen die Unsterblichkeit und die erfolgende 
Ausgleichung im jenseitigen Leben des öfteren betont würde. 
Allein es wird ausdrücklich gesagt, daß es mit Lust und 
Schmerz nach dem Tode überhaupt aus sei (c. 8), und die 
Antwort auf die Frage, ob die Seele unsterblich sei (c. 32), 
fällt so aus, daß man das ὡς πάντα wohl am besten mit einer 
Stelle Epiktets erklären wird, welche die Unsterblichkeit im 
Sinne einer persönlichen Fortdauer ausschließt1?)). Damit 
harmoniert Demonax wieder mit Lucian, der sich mehr als 
einmal über den Unsterblichkeitsglauben lustig macht!??). Dem 
widerspricht auch Dem. ὃ λήϑη δέ τις ἀγαϑῶν καὶ κακῶν nal 
ἐλευϑερία μακρὰ πάντας ἐν ὀλίγῳ καταλήψεται so wenig, 
daß wir es vielmehr hier mit einer echt lucianischen An- 
schauung zu tun haben, was sogar Wichmann S. 845 be- 
hauptet, freilich ohne Beweis. Das Glück des Toten wird 
nicht nur in De luctu ausführlich geschildert, der Cyniskus 
legt in Iup. conf. 7 (vgl. De luctu 16 und Dial. mort. XXVI, 2) 
gerade von diesem Standpunkte aus Verwahrung ein gegen 
den höheren Vorrang und das größere Glück der Götter, indem 
er ausführt: τοῦτό ve μαχρῷ χεῖρόν ἐστιν, εἴ γε τοὺς μὲν χἂν 
ὃ ϑάνατος ἐς ἐλευϑ'ερίαν ἀφείλετο, ὑμῖν δὲ ἐς ἄπειρον Ex- 
πίπτει τὸ πρᾶγμα nal ἀΐδιος ἣ δουλεία γίγνεται ὑπὸ μα χρῷ τῷ 
λίνῳ στρεφομένη. | 

Der Tod führt also zur Freiheit, dem höchsten Gute !?); 
es ist mithin nur Betätigung der Freiheit, selbst in den Tod 
zu gehen, wie es Demonax (c. 65) macht. Folgerichtig wird 
darum die ἐξαγωγὴ von Lucian nirgends verurteilt, auch bei 
Peregrinus nicht; was ihm hier mißfällt und seinen Widerstand 
herausfordert, ist einzig und allein die auffällige und feierliche 
Art, mit der er sich in Olympia bei einer Festversammlung 


121) Diss, III, 13, 14 heißt es: Die Elemente lösen sich in ihre Teile 
auf, εἰς οὐδὲν δεινόν: ἀλλ᾽ ὅϑεν ἐγένου εἰς τὰ φίλα χαὶ συγγενῆ, εἰς τὰ 
στοιχεῖα " ὅσον ἦν ἐν σοὶ πυρός, εἰς πῦρ ἄπεισιν ὅσον ἦν γηδίου, εἰς γήδιον " 
ὅσον πνευματίου, εἰς πνευμάτιον ᾿ ὅσον ὑδατίου, eig ὑδάτιον. Die Stelle ist 
wie die andern (II, 5, 13. III, 24, 94) klar genug. Vgl. Bonhöffer, Epiktet 
und die Stoa. Stuttgart 1890 S. 65 gegenüber Zeller III, 1°, 746, 3. 

122) Dial. mort, X, 10. Per. 13. Muse. enc. 7. Philops. 24. 29. 32 
und Bis. acc. 34 beklagt sich der Dialog, daß er nicht mehr über die 
Unsterblichkeit spintisieren dürfe. ' 

123) Hes.5. De merc. cond. 7 und 8 und Pisc. 17 ist unter den beiden 
Dienerinnen εὐνοϊκωτάτω μοι ὄντε, außer der παρρησία auch die ἐλευϑερία. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 605 


verbrennen will (Per. 21). An verschiedenen Orten dagegen 
führt er die Todesfreudigkeit des Diogenes und Menipp mit 
Beifall an und hebt rühmend hervor, daß sie freiwillig mit 
Lachen und Scherzen aus dem Leben gegangen seien 122), wäh- 
rend er es nicht unterlassen kann, den Sokrates zu behelligen 
und seinen äußerlich unfreiwilligen Tod auch zu einem inner- 
lich unfreiwilligen zu stempeln (Dial. mort. XXI, 1). 

So sehen wir also alle Lucian sympathischen Züge an den 
Philosophen der damaligen Zeit in der Biographie des Demonax 
zusammengetragen und vielfach aus den verzogenen und ver- 
zerrten Linien seiner Streitschriften heraus das Bild eines 
Idealphilosophen nach seiner Anschauungsweise gezeichnet. 
Nirgends finden wir in dem Porträt einen Strich, der diesem 
Ideal widerspräche, nirgends ein Mehr, das darüber hinaus- 
ginge. Diese Wahrnehmung und die Fassung der Einleitungs- 
kapitel konnten daher die Vermutung nahe legen, daß die 
Lebensbeschreibung vielleicht eine cynische Erwiderung auf 
die Lucianischen Angriffe sei!?). Allein dieser Möglichkeit, 
die an und für sich nicht bestritten werden kann, aber auch 
nicht weiter bestärkt wurde, stand von vornherein die Mög- 
lichkeit des Gegenteils entgegen 155). Dazu kommt, daß sich 
Inhalt und Ausführung der Schrift aus der oben angedeuteten 
Art und Anlage Lucians leicht erklären lassen. Bezüglich der 
Einleitungskapitel aber war er zu der Bemerkung genötigt, 
daß seine Zeit doch nicht so arm sei an denkwürdigen Persön- 
lichkeiten, und daß demnach auch sie Muster und Vorbilder 
bieten könne, nicht bloß die klassische Vergangenheit. Es 
ging ihm da, wie so manchen anderen Schriftstellern 157), die 
unzufrieden mit der Gegenwart immer nur die vergangenen 
Zeiten bewundern und in ihnen alles groß und erhaben finden, 
und die nun in die Lage kommen, auch an den zeitgenössischen 
Verhältnissen etwas Rühmendes nennen zu müssen. Die ἀρ- 
χαῖοι haben sonst immer seine volle Anerkennung. Ihre Nach- 


1.4) Dial. mort. X, 11. Πῶς ὃς ἔσπευσα ἐπὶ τὸν ϑάνατον μνηδενὸς κα- 
λέσαντος; XXI, 2 μὴ ἀναγκαζόμενοι μηδ᾽ ὠϑούμενοι, ἀλλ᾽ ἐθϑελούσιοι, γελῶν- 
τες, οἰμώζειν παραγγείλαντες ἅπασιν. Vgl. XXI, 2, XXVIL 9. Cat. 6. 

125) Schmid, Philol. 50, 301, 3. 

126) Schmid verweist selbst zu diesem Zweck auf Pisc. 37. 

15) Vgl. Taeitus Annal. 3,55 Non omnia apud priores meliora, sed 
nostra quoque aetas laudis et artium imitanda posteris tulit. 


606 K. Funk, 


ahmung empfiehlt er Rhet. praec. 9 im Gegensatz zu c. 17, 
wo sein Gegner τοὺς τῶν ὀλίγων πρὸ ἡμῶν λόγους zum Studium 
anpreist (vgl. De hist. conser. 34. Adv. ind. 17). Wollte er 
nach den zahlreichen heftigen Angriffen gegen die Philosophen 
seiner Zeit, insbesondere gegen die Cyniker, einen Zeitgenossen 
lobend hervorheben, so mußte er in der Einleitung auf das 
Vorausgegangene Rücksicht nehmen. Positiv scheint mir gegen 
die Vermutung Schmids zu sprechen, daß die gegnerische 
Tendenz sonst nicht hervortritt. Die Lebensbeschreibung ist 
durchaus objektiv gehalten, was um so unbegreiflicher ist, wenn 
man sich die Lucianischen Angriffe gegen die Cyniker, wie sie 
in einer Reihe von Auslassungen erfolgten, vergegenwärtigt. 
Endlich wäre es wohl mit dem Charakter einer Gegenschrift 
unvereinbar, daß gerade der Vertreter derjenigen Richtung 
gefeiert würde, die bei Lucian in der Verherrlichung des Menipp 
die höchste Billigung findet, während zugleich die von ihm so 
oft gerügten Cyniker anderer Richtungen denselben Tadel er- 
fahren würden, und namentlich Peregrinus, der gewiß nicht 
nach Lucian allein gemessen werden darf — man denke nur 
an Gellius, N. A. 12, 11. 8, 3 —, im großen und ganzen 
dieselbe Beurteilung zu teil würde (c. 21). Hier wäre der 
Punkt gewesen, nicht in sein Urteil einzustimmen, sondern zu . 
seiner berühmten Schrift Stellung zu nehmen. Umgekehrt 
aber lag für Lucian, wenn er der Verfasser ist, keine Ver- 
anlassung vor, da seine eigene Schrift über des Peregrinus 
Lebensende zu erwähnen, wie Bernays S. 105, 24 meint; daß 
nicht einmal der Verbrennung gedacht wird, welche das οὐχ 
ἀνϑρωπίζειν des Peregrinus glänzend bestätigte, darf gewiß bei 
der sonstigen Bekanntschaft des Verfassers der Vita mit den 
Werken Lucians als ein untrügliches Zeichen der Echtheit 
aufgefaßt werden. Ein Fälscher hätte sich sicher diese doppelte 
Gelegenheit, seine Kenntnisse anzubringen, nicht entgehen 
lassen. 

Durchaus unhaltbar ist die Vermutung von Margadant 
S. 88, welcher die Vita das Werk eines Schulmeisters sein 
‚läßt, weil der Verfasser es als Zweck seiner Schrift bezeichne, 
der Jugend damit ein Vorbild zu geben. Abgesehen von der 
Tatsache, daß in den Kreisen der zweiten Sophistik nicht mehr 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 607 


das geschichtliche Geschehnis an sich, sondern dessen Ver- 
wendung zu einem bestimmten Zweck, zur Belehrung und 
Unterhaltung, die Hauptsache ist!?®), eine Anschauung, die 
auch bei Lucian durchschlägt, gibt dieser selbst noch bei 
anderen Gelegenheiten (Alex. 1. 2 und 61) ausdrücklich den 
Zweck an und einmal in einer προλαλία genau denselben, wie 
hier. Es heißt nämlich Som. 18: καὶ τοίνυν κἀγὼ τοῦτον τὸν 
ὄνειρον ὑμῖν διηγησάμην ἐκείνου ἕνεκα, ὅπως οἵ νέοι πρὸς 
τὰ βελτίω τρέπωνται nal παιδείας ἔχωνται... ἱκανὸν ἑαυτῷ 
παράδειγμα ἐμὲ προστησάμενοι. Wir werden also wiederum auf 
Lucian selbst als den Verfasser zurückgewiesen. 

Daß wir mit diesem Schlusse nicht zu weit gehen, mögen 
die folgenden sachlichen und wörtlichen Uebereinstimmungen 
mit den. Apophthegmata zeigen, die wir bis jetzt außer acht 
gelassen haben. Schwarz hat nur nebenbei und im Vorüber- 
gehen auf einige hingewiesen 1535), die indessen noch vermehrt 
werden können. Da sie für den Echtheitsbeweis nicht wenig 
von Belang sind, empfiehlt es sich, sie im einzelnen zu be- 
handeln. 

Zu dem Interessantesten gehört da der Vergleich von 
Dem. 13. 12 mit Eun. In dieser Schrift handelt es sich um 
die Wiederbesetzung einer Professur der peripatetischen Schule 
an der Universität Athen. Zwei Bewerber treten auf, Diokles 
und Bagoas, welche sich gegenseitig auszustechen suchen. Da 
sie in ihrem wissenschaftlichen Können einander gleichstehen, 
‘soll der bessere Lebenswandel entscheiden. Aber auch hiedurch 
kommt die Sache nicht zum Austrag; einer sucht den andern 
durch Beschimpfungen und Verleumdungen zu verdächtigen. 
Zuletzt wirft Diokles dem Bagoas vor, daß er als Eunuch 
überhaupt unfähig sei, die Würde der Philosophie recht zu 
. vertreten, und überschüttet ihn wegen seiner körperlichen Un- 


 vollständigkeit mit seinem Spotte. Der Zielpunkt desselben 


kann nicht zweifelhaft sein. Diokles verlangt nämlich als 
Befähigungsnachweis für einen Philosophen σχῆμα καὶ σώματος 


128) Das schlagendste Beispiel ist Aelian. Vgl. Passow S. 3. 

139) 8. 573, 2. Bestätigung findet er für Dem. 12 in Eun. 7; für 
c. 13 in Eun. 12. Cyn. 14 — c. 24. 25 und vielleicht auch 33 in De 
luetu — c. 26 in Rhet, praec. 17 — c. 34 in Fug. 8. — c. 50 in Ἢ 
28. Fug. 88. Cyn. 14. De salt. 5. Rhet. praec. 29, 


68 . K. Funk, 


εὐμορίαν καὶ τὸ μέγιστον πώγωνα βαϑὺν .... καὶ τοῖς προσ- 

ιοῦσι χαὶ pavdaverv βουλομένοις ἀξιόπιστον καὶ πρέποντα ταῖς 
μυρίαις, ἃς χρὴ παρὰ βασιλέως ἀποφέρεσϑαι (c. 8) und bald 
darauf wird ausdrücklich gesagt ἐπεὶ χαὶ εἰς τὸ ἀγένειον 
μάλιστα ἐσχώφϑ'η (c. 9), worauf Bagoas mit einem Witz- 
worte erwidert, χαριέντως τοῦτο, ὡς γοῦν Wero, προσέρριψεν " 
εἰ γὰρ ἀπὸ πώγωνος, ἔφη, βαϑέος χρίνεσθαι δέοι τοὺς φιλοσο- 
φοῦντας, τὸν τράγον ἂν δικαιότερον προχριϑῆναι πάντων 130), 
Unwillkürlich denkt man dabei an den Spott des Demonax 
gegenüber Favorinus. Und wirklich wird dieser von Bagoas 
zu seiner Verteidigung angerufen; Diokles aber läßt die Be- 
zugnahme nicht gelten, er möchte ihn gerade so von der 
Philosophie ausgeschlossen wissen trotz all seines Ruhns (e. 7), 
weil er in derselben Sache und offenbar am meisten wegen 
seiner Bartlosigkeit angegriffen nicht mit dem nötigen Ansehen 
habe auftreten können, xal τινας nal αὐτὸς ἀπεμνημόνευσε λό- 
γους, χαὶ πρὸς Exelvov ὑπό τε Στωϊκῶν καὶ Κυνιχῶν μά- 
λιστα εἰρημένους πρὸς γελοιότερον ἐπὶ τῷ ἀτελεῖ τοῦ σώματος 
(ec. 7). Es sind hier nun freilich die Stoiker mitgenannt, aber 
Demonax ist mindestens unter den Cynikern miteingeschlossen, 
wenn man auch nicht das μάλιστα wegen seiner Stellung auf 
die Oyniker allein beziehen und schließen darf, ‘entweder liege 
ein Irrtum vor oder es sei unter den Stoikern und Cynikern 
eben kein anderer als Demonax zu verstehen’ 13). Daß Favorin 
besonders den Cynikern nicht grün war, geht aus dem Tadel 
bei Gellius N. A. XIX, 6 (vgl. Hirzel II, 120. 120, 3. 121). 
Deshalb darf man wohl vermuten, daß Demonax mit seinen 
Scherzreden doch eine bedeutende Rolle gespielt hat, und daß 
derselbe Grund, aus dem nachher ein Name absichtlich ver- 
schwiegen wird (c. 10), auch hier zu einer Verdunkelung der 
Tatsachen geführt hat. Denn die ganze Art, mit der jener. 
unbekannte Dritte eine Anklage des Bagoas wegen vollendeten 
Ehebruchs bekannt macht, die nur deshalb nicht die Ver- 
urteilung im Gefolge hatte, weil sich Bagoas für einen Eu- 
nuchen ausgab (c. 10), und die Art, mit der er ihn so in ein 


180) Vgl. Gall. 10. ὃ γοῦν πώγων μάλα τραγικὸς ἦν ἐς ὑπερβολὴν 
χουριῶν. 


181) Ziegeler 334, 4. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 609 


Dilemma versetzte, von dem er kein Glied bejahen oder ver- 
neinen konnte, ohne sich eine Blöße zu geben, entspricht so 
sehr der Weise des Demonax, daß wir am ehesten in diesem 
Unbekannten ihn selbst erkennen möchten. Dasselbe legt uns 
noch eine andere Bemerkung Lucians nahe. Was sollen die 
Worte χαριέντως ὡς γοῦν ᾧετο, mit denen er das Witzwort 
des Bagoas einleitet, welches genau denselben Vordersatz hat, 
wie das des Demonax, nämlich εἰ ἀπὸ τοῦ πώγωνος (ἀξιοῖς) 
δέοι χρίνεσϑαι τοὺς φιλοσοφοῦντας (c. 9 und Dem. 13)? Klingen 
sie nicht wie eine Kritik, zu deren Maßstab gerade der humo- 
ristische Ausspruch des Demonax genommen ist? Er stand 
ja auf dem Standpunkte des Bagoas, daß nicht das körperliche, 
sondern das geistige Vermögen entscheidend sei (c. 5 und 9), 
aber seine Bemerkung war in seinem Falle viel feiner, indem 
er unvermerkt den Favorinus, der für seine Person allmählich 
Achtung bekam, nach rein äußerlichen Gesichtspunkten bei 
der Kritik verfahren läßt und dadurch die Aeußerlichkeit seines 
Philosophierens überhaupt brandmarkt. 

Der Zusammenhang wird noch unverkennbarer, wenn man 
‚vollends den Vorschlag erwägt, Bagoas solle für seine Befähi- 
sung zur Uebernahme des philosophischen Lehramtes den 
'Tatbeweis erbringen, nämlich εἰ δύναιτο φιλοσοφεῖν τά γε πρὸς 
τῶν ὄρχεων 1533). Das sind dieselben ἐφόδια πρὸς φιλοσοφίαν, 
deren Mangel auch an Favorinus!??) ausgesetzt wird. So ent- 
halten die kurzen Apophthegmata ein Motiv, das in Eun. 
weiter ausgesponnen ist. 

In ähnlicher Weise erscheint Dial. mort. XXI, 1 verglichen 
mit Dem. 45 15). Die Anzeichen des Alters, die sich an seinen 
Beinen bemerkbar machen, erklärt Demonax mit den Worten: 


132) Vgl. Fug. 18 ἀπάγουσι γυναῖκας, ὡς φιλοσοφοῖεν δὴ nal αὐταί. 

133) Der Spott erklärt sich aus der Nachricht, daß Favorinus περὶ 
Σωχράτους Kal τῆς κατ᾽ αὐτὸν ἐρωτικῆς τέχνης schrieb (Suidas 5. v.), wie 
er denn auch Sokrates in seiner Art, mit den Leuten zu verkehren, 
nachahmte (Gell. N. A. 4,1 bes. 19 vgl. Hirzel II, 122). Die Ueberein- 
stimmungen mit Rhet. praec. 11 und 15, bes. aber die der Schilderung 
Rhet. praec. 23 mit denen bei Philostr. V.S. II, 8,26 ff. und Apuleius 
Physiognomia bei Rose, Anecd. Gr. et Gr. lat. I, 71 über die impatienta 
libidinum zeigen das Typenhafte der Zeichnung in Rhet. praec., so daß ΄ 
wir keine bestimmte Person suchen dürfen. Vgl. Rohde, Gr. R. 316°, 2. 
Croiset 5. 261. 

134) Fr. III, 2, 44 vergleicht beide Stellen mit einander. 


610 ERNEST 


Χάρων με Edaxev12). Zu einer kleinen Szene erweitert finden 
wir dasselbe Bild in dem angegebenen Totengespräche. Auf 
' die Frage des Menipp an den Öerberus, wie eigentlich Sokrates 
in die Unterwelt herabgestiegen sei, antwortet dieser, zunächst 
sei er ganz unerschrocken gewesen, aber als er auf einmal die 
dicke Finsternis gesehen und schon mit dem Kopfe innerhalb 
des Schlundes gewesen sei, da habe er gezögert, allein χἀγὼ 
ἔτι διαμέλλοντα αὐτὸν δακὼν τῷ AWvelw κατέσπασα τοῦ ποδός 13°). 
Es wollen natürlich für Demonax diese Anzeichen nichts an- 
deres sagen, als daß auch er allmählich nicht mehr zaudern 
dürfe, aus dem Leben zu gehen, und das μειδιάσας könnte 
noch eine Spitze gegen das Verhalten des Sokrates haben, von 
dem unmittelbar weitergefahren wird: ὥσπερ τὰ βρέφη ἐχώκχυε 
χαὶ τὰ ἑαυτοῦ παιδία ὠδύρετο Aal παντοῖος ἐγίνετο. 
Noch überraschender ist in dieser Beziehung Dem. 37. 
In echt cynischer Weise 157) nimmt Lucian, wo er kann, Stel- 
lung gegen die Wahrsagerkunst und das Orakelwesen. Die 
Wahrsager alle sind für ihn Schwindler, wer sie immer sein 
mögen. An Alexander (c. 8.15 vgl. Per. 28ff.) brauchen wir 
gar nicht zu denken. Auch Trophonius ist ihm Dial. mort. 
ΠῚ, 2 ein Toter, wie die andern alle, von denen er sich nur 
durch seine Gaukeleien unterscheidet, und selbst Apollo hat 
oft genug den bittersten Spott zu fühlen (Τρ. trag. 20. 28. 
31. 43. Hes. 7. ὃ u. a.) Diesen Standpunkt teilt auch De- 
monax. In einem Dilemma rückt er einem Wahrsager das 
Widersinnige seiner Handlungsweise vor, indem er ausführt: 
οὐχ᾽ ὁρῶ, ἐφ᾽ ὅτῳ τὸν μισϑὸν ἀπαιτεῖς " ei μὲν γὰρ ὡς ἀπαλλάξαι 
τι δυνάμενος τῶν ἐπιχεχλωσμένων, ὀλίγον αἰτεῖς, ὁπόσον ἂν αἰ- 
τῇς, εἰ δὲ ὡς δέδοχται τῷ ϑεῷ πάντα ἔσται, τί σου δύναται 
N) μαντικῇ; das zweite Glied dieses Beweises bildet nun großen- 
teils den Gegenstand von Jup. conf. Der Cyniscus bannt den 
 Juppiter von Anfang auf dem Standpunkt fest, daß die ei- 
188) Das Wort Χάρων mag in diesem Zusammenhang auffallen, aber 
zu der Konjektur des Solanus (K£pßepog) ist kein Grund. Vgl. Fr. U, 2 
zu diesem c. 45. 
136) Nigr. 37 redet er von einem δηχτικὸν φάρμαχον. Vgl. zur Si- 


tuation Plat. Phaed. 117 Εἰ διαλιπὼν χρόνον ἐπεσχόπει τοὺς πόδας nal τὰ 
σχέλη χἄπειτα σφόδρα πιέσας αὐτοῦ τὸν πόδα %.T. A. 


ὸ 181) Vgl. über den Standpunkt des Diogenes Diog. L. VI, 48. 48. 
es. 24. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 611 


μαρμένη und die Μοῖραι die Herrschaft haben, und daß also, 
was öfter wiederholt wird!??), οὐ δυνατὸν ἀπαλλάξαι τι 
Kal μετατρέψαι τῶν ἐξ ἀρχῆς δοξάντων (c. 11), und Juppiter 
gibt zu, daß ἕκαστον ἐπιχκεχλωσμένην (vgl. Jup. trag. 25) 
ἔχει τὴν ἀπόβάσιν (c. 1). Zuletzt wird die Beweisführung ge- 
schlossen mit den Worten: To μὲν ὅλον ἄχρηστον, ὦ Ζεῦ, 
προειδέναι τὰ μέλλοντα, οἷς γε τὸ φυλάξασϑαι αὐτὰ πάντα ἀδύ- 
γατον (c. 12. vgl. ο. 13), und als letzte Folgerung wird daraus 
der Satz gezogen, ὥστε οὐχ δρῶ, Av” ὅτου ἀπαιτεῖτε τὸν μισϑὸν 
ent τῇ μαντικῇ 59). 

Diesen äußerst charakteristischen Vergleichungspunkten 
lassen sich noch einige andere nicht minder bemerkenswerte 
anreihen. Man vergleiche c. 25 und 26 mit der Schrift De 
luetu. In seiner Monodie über den Tod seines jugendlichen 
Sohnes hebt der Vater an: Texvov ἥδιστον, οἴχῃ μοι xai TE- 
ϑνηχας ra πρὸ ὥρας ἀνηρπάσϑης (c. 13); ebenso wird die 
Erzählung von der Trauer des Herodes Attikus um Polydeukes 
mit den Worten eingeleitet: ἐπένϑει τὸν LloAuösbanv πρὸ ὥρας 
ἀποθανόντα. Und wenn dann die ganze Ausführung in den 
Schlußsatz zusammengefaßt wird: Ταῦτα χαὶ πολὺ γελοι- 
ὁτερα τούτων εὕροι τις ἂν ἐπιτηρῶν ἐν τοῖς πένϑεσι γιγνόμενα 
(c. 24) und das alles, ὡς ἀφόρητον ἡγοῦνται τὰ συμ- 
βαίνοντα 40), so wird man die Aehnlichkeit mit dem Aus- 
spruch des Demonax nicht verkennen: ὦ yeAote, μόνος ἀφό- 
ρητα πάσχειν νομίζεις. 

Mit der Trauer des Herodes hängt noch c. 33 zusammen, 
wo sich Demonax so darüber ausspricht: ἀληϑεύειν τὸν 
Πλάτωνα panevov, od μίαν ἡμᾶς ψυχὴν ἔχειν, οὐ 


188) 0, 5: οὐδὲν ἂν dm’ οὐδενὸς ἀλλαγείη τῶν ἅπαξ δοξάντων. ὁ. 7: οὖ- 
δαμῶς δυνατὸν ἀλλάττειν ταῦτα χαὶ ἀνακλώϑειν. c. 1: ἄφυχτα ὁπόσα ἂν 
αὗται ἐπινήσωσι γεινομένῳ ἑκάστῳ. 

189) GC, 13. In diesem Punkte für Lucian eine Abhängigkeit von Oe- 
nomaus von Gadara anzunehmen mit Bruns Rh. M. 44, 382, ist also 
wohl keine Ursache vorhanden. 

140) Ο, 1. 16. Man möchte versucht sein, bei solchem Gleichlaut 
den Anlaß der Schrift De luctu in der übermäßigen und auffälligen 
Trauer des Herodes zu sehen — selbst die römischen Statthalter nahmen 
Anstof5 (Philostr. V. S. 66, 31) und den σπουδογέλοιοι war er ein Gegen- 
stand des Spottes (Philostr. V.S. 64, 20 ff.) —, allein wir haben hier 
einen cynischen Topos vor uns, der auch sonst viel behandelt wurde 
an. N. Jahrbb. Suppl. XVIII, 297 £., Prächter, Philol. LVII, 
504 ff.). 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 40 


612 K. Funk, 


γὰρ εἶναι τῆς αὐτῆς ψυχῆς Ῥγίλλαν καὶ Πολυδεύκην ὡς ζῶντας 
ἑστιᾶν χαὶ τὰ τοιαῦτα μελετᾶν. Die Wendung des ersten Satz- 
gliedes treffen wir auch in De salt. Es ist hier die Rede von 
den hohen Anforderungen, welche an einen Pantomimen ge- 
stellt werden, und von seiner großen Kunstfertigkeit, welche 
selbst nüchterne Leute, wie Lesbonax und Timokrates, in 
Staunen und in Bewunderung gesetzt habe, und im Tone der 
Begeisterung ‘wird dann fortgefahren: εἰ δ᾽ ἔστιν ἀληϑ'ῆ, ἃ 
περὶ ψυχῆς ὁ ]λάτων λέγει, τὰ τρία μέρη αὐτῆς ἐπιδείκνυσι 
χ. τ. A. (c. 70). Das ist um so bedeutsamer, als kurz zuvor 
das Wort eines Barbaren angeführt wird, der dem Künstler 
zurief: ᾿᾿Πλελήϑεις, ὦ βέλτιστε, ἔφη, σῶμα μὲν τοῦτο ἕν, πολλὰς 
δὲ τὰς ψυχὰς ἔχων 1:ἢ. 

Es ist bereits oben bemerkt worden, daß Demonax be- 
züglich des übertriebenen Atticismus dasselbe Urteil hatte wie 
Lucian selbst; das zeigt deutlich die wörtliche Parallele in 
Lex. mit Dem. 26. In ersterer Schrift wird die Torheit eines 
Hyperatticisten hübsch durch Vorführung seines eigenen Werkes 
gebrandmarkt. Die erste Kritik, die Lycinus darüber äußert, 
ist herzliches Lachen (c. 16). Dann bedauert er ihn wegen 
seiner Geschmackesverirrung; damit könne er wohl auf Un- 
gebildete einigen Eindruck machen, aber Gebildete hätten für 
ein derartiges Unterfangen nur Mitleid, und er meint dann: 
Δοχεῖς δέ μοι μῆτε φίλον τινὰ ἣ olmelov ἢ εὔνουν ἔχειν wiTE 
ἀνδρὶ ἐλευϑέρῳ πώποτε χαὶ παρρησίαν ἄγοντι ἐντετυ- 
χηχέναι, ὃς TAANDES εἰπὼν ἔπαυσεν ἄν σε ὑδέρῳ μὲν ἐχόμενον 
χ. τ. λ. (c. 17). Wer sollte hier nicht eine Anspielung auf Demonax 
finden (ὅλον παραδοὺς ἑαυτὸν ἐλευϑερίᾳ καὶ παρρησίᾳ c.3)? Daß 

141). G, 66. Diese Uebereinstimmung und die echt Lucianische Zu- 
rückhaltung, welche sich vor allem gegenüber der Psychologie Platos 
kundgibt, dürfte für die Lösung der Echtheitsfrage von De salt. nicht 
ohne Bedeutung sein. Man könnte allerdings außer den von Bieler 
geäußerten Bedenken noch anführen, daß Lucian selbst sonst Singen 
und Tanzen als eine Wirkung der Trunkenheit bezeichnet (Nigr. 25 und 
Tim. 55), und daß der 69 gelobte Ausdruck χειρόσοφος für Pantomime 
in Rhet. praec. ὁ. 17 getadelt wird. Die Bemerkung des Athen. XIV, 
629 (καλεῖται δέ τις nal ἄλλη ὄρχησις κόσμου ἐχκπύρωσις, ἧς μνης- 
μονεύει Μένιππος ὃ Κυνιχὸς ἐν τῷ Συμποσίῳ) ist zwar zu kurz, 
um eine Vermutung zuzulassen. Aber man fragt sich vergebens, wer 
dann die Schrift verfaßt habe, da ja doch das Thema zum Repertoire 


der Sophisten gehört zu haben scheint (vgl. Libanius πρὸς ᾿Αριστείδην 
ὑπὲρ τῶν ὀρχηστῶν). ἱ 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 613 


wir mit dieser Vermutung nicht irren, das beweist schlagend 
die Aeußerung des Lycinus: ἡμᾶς τοὺς νῦν προςομιλοῦν- 
τας χαταλιπὼν πρὸ χιλίων ἐτῶν ἡμῖν διαλέγεται διαστρέφων 
τὴν γλῶτταν χαὶ ταυτὲ τὰ ἀλλόχοτα συντιϑεὶς... ὡς δή τι 
μέγα ὄν, εἴ τις ξενίζοι 1453. Genau dasselbe sagt Demonax: 
ἜἜγὼ μέν σε, ὦ ἑταῖρε, νῦν ἡρώτησα, σὺ δέ μοι ὡς ἐ π᾿ ᾽Α γα- 
μέμνονος ἀπολχρίνῃ. 

Dem Gesagten füge ich noch an den mit Dem. 16 zu- 
sammenfallenden Spott des Nigrinus über einen Reichen wegen 
der Buntfarbigkeit seines Gewandes 135), und dieselbe Strafe für 
einen schlechten Oyniker in Dem. und Fug. 152). 

So viele sachliche und wörtliche Uebereinstimmungen 
drängen uns wieder zu demselben Schluß, den wir schon ein- 
mal machen mußten, und zwar mit unabweisbarer Notwendig- 
keit. Wir haben auch auf dem sachlichen Gebiete eine Ab- 
hängigkeit von der Art gefunden, die uns einfach an einen 
Nachahmer zu denken verbietet. Oder ist es wahrscheinlich, 
daß sich ein solcher so gar nicht verraten hätte, daß er viel- 
mehr in der prägnantesten Kürze genau das Lucianische Ideal 
eines wahren Philosophen gezeichnet hätte, ohne auch nur 
einen Strich dazu zu tun? Sollte er im stande gewesen sein, 
einen durch eine ganze Schrift durchgeführten Gedanken in 
eine so kurze und so zugespitzte Fassung zu bringen und 
einen allgemein ausgesprochenen Satz so individuell zu prägen ὃ 
Und wenn er die Quelle Lucians in den Apophthegmata ent- 
deckt kätte, sollte er es über sich gebracht haben, nichts von 
dieser Abhängigkeit anzudeuten, wiewohl er Lucian schon 
wegen der Auswahl genau gekannt haben müßte? Das alles 


142) Lex. 20. Vgl. De hist. conser. 44. Hier warnt Lucian auch 
den Geschichtsschreiber, ἀπόρρητα καὶ ἔξω πάτου ὀνόματα zu gebrauchen, 
ἀλλ᾽ ὃς μὲν τοὺς πολλοὺς συνεῖναι, τοὺς δὲ πεπαιδευμένους ἐπαι- 
γέσαι. 

148) Nigr. 13 wird von den Athenern erzählt, wie sie τὴν ἐσθῆτα 
τὴν ποικίλην χαὶ τὰς πορφυρίδας Exeivag ἀπέδυσαν (πλουσίῳ τινὶ) 
αὐτὸν ἀστείως πάνυ τὸ ἀν ϑ ηρὸν ἐπισκώπτοντες τῶν χρωμάτων. Vgl. 
Dem. 16. ὅτι ἐσθῆτα ἄνϑιν ἡ ν ἀμπεχόμενος Ὀλυμπιονίκης ὥν. Schon 
Ellissen, zur Geschichte Athens, in den Göttinger Studien 1847, II Abt. 
S. 875 hat die Aehnlichkeit beider Stellen bemerkt. 

144) Fug. 33. Der Aergste unter ihnen, Kantharus, wird τοῖς nırıw- 
τοῖς übergeben, ἀποδυσάμενός γε πρότερον τὴν λεοντῆν, ὥς γνωσϑῇς ὄνος ὦν. 
Vgl. Dial. mort. X, ὃ und die S. 607, 129 zu c. 50 angegebenen Stellen. 


40 * 


614 K. Funk, 


wird nur verständlich, wenn wir den Voraussetzungen der 
Schrift glauben. So selbständig in Form und Inhalt kann 
nicht ein Fremder, sondern nur Lucian selbst gegenüber seinen 
eigenen Schriften sein, und wenn es uns nicht überliefert wäre, 
dann würden wir und müßten wir annehmen, daß Lucian die 
Vita Demonactis geschrieben hat. 

Dazu paßt denn auch die Abfassungszeit. Die Darstellung 
eines Cynikers als Idealphilosophen !*°), die starke Betonung 
der Moral 146), die milde, abgetönte Art im Umgang, vor allem 
das Interesse für die neuerwachten atticistischen Bestrebungen 
weisen der Schrift ihre Stelle im zweiten Jahrhundert n. Chr. 
an. In diesen Rahmen fügen sich auch alle Persönlichkeiten 
ein, die zahlreich genug vorkommen, so daß selbst die Bestreiter 
der Echtheit die zeitgenössische Abfassung für eine ausgemachte 
Sache halten!*). Nur damals konnten manche Aussprüche 
des Demonax die Beachtung des Schriftstellers finden, wie 
andere nur in der Zeit, wo die angegriffenen Personen noch 
bekannt waren, die beabsichtigte Wirkung bei den Lesern 
hervorzubringen vermochten. Leider läßt sich die Lebenszeit 
des Demonax nicht genau bestimmen, weder sein Geburts- 
noch sein Todestag steht fest. Ebenso geben uns die Angaben 
über seinen Umgang mit den ὁ. 3 genannten Männern und 
über die Dauer des Verkehrs mit Lucian keinen genauen An- 
haltspunkt. Die Angabe Lucians, daß er mit Demonax Ent! 
μήκιστον verkehrt habe, ist zu relativ, um mit Fr. II, 1, 189 
gerade einen Zeitraum von 10 Jahren ἃ. ἢ. 165—175 mit 
einiger Sicherheit zu erschließen. Dagegen weisen die Er- 
wägungen des genannten Punktes zusammen mit der Wahr- 
nehmung, daß nichts die Zeit des Commodus verrät, seinen 
Tod wenigstens noch in die Regierungszeit Mark Aurels. Der 


15) Von Zeno heißt es zwar schon Diog. L. VII, 121: χυνιεῖν τε 
αὐτὸν 86. τὸν σοφόν" εἶναι γὰρ τὸν χυνισμὸν σύντομον ἐπ᾽ ἀρετὴν δδόν, ὡς 
᾿Απολλόδωρος ἐν τῇ ἠἡϑικῇ. Vogl. Zeller III, 158, 230,2; aber in dem von 
Epiktet Diss. III, 22 gezeichneten Bilde des Idealphilosophen erscheint 
dieselbe Anschauung wieder, wiewohl er Stoiker war. 

146) Das zweite Jahrhundert ist das Jahrhundert der Moral; das 
beweisen Männer wie Musonius (Zeller III, 1°, 733 ff.), Epiktet \S. 739 ff.) 
Mark Aurel (S. 756 ff.) zur Genüge. 

141) Bernays 105. Anm. 24. Vgl. Fr. Leo, Die griechisch-römische 
Biographie. 1900 S. 83. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 615 


Tod kann indessen nach den letzten datierbaren Aussprüchen 
nicht vor dem Jahre 170 erfolgt sein 148). 

Die Abfassungszeit der Vita Demonactis läßt sich aber 
trotzdem noch genauer bestimmen. Es ist nämlich eine Ge- 
wohnheit Lucians — und ihm gehört ja die Schrift zu —, 
hervorragende Personen bei Lebzeiten nie mit Namen in seinen 
Werken zu nennen, selbst nicht in dem Falle, wo er etwas an 
ihnen zu loben hat. So erwähnt er Herodes Attikus Per. 19 
nicht, sollte er seinen Namen nicht viel eher an unserer Stelle 
verschwiegen haben, wenn er noch gelebt hätte? Wir dürfen 
also die Entstehungszeit der Schrift nicht über das Todesjahr 
des Herodes, nämlich 177 14°) hinaufrücken. 

Dasselbe Beweismittel wurde auch gegenüber c. 30 an- 
gewendet, wo der Konsul Cethegus genannt ist. Da nämlich 
unter den Salii Palatini, die patrimi et matrimi sein mußten, 
ein Cethegus erwähnt wird, und da dieser im Jahr 180 ohne 
Angabe irgend eines Grundes ausscheidet, so vermutete Wad- 
dington a. a. O., das komme wie sonst daher, daß durch den 
Tod eines der beiden Eltern die Ausscheidung aus dem Priester- 
kollegium bedingt worden sei; es könne also wohl in diesem 
Jahre der in ec. 30 genannte Vater des Cethegus gestorben 
und also die Vita in den ersten Jahren des Commodus 
verfaßt sein. Ich lege kein Gewicht darauf, daß 180 ebenso 
gut die Mutter gestorben sein kann, während der Vater noch 
lebte. Der ganze Schluß ruht überhaupt auf einer falschen 
Voraussetzung. Die Bedingung für die Salii, daß sie patrimi 


1418) 0, 30. Nach W. H. Waddington, Fastes des provinces Asiatiques 
de l’empire Romain. Paris 1872 I, 234 war M. Cornelius Cethegus im 
Jahre 170 consul ordinarius, Da nun der Titel ὑπατικὸς nur kaiser- 
lichen Legaten zukam, welche schon das Konsulat hinter sich hatten 
(S. 193), so spielte die Angelegenheit wohl in dem Prokonsulatsjahr 
170—171. In die Zeit von 171—175 wird auch der c. 24. 33 erwähnte 
Tod des Pollux gelegt (Bl. f. bayr. Gym. [1597] 33, 671). 

149) Das Datum ist nicht ganz sicher. Die letzte Nachricht ist ein 
Brief Mark Aurels an Herodes wegen Aufnahme in die Eleusinien aus 
dem Jahr 175 (Philostr. V.S. II, 70,5 ff.). Wegen Nichterwähnung der 
Aufnahme bei Philostr. braucht man aber nicht mit G. Fuelles, De 
Herodis Attiei vita Bonn 1864. 8. 25. 26 (vgl. Clinton, Fast. Rom. I, 173. 
Zeller III, 1°, 771) seinen Tod in den Anfang des Jahres 176 zu ver- 
legen. Dem verworrenen Bericht des Philostr. steht Dio Cass. LXXI, 29 
entgegen mit der Nachricht von der Neuordnung der athenischen Uni- 
versität, so daß er erst Ende 176 (Bl. f. Bayr. Gym. [1897] 33, 671) 


616 K. Funk, 


et matrimi sein mußten, galt bloß für ihren Eintritt; dann 
blieben sie lebenslänglich in ihrem Kollegium 159), wofern sie 
nicht ein mit dieser Würde unvereinbares Amt übernahmen ?°). 
Es läßt sich also aus dieser Notiz für unsern Zweck nichts 
weiter vermuten, so wenig als wir natürlich aus dem Umstande, 
daß sich keine Anspielung auf die Regierung des Commodus 
findet, das entnehmen dürften, daß die Vita mindestens in den 
ersten Jahren des Commodus verfaßt seı!?). | 

Dagegen läßt sich dasselbe Argument vielleicht auf c. 31 
anwenden und sich dadurch ein terminus ante quem gewinnen. 
Hier ist der Name des Kaisers, zu dessen Erziehung Apollonius 
nach Rom geht, verschwiegen. Nun wissen wir, daß Apollonius 
der Lehrer Mark Aurels und seines Adoptirbruders Lucius 
Verus gewesen ist!??). Dieser ohnehin schon 169 gestorben 
kann mit dem Titel ὃ βασιλεὺς nicht gemeint sein. Die Lebens- 
beschreibung müßte mithin noch vor dem Tode M. Aurels 180 
ausgegeben sein und die Abfassung wäre zwischen 177—179 
anzusetzen. Diese Vermutung hat insofern eine Stütze, als wir 
in dem Nennen und Verschweigen des Namen M. Aurels 
System annehmen müssen 1). Denn während er Eun. 3 und 
selbst Apol. 9 geflissentlich ausgelassen wird, erscheint er auf 
einmal Alex. 48. 

In dieser Zeit des alternden Lucian ist auch sonst die 
Abfassung durchaus wahrscheinlich. Die gereizte Stimmung 
macht einer ruhigeren Platz; die Angriffe auf die Modetorheiten 
werden gemäßigter 155). An Stelle der beißenden Satire treten 
oder wahrscheinlicher 177 (Fr. a. a. Ο. Schmid, Philol. 50, 316. Bolder- 
mann ὃ. 117) gestorben ist. Buresch, Triopeion, Herodes, Regilla im 
Rh. M. 44, 504 hält noch 178 für möglich. 

. seh Joach. Marquardt, Römische Staatsverwaltung. Leipzig 1885. 
Fo. 251) Der Austritt aus dem Kollegium erfolgte übrigens nicht immer 
bei Uebernahme der Prätur oder des Konsulats. A. a. O. III, 429, 1. 

152) Vgl. Waddingtona.a.0. Wirkönnen daraus höchenst entnehmen, 
daß Demonax damals nicht mehr lebte. Die Nachricht in ce. 30 korri- 
giert auch die Ansicht Friedländers II, 253 vgl. Hertzberg 247,50 und 


249, 64, wonach Demonax schon unter Vespasian einmal aufgetreten sei. 
153) ])je Belegstellen bei Hertzberg S. 367. 


154) Von den römischen Kaisern wird außerdem nur Augustus ge- 


nannt Pro lapsu c. 18 und Nero De salt. 63 und 64, während Per. 18 
der Name (offenbar Antonius Pius) verschwiegen wird. 

155) K. Fried. Hermann, Zur Charakteristik Lucians und seiner 
Schriften in den ges. Abh. und Beitr. Göttingen, 1849 8. 220. 


nr ὐδΝΝννμνυκυννννον 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 617 


Werke mehr erzählenden Charakters, wenn auch der satirische 
Zug nicht verschwindet!°°). Da also, in den ersten Jahren 
seines Aufenthaltes in Aegypten, fern von Athen, wird die 
Erinnerung wach an die Erlebnisse daselbst, an den bedeutenden 
Einfluß, den besonders der Philosoph Demonax auf ihn aus- 
geübt hat; es drängt ihn zum Andenken an die hochgefeierte 
Stadt, diesem Mann ein Denkmal zu setzen, wie er einst in 
jungen Jahren unter dem ersten Eindruck athenischer Geistes- 
herrlichkeit Nigr. geschrieben hat. Und vielleicht dürfen wir 
nicht mit Unrecht in der starken Betonung der politischen und 
friedenerhaltenden Tätigkeit des Demonax nichts anderes sehen, 
als eine neue Andeutung eben der Zeitverhältnisse, wo er selbst 
so eifrig dem Wirken zum Wohle der Mitbürger das Wort 
redete (Apol. 11. 12, 14). 


ll. Untersuchung über die Integrität. 


4. Die Hypothese von der christlichen 
Ueberarbeitung. 


Einen Haupteinwand stilistischer Natur haben wir bisher 
außer acht gelassen. Jedem aufmerksamen Leser Lucians muß 
an der Vita auffallen eine gewisse Ordnungslosigkeit in der 
Erzählung, verbunden bald mit einem knappen Zusammen- 
drängen mehrerer Notizen, bald wieder mit einer geschwätzigen 
Breite, wie c. 3 und 4, vor allem aber die nach unserem Urteil 
ganz unkünstlerische Art, mit der sich ohne jede gegenseitige 
Verbindung zwischen c. 11—63 eine lose Zusammenstellung 
von witzigen Einfällen und Aussprüchen des Demonax ein- 
schiebt. Wie kann, so fragt man, ein Schriftsteller von dem 

156) Vgl. Croiset S. 79 und 80. Uebrigens verlegt Croiset die Ab- 
fassung der Ver. hist. in eine frühere Zeit, wo bei Erwähnung des 
Namens Lucian noch nicht gleich der Gedanke an seine humoristische 


Schriftstellerei bei den Lesern erweckt worden sei (S. 59); ebenso Baar, 
Lucianea. Görz 1884 S. 11 wegen einer Berührung mit De hist. conser. 1. 


618 K. Funk, 


feinen Geschmacke Lucians etwas Derartiges geschrieben haben, 
nachdem er doch in De hist. conser. und Rhet. praec. — von 
Alex. und Peregr. ganz zu schweigen — gezeigt hat, wie gut 
er es versteht, ein zerstreutes Material zu einer kräftigen Ge- 
samtcharakteristik zu verarbeiten? Dazu hat unter seinen 
zahlreichen Schriften nur der äußerst zweifelhafte Pseudo- 
sophista eine ähnliche Anlage!5”). Kein Wunder also, wenn 
man nicht mit Jakob 8. 21 die Biographie ‘musterhaft’ finden 
konnte, sondern eine ‘stümperhafte Charakteristik’!%) darin 
erblicken wollte und damit die Unechtheit aussprach. Wie ist 
nun diese auffallende Erscheinung zu erklären? 

Schwarz hat erstmals auf die genannten Mängel im ein- 
zelnen hingewiesen und unter Voraussetzung der Echtheit kam 
er S. 594 zu dem Schlusse, daß wir in der Vita ‘eine in ihrer 
Tendenz philosophische, in ihrer Form aber durch eine fremde, 
wahrscheinlich christliche Hand korrumpierte Schrift Lucians’ 
haben. So sehr er betont, daß sich ihm diese Folgerung 
gleichzeitig mit der Erkenntnis von der Verderbnis der kranken 
Stellen aufgedrängt habe, mehr als eine Vermutung ist es nicht, 
die er trotz aller gegenteiligen Erklärungen (S. 574) ebenso 
wie Wichmann Ὁ. 849 bedurfte, um für die Interpolationen 
und Umstellungen einen leitenden Zweck zu haben. 

Ich kann mich hier kurz fassen. Man hat ja bei Lucian 
nirgends eine christliche Tendenz 155) oder eine christliche Inter- 
polation 159) mit Sicherheit nachweisen können. Nicht einmal 
Nec. 14 μετέμελε τῶν τετολμημένων πᾶσι ist notwendig so 
anzusehen 161); um wie viel unwahrscheinlicher wird es erst 
sein, daß die Christen einen Mann, der in Per. ein so schiefes 
Bild von ihnen entworfen hatte, irgendwie noch für geeignet 
hielten, ihn eine Lanze für die christliche Sache brechen zu 
lassen? Was man schon vor Suidas Zeiten unter semem Namen 


157) Schmid, Philol. 50, 300 ἢ. | 

158) Sommerbrodt, Ausg. Schr. I?, XVII; Rothstein 8. 33,1 legt 
wieder gegen ihn Verwahrung ein. 

159%) Vgl. Schmid, Philol. 50, 315 bezüglich As. 

160) Thimme ὃ. 33 zu Apophr. 8. 2 

161) Vgl. dagegen Wassmannsdorf, Luciani seripta ea, quae ad 
Menippum spectant, inter se comparantur et diiudicantur Jenae 1874, 
S. 38. Roderich, De Luciano philosopho 1880 (vgl. J.B. ἃ, phil. Vereins 
z. Berlin [Z. f. G. w.] 1880, 204) steht mit seiner Annahme von christ- 
lichen Anklängen und Karikaturen vollständig allein. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 619 


in Umlauf setzen zu können glaubte, zeigt Philopatris. Man 
hat überhaupt die Dienste weit überschätzt, die Lucian dem 
aufblühenden Christentum geleistet haben soll (vgl. Croiset 
5. 234 ff.). 

Außerdem läßt sich nicht einsehen, was für ein Grund 
die christliche Unterstellung veranlaßt hätte. Die Heranziehung 
der gefälschten kaiserlichen Rescripte ist durchaus unzutreffend. 
Sollte aber bloß die Wahrheit von der anima naturaliter chri- 
stiana erwiesen werden, lag es dann für den christlichen 
Fälscher nicht näher, Männer wie Seneka und Epiktet sich 
zum Vorwurf zu nehmen, die weit bekannter, also einflußreicher 
waren als unser Demonax und dazu noch den christlichen An- 
schauungen ungleich näher standen? Allein diese Tendenz 
tritt nirgends zu tage, die uneingeschränkte Bewunderung von‘ 
Anfang bis Schluß, ohne daß die heidnischen Züge in c. 8. 32 
und 63 ausgemerzt wären oder getadelt würden, beweisen ge- 
rade das Gegenteil. So ist also die Hypothese schon innerlich 
unwahrscheinlich. Wenn ich trotzdem auf einige der namhaft 
gemachten Stellen eingehe, so geschieht es nur deshalb, um 
den bisherigen Beweisgang zu verstärken und die Stellen in 
der überlieferten Form als echt zu retten. DBetreffs des 
bereits besprochenen c. 8 braucht es keiner Beifügung mehr. 
Die Zusammenstellung von μαχρὰ ἐλευϑερία 165) und λήϑη δέ 
τις ἀγαϑῶν χαὶ χαχῶν πάντας χαταλήψεται gewährleistet die 
Ursprünglichkeit. Ebenso waren mindestens die Vorbedingungen 
für die scharfe Unterscheidung von Fehler und Fehlendem c. 7, 
eine der wenigen Aeußerungen ernster Art von Demonax, schon 
im Stoicismus 1°?) gegeben. Geradezu cynischen Anschauungen 
und Gewohnheiten entspricht die Charakteristik des Philosophen 
als des öffentlichen Friedenstifters und — wenn ich so sagen 
darf — die rühmende Schilderung seiner Tätigkeit in der 
Hauspastoration c. 9 und 64. Musonius und Dio Chrisosto- 
 mus!6*) üben dasselbe und fast mit den gleichen Worten wird 
es dem Krates nachgesagt, dessen leider verloren gegangene 


162) Vgl, Zeller III, 1°, 204 und 710 über diesen Gedanken bei Seneka. 

163) Arrian, Epieteti Diss. I, 18, 3: χαλεπαίνειν οὖν δεῖ αὐτοῖς (Sc. 
χλέπταις χαὶ λωποδύταις) ἣ ἐλεεῖν αὐτούς; Marc. Aurel. VII, 22. Vgl. Vit. 
auct. 9. Dem. 16. 

164) Tacitus, Hist, III, 81; Philostr. V.S. IIS.83f. 


620 K. Funk, 


Biographie vielleicht sonst noch manche interessante Aufschlüsse 
geben könnte!°5). Damit fällt zugleich der Anstoß, den man 
an dem großen Freundschaftsbedürfnisse des Demonax ge- 
nommen hat (vgl. Schwarz S. 574). Ein tatsächlicher Wider- 
spruch mit dem feierlich ausgesprochenen Grundsatz μηδενὸς 
ἄλλου προσδεᾶ εἶναι liegt wohl vor, aber in gleiche Verlegen- 
heit kam auch das stoische System und Seneka nimmt an 
verschiedenen Orten Anlaß, den Widerspruch wenigstens schein- 
bar zu lösen‘). Die Lehre von der allgemeinen Menschen- 
liebe trat eben so stark in der Stoa hervor (vgl. Zeller III, 1?, 
288) und war so sehr in den politischen und socialen Ver- 
hältnissen der damaligen Zeit begründet 1%”), daß es geradezu 
verwunderlich wäre, wenn selbst ein eynischer Philosoph nicht 
über die negative Auffassung vom Kosmopolitismus im Sinne 
der Unabhängigkeit von Heimat und Vaterland hinaus "zur 
positiven Anschauung von der wesentlichen Zusammengehörig- 
keit aller Menschen fortgeschritten wäre. 

Besonders wendet sich Schwarz 8.576 f. gegen die Fassung 
von c. 11, ohne indes in Abrede zu ziehen, daß die beiden 
365) Bruchstücke bei Apuleius Florid. IV, 22 und II, 12 dsgl. bei 


Julian, Or. VI, 201 und 200 zeigen im Inhalt mit Dem. 9 und 63 Aehn- 
lichkeit. Ich stelle die beiden Stellen neben einander; 


Apuleius: Crates ille, Diogenis 
sectator, ut lar familiarıs apud ho- 
mines aetatis suae Athenis cultus 
est. Nulla domus ei unguam clausa 
erat; nec erat patris familias tam 
absconditum secretum, quin eo 
tempestive Crates intervenerit, %- 
tium omnium et iwurgiorum inter 
propinquos disceptator atque arbiter. 
Des Weiteren folgt ein Vergleich 
mit Herakles. 


Vergleicht man diese Stellen 
1, 6 (II, 766, 30 Dübner): Κράτητα 


Julian II, 200: ’Eni τούτου φασὶ 
τοὺς Ἕλληνας ἐπιγράφειν τοῖς ξαυ- 
τῶν οἴχοις ἐπὶ τῶν προπυλαίων " Eioo- 
dos Κράτητι ᾽᾿λγαϑῷ Δαίμονι und 
VII, 201: ἐπορεύετο δὲ ἐπὶ τὰς 
τῶν φίλων &Eotiag, ἄχλητος, 
χεχλημένος, διαλλάσσων τοὺς 
οἰκειοτάτους ἀλλήλοις, εἴ- 
ποτε στασιάζοντας αἴσϑοιτο. 
ἐπετίμα δὲ οὐ μετὰ munplag, ἀλλὰ 
μετὰ χάριτος, οὐχ ἵνα συχοφαντεῖν 
δοχῇ τοὺς σωφρονισϑέντας. 

mit den bei Plut. Quaest. Conv. II, 
δὲ τὸν φιλόσοφον εἰς πᾶσαν οἰκίαν εἰ- 


σιόντα μετὰ τιμῆς καὶ φιλοφροσύνης δεχομένων ϑυρεπανοίκτην ἐκάλουν (vgl. 
Diog. L. VI, 86) und erwägt man die ausdrückliche Angabe des Namens 
‘Plutarch’ bei Julian VI, 200, sowie die sonstige Abhängigkeit des 
Apuleius von Plutarch (Christ, Gr. L.G. 6613), so ist eine Biographie 
des Plutarch über Krates vorauszusetzen, deren Fragmente wir hier. vo 
uns haben. 

166) Vgl. Zeller III, 1°, 290 £.; II, 1?, 238 und Joel, Der Xenophon- 
tische Sokrates. Berlin 1891 II, 2, 993 und bes. 1011 ff. 

167) Zeller III, 1°, 721 ff.; 280, 2. Bezeichnend genug ist auch der 
specifische Ausdruck ἀδελφὸς Per. 13 (vgl. Arrian, Epiet. Diss. II, 
22, 54:1, 18, 3) durch den allgemeineren ἄνθρωπος ersetzt. Für den 
gleichen Satzanschluß 5, Herm. 67. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis, 621 


Aussprüche für sich allein dem Demonax zugehören. Beide 
Antworten entsprechen ja nur dem cynischen Standpunkt !°®). 
Die erste Aeußerung, welche sich mit dem Unwert der Opfer 
befaßt, da doch die Menschen den Göttern nichts geben 
könnten, was sie nicht schon besäßen, findet eine Stütze in 
c. 27 und trifft mit den anderwärts ausgesprochenen religiösen 
Anschauungen Lucians (De sacrif. 1. Jup. trag. 20 Char. 12) 
zusammen. Bezüglich seiner Stellung zu den Mysterien ist 
allerdings nicht genügend Klarheit vorhanden. Daß er ein- 
geweiht war, will Planck S. 10 und Fr. II, 2, 14 annehmen. 
Allein er bezeichnet sich ja Pisc. 19 als Barbaren, und Scyth. 8 
sagt er nicht ohne kritische Nebenbemerkung, daß Anacharsis 
μόνος τῶν βαρβάρων (vgl. Dem. 34) ἐμυήϑη 169). Die dafür in 
Anspruch genommenen Stellen De salt. 15 und Nav. 11 be- 
weisen nichts. Die erste Stelle ἄξιον τὰ μὲν ὄργια σιωπᾶν τῶν 
ἀμυήτων ἕνεκα kann als rhetorische Phrase aufgefaßt werden, 
und an der letzteren Stelle spielt er nur mit der Aehnlichkeit 
der Einweihung in die Mysterien und der Vermählungsfeier. 
So oft er sonst von den Mysterien spricht und dem Verbot des 
ἐξαγορεύειν (Nav. 11. Pisc. 33. Nec. 2. Adv. ind. 25), wie von 
den Eumolpiden (Anach. 34. Fug. 8. Alex. 39), nirgends spricht 
er klar von seiner Einweihung und verrät selbst in der Nach- 
bildung der Mysterien in Alex. 37—40 nicht mehr Kenntnisse, 
als man gemeiniglich hatte. Immerhin mag auffallen, daß er 
Cat. 22 den Cyniskus τὴν γνώμην φιλώσοφον (c. 23) eingeweiht 
sein läßt. Es ist indessen nicht zu übersehen, daß nicht die 
Mysterien, sondern die Philosophie ihn zu einem so tadellosen 
Leben angeleitet haben, daß er straflos ausgeht (c. 24 vgl. 25). 

Doch es ist ja nicht der Inhalt, sondern nur die Form 
beanstandet worden. Es soll eine christliche Ueberarbeitung 
stattgefunden haben, weil nur so die Erklärung der abstoßenden 
Nachbildung der sokratischen Anklage der Schlüssel zu der 
mit c. 68 in Widerspruch stehenden Erzählung’ gewonnen 
werden könne (Schwarz ὃ. 576 vgl. 568). Der letzte Punkt 
bedarf keine Widerlegung (vgl. nur c. 16). Vergebens fragt 
man sich, was eigentlich an der Nachbildung des sokratischen 


168) Diog. L. VI, 73; Jul. Or. VI, 199 vgl. Bernays 8. 31. 
169) Vgl. Schoemann, Gr. Altertümer. Berlin 1873. II, 384. 


622 K. Funk, 


Schicksals abgeschmackt und deshalb mit Lucian unvereinbar 
sein soll. Die Parallele Christus-Sokrates war freilich bei 

den griechischen Kirchenvätern nichts Ungewöhnliches!”0), aber 
_ ein Vergleich anderer Personen mit Sokrates war eigentlich im 
Munde eines Heiden weitehezu erwarten. In richtigem Gefühl weist 
deshalb Schwarz S. 568, 1 die für ihn günstige Stelle Per. 12 
trotz des historisch klingenden ὠνομάζετο 111) zurück. Die Ver- 
gleichung mit Sokrates war damals heidnischerseits gang und 
gäbe. So ließ sich Dio Chrysostomus, vor Gericht gestellt, 
die Gelegenheit nicht entgehen, in sokratischer Manier eine 
Apologie zu halten (vgl. Hirzel II, 89, 2 nach Or. 14, 191 fR). 
Aehnliches wissen wir von Favorinus!”?). Und wenn nun 
Schwarz den Schluß des 11. Kapitels für den echten Anfang 
der Verteidigungsrede des Demonax hält, und wenn er — was 
nach dem Ausgeführten durchaus wahrscheinlich ist — zugibt, 
daß der Angeklagte im weiteren Verlauf auf die Analogie mit 
Sokrates hingewiesen habe, wovon das πρότερον gleichsam noch ᾿ 
der Rest sei (5. 569), warum sollte dann derselbe Vergleich 
ein paar Zeilen weiter oben sofort abgeschmackt sein und 
nicht schon von dem ursprünglichen Verfasser der Biographie 
in die geschichtliche Darstellung verwoben worden sein? Warum 
sollte es nicht Lucian selbst getan haben ? So wenig schmeichel- 
haft er sich sonst über die Lebensführung des Sokrates äußert 175), 
wo eine Gelegenheit sich bietet, auf die äußeren Lebensschicksale 
hinzuweisen, da erscheint auch wirklich wie hier Sokrates und 
ganz typisch mit ihm seine Ankläger Anytus und Meletus!”?). 
Daß sogar eine solche Scene ganz im Geschmack Lucians war, 


170) Ad. Harnack, Ueber Sokrates und die alte Kirche. Giessen 1901. 
S.5—16. Ueber den damaligen Sokrates- und Platokult vgl. Hertzberg 
II, 246. 

111) Vgl. Planck, Stud. und Krit. 8. 869. Vgl. ο. 37, 

172) Philostr., V. 8. 9, 82 Τὰν behandelte ihn auch in seinen Denk- 
würdigkeiten s. Köpke, Ueber die Gattung der Apomnemoneumata 
S. 23. 24. 

173) Er wirft ihm in Uebereinstimmung mit den Cynikern und der 
Komödie Schwatzhaftigkeit vor Vit. auct. 15. Nec. 18. Dial. mort. XX, 4. 
Ver. hist. II, 7 — Todesfurcht Dial. mort. XXI, 1 — Knabenliebe Vit. 
auct. 15. Ver. hist. I, 17. 19. Per. 43. Amor. 59.54. Eun. 9. — Feig- 
heit Ver. hist. II, 23. Paras. 43. Er spricht aber auch von seinem 
Ruhme Som. 12 und ihm zur Ehre Per. 5. 12. 37 u. a. 

114) Pisc. 10. Bis acc. 5; nur Anytus Fug. 3 und nur Meletus Jup. 
conf. 16. Auf Sokrates’ ungerechten Tod wird angespielt Jup. trag. 48. 
Per. 37. Paras. 57. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 623 


bezeugt seine große Vorliebe für Gerichtsscenen überhaupt!”°). 
Da nun die Einheitlichkeit von c. 11 nicht geleugnet wird, 
und durch Herausschälung der beiden Aussprüche aus ihrer 
Fassung die Zahl der Apophthegmata in knapper Form, ohne 
Aufputz und Einleitung, unnötig vermehrt würde, so ist der 
Zweifel an der Ursprünglichkeit des Kapitels unbegründet. Im 
Gegenteil wird man darin einige weitere Anzeichen für die 
Echtheit der Schrift finden können. 

Eine christliche Ueberarbeitung läßt sich also keineswegs 
erweisen. Dagegen vermag auch die Aeußerung des Demonax 
in c. 51, die Schwarz eigentümlicherweise entgangen ist, nicht 
zu streiten, wiewohl sie früher (Planck S. 900) als Nachbildung 
von Jac. 1, 19 verdächtigt worden ist. Interessant aber ist, 
daß in dem einzigen Florilegium einer Pariser Handschrift !7°), 
welche Apophthegmata aus unserer Vita enthält, gerade c. 51 
und 29 mit zwischen geschobenem Jac. 1, 19 ohne Lemmata 
aufgeführt werden. 


2. Interpolationen und Lücken. 


Ein anderer Grund, die Ueberarbeitung aufrecht zu er- 
halten und zu erklären, schien sich aus der Betrachtung des 
1. Kapitels zu ergeben. Mit Ausnahme von Fr. III, 2, XXVILf. 
und Croiset S. 80 bestand fast allgemein die Annahme, daß 
die Abfassung der Lebensbeschreibung des Sostratus-Agathion 
mit der ganzen Art Lucians unvereinbar sei. Man glaubte 
daher, die Ueberarbeitung irgend wie mit der Eingliederung 
dieser Schrift in unsere Vita in Verbindung bringen zu können. 
Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Urheberschaft Lucians 
für die Biographie des Sostratus wird uns nachher noch eigens 
beschäftigen; hier kommt es mir zunächst nur darauf an, ob 
die anerkannten Mängel sich aus der Parallelstellung der Vita 
Sostrati mit der des Demonax erklären lassen. 

Thimme 5. 58 sprach die Vermutung aus, es habe 2 
Schriften über Demonax gegeben, eine von Lucian, eine andere 


175), Darauf beruhen Pisc. und Bis ace.; vgl. Tim. 50 und Anach. 17. 
176) Cod. reg. 2991 A. p. 361ff. bei Boisonnade, Anecd. Gr. Paris 
1829. III, 466 £. Γνωμικά τινα, | 


624 K. Funk, 


von einem Zeitgenossen, der zugleich auch über Sostratus ge- 
schrieben habe; ein Späterer habe nun die beiden Biographien 
von Demonax zusammengearbeitet. Allein mag auch die Ein- 
leitung ihre Fassung dem Bestreben verdanken, die Vita So- 
strati zu retten, nirgends tritt eine Spur zweier Quellen hervor. 
- Die Worte ταῦτα ὀλίγα πάνυ Ex πολλῶν verraten durchaus 
nichts davon (a. a. Ὁ. 5. 58, 1). Sie sind, wie oben gezeigt, 
eine echt Lucianische Formel, die beim Abschluß einer Ge- 
dankenreihe oder eines Buches gern wiederkehrt. Dabei wäre 
es — ganz abgesehen von dem durchweg einheitlichen Eindruck 
der Schrift — gewiß sehr verwunderlich, wenn trotz Benützung 
einer anderen Quelle genau das Bild eines Idealphilosophen 
nach Lucians Denkart herauskommen würde, und wenn selbst 
in der Auswahl der Apophthegmata sich kein anderes System 
zeigte. 

Noch weniger vermag die Unterschiebung der Vita Sostrati 
allein eine Ueberarbeitung zu begründen. Zugestandnermaßen 
sind die 2 ersten Kapitel richtig und logisch gegliedert und 
bilden ein einheitliches Ganzes und das erste Kapitel stimmt 
trefflich zur Fortsetzung!’”).. Warum sollte nun ein so ge- 
wandter Fälscher die Ordnung gestört haben? Denn nur darum 
kann es sich handeln, da die beanstandeten Stellen in c. 3 und 
4, m 8—10 sogar nach dem Urteil von Schwarz 8. 567, 
Thimme 8. 56f. und Wichmann $. 843 f. Lucianischen Cha- 
rakter an sich tragen. Einem Excerptor aber die Schuld zu 
geben an dem gegenwärtigen Zustand der Schrift geht wohl 
deshalb nicht an, weil Eunapius in Prooem. V.S. sie bereits 
als ein βιβλίον ἐλάχιστον bezeichnet und gerade an den frag- 
lichen Stellen eine merkwürdige Breite zu Tage tritt. 

So sehr man freilich wünschen möchte, daß die Erzählung, 
ausgehend von dem jugendlichen Drange des Demonax nach 
Wissenschaft und Erkenntnis, uns zuerst die Vorbereitung auf - 
das philosophische Studium, dann dieses selbst vorführen würde 
und schließlich uns den Philosophen in der Mittagshöhe seiner 
Vollendung, in seiner Wirksamkeit, in seinen Beziehungen zu 
den Zeitgenossen, in seinem Sterben und seinem Nachruhm 
zeigen würde, es ist sicherlich mißlich, sich einfach eine Dis- 


111) Vgl. Schwarz ὃ. 566 und Schmid, Philol. 50, 301. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 625 


position zurecht zu machen und alles wegzuschneiden, was 
nicht in dieses Prokrustesbett passen will. Wie subjektiv der- 
artige Entscheidungen ausfallen, spricht sich zur Genüge in 
der großen Meinungsverschiedenheit der einzelnen Kritiker 
aus!’®). Bezeichnend genug ist dabei, daß 'Thimme 8. 56 
eben die Stelle (vgl. Alex. 57) non sine veritatis. specie von 
Lucian geschrieben läßt, von der Wichmann $. 649 sagt, von 
den für die Biographie des Demonax von ihm aufgestellten 
Interpolationen sei ihm keine so unumstößlich, wie die Worte 
c. 3 ἀλλὰ πᾶσι μὲν τούτοις... χεχοσμημένῳ, weil sie sich bei 
-der oberflächlichsten Lektüre als eine Parenthese zu erkennen 
geben. Jedenfalls dient es nicht zur Empfehlung der Auf- 
stellungen Wichmanns, wenn er auch in anderen Schriften aus 
recht zweifelhaften Gründen Umstellungen oder Ausscheidungen 
zum Teil bloß wegen eines Uebermaßes von Schmutzigkeit 
macht!’?). Das erstere beweist nur, daß man bei Lucian be- 
züglich der Disposition nicht immer den strengsten Maßstab 
anlegen darf; selbst den etwas äußerlichen Anschluß von c. 10 
mit μόνον ἡνία an φαιδρὸς wird man nicht gerade unmöglich 
finden. Da es sich in dem schildernden Teil c. 1—11 und 
63-67 fast einzig um Umstellungen handelt, so halte ich es 
für unnötig auf die einzelnen Vorschläge einzugehen. Die 
ganze Methode ist zu subjektiv und zu gewaltsam, um wahr 
zu sein. | 


178) Während Schwarz S. 566 in c. 3 διετέλεσε χρώμενος. .. ἀλήϑειαν 
ausschaltet, will Wichmann S. 842 ff. auch noch ἀλλὰ πᾶσι μὲν συνεγέ- 
vero „.. παραχληϑεὶς und schon von ὑπερεῖδε μὲν... ἀλήϑειαν streichen. 
Thimme S. 56 findet nur die Annahme Wichmanns unmöglich, weil so 
2mal der Satz mit od μὴν anfange, was indes kein Hindernis ist (vgl. 
Pro lapsu 2), so wenig als 4mal ἀλλά (vgl. Per. δ). Ebenso nimmt 
Schwarz S. 566 an c. 4 Anstoß wegen der vielen Notizen, Wichmann 
S. 844 will nur ὥστε... χαταλιπὼν streichen, Thimme ὃ. 56. 57 auch 
noch χαὶ τὰς ἐν φιλοσοφίᾳ... ἠπίστατο. Desgleichen findet Schwarz 
S. 568 in c. 9 und 10 vieles Anstößige. Thimme möchte nur c. 10 
nal πάντα μετὰ Χαρίτων, . . ἐπικαϑῆσθαι mit c. 9 ἔπεισε μέτρια χ. τ. λ. 
verbunden wissen. Wichmann S. 845 streicht ὁ. 8 und 9, gesteht aber, 
daß ihm die Entscheidung schwer falle, und daß, wenn man an dem 
Anfang von c. 8 keinen Anstoß nehme, über c. 8 und 9 nicht zu 
streiten sei. 

179) Ὁ. Wichmann, Lucian als Schulschriftsteller. Eberswalde 1887. 
Interpolationen nimmt er an in Gall. S. 10, Rhet. praec. 8. 28,1 Um- 
stellungen in De hist. conscr. S. 30,1. Warum er in unserem Fall παρε- 
δίδου mit Ausrufezeichen versieht, ist mir nicht klar, da es gar nicht - 
vorkommt. Vgl. auch die anfechtbare Uebersetzung 5. 844. 


626 K. Funk, 


Dasselbe gilt von der aprioristischen Art, mit der Schwarz 
S. 572 gegen die Apophthegmata vorgeht. Weil ihm etwa 
10—15 Aussprüche genügend erscheinen, will er alle übrigen 
als unecht verwerfen. Daß man an der großen Zahl derselben 
Anstof nimmt, ist ja begreiflich. Dazu bietet die lose An- 
einanderreihung, die mit der Einleitung βούλομαι δὲ ἔνια παρα- 
θέσθαι für einige mindestens von selbst gegeben ist, die 
günstigste Gelegenheit zu Interpolationen. Aber welches Kri- 
terium vermöchte uns da sicher zu leiten? Schulze $. 7 macht 
eigens darauf aufmerksam, daß die aufgeführten Aussprüche in 
anderen Spruchsammlungen nicht wiederkehren, was sich außer 
3 Fällen (s. 5. 623 und weiter unten) bestätigt, und daß weder 
die handschriftliche Ueberlieferung noch die Worte Lucians 
c. 12 ἔνια παραϑέσϑαι τῶν λελεγμένων und c. 67 ταῦτα ὀλίγα 
πάνυ ἐν πολλῶν einen festen Anhaltspunkt gewähren, wie viel 
zu streichen sei. Allein darf man nicht mit Schwarz 8. 573 
eine Spur der Ueberarbeitung in c. 14 entdecken, weil der 
Σιδώνιος σοφιστὴς 159) nicht mit Namen genannt ist und für die 
Verschweigung des Namens sich kein Grund finden läßt, da 
er ja durch diesen Beisatz genügend gekennzeichnet ist? 
Das letztere ist nicht zu leugnen. Uebrigens ist das gleiche 
der Fall in Eun. 7 und doch wird der Name des Favorinus 
nicht genannt. Es scheint der Betroffene eben trotzdem so für 
ferner Stehende mehr geschützt zu sein. Es ist aber auch das 
wohl möglich, daß hier einmal ausnahmsweise die Sophisten- 


180) Unter dem Σιδώνιος σοφιστὴς ist gewiß nicht an Hadrian von 
Tyrus (Ranke S. 36 vgl. dagegen Guttentag S. 87), sondern nur an 
Maximus von Tyrus zu denken. Dessen Grundanschauung war 
zwar platonisch, aber er eignete sich auch peripatetische, stoische und 
neupythagoräische Lehrsätze an; nur von Epikur und den Atheisten 
will er nichts wissen (vgl. Bergk, Gr. Lg. IV, 551 und Anm. 45; Dürr 
S. 4). So rühmt sich auch der sidonische Sophist mit Ausnahme Epi- 
kurs in allen philosophischen Systemen zu Hause zu sein. Besonders 
große Bewunderung hatte der Tyrier für Pythagoras; Artemidor 
redet gegen seine sonstige Gewohnheit am Schlusse des 2. Buches nach 
einigen Kapiteln über dieZahlenmystik einen Cassius Maximus 
an, der zweifellos mit Maximus von Tyrus identisch ist (vgl. Dürr 8.4). 
Wenn er statt Tyrier Sidonier genannt wird, so verweise ich auf die 
vielen geographischen Irrtümer bei Lucian (vgl. De hist. conser. 12, 
Passow 5. 22. Jakob S. 118—140. Dahlmann, Forschungen I, 1, 26 ff.). 
Diese waren auch sonst bes. bei phönicischen Städten häufig (vgl. Diog. 
L. VI, 99 und 95 über die Geburtsstadt Menipps; Suidas s. v. Zenon; 
die Angaben über Euphrates bei Zeller III, 2°, 690). Damit dürfte das 
Bedenken in der 2. Aufl. v. Rohdes Gr. Rom. 321,4 erledigt sein. 


ER 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 627 


mode durchbricht, eine litterarısch bekannte Persönlichkeit nur 
mit dem Heimatsnamen zu bezeichnen 51). Immerhin lag für 
den späteren Redaktor gar kein Grund vor, den Namen zu 
unterschlagen; er hat es auch sonst nicht getan und eine 
Interpolation ist nicht anzunehmen. 

Schwarz ‚findet es deshalb für gut, noch ein anderes Kri- 
terium ins Feld zu führen. Nur die Aussprüche seien als echt 
anzusehen, welche entweder zur Beleuchtung des Charakters 
des Demonax vorzüglich geeignet seien oder den Lucianischen 
Anschauungen so entsprechen, daß sie wie Refrains aus anderen 
Schriften klingen. Das gelte nur für c. 11. 12. 13. 20. 21. 
24. 25. 28. 32. 34. 57. 48. 50. 56. 61 und mit mehr oder 


_ weniger Wahrscheinlichkeit für c. 18. 26. 30. 33. 55. 62. 


Allein es läßt sich das Gepräge der Echtheit strikte auch für 
c. 16. 26. 30. 33. 44. 45 nachweisen, und außerdem gibt zu 
solchem Vorgehen die Einleitung kein Recht, nach der nur 
ἔνια τῶν. εὐστόχως TE ἅμα nal ἀστείως ὑπ᾽ αὐτοῦ 
λελεγμένων erwähnt werden sollen. 

Ebenso wenig dürfen Anklänge an anderweitig überlieferte 
Witzworte allzu sehr betont werden. Es ist sogar durchaus 
keine seltene Erscheinung, daß ein geistreiches Wort sich ge- 
rettet hat und nun irgend einer bekannten Persönlichkeit. zuge- 
schrieben wird, oder daß ein- und dasselbe Wort mehreren Per- 
sonen zugeeignet wird 183). Wie vorsichtig man da sein muß, 


‚zeigt am besten Schwarz selber, indem er auf Grund einer 


Uebereinstimmung von Gellius N. A. I, 10 mit Dem. 26 und 
einer Aehnlichkeit[!] der Antwort des Gorgias bei Aelian V. 
H. II, 35 mit c. 45 diese zwei Aussprüche verwirft. Beide 
tragen unzweifelhaft den Stempel: der Lucianischen Anschau- 
ungen und stimmen mit Lex. 20 bzw. Dial. mort. XXI, 1 
fast wörtlich zusammen. Was er sonst noch vorbringt an 
Aehnlichkeiten, ist zu unbedeutend. Besser als der Ausspruch 
Zenons bei Stob. Flor. 46, 19 stimmt mit c. 51 Jac. 1, 19 


181) Vgl. Schmid III, 305. IV, 496. Eunap. V.S. p. 88 Boiss: Genau 
so wird Tox. 27 ein: Ῥόδιος σοφιστής genannt, ohne daß; wir ihn: näher 
bezeichnen könnten; jedenfalls ist es nicht Agathobulos (vgl. Guttentag 
S. 87) 


᾿ 182) Vgl. Cicero,: Or. pro’ Cn. Plancio 14, 35. Andere Beispiele bei 
Köpke 8..13. 10 und Dümmler, Antisthenika S. 69. 71. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 41 


628 K. Funk, 


und bei c. 14 = Gell. I, 2 liegt die Pointe in der Kürze, bei 
c. 18 —= Stob. Flor. 4, 85 sogar in einem anderen Vergleichungs- 
punkt. Dagegen lassen sich für c. 36 188), 41 19%), 49.185), 66 186) 
und selbst für 4 ὅ 157) ausgesprochene Parallelen angeben, wo- 
mit aber nach dem Gesagten keineswegs deren Ausscheidung 
gefolgert werden soll. 

Am allerwenigsten dürfen wir aber nach unserem Ge- 
schmack über die Güte eines Witzes urteilen 188. Um billig 


183) Diog. L. VII, 174: Πρὸς δὲ τὸν μονήρη nal ξαυτῷ λαλοῦντα, οὐ 
φαύλῳ, ἔφη (Kleanthes), ἀνθρώπῳ λαλεῖς und Seneca Epist. 10,1: Crates, 
cum vidisset adulescentulum secreto ambulantem interrogavit, quid illic 
solus faceret? Mecum, inquit, loquor; cui Crates: Cave, inquit, rogo 
et diligenter attende, ne cum homine malo loquaris. 

184) Sternbach, De Gnomologio Vatic. ined. Wien. Stud. X, 40, 177: 
Ὃ αὐτὸς (Diogenes) κατανοήσας μειράκιον ἐπὶ τῇ πολυτελείᾳ τῆς χλαμύδος 
σεμνυνόμενον, οὐ παύσῃ, ἔφη, μειράκιον ἐπὶ προβάτου σεμνυνόμενον ἀρετῇ ; — 
dem Aristoteles zugewiesen Anton. II, 74 p. 141,17 ff. Max. 84 p. 624, 
25 ff.; Gnomica Basil. 50 p. 151; Gnom. cod. Pal. 122f. 142° n. 32; cod. 
Paris. 2720 ἔν, 15" (od. 1773. 230”) n. 4 bei Studemund (Index lect. in 
univers. litter. Vratislav. 1887 n. 17) p. 4; Arsen. Ὁ. 120, 19 ff. und vgl. 
die Worte des Sotades bei δον. Flor. 22, 26; ein ähnliches Witzwort 
bei Diog. L. VI, 2,45. Vgl. auch Luc. Alex. 15 μόνῃ τῇ μορφῇ μὴ οὐχὶ 
πρόβατα εἶναι διαφερόντων für πρόβατον in diesem Sinne. 

185, Sternbach XI, 62, 402: Λάμων παλαίων τὸν ἀνταγωνιστὴν ἔδακε " 
τοῦ δὲ εἰπόντος" δάκχνεις ὡς γυνή, εἶπεν ' οὐχί, ἀλλ᾽ ὡς λέων — Cod. Vat. 
Gr. 1144, f. 231. Mit wenig anderen Worten Plut. Vit. Aleib. II, 3 
p. 192 C. vol. I, p. 230, 13 ff. und von demselben auch in seinen Apo- 
phthegmata (p. 186D n. 1 vol. I, 223 und 289) — Maxim. 4 im cod. Vat. 
Gr. 739 ἢ. 19, Arsen. p. 128,5 ff. Vgl. übrigens Fab. Aesopi 234 p. 118 Η. 

185} Ῥίορ. L. VI, 2, 52: Τοῦ δὲ εἰπόντος, ἜΔλν οὖν ἀποθάνῃς τίς σε ἐξ- 
olosı; ἔφη᾽ Ὁ χρήζων τῆς οἰκίας —= Sternbach X, 48, 200. Nach Diels 
S. 201 auch in der Wiener Apophth.sammlung. Auch die weitere 
Aeußerung: at μὴν οὐδὲν ἄτοπον. εἰ μέλλω ai ἀποθανὼν ζῴοις τισὶ 
χρήσιμος ἔσεσθϑαι hat ihre Parallele in Diog. L. VI, 2, 79: ἔνιοι 
δέ φασι τελευτῶντα αὐτὸν nal ἐντείλασθαι ἄταφον ῥῖψαι, ὡς πᾶν ϑηρίον αὐτοῦ 
μετάσχοι εν οὗ δὲ εἰς τὸν ᾿Ελισσὸν ἐμβαλεῖν, ἵνα τοῖς ἀδελφοῖς xp Y9t- 
μος γένηται. Nimmt man dazu den ähnlichen Ausspruch in Dem. 
c. 35, so sieht man nicht ein, warum wegen der Unsicherheit der Les- 
art ᾿Ελισσὸν unter den ἀδελφοὶ gerade unsere gewöhnlichen Haustiere 
zu verstehen sind, wie Göttling, Ges. Abh. I, 271 will (vgl. Seneca Epist. 
92, 35). 
181) Diog. L. VI, 2, 79 erwähnt ein Epigramm auf Diogenes mit 

demselben Gedanken: Διόγενες, ἄγε, λέγε, τίς ἔλαβέ σε μόρος, eig ᾿Αἴδαο; 
ἔλαβέ με κυνὸς ἄγριον ὀδάξ. 

Anklänge finden sich noch für c. 11 bei Clemens Protrept. p. 64 
Potter vgl. Bernays S. 30, wornach Antisthenes sagte: od τρέφω τὴν 
μητέρα τῶν ϑεῶν, ἣν οἵ ϑεοὶ τρέφουσιν. 

Ebenso kann mit c. 52 Diog. L. VI, 2, 56 verglichen werden: ’Epw- 
τηϑεὶς el σοφοὶ πλακοῦντα ἐσϑίουσι; Πάντ᾽, εἶπεν, ὡς καὶ οἵ λοιποὶ γύρο: 
ποι. Vgl. Sternbach X, 44. Cod. Vat. Gr. 151£. 241" n. 1. 

188) Brucker, Hist. crit. philosophiae. Lipsae 1742. II, 514 steht mit 
seinem Urteil über die Apophthegmata als ‘digna, iucunditatem atque 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 699 


zu sein und alle die feinen Beziehungen zu erkennen, müßten 
wir die ganze Individualität eines Volkes verstehen, seine Er- 
ziehung, seine Anschauungsweise samt dem Reichtum der 
lebendigen Sprache haben. Das Nachempfinden wird uns 
schwer. Schon die Bonmots fremder moderner Sprachen muten 
uns ganz eigen an, um wie viel ferner mag uns die Antike 
sein139)? Gerade für die etwas frostig erscheinenden Wort- 
spiele in c. 19. 47. 54 begegnen uns Beispiele bei Lucian selbst 
Fug. 31. 32. Pisc. 45. 51 (vgl. Diog. L. VI, 2, 21) und die 
zweimalige Erwähnung von c. 47 bei Suidas 5. v. ᾿Αχρίσια und 
Δανάη bezeugt uns eine gewisse Vorliebe dafür. Auch gegen 
die dialektischen Witze in c. 29 und 59 spricht durchaus 
nichts; im letzteren Fall haben wir sogar einen echt cynischen 
Topos (vgl. Weber S. 99 ἢ). Wir sind demnach zu dem 
Schlusse berechtigt, daß unsere Biographie in der Hauptsache 
so abgefaßt worden sei, wie sie uns überliefert ist, und daß 
deshalb nur einige leichte Aenderungen vorgenommen werden 
dürfen, was zum größten Teil geschehen ist !?°). 

"Zum Schlusse harrt noch die Frage betreffs der Lücke in 
ὁ. 11, welche Fr. II, 1,195 ff. ΠῚ, 2, XXVI zuerst angenommen 
hat. Mit dem ersten Satz der Apologie des Demonax bricht 
die Erzählung jäh ab; unvermittelt schließen sich daran die 
Apophthegmata. Im Gegensatz zu der oben berührten Ansicht, 
das c. 11 sei in seiner Fassung aus dem Anfang der Verteidi- 
gungsrede geflossen, wäre man eher versucht, diese Einleitungs- 
worte als unterschoben zu betrachten, zumal da sie sich leicht 
aus dem zuvor gegebenen Material herstellen ließen, und der 
Anschluß an c. 12 vielleicht besser und ungezwungener wäre. 
Zudem kehren die wenige Zeilen weiter oben gebrauchten ein- 
leitenden Worte χαίτοι ἐν ἀρχῇ auch hier wieder. Man wird 
aber trotzdem die Stelle nicht fallen lassen dürfen; denn nach- 


utilitatem allatura non exiguam fast ganz allein. Fr. III, 2, XXV ent- 
gegen II, 1, 214 hält sie mit Sbdt. II, 2, 342 für eines Philosophen nicht 
recht würdig. Planck, Progr. S. 34 findet sie frostig und ohne attisches 
Salz c. 12 (sic!) 15. 19. 22. 23. 

189) Zum Beweise sei ein bei Seneca, Epist. 91, 19 von dem Cyniker 
Demetrius erzählter Witz angeführt: eodem loco sibi esse voces imperi- 
torum quo ventre redditos crepitus. Quid enim, inquit, mea refert, 
sursum isti an deorsum sonent. Dieses Wort zeichnet Seneka mit dem 
Prädikat eleganter aus. Das ist zu erwägen bei c. 39. 44. 46. 52. 

190) Vgl. Rothstein S. 31 und Schmid, Philol. 50, 301. 


41° 


.630 K. Funk, 


dem einmal in den Worten τὰ μὲν ἐμμελῶς, τὰ δὲ χαὲ τραχύ- 
τερον ἢ κατὰ τὴν ἑαυτοῦ προαίρεσιν die ganze Verteidigungsrede 
in Kürze charakterisiert war und für die erste Art zwei Bei- 
spiele angeführt waren, erwartet man auch für das τραχύτερον 
mindestens einen Beleg. Fand sich derselbe gleich in einer 
knappen Einleitung und konnte Lucian damit zeigen, wie 
Demonax entgegen der sonstigen Gewohnheit der Redner !9) 
in mediam rem geht, so war das vielleicht um so günstiger. 
Freilich ist die Stelle etwas dunkel; aber die Beziehung auf 
Sokrates, die in χἀμὲ und τὸ μὲν γὰρ πρότερον unzweideutig 
vorliegt, ist für den Leser durch das Vorausgeschickte erleichtert. 
Die bezüglichen Worte des Demonax konnten darum ausgelassen 
werden. Viel wird kaum verderbt oder ausgefallen sein. 
Gewiß würden wir gerne ?/; der Aussprüche hergeben, 
wenn wir dafür nähere Angaben über des Demonax Reisen, sein 
Bekanntwerden in Griechenland, sein engeres Freundschafts- 
verhältnis mit Lucian, seine schriftstellerische Tätigkeit, den 
näheren Inhalt und die Verbreitung seiner Lehren, besonders 
weil er Eklektiker war, eintauschen könnten 12). Allein all 
das würde sich nur wie ein Keil zwischen c. 11 und 12 ein- 
schieben. Durch den in c. 11 näher ausgeführten Einzelfall, 
in welchem Demonax die Art seiner πειϑὼ zeigte, ist bereits 
sachlich auf das Folgende übergeleitet, wie auch die von 
Fr. (vgl. III, 2, XXVI) vorgeschlagene Verbindungsformel das 
Vorausgehen einiger Aussprüche eigentlich voraussetzt. Wenn 
also irgendwo, so war hier die günstige Gelegenheit, zur Auf- 
zählung der Apophthegmata überzugehen. Da nun hier auch 
nach Fr. die einzige Möglichkeit zur Annahme einer Lücke 
gefunden werden konnte, da ferner der abrupte Uebergang in 
Alex. 43 und De hist. conser. 12 einigermaßen eine Analogie 
bietet, so. werden wir eben auf die Ausführung des Vermißten 
einfach verzichten müssen. Daß das Erwähnte unseren An- 
forderungen nicht genügt, beweist nichts. Es liegt zum großen 
Teil der Grund in der oben gekennzeichneten Anlage Lucians, nur 
das Negative hervorzuheben, das Positive aber kurz und knapp 
abzutun. Anderes kommt auf Rechnung der biographischen: 


ὲ 191) Vgl. bes. Tim. 87. Nigr. 10; Bis. acc. 33 und Philostr. V.S. 
. 44, 25. 


192) Vgl. Fr. a. a. Ὁ. Jenni 5, 6—8. Schwarz 5. 564. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 631 


Darstellung überhaupt, welche nicht die Schilderung der Er- 
eignisse in ihrer pragmatischen Verbindung, in ihrer Wichtig- 
keit für Mit- und Nachwelt zum Ziele hat, sondern mehr in 
ihrer Bedeutsamkeit für den Verfasser selbst sie würdigt, so 
daß die größten Ereignisse zu leichten Anekdoten und kleinen 
Erzählungen werden können !”). Daher mag es auch kommen, 
daß trotz des Gebrauchs von xal ποὺ χαὶ für einzelne Fälle 
von dem Aufstand und seiner Beilegung nicht die Rede ist. 
Anderes wird sich im weiteren Verlaufe noch erklären. 


3. Erklärung für die Komposition der Schrift. 

Nach den voraufgegangenen Ausführungen kehrt mit er- 
neuter Stärke die Frage wieder, wie die Anlage der Vita 
Demonactis, welche sichtlich der von Lucian selbst aufgestellten 
und sonst beobachteten Forderung der ἁρμονία ἢ τέχνη ἡἣ ἐφ᾽ 
ἅπασιν (Zeux. 2) zuwiderlaufe, mit seiner Urheberschaft sich 
vereinigen lasse. Dürfen uns auch gewisse Wiederholungen 
von Wörtern und Wortverbindungen !”*) nicht auffallen — 
diese Nachlässigkeit, wie die andere in der Disponierung des 
Stoffes stimmt gut zusammen mit der ganzen Art und Absicht 
des Schriftstellers in unserer Vita!?) —, es bleiben der Be- 
denken immer noch genug, und es liegt mir durchaus ferne, 
die ganze Schuld an den ausgesetzten Mängeln bloß dem 
alternden Lucian zuzuschreiben 1%). 


193) Vgl. Köpke, Hypomn. Berol. 1842. 1, 3. 

194) Vgl. c. 2 πρὸς φιλοσοφίαν δρῶντες — c. 3 πρὸς φιλοσοφίαν Öp- 
μῶντες und πρὸς τὰ καλὰ δρμὴ καὶ πρὸς φιλοσοφίαν ἔρως — C. ὃ πάντων 
τούτων und ἅπασι τούτοις --- cc. 3. 8 βίῳ χρώμενος --- cc. 3. 11 ἐλευϑερία 
χαὶ παρρησία — cc. 4. 5 οὖκ ἐπ’ ὀλίγον und οὐδ᾽ ἐπ᾽ ὀλίγον — cc. 4. 65 
ἀπῆλϑε τοῦ βίου — cc. 6. 7 ἐπιτιμήσεων und ἐπιτιμᾶν --- C. ὃ μετὰ μιχρὸν 
und ἐν ὀλίγῳ — ce. 9. 10 ἐμμελῶς — cc. 12. 18 προσελϑὼν ἠρώτα — 
c. 11 xoitor ἐν ἀρχῇ 2mal — cc. 14. 15 εὐπάρυφος — cc. 15. 17. 18 
ὡραῖος — cc. 16. 17. 18 je eingeleitet mit ἐπεὶ δέ — cc. 12. 39 εὐστόχως 
— cc. 29. 41 μέγα φρονεῖν --- cc. 33. 36 μελετᾶν — cc. 12. 18 δια- und 
ἐπιχεχλασμένος. Genau so finden sich eine Reihe wörtlicher Wieder- 
holungen in De hist. conser. S. Passow 8. 15 ff. vgl. auch Fried. Hof- 
mann, Kritische Untersuchungen zu Lucian. Nürnberg 1894. 8.45. Auch 
in anderen Schriften treten solche Wiederholungen hervor, so Rhet. 
praec. 11 προσελθὼν 2mal, Ic. 18 μέγα φρονεῖν 2mal, De hist, conser. 
34. 35 ἀποφαίνειν 5mal, Dial. mort. VII,2 in einem und demselben Satze 
ἔχω 2mal u.s. w. Darnach ist Ziegeler Charidemus 3. 4 einigermaßen 
zu berichtigen. 

195) Vgl. Rothstein S. 33, 1; Croiset 5. 81. 

196) Vgl. Schwarz S. 564. 


632 Na Hola K. Funk, 


Allein von welchen Schriften aus hat man sich denn ein 
Bild entworfen von Lucianischer Ordnung und seiner Art der 
Komposition? Sind es nicht vorzugsweise Dialoge und pole- 
mische Werke, welche schon an und für sich durch ihren 
Zweck und durch die Notwendigkeit der Beweisführung einen 
strengeren Bau erfordern? Man thut deshalb recht, den Dialog 
Pseudosoph. mit den anderen Dialogen zu vergleichen und ihn 
wegen seiner mit unserer Vita analogen Komposition :zu ver- 
dächtigen. Daß man ihn trotzdem zu halten sucht 157), will 
ich mir nicht zu nutze machen. Aber was man von einem 
Dialog fordern muß, darf man das auch auf eine Schrift . 
anwenden, die sich ausdrücklich als ein ἀπομνημόνευμα (c. 67) 
bezeichnet? Haben wir ein Recht, einfach die Verbindung und 
Ordnung nicht Lucianisch zu nennen !®), obwohl uns sonst Lu- 
cian kein Werk derselben litterarischen Gattung zum Vergleiche 
hinterlassen hat? Es ist ja eine bekannte Thatsache, daß im 
Altertum die verschiedenen Stilarten streng abgegrenzt waren, 
und daß die Forderungen der litterarischen Gattung unter 
Darangabe der Einheit des persönlichen Stiles anerkannt werden 
müssen!®). Darum gibt es nur einen Weg zur richtigen Wür- 
digung der Schrift, nämlich sie an den sonst geltenden stilisti- 
schen Regeln zu messen. | 

Schon der unbestimmte Name ἀπομνημονεύματα (= was 
man aus dem Gedächtnis niederschreibt) läßt unsere Ansprüche 
in Bezug auf Ordnung nicht allzu weit gehen”). Das be- 
stätigen denn auch die Memorabilien Xenophons, und es ist 
gewiß nicht zufällig, daß diesem Werke genau dasselbe Schick- 
sal zu teil wurde, wie der Lebensbeschreibung des Demonax "ἢ. 
Man kann von vornherein vermuten, daß die Ordnungslosigkeit, die 


197) A. Baar, Lucians Dialog Der Pseudosophist. Görz 1883. 8. 9. 

198) Schwarz ὃ. 567. 

199) Wilamowitz, Asianismus und Atticismus im Hermes XXXV, 26 f. 
sagt ausdrücklich, daß der Gegensatz innerhalb der Werke des Plutarch 
und Lucian nicht in einer stilistischen Entwicklung der Person, son- 
dern in der verschiedenen Gattung liege. Vgl. Schmid, Philol. 50, 303, 
4; 314. ἡ 

200) Vgl. Hirzel I, 146. Α 

201) Vgl. Krohn, Sokrates und Xenophon S. 83—151, Schenkl, Ber. 
der Wien. Akad. 1880, 119ff. 124 u.s. w.; dagegen Joel, Der echte 
und der xenophontische Sokrates. I Einleitung, Birt, De Xenophontis 
commentariorum compositione. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 633 


immer mehr den Stil der Zeit kennzeichnet 393), in diesem Jahr- 
hundert der Nachahmung der klassischen Größen nach dem 
Vorbilde Xenophons geradezu zum Stilprincip für Denkwürdig- 
keiten gehörte. In der Tat ist durch den Rhetor Aristides 
verbürgt, daß Mangel an Ordnung mit das Wesen von ἄπο- 
μνημονεύματα ausmache?°). Daß auch Lucian sich an diese 
Regel gehalten hat, bezeugt Nigr., eine Schrift, die trotz dia- 
logischer Form eine Art ἀπομνημόνευμα darstellt 399, Hier 
gesteht er ausdrücklich, daß er ἀτάχτως συνείρων (c. 8) erzähle. 
Damit dürften die gegen cc. 1—11 und 63—67 vorgebrachten 
Bedenken ihre Lösung gefunden haben, da die Ordnung ja in 
den allgemeinen Umrissen zugestanden ist und vollauf dem 
sonst üblichen Schema entspricht (Leo 5. 83). 

Aber was sollen die Apophthegmata in ihrer Masse, ihrer 
unvermittelten, unkünstlerischen Zusammenstellung? Ich gehe 
zunächst von der Schreibweise Lucians selbst aus. Weder 
Beweise noch Abstraktionen sind seine Sache 395. Was man 
in seinen Werken trifft, ist die leichte, anekdotenhafte Erzäh- 
lung, die meist stark ironische Färbung trägt. So besteht in 
Adv. ind. der Hauptbeweis gegen den Angefeindeten in der 
Erzählung einer Reihe von Geschichten, die sich unmittelbar 
an einander anschließen, aber doch nicht in einem strengen 
Zusammenhang stehen; so wird in Tox. die Gedankenkette 
durch eine Beispielsammlung ersetzt und auch in anderen 
Schriften gibt sich dieselbe Vorliebe für Anekdoten kund ?%). 
Wir werden sie also erst recht in einer Lebensbeschreibung 
finden müssen; denn sie gehören zum Wesen der Biographie. 
Auch Xen. Mem. enthalten viel des Anekdotenhaften 397), und 
so geschah es sogar, daß dieselben in späterer Zeit geradezu 


202) Ein hervorstechendes Beispiel dafür ist Aelian 5. III, 7. Vgl. 
auch III, 8 und I, 190. | 

203) ]], 13, 28 = 554, 27 Spengel. Vgl. Hirzel I, 146,1. Daß auch in 
unserer Schrift das xenophontische Stilprincip nachwirkt, scheint 
mir der Hinweis auf die Anklage des Sokrates zu bestätigen (c. 11). 

204) Hirzel II, 292, vgl. namentlich Nigr. cc. 2ff. 18. 26. 

205) Vgl. Croiset 5. 184. 231. 312. 318. Die Lucianische Gedanken- 
entwicklung ist hier S. 309 ff. hübsch analysiert an Pisc. 31—33. 

206) Vgl. De salt. 76 ff.; Pro lapsu 2—7; De merc. cond. 33. 34. 

207) Köpke, Ueber die Gattung der Apomnemoneumata in der griech. 
Litteratur S. 8. 


634 K. Funk, 


Apophthegmata genannt wurden ?®). Und wenn nun in ihnen 
mit Berichten über Sokrates Tun und Lassen solche über seine 
Gespräche wechseln, ja wenn diese den Hauptraum einnehmen, 
eben weil in ihnen die Haupteigentümlichkeit des Sokrates am 
meisten zu Tage trat, sollte nicht in der Biographie eines 
Cynikers auch das den Hauptraum einnehmen, was für diesen 
bezeichnend ist? Und das ist nichts anderes als die Chrie. 
Charakteristisch für diese Art zu philosophieren ist eine Er- 
zählung von Diogenes, welche uns Diog. L. V, 18 überliefert. 
Es heißt da: Διογένους ἰσχάδα αὐτῷ διδόντος νοήσας, ötı, εἰ 

μὴ λάβῃ, χρείαν εἴη μεμελετηκώς, λαβών, ἔφη, Διογένην μετὰ 
τῆς χρείας nal τὴν ἰσχάδα ἀπολωλεχέναι. Die Cyniker wurden 
wie die Lacedämonier als die βραχυλόγοι τε χαὶ ἀποφϑεγματικοὶ 
bezeichnet 399): bei ihnen und den ihnen verwandten Schulen 
der Cyrenaiker und Stoiker war die Chrie zu Hause, und in 
ihren Schriftverzeichnissen werden eigene Chriensammlungen 
erwähnt 51). Was wir jetzt voraussetzen müssen, und was uns 
außerdem die enge Verwandtschaft zwischen ἀπομνημόνευμα 
und χρεία in der rhetorischen Terminologie nahe legt”''), ist 
uns obendrein eigens bezeugt, nämlich daß nicht bloß Plautus 
und die attische Komödie voll von Witzreden waren, sondern 
auch die Lebensbeschreibungen der Sokratiker eine Fülle 
von Apophthegmata enthielten ?'?). Sie gehörten überhaupt in 
die Biographie eines als witzig bekannten Mannes?"?). Ein 
klassisches Beispiel haben wir heute noch an der Biographie 


208) Schol. zu Aristides ὑπὲρ τῶν τεττάρων p. 289, 20 (III, 718 Din- 
dorf). Vgl. Köpke S. 5 und Hirzel 1, 149. 

209) Plut. Vit. Lye. c. 19; vgl. Weber S. 261. 

210) So von Bion (Diog. L. IV,47), Metrokles (VI, 33), Zeno (VII, 4), 
Persäus (VII,36), Aristo (VII, 163) und Kleanthes (VII, 175). ; 

211) Hermogenes definiert progymn. 3 die χρεία ausdrücklich als 
ἀπομνημόνευμα λόγου τινος ἢ πράξεως 7) συναμφοτέρου ' διαφέρει δὲ χρεία 
ἀπομνημονεύματος μάλιστα τῷ μέτρῳ τὰ μὲν γὰρ ἀπομνημονεύματα Kal διὰ 
μακχροτέρων ἂν γένοιτο, τὴν δὲ χρείαν σύντομον εἶναι δεῖ (I, 19 Walz). Vgl. 
Theon 5 (201 W.); Aphthon. 3 (62 W.). | 

212) Cic. De off. I, 29: Quo genere (scil. faceto) non modo Plautus 
noster et Atticorum comoedia, sed etiam philosophorum Socraticorum 
libri referti sunt; multaque multorum facete dieta; ut ea, quae a sene 
Catone collecta sunt, quae vocamus ἀποφϑέγματα. Vgl. C. Schmidt, De 
Apophthegm., quae sub Plutarchi nomine feruntur, collectionibus. Greifs- 
wald 1879. 5. 4, vgl. bes. Anm. 8; Köpke 8. 5. 11. 12; Dümmler 5. 70. 
71. Val. Rose, Aristoteles Pseudoepigraphus. Lips. 1863. S. 611. 612. 

213) Vgl. Leo S. 164. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 635 


des Diogenes bei Diog. L. Darnach darf uns das Mißverhältnis 
zwischen dem erzählenden Teil mit 16 Kapiteln und dem apoph- 
thegmatischen mit 52 nicht sehr wunder nehmen, ganz abge- 
sehen davon, daß die letzteren Kapitel meist nur sehr geringen 
Umfang haben. Daß aber solche Sammlungen von Witzworten 
bei den Griechen beliebt waren, das zeigen eben die Schriften- 
kataloge und die Nachricht, es habe der Komiker Machon 
derartige Anekdoten in jambische Senare umgesetzt und unter 
das Publikum gebracht ?'*). Sollte nicht auch Lucian, der sonst 
so sehr mit der cynischen Litteratur sich beschäftigte und dabei 
auch dem Geschmack des Publikums huldigte 515), hier entgegen- 
gekommen sein, in jener Zeit, wo man wieder am Individuum 
mehr Interesse nahm ? 

Damit kommen wir auf einen weiteren Punkt. Man 
könnte doch erwarten, daß die betreffenden Aussprüche des 
Demonax in die Charakteristik als Beleg mitverwoben wären, 
oder daß wenigstens in der Anordnung derselben ein System 
eingehalten und die zur Zeichnung der einzelnen Charakterzüge 
dienlichen in Zusammenhang gebracht wären *%). &Öo aber 
folgen die einzelnen Apophthegmata in bunter Reihenfolge. 
Nicht einmal die auf dieselbe Person oder Sache bezüglichen 
stehen bei einander “1 und die Verbindungen sind stilistisch 
äußerst eintönig. Stereotyp kehren die Wendungen wieder 
ἐρομένου δέ τινος, ἄλλῳ δὲ ἐρομένῳ, ἐρωτηϑεὶς δέ, ἰδὼν δὲ 
u. s. w., wofern nicht ein Eigenname Περεγρίνου δὲ, ἐπεὶ δὲ 
“Hpwöngs u. 5. w. den betreffenden Abschnitt einleitet. Dem 
gegenüber sind allerdings sonst bei Lucian die Anekdoten kleine 
Kabinettstückchen. Man kann es deshalb begreifen, wenn man 
zunächst an einen tendenziösen Ueberarbeiter denken möchte 38). 

Ich glaube zwar nicht, daß Lucian in unserem Falle das 
βραχέως ἑρμηνεύειν zeigen wollte?!?), aber sieht man auch von 


214) Athen. XIII, 577ff. Vgl. Köpke 8. 14. 

215) Man denke nur an As. Vgl. Schmid, Philol. 50, 315. 

>16) Schwarz S. 564; Schmid, Philol. 50, 300. 

217) Das gilt besonders von denen über Herodes in den cc. 24. 25. 88. 

518) Schulze S.7. Die Vermahnung Artemidors an die Leser seiner 
Symbolik der Träume (II,70) läßt auf eine derartige häufige Unsitte 
schließen. 

219) Philostr. V.S. 27,8. Arnim (Wien. Stud. 1900 5. 168) wendet 
es zur Erklärung des As. an. | 


696 K. Funk, 


der ermüdenden Aufzählung des ganzen Repertoire, über das 
ein Pantomime zu verfügen hat, in De salt. 37—61 ab, wie 
gleichmäßig werden doch auch im polemischen Teil von De 
hist. conser. die verschiedenen Erzählungen eingeführt 330)! 
Zudem kennen wir die Formen für die Chrien ganz genau und 
diese sind keine anderen als die hier gebotenen 55). Von aus- 
schlaggebender Bedeutung aber ist, daß bei Athen. VI,248D. 
XII, 583, F. 585 A. ff. aus den Denkwürdigkeiten des Lynkeus 
einmal 3 und an einer anderen Stelle sogar 11 Witzworte 
und aus denen des Aristodemus eine ganze Reihe überliefert 
werden, welche in derselben losen Weise an einander gefügt 
sind. Sicherlich hat Köpke 8. 14 recht, wenn er sagt: ‘In 
Bezug auf den Stil beider Sammler läßt sich mit Recht wohl 
nur so viel sagen, daß die Lust, durch das Schlagwort selbst 
zu wirken und zu reizen, eine künstlerische Gruppierung und 
Behandlung des Stoffes nicht zuließ.” Nehmen wir noch hinzu, 
daß Diog. L. gerade in den Biographien der Philosophen, 
welche in Chrien stark waren, wie Aristipp (II, 8), Bion (IV, 
7), Diogenes (VI, 2) und Zeno (VII, 1), dieselbe Art der 
Komposition beobachtet, daß von der Art unserer Vita das 
meiste von dem gewesen sein mag, was dem Diogenes von 
biographischer Litteratur der eigenen Zeit außer den Sammel- 
büchern erreichbar war, und daß selbst Dio Chrys. (Or. IV— VI. 
VIIHI—X vgl. Weber S. 84) dieselbe Schablone auf die Dio- 
genesreden anwendet, so werden wir nicht fehl gehen, darin. 


220) ο, 14 εἷς μέν τις αὐτῶν c. 15 ἕτερος δέ c. 16 ἄλλος δέ τις c. 17 
εἰ δεῖ χαὶ σοφοῦ ἀνδρὸς μνησθῆναι c. 18 χαὶ μὴν οὐδ᾽ ἐχείνου ὅσιον Amo- 
μνημονῆσαι c. 19 ἄλλος τις ἀοίδιμος c. 21 χαὶ μὴν κἀκεῖνο λεκτέον c. 23 
χαὶ μὴν χαὶ ἄλλους ἴδοις ἄν c. 24 καίτοι ταῦτα φορητὰ πάντα ὁ. 25 νὴ 
Δία χἀχεῖνο κομιδῇ πιϑανόν c. 28 ἐγὼ γοῦν ἤχουσά τινος c. 29 ἄλλος μάλα 
χαὶ οὗτος γελοῖος c. 80 εἷς δέ τις βέλτιστος c. 81 ἤδη δ᾽ ἐγώ τινος ἤκουσα 
c. 82 χαὶ γὰρ αὖ χαὶ αὗται παγγέλοιοι. Dabei ist eigentlich ein fester 
Plan in der Aufzählung der einzelnen Episoden nicht zu erkennen. 
Auch Knaut 5. 39 machte auf immer wiederkehrende Formeln zur 
Fortsetzung der Erzählung aufmerksam und Rohde, Lucius 8. 34 sprach 
Lucian ein eigentliches Erzählertalent ab (vgl. den erzählenden Teil 
des Per. 10—42 mit seinen 12 εἶτα). 

221) Quint. 1,9, 4. Chriarum plura genera traduntur, unum simile 
sententiae, quod est positum in voce simpliei: dixit ille aut dicere 
solebat. Alterum quod est in respondendo: interrogatus ille vel cum. 
hoc ei dietum esset, respondit. Tertium huic non dissimile: cum quis 
non dixisset aliquid, sed fecisset. Dieselbe Formel zeigt im Griechischen 
Diog. L. Vgl. Dümmler S. 71. Rose S. 606. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 637 


ein Stilprincip für die Denkwürdigkeiten besonders der Ver- 
treter cynischer Richtung seit alter Zeit zu erblicken. Ist dem 
so, dann dürfen wir an der Wahl gerade dieser biographischen 
Form keinen Anstoß nehmen. Daß Lucian zur Verherrlichung 
eines Zeitgenossen auch andere Formen zu Gebote standen, ist 
nicht zu leugnen; daß ihm aber an und für sich die rhetori- 
sierte Form der grammatischen Vita, wie sie besonders Philostr. 
vertritt, näher gelegen und entsprechender gewesen wäre (Leo 
S. 84 und bes. 3. 83, 2), möchte ich von vornherein bei dem 
doch in manchen Punkten anders gearteten Geschmacke Lucians 
nicht annehmen. 

Wurde nun auch billigerweise der Mangel an positiven 
Lehren in der Darstellung durch das ersetzt, worin die Cyniker 
and auch Demonax ihre Ehre suchten, so bedarf der Umstand 
noch des näheren Aufschlusses, warum trotz des angekündigten 
Zweckes, den sittlich bedeutsamsten Mann der Zeit vorzuführen 
und damit der Jugend ein nachahmenswertes Beispiel vor 
Augen zu stellen, und trotz des Vorhandenseins ernster Apo- 
phthegmata von Demonax die meisten der erwähnten zu den 
γελοῖα gehören, worauf mit Recht Fr. II, 1, 195; ΠῚ. 2, XXV 
und Schmid, Philol. 50, 301 darauf hingewiesen haben. Es 
ist nicht unmöglich, daß eine bereits existierende Sammlung 
ernster Aussprüche bei der Auswahl maßgebend war, wiewohl 
man bei diesem Grunde allein immer noch eine diesbezügliche 
Bemerkung erwarten möchte (Fr. III, 2, XII). Aber ein Ver- 
gleich mit dem bei Athen. und Diog. L. Ueberlieferten zeigt 
deutlich, was für einen Geschmack und Inhalt wir in derartigen 
Apophthegmata zu suchen haben. Dasselbe läßt uns auch der 
Charakter des Verfassers selbst erwarten, wie er sich in der 
teilweisen Verwertung einzelner Aussprüche in anderen Schriften 
und in seiner größeren Neigung zu Scherz und Heiterkeit als 
zu ernstem Nachdenken und in der sonstigen durchgängigen 
Uebereinstimmung des Demonax mit seinem Philosophenideal 
überhaupt ausspricht. | 

Zum Lobe unserer Vita muß aber gesagt werden, daß sie 
trotzdem nicht so ganz unkünstlerisch nach dem hergebrachten 
Schema komponiert ist. Die längere, wenn gleich nicht voll- 
ständige Charakteristik des Philosophen am Anfang ist geeignet, 


638 K. Funk, 


die losen Apophthegmata, den Hauptkern der Biographie, in 
das rechte Licht zu setzen. Ganz allmählich findet der Ueber- 
gang zu der katalogartigen Aufzählung statt, indem zuvor drei 
Aussprüche in weiterer Ausführung der begleitenden Umstände 
gegeben werden, und ähnlich sind wieder am Schluß Apo- 
phthegmata in die erzählende Partie eingefügt. Dadurch unter- 
scheidet sich die Biographie vorteilhaft von den oben berührten 
kompilierten des Diog. L. (vgl. Leo S. 49 ff.), aber noch viel 
mehr von dem Dialog Pseudosoph. Die ganze Einlage mit 
den von Sokrates von Mopsus gerügten Sprachfehlern ist 
für den Gang des Dialogs von so wenig Bedeutung, daß sie 
wie eine große Glosse (Chabert S. 162 ff.) oder wohl eher wie 
eine schlecht gelungene Uebertragung eines anderwärts gelten- 
den Stilprincips auf den Dialog aussieht. 

Die Schrift unterscheidet sich aber auch von den anderen 
Werken Lucians durch ihre natürliche und ungesuchte Nach- 
lässıgkeit im Ausdruck, durch ihre einfache und objektive Art 
᾿ς zu erzählen und zu bewundern. Nur an wenigen Stellen tritt 
die Person des Verfassers hervor???). Selbst solche Gegen- 
‚stände, bei deren Behandlung Lucian sonst wortreich zu sein 
pflegt und seinen gegensätzlichen Standpunkt scharf zum Aus- 
druck bringt, wie beim Stolz der Philosophen und ihren 
Zänkereien, beim Aberglauben und anderen Dingen, sind hier 
ganz kurz behandelt. Man hat diesen Vorzug schon zu einem 
Beweis für die Unechtheit machen wollen 558). Es wäre jedoch 
die objektive Haltung für einen Fälscher noch unverständlicher, 
da wir die genaue Bezugnahme auf Lucian nicht ableugnen 
könnten. Tatsächlich ist auch die Vita nur der Form nach 
objektiv, und das ist nicht so unbegreiflich. Es fehlte ja 
nicht an entsprechenden Vorbildern für diese Litteraturgattung, 
und Lucian hat damit nur die von ihm selbst aufgestellten 


222) cc. 1.59. 67 und zwar im Sing., wie sich Lucian mit Ausnahme 
weniger Fälle immer bezeichnet; den Plural setzt er nur Rhet. praec. 3. 
Blectr. 6. Er redet nur als Schriftsteller den Leser an; mithandelnd 
erscheint er nicht, wie auch Xen. nur einmal Mem. I, 3, 8 so auftritt 
und das in der 3. Person. Auch dieser Umstand läßt annehmen, daß 
Lucian nicht von sich geredet habe. Dadurch wären zudem ὑπομνήματα 
aus den ἀπομνημονεύματα geworden. . Vgl. Köpke 8. 7. 

223) Rothstein S. 33, nachdem bereits Planck 5, 34 Progr. darauf 
hingewiesen und den Grund dafür in dem Alter des Schriftstellers 
suchte. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 639 


Forderungen für die Geschichtsschreibung eingehalten 353). Der 
Sache nach ist die Biographie so wenig objektiv, wie seine 
anderen Schriften auch. Was für diese gilt, daß sogar da, 
wo einmal Lucian nicht direkt auftritt, hinter den verschieden- 
' artigsten Masken sich leicht seine Züge erkennen lassen, und 
daß man kaum sagen könne, Lucian trete in verschiedenen 
Rollen auf, weil es vielmehr sei, als ob jene Person den Lucian 
spielte 355), das gilt auch hier. Unter der Hand ist aus De- 
monax ein anderer Lucian geworden. 


4. Sostratus. 

Unter den Hauptbedenken gegen die Echtheit der Vita 
Demonactis ist immer der Umstand genannt worden, daß ihr 
Verfasser zugleich auch der Urheber einer Vita Sostrati sein 
will, deren Inhalt man nicht mit Lucians Charakter zusammen- 
reimen zu können glaubte. So einfach ist die Sache nun frei- 
lich nicht, daß, wie Fr. Index lect. univ. Rostock 1879/80 
S. 3 meint, der Verfasser des 1. Kapitels auch der beider 
Bücher sein müsse, möge es nun Lucian oder ein anderer sein. 
Die Möglichkeit ist noch nicht ausgeschlossen, daß die Schrift 
unterschoben ist. Ich gestehe aber, daß es mir nicht recht 
erklärlich wäre, wie man einem so bekannten Schriftsteller, 
wie Lucian seit Erscheinen seiner Werke war, die Autorschaft 
einer ihn gar nichts angehenden Biographie in dieser Weise 
zugewiesen hätte 55. Selbst bei dem Vorschlag Boldermanns 
(5. 121) kann man sich die Gegeninstanzen nicht verhehlen. 
Will man nämlich die beiden Prädikate σώματος ἀρετὴν 
ὑπερφυᾶ χαὶ γνώμην ἄχρως φιλόσοφον allein auf Demonax be- 
ziehen, so verlangt die Parallelstellung von Körpertüchtigkeit 
und. Geistesstärke ihre Beweise. Für ersteres sucht man: sie 
umsonst; nicht einmal die Apophthegmata enthalten eine An- 
deutung und die kurze Bemerkung in c. 4, die eigentlich in 
der Lebensbeschreibung eines Cynikers selbstverständlich ist, 


"ἢ De hist. conser. 8. 7—27. 50—59. Bieler De salt. 5, 12 ff. hatte 
kein Recht, diese Grundsätze auf diese Schrift anzuwenden, da Lucian 
zwischen τὰ ἱστορίας καὶ τὰ ποιητικῆς (6. 8). unterscheidet. 

555) Rohde, Lucius S. 32. Vgl. auch Planck, Stud. und Κυϊξ. 3. 829 
über die matte Einführung. des Peregrinus, die aber mit Fug. und: Adv. 
ind. übereinstimmt (S. 842 £f.). 

228) Vgl. Schmid, Philol. 50, 301. 


640 | K. Funk, 


vermag den Ausdruck ὑπερφυήῆς, selbst wenn er hyperbolisch 
aufzufassen wäre, nicht zu rechtfertigen. Sieht man aber 
σώματος ἀρετὴν ὑπερφυᾶ als Interpolation des Fälschers an, so 
bleibt doch in der ganz kurzen und wenig auffallenden Be- 
merkung in c. 4 χαὶ τὸ σῶμα δὲ ἐγεγύμναστο zu wenig An- 
knüpfungsmöglichkeit. | 

Daß ferner die Vita Sostrati außerhalb der drei Arten 
von Schriften Lucians, nämlich λαλιαί, διάλογοι und ἐπιστολαὶ 
fallen würde, ist von keiner Bedeutung, da Thimme 5. 55 
eigentümlich genug die μελέται gar nicht als eigene Art er- 
wähnt und von seinem eigenen Gesetz Ver. hist. ausnehmen 
muß 55. Ebenso wenig lag in der Einleitung eine Notwendig- 
keit vor, den Sostratus λῃστὰς ἀναιρῶν von dem sonst erwähnten 
λῃστής zu unterscheiden (Thimme S. 55. 56). Das konnte ja 
in der Vita selbst geschehen sein und war an unserer Stelle 
durch den Beisatz ‘Herakles’ zur Genüge getan; in dem später 
verfaßten Alex. aber, wo ein Sostratus λῃστὴς erwähnt wird 
im Verein mit anderen bekannten Räubernamen, machte die 
sprichwörtliche Wendung die Unterscheidung unnötig ?®). 

Man hat weiterhin eingewendet, daß Lucian in keinem 
Buche von einem anderen ausdrücklich spreche mit Ausnahme 
von Apol. 3, wozu er aber durch die vorangegangene Schrift 
De merc. cond. mit ihrem gegensätzlichen Standpunkt genötigt 
gewesen sei (Thimme 5. 55). Indes einigemal wenigstens ist 
eine derartige Beziehung auf frühere Schriften, soweit es die 
Dialogform zuläßt, gar nicht zu verkennen, so bei Imag. und 
Pro imag,, Vit. auct. und Pise., Per. und Fug.. und die paar- 
weise Gruppierung läßt sich für mehrere nachweisen ??®). Dazu 
kommt noch, daß Lucian das Kunstmittel der σύγκχρισις gerne 
anwendet 3350), und daß die Verbindung zweier Lebensbeschrei- 
bungen auf eine die schöne Litteratur im weitesten Sinn seit 


227) Vgl. N. Jahrb, f. Philol. 1888 S. 566. ; 

228) Vgl. Rein 8. 77. Fälschlich hält er den Alex. 4 und Dial. mort. 
XXX genannten Sostratus mit dem unsrigen für identisch. 

229) Vgl. Bernays 8. 52; Rothstein S. 117 ff.; Croiset 8.26 ff. A. Baar, 
Lucians Dialog der Pseudosophista. 8. 26 ff. redet sogar von Trilogien 
(Iup. conf. trag. Deor. concil. und Saturn. Cronos. Epist. saturn.). 

230) Q. Hense, Die Synkrisis in der antiken Litteratur. Freiburger 
Prorektoratsrede. 1893. S. 30. 39. | ἣν 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 641 


Isokrates und Aristoteles durchdringende Strömung zurückgeht, 
und daß diese dyadische Form in Plutarch einen glänzenden 
Vertreter gefunden hat (vgl. Leo S. 152), wenn sie auch nicht 
nach der Annahme von Christ (Gr. L.G. 652° ff.) fast stehende 
Sitte der alten Biographen gewesen ist. Bei der Berührung 
aber, welche wir oben zwischen einer Plutarchischen Vita des 
Krates und der unsrigen festgestellt haben, ist ein derartiger 
Einfluß Plutarchs auf Lucian sehr wahrscheinlich. Frei- 
lich ist jetzt für uns die Schrift über Sostratus trotz ihrer 
engen Verbindung mit der über Demonax spurlos verschollen 55). 
Allein was beweist das gegen die Echtheit, da ja auch unechte 
Schriften sich unter :Lucians Namen gerettet haben und nach 
Bis acc. 32 zu schließen nicht bloß ‘Skizzen von ephemerem 
Los’ (Schwarz a. a. OÖ. Anm. 4), sondern auch wirkliche μελέται 
(τυράννων χατηγορίαι nal ἀριστέων ἔπαινοι Bis acc. 32) von 
dem Feinde jeglicher Improvisation verloren gegangen sind. 

Diese Bedenken wollen also nicht viel besagen. Sie sollten 
auch zunächst nur den Haupteinwand verstärken, der aus dem 
vermutlichen Inhalt der Vita genommen ist. Man hat nämlich 
schon lange die Identität des hier genannten Sostratus-Herakles 
mit dem von Philostr. ausführlich geschilderten Agathion- 
Herakles behauptet 3383). Daß dem so ist, steht außer Zweifel. 
Denn was Plut. an einer bisher wenig beachteten Stelle Quaest. 
Symp. IV, 1, 1 von einem gewissen Sosastros erzählt, nämlich 
Σώσαστρος, ὅν φασι μήτε ποτῷ χρησάμενον ἄλλῳ μήτ᾽ ἐδέσματι 
πλὴν N γάλαχτος διαβιῶσαι. πάντα τὸν βίον 355), 
das entspricht genau dem Berichte des Philostr. V. 8. 5. 61, 
21 f. von dem ᾿Αγαϑίων γαλαχτοφαγῶν τὸν πλείω 
τοῦ χρόνου. Der Name Sosastros, der in allen Hand- 
‘schriften und auffallenderweise auch für Dem. 1 in Handschrift 
A überliefert ist, darf uns nicht stören. Derselbe findet sich 


231) Dies wenden Schwarz ὃ. 565 und Bernays ὃ. 104, 24 ein. 

232) Schmid, Philol. 50, 300. Vgl. Preller, R. Encyel. IV, 1178. 
Rohde, Gr. Rom. 357, 12 sieht darin 2 verschiedene Persönlichkeiten. 

23) Wenn Athen. II p. 44C von Philinus, der eben bei Plutarch 
sich auf den Vorgang des Sostratus beruft, schreibt: ᾿Αριστοτέλης δ᾽ ἢ 
Θεόφραστος Φιλῖνόν τινα ἱστορεῖ μι ἦτε ποτῷ χρἠσασϑαίποτε μήτε 
ἐδέσματι ἄλλῳ N μόνῳ γάλακτι πάντα τὸν βίον, so ist die 
Herkunft der Stelle klar; die Gewährsmänner hat Athen. falsch ange- 
gegeben. ' | 


642 K. Funk, 


nirgends, weshalb denn auch Xylander Σώστρατος geschrieben 
hat. Ebenso wenig bietet der Name Agathion Schwierigkeit. 
Philostr. V. 8. 61, 27 ff. sagt eigens, daß die Böotier 
ihm denselben beigelegt haben. Der Widerspruch zwischen 
πάντα τὸν βίον und τὸν πλείω τοῦ βίου klärt sich aus der 
Weiterführung bei Plut.: ἀλλ᾽ ἐχείνῳ μὲν ἐκ μεταβολῆς 
ἀρχὴν γενέσϑαι τῆς τοιαύτης Ötatıng εὐ δ, 
τὸν δὲ ἡμέτερον ἀντιστρόφως τῷ ᾿Αχιλλεῖ τρέφων ὃ Χείρων οὗτος 
(sc. Φιλῖνος), εὐθὺς ἀπὸ τῆς γενέσεως ἀναιμάτοις καὶ ἀψύχοις 
τροφαῖς χ. τ. Δ. Auch sonst stimmen die Zeitverhältnisse. So- 
stratus, wie der Quaest. Symp. VIIL, 4 und IX, 14 erwähnte 
Herodes Attikus waren wohl damals noch jung. 

Wenn wir nun aber den Exkurs des Philostratus über Aga- 
thion lesen, welch eigentümliches Bild erhalten wir da auf 
Grund eines Briefes des Herodes Attikus an Julian! Dieser 
Mann mit seiner ungeheuren Körperkraft und Körpergröße, 
mit seiner Meinung, vom Heros Marathon abzustammen, mit 
seinem Weiberhasse und seiner Geringschätzung jeglicher Kunst, 
sollte von Lucian zusammen mit seinem Idealphilosophen De- 
monax der biographischen Darstellung gewürdigt worden sein? 
Man muß Lucian niedrig einschätzen, wenn man mit Ziegeler 
8. 329 sofort annehmen will, „eine derartige Kuriosität habe 
völlig genügt, um die Feder des stoffhungerigen Journalisten 
in Bewegung zu setzen“, eher dürfte das Urteil Schmids (Phil. 
50, 300) Geltung haben, daß dieser Sostratus „für Lucian weder 
Abgeschmacktheit genug, um Stoff zu einer Satire, noch psy- 
chologische Merkwürdigkeit genug, um Stoff zu einer ernst- 
haften Biographie zu liefern, an sich haben konnte.“ 

Gewiß haben wir nun wegen der Parallelsetzung mit 
Demonax keine Satire unter der Vita zu verstehen, aber wir 
brauchen auch keine schrankenlose Bewunderung (Bernays 
S. 104, 24) darin zu suchen. Die Worte c. 1 xal μάλιστα 
zeigen deutlich, auf wessen Seite die größere Sympathie Lucians 
liegt, und wie Sostratus einigermaßen die Folie bilden muß, 
damit sich Demonax, weil vielseitiger, um so glänzender abhebe. 

Und weiter muß denn unser Sostratus wirklich der Schil- 
derung des Philostratus genau entsprochen haben? Die 
Wüunderdinge, die dieser sonst (z. B. V.S. 54, 16 ff.; 100, 15; 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 643 


46, 19; 75, 10; 111, 24) von den Sophisten zu erzählen weiß, 
die Mystifikationen, die er an Apollonius von Tyana vornimmt, 
erwecken nicht allzu große Glaubwürdigkeit. Gerade die ver- 
worrene Darstellung in der Vita des Herodes und dieser lange 
Exkurs über Sostratus, der in gar keinem Verhältnis steht zu 
der geringen Bedeutung, welche die Episode für das Leben 
des Herodes hatte, sprechen deutlich genug, wie sehr er die 
Sucht des ganzen Zeitalters teilte, durch Erzählung von Selt- 
samkeiten und Wundern Effekt zu machen. Der Zweifel an 
der Glaubwürdigkeit wird nicht vermindert durch die Tatsache, 
daß der Bericht auf einem Brief des Herodes an Julian ruht. 
Dieser Sophist, so leicht erregbar und so heftig, ist ganz gewiß 
auch seinerseits nicht Einflüssen fremd geblieben, wie sie aus 
jener Zeit so bekannt und in Philops. so trefflich uns vor- 
geführt sind. Das c. 25 unserer Schrift, wornach er an Toten- 
beschwörungen zu glauben scheint, ist der Ansicht von einer 
historisch nüchternen Auffassung solcher Dinge nicht günstig. 
_ Wenn auch ein Teil der Mystifikation des Sostratus auf die 
Böotier selbst zurückgeht (V. S. 61, 14 vgl. Dem. 1.), jeden- 
falls war Herodes nicht der Mann, diesem Glauben entgegen- 
zutreten. Im Gegenteil, wenn er nach Philostr. S. 63, 5 aus 
dem feinen Geruchsinn des Agathion auf eine δαιμονία φύσις 
schließt, ist anzunehmen, daß er selbst noch seinen Teil dazu 
beigetragen hat, um den Zeitgenossen die angeblich eigene 
Aussage des Sostratus über seine Eltern (S. 61, 15 ff.) 
glaubhaft zu machen. Das Heroenbedürfnis, das beide in 
gleichem Maße teilen, hat sie schon in dem körperlich an- 
dere Menschen überragenden Sostratus einen ἥρως ἐπιφανὴς 
erblicken lassen (vgl. Schmid IV, 572). Für Herodes Attikus 
diente es aber außerdem noch zur eigenen 'Verherrlichung, 
diesen Gewaltigen zum Landsmann zu haben und ihn mit dem 
Heros Marathon in Verbindung gebracht zu sehen, ihn, den 
er offenkundig allein für fähig hielt, das Werk zu vollbringen, 
von dem er einzig die Rettung seines Nachruhmes erwartete, 
nämlich die Durchstechung des Isthmus zu Korinth 555). Wir 


382 8. 60,23 ff. Der Anschluß des ὁ. 7 mit c. 6 ist dem Sinn nach 
‚mindestens in der Weise zu finden, wie Fr. III, 2, XXX VIIL ff. vorschlägt. 
Auch in dem sicher Philostratischen Dialog Neron (Schmid IV, 535 und 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 42 


θ44 K. Funk, 


werden also den vermeintlichen Inhalt der Biographie nicht so 
scharf gegen ihre Echtheit ins Feld führen. Schon die reser- 
vierte Haltung gegenüber dem Beinamen des Sostratus, ‘He- 
rakles’, in dem zusammenfassenden Einleitungskapitel ist be- 
zeichnend für den Charakter des Verfassers. Er unterscheidet 
ausdrücklich sein Urteil von dem der Hellenen (ὃν οἱ “λληνες 
Ἡραχλέα ἐχάλουν χαὶ ᾧοντο εἶναι) und nur wegen seiner ἔργα 
οὖκ ἀπῳδὰ τοῦ ὀνόματος will er ihm den damals viel ge- 
brauchten??) Ehrentitel geben. So legt sich die Vermutung 
nahe, daß er eben den übertriebenen Anschauungen der Hel- 
lenen entgegengetreten ist und vielleicht wie in der Vita De- 
monactis auch irgendwie gegen Herodes und seine Auffassung 
Stellung genommen hat, was er um so eher tun konnte, als 
Herodes zur Zeit der Abfassung tot war und also keine Rück- 
sicht genommen zu werden brauchte. 

Außerdem fehlt es aber selbst in der Erzählung des Philostr. 
nicht ganz an Zügen, die Lucian sympathisch sein konnten, so 
sein Urteil über die Mythologie (S. 62, 8ff.) und über seine 
eigene Unsterblichkeit (ϑνητοῦ μαχροημερώτερος. 8. 61, 20), 
namentlich aber sein urwüchsiges Wesen und seine gemein- 
nützige Tätigkeit (5. 61, 28. 62, 23). Dasselbe nämlich, was 
die kurze Inhaltsangabe noch einmal ausdrücklich hervorhebt, 
wird voll des Lobes von Herakles und Theseus erwähnt. So 
. heißt es Iup. trag. 21, wenn nicht zuweilen Theseus die Uebel- 
täter abgetan hätte, wegen Zeus und seiner Vorsehung hätten 
Skiron, Pityokamptes und Kerkyon und wie sie alle hießen, 
noch lange ihr Unwesen treiben können, und ebenso wäre es 
mit den Ungeheuern, wenn nicht Eurystheus den Herakles, 
einen Zpyatındv ἄνθρωπον Aal πρόϑυμον ἐς τοὺς πόνους ZU 
deren Vernichtung ausgesandt hätte. Sollte also der Verfasser 
der Vita Demonactis nicht auch dem Sostratus seinen Beifall 
haben schenken können, der den Herakles und Theseus in sich 
verband und beides, wilde Tiere und lästige Räuber, ünd 
537) ist von dem Gemeinplatz der Sophisten betrefis der Isthmusdurch- 
stechung c. 3 die Rede und gesagt, daß sie τὰ Ἡρακλέους ὕπερ- 
βάλλεσϑαι πάντα heiße. Vielleicht liegt darin unter anderem eine 
Erklärung für den langen Exkurs bei Philostr. S. 60—62. 

2386) Namentlich wurde er gerne ausgezeichneten Jünglingen im 


2. Jahrhundert gegeben, wie wir inschriftlich wissen. Vgl. K. Keil, 
Attische Inschriften im Phil. 28, 255. ' | 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 645 


φιλανθρωπίας (Iup. trag. 21 und Dem. 11) aus dem Wege 
räumte? Gerade dadurch unterschied sich Sostratus von so 
manchen Philosophen, besonders so manchen Cynikern gewöhn- 
lichen Schlags, daß er sich den Titel Herakles nicht selbst 
beilegte, sondern daß dieser, wie dem Demonax die Popularität, 
von selbst zufiel, und daß er demselben im Gegensatz zu jenen 
Worthelden durch praktische Betätigung des Heraklesberufes 
alle Ehre machte. Wiederholt muß Lucian deren gelehrten Müßig- 
gang tadeln, und wenn sie trotzdem sich als Nachahmer ihres 
Ideals und Patrons, des Herakles, ausgeben wollten, so kämpft 
er mit allen Mitteln, mit Spott und Hohn, gegen eine der- 
artige Nachäffung 555), Ja er läßt sogar Fug. 23 den Herakles 
selber gegen die Pseudocyniker ausziehen zum deutlichen Zei- 
chen, daß sie nicht von seiner Art sind??), Die echt cyni- 
schen Anschauungen, welche Sostratus nach der Ueberlieferung 
bei Philostr. S. 62, 17 ff. über die Kunst der Athleten äußert, 
machen die Annahme nicht unwahrscheinlich, daß auch sonst 
seine Lebensansichten cynische Färbung an sich trugen; die 
Aeußerungen über die Mythologie werden ja eigens als φιλο- 
σοφεῖν bezeichnet (ὃ. 62, 16). Konnte da nicht Lucian in seiner 
Biographie neben der Absicht, dieses Bild strotzender Kraft 
einem verweichlichten Geschlecht???®), namentlich ceynischen 
Jammergestalten (vgl. Conv. 19) entgegenzustellen, zugleich 
den Zweck verbinden, einen wahren und echten Heraklesnach- 
ahmer nach seinem Sinne zu zeichnen? Die Einleitung läßt 
es vermuten, und damit wäre ein neuer Anschluß an die Vita 
Demonaetis gewonnen. Sähen wir hier ein Sokrates-Diogenes- Ὁ 
ideal verwirklicht, so dürften wir in der Lebensbeschreibung 
des Sostratus das Ideal eines Heraklesnachahmers finden, der 
nicht bloß wegen der Keule diesem glich, sondern auch diese 
in der rechten Weise zu führen wußte (vgl. Vit. auct. 8). 


236) Per. 21. 24. 25.33 und Conv. 13. Vgl. ebd. 16, wo abgeschmackt 
genug der Vergleich mit Herakles sogar auf die Braut des Eukritus 
übertragen wird. 

237) Die cynische Maske trägt Herakles auch Bis acc. 20 und Iup. 
trag. 22; für Dio 5. Dümmler, Antisthenika S. 73. 

28) Man denke an den Cyniker Antiochus nach Dio Cassius 77, 19, 
Dabei kann Lucian auch über das in jenen Gegenden weit verbreitete 
Räuberunwesen länger gehandelt haben, worauf Fr. III, 2, XLV hinwies 
Hertzberg S. 386, 81 ο. Vgl. Cat, 6. Hermot. 22. Dial. mort. XXVII, 
2. Nav. 28, As. 


425 


646 Κι Funk, 


Ich sehe an diesem Orte noch ab von einer möglichen Be- 
kanntschaft des Philostratos mit unsern beiden Biographien. 
Ich möchte aber noch auf einen anderen Punkt hinweisen. In 
den Deklamationen und Kontroversien der Rhetoren damaliger 
Zeit erscheinen ganz stereotyp die Figuren der Räuber und 
zwar auch die der edlen, menschenfreundlichen Räuber 333). 
Dieser staunenden Scheu vor urwüchsiger Kraft, welche die 
gesamte noch fortlebende Räuberromantik gezeitigt hat, -ist 
auch der edle Arrian erlegen, und Lucian ist es gerade, der 
uns Alex. 2 von dem Vorhandensein der Arrianischen Räuber- 
biographie Tilliborus benachrichtigt. Von dieser Tatsache aus 
wage ich nun eine Vermutung. Wer nämlich die bekannte 
Schilderung liest, welche Epiktet von dem Cyniker von Gottes 
Gnaden entwirft, der kann bei einem auch nur oberflächlichen 
Vergleiche die gemeinsamen Züge mit der Vita Demonactis 
nicht verkennen — ich werde das zum Schluß noch im ein- 
zelnen ausführen —, und es scheint, als habe Lucijan zeigen 
wollen, wie die dort ausgesprochenen Grundsätze von Demonax 
durch die Tat verwirklicht wurden. Man darf nun freilich 
die Bekämpfung, welche Arrian gegenüber bekannte Auffassung 
von Alexander dem Großen und von seinem Charakter richtet, 
nicht mit Nissen (Rh. M. 43, 236. 240) auf die entsprechen- 
den Ausführungen Lucians in den Dial. mort. allein be- 
ziehen. Derartige Rücksichtnahmen gegenüber cynischen An- 
schauungen finden wir ebenso bei seinen Vorgängern, Diodor 
und Strabo?*°). Aber in unserer Biographie tritt doch das. 
Bestreben hervor, ein Seitenstück zu Epiktet zu schaffen, das 
den Vorzug der größeren Konsequenz für sich hat. Das scheint 
mir die Einleitung c. 3 zu besagen, wo auf der einen Seite 
die nähere Beziehung zu Epiktet gekennzeichnet, auf der an- 
deren aber doch die Selbständigkeit des Demonax scharf her- 
vorgehoben ist, gleich als wollte Lucian seine eigene Selbstän- 
digkeit wahren; besonders aber -scheint es mir aus der Erzäh- 
lung c. 55 hervorzugehen, wo wir beide einander gegenüber 
sehen. Da muß Demonax erst den Epiktet darauf aufmerksam 
machen, daß er mit Aufforderung zum Heiraten sein eigenes 


239) Rohde, Gr. Rom. S. 357° und Anm. 
240) Vgl. Prächter, Archiv f. Philos. (1898) ΧΙ, 512. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 647 


Princip verleugnet. Es dünkt mir deshalb nicht unmöglich, 
daß Lucian, wie zu Demonax durch die Dissertationes, so zu 
Sostratus durch die Räuberbiographie Tilliborus angeregt 
. worden ist. Dabei war Lucian innmerhin konsequenter in der 
Gesinnung, indem er mit dem Bilde eines geistigen Wohltäters 
der Menschheit das eines leiblichen verband, während Arrian 
zwei sich widersprechende Schriften verfaßte. Gesinnungs- 
tüchtigkeit aber und Konsequenz gilt Lucian so viel, daß er 
sich sogar für die Abfassung des Alex. mit dem schlimmen 
: Vorgang Arrians entschuldigt. 

Das Gesagte dürfte zu dem Schlusse genügen, daß die 
Abfassung einer Vita Sostrati, wenn auch auf den ersten Blick 
auffallend, doch bei näherem Zusehen sich mindestens als nicht . 
unmöglich herausgestellt hat, zumal da das erste Kapitel des 
uns vorliegenden Demonax trefflich zu der Fortsetzung stimmt. 


IH. 
Die historische Existenz des Demonax. 


1. Beurteilung der erhobenen Einwände. 

Die Ausführungen von Schwarz über den unhistorischen 
Demonax haben zwar am wenigsten Anklang gefunden. Selbst 
Wichmann 8. 849 redet von einer ‘Hypothese, die an: anderen 
Ergebnissen der Forschung ihre Probe zu bestehen habe’, und 
'Thimme $. 44—52 hat sie bereits auf Grund der erhaltenen 
Fragmente eingehend und entsprechend gewürdigt?*). Dennoch 
dürfte es nicht überflüssig sein, unter Verstärkung der Gegen- 
gründe der Frage nochmals näher zu treten. Ihre Beantwor- 
tung ist ja nicht bloß bedeutsam für die Zweckangabe der 
Vita, sie hat auch ihren besonderen Wert für die Bestimmung 
des Grades der Glaubwürdigkeit, welche wir Lucian und seinem 
Berichte beimessen dürfen. 


’ 


341) Um so mehr hat es mich gewundert, daß A. Baar, Lucians 
Dialog der Pseudosophist. S. 7, 7 zweifelt, ob Demonax nicht auch wie 
Sokrates von Mopsus und Nigrinus eine Fiktion sei. 


648 K. Funk, 


Bei Demonax wiederholt sich das Schicksal Lucians. Kein 
annähernd gleichzeitiger Schriftsteller, der über Athen und die 
athenische Philosophie handelt, nennt seinen Namen, und doch 
muß er nach der Schilderung in ce. 57. 63. 64. 67 eine be- 
kannte Persönlichkeit gewesen sein und eine gar nicht unbe- 
deutende Rolle gespielt haben. Das schon erwähnte Zeugnis 
bei Eunapius ruht vollständig auf Lucian und verrät keine 
anderweitige Kenntnis von Demonax. Daß auch hier Philostr. 
versagt, hat man besonders auffallend und gewichtig gefun- 
den °*?). Allein was wüßten wir denn von Maximus von Tyrus, 
was, außer dem Namen, von Lesbonax und Nikostratus, wenn 
wir allein auf Philostratos angewiesen wären? Und wenn wir 
diesen einen Philostratos nicht hätten, was wären uns Niketes, 
Kollianus, Hippodromus und Skopelianus®? Was war für uns 
denn bis vor kurzem der gewiß nicht so unbedeutende Thea- 
genes, der Begleiter des Peregrinus, bis endlich ' Bernays 
(5. 13 ff.) die Identität mit dem bei Galenus, Method. medendi 
13, 15 vol. 10 p. 909 (Kühn) erwähnten entdeckt hat? So ist 
der Cyniker Teles im gesamten Altertum gänzlich verschollen; 
erst Ioh. Stob. hat einige umfängliche Stücke, teils mit Nen- 
nung der Schriften, teils bloß als ἐκ τῶν Τέλητος ἐπιτομὴ er- 
halten?*). Ebensowenig wissen wir, wann die bei Photius 
unter den Quellen des Stobaeus genannten Oyniker Hegesianax, 
Polyzelus, Xanthippus und Theomnestus auch nur gelebt 
haben °*). Warum also den Mangel an Nachrichten über De- 
monax so auffallend finden! Das Fehlen derselben ist erklär- 
lich. Demonax hatte als cynischer Eklektiker keine Schüler 
im eigentlichen Sinne, die das Andenken und den Ruhm ihres 
Meisters fortpflanzten, und dann sind wir von Theagenes bzw. 
Oenomaus von Gadara bis Julian, also 1!/s Jahrhunderte, über 
den Cynismus nicht unterrichtet. 

Man wird freilich, was Philostratos anlangt, den Grund 
noch nicht für genügend halten, daß er keine Philosophen-, 
sondern Sophistenleben geschrieben habe, und deshalb auch 


242) Schwarz S. 585; Thimme 8. 43 ff. ᾿ 

248) Wilamowitz-Möllendorf, Philol. Untersuchungen. Berlin 1881, 
IV. Exkurs 8, 292, Vgl. Hirzel 1, 367 ff. 

24) Vgl. Zeller ἘΠ 769,'0. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 649 


den Nigrinus nicht nenne ?*). So gut er einen längeren Ex- 
kurs in der Vita des Herodes Attikus über Sostratus einschalten 
konnte, hätte er bei passender Gelegenheit auch Demonax 
' einige Zeilen widmen können. Möglich, daß dessen völlige 
Uebereinstimmung mit’ Lucian die Nichterwähnung mitver- 
schuldet hat?*). Ganz ohne Kenntnis von ihm scheint er 
nämlich nicht gewesen zu sein. Kurz nach der Erwähnung 
des Herakles-Agathion geht Philostratos zu der übermäßigen 
Trauer des Herodes über und führt da in längerer Schilderung 
einen Philosophen Lucius ein. Er gibt ihm das Lob eines 
weisen Ratgebers des Herodes, rühmt neben der Tatsache, daß 
er mit Musonius philosophiert habe, besonders das Schlagfertige 
seiner Antworten (edoxönwg εἶχε τῶν ἀποχρίσεων xal 
τὸ ἐπίχαρι σὺν καιρῷ ἐπετήδευεν 5. 64, 20ff. vgl. Dem. 39. 
12 und 10) und bezeichnenderweise schließt er an das Witz- 
wort über Herodes (S. 65, ff.) noch ein anderes, nicht damit 
zusammenhängendes an mit der Bemerkung: ἀπόχρη ai τὰ 
εἰρημένα δεῖξαι τὴν ἰδέαν, ἣν ἐφιλοσόφει Λούκιος, ἱκανὰ γάρ που 
ταῦτα δηλῶσαι τὸν ἄνδρα (5. 65, 24 Ε΄, vgl. Dem. 67 Schluß). 
Wenn man nun bemerkt, wie Lucius so die Stelle des Demonax 
vertritt, und wie Philostratos eigens berichtet, Herodes habe 
seine Trauer gemäßigt, ὡς μὴ ἄϑυρμα γένοιτο ἀνδρῶν σπουδαίων 
(S. 65, 12 ff.), so scheint das anzudeuten, daß doch der ἄνδρες 
σπουδαῖοι, zu denen auch Demonax gerechnet werden muß, 
mehrere waren, daß er sie also wohl auch kannte. Es dürfte dar- 
um Philostratos unsere beiden Biographien gekannt haben. Nur 
. suchte er sie in irgend einer Weise zu überbieten und zu ver- 
hüllen, womit vielleicht auch die Nennung des Sostratus nur 
mit seinem Beinamen zusammenhängen mag. Jedenfalls ist 
für uns durch die Verbindung der Lebensbeschreibung des 
Demonax mit der des historischen Sostratus unmittelbar die 
Geschichtlichkeit des ersteren sicher gestellt. 

Dazu kommt noch verstärkend die Nennung des Demonax 
in der Florilegienlitteratur. Es handelt sich nicht mehr bloß 
um 4 Stellen, wie zur Zeit von Schwarz (5. 585), sein Name 
erscheint an ungefähr 30. So leicht Verschreibungen in den 


245) Planck, Progr. S. 34. 
246) Vgl. Fr. III,2, XXVI; Thimme ἢ. 42. 


650 K. Funk, 


Florilegien vorkommen 3“, so leicht der Name Demonax mit 
dem des Demokrit und Demokrates verwechselt werden mag, 
so häufig die Lemmate verschoben sind, und so unsicher die 
Authenticität jedes einzelnen Ausspruchs ist, wie sich noch 
zeigen wird, methodischerweise kann man nicht an allen Stellen 
Verschreibungen annehmen. Mit Recht protestiert Wachsmuth 
a. a. Ο. 5. 125 gegen eine durchgängige Korrektur von Phi- 
listion in Philemon. Da also ein Demonax in der Florilegien- 
litteratur vorkommt, da seine Aussprüche, besonders frag. II. 
IV. XVI. XVII cynische Färbung haben (vgl. Fr. III, 2, 
XVff.), und dieser Name verhältnismäßig selten ist, kann die 
Identität mit dem unsrigen nicht wohl bezweifelt werden. Be- 
deutsam ist dabei, daß die Aussprüche nicht aus Lucian ge- 
nommen sind. Es fehlt zwar nicht an Dicta, welche wegen 
ihres ernsten, ethischen Charakters in ein Florilegium paßten 
(vgl. c. 20. 25. 27. 32. 34. 37. 51. 57—60. 62), aber außer 
dem oben besprochenen Falle findet sich kein Beispiel mehr. 
Schwarz selbst muß das Auffallende zugeben, daß Stobäus in 
seinem ganzen Florilegium von Lucian keine Notiz nimmt. Es 
heißt nun doch eine Hypothese durch eine andere stützen, 
wenn er den Schluß auch umdrehen zu können glaubt und 
behauptet, die Erwähnung von Aussprüchen des Demonax im 
5. und 8. Jahrhundert beweise nur, daß damals die Schrift 
‘Demonax’ schon in ihrer gegenwärtigen Gestalt als eine Samm- 
lung von dicta memorabilia existiert und Demonax als witziger 
Philosoph gegolten habe, in dessen Schuhe dann manche der- 
artige Aussprüche von unbekanntem Ursprung geschoben wurden 
(S. 586). Es ließe sich die Vermutung nur durch die An- 
nahme retten, es seien die anderwärts überlieferten Dieta aus 
der in c. 11 angenommenen Lücke geflossen, was aber bei ihrer 
größeren Zahl Fr. (II, 1, 188 und III, 2, XI, XXV) selbst 
später aufgegeben hat. 

Ebenso wenig Anhaltspunkte bietet für die Hypothese der 
Inhalt der Schrift. Gewiß kann ein Satiriker öfters in die 
Lage kommen, fingierte Personen mit seinen Anschauungen - 
auftreten zu lassen, um sich Verfolgungen und Angriffen zu 


247) Vgl. Wachsmuth, Stud. z. d. gr. Florilegien. Berlin 1882. 8.161, 
vgl. 108. Rose 5. 612. 


Untersuchungen über .die Lucianische Vita Demonactis. 651 


entziehen, und zweifellos hat auch Lucian von dieser schrift- 
stellerischen Gewohnheit Gebrauch gemacht, wenn es gleich 
im einzelnen nicht genau festgestellt werden kann 338). Aber 
daß eine Schrift mit weit ausgeprägterer historischer Phy- 
siognomie, als Alex. und Per., eine Biographie im eigentlichen 
Sinne, nur den Anspruch der Geschichtlichkeit erheben 
sollte, ohne wirklich geschichtlich zu sein, das kann doch im 
Ernste niemand behaupten. Als eine Art historischen Roman 
mit dem Pseudonym Demonax°*’) könnte man ja schließlich 
die Vita noch begreifen und man verstünde, wie der Schrift- 
steller den Helden seiner Erzählung derart in die zeitgenössi- 
schen Verhältnisse hineinstellen und ihn im Verkehr. mit 
wirklich geschichtlichen Männern aufzeigen konnte. Aber 
woher nehmen wir das Recht zu solcher Annahme? 

Die geltend gemachten zeitlichen und örtlichen Bedenken, 
welche den Punkt betreffen, daß Demonax unmöglich als 
Schüler mit den c. 3 genannten Philosophen verkehrt haben 
könne, sind längst widerlegt 559), Außerdem erheben sich keine 
nennenswerten geschichtlichen Schwierigkeiten. So hat es 
nichts zu bedeuten, wenn einmal Porphyr. Vit. Plot. 20 gegen 


248) So wird Nigrinus für historisch gehalten von Hofmann S. 41 
Hirzel I, 292, Zeller III, 1°, 803, Croiset ὅ. 10. 43, dagegen für fiktiv 
von Thimme ὃ. 29, Wichmann, Progr. S. 18, Boldermann S. 65; ebenso 
ist es mit Demetrius von Sunium in Tox. 27 (Fabric. Bibl. Gr. III, 515 
und R.E. III, 937 gegen Guttentag S. 86). Den Adressaten des Per., 
. Kronius, hält Bernays S. 3 vgl. Richard S. 23 für historisch; die übrigen 
Personen werden meist als fiktiv angesehen. 

249) Polemo hätte z. B. verschiedene übereinstimmende Züge: an- 
gesehene Abstammung (Philostr. V. S. 42, 16 = Dem. 3), dieselbe Stellung 
zu seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort (Smyrna), Frieden stiften (V. 8. 
42, 32 ff. = Dem. c. 9. 64), Zurechtweisung der Fehlenden (V. 8.43, 12 ff. = 
Dem. 8. 10), Feindschaft mit Favorin (V.S. 47, 12 ff. = Dem. 12, 13), 
Bekanntschaft mit Timokrates (V. S. 46, 22 ff. = Dem. 3) und Herodes 
(V.S. 47, 19 ff. —= 24. 25. 33), Schlagfertigkeit (V.S. 50, 31 ff.) und Hunger- 
tod (V.S. 54, 15ff. = Dem. 67). Allein trotz der Bedeutung des Worts 
Δημῶναξ und des von Hat. IV, 161, 162 erwähnten gleichnamigen Frie- 
densstifters ist nicht daran zu denken. Polemo ist durchaus Rhetor 
und zwar vor allem Improvisator (V.S. 47,23 vgl. dagegen Rhet. praec. 
18. 20. 17. Lex. 23), dazu verschmäht er den Reichtum nicht (V.S. 44, 
8 ἢ) und war voll τῦφος (V.S. 45,16; 44, 26; 45, 32 ff.). 

250) Ziegler ὃ. 335 und Thimme S. 53. Der Schluß des letzteren 
aus der Bedeutung von συγγίγνεσθαι ist unrichtig; denn das Wort wird 
gerade im Sinne der Schülerschaft gebraucht, vgl. Plat. Phaed. 61 D; 
Xenoph. An. 2,6, 17. Wichmann hätte sich S. 848 gar nicht damit be- 
fassen müssen, da er die fraglichen Worte streicht (S. 842. 849). 


652 K. Funk, 


Dem. 56 Herminus als Stoiker statt als Peripatetiker bezeichnet 
wird, was er auch unstreitig ist (Zeller III, 13, 778,1. 788, 2). 
Aehnlich verhält es sich mit dem oben berührten Widerspruch 
Dem. 55 = Arrian, Diss. Epiet. III, 22, 67 betreffs der Stel- 
lung Epiktets zur Ehefrage. Entweder haben wir in unserem 
Fall nur eine Versuchungsfrage von seiten Epiktets zu sehen 
oder wohl wahrscheinlicher eine jener Inkonsequenzen, die wir 
überhaupt in der stoischen Behandlung dieses Punktes wahr- 
nehmen ®!). Es weiß ja auch Epiktet die Gegeninstanz, daß 
nämlich Krates verheiratet gewesen, nur durch die eigentüm- 
lichen Umstände zu rechtfertigen, deren Nichtvorhandensein 
zugleich in der Antwort des Demonax ausgesprochen wird. 
Weit beachtenswerter ist die Nachricht in c. 57. Historisch 
“richtig ist daran, daß Korinth in der Einführung der Gladia- 
torenkämpfe Athen voranging und in der Begeisterung dafür, 
wie die erhaltenen Spuren eines Amphitheaters zeigen ???). Aber 
die Zeit der EinführungÄfällt schon vor die Geburt des De- 
monax. In seiner Rhodiaca°°®) erzählt uns bereits Dio Chrys.: 
᾿Αϑηναῖοι δὲ ἐν τῷ ϑεάτρῳ ϑεῶνται τὴν χαλὴν ταύτην ϑέαν 
ὑπ᾽ αὐτὴν τὴν ἀχρόπολιν....,) τὰ περὶ τοὺς μονομάχους 
οὕτω σφόδρα ἐζηλώκασι Κορινϑίου ς 354), μᾶλλον δ᾽ 
ὑπερβεβλήχασι τῇ. καχοδαιμονίῳ κἀκείνους καὶ τοὺς ἄλλους, und 
dann spricht er von einem Philosophen γένει Ῥωμαίων οὐδενὸς 
ὕστερον, welcher den Athenern ernstlich davon abgeraten, aber 
solchen Widerstand erregt habe, daß er Athen verlassen mußte. 
Dasselbe wird von Philostr. mit sichtlicher Nachbildung unserer 
Stelle aus dem Leben des Apollonius von Tyana berichtet ?°°). 
Wie es sich mit der Wahrhaftigkeit dieser Aussage verhalten 
mag”?°), jedenfalls kann trotz der fast wörtlichen Ueberein- 


351) Bonhöffer S. 299. 300. Vgl. Zeller III, 2°, 752, 4. 

>52) Friedländer II, 252. Hertzberg II, 253, 83. 

253) Or. XXXI, 5, 385. 386 Dind. Auffallen mag, daß, wie in Dem. 
die 5 beanstandeten Kapitel unmittelbar sich folgen, so auch c. 57 
und 58 inhaltlich dieselbe Reihenfolge bei Dio zeigen. 

254) Dem. 57: ᾿Αϑηναίων σχεπτομένων κατὰ ζῆλον τὸν πρὸς Kopıv- 
ϑίους χαταστήσεσϑαι. ϑέαν μονομάχων. 

255) ΤΥ͂, 22: ἐσπουδάζετο ταῦτα ἐχεῖ μᾶλλον ἣ ἐν Κορίνϑ'ῳ νῦν. 

366) Ellissen, Zur Geschichte Athens in Göttinger Studien 1847. II, 
799 meint, die Strafpredigt des Apollonius sei von Wirkung gewesen; 
Friedländer II, 253 und Hertzberg II, 76, 45 halten mit Recht die Stelle 
für erdichtet. Der Philosoph wird kein anderer als Musonius Rufus 
sein; vgl. Arnim, Dio von Prusa. Berlin 1898. S. 216. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 653 


stimmung unter dem Philosophen nicht Demonax gemeint sein, 
wenn die Rede Dios auch nicht im Jahre 70, sondern nach 
Arnims wahrscheinlichem Nachweis (S. 214—218) erst in den 
Jahren 79—82 verfaßt wäre. Es enthält also das c. 57 außer 
der sprachlichen Schwierigkeit von σχέπτεσθαι mit Inf. noch 
eine geschichtliche Unrichtigkeit. Dennoch möchte ich die 
Echtheit der Stelle wegen der übereinstimmenden Anschauung 
Lucians betreffs der Gladiatorenkämpfe und des einigemal (Tim. 
42. Bis acc. 21) genannten ’EAeov βωμὸς nicht verdächtigen 
und darin eher eine Verwechslung erblicken, wie sie in solchen 
Fällen nicht selten ist. 

Außerdem tritt in der ganzen Lebensbeschreibung nichts 
so Außerordentliches hervor, daß die Annahme von der Un- 
geschichtlichkeit des Demonax gerechtfertigt wäre. Wer würde 
vollends bei der Fassung, die Schwarz der Lucianischen Schrift 
gibt, darauf gekommen sein? Mit eigenartiger Begriffsver- 
wirrung beruft er sich 5. 569 auf die historische Unwahr- 
scheinlichkeit der Scene in c. 11, um deshalb die Verteidigung 
des Demonax aus dem einkleidenden Rahmen herausnehmen 
zu können, während er doch dazu kein Recht hatte, da er 
' überhaupt den historischen Charakter leugnet. Aber ist denn 
wirklich eine religiöse Anklage in jener Zeit so durchaus un- 
wahrscheinlich? Daß die heidnische Religion damals ihre 
Kraft noch nicht verloren hatte, zeigen die Ausführungen 
_ Friedländers 357) deutlich. Ja man wird gerade das 2. nach- 
christliche Jahrhundert als das religiöseste bezeichnen dürfen. 
Lucian, hier ganz gewiß ein untrüglicher Zeuge, faßt Tup. 
trag. 58 das Endresultat der Unterredung in die Worte ζὰ- 
sammen, trotz allen gegenteiligen Beweisen werden die meisten 
Griechen, der große Haufe nämlich, und von den Barbaren 
alle ihre religiöse Ueberzeugung beibehalten, und nach Philops. 3 
erscheint jeder als&oeßis χαὶ ἀνόητος, der die aufgelegtesten Mythen 
lächerlich findet, das sind Angaben, gegen welche Tim. 4 nicht 
zu streiten vermag. So stand es damals aber nicht bloß beim 
Volk, das immer den freisinnigen und religionsfeindlichen An- 

>57) III, 443—493. 529. 617ff.; nur gegen die Schlußfolgerung aus 


der Theokrasie wendet sich mit Recht O. Schmidt, Lucians Satiren 
gegen den Glauben seiner Zeit. Solothurn 1900. S. 19. 


654 K. Funk, 


schauungen einer kleinen Minderheit ferne steht, so war es 
damals auch bei dem größten Teil der Vornehmen und Ge- 
bildeten. Die Kaiser selbst bemühten sich seit Hadrian um 
die Wiedererneuerung des religiösen Lebens und der alten 
Kultformen 358. Die Mysterien, namentlich die Eleusinien, 
gewannen ihre alte Bedeutung wieder. Die Kaiser gingen mit 
ihrem Beispiel voran und ließen sich einweihen, so Hadrian 
und Mark Aurel?®°), und in Athen gab es wohl wenige, welche 
sich nicht der Segnungen derselben versicherten ?°°). Wie oft 
spricht sodann Lucian von diesen Geheimkulten! Ihre Nach- 
bildung in dem Schwindelkult Alexanders von Abonuteichos 
spricht genug für ihre Popularität. Ebenso trägt die Litteratur, 
vor allem die griechische, recht eigentlich den Stempel dieser 
Wiedererweckung des religiösen Lebens. Mit Ausnahme Lucians 
steht unter den griechischen Schriftstellern nur Galenus dem 
Volksglauben ganz fern; viel näher steht schon Dio von Prusa. 
Alle übrigen stehen auf dem Boden eines positiven Götter- 
glaubens, wie verschieden er sich auch in der Auffassung jedes 
einzelnen gestalten mag?®!). Derjenige Staat aber, der seit 
altem als der am meisten religiöse galt und die Hochburg des 
Heidentums am längsten blieb, war kein anderer als Athen "55. 

Freilich duldete man die verschiedensten und vom Volks- 
glauben am weitesten sich lossagenden Spekulationen. Man 
war von den Philosophen viel gewohnt (vgl. Tim. 4) und die 
Komödie nutzte die weitgehende Toleranz aus. Aber eines 
wagte man doch nicht so leicht anzutasten, eines, auf das sich 
auch die Staatsgesetze bezogen, und das war der Kultus (Schoe- 
mann II, 158—162). Trotz ihrer metaphysischen Ueberzeu- 
gungen war Plato ebenso wie Aristoteles der Kult der ange- 
stammten Götter Herzenssache. Epikur, Chrysipp und die 
Skeptiker haben sich wohl gehütet, in unbedingten Gegensatz 
zum Kultus zu treten; sie wollten sich den Götterglauben und 
die hergebrachte Götterverehrung um der Gewohnheit willen 


25) $. Hertzberg II, 477. Schmid IV, 572, 21. 573. Vgl. Deor. 
conc. 12. 6. 
259) Lobeck, Aglaoph. S. 20 f. 38. Vgl. Friedländer II, 45. III, 437. 
260) Schoemann, Gr. Altertümer II, 395. - 
261) Friedländer III, 435 f. 497, 
262) Ellissen 5. 792. 803. Hertzberg ὃ. 484. 516. ΄ 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis, 655 


gefallen lassen 358). Und auch die Cyniker entzogen sich dem 
nicht (Cat. 22. Vgl. Hirzel II, 191, 1) 3988). Es stimmt somit 
vollauf mit c. 11 überein, wenn es nach c. 34 geradezu als 
Wagnis (ἐτόλμησε!) galt, die Athener auf die Herkunft der 
Eleusinien und den damit in Widerspruch stehenden Ausschluß 
der Barbaren von denselben aufmerksam zu machen. 

Nehmen wir nun hinzu, daß die Anklage nicht von den 
staatlichen Behörden ausging, sondern, wie der Vergleich mit 
Sokrates zeigt, von persönlichen Feinden, welche nur die Reli- 
gion zum Vorwand nahmen, daß Demonax bei seiner Tätigkeit 
sich manche zu Feinden machen mußte und auch wirklich 
gemacht hat (c. 11), was ist dann so unwahrscheinlich an der 
Erzählung? Was vermag nicht Haß und Neid alles auszu- 
richten, wenn sie sich auf dem religiösen Gebiete zeigen? Zenon 
von Sidon konnte sogar die Hinrichtung des Stoikers Theoti- 
mus oder Diotimus bewirken nur auf Grund der Anschuldigung, 
daß er dem Epikur 50 gottlose Briefe unterschoben habe. Und 
ist nicht Lucian selbst, der Iup. trag. 44 gerade den Kultus 
nicht angreifen läßt und Philops. 10 sich gegen den Vorwurf 
des Atheismus wehrt, ist er nicht selbst Alex. 45 das schönste 
Beispiel dafür, wie leicht eine fanatische Menge gegen einen 
_ Freidenkenden aufgebracht werden konnte, so daß nur das 
Eingreifen eines angesehenen Mannes den Beschuldigten vom 
Tode erretten kann? Wenn Lucian sonst durch seine Schriften 
sich keine Verfolgung zugezogen hat, so liegt der Grund nicht 
etwa darin, daß er seine Arbeiten auf einen engen Kreis von 
Gleichgesinnten beschränkt hat (Jenni S. 14), sondern in ihrem 
Charakter selbst 595), Man muß allerdings gestehen, daß Stei- 
nigen und Gesteinigtwerden bei Lucian eine gar zu große Rolle 
spielt (Per. 15. 19. 20. Alex. 25. 45. Anach. 39. Pisc. 10 u. a.), 
und daf die rasche Sinnesänderung des Volkes, wie anderwärts 


263, Wilamowitz S. 308 ff.; Zeller III, 238, 61, 2; III, 1°, 437. Vgl. 
Iup. trag. 44. 

264), Das Nichtopfern war der Hauptanklagepunkt gegen die Christen, 
Daß mit ihnen die Sache des Demonax irgendwie in Beziehung gebracht 
worden sei (Fr. II, 1, 195), hat in der Schrift keinen Anhaltspunkt, 
wenn auch Uebergänge vom Cynismus zum Christentum stattfanden 
(Peregrinus). Vgl. Ellissen 876; dagegen Harnack, R.E. der prot. Theol. 
s. v. Lucian. S. 661. 

265) Vgl. Hirzel II, 295. Croiset S. 200. Schmidt S. 12. 


756 K. Funk, 


(Nigr. de salt. Herm. u. s.) die schnellen, auch in der Ko- 
mödie üblichen Bekehrungen ganz nach seiner Art sind. Wir 
haben jedoch dafür in einer Nachricht des Philostratos V.S. 
39, 2ff. einen ähnlichen Fall verzeichnet. Darnach brachte 
der Cyniker Pankrates die aufständischen Athener mit 
einem einzigen Witzwort zur Vernunft und entriß so 
einen bedrohten Brothändler dem sicheren Tode durch Steini- 
gung 366). 

In der Hauptsache dürfte also die Erzählung aufrecht 
erhalten werden können. Immerhin müssen wir bedenken, daß 
der Verfasser auch nach seiner Bekehrung zur Philosophie ein 
Rhetor geblieben ist (vgl. Bacch. und Herc.), und daß die nahe 
Verwandtschaft der litterarischen Gattungen, Biographie und 
Enkomion, es mit sich bringt”), wenn er dann und wann 
den Mund etwas zu voll nimmt und einigemal Dingen größere 
Bedeutung beilegt, als sie an und für sich gehabt haben. Die 
sonstigen Uebertreibungen in der Polemik, die Annäherung 
des Bildes an Diogenes (vgl. Diog. L. VI, 78 und Zeller II, 1?, 
153), typisch wiederkehrende Züge in der Zeichnung der Cy- 
niker?%®) machen auch in der Idealisierung einige Uebertrei- 
bungen wahrscheinlich (vgl. Planck $. 827), wie in c. 9. 10. 
63. 67. 

Diesen Punkt müssen wir bei der Beurteilung des Haupt- 
einwandes gegen die Geschichtlichkeit des Demonax ganz be- 
sonders im Auge behalten. ‘In allen Schriften Lucians’, sagt 
man, ‘die von Philosophie oder Philosophen handeln, von Nigr. 
und Herm. bis zur .Apol., finde sich die Erklärung, daß nie 
ein Philosoph den Zustand eines perfekten Weisen errungen 
habe, oder daß er überhaupt erreichbar sei’ (Schwarz 8. 584; 
Wichmann 5. 848), wenn er also das Leben eines solchen 
geschrieben habe, so könne die Persönlichkeit nur eine Fiktion 
sein. Diese Beweisführung beruht jedoch auf einer Verkennung 

266) Vgl. Dio Chr. XLVI, 9. Aufstände scheinen in Athen nichts 
Seltenes gewesen zu sein (Plut. Quaest. Symp. XIII, 3), nur sind wir 
darüber schlecht unterrichtet (vgl. Ellissen S. 798). 

267) Hirzel II, 285. Leo ὃ. 90 ff. Bezeichnend ist darum, daß auch 
᾿ vw Mem, Unhistorisches gefunden wurde (Schenkl 8. 80; Hirzel 


268) E, Wassmannsdorf, Luciani scripta ea, quae ad Menippum 
spectant, inter se comparantur et diiudicantur. Jenae 1874. 85. 19—22. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. > 


der philosophischen Anschauungen Lucians. Der Dialog Herm. 
endigt nicht mit dem vollsten und ausgesprochensten Skepti- 
cismus, wie es eigentlich der ganzen Entwicklung entsprechen 
würde (vgl. Croiset S. 106—113). Aus der Kritik aller Philo- 
sophenschulen (Herm. 84) folgt nur, daß der Satiriker eine 
annehmbare Lösung des Lebensrätsels auf dem Wege theore- 
tischer Spekulation für unmöglich hielt. Deshalb mußte er 
konsequent alle Schulen mit dogmatischen Systemen als un- 
brauchbar ausschließen. Ein solches Hindernis bot aber die 
.eynische Richtung nicht; daraus erklärt sich seine Sympathie 
für dieselbe. Freilich eine Stelle steht uns im Wege. Im 
Schlußkapitel (c. 15) der Apol. meint Lucian, man dürfe von 
. ihm nicht die strenge Konsequenz verlangen, die er sonst von 
den Philosophen bezüglich der Uebereinstimmung von 
Wort und Tat gefordert habe. Er sei nur einer aus dem 
großen Haufen, kein σοφός, und skeptisch fügt er bei εἰ δή 
᾿ τις nal ἄλλος ἐστί mov σοφός. Bezeichnend weist er für die 
Beurteilung seiner Person auf seine Rhetorentätigkeit 
hin, die ihm einigen Beifall eingebracht habe, aber, schließt 
er bedeutungsvoll an, πρὸς τὴν ἄχραν ἐκείνην τῶν κορυφαίων 
ἀρετὴν οὐ πάνυ γεγυμνασμένος χαὶ μὰ Al οὐδ᾽ ἐπὶ τούτῳ 
ἀνιᾶσϑαί μοι ἄξιον, ὅτι μηδὲ ἄλλῳ ἐγὼ γοῦν ἐντετύ- 
χηχαὰα τὴν τοῦ σοφοῦ ὑπόσχεσιν ἀναπληροῦντι. 
Allein was folgt daraus, wenn gleichwohl Demonax gelobt 
wird als das Beispiel eines vortrefflichen Charakters und eines 
wahrhaften Weisen (Dem. 1. 3)? ‘Hat es Lucian mit der 
Wahrheit immer so genau genommen, wo er sich entschuldigen 
muß? Die Angaben über das Verlassen des Rhetorenberufes 
(Bis acc. 32. Rhet. praec. 26), die Aeußerung in Pisc. 29—32, 
daß er immer ein Bewunderer der alten Philosophen gewesen 
sei, sprechen nicht dafür. In letzterem Falle wird mit c. 23 
und 26 jedenfalls auf vorausgegangene angreifende Schriften 
hingewiesen, und das war nicht nur Vit. auct., sondern auch 
Dial. mort. und vielleicht noch Ic. und Nee. 399). 


260%) Eine nach Pisc. stattgefundene Redaktion von Vit. Auct, wegen 
des Widerspruchs von Vit. Auct. 8. 9 und 10. 11, die auch auf Herm. 
8—13. 52. 80—83 ausgedehnt werden soll, halte ich gegen Boldermann 
S. 861, für unwahrscheinlich. 


658 K. Funk, 


Dürfen wir übrigens diese Stelle pressen, warum nicht 
auch die anderen, die das Gegenteil davon aussagen und weit 
zahlreicher sind? Ich sehe dabei ab von Ic. 4—9, wo ohne 
‚Unterschied der Philosophen einfach gegen alle dogmatischen 
Systeme, wie überhaupt gegen die ἐγχύχλια μαϑήματα gekämpft 
wird, ebenso von Bis acc. 7. 8, wo noch 3 Klassen von Philo- 
sophen erscheinen, einige Schufte, eine große Menge Halb- 
philosophen und der Rest solche, bei welchen die Philosophie 
wie eine gute Farbe bis auf den Grund gedrungen ist und 
alle Schattierungen ausgetilgt hat. Wichtig ist ein Vergleich 
zwischen Pisc. und Fug. In beiden Schriften wird die Existenz 
wahrer Philosophen zugegeben, wenngleich diese nur noch 
ὀλίγοι (Pisc. 30. 40. 42. 46. 47. 37) und sogar πάνυ ὀλίγοι 
(Pisc. 20. Fug. 4. 24. vgl. Char. 21) sind. Aber während in 
Pisc. der Schauplatz der Handlung noch Athen und der Areo- 
pag ist, wird mit Fug. die Scene verlegt und der Scenen- 
wechsel eigens begründet. Auf die Frage des Hermes an die 
Philosophie: ποίαν δὲ χρὴ τραπέσϑαι, ὦ φιλοσοφία; σὺ γὰρ 
οἶσϑα, ὅπου εἰσίν. ἢ πρόδηλον ὅτι ἐν τῇ Ἑλλάδι; 
erwidert diese: οὐδαμῶς, ἢ πάνυ ὀλίγοι, ὅσοι ὀρϑῶς 
φιλοσοφοῦσιν, ὦ Ἑρμῆ. οὗτοι δὲ οὐδὲν ᾿Αττικῆς πενίας 
δέονται, ἀλλ᾽ ἔνϑα πολὺς χρυσὸς ἢ ἄργυρος ὀρύττεται, ἐχεῖ 
ποὺ ζητητέοι εἰσὶν ἡμῖν (ec. 24). Sollte diese Aeußerung nicht 
mit Rücksicht auf die Freunde gemacht sein, die Lucian in- 
zwischen unter den athenischen Philosophen kennen gelernt 
hatte 579), nicht vor allem mit Rücksicht auf einige Oyniker, 
da es sich ja nur um diese handelt (ὁ. 4. 16)? Oder sollte 
wirklich die Steigerung, die er in Apol. bis zur vollständigen 
Verneinung fortführt, überhaupt je einen rechten Philosophen 
getroffen zu haben, von größerem Werte sein, wiewohl er in 
eigener Angelegenheit spricht? Wie wurde doch das Wort 
ἄπολις in De hist. conser. 41 mißverstanden (vgl. Croiset 
S. 249 ff.)! 

Endlich wissen wir, daß Menipp jederzeit seine Sympathien 
in besonderem Maße hat. Warum sollte damals, in der Zeit 
des Wiedererwachens des Cynismus, eine Menipp ähnliche Er- 
scheinung unmöglich gewesen sein? Macht nicht die Wahl 


270, S, Fr, zu der Stelle. Bruns, Rh. M. 43, 184. Croiset 5. 85. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 659 


und Neubelebung der Menippeischen Litteraturgattung durch 
Lucian eine derartige Erscheinung äußerst wahrscheinlich ? 
Daß er aber Demonax sonst nicht erwähnt, hat wohl denselben 
Grund, aus dem er überhaupt keinen” Lebenden zum Beweise 
seiner Anschauungen namentlich anführt. Ein vernünftiger 
Grund, an der historischen Existenz des Demonax zu zweifeln, 
dürfte also nicht bestehen. Die nähere Betrachtung der Frag- 
mente wird das noch besser zeigen. 


2. Die Fragmente. 


Große Schwierigkeiten bereitet die Aufgabe, dem Philo- 
sophen Demonax aus der zerstreuten und äußerst unsicheren 
Ueberlieferung der Florilegienlitteratur heraus sein Eigentum 
wieder zurückzugeben. Es stehen uns bis jetzt wenigstens 
genügende Hilfsmittel nicht zu Gebote, namentlich keine kri- 
tische Ausgabe des sog. Maximus, der wichtigsten Quelle, wie 
auch des Antonius. Die von Wachsmuth so genannte Melissa 
Augustana ist noch unpubliciert, und von den zahllosen klei- 
neren Florilegien, die in griechischen Handschriften enthalten 
sind, ist bis jetzt erst die Minderzahl veröffentlicht. An ein 
abschließendes Urteil ist also nicht zu denken. Ich beschränke 
mich daher, im folgenden das Material so weit möglich zu 
bieten und die Frage nach der Echtheit zu entscheiden. Ich 
halte mich an die von Fr. III, 2, XIV £. eingeführte Zählung. 

I. Θνητοὶ γεγῶτες μὴ Yppoveid” ὑπὲρ ϑεούς. | 

Stob. Flor. 22, 16: III, 587, 2 (Hense). Mit dem Lemma Aypovax- 
τος SMA; δημόναχτος MdFr. p. 145 vgl. Menand. monost. 243 (ϑνητὸς 


πεφυκὼς μὴ φρονῇς ὑπέρϑεα) ; Boisson. Anecd. I, 155, 9 unter den Sprüchen 
Menanders (ϑνητὸς γεγονὼς ἄνθρωπος μὴ φρόνει: μέγα). 
II. Κόλαζε χρίνων, ἀλλὰ μὴ ϑυμούμενος. 

Anton. II, 53 p. 121, 44 (Migne [M.] 136, 113, 3 D) Δημοχρίτου (Rib.); 
Δημώναχτος (nach Boisson. I, 118, 11. Anm. 5 im Cod. 1168 p. 104) 3:1); 
Maxim. 19 p. 595, 2 (M. 91, 844 A). Δημώνακτος (auch cod. Neap.) und 
nach der Anmerkung bei M. andere Anpoxper.; Mel. August. c. 34 n. 17. 
Δημώναχκτος; Gnomol. Georgid. Boiss. I, 118, 11 Δημώναχκτος; Menand. 
monost. 576; Barrocian. n. 219 mit Hinzufügung der Worte πραότητι, 
μᾶλλον vor χρίνων unter den Sprüchen des Demokrit, Isokrates und 
Epiktet (Wachsmuth, Stud. 5. 141); Democrit.-Epict. S. 206 n. 255 
(Wachsm.). 


21) Nach Boisson. steht bei Antonius kein Autorname. 
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 48 


660 K. Funk, 


- II. Δημῶναξ ἐρωτηϑεὶς πότε ἤρξατο φιλοσοφεῖν " ὅτε χατα- 
γιγνώσχειν, ἔφη, ἐμαυτοῦ ἠρξάμην. 

Stob. Flor. 21, 8 (III, 557, 15 H.) Δημώναχτος Α΄, corr. A® ohne 
Lemma S. Br., mit Lemma Δημωνάκτου Μ. Α. richtiger Δημώνακτος Gaisf. 
und Mein. 575). ' 

IV. ᾿Εξεταζόντων τινῶν, εἰ ὃ κόσμος ἔμψυχος nal αὖϑις, ei 
σφαιροειδής" ὑμεῖς ἔφη, περὲ τοῦ χόσμου πολυπραγμονεῖτε, περὶ 
δὲ τῆς ἑαυτῶν ἀχοσμίας οὐ φροντίζετε. 

Stob. ἘΠ]. Phys. et Eth. 1|,1,11 (II, 5,10 Η.). Das Lemma haben 
EPL im Text (δημόναχκτος EP), Δημῶναξ ließ EPL aus, fügte aber Heeren 
bei (II, 5, 11); Max. 21 p. 600, 36 (M. 853 B ohne neues Lemma nach 
Fr. XXVII Anpövaxt.); Anton. 11, 76 p. 143, 24 (M. 1192 B); Demonactis 
(Rib.); Arsen. S. 191, 4 (Walz) Δημώνακτος. 

V. Εἰσί τινες, οὗ τὸν παρόντα μὲν βίον οὐ ζῶσιν, ἀλλὰ 
παρασχευάζονται πολλῇ σπουδῇ, ὡς ἕτερόν τινα βίον βιωσόμενοι, 
οὗ τὸν παρόντα" χαὶ ἐν τούτῳ παραλειπόμενος ὃ χρόνος οἴχεται. 

Stob. Flor. 16, 19 (= 16, 20. III, 485, 4 Η.). Mit dem Lemma ’Av- 
τιφῶντος S (nach 16, 18 Mein.), M (nach 16, 16 Mein.), ohne Lemma A 
(nach 16, 16 Mein.), Mac. Chrys. (nach 16, 15 Mein.); kommt auch vor 


corp. Par. 351 Elt. τοῦ αὐτοῦ, ἃ. ἢ. Anpövaxtog ἀποφϑέγματα; Max. 12, 
572 (M. 801 A) ?7?) Δημώνακχτ... | 


VI. Οἱ ἀπαίδευτοι χαϑάπερ οἱ ἁλιευόμενοι ἰχϑύες ἑλκχόμενοι 
σιγῶσιν. | 

Max. 17, 585 (M. 824 D) Δημώναχτ.; Arsenius 191, 3; Joh. Dam. 
Parall. ex cod. MS Flor. IV, 226, 137 (Mein. Appendix) Δημώνακχτος. 

VI. Τὰς μὲν πόλεις ἀναϑήμασι, τὰς δέ ψυχὰς μαϑήμασι 
δεῖ χοσμεῖν. 

Stob. Flor. II, 31, 53 (II, 210, 15—17 H.) Anpwvaxtog, Yıbalov al 
Σωχράτους; Δημόναχτος nur in L; Flor. Laur. II, 13 p. 196, 13 (Mein.) 
Δημώνακτος, Ὑφαίου καὶ Σωχράτους; Max. 17 p. 585, 89 (M. 824 C) Ay- 
poxpirov; Anton. I, 50 p. 56, 23 (M. 936 A) Democriti; Mel. Aug. c. 38 
ἢ. 16 Δημοχρίτου; Demoecr.-Epict. S. 169 n. 18 (Wachsm.) 312); Pal. 18 275), 
Bar. 21. Mon. 17. Leid 20. Vgl. Iambl. protr. c. 2 p. 20 Kiessl. 

VIII. Ἢ τῶν περιστάσεων ἀνάγχη τοὺς μὲν φίλους δοχιμάζει, 
τοὺς δὲ ἐχϑροὺς ἐλέγχει. 

Anton. I, 24 p. 29, 19 (M. 852 A); Max. 6 p. 192, 17; Mel. Aug. ce. 11 
n. 69; Gnomica Basil. 187 ἢ. 265 und Cod. Voss. n. 68 fol. 497 n. 236 


unter den Epiktetgnomen; Democr.-Epict. S. 192, n. 155. (Wachsm.); 
Apost. XII, 87 Ὁ ed. Gott. Δημώνακτος; Apostol. VIII, 71 ἃ Ἰσοκράτους 


72) Vgl. Ὁ Hense III, S. 10, 50. 

72) Fr. XVI liest dagegen diese Sentenz bei Anton. S. 140 p. 222, 
48, wo sie in der M.-Ausgabe sich dafür nicht findet. 

214) Vgl. auch Stob. (Mein.) IV, 268, 17 unter den Gnomen mit 
Auswahl aus denen des Demokrit, Epiktet und anderer Philosophen. 

275) Κ΄, 17. De Gnomol. Palat. ined. in der Satura Sauppio Hermanno 
oblata. Berolini 1878 (vgl. Orelli I, 30, 91 unter Pythagoräersprüchen 
und I, 122, 156 unter Δημοχρίτου λείψανο). 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactiss. 661 


(vgl. 1, 25): Boiss. I, 132 nach Cod. Coisl. 249 Κλειτάρχου; Pythag. Syr. 
n. 32; aus einem Vindob. unter den griech. Pythagoräersprüchen 269 
n. 34 (H. Schenkl, Wien. Stud. VIII, 1886); ohne Lemma Georgid. p. 42, 
15 (Boiss. I) und zweimal Boiss. Ill, 470. Pal. 115 (Wachsm. S. 50); 
Par. 49; vgl. Hierocl. in carm, aur. p. 48, 11 Gaisf. 


IX. Ἢ ἰσχὺς τοῦ σώματος μὴ γενέσϑω ψυχῆς ἀσϑένεια, 


ἰσχὺν δὲ ψυχῆς φρόνησιν νόμιζε. 

Anton. 37 p. 38, 58 Δημόναχτος; Max. 2, 14; Arsen. p. 274 (W;; 
8, 42" Gott.); Flor. Lips. Il, 11 (Westermann S. 15); Cod. Paris. 1168 
und Coisl. 249 (Boiss. I, 132, 5) und Paris. 1630 (Boiss. I, 127 ff. be- 
nützt) Κλειτάρχου; Bodleian. misc. 120 bei Elter S. XLII, n. 101. 103 7°), 
En τῶν Κλειτάρχου χ. τ. A. 

X. Ἂν ἀλλοτρίοις παραδείγμασι maldeve σεαυτὸν nal ἀπαϑὴς 
τῶν χαχῶν ἔσῃ. 

Anton. 5. 37 p. 89, 1 (Μ. I, 10 p. 801 B) Demonactis; Max. 2, 15 
(M. 733 B) Δημώναχτ.; Arsen. ed. Gott. 7, 169; Flor. Lips. p. 15 (West.) 
τοῦ αὐτοῦ sc. Κλειτάρχου. 

XI. Al μὲν χελιδόνες εὐδίαν ἡμῖν προσημαίνουσιν, οἱ δὲ ἐκ 
φιλοσοφίας λόγοι ἀλυπίαν. 

Anton, 170 p. 278, 10 (Gesn.) Μοσχίωνος &X. Δημώναχκτος; Clitarchi 
Rib. (M. 929 ΟἹ; Bibl. Laurent. plut. XI cod. 14 = (od. A τοῦ αὐτοῦ 
ἃ. ἢ. Δημωνάχτου und Bibl. plut. VII cod. 15 = Cod. B. Δημώνακτος, 
ebenso Bibl. Laur. plut. VIII cod. 29 = Cod. C Δημώναχτος, in den 
beiden ersten Handschriften des Max. geht Fragment XXI voraus’””); 
Apostol. ed. Gott. I, 60°. Δημώναχτος ; (Orelli I, 8 n. 40 unter Demo- 
philus vgl. Hadr. Agd. Cent. VII, 21) 8). 


XII. Τοσοῦτον eis ἀρετὴν προσϑήσεις, ὅσον ἂν ὑφέλῃς τῶν 
ἡδονῶν. 

Flor. Lips. p. 12. (West.) Δημώναχτος; Anton. S. 1p. 6, 19 (M. 796 A) 
ohne Lemma, voraus geht Demonactis. 

XII. Αἰσχρὸν Ev μὲν ἄλλοις ἀποδέχεσϑαι τὰς ἀρετάς, ἐν 


x 5» 


ἑαυτοῖς δὲ ἔχειν τὰς χαχίας. 
Anton. S. 1 p. 6, 21 (M.1p. 7 = 796 A) ohne Lemma folgt auf 
Fr. XII; Flor. Lips. p. 12 τοῦ αὐτοῦ sc. Δημώνακτος. 


XIV. Τοὺς τῶν σωμάτων ἐπιμελουμένους, ἑαυτῶν δὲ ἀμε- 
λοῦντας ὠνείδιζεν ὡς τῶν μὲν οἴκων ἐπιμελουμένους, τῶν δὲ 
ἐνοίκχων ἀμελοῦντας. 


276) Ant. Elter, Sexti Pythagoriei sententiae cum appendicibus. 
P. II. Clitarchi Epitome. Bonnae 1892 (Index lect.), Als 102 schiebt 
sich der echt pythagoreische Satz dazwischen: Alpod τῇ φυχῇ μᾶλλον 7) 
τῷ σώματι ἰσχύειν. Vgl. Schenkl, Wien. Stud. VIII, S. 271,45 (88 Stob. 
ΠΌΡΟΥ ΞΞ- 1,22). Boiss, I, 132. 

277) Reinhold Dressler, Quaestiones criticae ad Maximi et Antonii 
Gnomologias spectantes. Lips. 1869 S. 23 und Schlußtabellen. 

278) Orelli I, 200 ist eine andere Seite des Gleichnisses verzeichnet 
mit dem Lemma Glykon: Καϑάπερ al χελιδόνες τῷ συνεχεῖ τῆς λαλιᾶς 
τὴν ἣἥδονὴν τῆς ὁμιλίας ἀποβάλλουσιν " οὕτως οἱ ἀδολέσοχαι ὀχλήσεις συνεχεῖς 
ποιούμενοι ἀηδεῖς ἀποφαίνονται τοῖς ἀχροωμένοις. 


48 * 


669 Κι απ κ, 


. Anton. 8.1 p. 6, 23 τοῦ αὐτοῦ sc. Δημώναχτος; Max. 1, 49 (Μ. 728 D) 
Δημώνακχτ.; Flor. Lips. p. 12; Arsen. p. 191 (W.). 


XV. Δείχκνυσιν ἣ μὲν τροπὴ τὸν κατ᾽ ἀλήϑειαν ἀνδρεῖον, ἡ 
δὲ ἀτυχία τὸν φρόνιμον. 

Anton. S. 148 p. 238, 24 (M. 984 A) voraus geht Demonactis; Max. 
18, 590 © = M. 835 B ohne Lemma nach Δημώνακτ. 

XVI. Σοφιστοῦ τινος αἰτιωμένου αὐτὸν καὶ λέγοντος διὰ τί 
με χαχῶς λέγεις; ὅτι μὴ καταφρονεῖς, ἔφη, τοῦ χαχῶς λέγοντος. 

Anton. I, 53 p. 79, 19 (M. 945 Β) Demonax; Max. 10, 563 (M. 785 B) 


Δημώναχτ. Τινὸς σοφιστοῦ... τὸν κακῶς λέγοντα, corr. Orelli II p. 146 
in τοῦ κακῶς λέγοντος. 


ΧΥΤΙ. Τοῖς ὡσὶ πλέον ἢ τῇ γλώττῃ χρῶ. 

Anton. ὅ. 95 p. 156, 54; Max. 47 p. 647 (M. 940 C) Δημόναχτος. 

XVII. ᾿Ελάσσω χαχὰ πάσχουσιν ol ἄνϑρωποι ὑπὸ τῶν 
ἐχϑρῶν 7) ὑπὸ τῶν φίλων τοὺς μὲν γὰρ ἐχϑροὺς δεδιότες φυ- 


λάσσονται, τοῖς δὲ φίλοις ἀνεῳγμένοι εἰσὶ καὶ γίγνονται σφαλεροὶ ᾿ 


χαὶ εὐεπιβούλευτοι. 

Anton. S. 137 p. 217, 19 (M. 853 Β) Demonactis; Arsen, ed. Gott. 
7, 7°; Axsen. p. 191 (W.). 

XIX. Μυστήριον Ev φιλίᾳ ἀκούσας ὕστερον ἐχϑρὸς γενόμενος 
μὴ ἐχφήνῃς᾽ ἀδικεῖς γὰρ οὐ τὸν ἐχϑρόν, ἀλλὰ τὴν φιλίαν. 

Anton. 137 p. 217, 24 (Μ. 853 B) ohne Lemma nach Fr. XVIII; 
Max. c. 6 Rib.; Armen. p. 19 Sexti; Exc. Vindob. 46 bei Mein. Stob. IV 


p. 293 und Boiss. I, 125 haben kein Lemma, es geht aber ein Ausspruch 
des Sextus voraus 279). | 


XX. Μὴ χτῆσαι φίλον, ᾧ μὴ πάντα πιστεύεις. 


Anton. S. 137 p. 217, 27 (M. 853 B) ohne Lemma nach Fr. XVII 
und XIX; Max. 6 p. 550 (M. 761 ΟἹ Zekr. 


XXI. Αἰτιωμένου τινὸς - τῶν ἑταίρων αὐτὸν χαὶ φήσαντος " 
οὖκ ἐχρῆν σε τῷ ἐχϑρῷ μου φίλον εἶναι" σὲ μὲν οὖν, ἔφη, 00% 
ἐχρῆν τῷ φίλῳ μου ἐχϑρὸν εἶναι. 

Flor. Lips. cap. VI, 15 = p. 4 West. Δημώναχτος; Arsen. p. 191 (W.). 

XXI. Ὃ λόγος ὥσπερ πλάστης ἀγαϑὸς χαλόν τῇ Ψυχῇ 
περιτίϑησι σχῆμα. 

Anton. 170 p. 278, 19. Δημώναχτος; Max. 15 p. 579 (Μ. 818 D) Ay- 
μώνακχκτ., in den Handschriften D = ed. Combef., B, A, Ribit. 5. Gesn. 


Cod.?2°); Stob. Flor. 81, 13 (III, 111, 13 Mein.) τοῦ αὐτοῦ ἃ. ἢ. Σωχρά- 
τοὺς (Orelli I, 4 n. 5 unter Demophilus). 


XXIII. Πλοῦτος ἀπὸ καχῆς ἐργασίας γενόμενος ἐπιφανέστερον | 


ὄνειδος κέχτηται. 


279) Gildemeister, Sexti Sententiarum recensiones Lat. Gr. Syr. Bonn 
. 18982. SUR, 8, 
280) Dressler S. 28 und Schlußtabellen. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 668 


Anton. 41 p. 64, 19 (M. 900 ΟἹ Democriti (al. Demonactis nur bei 
Gesn.); Anton. 31 (ΔΙ. 885 A) Chilonis; Max. 22 p. 602 (M. 856 C) Ay- 
μοχρίτ. ; Stob. Flor. 10, 37; 92, 15 Annoxpitov (Mein. I, 236 und III, 181); 
20,786. (Εἰ ΠῚ; 417, 1,292). 

XXIV. Χρήματα πορίζειν μὲν οὖκ ἀχρεῖον, ἐξ ἀδικίης δὲ 
πάντων χάχιον. 

Anton. 41 p. 64, 21 (M. 900 C) Democriti; Anton. 78 p. 37, 11 (M. 
877 Ὁ) Thespidae; Stob. Flor. 94, 25 τοῦ αὐτοῦ ἃ. h. Δημοχρίτου (Mein. 
Ill, 196, 13); Max. 22 p. 602, 12 (M. 856 C) Δημοχρίτου; Democr. 43 
(Orelli I, 85); Gnomica Basil. p. 166 n. 170 und Gnom, Voss. n. 68 
fol. 42°, vorausgehend ὃ αὐτός [Δημόκριτος]; Mel. Aug. c. 10 n. 2 Δημο- 
xeitov; Democrit. — Epict. S. 198 n. 197 (Wachsm.);. Palat. 148 (Wachsm. 
8: 35)5u.Baröc., 117. 


XXV. Οὔτε οὗ ἄμουσοι τοῖς ὀργάνοις οὔτε οἱ ἀπαίδευτοι 
ταῖς τυχαῖς δύνανται συναρμιόσασϑαι. 

Max. 18 p. 590 (Μ. 833 A) Δημώναχκτος und Anton. 1, 70 (M. 984 A) 
Demonactis 383). 

Zu diesen von Fr. namhaft gemachten Fragmenten kommen 
noch folgende 6 Gnomen, von denen Wachsmuth, Stud. 5. 130 
eine, Thimme 5. 47. 50 fünf für Demonax in Anspruch nehmen. 

XXVI. Οἱ ἄνϑρωποι τάφους μὲν χατασχευάζουσι nal ἐντάφια 
ὥσπερ μέλλοντες αὐτοῖς χρήσασϑαι" ἀφοβίαν δὲ χαὶ ἀλυπίαν τὴν 
περὶ τοῦ ϑανάτου, 7] χρήσονται, οὐ παρασχευάζονται. 

Mel. August. nach Wachsm. Stud. 5. 180 Δημώναχκτος; Max. 28 
p. 614,9 (M. 877 D) Χαρικλ. Dieses Lemma ist offenbar unrichtig, wie 
die Reihenfolge Leucippae, Characl. (sic!), Moschion, Demonax 
(XXIX), Charicl. (XXVf.) zeigt, indem das Charicl. herabgerutscht 
ist, wie es so häufig geschieht. 

XXVII. "ἔνιοι πόλεων μὲν δεσπόζουσι, γυναιξὶ δὲ δουλεύουσιν. 

Max. 3 p. 539 (M. 744 A) Δημώνακχτ. 

XXVIN. Ὃ αὐτὸς (Δημῶναξ) ἐρωτηϑείς, τίς αὐτοῦ διδάσ- 
χᾶλος γεγονὼς εἴη, Τὸ τῶν ᾿Αϑηναίων, ἔφη, βῆμα, ἐμφαίνων, ὅτι 
N διὰ τῶν πραγμάτων ἐμπειρία χρείττων πάσης σοφιστικῆς δι- 
δασχαλίας ἐστίν. 

Max. 17 p. 587, 82 (M. 828 D) Δημώναχτος ; Stob. Flor. 29, 91 (II, 
18 Mein.) Δημάδους als Lemma und im Text “85), ebenso Joann. Damasc. 
Exc. Flor. I, 13, 157 (IV, 228 Mein.) und Arsen. p. 190, 29 ff. (W.), 
mit dem Lemma Demadis auch in Codd. Vat. Gr. 741 und 385. Vgl. 
außerdem Philodem. περὶ ῥητορικῆς ὑπομνηματικὸν Hercul. Vol. Collect. 


alt. vol. III, 1864 — fol. 14 Col. V. Δημάδην &ly)ov(ta) τοὺς ἑαυτῷ παρα- 
βάλλειν ἐθέλοντας ἐπὶ διδάσκαλον, τοῦτ᾽ ἔστιν τὸ(ν) δῆμ(ο)ν; Gmomol. ined. 


281) Mit dem Lemma Anpoxpitov steht die Sentenz SMA; Δημος hat 
wie gewöhnlich S. Vgl. Corp. Par. 194: Elt. Δημοχρίτου γνῶμαι. 

282) Fr. äußert im Anschluß an fr. XV über die Zugehörigkeit 
(Moschion oder Demonax?) Zweifel. Vgl. Thimme S. 49. 

388) Nach III, 655, 6 H. ohne Lemma in S. Br., mit dem Lemma 
Δημάδης (sic!) M.A. Er vermutet, daß dieses Apophthegma aus den 
Chrien des Aristoteles genommen sei, wie das vorangehende. 


664 K. Funk, 


Vatic. (Sternbach, Wien. Stud. X, 220) n. 230 ὃ αὐτὸς ἃ. h. Δημοσϑέ- 
νης 2332), mit ἢ. 233 folgt aber das Lemma Δημάδης; ohne Lemma aus 
einem Cod. Bodleian. Clark. 11 f. 63 Cramer, Anecd. Oxon. vol. IV 
p. 253, 22 ff. 

XXIX. Ὑγιαίνων νοσεῖ πᾶς περίεργος ὃ τὰ ἀλλότρια πολυ- 
πραγμονῶν. 

Max. 21 p. 600, 15 (M. 583 A) Anuövauı; es schließt sich daran 
ohne neues Lemma fr. IV; Anton. II, 76, 5 (M. 1192 B) Euclidis, 
worauf fr. IV folgt mit dem Lemma Demonactis; Boiss. I, 137 Cheilon; 
Floril. "Apıotov καὶ πρῶτον μάϑημα (H. Schenkl, Wien. Stud. XI (1889) 
1f. S. 35 ἡ. 127 nach I (Pal. 64 Vind.! 64), II (Bar. 104. Nan. 103), 
III Chelt. 335 Vat.! 286. Vat.? 288); Ap. Par. 193 2mal; Mel. Bar. X, 5; 
Flor. Vind. 46. Vgl. Menandri Mon. 703; Vita Aesopi ed. Westermann 
p- 29, 6ff.; Orelli I, 235 (Secundus). 


XXX. Δεῖ ὥσπερ φορτίον τὴν. λύπην ἀναϑέμενον μὴ στέ- 
νοντα φέρειν. | 

—= Max. 28 p. 614 (M. 877 C) Δημώνακτος. 

XXXIL Τοῖς ᾿Ασχλεπιάδαις μείζων ὀφείλεται χάρις ἐπερχομέ- 
γὴν ἀναστέλλουσι νόσον ἣ παραπεσοῦσαν πάσχειν αἱρετώτερον. 


Max. 50 p. 652 (Μ. 849 A) Δημόνακτος; Anton. 1, 56 (Μ. 953 A) 
Demadis. 


Wo außerdem noch der Name des Demonax in der Flori- 
legienlitteratur erscheint, liegen offenbar Verschreibungen oder 
Verwechslungen vor 358). 

Nach dem im vorangehenden gekennzeichneten Stande 
der Ueberlieferung müssen von den Fragmenten von vornherein 
als unecht ausgeschieden werden VIII. IX. XIX. XXIH. XXIV. 
XXVII XXIX. Dagegen sind wohl als echt anzuerkennen: 
II. IV. VL X. XI—XVI. XXI XXV. XXVL XXVi? 


2384) Das Gnomol. Vat. läßt die Worte von ἐμφαίνων bis Schluß weg. 

285) Ἔν εὐτυχίᾳ φίλον εὑρεῖν εὐπορώτατον, ἐν δὲ δυστυχίᾳ πάντων ἄπο- 
ρώτατον —= Max. 6 p. 192, 15 Rib. (ex dictis et sententiis Epicteti, Iso- 
cratis et Demonactis) = Cod. Gesn., Mel. Aug. c. 11 n. 68 (ἐκ τῶν 
᾿Επικτήτου, Ἰσοχράτους καὶ Δημωνάκτου); Anton. I, 24 p. 29, 18 (M. 852 
A). Democrat. 72. Pal. 113 (Wachsmuth S. 30). Mon. 69. Leid. 68. Aber 
schon die Verbindung dieser Sentenz mit fr. VIlI bei Anton., Gnomol. 
Basil. p. 178 n. 265 und Gnom. Voss. n. 68 fol. 40” n. 236) zeigt, daß 
Wachsmuth sie mit Recht für sein Gnom. Democrit. — Epieteteum in 
Anspruch genommen hat (ὃ. 191). Dieselbe Verschreibung liegt vor 
bei Max. S 17 p. 586 (M. 825 C), wo nach Ribit. 3 Aussprüche auch 
unter den Lemmaten Demonactis, Isocratis et Epieteti laufen. Ebenso 
trägt bei Apostol. XVIII, 41% (Schneidewin 729, 16) fälschlicherweise 
der Ausspruch Χρόνος δὲ φευγέτω σε μηδὲ elg ἀργὸς die Unterschrift Ay- 
μώνακτος, vgl. dagegen Arsen. LIV, 37: Stob, Flor. 29, 42; Hippon fr. 
20 (Bergk). Das Gleiche gilt von der Gnoma bei Anton. 7 (M.796 A); 
statt daß das Lemma Isocratis noch fortwirkt, ist das f. Demonactis 
(= fr. XII und XII) heraufgenommen. Sie lautet: Βούλου τὰς τῆς 
ἀρετῆς εἰκόνας ὑπομνήματα μᾶλλον ἣ Tod σώματος καταλιπεῖν — Isocr. ad 
Nicocl. 36. Xen. Ages. 11, 7 (vgl. Tac. Agric. 46). 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 665 


XXX. Inhaltlich stimmen diese echten Fragmente zu den An- 
schauungen des Demonax in unserer Schrift, wie dies bereits 
Fr. im einzelnen ausgeführt hat. Eine besonders auffallende 
Uebereinstimmung findet sich aber nicht; es spiegelt sich in 
den Aussprüchen nur die allgemein cynische Weltanschauung, 
so daß die handschriftliche Ueberlieferung der Lemmata doch 
den Hauptausschlag geben muß. Ich möchte deshalb nicht 
mit Thimme wegen der Aehnlichkeit des Namens und des 
Inhalts eine Gnome dem Demonax zueignen, welche das 
Lemma Δημοχράτους trägt 356): ich glaube, daß eher hieher zu 
ziehen ist das im Inhalt gleiche fr. II, weil es fast allgemein, 
wie fr. 1 unter des Demonax Namen läuft. Seine Fassung 
in einem jambischen Senar mag befremden. Aber bei der 
Vorliebe des Demonax für die Dichter ist die Herkunft dieser 
Verse von ihm nicht ganz unmöglich, und da zudem Photius 
als Quelle des Stobäus nur einen Philosophen Demonax 
kennt °®”), so wird man doch eher diesen als den Urheber 
bezeichnen, denn einen Tragiker gleichen Namens erfinden 588). 
Das gilt auch von Fragment 1. 

Mehr oder weniger zweifelhaft bleiben trotz der inhalt- 
lichen Anklänge 389) die Nummern V. VIL XI. XxX. XxlIl. 
XXXI. Neue Veröffentlichungen auf diesem Gebiete werden 
nicht bloß eine Entscheidung ermöglichen, sondern überhaupt 
noch größere Sicherheit im Urteil und nicht unwahrschein- 


286) Vgl. Thimme S. 50 ff. Die Gnome lautet: Κόλαζε χωρὶς ὀργῆς 
τὸν ἁμαρτάνοντα, κηδεμονικὴν νουϑέτησιν, ἀλλὰ μὴ Σχυϑικὴν ἐμφαίνων ὦμό- 
ya —= Georgid. cod. Laur. fol. 61” Δημοχράτους. Bar. 229, Pal. 157 
(Wachsm., De Gnom. Pal. S. 36); Democrit. Epictet. S. 206 n. 258 
(Wachsm.). Der echt cynische Ausdruck νουϑετεῖν (Diog. L. VI, 33) 
findet sich auch in der Vita nicht. 

287) Cod. 167 (ὃ. 114 B.) vgl. A. Elter, Photii Pinacograph. S. 42; 
Flor. Stob. III, 587, 2 H. 

288) Nauck, Trag. fragm. Lips. 1856 S. 643. Vgl. Wachsm. Stud. 
S. 130; ebenso urteilte Mein., Hist. crit. p. 525, änderte aber seine 
Ansicht Stob. Flor. IV p. ΠΧ], wie Fr. II, 1, 188 gegenüber III, 2, XV. 

289) So entspricht fr. II (vgl. oben Anm. 286) genau: Πειρῶ πειϑοὶ καὶ 
λόγῳ μᾶλλον I ὀῤγῇ τὰ ἡμαρτημένα διορϑοῦσθϑαι —= Georgid. p. 75, 9 (Boiss.) 
Χαρικχλείας; Bar. 228; Mon. 98; Leid. 94. Pal. 158 (Wachsm. S. 36); De- 
mocrit. — Epict. S. 206 n. 259 (Wachsm.),. Inhaltlich paßt es genau 
zu Dem. 7 und 10. Mit Dem. 11 stimmt nicht weniger zusammen: 
Ei τις τιμᾷ τὸν ϑεὸν ὡς προσδεόμενον, οὗτος λέληϑεν ἑαυτὸν δοξάζων τοῦ 
ϑεοῦ εἶναι vgl. Wachsm., Stud. 5. 167 n. 8. Andere Beispiele ließen 
sich noch mehr aufführen. 


666 K. Funk, 


lich auch eine Bereicherung an Fragmenten *°) bringen. 

Für unseren Zweck aber genügen die als echt zu bezeich- 
nenden Aussprüche vollauf, um jeden Zweifel an der histori- 
schen Existenz des Demonax zu heben. Freilich ist die Iden- 
tität unseres Demonax mit dem der Florilegien nicht dadurch 
unzweideutig festgelegt, daß etwa der eine oder andere Aus- 
spruch unserer Schrift in irgend einem Gnomologium unter 
seinem Namen sich findet, oder daß wir wenigstens im allge- 
meinen über die Existenz noch weiterer Schriften über Demonax 
unterrichtet wären. Aber es dürfte der obige Schluß trotzdem 
nicht zu weit gehen, da ja der einzige bedeutende Träger des 


Namens Demonax aus der cynischen Schule — und einen 
solchen müssen wir nach Eunapius und den Florilegien voraus- 
setzen — eben nur der durch Lucian bekannte ist. 


Dieser Schluß wird dadurch nicht mehr erschüttert, daß 
der Kaiser Julian in einem Trostbrief an Amerius dieselbe 
Anekdote, welche Lucian in c. 25 von Demonax berichtet, auf 
Demokrit von Abdera zurückführt?®!). Denn die ganze Ge- 
staltung der Anekdote bei Julian schließt zum mindesten die 
direkte Benützung unserer Schrift aus. So sehr die Namen 
aneinander anklingen und sonst gegenseitig verwechselt sind, 
wir müssen annehmen, daß dieselbe Erzählung entweder ebenso 
aus dem Leben des Demokrit überliefert war, oder daß Julian 
oder ein anderer die Umprägung aus dem doch etwas unbe- 
kannten Kreise in bekanntere Verhältnisse vorgenommen hat. 

Was endlich die Frage nach der Quelle unserer Fragmente 


290) Dressler S. 36 spricht von dem Vorkommen des’ Lemma De- 
monax im Cod. Monac, 429 e. 11 περὶ φίλων; H. Schenkl, Die epikteti- 
schen Fragmente in den Sitzgsber. d. Wien. Akad. (1888) 115, 468 er- 
wähnt, daß im Cod. Paris. 1168 sich 13 Gnomen mit dem Lemma 
Δημόναχτος finden und daran anschließend Apophthegmata, von denen 
5 und 6 sicher Demonax gehören. S$. 500 sagt er indessen, daß dem 
Kompilator des Max. nur die hier enthaltenen Stücke bekannt waren. 

291) Epist. 36 (ὃ. 533 Hertlein): Φασὶ γὰρ Δημόκριτον τὸν ᾿Αβδηρίτην, 
ἐπειδὴ Δαρείῳ γυναικὸς καλῆς ἀλγοῦντι ϑάνατον οὖκ εἶχεν, ὅτι ἂν εἰπὼν 
εἰς παραμυϑίαν ἀρχέσειεν, ὑποσχέσϑαι ol τὴν ἀπελθοῦσαν εἰς τὸ φῶς ἄν ἅ- 
ξειν...». μόνου δὲ ἑνὸς προσδέοιτο.. . εἰ τριῶν ἀπενυήτων 
ὀνόματα τῷ τάφῳ τῆς γυναικὸς ἐπιγράφειεν. .., ἀπορρήσαντος δὲ 
τοῦ Δαρείου χαὶ μηδένα ἄρα δυνηϑέντος εὑρεῖν... γελάσαντα συνήϑως τὸν 
Δημόκριτον εἰπεῖν Τί οὖν, ὦ πάντων ἀτοπώτατε, ϑρηνεῖς ἀνέδην, ὡς μόνος 
ἀλγεινῷ τοσούτῳ συμπλαχείς, 6 μηδὲ ἕνα τῶν πώποτε γεγονότων ἄμοι- 
ρον οἰχείου πάϑους ἔχων εὑρεῖν. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 667 


angeht, so läßt sich darüber in einigen Punkten nur etwas 
Negatives sagen. Unhaltbar ist die Ansicht, daß sie aus der 
Lucianischen Biographie des Demonax genommen seien. Aber 
auch daran wird man nicht denken können, daß sie aus irgend 
einem philosophischen Werke des Demonax selbst stammen 
(Thimme S. 51). Weder dem Stobäus, noch dem Eunapius 
ist er als Schriftsteller bekannt, und in unserer Vıta Demo- 
nactis tritt nirgends ein deutlicher Hinweis auf eine schrift- 
stellerische Tätigkeit hervor. Die Worte, die man darauf be- 
ziehen wollte 355), sind zu allgemein und weisen nach dem 
ganzen Zusammenhang (vgl. bes. c. 3) auf seinen Nachruhm 
aus der praktischen Tätigkeit hin. Sie ist es ja und nur sie, 
welche Lucian mit allem Nachdruck betont und überall den 
schönsten und wohlgesetztesten Reden und Schriften vorzieht. 
Sie ist es, auf die in der wirklichen Parallele zu unserer Stelle 
Dial. mort. XXIV, 3 der Ruhm des Diogenes einzig und allein 
begründet wird, indem er den Worten λόγον τοῖς ἀρίστοις περὶ 
αὑτοῦ καταλέλοιπεν hinzufügt ἀνδρὸς βίον βεβιωκὼς ὁψηλότερον 
τοῦ σοῦ μνήματος χαὶ ἐν βεβαιοτέρῳ χωρίῳ χατεσχευασμένον. 
Wir werden ‘also überhaupt davon absehen müssen, daß De- 
monax als Schriftsteller gewirkt hat. Er hätte sich damit in 
Gegensatz gestellt zu der Anschauung der hervorragendsten 
Cyniker und besonders zu denen der damaligen Zeit. Wie 
nämlich schon Diogenes nicht durch Schriften, sondern durch 
das lebendige Wort der Rede wirken wollte?®°), so wurde jetzt 
in den Kreisen der Popularphilosophen die Enthaltung von 
| schriftstellerischer Tätigkeit geradezu Grundsatz. Sei es, daß 
Ruhmsucht darin gesehen wurde, oder daß das Vorbild des 
Sokrates, der Pythagoräer und anderer älterer Philosophen ein- 
wirkte, oder daß es einfach, die Stellung zu den Sophisten mit 
sich brachte, denen Schreiben und Reden alles galt, Musonius 
hat uns nichts Schriftliches hinterlassen, und seinem Beispiele 


292) Thimme S. 52 bezog darauf ἑκὼν ἀπῆλθε τοῦ βίου πολὺν ὑπὲρ 
αὑτοῦ λόγον τοῖς ἀρίστοις τῶν λλήνων χαταλιπὼν c. 4. Daß ἄριστοι ΞΞΞ 
πεπαιδευμένοι zu nehmen ist, kann nicht bezweifelt werden. Vgl. Som. 
c. 12 und Alex. 2; aber daraus folgt nicht, daß er nur durch schrift- 
stellerische Tätigkeit bei ihnen zu Ansehen kommen konnte. 

. > Diog. L. VI, 48; über seine Schriften 5. Dümmler, Antisthenika 


668 K. Funk, 


folgten Epiktet und Rustikus 334). Dieses selbe Princip dürfen 
wir gewiß auch für Demonax, den neuen Sokrates und ge- 
schworenen Feind der Sophisten, wirksam sein lassen. Die 
abgerundeten Sentenzen, deren jede für sich allein verständlich 
ist, und die Apophthegmata lassen auch kaum vermuten, daß 
sie sämtlich als wörtliche Citate einem größeren philosophischen 
Werke entnommen sind. Nach Form und Inhalt weisen sie 
vielmehr auf eine der zahlreichen Gnomensammlungen oder 
eine unserer Vita ähnliche Schrift als ihre Quelle hin (vgl. 
Leo 8. 50). 


Schluss. 


Nach den gewonnenen Ergebnissen läßt sich der Zweck 
unserer Schrift unschwer bestimmen. Zurückzuweisen, min- 
destens in dieser Einseitigkeit, ist die Ansicht von Schwarz 
(3. 582 ff.), als habe Lucian mit der fraglichen Vita den Cy- 
nikern nur das Idealbild eines Philosophen ihrer Sekte zeichnen 
wollen; denn dazu wäre ein Eklektiker doch nicht besonders 
geeignet gewesen (vgl. Thimme Κ΄. 41ff.). Da für uns die 
historische Existenz des Demonax feststeht, so tritt natür- 
lich der historische Zweck in den Vordergrund (vgl. c. 2). Wir 
haben in der Schrift eine wirkliche Biographie vor uns, das 
Erzählte ist in der Hauptsache Geschichte im eigentlichen 
Sinn. Nur müssen wir die Vita messen nach der antiken Be- 
deutung des Wortes Geschichte 335), und sodann die Einschrän- 
kungen anbringen, die wir oben schon gemacht haben, ohne 
daß wir deshalb die Schrift mehr zu rhetorischen Zwecken 
geschrieben sein lassen (Hermann S. 220). 

Eine gewisse Idealisierung war ja von selbst gegeben 


294) Vgl. Hirzel II, 293 ff. 244, 2 und R. Asmus, Quaestiones Epic- 
teteae. Freiburg 1888. 5. 26 X. 

295) Quint. 4,19. Vgl. Hirzel II, 146 ff; K. Fr. Hermann, ΜΝ Abh. 
und Beitr. 8. 218. 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 669 


durch einen weiteren Zweck didaktisch-paränetischer Natur. 
Es spricht nämlich in dem von uns als echt erfundenen c. 2 
der Verfasser eigens die Absicht aus, zugleich der edleren, 
nach wahrer Weisheit strebenden Jugend aus der Gegenwart 
das Bild eines echten Philosophen darzustellen, eines solchen, 
der sogar die großen, alten Musterphilosophen zu ersetzen 
vermöge. 

Aber wie eigentümlich, wie befremdend mutet uns die 
Art an, mit welcher der Satiriker seine Absicht ausführt? Wir 
wissen zwar aus Lucian selbst (Anach. 21), daß Aussprüche 
weiser Männer, fruchtbare Gedanken und die Taten des Alter- 
tums in den Khetoren- und Philosophenschulen behandelt 
worden sind, und daß dies oft auch in Verse gekleidet den 
Jungen Leuten zum Auswendiglernen gegeben wurde 395), allein 
wir müssen uns wundern, daß so wenig ernste und ethische 
Vorschriften und Kernsprüche in der Schrift geboten werden. 
Gewiß verrät es den alten Satiriker, wenn trotz des angekün- 
digten Zweckes sein Ideal im lebhaften Proteste mit der Zeit- 
philosophie und den Scheinphilosophen erscheint, und daß er 
die Auswahl der Aussprüche und Anekdoten so trifft, daß die 
Polemik, die er anderwärts mit allem Eifer führt, hier nur 
stiller und ruhiger als sonst sich fortsetzt. 

Daneben hat es Lucian nun aber doch verstanden, mit 
wenigen Worten das Bild eines wahren Philosophen zu ent- 
werfen. Ein Vergleich mit dem von Epiktet (Arrian, Diss. 
Epict. III, 22 Sch.) gezeichneten Ideal lehrt das deutlich. Die 
Bedingungen, welche hier aufgestellt werden, erfüllt Demonax 
vollständig. In ihm lebt die alte Größe des Diogenes und der 
‚früheren Philosophen wieder auf; auf sie greift er zurück, aber 
nicht nur äußerlich, wie die Nachahmer der Gegenwart, die 
Thersitesnaturen (Dem. 61) oder, wie Epiktet (22, 80) sich 
ausdrückt, die τραπεζῆες πυλαωροί, οἱ οὐδὲν μιμοῦνται Exelvoug, 
ἢ εἴ τι ἄρα, πόρδωνες γίνονται, ἄλλο δ᾽ οὐδέν. Er ist mit 
Epiktet (22, 10) überzeugt, daß nicht πηρίδιον, nicht τριβώνιον 
(Dem. 19) und ξύλον (Dem. 48) den echten Cyniker ausmache, 


296) Vgl. Quint. 1,1, 36; Seneca, Epist. 33, 7. Der Ausdruck ἐν 
ταῖς σχολαῖς bei Plut. ist nicht mit Schmidt a. a. O. in diesem engen 
Sinne zu nehmen. Vgl. Hirzel I, 370 Anm, 


670 K. Funk, 


daß man aber auch nicht den dafür zu halten habe, der Mode- 
torheiten und weichliche Lebensart geißle, im Sinne dessen, 
der da meint: χἂν ἴδω τινὰ δρωπαχιζόμενον, ἐπιτιμήσω αὐτῷ, 
χἂν τὸ χόμιον πεπλαχότα ἣ ἐν χοχχίνοις περιπατοῦντα (22, 10). 
Wie wenig Demonax einem solchen δρωπακιζόμενος gegenüber 
das Verhalten eines Oynikers billigt, dafür scheint geradezu 
c. 50 geschrieben zu sein, wie ebenso in c. 16 (vgl. 41) nicht. 
der Tadel der Kleidertorheit, sondern die Art des Tadels 
die Hauptsache ist. Die erste und höchste Forderung ist auch 
bei ihm die Uebereinstimmung von Leben und Lehre. Das 
ἐπιτιμᾶν τισιν χαὶ χολάζειν τοὺς ἁμαρτάνοντας fordert ein Üye- 
μονιχὸν χαϑαρώτερον τοῦ ἡλίου (22, 93. 98. Vgl. Dem. 3). Durch- 
drungen von dem Grundsatz, daß selbst tadellos sein müsse, 
wer andere tadeln will, hätte Demonax mit Recht die Worte 
Epiktets (22, 47—49) auf sich anwenden können: Ἰδετέ με, 
domöds εἶμι, ἄπολις, ἀχτήμων, ἄδουλος: χαμαὶ χοιμῶμαι οὐ 
γυνή, οὐ παιδία (Dem. 55)" οὐχ εἰμὲ ἐλεύϑερος; πότ᾽ ἐμ- 
εμψάμην ἣ ϑεὸν ἣ ἄνθρωπον, πότ᾽ ἐνεχάλεσαά τινι 
(Dem. 63. Vgl. 11. 27. 56. 3. 20); μή τις ὑμῶν ἐσχυϑ'ρω- 
παχότα με εἶδεν (Dem. 6. 7); πῶς δ᾽ ἐντυγχάνω τούτοις, . οὺς 
ὑμεῖς φοβεῖσϑε χαὶ ϑαυμάζετε; οὐχ ὡς ἀνδραπόδοις (vgl. Dem. 
90. 50. 24, 25). Auch darin stimmt er mit dem Epiktetischen 
Ideal (22, 81) überein, daß er niemand von seiner Freundschaft 
ausschließt, daß er für alle sorgt wie ein Vater, wie ein 
Bruder (vgl. Dem. 10. 7), daß er all seine Kraft und Zeit der 
Menschheit widmet, um sie zu belehren, wie das wahre Glück 
nicht zu suchen sei ἐν σώματι, χτήσει, ἀρχῇ σωματικὸν γὰρ, 
ϑάνατος, φυγὴ οὐδὲν πρός με (22, 22. 26. Vgl. Dem. 7. 20. 24. 
25. 45), und auf jede Weise hilft er es ihnen zu erreichen. 
Er bleibt deswegen unverheiratet, wie der wahre Cyniker es 
sein soll, ἐπιφοιτᾶν δυνάμενος τοῖς ἀνθρώποις, οὐ προδεδεμένος 
χαϑύήμουσιν ἰδιωτικοῖς... ὃν δεῖ τοὺς ἄλλους ἐπισχοπεῖν, 
τοὺς γεγαμηχότας, τοὺς πεπαιδοποιημένους, τίς χαλῶς 
χρῆται τῇ αὑτοῦ γυναιχί, τίς χαχῶς, ποία οἰκία εὐσταϑμεῖ, 
ποία 00, ὡς ἰατρὸς περιερχόμενος Aal τῶν σφυγμῶν 
ἁπτόμενος (22, θ9---72. Vgl. Dem. 7. 9). Und wenn endlich 
Epiktet (22, 90) als eine wesentliche Eigenschaft im Umgang 
mit anderen χάριν πολλὴν φυσικὴν καὶ ὀξύτητα für den Ideal- 


Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 671 


_ eyniker fordert, und wenn er das an einigen Beispielen von 
Diogenes nachweist, so zeigt Lucian zur Genüge, wie glänzend 
Demonax dieser Aufgabe entsprochen hat. Ja man glaubt in 
der Anekdote von c. 16 geradezu eine direkte Bezugnahme auf 
Epiktet herauszuhören, wenn dieser einmal (22, 54—56) aus- 
führt: Δέρεσϑαι αὐτὸν δεῖ χαὶ δερόμενον φιλεῖν αὐτοὺς τοὺς 
δέροντας, ὡς πατέρα πάντων, ὡς ἀδελφόν οὐ, ἄλλ᾽ ἄν τίς σε 
δέρῃ, χραύγαζε στὰς ἐν τῷ μέσῳ — ὦ Καῖσαρ, ἐν τῇ σῇ εἰρήνῃ, 
οἷα πάσχω, ἄγωμεν ἐπὶ τὸν ἀνθύπατον. Bei so vielen An- 
klängen wird man gewiß annehmen dürfen, dem Verfasser der 
Biographie haben die Dissertat. Epiet. von Arrian vorgelegen, 
und dieser habe gleichsam die Illustration dazu geliefert. 

Trotz alledem ist aber Demonax nicht bloß eine treue 
Kopie Epiktets und seines Ideals. Es treten auch Unterschiede 
hervor, und es machen sich auch Einflüsse von den anderen 
Seltend, mit denen er umgegangen ist. Namentlich in seiner 
Stellung zur Wahrsagekunst ist er ein echter Schüler des 
Timokrates, der seinerseits wieder mit dem von Lucian (bes. 
Alex. 17) so hochgefeierten Demokrit die philosophischen 
Grundanschauungen gemeinsam hat 357). 

So hat mithin Lucian auch mit diesem zweiten Zweck 
nicht zu viel gesagt. Demonax entsprach in der Tat allen 
Anforderungen, die man an einen Idealphilosophen damals 
stellte, und er war es wert, der Jugend als nachahmenswertes 
Beispiel vorgestellt zu werden. Es drängt sich also hier von 
neuem der Schluß auf, den wir bereits oben glaubten machen 
zu müssen: Demonax war unter den Cynikern der damaligen 
Zeit trotz unserer geringen anderweitigen Kenntnisse von seiner 
Persönlichkeit doch nicht so unbedeutend, er war es am aller- 
wenigsten für Lucian selbst.: Der längere Umgang und die 
nähere Bekanntschaft mit Demonax war für ihn, namentlich 
als Schriftsteller, von der größten Wichtigkeit. Hier sahen 
wir die Fäden seiner schriftstellerischen Tätigkeit zusammen- 
laufen, und wie in einem Brennpunkt sich die Strahlen sam- 
meln, die wir in seinen anderen Schriften zerstreut fanden. 


297) Vgl. Philostr. Υ 5. 46, 29. Die Haltung gegenüber dem Staate 
(Dem. 9) scheint auch von der Diss. 22,83 ff. gezeichneten abzuweichen. 


672 ΚΙ Funk, Untersuchungen über die Luc. Vita Demon. 


Nach Form und Inhalt stand er offenbar unter seinem Ein- 
flusse. Dieser Philosoph war der freimütige Mann, der ihn 
die Klippen der atticistischen Pedanterie vermeiden und die 
rechte Mitte gehen ließ. In seinen geistreichen Gesprächen 
fand er den Stoff für manche kleine Scene. Durch das Be- 
kanntwerden mit ihm erfolgte wohl die Absage von der Rhe- 
torik und die Hinwendung zur dialogischen Schreibweise Und 
wenn die Dialoge nicht: der Belehrung, sondern der Unterhal- 
tung dienen, und wenn der Grundton fast durchgängig der 
cynisch-menippeische ist, so wird eben wiederum der Verkehr 
mit Demonax die Erklärung für diese Erscheinung sein. Da 
dieser ja selbst dem cynischen Hedonismus huldigte, mag er 
ihn auch auf diese Quellen hingewiesen haben, als eine reiche 
Fundgrube neuer, weniger verbrauchter Gedanken und Stoffe. 

Sind die Ergebnisse vorliegender Untersuchung richtig, 
so ist demnach Lucian nicht nur einfach ein Werk gerettet, 
wir haben damit zugleich auch den Schlüssel gefunden für ein 
besseres Verständnis dieses Mannes; wir haben in der Bio- 
sraphie, deren Abfassung den Ereignissen fast gleichzeitig 
ist, nicht nur eine glaubwürdige und schätzenswerte Bereiche- 
rung unseres historischen Wissens über die philosophischen 
Strömungen jener Tage, sondern nichts weniger als ein Stück 
Autobiographie des Schriftstellers selbst. 


Inhaltsverzeichnis. Register. 


673 


Inhaltsverzeichnis. 


Einleitung 


I. Untersuchung über "Ἢ πο ε ἢ 5 


1. Aeußere Zeugnisse 


2. Sprachliche Untersuchung 


3. Sachliche Untersuchung 


Il. Untersuchung über die Integrität k 
1. Die Hypothese von der christlichen Uranharking 
2. Interpolationen und Lücken . a 
3. Erklärung für die Komposition der Schrift : 


4. un. 3 


Ill. Die historische Existenz den en ; 
1. Beurteilung der erhobenen Einwände 


2. Die Fragmente . 
Schluß. : 


Seite 
961—563 
564—617 
964—566 
566—589 
589—617 
617—647 
617—623 
623—631 
631—639 

ı 689— 647 
647—668 
647 — 659 
6959—668 
668—672 


Register. 


Abfassungszeit 601. 614 ff. 
Adverbien 572. 578. 580. 
Agathobulus 595. 651. 
Anklänge 627 £. 

ἅπαξ λεγόμενα 577. 
Apollonius 616. 
ἀπομνημόνευμα 682 f. 


Apophthegmatä 626 ff. 633 ff. 659 ff. 


Aristipp 595 ff. 
Arrıan 646. 
Artikel 570. 
Atheismus 653 fi. 
Athen 607. 617. 652 £. 654. 658. 
Athleten 645. 

Atticismus 567. 612 ἢ 
Aufstände 655 ἢ. 


Bagoas 607 fi. 
Bedürfnislosigkeit 592 ff. 
Begräbnis 603. 


Cethegus 615 £. 
Chrie 634 ff. 


Christliche Interpolationen 617 ff. 


Citate 585 f. 


Cynismus u. Lucian 589—91. 613. 


Cynische Tracht 596. 


en nn 


Demetrius 594. 651. 

Demokrit 596. 666. 671. 

Demonax Philosoph 595 ff. 614. 667. 

— — Tragiker 665. 

Denkmalsetzung 603. 

Dialektik 600 f. 

Dio Chrysostomus 594. 619. 622. 
632. 652 f. 

Diogenes 590 f. 595 ff. 634. 667. 

Diokles 607 ff. 

Dogmatische Philosophie 600. 


Ehe 646 ἢ. 652. 

Eleusinien 659. 

Epigramme 603. 

Epiktet 594. 604. 646. 651 f. 669 ff. 
Epikur 596 £. 

Ethische Philosophie 600. 
Eunapius 565. 624. 648. 


Favorinus 594. 608 f. 622. 626. 
Fiktionen 650 ἢ. 

Flexion 569 f. 578 £. 
Florilegien 649. 659. 666 £. 
Freiheit 602. 604. 
Freundschaftsliebe 598 620. 
Friedensstifter 619. 


674 


Gerichtsscenen 623. 
Gladiatorenkämpfe 599, 652. 
Gymnastik 594. 


Handschriften 565 £. 
Herminus 652. 
Herakles 597. 644. 


Herodes Attikus 611. 615. 642 f. 649. 


Heroenbedürfnis 643. 
Hiatus 575. 
Humor 597 £. 603. 


Idealphilosoph 605. 656 f. 
Ironie 595 f. 

Isthmus von Korinth 643. 
Iulian 620. 666. 


Kasus 570. 579. 
Kleiderspott 6153. 
Krates 619 f. 652. 


Konsequenz 592. 600. 607 fi. 657. 


667. 
Kultus 654 ἢ. 


Lautlehre 568 f£. 
Lesbonax 612. 648. 
Leutseligkeit 598 ἢ. 


Lucians Eigenart 588 f. 591. 598 £f. 


605 f. 615. 633. 637. 
Lucius Philosoph 649. 
Lucius Verus 616. 


Mark Aurel 616. 

Menipp 596 fi. 602 f. 610. 658 £. 
Metaphern 587. 

Milde 598 f. 619. 

Modus 571. 

Musonius 619. 649. 652. 667. 
Mysterien 621. 654. 

Mythologie 644 f. 


Naturwissenschaften 600. 
Negationen 572. 


Objektivität 638. 
Opfer 621. 
Orakel 602. 610. 


Ordnungslosigkeit 617 f. 632 ἢ, 


635 ft. 


Parallelen sachliche 607—13. 
wörtliche 583—85., 
Partikeln 573 f. 578. 580 £. 


Peregrinus 593. 595. 599. 603 f. 606. 
Philosophie und Lucian 589 ff. 656 ff. 
Philostratus u. Lucian 564. 601. 


637. 641 ff. 648 ἢ. 652. 


Register. 


πιττοῦν 577. 613. 

Platons Psychologie 611f. 
Plutarch 620. 641 f. 

Poesie 586. 593 f. 
Präpositionen 572 f. 578. 580. 
Pronomina 571. 579. 

πρῶτος χαὶ μόνος 601. 


Quelle der Fragmente 666 ff. 


Räuberromantik 645 f. 
Redefiguren 575 f. 

Religiöse Strömungen 653. 
Rhetorik 594. 

Rhythmik der Sprache 568. 


Satzbau 574 f. 

Selbstmord 604 ἢ, 

Sidonius Sophistes 626 f. 

Sokrates 595. 605. 610. 621. 630. 
634. 667. 

Sophistik 590. 606 £. 

Sostratus-Agathion 623 f. 639 ff. 

Sostratus der Räuber 640. 

Sprichwörter 585 f. 

Staat 599. 

Stand der Forschung 562 f. 

Steinigung 655 f. 

Stilarten 632f. 

Stilprincip f. Biographien 632—637. 

Synkrisis 640 f. 

Synonyma 576. 

Syntax 570f. 579. 581. 


Tempus 571. 

Thersites 597. 

Theseus 644. 

Timokrates 595. 612. 671. 
Todesfreudigkeit 605. 609. 
Todesgedanke 601f. 611. 649, 
Toleranz religiöse 694. 


Unsterblichkeit 604. 619. 644. 
Urteilsunsicherheit 561 f. 567.625 ἢ. 
628 £. 


Verfolgungen religiöse 659. 
Vergänglichkeit 601 ἢ. 


Wahrheitsliebe 656 f. 

Wahrsagekunst 610 £. 

Wiederholungen 582ff. 589. 631. 
635. 

Wortstellung 5TAf. 

Wortverbindungen 582f. 

Wortwahl 576 ff. 581 f. 


Xenophon 632 f. 


Zenon von Sıdon 655. 
Zweck der Schrift 605 ff. 668 ἢ. 


ZUM SPRACHENKAMPF 
IM RÖMISCHEN REICH 


BIS AUF DIE ZEIT JUSTINIANS. 


EINE SKIZZE 
VON 


LUDWIG HAHN. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 44 


Diese „Skizze“ beruht für die Zeit bis auf Hadrian auf der 1906 
bei Dieterich (Theod. Weicher) in Leipzig erschienenen Studie des Ver- 
fasserss „Rom und Romanismus im griechisch-römischen Osten. Bis 
auf die Zeit Hadrians“. Dort mögen die näheren Angaben und Belege 
für diese Zeit nachgesehen werden. Eine „Skizze“ habe ich vorliegende 
Arbeit genannt, weil sie in allgemeinen Umrissen Andeutungen über 
die Einwirkung des Romanismus und seiner Sprache auf den Hellenis- 
mus sowie auf den Orient bis auf die Zeit Justinians geben soll. Mein 
Zweck ist, die Aufmerksamkeit auf dies noch ziemlich brach liegende 
Gebiet zu lenken, damit durch Lieferung von Spezialuntersuchungen, 
die sich sowohl mit den kulturellen Verhältnissen — Verwaltung, Heer- 
wesen, Rechtswesen, Handel, Münze und Maß, Religion, auch Kunst 
und Literatur — als auch mit der Sprache befassen würden, eine 
weitere eingehende Behandlung des großen Stoffes ermöglicht wird. 
ἀν! ah hier auch auf die in „Rom und Romanismus“ formulierten 

robleme. 


I. 


Jedem, der die Sprachenkarte Europas überblickt, fällt 
wohl ein von einer Bevölkerung romanischer Zunge bewohn- 
tes, aber von den übrigen romanischen Ländern weit entferntes 
Gebiet auf, das im Osten, im sogenannten Halbasien, zu finden 
ist. Dasselbe umfaßt bekanntlich Rumänien!), das östliche 
Ungarn mit Siebenbürgen, die Bukowina, Bessarabien und 
einige Landschaften südlich der Donau auf der Balkanhalbinsel, 
die von den sog. Zinzaren oder Kutzo-Wlachen bewohnt sind. 

Die Existenz dieser romanischen Sprache im fernen Osten 
ist ein heute noch deutlich redender und lebendiger Beweis 
für die Tatkraft der Römer, ein gewaltiges und bedeutungs- 
volles Denkmal römischer Größe. Trotz der kurzen, nicht 
zwei Jahrhunderte dauernden Besetzung Daciens durch die 
Römer, trotz der Stürme der germanischen und dann der sla- 
vischen Völkerwanderung hat sich an der unteren Donau die 
lateinische Sprache als Mischsprache bis auf den heutigen Tag 
erhalten) und gewinnt noch an Terrain. Noch jetzt heißt 
sie die rumänische d. h. römische Sprache und, die sie sprechen, 
nennen sich stolz Rumuni d. h. Romani. 


1) Ueber die Bedeutung von Ῥωμανία (Romania bei Orosius III 
20,11; VII 43,5) = römisches Land, Reich 5. Gaston Paris, Romania 
I. Bd. (1872) S. 14; cf. auch die Bezeichnungen Rumelien, Rum (Ideler, 
Chronologie I 454). 

2) Der Ansicht, daß das Römertum infolge der Wegführung der 
römischen Kolonisten durch Aurelian unterging und daß die heutigen 
Rumänen seit dem 13. Jahrh. aus den Ländern am Balkan allmählich 
in ihr heutiges Gebiet einwanderten, scheint mir die auffallende Tat- 
sache entgegenzustehen, daß das heutige rumänische Sprachgebiet genau 
der ehemaligen provincia Dacia entspricht. Vgl. auch Jul. Jung, Die 
romanischen Landschaften des römischen Reiches, Innsbruck 1881 5. 403. 
452. 460. 468. 470 ff. — Alex. Budinszky, die Ausbreitung der lateinischen 
Sprache, Berl. 1881 S. 222 ἢ, — Die Donaurömer bildeten noch im byz. 
Reich im 5.—6, Jh. den Kern des Heeres; Const. Jirecek, Die Romanen 
in den Städten Dalmatiens während des M.-A., Wien 1901 5. 18—20. 


44 


678 Ludwig Hahn, 


Kümmerlich nehmen sich einem solchen Erfolge der Römer 
in der Romanisierung gegenüber die Germanisierungsversuche 
aus, die vom Deutschtum seit den letzten Jahrhunderten an 
der slavischen Grenze gemacht worden sind. 

Freilich gingen die Römer bei der Unterwerfung der 
Länder gegen die Eingeborenen, zumal wenn sie die Waffen 
gegen die Sieger getragen hatten, mit der für die Aufrecht- 
erhaltung der römischen Herrschaft notwendigen, rücksichts- . 
losen Konsequenz vor, ohne sich durch humanitäre Doktrinen 
beengt zu fühlen. Man hat berechnet, daß es zur Zeit Caesars 
in Gallien etwa drei Millionen kriegstaugliche Männer gegeben 
hat. Von diesen wurde etwa eine Million vernichtet und eine 
zweite Million ging in der Sklaverei zugrunde 5). Bei hart- 
näckigem Widerstand wurden ganze Stämme ausgerottet, ein 
Verfahren, welches mit so großem Erfolg für die Ausbreitung 
der europäischen Rasse von den Spaniern in Amerika und von 
den Engländern in Australien angewendet wurde. 

Die bis zum völligen Ruin gehende Dezimierung der Be- 
völkerung traf vor allem die Länder des Westens. Da die 
übrig gebliebenen Eingeborenen aus ihrem Besitze verdrängt 
wurden, da sie ferner auch kulturell hinter den Siegern zu- 
rückstanden, so gewann im Okzident der Romanismus leicht ᾿ 
und schnell Boden. Zu der Zeit, da die Germanen diese Pro- 
vinzen in Besitz nahmen, fanden sie eine fast homogene Be- 
völkerung mit römischen Sitten, römischer Sprache und römi- 
scher Gesinnung. Die Romanisierung des Okzidents war also 
schon vor dem Einbruche der Germanen vollendet. 

Wesentlich anders lagen die Verhältnisse im Osten. Hier 
stießen die Römer auf Hellas und die hellenistischen Reiche. 
Der aktive Widerstand gegen die Herrschaft Roms war bei 
der erschlafften und degenerierten Bevölkerung zumeist mit 
der Besiegung der Könige zu Ende. Die Unterwerfung Gal- 
liens beanspruchte acht Jahre, die Einverleibung Aegyptens 
war das Werk weniger Tage. Wie die Engländer das un- 
kriegerische und produktive Volk Indiens als ein Objekt der 
Ausbeutung wenn auch nicht zu schonen, so doch zu erhalten 


8) Vgl. Jul. Jung, a. a. Ο. S. 190. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 679 


wissen, ebenso hatten die Römer keine Veranlassung, die un- 
gefährlichen, ob ihrer Schwäche und Unterwürfigkeit verach- 
teten Griechen und Orientalen, welche sie zur Bearbeitung der 
praedia populi Romani, wofür die Provinzen staatsrechtlich 
galten, unbedingt nötig hatten, auf gewaltsamem Wege aus- 
zurotten. 

Weit schwieriger war es den passiven Widerstand zu 
brechen, den die Hellenen und noch mehr die rassefremden 
ÖOrientalen, Völker, die ım Besitze einer alten Kultur auf die 
römischen Emporkömmlinge als auf Barbaren herabsahen, 
gegenüber römischem Wesen zeigten. 

Der gewaltige Kampf zwischen Romanismus und Helle- 
nismus begann bekanntlich mit dem Angriffe des Hellenismus 
auf Italien. Schon im achten Jahrhundert faßten Dorier Euß 
auf Sieilien (Gründung von Syrakus, 734?) und auf dem 
italischen Festlande (Gründung von Tarent 708). Gelons 
Sieg bei Himera über die Karthager (480) und der Hierons 
über die Etrusker bei Kyme (475) bezeichnen den Höhepunkt 
der Macht der Griechen des Westens, Aber im nämlichen 
Jahrhundert schon beginnt die Bewegung der lebenskräftigen 
italischen Stämme gegen die griechischen Kolonialstädte. 
Kyme, von wo aus griechische Kultur nach allen Richtungen 
ausstrahlte, fiel 420 in die Hand der Kampaner. Mit tiefem 
Schmerz weist Aristoxenos von Tarent, der bekannte Musik- 
theoretiker und Schüler des Aristoteles, die Griechen des Ostens 
auf die Barbarisierung Poseidonias, des späteren Paestum, hin. 
Mit der Niederlage des Pyrrhos, der den vergeblichen Versuch 
gemacht hatte wie Alexander im Osten, so im Westen dem 
Hellenismus die Herrschaft zu gewinnen, war die zukünftige 
Romanisierung der früheren Graecia Magna entschieden. Zur 
Zeit Strabos gab es in Unteritalien nur drei Städte, die sich 
ihren griechischen Charakter noch erhalten hatten, Neapel, 
Tarent und Rhegion. Längerer Zeit bedurfte die Romanisie- 
rung Siciliens ἢ). Sie war erst gegen Ausgang des weströmi- 
schen Reiches vollendet. 


*) Cf. Expositio totius mundi et gentium (um 350) ed. Alex. Riese in ἢ 
den Geographi Latini minores, Heilbronn 1878 S. 104 ff. c. 66: Sicilia 
habet autem et viros divites et eruditos omni doctrina Graeca quoque 
et Latina. — Jul. Jung a. a. O. 5. 521. 


680 Ludwig Hahn, 


Was schon der weitblickende Pyrrhos und nach ihm andere 
einsichtige Griechen erkannt und befürchtet hatten, daß nach 
der Niederwerfung des Hellenismus im Westen die griechischen 
Staaten im Osten mit einer neuen feindlichen Weltmacht zu 
rechnen hätten, das trat nach der endgültigen Bezwingung 
des phönikischen Karthago, der letzten Rivalin Roms in der 
Herrschaft über den Westen, ein. Die Siege bei Kynoskephalä, 
Magnesia und Pydna machten den politischen Einfluß Roms 
auch in den am östlichen Mittelmeer liegenden Ländern maß- 
gebend. Damals stellte sich Prusias II. von Bithynien, der 
Verräter Hannibals, römischen Gesandten in der Tracht eines 
λίβερτος (libertus), wie Polybios sagt’), in den χάλτιοι (calcei) 
und mit dem πίλεος (peleus) auf dem Haupte vor. Von da ab 
war Rom der Aufenthaltsort zahlreicher Prinzen und vorneh- 
mer Geiseln, die dort römische Art und die lateinische Sprache 
kennen lernten. Einer derselben, Antiochus IV. Epiphanes, 
zeigte sich später auch als König von Syrien nach Polybios’ 
Schilderung geradezu römertoll. Auch in der Kaiserzeit blieb 
Rom für die Söhne der verbündeten und befreundeten Könige 
die Stätte, wo sie ihre Bildung empfingen, eine Bildung, die 
sie gewöhnlich der Heimat entfremdete, wie es Tacitus von 
den Enkeln des Partherkönigs Phraates bezeugt. Die Nach- 
kommen Herodes’ des Großen z. B. wurden fast alle in Rom 
erzogen. Der letzte Herodeer, Herodes Agrippa II., kämpfte 
auf römischer Seite gegen die Juden, seine Schwester Berenike 
ward die Geliebte des Titus. PCR 

Das bedeutendste Mittel zur Romanisierung war in Italien 
und dann überhaupt im Westen die Aussendung von Kolonien. 
Die methodische Besiedelung des Ördenslandes durch die 
Deutschherrn bildet im Kleinen eine Parallele. In Unterita- 
lien wurden in der Zeit der Republik Kolonien Kroton, Puteoli, 
Thurii, auch Tarent und Rhegion; in Sicilien wurden gegen 
Ende der Republik Messana, Henna und Tauromenion mit dem 
vollen Bürgerrecht beschenkt. 

Den Plan auch den Osten mit römischen Elementen zu 
versetzen, wie es mit so großem Erfolg für die Romanisierung 
im Westen geschehen war, faßte Cäsar. Seine bedeutendste 

5) 8. „Rom u. Romanismus“ S. 23. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 681 


Gründung ist Korinth. Doch fehlte allmählich Italien und dem 
römischen Volke, das als Kriegerkaste des Reichs ungeheure 
Verluste zumal in den Bürgerkriegen erlitten hatte, der nötige 
Ueberschuss an Bevölkerung, um den Osten in demselben Maße 
und Grade wie den Westen mit italischen Pflanzstädten anzufüllen. 
Augustus verfolgte noch die Bahnen seines großen Vaters. Die 
Romanisierung Siciliens machte unter ihm weitere Fortschritte. 
Er gründete Kolonien in Macedonien°:), führte nach Paträ, 
Heliopolis und Berytos Veteranen und besetzte das unruhige 
Pisidien mit einer Reihe römischer Soldatenstädte. Aber in der 
Folgezeit ward bei der zunehmenden Entvölkerung des Reichs 
die Kolonisation des Ostens nur sehr schwächlich weitergeführt. 
Zu erwähnen wäre noch die Umwandlung Jersusalems in eine 
colonia Aelia Capitolina zur Zeit Hadrians °). 

Die Kolonien des Ostens lagen zu weit vom Stammlande 
ab und waren auch voneinander so entfernt, daß sie, wie etwa 
in unseren Tagen ehemals ganz deutsche Städte in den Ost- 
seeprovinzen, in Ungarn, in Böhmen dem Deutschtum ver- 
loren gehen, so mit der Zeit dem ringsum herrschenden helle- 
nischen Elemente erlagen. Zudem erkannte man im Kampfe 
mit den orientalischen Völkern, bes. den Juden und Parthern, 
und auch mit dem Christentum ὁ), gegen das die griechische 
Philosophie dem römischen Staatgedanken als willkommener 
Bundesgenosse zu Hilfe kam, in den Griechen bei der Gemein- 
samkeit der Interessen und religiösen Anschauungen bald 
natürliche Bundesgenossen und sah infolge dessen von einer 
gewaltsamen Romanisierung des verbündeten hellenischen Ele- 
ments ab, erkannte sogar im Laufe der Kaiserzeit die griechische 
Sprache als die zweite, wenn auch minder berechtigte Reichs- 
sprache an’), wie denn die Förderung des Hellenismus im 


5a) Of. Kornemann bei P.-W. IV 1, 549. 

6) Dio Cass. 69, 12, 1. — Ueber die Städte, denen in späterer Zeit 
das wus coloniae erteilt wurde, wie Thessalonike, Philippopolis, Nikome- 
dia, Tyana, Laodicea in Syrien, Tyrus, Palmyra, Antiochia in Syrien, 
Hemesa, Caesares am Libanon, Sidon, Damaskus, Askalon, Gaza, Carr- 
hae, Edessa, Nisibis etc. s. Budinszky a. a. O. S. 232 und bes. Korne- 
mann bei Pauly-Wissowa IV 549 ff. 

6a) 8. χὰ B. Origen. c. Cels. VIII 73. 

) Ueber die Bezeichnungen altera lingua, ἑκατέρα γλῶττα 5. Leon 
Lafoscade, Influence du latin sur le grec in J. Psicharis Etudes de 


682 Ludwig Hahn, 


Orient durch die Römer überhaupt als ihre hervorragendste 
Kulturleistung für den Osten ®) anzusehen ist. Die römischen 
Kolonien im Osten wurden also allmählich hellenisiert, was 
Dion Chrysostomos von Korinth und Apamea eigens bezeugt. 
Doch erhielt sich die offizielle lateinische Sprache in denselben 
bis etwa in die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts. 

Mehr Einfluß auf die Romanisierung hatte im Osten die 
Erteilung des römischen Bürgerrechts?). Das scire latine war 
nach der Ansicht iceros für einen römischen Bürger selbstver- 
ständlich und noch Kaiser Claudius nahm einem vornehmen 
Lykier, der seine in lateinischer Sprache an ihn gerichtete 
Frage nicht verstanden hatte, die ceivitas, indem er aus- 
drücklich erklärte, niemand dürfe römischer Bürger sein, der 
nicht die Sprache Roms verstehe. War diese Voraussetzung 
gegeben, so zeigten sich die Römer auch freigebig mit ihrem 
Bürgerrechte, ein Beweis ihrer politischen Klugheit, wegen 
dessen sie schon Philipp III. von Macedonien wie auch später 
Dionysios von Halikarnaß und der Rhetor Aristides 19) rühmt. 

Vor allem wurde die Zahl der römischen Bürger im Osten 
wie im Westen vermehrt durch die Erteilung des Bürgerrechts 
an die Soldaten und Veteranen der auxiliaa Denn die lange 
Dienstzeit bot eine sichere Gewähr für die Romanisierung im 
Denken und Fühlen. Hellenische Romantiker wie Apollonios 
von Tyana, ein Vorkämpfer des Hellenismus gegen den Ro- 
manismus, befürchteten schon die Barbarisierung der Griechen 
durch die Römer. Derselbe beklagt es besonders, daß die 
schönen Namen der Helden und Weisen des alten Hellas durch 


philol. πέο- grecque, Par. 1892 p. 117 £. Vgl. dens., De epistulis etc., Lille 
1902 8. 10873331. 115%. 

8) Was in dieser Hinsicht Libanios von Kaiser Julian erhofft hatte, 
zeigt uns, was er im ἐπιτάφιος ἐπ᾽ ᾿Ιουλιανῷ, dem weltgeschichtlichen 
Klage- und Totenlied des sterbenden Heidentums, (bei Reiske 1 617) voll 
wehmütiger Liebe spricht: Ὦ τέλους τῆς διανοίας ἀναξίου! ἡμεῖς μὲν 
φόμεϑα τὴν Περσῶν ἅπασαν μέρος τῆς Ῥωμαίων ἔσεσθαι χαὶ νόμοις τοῖς 
ἡμετέροις οἰκήσεσθαι καὶ ἀρχὰς τὰς ἐνθένδε δέξεσθϑαι χαὶ φόρους οἴσειν Kat 
γλῶτταν ἀμεΐφειν χαὶ στολὴν μετακοσμήσειν nal eg κόμας Aal σοφι- 
στὰς ἐν Σούσοις Περσῶν παῖδας ἐχκχροτήσειν ῥήτορας ı. . κχαὶ (last not 
least!) τοῖς ἱεροῖς (d.h. dem alten Glauben) ὑποχωρήσειν τοὺς τάφους (Sc. 
der christlichen Heiligen). 

5) Ernst Dorsch, De civitatis Romanae apud Graecos ῬΕΟΡΑΔΆΒΟΒΕΙ 
Diss. Bresl. 1886, 88 ff. 

10) Eig “Ῥώμην p. 108 ff. 112 Ε΄. (Keil). 


Sprachenkampf im römischen Reich. Ba 683 


die modernen römischen ‚verdrängt würden, wie etwa bei uns 
bes. vor 1870 die französischen und jetzt die englischen Vor- 
namen in Mode sind, worin unwillkürlich die Höherschätzung 
dieser Nationen zum Ausdruck kommt!!). Den Inschriften 
nach zu schließen trugen allerdings die Griechen bes. besserer 
Kreise häufig römische Namen, die römischen Bürger unter 
ihnen vor allem die Familiennamen der Kaiser. Daher die 
Menge der Ἰούλιοι, Φλάβιοι, Αἴλιοι 112), Αὐρήλιοι etc!?). Einer 
besonderen Beachtung wert scheint die Wirkung des römischen 
Bürgerrechts auf den Apostel Paulus. Paulus steht als römi- 
scher Bürger dem Reiche nicht als Feind gegenüber wie sein 
Volk. Diese kosmopolitische Stellung hob ihn über die Be- 
schränktheit national-jüdischer Anschauungen hinaus und 
wirkte so ihres Teils mit, daß er sich nicht als Apostel des 
Judentums, sondern der ganzen Menschheit fühlte. Während 
die Erteilung der civitas an die Griechen Unteritaliens infolge 
des Bundesgenossenkrieges an der Latinisierung der Graecia 
Magna bedeutenden Anteil hatte, ist die Wirkung von Üara- 
callas constitutio Antoniniana de civitate bei dem damaligen 
Zustande der Auflösung des Reichs in dieser Hinsicht weniger 
hoch anzuschlagen!?°). 


Il. 

Da der römische Bürger nur an das römische Recht ge- 
bunden war, so ward römischer Art auch im Rechtsleben der 
Boden geebnet, — fast der einzigen Seite geistiger Tätigkeit, 
in der die Römer nicht nur schöpferisch tätig waren, sondern 
auch für andre Nationen mustergültig wurden (— dies gilt 
auch für die Art der Einwirkung Roms auf das Christentum —). 
Für die Einführung des Rechtes des herrschenden Volkes waren 
ferner die Provinzialedikte günstig, welche zumeist auf römi- 


11) Vgl. auch Hermann Dunger, Wider die Engländerei in der 
deutschen Sprache, Berl. 1899. 

11a) Lyd. de mens. ΠῚ 17 in.: ᾿Αδριανὸς ἐκ τῆς Αἰλίων ἐτύγχανε 
φαμιλίας οἱονεὶ γενεᾶς" ὅϑεν ἔδοξεν αὐτῷ τὸ Αἰλίων ὄνομα τοὺς ὑπηκόους. 
προγράφειν᾽ ὅϑεν nal Αἰλχλία ἢ Ἱερουσαλήμ᾽' καὶ γὰρ αὐτὸς αὐτὴν ἁλοῦσαν 
ἐπόλισεν. | 

. 38) Vgl. Ernst Dorsch a. a. O. 8. 34, 70 und auch Aristides rhetor, 

ἃ. ©. ἃ. Ὁ. 8. 109, 8 63. 

12 4) Vgl. Mommsen, Hermes XVI (1881) 474 ft. 


684 Ludwig Hahn, 


schen Rechtsanschauungen basierten. Schon im Anfang des 
2. Jahrh. nach Chr. sind römische Prinzipien in der Recht- 
sprechung in den Provinzen allenthalben maßgebend. Durch 
die constitutio Antoniniana ward dann das römische Recht 
völlig zum Reichsrecht!?®). Mit dieser für den Romanismus gün- 
stigen Entwicklung hängt es zusammen, daß die Landrechte 
der zu Provinzen gemachten ehemaligen Staaten vor dem 
Reichsrecht immer mehr zurücktraten ähnlich wie wir es im 
neuen deutschen Reich erleben. Die Mediatisierung der meisten 
abhängigen Staaten im Osten durch Vespasian förderte diese 
Zentralisierung. So ist es erklärlich, daß die speziell römische 
Wissenschaft, die Jurisprudenz, seit der Kaiserzeit Griechen 
wie Orientalen nach Rom zog; denn die. Kenntnis des römi- 
schen Rechts war Vorbedingung für alle, die als Beamte Carriere 
_ machen wollten. Der berühmte Rechtsgelehrte Papinian stammte 
aus Phönizien, Ulpian aus Tyrus, Tribonian aus Side in Paph- 
lagonien. Wenn auch das römische Recht durch den Einfluß 
hellenischer bes. stoischer Anschauungen im Laufe der Jahr- 
hunderte manche Veränderung erlitt, die Grundlage blieb so 
sehr die national-römische, daß als Rechtssprache nur die 
lateinische zu verwenden war. Durch den zur Zeit Diokletians 
abgefaßten codex Gregorianus, durch die folgenden Sammlungen 
des codex Hermogenianus und Theodosianus und schließlich 
des codex Justinianeus ward die einheitliche Rechtsprechung 
nach römischen Prinzipien wesentlich gefördert '?). 

Von Byzanz aus unterwarf sich bekanntlich der römische 
Geist im Laufe des Mittelalters und der neueren Zeit, indem 
er Europa in einer Art juristischer Renaissance, deren Anfang 
vor der humanistischen liegt, seine Rechtsanschauungen auf- 
zwang, die Welt zum dritten Male!®). 


130) Vgl. z. B. L. Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht 108. 164f.; 
Schulten, Wochenschr. f. kl. Philol. 1893, 11. — Betrefis der Rezeption 
des röm. Rechts in Aegypten, dessen hergebrachte Verwaltung wenig 
geändert wurde, meint L. Wenger (Berl. philol. Wochensch. 1907, 147), 
daß sich eine Art Kompromiß zwischen einheimischem und röm. Recht 
vollzogen habe. — Die ägyptischen Ergebnisse dürfen m. E. nicht für 
den Orient im allgemeinen generalisiert werden. 

13) Vgl. Bruns-Sachau, Syr.-röm. Rechtsbuch, Leipz. 1880, Kommen- 
tar Ὁ. 315 ff.; L. Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht 202; οἵ. 156 ff. 

14) Rudolph v. Ihering, Geist des römischen Rechts I* Leipz. 1878, 
S. 1: „Drei Mal hat Rom der Welt Gesetze dictiert, drei Mal die Völker 


Sprachenkampf im römischen Reich. 685 


II. 

Das römische Heer ‚war ein Grundstein römischen Wesens 
und Ausgangspunkt für die Verbreitung desselben. Den „Grae- 
οι 15)... und Orientalen gegenüber behauptete der römische 
Bürgersoldat im Bewußtsein der herrschenden Nation anzuge- 
hören seine römische Eigenart!‘). Wie allgemein im Westen, 
so war derselbe auch im Osten in gewissem Grade der Träger 
und Verbreiter der lateinischen Sprache — das romanisierende 
Element des Reiches χατ᾽ ἐξοχήν 17). Bei Apuleius!®) kann 
man lesen, wie einem griechischen Bauern, der nicht lateinisch 
verstand, von einem Legionar mitgespielt wurde. Die den 
Legionen beigegebenen auzxilia gewöhnten sich an römische 
Disziplin, an römische Soldatenart und Soldatensprache. Wie 
Arminius im römischen Lager die lateinische Sprache lernte, 
so wahrscheinlich früher schon ein Deiotarus, der sich sogar 
zwei nach römischem Muster gebildete und eingeübte Legionen 
schuf. Denn die Organisation und Bewaffnung der römischen 
Heere wurde wie früher die der Macedonier für Freund und 
Feind — selbst für einen Hannibal — vorbildlich. Der Ein- 
wirkung orientalischer Sitten und Unsitten auf die im Osten 
garnisonierenden Legionen suchte man wenigstens in den ersten 
beiden Jahrhunderten der Kaiserzeit durch Verlegung von Le- 
gionen in den Westen und umgekehrt!?) sowie durch häufigen 
Wechsel der Offiziere entgegenzuwirken. Bei den auzilia da- 


zur Einheit verbunden, das erste Mal, als das römische Volk noch in 
der Fülle seiner Kraft stand, zur Einheit des Staats, das zweite Mal, 
nachdem dasselbe bereits untergegangen, zur Einheit der Kirche, das 
dritte Mal in Folge der Reception des römischen Rechts im Mittelalter 
zur Einheit des Rechts; das erste Mal mit äußerem Zwange durch die 
Macht der Waffen, die beiden anderen Male durch die Macht des 
Geistes“ etc. 
15) Vgl. Persius V 190: 
Dixeris haec inter varicosos centuriones, 
Continuo crassum ridet Fulfennius ingens, 
Et centum Graecos curto centusse licetur. 
16) Vgl. Gust. Friedr. Hertzberg, Gesch. Griechenlands unter der 
Herrschaft der Römer 11. Bd. Halle 1868 5. 155f. 
11 Vgl. auch M. Freudenberger, Beiträge zur Naturgeschichte der 
Sprache, Leipz. 1900 S. 41. 
18) Metam. IX c. 39ff.; cf. Lucian, Asin. c. 44 ff. 
ὅτι 19) Dies geschah auch unter Aurelian s. Groag bei Pauly-Wissowa 
412. 


686 Ludwig Hahn, 


gegen war man bestrebt, den nationalen Charakter möglichst 
zu verwischen. Deshalb wurden denselben römische Soldaten 
beigegeben und römische Offiziere standen häufig an ihrer 
Spitze. Der ausgediente Auxiliarier erhielt das römische Bür- 
gerrecht und ward so mit seiner Nachkommenschaft der herr- 
schenden Nation zugesellt 59), Die Aufnahme von Mannschaften 
fast aller Nationen des Reichs in die Legionen, wie sie seit 
dem 2. Jahrhundert stattfand, konnte der Romanisierung nur 
förderlich sein?®). Seit Septimius Severus bestand sogar die Prae- 
torianergarde in Rom aus einer Auslese der tapfersten Völker 
des Imperiums?'). Ein ähnliches System der Verteilung der 
fremdsprachigen Rekruten in deutsche Regimenter herrschte 
bekanntlich bis auf die neuere Zeit in Oesterreich — nicht 
zum Schaden des Reichsgedankens und der Stütze desselben, 
des deutschen Elements. Wie der römische Soldat an Rhein 
und Donau die Lagerstädte schuf, von welchen aus sich römische 
Sitte und Sprache weit ins Barbarenland hinein verbreiteten, 
so war es auch an den östlichen Grenzen. Städte wie Melitene 
und Satala??) in Kappadocien und Bostra??) in Arabien, wo 
Legionen lagen, scheinen in der Umgegend in einem gewissen 
durch den Wettstreit des Hellenismus beschränkten Maße 
römischem Wesen Eingang verschafft zu haben. Auch Dacien 
wurde durch die Soldaten und Veteranen romanisiert, obwohl 
die Hauptmasse der römischen Ansiedler aus Asien stammte. 
Wir können ja heute in unserer Lagerstadt Metz beobachten, 
wie trotz des zähen Widerstands des im Bewußtsein der „grande 
nation“ anzugehören hochmütig reservierten französischen Ele- 
ments die Stadt immer deutscher wird. Im 2. Jahrh. standen 
11 Legionen im Orient, ein ganz bedeutendes Gewicht in der 
Wagschale des Romanismus. Im 3. Jahrhundert, als sich das 
Reich in einzelne Nationalstaaten auflösen wollte, schien es, 
als ob auch das feste Band des römischen Heeres, welches das 
Reich noch zusammengehalten hatte, zerreißen sollte. Aber 


20) Vgl. Cod. Theodos. VII 20,2 und Mommsen, Hermes XVI 473. 
20a) Aristides rhetor a. a. O. S. 112 ἢ. 
21) Dio Cass. LXXIV 2. — Vgl. Mommsen, Die Konskriptionsordnung 
Ἂν röm. Kaiserzeit im Hermes XIX (1884) 8. 62 ff. — Dorsch ἃ. o. a. 
. 8. 40. 
33) Vgl. CIL III p. 2063, 2225 ff., 2316°, 
23) Vgl. CIL III p. 18. 968f. 1214. 2303. 


Sprachenkampt ım römischen Reich. 687 


tüchtige Kaiser und Feldherrn, ein Aurelian °*), ein Konstan- 
tin, ein Theodosius, ein Aetius wußten römischen Geist auch 
den zum großen Teil aus Barbaren bestehenden Legionen ein- 
zuflößen 55). Tausende von Germanen, von Armins Bruder 
Flavus bis auf Stilicho, vergaßen, wenn ihnen die Ehre er- 
wiesen ward, in den römischen Heeresverband aufgenommen 
zu werden, ihrer Abstammung und Heimat und lernten, wie 
noch heute die Deutschen die meisten Apostaten vom eigenen 
Volkstum stellen, sich römisch zu geben und römisch zu fühlen. 
Daß der römische Geist in den romanisierten Provinzialen und 
dann selbst in den romanisierten Barbaren lange noch herrschte, 
als schon längst kein Tropfen echten Römerbluts mehr existie- 
ren konnte, ist der größte Triumph römischer Kraft. Denn 
Rom erwies sich stärker als Blut und Rasse. Diese Umwand- 
lung in der Denkart, die sich infolge des Dienstes im römi- 
schen Heere, das der Welt ihre Herrscher gab, vollzog, finden 
wir auch bei Orientalen. Ein junger Aegypter, von dem uns 
ein Brief in einem Papyrus erhalten ist, schreibt stolz nach 
Hause, daß er jetzt römischer Soldat sei und von nun ab einen 
römischen Namen trage?%). Ueberhaupt dachte auch in der 
Zeit der sog. 30 Tyrannen niemand, soweit nicht die Reichs- 
idee und der Patriotismus durch staatsfeindliche Ideen des 
kosmopolitischen, zum Teildurch kommunistische (montanistische 
und chiliastische) Utopien vom Boden der realen Verhältnisse 
abgelenkten, überdies durch die Verfolgungen verbitterten 
Christentums geschwächt worden war 527), an die Auflösung des 
den Völkern als eine Art unantastbaren Heiligtums geltenden 


22) Ueber die Wiederherstellung der militärischen Disziplin durch 
Aurelian s. Eutrop. IX: 14. 

25) O. Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt I. Bd. 
Berl. 1895 S. 415. 

26), Vgl. Βα Τ II Nr. 423 (2. Jahrh.): ἔλαβα βιάτικον παρὰ καί- 
σαρος χρυσοῦς τρεῖς (bei seiner Landung in Misenum) χαὶ χαλῶς μοί 
ἐστιν... ἔστι δέ μου ὄνομα ᾿Αντῶνις Μάξιμος (statt des ägyptischen Namens 
᾿Απίων). ᾿Ἑρρῶσϑαί σε εὔχομαι. — ΑΘ]. Aristides sagt (a. a. Ο. ὃ. 75 
Ῥ. 113 Keil) von den mit der cwvitas beschenkten Rekruten: ὥστε χαὶ 
αἰσχυνθῆναι τὸ λοιπὸν αὑτοὺς Exeivoug γ᾽ ἀνειπεῖν, ὅϑεν ἦσαν τὸ ἀρχαῖον. 

“ἢ Vgl. z. B. Hippolytos, canon 18. 14, Cyprian ep. 1,7; 56,8, 
‘dann bes. Schriften wie Tertullians Apologeticum (s. auch de cor. z. B. 
11) und des Laktanz De mortibus persecutorum. — Paul de Lagarde, 
Deutsche Schriften, Gött. 1892 8. 235. 


688 Ludwig Hahn, 


Reiches°®). Ein solches nefas lag den Prätendenten ebenso 

ferne als später einem Odoaker oder Theodorich, die der festen 

 Ueberzeugung waren, daß die römische Welt durch sie erhalten 

und verteidigt werde?°). Odenathus fühltesich als Vertreter Roms, 

Zenobia nannte sich Augusta und ließ ihre Söhne vor allem in 

der lateinischen Sprache als der Reichssprache unterrichten °°). 
IV. 

Den römischen Legionen folgte der römische Kaufmann. 
Was mit dem Schwerte erobert war, das wurde zur Ausbeu- 
tung und Aussaugung dem römischen Kapitalismus überliefert. 
Bald wurden die Provinzen zu Domänen der reichen Kapita- 
listen der Hauptstadt, auf denen die ehemaligen Besitzer als 
Pächter oder Sklaven fronten. Wie in unsrer Zeit nicht nur 
Indien und Aegypten, sondern selbst das scheinbar unabhängige 
Portugal fast vollständig in der Hand des englischen Kapitals 
ist, so wurden die unterwürfigen Griechen und Asiaten lang- 
samer zwar als die Eingeborenen des Okzidents durch Kriege, 
aber eben so sicher durch die Finanzpolitik in allen materiellen 
Verhältnissen von Rom abhängig und häufig ihrer Existenzbe- 
. dingungen beraubt und ruiniert. Wie die Irländer durch den 
dauernden Druck der englischen Großgrundbesitzer teils zur 
Auswanderung genötigt teils an den Bettelstab gebracht wor- 
den sind, so wurden die einst so geistesmächtigen Griechen in 
Sicilien ganz abgesehen von der Raubsucht von Statthaltern 
wie Verres bes. durch den immer stärkeren Uebergang des 
Grundbesitzes in römische Hand der Verarmung preisgegeben, 
so daß dieser herrliche Zweig griechischen Volkstums allmäh- 
‘ lich abstarb. Schon zur Zeit Strabos war die einst von volk- 
reichen Städten erfüllte Insel zu einer von Hirten bewohnten 
Einöde geworden — eine Folge der durch den echt römischen 
Trieb nach Macht veranlaßten Gründung mächtiger latifundia, 


die im Besitze des Großkapitals, wie der alte Plinius sagt, 


28) Vgl. auch G. Kretschmar, Ueber das Beamtentum der röm. 
Kaiserzeit, Ak. Antrittsrede, Gießen 1879 S. 60. 

58) Vgl. Franz v. Löher, Kulturgeschichte der Deutschen im Mittel- 
alter 1. Βα. Münch. 1891 S. 348 ff. 

80) Trebell. Pollio Tyr. trig. 30: filios Latine loqui iusserat, ita ut 
Graece vel difficile vel raro loquerentur. Ipsa Latini sermonis non usque 
quaque gnara, sed ut loqueretur pudore cohibito. — Joh. Oberdick, Die 
römerfeindlichen Bewegungen im Orient während der letzten Hälfte 
des 3. Jh. n. Chr., Berl. 1869 S. 35. 38. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 689 


Italien schon ruiniert hatten und die Provinzen noch ruinieren 
sollten. In Asien waren Gemeinden und Könige von Schulden 
erdrückt. Wie es dort zuging, zeigt uns, was Cicero von den 
Salaminiern auf Cypern erzählt. Diese schuldeten dem Brutus, 
der sonst nur als phrasenreicher Freiheitsheld und als repu- 
blikanischer Tugendbold bekannt ist, einige Talente. Als sie 
ihm die selbst für einen Wucherer übertriebenen Zinsen nicht 
zahlen wollten, wurden die Ratsherrn der Stadt im Rathaus 
von einer Schwadron römischer Reiter solange eingeschlossen, 
bis fünf derselben verhungert waren. Wir begreifen, daß 
sich unter solchen Umständen die Provinzialen zu Caesar und 
den Caesarianern hielten und nach der kommenden Monarchie 
sehnten, was dem im republikanischen Doktrinarismus und 
Phrasentum befangenen Cicero als „mira amentia“ erscheint. Die 
Monarchie bedeutete denn auch eine, wenn auch nicht voll- 
kommene Erlösung von dem rücksichtslosen Druck einer selbst- 
süchtigen und beschränkten Aristokratie. Der Untergang der 
hellenischen Freiheit hatte lange Zeit — und das war die 
schlimmste Folge der Wirkung römischen Wesens — auch die 
geistige Schaffenskraft der Hellenen, wie das Beispiel Siciliens 
zeigt, geschwächt. Unter dem Kaisertum aber erlebte der 
Hellenismus materiell und geistig eine Renaissance, die den- 
selben gegen den Komanismus stärkte. 

Auf die Zahl der in eigenen Gilden, den sog. conventus, 
vereinigten und fast mit dem Monopol privilegierten italischen 
Kaufleute im Osten läßt die Angabe des Valerius Maximus 
schließen, daß Mithridates in Kleinasien 80000 Italiker — 
nach Plutarch waren es sogar 150 000 — hat ermorden lassen. 
Auf Delos, dem römischen Emporium für den Osten, sollen 
damals 20000 Römer getötet worden sein. Diese convenius 
wurden in der Kaiserzeit verstärkt durch entlassene Veteranen, 
die als Händler ihr Brot verdienten. Je mehr jedoch im Ver- 
laufe der Kaiserzeit die Provinzialen den cives gleichgestellt 
wurden, umso mehr verloren die Römer ihr kommerzielles 
Uebergewicht. Ihre Nachfolger sind auch im Westen Syrer 
und Juden ®!). Mit dem Siege des Christentums zogen viele 


31) Vgl. Ernst Kornemann, De civibus Romanis in provinciis imperii 
consistentibus, Diss, Berl. 1891, 5. 78f.— Friedländer, Sitteng. RomsI1® 78. 
 — Scheffer-Boichorst, Mitt. f. österr. Geschichtsforschung VI (1885) 528 ff. 


690 Ludwig Hahn, 


Pilger aus dem Westen nach Palästina?) und blieben zum 
Teil als Mönche dort, wie Hieronymus, der seine meisten Werke 
in einem Kloster bei Betlehem verfaßte. Diese Wallfahrer 
lösten die Züge der Vergnügungsreisenden ab, die in den Zeiten 
des Heidentums — man denke nur an Hadrian — die ge- 
schichtlich oder auch landschaftlich merkwürdigen Stätten in 
Hellas und im Orient bes. in Aegypten, den Engländern°®) in 
unseren Tagen vergleichbar, in Menge besucht hatten. 
Natürlich fanden mit dem Emporkommen des römischen _ 
Handels auch die Maße und Münzen der Römer im Osten 
Eingang. Die römische Meile ist schon dem großen Geogra-. 
phen Eratosthenes bekannt. Es entsprach dem Zentralisierungs- 
bedürfnisse der Kaiserzeit, daß die römischen Maße rechtlich 
Reichsmaße, die römischen Münzen Reichsmünzen, der römische 
Kalender Reichskalender wurde. Doch verfuhr man hierin 
nicht mit doktrinärer Konsequenz ; man beließ die einheimischen 
Maße, wo sie nur den römischen angeglichen werden konnten. 
Aehnlich wie die Engländer verstanden es die Römer zuzuwar- 
ten, bis die Verhältnisse ein Fortschreiten der Zentralisierung 
d. h. der Romanisierung rätlich erscheinen ließen. So ward 
der denarius — das Wort existiert noch heute im Neugrie- 
chischen, in den Sprachen der Balkanvölker und in denen 
Westasiens ®) — zu Ungunsten der attischen δραχμή dieser 
gleich gewertet, aber die δραχμή nicht außer Kurs gesetzt. 
Die römischen Münzen wurden selbst in Arabien, Indien 
und China bekannt; denn für die importierten Gewürze, Edel- 
steine und sonstigen Kostbarkeiten dieser Länder ging das 
römische Geld als Exportartikel ins Ausland, ein Hauptgrund 


33) Vgl. Anton Baumstark, Abendländische Palästinapilger des ersten 
Jahrtausends und ihre Berichte. Vereinsgaben der Görres-Gesellschaft, 
Köln 1906. 

3) Vgl, hiezu J. P. Mahaffy, The Greek world under Roman sway, 
Lond. 1890 p. 11: I imagine the Romans to have held the place in 
European disfavour which the middle class Englishman now holds, 
who knows no foreign tongue, respects no foreign habit, recognises no 
foreign virtue, but walks through the world assuming the English 
respectability, just as the Roman assumed his gravitas, to be the 
stamp of a superior race. 

ε Ν᾿ Vgl. Gust. Meyer, Sitzber. Akad. Wien Bd. 132 (1895) ΠῚ 
; 1 


Sprachenkampf im römischen Reich. 691 


der allmählichen Verarmung und späteren Finanznot des 


Reichs 55). 


| Υ. 

Was Rom für die Welt in religiöser Beziehung geworden 
ist und noch ist, das sichert dieser Stadt vor allem den Titel 
der bedeutendsten Stadt in der Geschichte der Menschheit. Und 
wenn Ihering®‘) in der Einleitung zum „Geist des römischen 
Rechts“ sagt, daß Rom sich dreimal die Welt unterjocht habe, 
durch die Gewalt der Waffen, durch die römische Kirche und 
durch das römische Recht, so ist die zweite Eroberung sicher 
die dauerndste. 

Wie nun kam Rom zu einer so gewaltigen Stellung in 
der Religion? Diese Umwandlung Roms aus einer Macht des 
Schwertes zu einer geistigen Macht ist eine der bemerkens- 
wertesten Metamorphosen der Weltgeschichte, eine Metamor- 
phose, welche die Weltstadt erst zur ewigen Stadt gemacht hat. 

Wenn auch Dionysios von Halikarnaß meint, es sei für 
alle Untertanen Roms ersprießlich, die gewaltigen Götter der 
Römer nach deren Weise anzubeten, so ist doch die altrömische, 
juristisch formelhafte und gemütsleere Art der Gottesverehrung 
von den Hellenen und zumal vom Orient, der Mutter der Re- 
ligionen, kaum anders als wegen einiger äußerlicher Gebräuche 
beachtet worden. Anders wurde es, als mit der Einführung 
der Monarchie die tolerante, altrömische Götterverehrung durch 
die neue Staatsreligion, den Kaiserkult, zurückgedrängt wurde. 
Durch den Kaiserkult, der allerdings ursprünglich nur eine 
Nachahmung des orientalischen, vom Hellenismus übernomme- 
nen Herrscherkultes war, sollten den zentralisierenden Bestre- 
bungen des Kaisertums entsprechend die Volksreligionen ver- 
‚dunkelt und verdrängt werden. Die neue Reichsreligion sollte 
wie das Reichsrecht allmählich bei allen Reichsangehörigen 


3) Cf. Mor. Voigt, Privataltertümer und Kulturgesch. ἃ, R. (in 
Iwan v. Müllers Handbuch d. klass. Altertums-Wiss. 4. Bd. 2, H.), 
Nördlingen 1887 S. 897 ff. — Ueber die Bezeichnungen &2&&Yytov(exagium), 
μιλιαρήσιον (miliarense), φόλλις (follis) 5. Hultsch, Metrol.” 327f. 330. 
341. 343. — Kreuser, Verh. d. 5. Philol. Vers, Ulm 1842 S. 99. — Galen 
ed. Kühn XII 931s; XIII 4285, 435, 893 ss. 

36) 5, ο. S. 684 A. 14. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft, 45 


692 Ludwig Hahn, 


Anerkennung finden. Das Opfer vor dem Kaiserbild war die 
Unterwerfung unter die Hoheit Roms auch in Sachen der 
Religion°®”). Im Gefolge des Kaiserkults verbreiteten sich die 
zu Ehren der Kaiser veranstalteten Gladiatorenspiele, die von 
den sog. Kaiserpriestern, den Statthaltern und den Vasallen- 
fürsten gegeben wurden, über Hellas — in Athen war zur 
'Stätte dieser Metzeleien das Theater des Dionysos geworden! — 
und über den ganzen Orient. An den Kaiserfesten wurden in 
den Amphitheatern des Ostens wie des Westens Hunderte von 
Menschen dahingeschlachtet, wobei allerdings das religiöse 
Moment gegenüber dem politischen erst mit den Judenkriegen 
und Christenverfolgungen mehr hervortrat. 

Die Kaiserreligion mußte denjenigen Volksreligionen gegen- 
über, diesichihr nicht assimilieren und unterstellen ließen, unduld- 
sam werden. Das erfuhren zuerst die Juden. Die Erbitterung 
derselben ob der Verletzung ihrer religiösen Ueberzeugung 
durch Aufstellung von Kaiserbildern in den Synagogen — 
Caligula wollte seine Bildsäule sogar in den Tempel Jehovahs 
bringen lassen — entlud sich im jüdischen Kriege. Die Ver- 
weigerung des Kaiserkults war dann in der folgenden Zeit der 
Hauptanlaß der Christenverfolgungen. 

Nach der Zerstörung der heiligen Stadt des alten Bundes 
suchte das Christentum einen neuen Mittelpunkt, eine neue 
heilige Stadt. Es fand ihn in Rom, der Stadt der Märtyrer, 
der Stadt der Hauptapostel Petrus und Paulus. Der Todestag 
Jerusalems ward sozusagen der Geburtstag des Papsttums. In 
Rom kam unter Einwirkung der römischen Anschauung von 
der Machtfülle und Unabsetzbarkeit des magistratus der Un- 
terschied zwischen Klerus und Laien zu immer deutlicherer 
Entfaltung. Die Autorität des Bischofs galt für unantastbar 
wie die des römischen Beamten. Die christliche Gemeinde in 
Rom gilt schon Ignatius, dem Bischofe von Antiochia, der zur 
Zeit Trajans als Märtyrer starb, als die erste der Christenheit. 
Im 3. Jahrhundert wird der römische Bischof als der erste ‚des 
Reichs hingestellt 38). | 

“Ὁ Edwin Hatch, Griechentum und Christentum, Deutsch von Erwin 
Preuschen, Freib. i. Br. 1892 S. 15. 


3) Vgl. Irenaeus adv. haer. III 3 und das Auftreten Papst Viktors 
I. (199203) im Osterstreit; cf. Euseb. H.E. V c, 24. Kaiser Aurelianus 


Sprachenkampf im römischen Reich, ἢ 693 


Konstantin d. Gr. gelang es zwar, das Christentum durch 
kluge Nachgiebigkeit für den Staat zu gewinnen oder vielmehr, 
wie einsichtige Kirchenväter erkannten 385), dem Staate dienst- 
bar zu machen‘), aber die vom Kaiser aufgegebene Roma 
schuf sich jetzt im Papsttum eine neue Form für den ihr vom 
Schicksal gegebenen Beruf, die Weltherrschaft*!). Wie das 
Christentum in Rom von der römischen Idee der Weltherr- 
schaft erfaßt wurde*?), wie es immer mehr römischen Anschau- 
ungen und Satzungen sich anschmiegte, römische Sitten und 
Gebräuche übernahm, wie es auf Grund römischer militärischer 
Disziplin und juristischer Konsequenz eine mächtige Hierarchie 


entschied in dem Streite betrefis der Absetzung des Bischofs Paulus 
von Samosata zu Antiochia, daß derjenige Bischof in Antiochia sein 
solle, den der Bischof von Rom und die von Italien anerkennen 
würden; Euseb. H. E. VII 30, Ad. Harnack, Mission und Ausbreitung 
des Christ. 5. 435. Vgl. Ad. Harnack, Wesen des Christentums, 3. Aufl. 
Leipz. 1900 S. 61. 72. 84 ff. 124f.; H. Grisar, Gesch. Roms und der 
Päpste im M.-A., 1. Bd. Freib. i. Br. 1901, S. 242 ff. — Tschirn, Zeitschr. 
f. Kirchengesch. XI 228 ff. — Th. Keim, Rom und das Christentum, 
Berl. 1881 S. 340. 

39) Vgl. S. Hilarii ad Constantium Aug. 1. Ic. 4 und 5 (Ausg. von 
‚Franz Oberthür, Würzb. 1785) und bes. ο. 7 5.: Proclamo tibi, Constanti, 
quod Neroni locuturus fuissem, quod ex me Decius et Maximianus audiret 
Contra deum pugnas, contra ecclesiam saevis, sanctos persequeris, ... 
religionem tollis, tyrannus non iam humanorum, sed divinorum es ... 
Christianum te mentiris, Christi novus hostis es etc. c. 8: Plus crudeli- 
tati vestrae, Nero, Deci, Maximiane, debemus. Diabolum enim per vos 
vicimus,... At tu, omnium crudelium crudelissime, damno maiore in nos 
et venia minore desaevis.... Sed haec ille pater tuus (!) 
artifexhumanarum mortium, docuit, vincere sine contus 
melia, iugulare sine gladio, persequi sine infamia, odire sine suspicione 
mentiri sine intellegentia, profiteri sine fide, blandire sine bonitate 
agere, quod velis, nec manifestare, quae velis... Dem Jul. Firmicu 
Maternus (De errore profanarum religionum) sind die Kaiser Constantius 
und Oonstans immer noch sacratissimi imperatores (6.1; 8,4; 16,4 etc.) 
und Vertreter der christlichen Staatskirche; cf. 29,1: vobis, sacratis- 
simi imperatores, hoc dei summi lege praecipitur, ut severitas vestra 
idololatriae facinus omnifariam persequatur; cf. 16,4. 20,7. 28,6. — 
Vgl. auch Leo Tolstoj, Mein Glaube, übers. von Raphael Löwenfeld, 
Leipz. 1902 S. 297 £f. 

40) Euseb. vita Const. IV 42, — Vgl. Gaston Boissier, La fin du 
paganisme t. I Par. 1901 p. 66 ff. — Th. Preger, Konstantinos-Helios, 
Hermes XXXVI 462 ff. — Ueber Theodosius ἃ. Gr. 5. Corp. Just. I 1,1. 
— Justinian, der letzte bedeutende Vertreter des alten Reichsgedankens, 
ist „die eigentliche Verkörperung des Cäsaropapismus“; cf. H. Gelzer, 
Staat und Kirche in Byzanz 199 ff. 

41) Vgl. Harnack, Wesen des Chr. 154 ff. — Hefele, Conciliengesch. 
I. Bd. Freib. 1885 S. 7. 30. 33. 38. 

#2) Tschirn, Zeitschr. f. Kirchengesch. XII 217. 


45 ἢ 


694 Ludwig Hahn, 


aufbaute #3), wie seine Heere von Priestern und Mönchen weit 
gewaltigere Eroberungen machten, als es in ihren kühnsten 
Träumen die Cäsaren hätten ahnen können, das lehrt uns die 
Geschichte des Christentums im Mittelalter. Winfried, der 
romanisierte Angelsachse, und Hildebrand, der romanisierte 
Langobarde, leisteten für Rom und Romanisierung weit Grös- 
seres und Dauernderes als die Scipionen oder ein Cäsar. Die 
Kirche hatte aber ihre in römischem Geiste erzeugte Organi- 
sation und Rüstung gegenüber der ringsum andrängenden 
Barbarei als einziges Schutzmittel für die im Christentum er- 
haltenen Reste der antiken Kultur unbedingt nötig. Was 
wäre aus der Kirche und aus der in ihr gehaltenen Lehre 
Christi ohne jene gewaltige Kampfesorganisation geworden, die 
wie alles Große in der Welt auf der geistigen Kraft einzelner 
hervorragender Persönlichkeiten aufgebaut war? Sie bedeutete 
den Schutz gegen Verweltlichung im schlimmsten Sinne, wie 
sie etwa die verkommene Kirche des Merowingerreiches zeigt. 


VE 

In welchem Maße und Grade nun der Romanismus im 
Osten Einfluß gewonnen hat, das läßt sich am genauesten an 
der Sprache erkennen. Bei dieser Untersuchung sind vorzüg- 
lich zwei Fragen zu beantworten. Erstens: „Welche Erobe- 
rungen machte die lateinische Sprache im Osten?“ und zweitens: 
„Wieweit ging die Latinisierung der hellenischen bez. der 

Orte Sprachen 552) ὃ“ | 
Schon in einem der platonischen Briefe, die a ΟΝ 
lich im dritten Jahrhundert v. Chr. geschrieben sind, wird die 
Befürchtung ausgesprochen, daß die Sprache der Griechen des 
Westens entweder der punischen oder’ der der Opiker ἃ. ἢ. 
der Römer erliegen werde. In der Zeit der Republik war die 
offizielle Sprache des römischen Beamten im Verkehr mit 
Griechen die lateinische, was Valerius Maximus eigens hervor- 


48), Wilh. Soltau, Das Fortleben des Heidentums in der altchrist- 
lichen Kirche, Berl. 1906, 5. 210 ff. — Ed. Rabaud, Altheidnische Wur- 
zeln im katholischen Kultus, deutsch v. G.L. (ef. Lit. Z. — Bl. L 1699) 
war mir nicht zugänglich. 

4 Vgl. auch Albert Thumb, Die griech. Sprache im Zeitalter des 
Hellenismus, Straßb. 1901 S. 152 ff. und L. Lafoscade, Influence du latin 
sur le grec a. o. a. Ο, S. 100 ff. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 695 


hebt. Cato der Aeltere hielt zur Zeit des Krieges mit Antio- 
chus eine lateinische Ansprache an die Athener. Nach der 
Schlacht bei Pydna verkündete Aemilius Paulus den Macedo- 
niern die Beschlüsse des Senats in der Sprache Roms. In 
solchen Fällen waren natürlich Dolmetscher nötig. Der erste 
Grieche, der ohne Dolmetscher im Senate gehört wurde, war 
wahrscheinlich Apollonios Molo. Dem Cicero wurde es noch 
zum Vorwurfe gemacht, daß er vor dem Rate von Syrakus 
griechisch gesprochen habe. Die Senatsbeschlüsse, die an 
Griechen ergingen, die Erlasse der Statthalter, die Verord- 
nungen der Kaiser waren im Urtext lateinisch abgefaßt 45). 
Eine wörtliche griechische Uebersetzung wurde von Amts wegen 
in Rom besorgt und beigegeben. Dies war in der Kaiserzeit 
die Aufgabe der Beamten der griechischen Kanzlei *). Kon- 
stantin d. Gr. verfaßte seine Reden in lateinischer Sprache, 
dann wurden sie von eigens dazu bestimmten Beamten ins 
Griechische übersetzt”). 

Die Heeressprache war selbst in Aegypten, das nicht als 
Provinz, sondern als dem Reiche angegliederte Domäne des 
Kaisers galt und nach dem von den Ptolemäern überkomme- 
‚nen System unter Beibehaltung der griechischen Amtssprache 


#5) Vgl. z. B. Eus. H. B. IV 8 extr. X 2,2; 5; Ath. Mitt. XXVII 
(1902) 82; Dirksen I 43 ἢ, ; CJL. III 352. 7000 die Epistula Ablabii praef. 
praet. Orientis ad Orcistenos und das Rescriptum Constantini Maximi 
filiorumque ad Orcistenos a. 331 (cf. Mommsen, Hermes XXII (1887) 
Ss. 809 fi); L. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlung zu 
Leipzig, 1. Bd. Leipz. 1906, Nr. 44 (Lateinisches Reskript des Diokletian 
über die Privilegien der Schauspieler und Athleten); A. Schulten, Zwei 
Erlasse des Kaisers Valens über die Provinz Asia in d. Jahresheften d. 
österr. arch. Inst. IX (1906) 40—70, bespricht den lat. Erlaß an Eutropius, 
wahrscheinlich den Verfasser des Breviarium, dann einen lat. Erlaß 
an Festus mit griech. Uebertragung. Letztere schien nötig, weil der- 
selbe auch für die Provinzialen von Wichtigkeit war. | 

46) Notitia Dignitatum Or. ce. XVII 8 4 (ed. Böcking 150): Magister 
epistolarum Graecarum eas epistolas, quae graece emitti solent, aut ipse 
dietat aut Latine dictatas transfert in Graecum. Eunap. v. soph. ed. 
Boissonade p. 177 sagt von Nymphidianos: ὃ δὲ αὐτοχράτωρ Ἰουλιανὸς 
αὐτῷ χαὶ τὴν βασιλικὴν γλῶτταν ἐπέτρεψε, ταῖς ἐπιστολαῖς ἐπιστήσας, ὅσαι 
διὰ τῶν Ἑλληνικῶν ἑρμηνεύονται λόγων, cf. p. 108. --- Har. Steinacker, 
Die röm. Kirche und die griech. Sprachkenntnisse des frühen M.-A. τῇ 
der Festschr. Theod. Gomperz dargebracht zum 70. Geburtstage, Wien 
1902, S. 339. — Ed. Dirksen, Civilistische Abhandlungen, Berl, 1820, I 53. 

41) Euseb, vita Const.IV 32; ef. III 13.C.Fr. Weber, De latine scriptis, 
quae Ran veteres in linguam suam transtulerunt, part. II, Cassel 
1848 8. 1. 


696 Ludwig Hahn, 


verwaltet ward, lateinisch, wie z. B. die durch Papyri erhal- ἢ 
tenen Fragmente eines römischen Militärarchivs erweisen 48). Ὁ 
Noch am Ende des 5. Jahrh. ist die Kommandosprache im by- | 
zantinischen Heere die lateinische”). Die offiziellen Inschriften 
von Beamten und Offizieren, auch die römischer Kolonien δ) | 
sind im Orient lateinisch 5). Doch findet sich häufig eine 
griechische Uebersetzung beigegeben. Ebenso waren die Auf- 
schriften der Reichsmünzen lateinisch, die der Provinzialmünzen 
sind bis auf Trajan meist lateinisch oder doppelsprachig. Grie- 
chische Buchstaben als Wertbezeichnung auf Münzen erscheinen 
erst unter Kaiser Anastasios (491—518), eine griechische 
Legende erst unter Heraklios (610—641) 52). Aehnlich ist es 
mit den Meilensteinen’°?). 

Lateinisch war auch die Sprache des römischen Rechts. 
Die Anwendung dieser Sprache war schon durch den Gebrauch 
der üblichen verba legitima bedingt°*). Diese werden noch in 
den Novellen und in der im 6. Jahrhundert gefertigten grie- 
chischen Paraphrase der Institutionen, die den Namen des 
Theophilos trägt, lateinisch wiedergegeben. Man vergleiche z.B. 
Ausdrücke wie , ὅπερ γὰρ divini iuris ἐστιν“ oder αὕτη γὰρ non 
' Iure civili facta ἔστιν “ oder „to jurisgention “,, δύναται usucapere*, 
„excusatevesdwoav“ oder „Y) emancipata ϑυγάτηρ ὅ5).“ Was dem 


48) Jul. Nicole et Ch. Maret, Archives militaires du premier siecle, 
Gen&ve 1900. — Vgl. Blümner, N. Jahrb. III (1900) 432 ff. und Archiv 
f. Papyrusforschung II (1904) 1 ff. 

49) Zachariae von Lingenthal in der Byz. Zeitschr. III 437 ff, J. B. 
Bury, A. history of the later Roman empire Lond., 1889, II. Bd. c. 7. 
p. 172, Cf. u. 8. 714. 

‘0, Vgl.z. B. CIL. III p. 3 und CIL. IIIn. 165 f. aus Berytus, 284 f. aus 
Germe, 289 f. 296 ff. aus Antiochia in Pisidien, 335 aus Apamea (Myrlea), 
629 aus dem Municipium Stobi. — Cf. CIL. III n. 6786. 6810 ff. 6835 fi. 
6873. 6889. 7168 ff. — Kubitschek, Wiener Studien XXIV (1902) S. 530. 

5) Vgl. auch August. De civit. Dei XIX 7; At enim opera data 
est, ut imperiosa eivitas non solum iugum, verum etiam linguam suam 
domitis gentibus per pacem societatis inponeret. 

52) Vgl. Lafoscade, Infl. 135. — Krumbacher, Gesch. d. Byzant. 
Litt.? 8. 4. 

58) (Yf. z. B. CIL. III 204 ff. 218 ἢ. 226 fi. 306 fi. 344 ff. 463 ff. 572 f. 
708 ff. 6633. 6648 ff. 6715 ff. 6893 ff. 6956f. — Ο, Hirschfeld, Die röm. 
Meilensteine, Berl. Sitzber. 1907, 165 ff. 

84) Cf. Modestinus, Dig. XXVII (de excus.) 1,1 und Weber a. o. 
a. O0. I 25. | 

55) Triantaphyllides, Lexique des mots Latins dans Theophile et 
les novelles de Justinien bei Jean Psichari, Etudes de philologie πόο- 
grecque, Par 1892, S. 159 ff. 255 ff. — S. auch Krumbacher, Byz, Zeitschr. 
VI (1898) 467. 


Sprachenkampf im römischen Reich, 697 


Volksrecht überlassen blieb, wurde im Osten zumeist griechisch, 
wasrömischen Rechtes war, wohl zumeist lateinisch mit Beiziehung 
von Dolmetschern verhandelt. Den Gebrauch der lateinischen 
Sprache vor Gericht‘) veranschaulicht uns auch ein in einem 
Papyrus erhaltenes Protokoll aus dem 4. Jahrhundert?”). In der 
Kaiserzeit wurde allerdings sogar im Senate Zeugen auch in 
. griechischer Sprache Gehör gewährt, obwohl Kaiser wie Tiberius 
und Claudius möglichst auf der Anwendung der Reichssprache 
bestanden zu haben scheinen. 

Ein wichtiger Faktor für die Verbreitung der lateinischen 
Sprache im Osten war ferner der Handel. Ueberall, auch in 
kleineren Städten, blühten die conventus civium Romanorum >). 
Die Inschriften derselben sind zum großen Teil lateinisch oder 
doppelsprachig abgefaßt. Plutarch erklärt, daß zu seiner Zeit 
fast alle Menschen die lateinische Sprache gebraucht hätten, 
was wohl so aufzufassen ist, daß man damals die lateinische. 
Sprache überall sprechen hörte und sich in ihr verständigen 
konnte Die große Anzahl bilinguer Inschriften bestätigt 
Plutarchs Angabe. Doch blieb die eigentliche Verkehrssprache 
im Osten des Reichs immer die griechische. 

Andererseits unterlagen Griechen und Orientalen, wenn 
sie sich längere Zeit im Westen aufhielten, naturgemäß der 
Einwirkung des Romanismus und der lateinischen Sprache. 
Mochten sich die in Rom und in anderen, größeren Städten 
des Westens wohnenden Angehörigen fremder Nationen auch 


86) Vgl. auch Philol. LXII (1903) 133 ff. (0. Crusius, Lateinische 
Schrift in griech. Texten), wo z. B. angeführt Zosim. V 41 p. 271 
Mendelss: ..... τῆς ἀνδρείας, ἣν καλοῦσι Ῥωμαῖοι Virtutem. — In einem 
φήφισμα von Mylasa (ΒΟΉ. XX [1896] 542)" erscheint im griech. Text 
succlam(atum) est (Zeit des Septim. Severus). — Krumbacher, Byaz. 
Zeitschr. VII (1898) S. 467. —C. W. J. Heimbach. Art. Griech. — röm. 
Recht in Ersch und Grubers Encykl. Bd. 86 S. 198. 224. 227 f. 231 ff. 
235 ff. Beispiele aus den juristischen Fragmenta Sinaitica (2. Hälfte d. 
Ὁ. Jahrh.) s. bei. M. R. Dareste, Fragments inedits de droit romain 
d’apres un manuscrit du mont Sinai im Bull. de corresp. hell. IV (1888) 
449—460, z. B. 8.457: Legitimos οὐ δύναται legitimo ἄλλῳ in iure cedere 
τὴν ἐπιτροπὴν, οὔτε οἷόν τε αὐτὸν καὶ legitimon εἶναι καὶ cessitium. — 
Cf. auch Triantaphyllides a. ο. a. Ο. p. 114 ff. — Kreuser a. a. O. 120. 
ἢ τὰ, De glossis lexici Hesychiani Jtalieis, Diss. Leipz. 1885 
. 860 ff. 

57) BeiL. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlung zu Leip- 
zig, Leipz. 1906 Nr. 40. S. u. 5. 701 Anm. 77. 

08) Vgl. Kornemann bei Pauly-Wissowa s. v. 


698 | Ludwig Hahn, 


national zusammen — und gegen das Römertum abschließen, wie 
es jetzt die Slaven in Wien gegenüber dem Deutschtum zu tun 
versuchen, die einheimische Sprache drängte sich ihnen wenigstens 
in der Folge einiger Generationen auf. Allerdings haben die 
Christen in Rom bis in das dritte Jahrhundert die griechische 
Kultsprache beibehalten °°), aber das Griechische war für die- 
selben als Sprache des N. T. eine heilige Sprache‘®) und eine 
solche erhält sich bekanntlich wie z. B. das Sanskrit oder das 
Hebräische auch dann noch lange, wenn sie sonst schon längst 
als eine im praktischen Leben nicht mehr übliche zu betrachten 
ist. Wien, das an der Peripherie des deutschen Sprachgebietes 
liegt, ist ein Germanisierungsfaktor ersten Ranges. Rom, das 
mitten im italischen Sprachgebiete lag, das mehr Zuzug aus 
dem Westen als aus dem Osten erhielt, muß eine mindestens 
gleiche Wirkung ausgeübt haben. In Rom lernten abgesehen 
von Sklaven und Freigelassenen viele griechische Gelehrte die 
Sprache der Sieger, ebenso Geschichtschreiber wie Dionysios 
von Halikarnaß, Diodor, Plutarch, Arrian 51), Appian‘?), Dio 
Cassius ©), Herodian °*), Eusebius‘?), Zosimus‘®), der Kirchen- 


59) Vgl. C. P. Caspari, Quellen zur Gesch. des Taufsymbols Bd. III, 
Christiania 1874 8. 304 f. 409. 428. 435. 437. 450. 463 f. — Har. Stein- 
acker a. 0. a. O. 8. 324 ff. 

60) Bezeichnend für die Unantastbarkeit der Sprache des N.T. ist, 
was Sozomenos (H. E. I 11) erzählt. Als ein christlicher Redner statt 
des von den Attizisten beanstandeten χράββατος das für klassisch gel- 
tende σχίμπους (cf. Lobeck, Phrynich. 62) gebrauchte, wurde ihm zuge- 
rufen: οὐ σύ γε ἀμείνων tod χράββατον. (Θν. Marc. 2,12: ἄρας τὸν χράββα- 
τον ἐξῆλϑεν) εἰρηκότος. | 

61) Peripl. Pont. Eux. VI 2, X 1. C£f. Tact. 20: ἤν “Popatot 
ἄἅἄ λν χαλοῦσι. 

62) Prooem. 15, Β. Ο. IV 8—11; cf. II 146; ef. Weber ἃ. o. ἃ. Ο. 1 
49. Vgl. φλαμέντας —= flamen B. C. 165, ἱντέρρηξ Β. C. 1 98, 
ἰγκουιλῖνος —= inquilinus B. C. II 2, κουρία B.C. ΠΙ 94 mit Er- 
klärung; cf. Ludwig Götzeler, Quaestiones in Appiani et Polybii dicendi 
genus, Würzb. 1890 5. 7f. 32ff. und bes. 74. — Lafoscade, Infl. 110, — 
Μάρκου ᾿Αντωνίνου τὰ eig ξαυτόν (ed. Jo. Stich) I5 παλμουλάριος ἢ 
σχκχουτάριος, [16 οὐερνάχλος ... σχολαστικός, VII 8 σιγιλ- 
λάρια νευροσπαστούμενα. 

68) LV 3, 4-5: αὐκτώριτας ἐγίγνετο mit Erklärung, XLVIII 
12,3: βουλὴν καλιγᾶταν ἀπὸ τῆς τῶν στρατιωτικῶν ὑποδημάτων χρήσεως, 
LXXI,9 καλοῦσι δὲ τὸ τάγμα οἱ Ῥωμαῖοι λεγεῶνα, XXXVH 27: τὸ δὴ 
λεγόμενον περδουελλίωνος ὃ Ῥαβίριος ἐκρίϑη, ΙΧΥΤῚ 28,1: ὄπτιμος 
= ἄριστος, ΧΙΠ1|1,88: δικτατωρεύω, LXXII 19,2: τοῦ σεχούτωρος 
χαλουμένου etc. ὶ 

6) Vgl. Ludw. Götzeler, Observationes Herodianeae, Würzb. 1888 
S.4 ff. Cf. Herod. V 4,9 die Erklärung von πραιτωριανός. — Jul. de 
Poblocki, De Herodiani vita, ingenio, scriptis, Diss. Münster 1864 8. 29 ff. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 699 


historiker Sokrates 57) etc.°®). Auch Strabo war, wie es scheint, 
der lateinischen Sprache, kundig. Wer von Griechen oder 
' Orientalen in Rom oder an der berühmten Rechtsakademie der 
römischen Kolonie Berytus °°) sich mit dem Studium des Reichs- 
rechts befassen wollte, der mußte zuerst Lateinisch lernen 79). 


56) Vgl. 8. 700. — Cf. auch Eus. H.E. V.4: λεγεῶνα ... κεραυ- 
νοβόλον τῇ Ῥωμαίων ἐπικληϑεῖσαν φωνῇ (Erzählung von der sog. legio 
fulminatrix); vgl. V 5: ἐπὶ τῆς Μελιτηνῆς οὕτω χαλουμένης λεγεῶνος; 
H.EIX ὅ: στρατοπεδάρχης, ὃν δοῦ  α Ῥωμαῖοι προσαγορεύουσιν εἴα. Vgl. 
Kreuser, Verh. d. 5. Vers. deutscher Philol. οἷο Ulm’1842 8. 102. 
— Latinismen bei Julianus Apostata: ep. 25 (Ἰουδαίων τῷ χοινῷ) : πυρὶ 
παρέδωχα τὰ βρέβια τὰ nad” ὑμῶν ἐν τοῖς ἐμοῖς σχρινίοις Anonelnevg, 
ep. 48: ἵν᾽ eig τὴν βασίλειαν τῶν οὐρανῶν εὐοδῴώτερον πορευϑῶσι (ol ἐν τῇ 
᾿Εδέσσῃ Ταλιλαῖοι) .... ἐκελεύσαμεν. .. τὰ χτήματα τοῖς ἡμετέροις προσ- 
τεϑῆναι πριβάτοις, ἵνα πενόμενοι σωφρονῶσι καὶ μὴ στερηϑῶσιν, ἧς ἐλπί- 
ζουσιν οὐρανίου βασιλείας. --- ὅσσ. Brambs, Studien zu den Werken Julians 
d. A. I, Progr. Eichstätt 1897 3. 12. 

66) Weber II 30 f. — Vgl. auch Zos. II 9: τοὺς περὶ τὴν αὐλὴν στρατιώτας, 
og πραιτωριανοὺς χαλοῦσιν; cf. II 17: τοὺς δὲ πραιτωριανούς 
στρατιώτας ; II 25: ἡγεμόνα τῶν ἐν τῇ αὐλῇ τάξεων ὄντα --- μάγιστρον 
τοῦτον ὀφφιχίων χαλοῦσι Ῥωμαῖοι, V 32: τῶν δομεστίχων τάγματος 
0 0. τῶν ἔν τῇ αὐλῇ τάξεων μνάγιστρος ... ὃ τὰ βασιλεῖ δοχοῦντα 
τεταγμένος ὑπαγορεύειν, ὃν κοαίστωρα χαλεῖν οἵ ἀπὸ Κωνσταντίνου 
, δεδώκασι χρόνοι, Il 33 τῶν λεγομένων δουχῶν, II 88 extr. ἀπεγρά- 
baro δὲ τὰς τῶν λαμπροτάτων οὐσίας τέλος ἐπιϑείς, ὦτιν.ι φόλλιν αὐτὸς 
ἐπέϑηχεν ὄνομα, 11 39: τοῦ λεγομένον νωβελισσίμου, II 40: τοῦ 
πατριχίου. Vgl. noch die Erklärung von σχκχουτάριοι (III 29), 
Enyeg und ποντίφιξ νάξιμος (IV 36), τριβοῦνος (V 40) und V 
81 τοῖς χαλουμένοις μιλίοις, V 34 extr. τοῦ λεγομένου νοταρίων 
τριβούνου etc. 

67) Weber II 6. — Ueber Sozomenos 5. ibid. II 22 ἢ 

68) Vielleicht auch Lucian; cf. ὑπὲρ τοῦ ἐν τῇ προσαγορεύσει πταί- 
onarog ὃ 18: εἴ τι χἀγὼ τῆς Ῥωμαίων φωνῆς ἐπαΐω, τοὺς προσαγορεύοντας 
ἀντιδεξιούμενοι τῷ τῆς ὑγιείας ὀνόματι πολλάκις ἀμείβεσϑε. Vgl. auch Gell. 
XIX 9 und überh. Bernhardy, Griech. Litt. 51 5. 565. — Im Traumbuch 
des Artemidor (Zeit Hadrians) finden sich lat. Termini für Gladiatoren 
(II 32): σεκούτωρ, ῥητιάριος, προβοχάτωρ, (ἀσσιδάριος μορ- 
piRAwv): cf. auch IV 59: τῆς οὐσίας ὑπὸ τοῦ φίσχου καταληφϑείσης. 
- Lafoscade, Infi. ἃ. δ. Ο. 127. 5. überh. Weber ἃ. a. O0. I 14 ff. 1180 ἢ. 

69) Ὁ. W. 1. Heimbach bei Ersch und Gruber Bd. 86 S. 224. 
227f. Benzinger bei P.-W. III 322. — Vgl. Bruns-Sachau, Syr.-röm. 
Rechtsbuch, Leipz. 1880, Kommentar S. 327. — Nestle, Berl. philol. 
Wochschr. 1905, 284. — Expositio totius mundi et gentium ed. Alex. 
Riese in d. Geogr. gr. min. c. 25: Berytus civitas valde deliciosa et au- 
ditoria legum habens, per quam omnia iudicia Romanorum stare viden- 
tur. Inde enim viri docti in omnem orbem terrarum adsident iudicibus 
et scientes leges custodiunt provincias etc. 
| 10) Philostrat. vit. soph. II 93,27. — Gregor. Thaumaturg. ed. 
Ger, Vossius p. 186. — Liban. ep. 582 an Κλέαρχος: Ἰουλιανὸς οὗτοσί " 
πρῶτος μὲν Ev "EMMA φωνῇ, πρῶτος δὲ ἐν τῇ τῶν χρατούντων, πλήρης 
νόμων... -- Rauschen, Griech.-röm. Schulwesen, Progr. Bonn 1900 
S. 17. 24. — Liban. I 184, 20 R; G.R. Sievers, Das Leben des Libanius, 
Berl. 1868, 5. 17. 162. 188. — Lafoscade, Influence du Latin sur le 
Grec a. 8. Ο. p. 99. 124 ἢ, — Nestle, Berl. philol. Wochschr. 1905, 284. 


700 Ludwig Hahn, 


Der lateinischen Literatur gegenüber verhielten sich die bil- 
dungsstolzen Hellenen ebenso ablehnend wie die Franzosen 
gegenüber der deutschen Literatur im Mittelalter trotz eines 
Walther und Wolfram’®). Doch übersetzte zur Zeit Hadrians 
der Sophist Zenobios”!) die Werke Sallusts, Paianios, wahr- 
scheinlich ein Schüler des Libanios, das Breviarium des Eu- 
tropius”??). Der Kirchenhistoriker Eusebius ist der Uebersetzer 
. der als Prophezeiung auf den Sieg des Christentums aufgefaßten 
vierten Ekloge des Vergil und zweier lateinischer Reden des 
Konstantin’?). Zosimos schrieb zwar griechisch, ist aber in 
seinem Denken völlig romanisiert wie Polybios. Ammianus 
Marcellinus, der Fortsetzer des Tacitus, war ein Grieche aus 
Antiochia, und Claudian”*), einer der lebensvollsten lateinischen 
Dichter, der Sänger der Taten des Stilicho, stammte aus Ale- 
xandria. Die Werke des Sulpicius Severus fanden auch im 
Orient weite Verbreitung”’). Lehrbücher zur Erlernung der 
lateinischen Sprache für Griechen, nach Art unserer Sprach- 
führer gestaltet, waren vielfach im Gebrauch ’®). 


700) Aber die Wohlfahrtswirkung des imperium Romanum erkannten 
auch einseitige Hellenen an; cf. des Aelius Aristides Rede εἰς Ρώμην, 
den weltgeschichtlichen Dankhymnus der Besiegten auf die Siegerin. 

11) Suidas 85. v. Ζηνόβιος; cf. 5. v..’Appıavög, der μετάφρασιν τῶν 
Γεωργυκῶν τοῦ Βεργιλλίου ἐπικῶς verfaßte. --- Der hellenisierte Gallier 
Favorinus, der bedeutendste Sophist zur Zeit Hadrians, kannte und er- 
klärte Vergil (Gellius XVII 10). Derselbe sagt dort (XX 1) von sich: 
Non enim minus cupide tabulas istas duodecim legi quam illos duode- 
cim libros Platonis de legibus; ef. XII1, XIII 25 οἷο. — Kannte Quin- 
tus Smyrnäus den Vergil? (ΟΕ. Christ, Gr. Litt? 653). — Selbst in die 
griech. Dichtung schlichen sich lat. Lehnwörter ein; cf. Kaibel, Epigr. 
gr. 622,4 aus Rom: Πίστιν ἔχων ταβούλης χρήματος Adooviov (Zeit der 
Antonine); 350,2; 351, 2; 440, 3; 607,4. 

13) Butropii breviarium cum metaphrasi graeca Paeanii rec. Chr. 
Cellarius, Jena 1698. (Darin I 1,3: σενάτορας αὐτοὺς καλέσας κατὰ 
τὴν Ἰταλῶν φωνήν, Π 3,1 λεγεῶνες χατὰ τὴν αὐτῶν καλοῦνται φωνήν, 
IX 9,7 δηνάριος; cf. auch II 3,6. — Ernst Schulze, De Paeonio 
Eutropii interprete im Philol. 1870 8, 285 ff, \ 

18) Euseb. vita Const. IV, 29—33 und ad Sanctorum coetum oratio 
19,4. Vgl. Ad. Harnack, Gesch. ἃ. altchristl. Lit. 1 2, 879. S. auch Gg. 
Brambs, Blätter f. d. Gymn. Schulwesen, herausgeg. vom bayer. Gymna- 
siallehrerverein, Münch. 1906, 5. 398 und P. Pfättisch, ibid. 1907 S. 60 ff. 

14) Vgl. Kaibel, Inser. Graec. Sie. et It. (= 1 Ο XIV) 1074 aus Rom 
betr. der „Claudiano, praegloriosissimo po&ötarum“, auf dem forum Traiani 
errichteten Ehrenstatue. Schluß der Inschr.: 

Eiv ἑνὶ Βιργιλίοιο νόον χαὶ μοῦσαν Ὅμήρου 
Κλαυδιανὸν Ῥώμη Hal βασιλῆς ἔϑεσαν. 
75) Sulpic. Sev. Dial. I 23. | 
76) Löwe-Götz, Corpus glossariorum Latinorum Bd. III (Hermeneu- 


Sprachenkampf im römischen Reich. 701 


Mit der Einführung der absoluten Herrschaft durch Dio- 
kletian waren der Romanisierung neue Bahnen eröffnet. Aegyp- 
ten wurde damals auch formell dem Reiche einverleibt und 
damit dem stärkeren Drucke des Romanismus und der Reichs- 
sprache 77) überliefert”®). Da die Zahl der Beamten infolge 
der strafferen Organisierung des Reichs immer größer wurde 79), 
Beamter aber nur der werden konnte, welcher lateinisch ver- 
stand, so ward der Einfluß der lateinischen Sprache immer 
stärker. Die Kenntnis des Lateins, sagt Libanios®°), bringt 

Reichtum und Ehren. Die Verlegung der Residenz nach Kon- 
 stantinopel bedeutete eine erneute Invasion des Romanismus 
und seiner Sprache. Konstantin d. Gr., der seinen Soldaten 
den Gebrauch der lateinischen Sprache vorschrieb 81), der selbst 
vor den zu Nicäa versammelten Kirchenvätern sich der Reichs- 


mata Pseudodositheana) Leipz. 1902. — M. Haupt, Opuscula II 508 ft. 
— P. Grenfell and Arth. S. Hunt, The Amherst Papyri, part II, Lond. 
1901 Nr. 26 (Fabeln des Babrios mit lateinischer Uebersetzung). — 
urn, Greek Papyri in the British Museum. Lond. 1898 Bd. Il 
p. 9521 Γ΄. 

“Τὴ W. Schubart, Lit. Zentralblatt 1906, 1580 ἢ, (Besprechung von 
L. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlung zu Leipzig, Leipz. 
1907 — mir bisher nicht zugänglich): „Eines der interessantesten Stücke 
ist das unter Nr. 40 mitgeteilte Verhör in einem Prozeße aus dem 5. 
oder 6. Jahrh. n. Chr. Die Verhandlung wird griechisch geführt, aber 
die Fragen und Antworten werden durch lateinische Formeln eingeführt; 
das Latein ist die Amtssprache, der die griechischen Aussagen wie etwas 
Fremdsprachliches eingefügt erscheinen. .... Auffallend ist auch die 
Menge der ins Griechische übernommenen lateinischen Wörter, wie 
collega, contubernales, hospitium ἃ. a. ... Wie weit das Lateinische 
vorgedrungen ist, lehrt auch die Erwähnung eines lateinisch abgefaßten 
Testaments (Nr. 9) .... Dabei ist der Erblasser kein Römer“. Vgl. dar- 
über auch Paul M. Meyer, Berl. philol. Wochenschr. 1907, 545 ff. 

18). Nach Joh. Laur. Lydus (de magistr. III 42) wurde im Jahre 
462 ein Beamter abgesetzt, weil er in Aegypten in offiziellen Akten 
statt des Lateinischen das Griechische gebraucht hatte. 

19) Vgl. G. Kretschmar, Ueber das Beamtentum der röm. Kaiserzeit, ἢ 
Ak. Antrittsrede, Gießen 1879 8. 5. 

80) Orat. de fort. suat.I. p. 133 BR: φυγὴ μὲν ἀπὸ τῆς τῶν Ἑλλήνων 
φωνῆς, πλοῦς δ᾽ ἐπ᾽ ᾿Ιταλίας, ζητούντων κατ᾽ Exelvoug dtadtyeohaı' τοὺς γὰρ 
. δὴ λόγους τῶν λόγων γενέσϑαι δυνατωτέρους καὶ εἶναι μετ᾽ ἐκείνων δυνάμεις 
τε nal πλούτους, ἐν δὲ τοῖς πλὴν αὐτῶν οὐδέν ; cf. Weber a. ο. ἃ. Ο. Il ὦ 
und Lafoscade, Infl. 122. 

81) Euseb. vita Const. IV 19 extr.: Kat τῆς εὐχῆς δὲ τοῖς στρατιωτι- 
χοῖς ἅπασι διδάσκαλος ἦν αὐτὸς ᾿Ρωμαίᾳ γλώττῃ τοὺς πάντας ὧδε λέγειν 
ἐγχελευσάμενος (darauf folgt die griechische Uebersetzung des Gebetes). 
Vgl. noch Const. Porphyrog. de Cer. 194 betr. der Inauguration Leos 
des Jüngeren: χαὶ Expabov, ὃ μὲν δῆμος Ἑλληνιστί, προτρέποντες τὸν 
βασιλέα ἀνελϑεῖν. ol δὲ στρατιῶται Ῥωμαϊῖστί etc. 


700 Ludwig Hahn, 


sprache bediente°®?), sah in der Nova Roma eine lateinische 
Stadt°®®). Sicher herrschte auch längere Zeit wenigstens bei den 
höheren Klassen der neuen Hauptstadt die lateinische Sprache °%). 

Es gab daselbst eine lateinische und. eine griechische 
Hochschule®®). Viele Ortsbezeichnungen in und um Konstan- 
tinopel waren lateinisch®®). Auch lag die Stadt nicht sehr 
weit von der Sprachgrenze; denn Moesien und das. nördliche 
Thracien waren romanisiert, ebenso Illyrien®”). Noch zur 
Zeit Justinians galt die Kenntnis des Lateins als für einen ᾿ 
Beamten notwendig°®). Erst im J. 535 nimmt Justinian das 
Griechische als Gesetzes- und Rechtssprache an. Er erklärt 


82) Euseb. Vita Const. III 13; cf. II 23; IV 32; Sozomenos H. E. 
I c. 19 extr.: Τοιαῦτα τῇ Ῥωμαίων φωνῇ τοῦ βασιλέως εἰπόντος, παρεστώς 
τις ἥρμήνευεν᾽ Vgl. auch Euseb. H. E. X 2,2; Weber 1Π1. 

88) Lyd. de mag. Il 30; Kreuser in den Verhandlungen der 5. Vers. 
deutscher Philol. und Schulmänner, Ulm 1842 S. 57. 98. 117f. — 
Psichari a. a. O. p. XLVL | 

82 Vgl. Har. Steinacker a. o. a. O. 8. 327. 337 #. — Edw. Freeman, 
Some points in the later history of the Greek language im Journ. of 
hell. Stud. 1882/83 p. 367 ff. — Th. Preger, Konstantinos-Helios, Hermes 
XXXVI (1901) 462. — Gaston Paris, Romania I 14. — Kreuser a. o. 
a. OÖ. 8. 101. — Papst Gregor I. sagt von sich (ep. XI 74): nos nec 
graece novimus, obwohl er 6 Jahre in Konstantinopel ἀποκχρισιάριος 
(= Nuntius) gewesen. Der bekannte Grammatiker Priscian schrieb 
seinen Panegyrikus auf Kaiser Anastasius (491—518) zu Konstantinopel, 
ebenso Corippus seinen Panegyrikus in laudem Justini Augusti minoris 
(565—578); cf. Diehl, Justinien p. 82, Kreuser 117. 

85) God. Just. ΣΧ 1;.1.9; 2. 

86) Οὗ, z.B. Nicephori hist. syntomos ed. de Boor, Leipz. 1880 p.38, 
13. 15 πραιτώριον, p. 42,10 ἐν τῷ παλατίῳ βλαχερνῶν, p. 57,3 
Τριβουνάλιον τῶν WW" ἀκουβίτων, p. 75, 20 ἐν τῷ καλουμένῳ 
Μιλέῳ, p. 76,20 Σ ἐ χρετα. — Const. Porphyrog. de cer. I p. 28, 28 
Bonn φόρος = forum (cf. Reiskes Kommentar II 133 und 574), 1 
p. 51,14: ἐν τῷ φουρνιχῶ τοῦ Μιλίου, I p. 312,5 τὸ ὀρνατόριον 
(urnatorium) τῶν πρασίνων etc. — Th. Preger, scriptores originum Const. 
I, Lips. 1901, p. 27,9. 12; 104,1; 89,7 ete. — Oberhummer u. Constanti- 
nopolis bei Pauly-Wissowa IV 995 ἢ. — Weber I 19. — Kreuser in den 
Verh. ἃ. 5. Vers. deutscher Philol. ete. Ulm 1842 S. 9. 

87) Thracien lieferte viele Soldaten; cf. Expositio totius mundi et 
gentium ed. Alex, Riese in den Geogr. gr. min, c. 50: Thracia provincia 
et maximos habens viros et fortes in bello. Propter quod et frequenter 
inde milites tolluntur. Ueber die lat. Sprache in Dalmatien und Alba- 
nien vgl. Hugo Schuchardt, Der Vokalismus des Vulgärlateins Bd. III 
Leipz. 1868 S. 52ff., in Dalmatien und Moesien, Jung a. a. 0. 366 ff., 
in Macedonien, Dorsch a. o. a. Ο. 8.38 ff. — Alex. Budinszky, Die Aus- 
breitung der lat. Sprache, Berl. 1881 S. 198 £. | 

88) Vgl. Jo. Laur. Lyd. de mag. III 29. 68; οὗ 11; Mitteis a. ο. ἃ. O. 
5. 186 Fußn. 1. — Sievers, Libanius 17. 188. — Marquardt, Staatsv. 
1? 565. — Lafoscade, Infl. 123. — Kreuser 118 ff. — Ducange, Glossa- 
rium graecitatis, praef. p. IV f., XIff. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 703 


in der 7. Novelle 89): οὐ τῇ πατρίῳ φωνῇ (d. h. in der lateini- 
schen Sprache) τὸν νόμον συνεγράψαμεν, ἀλλὰ ταύτῃ δὴ τῇ χοινῇ 
τε χαὶ ἑλλάδι, ὥστε ἅπασιν αὐτὸν εἶναι γνώριμον διὰ τὸ πρό- 
χειρον τῆς ἑρμηνείας. Damit war, was sich schon seit der 
Scheidung des Reiches in zwei Teile voraussehen ließ ?°), der 
Sieg der griechischen Sprache über die lateinische entschieden). 
Erst 578 aber kommt mit Tiberius ein Kaiser griechischer Abstam- 
mung aufden Thron und auch dieser trägt noch einen lateinischen 
Namen). Seit Kaiser Heraklios (610—641) geht die grie- 
chische Sprache immer mehr zum Angriff ἄρον 8). Lateinische 
Formeln wie „Deus conservet imperium vestrum, Tu vincas, In 
multos annos“ oder „In gaudio prandete Domini“ haben sich 
im byzantinischen Hofzeremoniell in ähnlicher Weise erhalten, 
wie heutzutage noch im englischen Parlament gewisse franzö- 
sische aus der Zeit der Herrschaft der normannischen Könige 
stammende Redensarten im Gebrauche sind 55). 


89) Nov. VII c. 1 (52,32). — Es gab auch Gegner dieser Maflregel 
z. B. Joh. Laur. Lyd., der (De mag. II 12) eine alte, dem Romulus ge- 
gebene Weissagung anführt: Τότε Ῥωμαίους τὴν τύχην ἀπολείψειν, ὅταν 
αὐτοὶ τῆς πατρίου ἐπιλάϑωνται φωνῆς ; ibid. III 68; cf. 29. 

90) 5. auch Heimbach ἃ. o. a. O. S. 293 f. — Kreuser 115 f. 

9) Urteile auch in griech. Sprache zu fällen war den Richtern 
seit Arcadius erlaubt; vgl. cod. Just. VIl, 45, 12. Theodosius 11. gestat- 
tete den Gebrauch der griech. Sprache in Testamenten; vgl. überh. 
Dirksen, Civilistische Abhandlungen, Berl. 1820, 1. S. 40 ff., Weber II 1, 
Bethmann-Hollweg, Röm. Civilprozeß III. Bd., Bonn 1866, 85. 196 ft. 
Ueber die Anwendung der lat. Sprache im oström. Reich s. J. B. Bury, 
A history of the later Roman empire, Lond. 1889, II ec. 7 p. 167 Β΄; 7. J. 
Reiske im Kommentar zu seiner Ausgabe des Const. Porphyrog. De Cer. 
S. 443 Εἰ; Oberhummer, Art. Constantinopolis bei Pauly-Wissowa IV 1001. 
— Eine Parallele: „Unter Cromwell erließ das Parlament ein neues 
Edikt, um die englische Sprache (st. der französischen) in allen gericht- 
lichen Akten einzuführen, aber diese Neuerung erschien den Juristen 
‚ gefährlicher als die Abschaffung des Oberhauses und des Königtums‘“; 
Aug. Fuchs, Roman. Sprachen in ihrem Verhältnis zum Lateinischen, 
Halle 1849 S. 108, Fußn. 194. 

92) S. auch Kreuser a. ὁ. a. O. S. 99. 117. 

93) Lafoscade, Infl 135. — Krumbacher, Gesch. ἃ. Byzant. Litt.?8. 3 ff. 

94) Vgl. De Cer. Bonn I 9 p. 69, I 10 p. 73, 143 p. 228, 147 p. 239, 
175 p. 370£. ete. — Cf R. Nikolai, Griech. Literaturgesch. III Bd. 
Magdeburg 1878 8. 61.— A. Fuchs a. o. a. O. 8. 108 Fußn. 194: „Noch 
heutzutage bedienen sich die verschiedenen Zweige der legislativen Macht 
(in England) in ihren gegenseitigen Beziehungen der französischen 
Sprache. Wenn das Unterhaus der Pairskammer eine Bill zuschickt oder 
eine von ihr erhält, so geschieht dies resp. mit der Formel: Soit baile 
aux Seigneurs, oder: Soit bail& aux communes, und die königliche 
Sanktion erfolgt mit den Worten: La reyne (geschrieben 1846!) le voet. 
Vgl. Edw. Freeman a. o. a. Ὁ. S. 379: The cry of „oyez“ — heard in 


704 | Ludwig Hahn, 


Merkwürdig ist der Wandel im Christentum seit seiner 
Verstaatlichung durch Konstantin auch hinsichtlich der Sprache. 
Nach der Verlegung des Sitzes des Kaisertums nach Konstan- 
tinopel erhob sich das durch die weltliche Macht nicht mehr 
in Schatten gestellte Papsttum°°). Die Päpste betrachteten 
sich nach der Ablösung der Staatsreligion des Kaiserkults durch 
die Staatsreligion des Christentums, die als solche bald ebenso 
unduldsam werden mußte, als Inhaber des Imperiums in der 
Religion. Zur heiligen Sprache des römischen Papsttums 
wurde die des weltlichen Imperiums, die römische. Unterstützt 
wurde diese Stellung des Lateins abgesehen vom rapiden Rück- 
gange des Griechischen in der alten Hauptstadt?‘) vor allem 
dadurch, daß die westliche Hälfte des Reiches der Kirche auch 
abgesehen von den großen Päpsten hervorragende Lehrer wie 
Tertullian, Cyprian, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus lie- 
ferte°”), deren Werke bei der Furcht vor Häresien®®) auch 
von den Theologen des Ostens gelesen werden mußten”). 
Deshalb hält Athanasius die Kenntnis des Lateins für nötig 


America as well as in England, formulas like „La reine le veult“ are 
the counterparts of Latin salutations like βίκτωρ σῆς (sis!) σέμπερ, which 
greeled the ears of the last Roman emperors of the East. (Const. Por- 
phyrog. De cer. I 74—77). Ueber die Herrschaft der französischen 
Sprache in England vom 11. bis 14. Jh. — eine der Herrschaft der 
lateinischenSprache vielfachähnliche Erscheinung—s. ἃ, Progr. ἃ, Realsch. 
Annaberg von Osc. Scheibner aus J. 1880. — Anwendung des Lateini- 
schen in der Kirche bei Const. Porphyrog. Cer. I 74 p. 369,7. 

95) Papst Leo I. erklärt dem Kaiser Marcian (Mansi VI 187 c. 3), 
daß der Stuhl von Rom ein apostolischer, der von Konstantinopel nur 
ein kaiserlicher sei. 

%) Harold Steinacker a. o. a. Ὁ. 5. 332: „Schon Papst Damasus 
nahm bei seinem Briefwechsel mit dem Orient die griechischen Kennt- 
nisse des Hieronymus in Anspruch. Fünfzig Jahre später, zur Zeit des 
3. ökumenischen Concils, war in der römischen Kirche selbst die leiseste 
Kenntnis des Griechischen verschwunden.“ 

”) Vgl. Steinacker a. o. a. O. S. 340. ] 

98) Οὗ z. B. den Brief Leos I. an Kaiser Marcian vom J. 454 bei 
Mansi VI 274 c. 3 und den an Bischof Julian von Kos ibid. VI 276. — 
Es war dabei noch der leichteste Fehler, wenn credulitas und erudelitas 
verwechselt wurde; cf. Weber II 4. 

99) Vgl. z. B. Aeußerungen wie die Basilios’ ἃ. Gr. ep. 265 ed. 
Maur. 595 A: ὧν (τῶν ἀπὸ δύσεως) δεξάμενοι τῆς πίστεως τὸν νόμον ἔχομεν 
παρ᾽ ἑαυτοῖς, ἑπόμενοι αὐτῶν τῇ ὑγιαινούσῃ διδασκαλίᾳ; οἵ, ep. 66 an Atha- 
nasius, ep. 70 an Papst Damasus mit der Bitte ὡς ἐσομένης ἡμῖν τινος 
ἐπισκέψεως παρ᾽ ὑμῶν, ep. 90 (Hilferuf an die ἐν τῇ δύσει) ete. — Weber 
121; II 6. 11. 12; Lafoscade, πῇ, 127. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 705 


zur Frömmigkeit!%). Das Christentum also bewirkte es, daß 
die lateinische Literatur einen tieferen Einfluß auf die grie- 
chische gewann 91). | 

Wie die altrömischen Feldherrn die Beschlüsse des Senats 
den Griechen zuerst in der authentischen lateinischen Sprache 
und dann in einer Uebersetzung mitteilten, so hielten die 
Päpste darauf, daß ihre Kundgebungen auch bei Kirchenver- 
sammlungen in der östlichen Reichshälfte zuerst im lateinischen 
Urtext, der dann ins Griechische übersetzt werden konnte, 
bekannt gegeben würden 192), Das Lateinische sollte anerkannte 
Kirchensprache werden, wie der Bischof von Rom der Primas 
der Kirche. Noch die Akten des 5. ökumenischen Konzils zu 
Konstantinopel (553) sind lateinisch abgefaßt!®). Aber das 
Imperium der lateinischen Kirchensprache endet noch früher 
als das Imperium des Papsttums im Osten. Die Trennung 
in der Sprache geht der Trennung im Glauben weit voraus!‘%*), 
wenn auch die Griechen sich Ῥωμαῖοι und die griechische 
Sprache die Ῥωμαϊκη 105) nannten und ihre Kaiser den Titel 
„Griechischer Kaiser“ als Beleidigung auffaßten 195). 


vi. 


Die kulturellen Wirkungen der Völker aufeinander lassen 


100) Athanasius bei Migne, Patrol. gr. I 784 C. Cf. Lafoscade Infl. 
128 und Weber II 3. — Aus dem Lateinischen übersetzt sind die Acta 
martyrum Scilitanorum (graece ed. H. Usener, Bonn, 1881); ef. Usener, 
Beitr. zur Gesch. der Legendenliteratur in d. Jahrb. f. prot. Theo). 
XIII (1887) 240. 258. 

101) $, auch Texte und Untersuchungen von Osc. v. Gebhardt und 
Ad. Harnack Bd. VII, (Leipz. 1892), H. 3 (Die griech. Uebersetzung des 
Apologeticus des Tertullian [cf. Euseb. H. E. II 2] von Ad. Harnack, 
S. 1 #., 7, 9, 30 8.) und ibid. XI, H. 2 (Acta 5. Nereı et Achillei v. Hans 
Achelis) Leipz. 1893, ferner ibid. XIV 1. — Papst Leo 1. bittet den 
Bischof Julian von Kos die Synodalakten des Konzils zu Chalkedon 
(451) ins Lateinische zu übertragen; Mansi VI 221 ce. 4. 

102) Vgl. Har. Steinacker a. o. a. O. 332 ff., Budinszky a. o. a. Ὁ. 
245. — Lafoscade, Infl. 129. 139 £. 

108) Lafoscade, Infl. 139. 

104) Vgl. Steinacker a. o. a. O. S. 332 ff. 5 : 

106) Vgl. Bury ἃ. ο. ἃ. Ο. 8. 174. — Dagegen ist Ἕλλην = Heide; 
cf. z. Β. Tatians λόγος πρὸς Ἕλληνας und Usener, Jahrbücher f. prot. 
Theol. XIII (1887) 5. 226,3; Kreuser a. o. a. O. 8. 100 f. — Of. auch 
ev. Jo, 7,35; act. ap. 14,1, ! \ 

106) Vgl. den Gesandtschaftsbericht des Bischofs Liutprand von Cre- 
mona bei W. v. Giesebrecht, Gesch. d. deutschen Kaiserz. 12, 4. Aufl. 
Braunschweig 1874, S. 540; s. auch ibid. 5. 524 den Streit über den 
Titel βασιλεύς od. ῥήξ. 


706 Ludwig Hahn, 


sich- am deutlichsten und sichersten an der Zahl und Art der 
Fremd- und Lehnwörter erkennen !”). Die Griechen waren 
als Kulturträger nach Italien gekommen. Es scheint aber, 
dafs sie doch manches Eigentümliche, wie das ja in der Natur 
der Verhältnisse liegt, von 'den Italikern annahmen, so das 
italische Maßsystem, vermutlich auch gewisse Rechtssatzungen. 
In der Sprache der westlichen Griechen finden sich nämlich 
die italischen Maßbezeichnungen λίτρα, ὀγκχία, xößtrov, dann 
die Rechtsausdrücke μοῖτον = mutuum und χάρχαρα — carcer. 
Das italische μόδιος wendet der Redner Deinarchos aus Korinth, 
der Metropolis von Syrakus und Kamarina, an. Neben den 
oben erwähnten Italizismen finden sich, wie wir aus den spär- 
lichen im Lexikon des Hesychios geretteten Fragmenten er- 
sehen, in der Komödie der westlichen Griechen noch manche 
andere, wie das von der bekannten italischen Possenfigur des 
Maccus abgeleitete μαχχοάω 198), das auch von Aristophanes 
gebraucht wird, dann λοῦπα, χέλλα 199), κάλτιος (= calceus) 
etc. Da in der Art der Stoffe und in der Verwendung von 
Charakterfiguren .eine gewisse Verwandtschaft der Komödie der 
westlichen Griechen, die in Sicilien durch Epicharmos, in 
Italien durch Sophron und Rhinthon ihre Vollendung fand, 
mit den uralten Possenspielen der italischen Bauern besteht, 
so ist vielleicht der Vermutung Raum zu geben, daß die älteste 
griechische Komödie in mancher Eigentümlichkeit italisch ist. 
Historikern, wie Timaios, der den Krieg mit Pyrrhos beschrieb, 
oder Sosilos, dem Begleiter Hannibals, oder Diokles, der den 
Fabius Pictor zur Quelle hat, mögen Wörter wie τήβεννα 
(= toga) oder ὕσσός (= hasta) angehören, die Bücheler als 
altitalisch erwiesen hat. Nachdem Rom im Anfange des 2. 
Jahrhunderts maßgebenden Einfluß im Osten gewonnen, brach- 
ten griechische Gesandte die für die Lage der Griechen be- 


105) 8. auch Thumb a. o. a. O. S. 157. 158 ff. 

108) Vg]. Gust. Meyer, Sitzb. Wien. Akad. 1895 Bd. 132, IV 8.53 s. u. 
μόχος und „Rom und Romanismus“ δ᾽. 8, | 

100) „Kellien“ heißen noch jetzt die „Zellen‘ auf dem Athos; Rudolf 
Lindau, Deutsche Rundschau 1902, Bd. 113 S. 123. — Vgl. H. Usener, 
Der heilige Theodosius, Leipz. 1890 p. 127 ἢ. — Gust. Meyer 8. v. — 
Sozomenus VI ὁ. 31: oixodar δὲ ἐν τοῖς χελλίοις (im Kloster ἐν τῇ 
Νιτρίᾳ), ὅσσι τῆς φιλοσοφίας εἰς ἄκρον ἐληλύϑασι. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 707 


'zeichnenden Ausdrücke πάτρων und προσχύνησις ἐπὶ τῶν ἀτρείων 
(= salutatio in atriis) nach Hause. König Prusias bezeich- 
nete sich selbst als λίβερτος.Ό Mit den ins Griechische über- 
setzten Senatsbeschlüssen wanderte manches lateinische Wort 
wie σηστέρτιος und die Termini des römischen Kalenders x«- 
λάνδαι, νωναί und εἰδοί nach dem Osten. Die in denselben 
enthaltenen, wortwörtlich ins Griechische übertragenen lateini- 
schen Termini wie στρατηγὸς ὕπατος — praetor maximus, 
στρατηγὸς ἐπὶ τῶν ξένων — praetor inter peregrinos, δοῦναι 
ἑαυτοὺς eis τὴν Ῥωμαίων πίστιν = se in fidem populi Romani 
_permittere etc. gingen in die Diktion der griechischen Histo- 
riker über, welche diese Urkunden benützten. Daher finden 
sich solche Latinismen von Polybios an bei allen griechischen 
Geschichtschreibern, die sich mit römischer Geschichte be- 
schäftigen 119). Polybios wendet mehrere lateinische Wörter, 
meist Ausdrücke des Staats- und Heerwesens, worin sich ja 
die Bedeutung der Römer vor allem zeigte, noch als Fremd- 
wörter an, so natpixtos, δικτάτωρ, λίβερτος, ἐχστραορδινάριος, 
τριάριοι, πρίγχκιπες, ἁστᾶτοι, πραίφεχτος, χεντυρίων, δεκχουρίων, 
dann μίλιον, καλίκιος, πίλεος etc. Auch keltische Wörter wie 
γαῖσος, σάγος drangen vermutlich über das Lateinische ins 
Griechische ein, wie später zu den Zeiten der germanischen 
Völkerwanderung germanische Ausdrücke wie βοῦργος u) 
δροῦγγος 115), βάνδον 113), In Inschriften aus der Zeit ÜCaesars 
und Sullas "erscheint neben πάτρων und δικτάτωρ das Fremd- 
wort inrep&twp, in der griechischen Uebersetzung der Res 
gestae divi Augusti auf dem Monumentum Ancyranum αὔγουρ, 
ἀρουᾶλις, φητιᾶλις, alpdprov, in anderen Inschriften der Augu- 


110) Vgl. David Magie, De Romanorum iuris publici sacrique voca- 
bulis sollemnibus in Graecum sermonem conversis, Lips. 1905; cf. Max 
Mentz, De magistratuum Romanorum Graeeis appellationibus, Diss. Jena 
1894 und Aug. Wannowski, Antiquitates Romanae e Graecis fontibus 
explicatae, Königsb. 1846. 

111) Procop. de aedif. 4,6 p. 289 D: τὸ βούργου ἄλτου Wvonao- 
μένον SC. φρουρίον. 

112) — „Gedränge‘“, Heerhaufen; cf. Leon Tact. 13,3: κατὰ döpody- 
Yovg xal τούρμας, Kulakovskiy, Byzant. Zeitschr. XII (1903) 8. 410 f. 

118) Of. überh. J. G. Kempf, Romanorum sermonis castrensis reli- 
quiae (= Jahrb. f. ἃ. klass. Altert. Suppl. 26), Leipz. 1900 S. 364. 368. 
369. 373. — E. A. Sophokles, Greek Lexicon of the Roman and Byzan- 
tine periods, New-York 1900 5. 80 ἢ. 


Philologus, Supplementband X, viertes Heft 46 


708 Ludwig Hahn, 


steischen Zeit χολωνεία, pouvixintov, λεγιών, δεχορίων, NEVTO- 
plwv, τεσσαράριος, δηνάριον, ἀσσάριον etc. 

Besonders reich an lateinischen Wörtern ist die Römische 
Archäologie des Dionysios von Halikarnaß 1153). Es sind vor allem 
Termini aus dem Staats- und Heerwesen, Münzbezeichnungen, 
Namen von Priestern und Festen, Ausdrücke des Kalenders. 
Dionysios sucht auch diese Latinismen häufig unter Anführung der 
Etymologie zu erklären. Aehnlich verfährt später Plutarch!!?») 
in seinen αἴτια Ῥωμαϊχά. Diese beiden Schriftsteller bieten 
in den erwähnten Schriften, die römische Geschichte und Kultur 
behandeln, sozusagen zugleich eine Art Fremdwörterlexikon. 
Es darf wohl kein anderer Grund hiefür angenommen werden 
als derjenige, der auch bei uns solche Werke notwendig ge- 
macht hat: Die von Dionysios und Plutarch angeführten la- 
teinischen Wörter waren den Griechen so geläufig, daß ihre 
Erklärung als ein Bedürfnis erschien. Sagt doch auch Quintilian, 
daß die Griechen trotz ihrer Neigung zum Purismus sich ge- 
zwungen sahen bisweilen lateinische Wörter zu übernehmen 112), 
und das bestätigen Inschriften und Papyri. Auch bei Schrift- 
stellern wie Diodor, Nikolaos von Damaskos und Strabo finden 
sich nicht nur lateinische, sondern auch keltische Wörter. In 
den Inschriften der ersten Kaiserzeit erscheinen als Fremdwörter 
bez. schon als Lehnwörter die altüblichen Latinismen r&tpwv, 
μίλιον, δηνάριον, λεγεών, κεντυρίων, dann πατρώνισσα, ἀσσάριον, 
χεντυρία, χώρτη (cohors), τύρμη (turma), ἄλη (ala), κλάσση (classis) 
πραιτωρία, πριμιπιλάριος, οὐετρανός, κορνιχλλάριος, ταβλάριος etc., 
ferner die Verba χουρατορεύω und σχουτλόω (= scutulo). 

Deutlicher als in den Inschriften, deren Texte im großen 
und ganzen stereotyp bleiben, ist das Eindringen lateinischer 
Wörter in der griechischen Kanzleisprache der Papyrusurkunden 
der ersten Kaiserzeit zu verfolgen. Es finden sich in densel- 
ben im allgemeinen die nämlichen lateinischen Wörter wie in 


118.) 8. „Rom und Romanismus“ 5, 123. 

1135) S. „Rom und Romanismus“ ὃ. 239 ff. 

114) Quintilian 1 5,58 und Il 14, 1. Vgl. Lucian, de hist. rect 
scrib. c. 15, der von Krepereios Kalpurnianos aus Pompeiopolis, einem 
Geschichtschreiber der Partherkriege. sagt: ὃ y&p αὐτὸς οὗτος συγγραφεὺς 
πολλὰ καὶ τάφρον ὡς ἐκεῖνοι (φόσσα; cf. Mauricius 4, 3; 12, 22) καὶ γέφυραν 
(ef. Plut. Numa 12) καὶ τὰ τοιαῦτα. Vgl. auch dagegen in c. 21 den Tadel 
des Hyperattizimus gewisser griechischer Historiker. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 709 


den Juschriften. Zu erwähnen wären noch etwa Ausdrücke 
wie χουστωδεία, χέλλα, ἄτριον, πάλλιον, πανάριον etc. 

Wenn nun lateinische Fremd- und Lehnwörter in die 
Papyrusurkunden eindrangen, in einem Gebiete, das nicht als 
Glied des Reiches galt und in griechisch geordneter Verwal- 
tung stand, wie viel mehr muß das Latein in den schon 
länger unterworfenen nnd römisch verwalteten Provinzen des 
Ostens Wörter an die griechische und an die orientalischen 
‚Sprachen abgegeben haben! Daß dem so ist, ersehen wir auch 
aus den Schriften des Neuen Testaments!'°), die zum größeren 
Teil in der, wenn auch bisweilen etwas purifizierten griechi- 
schen Vulgärsprache geschrieben sind. Von den im Neuen 
Testament gebrauchten lateinischen Wörtern gehört offensicht- 
lich eine größere Zahl schon in die Gattung der Lehnwörter 
so λεγεών, πραιτώριον, φραγέλλιον und φραγελλόω, τίτλος (titulus), 
δηνάριον und ἀσσάριον, χῆνσος, μόδιος, μίλιον, λέντιον (linteum), 
σουδάριον etc. Mehrere dieser lateinischen Termini erscheinen 
auch in der populären Sprache des Epiktet, in Inschriften, in 
Papyri, dann beim Lexikographen Hesychios und wohl auch 
bei dessen Vorgängern, die sich mit Erklärung von Lehn- und 
Fremdwörtern befassen, endlich in den Glossen. Sie sind ferner 
— ein Zeichen ihrer Beliebtheit — teilweise noch heute in der 
neugriechischen Volkssprache vorhanden. Die Vertreter der 
schönen Literatur freilich, die dem romantisch-puristischen Zuge 
der Gebildeten gemäß dem Attizismus huldigen mußten, wollten 
von solchen Latinismen, die als Solözismen und Barbarısmen 
betrachtet wurden, nichts wissen. 

Zumeist aus dem Griechischen des gemeinen Mannes wan- 
derten die Latinismen auch in die orientalischen Sprachen. Ein 
Beweis dafür sind die lateinischen Lehnwörter der Mischna "°), 
8) Datinismen in der volkstümlichen Sprache der Briefe des Mär- 
tyrers Ignatios, Bischofs von Antiochia, (gest. zur Zeit Trajans) sind : 
δεσέρτωρ, ἐξεμπλάριον (cf. Immisch a. o. a. O. 8. 361), τὰ 
δεπόσιτα, τὰ ännento. Auch im Pastor des Hermas finden sich 
lat. Wörter z. B. vis. III 1 ἐπὶ τοῦ συμφελλίου (subsellium; cf. zu ΑΘ]. 
Aristides rec. Dind. prol. III p. 741: τρία συψέλια und classical rev. 1901 
S. 256) ἔκειτο χερβικάριον λινοῦν καὶ ἐπάνω λεντίου ἐξηπλωμένον 


λίνον χαρπάσινον. Vgl. J. Β. Lightfoot, The apostolic fathers, part. II 
Lond. 1889, vol. I p. 410 f. 


116) Vgl. Samuel Krauß, Griech und lat. Lehnwörter im Talmud etc. 
II und I, Berl, 1898 und 1899. 


40 ἢ 


710 Ludwig Hahn, 


einer Sammlung von jüdischen Satzungen, die gegen Ende des 
2. Jahrhunderts entstand. Hier abgesehen von den auch schon 
im N. T. vorkommenden nur noch einige zur Probe: χαλίγα, 
σολέα, τόγα, φασχία, στρᾶτα, νοτάριος, σχᾶλα, κάψα, πατέλλα, 
φοῦρνος etc. Die Latinismen in der Mischna sind an Zahl 
weit bedeutender als die des N. T., und wir schließen, daß in 
der griechischen Vulgärsprache derjenigen Länder, die vom 
Romanismus mehr berührt waren als das abgelegene Palästina, 
die Masse der lateinischen Bestandteile noch größer gewesen 
sein muß. Es ist auch nicht außer Acht zu lassen, daß die 
Römer abgesehen von den juristischen Termini mehr Bezeich- 
nungen für das tägliche Leben liefern, während die griechi- 
schen Fremd- und Lehnwörter im Lateinischen mehr Abstrak- 
[65 117) bezeichnen und der Sprache der Gebildeten oder Ge- 
lehrten angehörten. Die lateinischen Lehnwörter im Griechischen 
waren demnach mehr beim gewöhnlichen Volke üblich, wes- 
halb sie sich um so fester und dauernder einbürgerten. Leider 
stehen uns aber bedeutendere Denkmale der griechischen Vul- 
gärsprache abgesehen etwa von den Märtyrerlegenden 115), deren 


117) Doch zeigt sich die Macht der römischen Kirche und ihrer 
Sprache in der Aufnahme lat. philosophischer, bez. theologischer Termini 
wie σουβσταντία; cf. Socrates H. E. II c. 30 πολλούς τινας κινεῖ περὶ τῆς 
λεγομένης Ῥωμαϊστὶ μὲν σουβσταντίας, “Ἑλληνιστὶ δὲ λεγομένης οὐσίας ; 
cf. Athanasius bei Migne, Patrol. gr. XXV 2, 141 Β, 

118) Vgl. z. B. Euseb. H. E. IV 15,8: ἐχέλευσαν rpocsAdövra αὐτῷ 
χκομφέχτορα παραβῦσαι τὸ ξίφος (Martyrium Polycarpi), dann die 
Latinismen xöpng, Bır apıog, κουράτωρ, χουβιχουλάριος 
ἰλλούστριος ἴῃ ἄρῃ Acta Nerei et Achillei (5.—6. Jahrh.) ; cf. Gebhardt- 
Harnack, Texte und Unters. XI, H. 2 S. 66. — Acta S. Christophori ed. 
H. Usener in der Festschr. zur 5. Säkularfeier, Heidelberg, p. 56, 3: ἀπὸ 
Asxiov (Kaiser Decius) o&xpav.. . κατήνεγχαν, p. 56, 10: ἦν τις... τῶν ποτὲ 
Konitwv στρατεύσας ἐν τῷ νου μέ ρῳ τῶν Μαρμαριτῶν, p. 10, ὃ: Μὴ ἀννῶναι 
ὑμῶν ἔλειψαν N τὰ βέστια (= vestimenta) %. τ. λ., p. 70,25: χαλκοῦν 
συμφέλιον (a.l: σουβσέλλιον), p. 12,4: ἀναχωρήσας τοῦ VEN ρέ- 
Ton ἦλϑεν εἰς τὸ παλάτιον (Decius), p. 74,27: καὶ λέγει τῷ σπεκοῦυ- 
λάτορι, etc. — Acta S. Marinae ed. Usener 1018. p. 17, 11: ἐπὶ δα ιδίου 
(a. 1. ῥεδίου), p. 36,9: ἀπήγαγεν εἰς τὸ πραιτώριον; cf. 1014. Einl. S.11 
und ἃ, Register s. v. Mapiva«. — Evangelium Nicodemi A. prol.: "Avaviag 
προτέχκτωρ ἀπὸ ἐπάρχων, A 1,2: noöpowp, πραίχκων, A 1,5: τῶν 
σιγνοφόρων κατεχόντων τὰ σίγνα, Α1,6: ἔξω τοῦ πραιτωρίου, A 
IX, 5: ἐκέλευσεν ὁ Πιλᾶτος τὸν βἥλον ξλκχυσϑῆναι τοῦ βήματος, A X, 1: 
περιέζωσαν αὐτὸν λέντιον, Α ΧΙΠ,1: τινὲς τῆς κουστωδίας, AXV, 
5: σουδάριον etc. — Acta S. Anastasii Persae ed. H. Usener, Bonn 
1894, Index, und Usener. Beitr. zur Gesch. der Legendenliteratur in den 
Jahrbüchern f. prot. Theol. XIII (1887) 8. 245. — Marci Diaconi vita 


Sprachenkampf im römischen Reich. 711 


Sprache aber vielfach durch Zusätze und Umarbeitungen aus 
späterer Zeit verändert ist, bis auf die Zeit Justinians nicht 
zu Gebote 113). Einigermaßen Ersatz dafür bieten die Papyri. 
In den Papyri des 2. Jahrh. finden sich beispielsweise folgende 
Latinismen: οὐετρανός, χορνιχουλάριος, δουπλιχάριος, τούρμη, 
AAN, χώρτη, ἀχτάριος, βενεφικιάριος, ἀννώνα, βιάτιχον, ἰμαγίνιφερ;, 
χάστρα, χελλάριος, κολονεία, κωδίκιλλος, λεγιωνάριος etc., Aus- 
drücke, die zum Teil auch in Inschriften 159) vorkommen. Man 
darf wohl annehmen, daß die in Aegypten im 2. Jahrh. üb- 
lichen Latinismen schon um ein Jahrhundert vorher auf der 
Balkanhalbinsel und in Kleinasien im Gebrauche waren. 

Ein wichtiges Zeugnis für den Uebergang lateinischer 
Wörter ist die griechische Uebertragung des im J. 301 er- 
lassenen Ediectum Diocletiani de pretiis rerum venalium. Das 
zeigen Ausdrücke wie αὐρικαέσωρ, poüpxa, λιβράριος, νοτάριος, 
σχουτλᾶτον, πλουμάριος, πουλβεῖνος, ῥῆγλα, πάλος, ἀχκούβιτον, 
δορμειτώριον, φιβουλατώριον, χαψάριος, καρροῦχα, χατῆνα, φούλ- 
λων, βεχτοῦρα, παπυλιών, [ῥαῖδα, σάγος] εἴο. 151). 

Das Aufkommen des Christentums war für die Volks- 
sprachen günstig, wie überhaupt die christliche Mission auch 
heute noch die Einzelsprachen gegen die Weltsprachen schützt. 
Man findet in den Schriften auch attizistisch gerichteter Kir- 
chenväter manche Latinismen, so bes. in den Briefen !??). 


Porphyrii episcopi Gazensis edd. societatis philologae Bonnensis sodales, 
Leipz. 1895 (Anf. d. 5. Jh.) 13,166 κουβικουλάριος, 25,6 ff. "TAcpıog 
covßaxdLrouß& τοῦ nayliorpov, 34,1 χαστρήσιος,, 44,5 δοῦξ, 
44,17 τοῦ awvotLoroptov etc. — Legenden der Pelagia v. H. Usener 
(μετάνοια τῆς ὁσίας Πελαγίας vom Diakon Jakob), Bonn 1879, 8. 5, 19: ἐν 
τῷ χελλίω, 12,16: ἐν βεστιαρίῳ etc. [2. Viertel ἃ. 5. Jh.]. — Rud. 
Knopf, Ausgewählte Märtyrerakten, Τρ. u. Leipz. 1901 p. III, 38. 43. 
44. 64. 70. 72. 73. 74. 88. 89. 90. 

119) Ueber den gewaltigen Unterschied zwischen der attizistischen 
Kunstsprache der Gelehrten und der Sprache des gemeinen Mannes im 
griechischen Sprachgebiet hat schon Kreuser (a. o. a. Ὁ. 8. 49. 55 ff. 
74 ff. 83 ff. 102. 104 ff. 118 ff.) in geistvoller Weise, wenn auch allzu- 
radikal sich ausgesprochen. 

120) Of. Magie 8. v. 

121) Vgl. CIL. 1Π 2 p. 800 ff. und „Der Maximaltarif des Diokletian* 
herausg. von Th. Mommsen, erläutert von H. Blümner, Berl. 1893. 
Viele der im Ed. Diocl. sich findenden Latinismen sind noch im Neu- 
griech. üblich; cf. Gust. Meyer 8, v. 

122) Vgl. z. Β, die in Joh. Chrysostomos’ opp. III epist. 14 (J. 404) 
enthaltenen lat. Wörter: τριβοῦνος, λεκχτίκιον, μίλιον, κΧ ά- 
στελλον, βικάριος, ῥήξ, (δροῦγγο ς). 


112 Ludwig Hahn, 


Eine Quelle juristischer Latinismen sind die zumeist 
griechisch abgefaßten Novellen Justinians, dann enthält eine 
große Anzahl solcher die Paraphrase der Institutionen von 
dem sogenannten Theophilos, die ebenfalls ins 6. Jahrh. fällt. 
In den Novellen findet sich z. B. ἀβστινατεύω, ἐξχουσεύω, ἰοῦγον, 
ἰνστροῦχτον, βίνδιξ, καλούμνια, ἀδιτίων, χαγχελλάριος, βικαρία, 
χονσιστώριον, σχρίνιον etc., aus Theophilos verdienen bes. Verba 
wie τραχταΐζω, χομμιτεύω, παχτεύω, μανδατορεύω Erwähnung 135). 
Neben juristischen Termini finden sich Bezeichnungen aus dem 
Heeres- und Beamtenwesen in Inschriften 5) und Papyri des 
4.—6. Jahrhunderts, so Anyatov, χομπρόμισσον, κῶδιξ etc., 
βηξιλατίων (= vexillatio), 5008, ἐχσχουβίτωρ, βουκχελλάριος etc., 
νοτάριος, ἰνδιχτίων, ἰλλούστριος οἷο. 135). Wenn dagegen bei 
Prokopios die Latinismen verhältnismäßig etwas zurücktreten — 
Beispiele sind natpıria (arc. 27,17 Bonn), 8005 (bell. Pers. 
89, 5), σιλεντιάριος (bell. Pers. 243,13), πραίτωρ und κοιαίστωρ 
(arc. 116, 10), npattwpıo: und Xevrnvapıa (arc. 119, 1), μάγιστρος, 
παλατῖνοι, πριβάτα und πατριμόνιον (arc. 124, 23), δομέστι- 
χοί τε nal προτήχτορες (arc. 136, 23), ταβελλίων (arc. 154, 13), 
φοιδερᾶτοι, ῥαιφερενδάριος, NE, μίλιτες, ἀσηχρῆτις ete. 139) —, 
wenn er als verschämter Attizist zu denselben noch häufig 
ein λεγόμενος oder καλούμενος beisetzt 157), so zeigt hinwiederum 
der bedeutendste Vertreter des Vulgärgriechischen in der Zeit 


123) Vgl. Lexique des mots Latins dans Theophile et les novelles 
de Justinien par C. C. Triantaphyllid®s in Jean Psicharis Etudes de 
philologie neo-grecque, Par. 1892, S. 159 ff. 255 ff. — Vgl. auch C. Fer- 
rini, Byz. Zeitschr. VI (1897) 548 ff, 

124) Vgl. z. B. CIG. III 5187 aus Ptolemais in Cyrene das Edikt 
des Kaisers Anastasios (491—518) de ordinandis stipendiis militum in 
griech. Sprache. Als Latinismen kommen vor δοῦξ und douxıxög, 
ἀννώνα, κάπιτα, κάστρα, καυσαρίοις χρῆσθαι τοῖς νόμοις, 
φοσσᾶτον, πραίφεκτος,. δομεστιχός, GELÄAEVTLÄPLOG, 
βουχινάτωρ etc. Dazu bemerkt Joh. Franz „de singulis vocabulis 
huius barbariei non operae pretium est dicere“, eine Ansicht, die jetzt 
hoffentlich überholt ist. 

125) Vgl. Wessely a. o. a. 0.— Wilcken führt auch solche Latinis- 
men auf Ostraka an; cf. U. Wilcken, Griech. Ostraka aus Nubien und 
Aegypten Bd. II, Leipz. 1901, Nr. 1128 (J. 205): ὀπτέωνι, Nr. 1143: 
τεσσεράριος öntiwvı χαίρειν (ΞΞ CIG ΠΙ 5109, 15; Anf. ἃ. 3. Jahrh.); 
vgl. Nr. 1144, 1146, 1224, 1476, 1611 etc. und Bd. I Leipz. 1899 8. IX 
und Nr. 762f. — Vgl. Bury a. o. a. O. 167 ff. 

126) Vgl. noch Weber II 31. 

121) Vgl. auch Bury a. o. a. Ὁ. 8.169 ἢ, — Thumb a. o. a. Ὁ. 8. 159 f. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 713 


Justinians, Malalas, eine solche Fülle lateinischer Lehnwörter!?®), 
daß man daraus ersieht, daß dieselben in der Sprache des 
Volkes fast ebenso üblich waren, wie bei uns zumal in den 
rheinischen Gegenden z. B. in der Rheinpfalz französische 
Ausdrücke!*). Die dem Latein entlehnten Verba auf .--εύω 130) 
scheinen in der späteren Gräzität fast eine ähnliche Rolle ge- 
spielt zu haben wie unsere mit dem Suffix -ieren gebildeten 
_Gallizismen. Eine Uebersetzung der im Kanzleigriechisch der 
Justinianeischen Zeit geschriebenen Biographie des Joh. Lau- 
rentius Lydus!?!) oder des Werkes des Kaisers Konstantinos 
Porphyrogennetos über das Zeremoniell am byzantinischen Hofe 


Sn 


in das ἃ la mode -Deutsch, wie es ın den Kanzleien und 


128) Gesammelt von Körting, Index lect. Monast. 1879. Vgl. dazu 
C. Wagener im Philol. Anz. X 92 ἢ, 

139) Vgl. z. B. Französische Familiennamen in der Pfalz und Fran- 
zösisches im Pfälzer Volksmund von Phil. Keiper, Progr. Zweibrücken 
1891. — Französisches im mecklemburgischen Platt und in den ‚Nach- 
bardialekten, I und II von Rich. Mentz, Programme des Realprogym- 
nasiums in Delitzsch 1897. 1898. — Gallicismen in den niederrheinischen 
Mundarten von J. Leithäuser, Progr. des Realgymn. Barmen 1891 τ 1894. 
I Vel.z.B. xovparopsöow („Rom und Romanismus“ S. 228), 
ἀννωνεύω Wessely 124, πραιποσιτεύω ibid. 144, ληγατεύω "Marci 
Diac. v. Porphyrii a. a. 0. 46,17 und 82,8, μητατεύω ibid. 52, 11f., 
ἰνδικεύω Lafoscade, Infl. 133 Fußn. 8, δηφενδεύω Mauric. II, 1 
πραισεντεύω Malalas 176,3, önpıysdw ibid. 322,10 (u. Const. 
Porphyrog. Cer. 170), &Exovosdw ibid. 356,19, ἀπλιχκεύω ibid. 
333, 15, πραιδεύωῳ 1014. 30, 21, σηχρητεύῦω Laur. Lyd. de mag. 11127. 
Bury ΗΠ ΘΙ. οἱ. p. 173 sagt, daß die lat. Verba auf -ari zu 
solchen auf- eöw wurden wie πραιδεύω, ὀρδινεύω, ἀπλιχκεύω. 

132) Laur. Lyd, mag. III 26 ff.; vgl. z.B. c. 27: οἵ δὲ πρὸς τὸ βοηϑεῖν 
ὑπὸ τοῦ λεγομένου AB ἄκτις χαλούμενοι, τὸ μήποτε γενόμενον, TTAPOAO- 
λοῦντες προσελάβοντό με εἰς πρῶτον χαρτουλάριον.. .. ὁμοίως τε ποιῶν 
ἄντ᾽ αὐτῶν τὸ λεγόμενον περσωνάλιον nal κοττιδιανόν, περὶ ὧν 
ἄρτι διεξῆλθον, σουγγεστιῶνας ἐτιϑέμην, ὧν ὃ λόγος ὧδε ' πάντες μὲν 
ἄνέκαϑεν ol παρὰ τῇ ποτὲ πρώτῃ τῶν ἀρχῶν βοηϑοῦντες τοῖς τρέχουσι 
σχρινίοις διὰ πολλῆς ἐξέλαμπον παιδείας " περὶ δὲ τὴν Ῥωμαίων φωνὴν 
τὸ πλέον ἔχειν ἐσπούδαζον ' χρειώδης γὰρ ἦν αὐτοῖς κατὰ τἀναγκχεῖον.. 
συνέταττε τὴν λεγομένην σουγγεστιῶνα --- ἀντὶ τοῦ διδασχαλίαν..... ὡς 
᾿ἐχπλήττειν τόν τε τῆς βουλῆς κυαίστορ ἃ χαὶ τοὺς λεγομένους πάλαι μὲν 
ἀντεχήνσοῤας, καϑ' ἡμᾶς δέ ἀντιγραφεῖς ([). .. οὐ μόνον ἐπλήρουν τὰς 
εἰρημένας λειτουργίας ἐπὶ τοῦ σχρινίου, ἀλλὰ μὴν ἐπεσηχρήτευον 
παρὰ ποῖς ταχυγράφοις, ἔτι χαὶ βοηϑῶν ἑτέροις ἐν τῷ τεμένει τῆς δίκης 
ταχυγραφοῦσιν, ὅ χαλεῖται σήκρητον .... ἔνϑεν ὥσπερ ἀναπτερωϑεὶς ἐπὶ 
τοὺς λεγομένους ἃ σ κρήτις τῆς αὐλῆς ἐπειγόμην. Die zahlreichen lat. 
Wörter und Ausdrücke in diesem Werk 5. im Index der Ausg. von 
Rich. Wuensch, Leipz. 1903 S. 173fi. Vgl. auch O. Crusius, Röm. 
Sprichwörter ... bei Jo. Laur. Lyd., Philologus LVII (1898) 501—503. 
— Ueber lat. Beamtentitel im byz. Reich s. auch Kreuser a. o. a. Ο. 
Ss. 100 u. u. A. 132. — Immisch a. o. 8, O. 8. 358 ἢ, 


714 Ludwig Hahn, 


an den Höfen des 17. Jahrh. üblich war, würde klar zeigen, 
daß auch die griechische Sprache, die uns als die reinste 
erscheint, eine Periode gehabt hat, in der sie der Ausländerei 
und Barbarei verfiel!??). Dies gilt besonders auch für die 
Sprache des Heeres, Das στρατηγικόν des Kaisers Maurikios 
(f 603) wimmelt von lateinischen militärischen Ausdrücken 155), 

Wie viele lateinische Wörter durch Vermittlung des Grie- 
chischen in die durch das Christentum zu neuem Leben er- 
weckten Sprachen der orientalischen Völker, in das Syrische 152), 
Armenische 55), Arabische 155), Persische 157, Koptische 138), über- 


gingen”), dies nach dem Vorgang von Samuel Krauß 1595), 


13°) Wie sehr die offizielle Sprache mit Latinismen versetzt gewesen 
ist, erkennt man an der Sprache des Werkes des Kaisers Konstantinos 
Porphyrogennetos De caerimoniis, die von Latinismen wimmelt. — Paul 
Koch, Die byzant. Beamtentitel von 400—700. Diss. Jena 1903. — S. 
auch Kreuser 100.— Die Latinismen drangen in die vulgäre Verkehrs- 
sprache des Mannes aus dem Volke ein, wie im Westen; die Gräzismen 
in der latein. Sprache dagegen gehören zum größten Teil der Gelehr- 
tensprache an (vgl. „Rom und Romanismus“ 265f.). Der großen Zahl 
der lat. Lehnwörter im Neugriechischenr (cf. Gustav Meyer a. a. O.) stehen 
nur wenige altgriech. Wörter gegenüber, die sich in den romanischen 
Sprachen im Volksmunde erhalten haben (cf. Fr. Diez, Gr. d. roman. 
Spr.* 57—61). " 

188) 7.B. δηποτάτοι, ἄντιχένσώρες, μίνσώρες, KAYrdrwp, 
6öyo. Das Latein war auch noch in Kommandoworten in Gebrauch 
z. B. Sta! Ad latus stringe! Cf. Bury a. o. a. O. 8. 172. Vgl. die 
Parole voßioxovn δέους Mauric. 2, 17.7, 16. — Zachariae von Lingen- 
thal, Byz. Zeitschr. III 437 ff. — Aussaresses, l’auteur du Strategicon, Rev. 
et anc. VIII 23 ff. — Lafoscade, Infl. 142. — Immisch a. o. a. ©. S. 359. 

134) Bruns-Sachau, Syr.-röm. Rechtsbuch, Leipz. 1880, Kommentar 
S. 347; cf. 155 ff. — Gust. Meyer a. o. a. O. III 2£. 

1355) Vgl.C. Brockelmann, Die griech. Fremdwörter im Armenischen, 
Zeitschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft XLVII (1893) 
5. 1f., H. Hübschmann, Armenische Grammatik, Leipz. 1895 8. 322 ff., - 
A. Thumb, Die griech. Lehnwörter im Armenischen in der Byzant. 
Zeitschr. IX (1900) S. 388 ff. 

136) S. auch die Angabe der baskischen uud keltischen Wörter, die 
ins Arabische eindrangen, von Vollers in der Zeitschr. der deutschen 
morgenländischen Ges. LI (1897) 5. 311 ff. — Siegmund Fränkel, Die 
aramäischen Fremdwörter im Arabischen, Leyden 1886, S. 191f. 196 ἢ, 
197, 199, 201 ff, 278 ff. und passim. 

181) Of. Procop. bell. Pers. 244, 17: ὃ Καῖσαρ, οὕτω γὰρ τὸν Ῥωμαίων 
βασιλέα καλοῦσι Πέρσαι. ' 

188) Vgl. W. C. Crum, Coptic ostraca. Lond. 1902, 8. 23 φόλλις, 
5. 45 πλουμαρίζειν, 8. 69 ὃ οὔξ οἷο. — Osk. v. Lemm, Kleine kop- 
tische Studien im bull. de l’acad&mie imp. des sciences de St. Peterbourg 
V. ser. tome XVII nr. 1 (1900) p. 45 ff. 

139) Später auch ins Russische (cf. Zar von Caesar — Katoap) und 
in andere slavische Sprachen, wie früher schon ins Gotische (ef. v. d. 
Gabelentz-Loebe, Ulfilas, Lips. 1846, II 2 S. 4.). 

1398) Griech. und lat. Lehnw. im Talmud, 2 Bde, Berl. 1898—99. 


Sprachenkampf im römischen Reich. 715 


der bes. das Hebräische, oder Gustav Meyer 145), der speziell 
das Neugriechische!?!) in Betracht zog, zu erweisen, wäre 
eine dankbare Aufgabe für die orientalistische Philologie. 
Eine zweite Aufgabe aber ist es darzulegen, wie und aus 
welchen Gründen es der griechischen Sprache möglich war, 
den Jahrhunderte hindurch dauernden Ansturm der lateinischen 
ohne bedeutendere Schädigung auszuhalten, wie seit der Zeit 
Justinians das Latein im Osten immer mehr zurückgedrängt 
wird!*?), wie eine national-griechische Reaktion eintritt, wie 
dann aber der Hellenismus, der dem Romanismus so erfolg- 
reich widerstanden hatte, durch Araber und Türken hinweg- 
gefegt wird!*?). 


140) Sitzb. d. Akad. zu Wien 1895, Bd. 132, Neugriech., Studien III 1 ff. 

#1) Von den ebendort (lV 1ff.) angegebeneu romanischen Lehn- 
wörtern im Neugriechischen dürften einige noch als lateinisch bez. vul- 
gärlateinisch in Anspruch genommen werden, so μέλο — βῆλον, velum, 
βέργα = virga, βέστα — vestis, βικάριος = vicarius, γέμελλος — gemellus, 
δεπόζιτον —= depositum, xovöitog —= conditum, λίβελλος = libellus, ματ- 
pöva = matrona, voräpog — notarius, πανέρι = panarium etc. 

142) Uebrigens dachte noch Constans, der Sohn des Kaisers Kon- 
stantin III, und Enkel des Heraklius, an die Wiederaufrichtung des 
römischen Reichs; cf. Theoph. Conf. 384,4: Τούτῳ τῷ ἔτει καταλιπὼν ὃ 
βασιλεὺς Κωνσταντινούπολιν μετέστη ἐν Συρακούσῃ τῆς Σικελίας βουληϑεὶς 
ἐν Ῥώμῃ τὴν βασιλείαν μεταστῆσαι, ---- S. auch Sievers, Libanius 12. 

148) Dazu bedarf es noch überall der grundlegenden Arbeit. Denn 
der Kampf der Nationalitäten und Sprachen im römischen und im 
byzantinischen Reiche ist bisher noch wenig beachtet worden. S. auch 
Krumbacher, Byzant. Lit.? 5, 1136. 


110 


vn. 


Inhalt. Sachregister. 


Inhalt. 


. Mittel der Romanisierung: Krieg, Gründung von Kolo- 


nien, Verleihung der civitas 


. Verbreitung des römischen Rechts 


Das römische Heer als Romanisierungsfaktor . 


. Der Druck des römischen Kapitalismus. Die „italischen* 


Kaufleute im Osten. Reichsmaß und Reichsmünze . 


. Roms Bedeutung in der Religion: Kaiserkult, Papsttum 
. Gebrauch und Verbreitung der lateinischen Sprache im 


Osten. Das Latein als Amts-, Heeres-, Rechts- und Kir- 
chesäprache 1. Wal u IL ah τ A δα 
Latinismen und lateinische Fremd- und Lehnwörter im 
Griechischen, bes, in Inschriften und Papyri, bei Poly- 
bios, [Dionysios von Halikarnaß, Plutarch], im N. T., 
(lateinische Lehnwörter in der Mischna), in Märtyrerle- 
genden, in der griechischen Uebersetzung des Edietum 
Diocletiani, in den Novellen und bei Theophilos, bei 
Prokopios, Joh. Laur, Lydus, Malalas, Maurikios. Lat. 
Wörter in orientalischen Sprachen 698 f. 


Sachregister. 


Seite 
678—683 
683—684 
684 —688 


688—691 
691—694 


694— 705 


705— 714 


Berytos Ὁ. 681. 699. 


Christentum, Einfluß des Romanis- 
mus auf das — 692. ' 

civitas, Verbreitung der — im 
Osten 682 ἢ. 

conventus civium Rom. 689. 697. 


Diocletian 701; lat. Wörter in der 
griech. Uebersetzung des Edic- 
tum Dioel. 711. 

Dionysios von Halikarnaß, latein. 
Wörter bei — 708. 


Handei, röm. im Osten 688 ff. 
Hellenismus u. Rom im Bunde ge- 
gen Orient u. Christentum 681 f. 


Inschriften, lat. Wörter in griech. 
— 707 £. 712. 

Italizismen in der griech. Komödie 
706, 


| 
| 
| 
| 
| 
| 


Iustinian und die Reichssprache 
"02, 

Kaiserkult 691 £. 

Kolonien, röm. im Osten 680 ft. 

Konstantin ἃ, Gr. 693. 695. 701f. 

Konstantinopel, die lat. Sprache 
in — 702. 

Konstantinos Porphyrogennetos, 
lat. Formeln bei — 703. 713. 
Lateinische Sprache, Gebrauch der 

— — im Osten 694 fi., als Amts- 
und Reichssprache 694 f. 701 ff., 
als Heeressprache 695 f. 701. 714. 
als Rechtssprache 696f. 701 δ, 
als Kirchensprache 704 ἢ — 
Fremd- und Lehnwörter im 
Griech. 706 ff. — Formeln im 
byzant. Hofzeremoniell 703. 713. 

Latinismen in ins Griech. übersetz- 
ten Urkunden u. bei den griech. 
Historikern 707f. 712 ff. ; ef. 698. 


Sachregister. 


‚ Lydus, Lat. Wörter bei Joh. Laur. 
— 718. 

Märtyrerlegenden, Lat. Wörter in 
griech. — 710, A. 118. 

Maß, röm. — als Reichsmaß 690. 

Maurikios, lat. Wörter im στρατη- 
yınöv des — 714, A. 133. 

Mischna, lat, Wörter in der — 709 Γ᾿ 

Münze, die röm. — als Reichs- 

münze 690. 


Novellen, lat. Wörter in den — 712. 


Orientalische Sprachen, lat. Wörter 


in den — — 714f, 
Paulus, Der Apostel — als röm. 
Bürger 683 


Papsttum, Entwicklung des—691 ff., 

Latein, die Sprache des — 704 Ὁ 
Plutarch, Lat. Wörter bei — 708. 
Polybios, Lat. Wörter bei — 707. 


Sprachliches. 717 


Prusias II. von Bithynien 680. 


Recht, Verbreitung des röm. — im 
Osten 683 f. 696 ἢ. 

Römisches Heer, Bedeutung des — 
— für die Romanisierung 685 ff. 
695 £. 

Römische Literatur, Verhältnis der 
Griechen zur — — 698 ff. 704 f. 

Rom, Einfluß der Hauptstadt auf 
die Romanisierung 680. 697 ff. ; 
Bedeutung in der Religion 691 ff. 
— Metropole des Christentums 
692 ft. 


Steilien romanisiert 679. 
Testament, Lat. Wörter im N. T. 709. 


Theophilos, Lat. Ausdrücke in der 
Paraphrase des — 696. 712. 


Uebersetzungen aus dem Lateini- 
schen ins Griech. 700. 705. 


Zenobia 688. 


Sprachliches. 


(Verzeichnis der wichtigeren hier erwähnten Lehn- und Fremdwör- 
ter, die dem Lateinischen entnommen sind.) 


ἀβ ἄχτις 713 A. 131. 

ἄλη (ala) 698 A. 61, 708, 711. 

ἀννώνα 710 A. 118, 711, 712 A. 124; 
ἀννωνεύω 713 A. 130. 

ἀντεχήνσωρ (ἀντικένσωρ) :ΞΞ antecessor 
7113 A. 131, 714 A. 188. 

ἀπλικεύω (applicare) 713 A. 130. : 

ἀσσάριον (as) 708, 709. 

ἄτρ[ε]ιον 707, 709. 

αὐχκτώριτας 698 A. 63. 


[βάνδον 707). 

βενεφικιάριος 711. 

βέστα (vestis) 715 A. 141; βεστιάριον 
(vestiarium) 711 A. 118; βέστιον 
. (vestimentum) 710 A. 118. 

βῆλον 715 A. 141]. 

βιάτικον 687 A. 26, 711. 

Bixaprog 710 A. 118, 711 A. 122, 
715 A. 141; βικαρία 712. 

[Boöpyos 707]. 

βρέβιον (breve) 699 A. 69. 


[γαῖσος 707]. 


δεχο[ υ]Ἱρίων 706, 708. 

δεπόσιτον (δεπόζιτον) 709 A. 115, 
715 A. 141. 

δηνάριον 708, 709; δηνάριος 700 A, 
14; ci. 69. 


δικτάτωρ 706 ; δικτατωρεύω 698 A. 63. 

δομέστικοι 699 A, 66, 712; δομεστι- 
χὸς 412 A, 184 

δούξ (δοῦξ) 699 A. 65 und 66, 711 
A. 118, 712 u. A. 124, TI4 A. 
138. 

[öpoöyyos] 707, 711 A. 122. 


ἐχσκουβίτωρ 712. 
ἐξεμπλάριον 709 A. 115. 
ἐξχουσεύω 712, 713 A. 130. 


ἰλλούστριος 710 A. 118, 712. 
ἰνδικεύω 713 A. 130. 
ἰνδικτίων 712. 


χαῖσαρ 714 A. 137 und 139. 

χαλίγα 710; χαλιγᾶτος 698 A. 68. 

γαλίκιος (κάλτιος, — calceus) 680. 
706, 707. 

χάστελλον 711 A. 122. 

κάστρα 711, 712 A. 124; χαστρήσιος 
711.4. 118. 

χέλλα 706, 709; χελλίον 706 A. 109, 
711 A. 118; χελλάριος 711. 

xevropiwv (χεντυρίων) 706, 708. 

xevrvpta 708 

γῆνσος 709. 

χλάσση 708. 

χοιαίστωρ (κυαίστωρ) = quaestor 699 


718 


A. 66. 712, 713 A. 131. 
κολωνεία 708, 711. 
xöung 710 A. 118. 
χουβικουλάριος 710 A. 118. 
χουράτωρ 710 A. 118; κουρατορεύω 
708, 713 A. 130. 
χουρία 698 A. 62. 
rovorwölele 709, 710 A, 118. 
κωδίκιλλος 711. 
κῶδιξ 712. 
χωνσιστώριον 711 A. 118, 712. 


λεγέών (λεγιών) 698 A. 63, 699 A, 
65, 700 A. 72, 708, 709; λεγιω- 
νάριος 711. 

λέντιον 709 u. A. 115, 710 A. 118. 

λίτρα 706. 


μάγιστρος 111 A. 118, 712; μ. ὀφφικίων 
699 Α. 66 


ματρώνα 715 A. 141. 

μιλιαρήσιον 691 A. 35. 

μίλιον 699 A. 66, 702 A. 86, 707, 
708, 709, 711 A. 122. 

μόδιος 706, 709. 


νοτάριος 699 A. 66, 710, 711, 712; 
voräpog 715 A. 141. 


öyria (uncia) 706. 
ὀπτίων 712 A. 125. 
οὐετρανός 708, 711. 


παλάτιον 702 A. 86, 710 A. 118; 
παλατῖνος 712, 

πανάριον 709; 
715 A. 141. 

παπυλιών 711. 

πατρίχιος 699 A, 66, 706; πατρικία 
712. 

πάτρων 706, 708. 

πλουμάριος 711; πλουμαρίζειν 714 
A. 138. 

πραιδεύω 713 A, 130. 

πραίτωρ 712; πραιτωριανός 698 A. 
64, 699 A. 66; πραιτώριοι 712; 


πανέρι (panarium) 


Sprachliches. 


χλάσση πραιτωρία 708 ; πραιτώριον 
702 A. 86, 709, 710 A. 118. 
πραίφεκτος 707, 712 A. 124. 
πριβᾶτον 699 A. 65, 712, 
προτέχτωρ (προτήχτωρ) 710 A. 118, 
712. 


[ῥαῖδα 711; ῥαιδίον 110 A. 118]. 

δὴξ 699 A. 66, 705 A. 106, 711 A. 
122, 712. 

ῥόγα 714 A. 133. ; 

Ῥωμαῖοι 705; Ῥωμαϊκή 705. 

“Popavia 677 Α. 1. 


[o&yos 707, 711]. 

σ[ε]ιλεντιάριος 712 u. A. 124, 

σεχκούτωρ 698 A. 63, 699 A. 68. 

σήχρητον (otuperov) 702 A. 86, 710 
A. 118, 713 A. 131; & σήκρητις 
712, 713 A. 131; σηχρητεύω 713 
A. 130, ἐπισηχρητεύω 713 A. 131. 

σχουτάριος 698 A. 62, 699 A. 66. 

σχρίνιον 699 A. 65, 712, 713 A. 131. 

σουβσταντία 710 A. 117. 

σουδάριον 710 A. 118. 

συμφέλζλ]ιον (subsellium) 709 A. 115, 
710 A. 118. 


ταβελλίων 712; ταβλάριος 708; ταβούλη 
700 A. 71. i 

τεσσαράριος (τεσσεράριος) 708, 712 
A. 125. 


τήβεννα (toga) 706. 

τίτλος (titulus) 709. 

«[ο]ύρμη (turma) 711. 

τριβοῦνος 699 A. 66, 711 A, 122. 


ὕσσός (hasta) 706. 


φαμιλία 683 A. 11a. 

φίσκος 699 A. 68. 

φόλλις 691 A, 35, 699 A. 66, 714 
A. 138. 

φόρος (forum) 702 A. 86. 

φόσσα 708 A. 114; φοσσᾶτον 712 Α. 
124. 

φραγέλλιον (flagellum), φραγελλόω 
709. | 


ῳᾧ 


τ Be ’ A Ό ΎΥ FRE LT U " ἫΝ Ψ 
δ ἘΞ \ y : - 
“26 er - ᾿ - . -.. ͵ Ξ δ 
Ν Br : ἱ Ψ 4 D ar 
De % ds = 3 | . Μ - 
Β 4 
“- r = ᾿ 
Ρ 12 ᾿ Ά a ᾿ ’ 
w- > ν᾿ h Ι 
al ͵ = ἮΣ , 
τὰ ee | 
4 « = ͵ | 
PT 3 ΄ “" 
I ς, “ 
’ 
AT οὰ 3 
4 AR ΓῚ . 
5 | Ν ὃ 
N 
Y 
i \ 
Ν ἢ 
» [1 
wm =: \ 
N ‘ ᾿ γῇ € 
MR ᾿ ' u » “ 
‘+ . ΝᾺ 
Ι i ᾽ ; 
| δ᾽ 


PA Philologus. Supplementband 


PLEASE DO NOT REMOVE 
CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET 


UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY 


ὃ 


I, 


2; 


ar. 


ER 


Le 


Be 
Fr 


ve. 


ΠΡ 


B 
Ft 


Er 


ἮΣ 


Η 


ῃ 


N 
3 


RE 


m 6 
“ 
ae 


Zn 


J 


wear 


BSR 
ar 


Ὡς ὡς 
Im 


RE 


re 
ne 


Dr 


Ber‘ 
r2 


(4 
> nd Ἂν ΡΝ 
rl YA 
Ware 


ne Rich